
Wer kennt sie nicht? Den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, seine umsichtige Frau Katia, deren sechs Kinder, Erika, Klaus, Golo, Monika, Michael und Elisabeth? Nicht zu vergessen Thomas Manns Bruder Heinrich, den Schöpfer von der „Der Untertan“. Reich-Ranicki soll einmal über die Manns gesagt haben, „dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat“.
Floran Ilies, der aus Tagebücher und aus „einer unübersehbaren Menge an Literatur“ geschöpft hat, begleitet mit „Wenn die Sonne untergeht“ die einzelnen Mitglieder durch das erste Halbjahr des Jahres 1933, als die Familie erkennen muss, dass ein Leben im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr sicher sei. Er beschreibt die ersten Stationen des Exils von Februar bis September 1933 als Zerreißprobe innerhalb der Familie.
Von der Schweiz
Was war geschehen, dass die Familie Mann bereits im Februar 1933 die herannahende Gefahr zu erkennen vermag? Freunde, aber vor allem die beiden ältesten Kinder, Erika und Klaus, drängen die Eltern nach einer Vortragsreihe in Europa nicht mehr nach München zurückzukehren. Es wird ein Abschied für immer sein. Während das Ehepaar Mann zunächst in der Schweiz bleibt, wird von Freunden und Tochter Erika die Münchner Villa nach und nach geräumt, Kleidung, Bücher und Mobiliar werden weggebracht. Golo bekommt den Auftrag, Geld von den deutschen Konten abzuheben und die Tagebücher des Vaters außer Landes zu bringen. Die drei teuren Autos sind bereits beschlagnahmt und auch die großzügige Villa in der Poschingerstraße 1, in der sie 14 Jahre gewohnt hatten, ist kurze Zeit später in den Besitz der Nationalsozialisten übergegangen.
In den Süden Frankreichs
Nach einigen Zwischenstationen geht es nach Sanary-sur-Mer. Hier hat sich bereits eine erlesene Schar von deutschen Emigranten eingefunden, vom Ehepaar Feuchtwanger über Arnold Zweig, Ludwig Marcuse bis hin zu Bert Brecht. Auch Heinrich Mann hat sein Quartier in der Nähe aufgeschlagen und besucht den Bruder regelmäßig. Bald ist für die große Familie eine ruhige Villa („La Tranquille“) gefunden, in der der Nobelpreisträger an seinem Roman „Joseph und seine Brüder“ arbeiten kann. Die beiden jüngeren Kinder, Michael und Elisabeth, bekommen von Golo vormittags Privatunterricht und fürchten das Mittagessen, denn von ihnen werden geistreiche Beiträge erwartet. Am Abend treffen sich die Exilanten, lesen sich aus ihren Werken vor und feiern ausgelassene Gartenpartys. Die südliche Sonne ist erbarmungslos und bald sind alle braungebrannt: „Darf man eigentlich so erholt wirken, wo man sich doch auf der Flucht befindet und Deutschland in solcher Gefahr?“, schreibt Illies über diese illustre Gesellschaft.
„Große Behagensverminderung“
Während Thomas Mann öffentlich schweigt, da er Angst hat, dass seine Bücher nicht mehr in Deutschland erscheinen könnten, drängen ihn Erika und Klaus klar Stellung zu beziehen. Klaus Mann will mit seiner Zeitschrift „Die Sammlung“ von Amsterdam aus gegen das Unrechtsregime in Deutschland vorgehen. Sein Vater zieht seine Zusage – zur großen Enttäuschung seines Sohnes – auf Anraten seines Berliner Verlegers zurück. Denn Thomas Mann ist noch immer davon überzeugt, dass er eine gewichtige Stimme in Deutschland habe, Werk geht vor Familie.
Nach drei langen Monaten der Unsicherheit und Wehmut, er selbst beschreibt es mit „großer Behagensverminderung“ und dem Verlust eines beträchtliches Teil seines Vermögens kehrt Thomas Mann im September 1933 geläutert zurück in die Schweiz, wo Tochter Erika bereits ein schönes Haus in Küsnacht gemietet hat.
Über das weitere Schicksal der privilegierten deutschen Exilgemeinschaft in Sanary erfährt man kompakt im letzten Kapitel.
„Netflix fürs Bildungsbürgertum“
Illies hat einen anschaulichen, sinnlichen und unterhaltenden Roman über eine Familie geschrieben, in der sich der Ausnahmezustand dieser Zeit widerspiegelt. Alle Beteiligte müssen sich entscheiden, welche Partei sie ergreifen und wie sie sich positionieren, in einer Welt, die dem Abgrund, dem Krieg zusteuert. „Wenn die Sonne untergeht“ ist ein lesenswertes Buch über die Familie Mann, wenn auch mit dichterischen Freiheiten versehen. Die FAZ hat diese Art von Bücher als „Netflix fürs Bildungsbürgertum“ bezeichnet, da sie zum Binge-Reading verführten. Sei´s drum!










