„Digger“ (2026)

Als ich nach einem heißen Herbstspaziergang ins kühle Cineplexx einkehrte, begrüßte mich der Kinobesitzer mit einem: „Gratuliere, Sie haben den großen Kinosaal ganz für sich alleine, Sie können jeden Sitz wählen.“ Er fügte hinzu, dass er sehr enttäuscht sei, dass der Film überhaupt nicht gehe. Er vermute die schlechten Kritiken, allen voran den ORF für diesen Flop. Natürlich hatte auch ich davon gehört hatte. Nicht ohne Vorbehalte trat ich also in den einsamen Saal ein. Bei 180 Millionen Produktionskosten konnte man doch einiges erwarten.

Von Ölkatastrophe und Geschreie

Der Film beginnt auf einem riesigen Anwesen, besser gesagt im Schlafzimmes des Ölbarons Digger Rockwell (Tom Cruise), der sich um seine uralte Katze sorgt und alle Hiobsbotschaften ignoriert, die ihn seit längerer Zeit von seiner Ölbohrinsel in Grönland erreichen. Kurze Zeit später ist der Worst-Case-Fall eingetreten, die Bohrinsel explodiert und ein riesiger Eisberg bewegt sich auf Europa zu. Auch jetzt ist Rockwell vor allem an den finanziellen Verlusten interessiert als an der von ihm verursachten Umweltkatastrophe. Sein Umweltberater Ganesh (Riz Ahmet) spricht von Millionen Toten in Europa. Diggers Halbschwester (Sandra Hüller) rauscht ins Zimmer und kommentiert mit beißendem Spott das Geschehen, während die beiden in eine idyllische Landschaft hinausblicken. Man erfährt, dass auch der amerikanische Präsident (John Goodman) bereits zu Rockwell unterwegs ist.

Cut! Aha! Eine neue Handlungsebene (Metaebene) beginnt, die die Geschichte ins rechte Licht rücken soll. Kaum haben wir uns mehr schlecht als recht in dieser zurechtgefunden, geht es in rasendem Tempo zurück zu Rockwell und seinem Krisenmanagement mit dem amerikanischen Präsidenten und dessen Beratern. Es wird geschrieen, gebetet und geflucht, gescherzt und nach einem neuen Narrativ gesucht. Das europäische Parlament fordert Aufklärung, der amerikanische Präsident will sich aus gesundheitlichen Gründen nicht erklären. So tritt Rockwell in die Arena und stampft die grauen Politiker:innen in einer manipulativen Rede in Grund und Boden. Er habe nur das gemacht habe, was sie von ihm verlangt hätten, nämlich Öl zu prodzieren, damit sie es warm und bequem haben. Als Folge prügeln sich die Abgeordneten, der Umweltberater, ein Inder, betrinkt sich und im Parlamentsgebäude tropft Wasser von den Wänden.

Cut, wieder sind wir in einer anderen Geschichte, so geht es weiter. Katastrophe folgt auf Anpassung, der wiederum eine neue Katastrophe und Anpassung folgt.

Kaum ist man heimisch in einer Geschichte, wird man mit einem Ruck daraus entfernt, aha! Am Schluss wird aufgeklärt und alles wird mehr oder weniger Sinn ergeben, den man sich in den kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.

Tom Cruise als Bösewicht

Wird der Film deswegen ein Flop, weil Tom Cruise kein schöner, braungebrannter Held ist? Er ist kaum als Tom Cruise zu erkennen, aufgedunsen, ungepflegt, mit schütterem Haar und fahler Gesichtsfarbe, wahrlich keine Identifikationsfigur für unsere Zeit. Aber ich muss sagen, dass sein Spiel überzeugt und dass alle Schauspieler:innen exzellent spielen, Sandra Hüller als kleine, ambitionierte Schwester und John Goodman als polternder sterbenskranker amerikanischer Präsident mit Krebs im Hintern. Und besonders Jesse Plemons („Bugonia“), der einen im Hintergrund agierenden jungen Produzenten mit Geheimnissen spielt. Ihnen kann kein Vorwurf gemacht werden, sie geben alles, um zu retten, was nicht zu retten ist. Und so wird sich wohl nicht einmal eine Oskarnominierung für Cruise ausgehen.

Die Welt ist eben keine Bühne

Die Botschaft, die der Film vermitteln will, ist von Anfang an glasklar, bräuchte also nicht die vielen Umwege und Seitenstraßen. Ein hervorragender Regisseur (Alejandro González Iñárritu), von dem man sich viel erwartete („Birdman“, „The Revenant“), verliert sich in seinem Genie, im Chaos des Drehbuchs, das so überzeichnet ist, dass man sich schnell nach dem Warum fragt: schwarze Komödie, Groteske, Satire? Die Metaebene funktioniert nicht, die Bühne passt nicht in den Film hinein. Man wird von Einfällen und Zufällen geradezu erschlagen. Schließlich ist man gelangweilt, nur mehr genervt und wartet erschöpft das Ende ab.

Es gibt bessere Katastrophenfilme ohne die Ambition, ein großartiges Kinoerlebnis schaffen zu wollen. Wenn man böse sein will, könnte man sagen, dass der Film wahrlich ein unausgegorener ist.

Mit diesem Hippiesong endet er, und man weiß vor Entsetzen nicht mehr aus und ein.

Melanie: „Look What They‘ve Done To My Song, Ma“

Vaterland: Pawel Pawlikowski (2026)

Lange hatte ich mich auf diesen Film gefreut, denn er erhielt in Cannes den Preis für die beste Regie. Sandra Hüller als Erika und Hanns Zischler als Thomas Mann, die im Trailer mit einem schwarzen Buick 49 durch ein zerstörtes Deutschland in Schwarz-Weiß fahren. Warum sich die beiden auf Deutschlandtour begeben, erfahren wir noch nicht. Hatte ich erst vor kurzem über „Wenn die Sonne untergeht“ von Florian Illies geschrieben, das den heißen Sommer der Familie Mann im Jahre 1933 beschreibt, so erfahren wir in „Vaterland“ mit den Augen der Manns, was aus dem Traum vom 1000-jährigen Reich geworden ist.

Where is home?

Eigentlich hätte auch Erikas Bruder Klaus (August Diehl) die beiden begleiten sollen, aber er lehnte strikt eine Rückkehr nach Deutschland ab. Immer wieder versucht Erika ihn am Telefon zum Mitkommen zu überreden, vergebens. So fährt sie ihren Vater im Jahre 1949, nach 16-jährigem Exil, zuerst nach Frankfurt, wo er eine Rede zum Goethepreis hält, die vollkommen aus der Zeit gefallen ist und das starre Publikum wenig berührt. Von Jazz und Schlagern geht es weiter ins sowjetisch kontrollierte Weimar, in die Stadt Goethes, wo ihm ebenfalls der eigens für ihn geschaffene Goethepreis überreicht wird. Goethes Haus am Frauenplan wird besichtigt, sein Sterbebett, sein Arbeitszimmer. Im Park an der Ilm, wo sein Gartenhaus steht, gibt es einen steifen Empfang, auch hier fühlt er sich fremd und verabschiedet sich schnell, um seine abwesende Tochter zu suchen. Er findet sie in ihrem Hotelzimmer, erschöpft und apathisch im Bett liegend, sie steht dem Rummel um ihren Vater skeptisch gegenüber und trauert um ihren Bruder. Nicht so der Vater, der von seinem Werk und seinem Einfluss überzeugt ist, obwohl die Zukunft von Deutschland in ganz anderen Händen liegt. Auch in Weimar trifft seine Rede ein Publikum, das mit Goethes Botschaft und Thomas Manns Sprache nichts anzufangen weiß. Sie ist aus der Zeit gefallen. Auf der Rückreise entkommen sie dem Jeep, der ihre Fahrt anführt, sie treten in eine Kirche ein und hören ein Orgelspiel. Hier kommt es zur einzigen Berührung, die auch Thomas Mann eine Emotion entlockt.

Was bleibt?

Der Film beschreibt die Rückehr nach Deutschland als eine Suche nach Heimat und Identität. Aber das Vaterland ist keine Heimat mehr und wird es niemals mehr sein. Um ein neues Deutschland mitaufzubauen, sind die Gräben zu tief. Es ist ein geteiltes Land in Schwarz-Weiß und Mann will sich von keiner Seite vereinnahmen lassen, weder von „Mickey Mouse noch von Stalin“. Besonders Erika als überzeugte Antifaschistin ist wenig kompromissbereit. Bezeichnend ist Erikas Zusammentreffen mit Gustaf Gründgens, ihrem Exmann, der von Joachim Meyerhoff gespielt wird. Seiner aufgeräumten Heiterkeit und Beschönigung kann sie nur eine schallende Ohrfeige entgegensetzen. Gründgens hatte sich dem Nazi-Regime angedient oder umgekehrt, und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Klaus Manns „Mephisto“ in Deutschland verboten wurde.

Was man aus dem Film lernen kann: Die Rückkehr in die Heimat nach dem Schrecken des 2. Weltkrieges ist für die Manns keine Option mehr, sie werden von den USA in die Schweiz übersiedeln. Hanns Zischler spielt Thomas Mann unahbar, ernüchtert, zunehmend „erschüttert, weil der Emigrant in Deutschland wenig gilt“.

Sandra Hüller verkörpert Erika Mann mit einer Zerbrechlichkeit und Klarsicht, die viel mehr als die Worte ihres Vaters vermitteln, was sie verloren hat und nie wieder finden wird. Und sie ist diejenige, die dem Vater auch Widerstand entgegensetzt.

Übrigens, nicht die Tochter war mit Thomas Mann auf dem Roadtrip, sondern seine Frau Katia. Schon am Anfang macht der Regisseur klar, dass er zuspitzt und verdichtet, Pawlikowski nennt seinen Film eine „dokumentarische Fantasie“: Dem Film schadet das nicht, denn die Botschaft erreicht das Publikum gewiss.

Now is better: „Rose“ (Markus Schleinzer, 2026)

Stefan Sagmeisters Motto lautet: „Now is better“. Wer würde dem heute nicht widersprechen? Ich musste daran denken, als ich gestern das Grazer Kino verließ. Der Film „Rose“ wurde hauptsächlich von Frauenpärchen besucht und während des Abspanns herrschte langes, tiefes Schweigen im Saal. Auch ich war mitgenommen. Denn es ist keine ermutigende Geschichte aus früheren Zeiten, die uns der österreichische Regisseur Markus Schleinzer erzählt.

Rose steht ihren Mann

Nach 10 Jahren als Soldat im 30-jährigen Krieg ist Roses Gesicht durch eine Kugel verunstaltet. Um die Narbe und ihre weibliche Identität zu verbergen, trägt sie stets einen breitkrempigen Hut. Wir erfahren gleich am Anfang von einem Erzähler, der ihre Geschichte begleitet, dass sie eine Betrügerin ist. Sie erhebt in einem Dorf Anspruch auf ein unrechtmäßiges Erbe: ein Stück Grund mit zerfallenen Gehöften. Die Dorfbewohner begegnen ihr zunächst mit Misstrauen, aber sie ist intelligent, mutig und geschäftstüchtig. Innerhalb kurzer Zeit bringt sie ihr Land zum Blühen, unterstützt von Knechten und Mägden, und möchte ihren Besitz erweitern. Um einen Bach erwerben zu können, muss sie die älteste Tochter des Besitzers, Suzanna (Caro Braun), heiraten. Langsam wachsen die beiden zusammen. Durch einen fatalen Bienenstich kommt die Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Ein Leben in Schwarz-Weiß

Der Film wurde in Schwarz-Weiß gedreht, das die harten Arbeits- und Lebensbedingungen im 17. Jahrhundert nüchtern einfängt. Das Glück der Menschen ist abhängig von der Natur und der Dorfgemeinschaft. Erstere zeigt seine Gewalt in Form von gewaltigen Regengüssen, die ein Fortkommen mit dem Mitgiftwagen verunmöglichen und wilden Bären, die den Menschen bedrohlich nahekommen.

Zweitere zeigt sich in strengen protestantischen Verhaltensnormen, die von der Gemeinschaft erwartet und unerbittlich seitens des Gesetzes durchgesetzt werden. Der sonntägliche Kirchenbesuch ist obligatorisch, die Kirchenbänke dicht besetzt. Einem Leben, das diese Normen durchbricht, wird radikal der Prozess gemacht. Rose wird bei der Anhörung gefragt, warum sie sich als Mann ausgab, und ihre Antwort ist entwaffnend ehrlich. Sie wollte freier leben, sie hatte gehofft, in Männerhosen mehr Möglichkeiten zu haben.

Frau und Mann zugleich

Sandra Hüller gewann für ihre Rolle als Rose bei der Berlinale den Silbernen Bären. Der Film lebt von ihrem Können. Obwohl ersichtlich ist, dass Rose eine Frau ist – breite Hüften, weibliche Stimme – geht, spricht und handelt sie in der Öffentlichkeit wie ein Mann. Im Privaten zeigt sie sich fürsorglich und einfühlsam. Ohne diese Wandlungsfähigkeit von Sandra Hüller, die sowohl einen dominanten Mann als auch eine verwundbare Frau verkörpern kann, würde dieser Film nicht so sehr unter die Haut gehen.

Der Film wertet nicht, kühl und distanziert wird diese Geschichte aus einer früheren Zeit erzählt. Eine Frau sucht nach Möglichkeiten für ein erfülltes Leben, das die damalige Zeit ihr nicht bietet. Damals wie heute geht es um Identität und Selbstbestimmung. Aber so viel kann man doch sagen: „Now is better“, unsere Gesellschaft ist bunter geworden.

Das Fazit

In diesem Sinne ist dieser „schreckliche“ Film aus der Mitte des 17. Jahrhunderts über eine starke Frau, die an der Kirche und der Moral ihrer Zeit scheitert, ein wahrer Hoffnungsträger für unsere Zeit.