Als ich nach einem heißen Herbstspaziergang ins kühle Cineplexx einkehrte, begrüßte mich der Kinobesitzer mit einem: „Gratuliere, Sie haben den großen Kinosaal ganz für sich alleine, Sie können jeden Sitz wählen.“ Er fügte hinzu, dass er sehr enttäuscht sei, dass der Film überhaupt nicht gehe. Er vermute die schlechten Kritiken, allen voran den ORF für diesen Flop. Natürlich hatte auch ich davon gehört hatte. Nicht ohne Vorbehalte trat ich also in den einsamen Saal ein. Bei 180 Millionen Produktionskosten konnte man doch einiges erwarten.
Von Ölkatastrophe und Geschreie
Der Film beginnt auf einem riesigen Anwesen, besser gesagt im Schlafzimmes des Ölbarons Digger Rockwell (Tom Cruise), der sich um seine uralte Katze sorgt und alle Hiobsbotschaften ignoriert, die ihn seit längerer Zeit von seiner Ölbohrinsel in Grönland erreichen. Kurze Zeit später ist der Worst-Case-Fall eingetreten, die Bohrinsel explodiert und ein riesiger Eisberg bewegt sich auf Europa zu. Auch jetzt ist Rockwell vor allem an den finanziellen Verlusten interessiert als an der von ihm verursachten Umweltkatastrophe. Sein Umweltberater Ganesh (Riz Ahmet) spricht von Millionen Toten in Europa. Diggers Halbschwester (Sandra Hüller) rauscht ins Zimmer und kommentiert mit beißendem Spott das Geschehen, während die beiden in eine idyllische Landschaft hinausblicken. Man erfährt, dass auch der amerikanische Präsident (John Goodman) bereits zu Rockwell unterwegs ist.
Cut! Aha! Eine neue Handlungsebene (Metaebene) beginnt, die die Geschichte ins rechte Licht rücken soll. Kaum haben wir uns mehr schlecht als recht in dieser zurechtgefunden, geht es in rasendem Tempo zurück zu Rockwell und seinem Krisenmanagement mit dem amerikanischen Präsidenten und dessen Beratern. Es wird geschrieen, gebetet und geflucht, gescherzt und nach einem neuen Narrativ gesucht. Das europäische Parlament fordert Aufklärung, der amerikanische Präsident will sich aus gesundheitlichen Gründen nicht erklären. So tritt Rockwell in die Arena und stampft die grauen Politiker:innen in einer manipulativen Rede in Grund und Boden. Er habe nur das gemacht habe, was sie von ihm verlangt hätten, nämlich Öl zu prodzieren, damit sie es warm und bequem haben. Als Folge prügeln sich die Abgeordneten, der Umweltberater, ein Inder, betrinkt sich und im Parlamentsgebäude tropft Wasser von den Wänden.
Cut, wieder sind wir in einer anderen Geschichte, so geht es weiter. Katastrophe folgt auf Anpassung, der wiederum eine neue Katastrophe und Anpassung folgt.
Kaum ist man heimisch in einer Geschichte, wird man mit einem Ruck daraus entfernt, aha! Am Schluss wird aufgeklärt und alles wird mehr oder weniger Sinn ergeben, den man sich in den kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.
Tom Cruise als Bösewicht
Wird der Film deswegen ein Flop, weil Tom Cruise kein schöner, braungebrannter Held ist? Er ist kaum als Tom Cruise zu erkennen, aufgedunsen, ungepflegt, mit schütterem Haar und fahler Gesichtsfarbe, wahrlich keine Identifikationsfigur für unsere Zeit. Aber ich muss sagen, dass sein Spiel überzeugt und dass alle Schauspieler:innen exzellent spielen, Sandra Hüller als kleine, ambitionierte Schwester und John Goodman als polternder sterbenskranker amerikanischer Präsident mit Krebs im Hintern. Und besonders Jesse Plemons („Bugonia“), der einen im Hintergrund agierenden jungen Produzenten mit Geheimnissen spielt. Ihnen kann kein Vorwurf gemacht werden, sie geben alles, um zu retten, was nicht zu retten ist. Und so wird sich wohl nicht einmal eine Oskarnominierung für Cruise ausgehen.
Die Welt ist eben keine Bühne
Die Botschaft, die der Film vermitteln will, ist von Anfang an glasklar, bräuchte also nicht die vielen Umwege und Seitenstraßen. Ein hervorragender Regisseur (Alejandro González Iñárritu), von dem man sich viel erwartete („Birdman“, „The Revenant“), verliert sich in seinem Genie, im Chaos des Drehbuchs, das so überzeichnet ist, dass man sich schnell nach dem Warum fragt: schwarze Komödie, Groteske, Satire? Die Metaebene funktioniert nicht, die Bühne passt nicht in den Film hinein. Man wird von Einfällen und Zufällen geradezu erschlagen. Schließlich ist man gelangweilt, nur mehr genervt und wartet erschöpft das Ende ab.
Es gibt bessere Katastrophenfilme ohne die Ambition, ein großartiges Kinoerlebnis schaffen zu wollen. Wenn man böse sein will, könnte man sagen, dass der Film wahrlich ein unausgegorener ist.
Mit diesem Hippiesong endet er, und man weiß vor Entsetzen nicht mehr aus und ein.


