
Was macht eine Schriftstellerin so das Jahr über? Sie reist und reist, besucht Kulturinstitute in ganz Europa, in den USA und in Indien auf der Suche nach Stoff für ein neues Buch. Sie hat einige Freundinnen, die auch Künstlerinnen sind und einen Fotografen als Freund, Anton, mit dem sie ihre Sexualität ausleben kann. Das könnte jetzt einen Roman über ein abenteuerliches Leben ergeben, aufregend zu lesen und voller intellektueller Begegnungen, wenn uns nicht die Form des Romans Hürden in den Weg legen würde.
Ein Leben unterwegs in dreizehn Sätzen
Richtig, denn der Roman „Iris“ ist in 13 Kapitel unterteilt und jedes Kapitel, das ungefähr zehn bis zwanzig Seiten umfasst, besteht nur aus einem einzigen Satz. Im ersten Kapitel wartet Iris, so heißt die Protagonistin, am Flughafen, nimmt die Ereignisse im Gespräch mit ihrem Freud nach ihrer Rückkehr vorweg, der Flug führt sie an Institute für deutsche Sprache in die USA, nach Chicago, wo sie in einem Seminar über ihr Buch spricht, das auf wenig Interesse bei den Studenten trifft, von dort geht es nach New York, zu einem Abendessen mit Literaturmenschen, bei dem eine Kritikerin ihr von der Hexenjagd in Salem, Neuengland, Ende des 17. Jahrhunderts, erzählt, alles in einem einzigen Satz, nur durch Beistriche getrennt, 9 Seiten lang. So verschmelzen die Erzähl- und Zeitebenen, die Perspektive der Ich-Erzählerin wechselt zur 3. Person, so rastlos wie Iris durch die Welt hetzt, ist auch der Schreibstil von Laura Freudenthaler.
Über Geschlechtergewalt und Kriege
Oft sind es Gewalterfahrungen, die Frauen angetan wurden und werden, mit denen Iris sich beschäftigt. Die Berichte über die Hexenprozesse sind grausame Foltergeschichten. Auf Kriege wird immer wieder Bezug genommen. Anton sagt während eines sadomasochistischen Spiels: „(…) der Krieg ist das grundlegende Prinzip allen Lebens und der Natur selbst“, worauf Iris antwortet: „(…) der Krieg ist deshalb in den Menschen, weil er immer und immer wieder weitergeben wird (…)“ (Iris, S. 28). Gewalt ist auch in ihrer Beziehung präsent, Iris lässt sich von Anton anketten, schlagen, würgen, alles einvernehmlich. Danach fragt Anton: „(…) bist du jetzt friedlich? (…)“
Von ihren rastlosen Reisen kehrt Iris kurz in ihre Wiener Wohnung zurück. Dort schreibt sie und hält die Blätter auf ihrem Schreibtisch mit einem gläsernen Briefbeschwerer in zeitlicher Reihenfolge zusammen. Das Schreiben ist für sie eine Strategie, um mit der Überforderung durch die Bilderflut aus grausamen Zeiten und der modernen Welt umzugehen. Gleichzeitig verschlechtert sich ihre Sehkraft immer weiter. Ihr Freund, mit dem sie eine offene Beziehung führt und vor dessen Verlust sie große Angst hat, arbeitet mit kaputten Kameras. Er will alles ganz genau erzählt bekommen – auch, um sie dafür zu bestrafen.
Eine Figur, die sich nicht greifen lässt
Warum interessiert sich Iris so sehr für die Hexenprozesse? Warum ist sie andauernd unterwegs? Und was hat es mit ihrer Sexualität auf sich, ihren Fantasien in dunklen Kellern und Dachboden zurückgelassen zu werden, gefesselt und blind vor Angst, verrückt und ermordet zu werden? Denn es gebe ja für sie ein Wort, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Aber sie nutzt es nicht.
Was verbindet ihr Nomadenleben mit ihrem Bedürfnis nach Unterwerfung und Kontrollverlust? Braucht Iris die vielen Reisen und kurzen Begegnungen mit Bekannten und Unbekannten unterwegs, um sich wieder frei und unabhängig zu fühlen? Nicht, dass es sich bei Iris um einen Literaturstar handeln würde, denn die Lesungen in den Kulturinstituten sind immer nur von wenigen besucht, meist Studenten, die sich keine Fragen zu ihren Texten zu stellen getrauen. Ihre Ruhelosigkeit spiegelt sich im Text wider, denn auch für den Leser/ die Leserin gibt es kein Verweilen an einem Ort, bei einer Person, sondern wir werden mit der Erzählerin weitergetrieben in ihrem Fluss der Gedanken und Begegnungen, nicht wissend, an welches Ufer wir als Nächstes gespült werden. „(…) manchmal habe ich das Gefühl, sagt Iris, mich in den Geschichten aufzulösen (…) (S. 28).
Dieser Roman wird nicht alle in seinen Bann ziehen, da man sich zuerst auf die Form einlassen muss. Wenn Sie sich jedoch mit einer hochgelobten österreichischen Autorin auseinandersetzen möchten, ist er genau der richtige. Sie werden einer Protagonistin begegnen, die schwer greifbar ist, da sie ihre Gefühle nicht offenbart, aber uns einiges über unsere Gegenwart mitteilen kann. Denn Laura Freudenthaler könnte mit diesem Roman die Augen ihrer LeserInnnen öffnen, um sich mit wichtigen Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Im Leid der als Hexen bezichtigten Frauen sind Parallelen zur Gegenwart zu erkennen. Die zunehmende Digitalisierung lässt die Printmedien in Hotels verschwinden, beklagt Iris, Sprach- und Kulturinstitute sind vom Aussterben bedroht, sie zeigt die prekäre Situation der Geisteswissenschaften auf, um nur einige wenige herauszugreifen. Es gibt keine einfachen Antworten.
Hoffnung, so lässt die Autorin Iris sprechen, gibt es dann, wenn man sich bemüht, gut zu sein.


