Laura Freudenthaler: Iris (2026)

Was macht eine Schriftstellerin so das Jahr über? Sie reist und reist, besucht Kulturinstitute in ganz Europa, in den USA und in Indien auf der Suche nach Stoff für ein neues Buch. Sie hat einige Freundinnen, die auch Künstlerinnen sind und einen Fotografen als Freund, Anton, mit dem sie ihre Sexualität ausleben kann. Das könnte jetzt einen Roman über ein abenteuerliches Leben ergeben, aufregend zu lesen und voller intellektueller Begegnungen, wenn uns nicht die Form des Romans Hürden in den Weg legen würde.

Ein Leben unterwegs in dreizehn Sätzen

Richtig, denn der Roman „Iris“ ist in 13 Kapitel unterteilt und jedes Kapitel, das ungefähr zehn bis zwanzig Seiten umfasst, besteht nur aus einem einzigen Satz. Im ersten Kapitel wartet Iris, so heißt die Protagonistin, am Flughafen, nimmt die Ereignisse im Gespräch mit ihrem Freud nach ihrer Rückkehr vorweg, der Flug führt sie an Institute für deutsche Sprache in die USA, nach Chicago, wo sie in einem Seminar über ihr Buch spricht, das auf wenig Interesse bei den Studenten trifft, von dort geht es nach New York, zu einem Abendessen mit Literaturmenschen, bei dem eine Kritikerin ihr von der Hexenjagd in Salem, Neuengland, Ende des 17. Jahrhunderts, erzählt, alles in einem einzigen Satz, nur durch Beistriche getrennt, 9 Seiten lang. So verschmelzen die Erzähl- und Zeitebenen, die Perspektive der Ich-Erzählerin wechselt zur 3. Person, so rastlos wie Iris durch die Welt hetzt, ist auch der Schreibstil von Laura Freudenthaler.

Über Geschlechtergewalt und Kriege

Oft sind es Gewalterfahrungen, die Frauen angetan wurden und werden, mit denen Iris sich beschäftigt. Die Berichte über die Hexenprozesse sind grausame Foltergeschichten. Auf Kriege wird immer wieder Bezug genommen. Anton sagt während eines sadomasochistischen Spiels: „(…) der Krieg ist das grundlegende Prinzip allen Lebens und der Natur selbst“, worauf Iris antwortet: „(…) der Krieg ist deshalb in den Menschen, weil er immer und immer wieder weitergeben wird (…)“ (Iris, S. 28). Gewalt ist auch in ihrer Beziehung präsent, Iris lässt sich von Anton anketten, schlagen, würgen, alles einvernehmlich. Danach fragt Anton: „(…) bist du jetzt friedlich? (…)“

Von ihren rastlosen Reisen kehrt Iris kurz in ihre Wiener Wohnung zurück. Dort schreibt sie und hält die Blätter auf ihrem Schreibtisch mit einem gläsernen Briefbeschwerer in zeitlicher Reihenfolge zusammen. Das Schreiben ist für sie eine Strategie, um mit der Überforderung durch die Bilderflut aus grausamen Zeiten und der modernen Welt umzugehen. Gleichzeitig verschlechtert sich ihre Sehkraft immer weiter. Ihr Freund, mit dem sie eine offene Beziehung führt und vor dessen Verlust sie große Angst hat, arbeitet mit kaputten Kameras. Er will alles ganz genau erzählt bekommen – auch, um sie dafür zu bestrafen.

Eine Figur, die sich nicht greifen lässt

Warum interessiert sich Iris so sehr für die Hexenprozesse? Warum ist sie andauernd unterwegs? Und was hat es mit ihrer Sexualität auf sich, ihren Fantasien in dunklen Kellern und Dachboden zurückgelassen zu werden, gefesselt und blind vor Angst, verrückt und ermordet zu werden? Denn es gebe ja für sie ein Wort, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Aber sie nutzt es nicht.

Was verbindet ihr Nomadenleben mit ihrem Bedürfnis nach Unterwerfung und Kontrollverlust? Braucht Iris die vielen Reisen und kurzen Begegnungen mit Bekannten und Unbekannten unterwegs, um sich wieder frei und unabhängig zu fühlen? Nicht, dass es sich bei Iris um einen Literaturstar handeln würde, denn die Lesungen in den Kulturinstituten sind immer nur von wenigen besucht, meist Studenten, die sich keine Fragen zu ihren Texten zu stellen getrauen. Ihre Ruhelosigkeit spiegelt sich im Text wider, denn auch für den Leser/ die Leserin gibt es kein Verweilen an einem Ort, bei einer Person, sondern wir werden mit der Erzählerin weitergetrieben in ihrem Fluss der Gedanken und Begegnungen, nicht wissend, an welches Ufer wir als Nächstes gespült werden. „(…) manchmal habe ich das Gefühl, sagt Iris, mich in den Geschichten aufzulösen (…) (S. 28).

Dieser Roman wird nicht alle in seinen Bann ziehen, da man sich zuerst auf die Form einlassen muss. Wenn Sie sich jedoch mit einer hochgelobten österreichischen Autorin auseinandersetzen möchten, ist er genau der richtige. Sie werden einer Protagonistin begegnen, die schwer greifbar ist, da sie ihre Gefühle nicht offenbart, aber uns einiges über unsere Gegenwart mitteilen kann. Denn Laura Freudenthaler könnte mit diesem Roman die Augen ihrer LeserInnnen öffnen, um sich mit wichtigen Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Im Leid der als Hexen bezichtigten Frauen sind Parallelen zur Gegenwart zu erkennen. Die zunehmende Digitalisierung lässt die Printmedien in Hotels verschwinden, beklagt Iris, Sprach- und Kulturinstitute sind vom Aussterben bedroht, sie zeigt die prekäre Situation der Geisteswissenschaften auf, um nur einige wenige herauszugreifen. Es gibt keine einfachen Antworten.

Hoffnung, so lässt die Autorin Iris sprechen, gibt es dann, wenn man sich bemüht, gut zu sein.

Arundhati Roy: Mother Mary comes to me (2026)

Wer hatte nicht in der Zeit der Hippies den Wunsch, nach Indien zu reisen, um dort Erleuchtung zu finden? Nach Goa, in einen Ashram, mit befreiter oder unbefreiter Sexualität, um Yoga, Meditation oder was auch immer zu lernen? Arundhati Roy war damals in Goa und fand die dort lebenden Hippies rassistisch und wenig einladend. Was sie noch so alles erlebt hat als Frau in Indien in den letzten 60 Jahren, erzählt sie in ihrer unverhüllten Autobiografie „Mother Mary comes to me“.

She treated nobody as badly as she treated you“

Wenn sich die Schriftstellerin, die durch ihren Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ (1997) weltberühmt wurde, in ihrer Autobiografie an jemandem abarbeitet, dann ist es ihre Mutter: Mary Roy, zugehörig der priviligierten Syrian Christian Community, war mit einem alkoholabhängigen Plantagenverwalter nicht standesgemäß und unglücklich verheiratet, hatte einen neun Monate alten Sohn und wollte ihre erneute Schwangerschaft mit allen Mitteln unterbinden. Weil ihr das nicht gelingt, wird sie ihre Tochter zeitlebens verachten, misshandeln und für all ihr Unglück verantwortlich machen. Arundhati Roy schildert, wie ihre Mutter geschieden, völlig mittellos, mit zwei Kleinkindern ins leerstehende Vaterhaus zurückkehrt und ihr eigener Bruder samt Mutter sie von dort hinauswerfen wollte. Auch sie ist brutal zu ihren Kindern und erwartet, dass sie außergewöhnliche Leistungen erbringen. Wenn nicht, gab´s Prügel und Schikanen, sie setzte ihre kleine Tochter am Straßenrand aus und tötete ihren Hund. Das war ihr privates Gesicht, aber sie hatte auch ein öffentliches: Denn Mrs. Roy, so mussten sie ihre Kinder nennen, war auch eine radikale Frauenrechtlerin, durchsetzungsfähig und ein Vorbild für viele: Sie erkämpfte vor dem Obersten Gerichtshof, dass syrisch-christlichen Frauen die gleichen Erbechte zugestanden wurden. Sie ermunterte Frauen, sich gegen Unterdrückung und Gewalt zur Wehr zu setzen. Sie war eine anerkannte Schulgründerin in Kerala, die über Jahrzehnte einen modernen Schulcampus aufbaute und von Tausenden Kindern, Eltern und Mitbürgern bis ins hohe Alter fast wie eine Heilige verehrt wurde.

The darkness – a route to freedom“

Wie der Mutter wird es auch der Tochter ergehen. Arundhati wird als Teenager nach einer schweren Kränkung den Konakt zu ihrer Mutter und der südindischen konservativen Gemeinschaft jahrelang abbrechen, um in Neu-Dehli Architektur zu studieren und etwas Glück und Freude zu erfahren. Zunächst muss sie dort als junge Frau unter ärmlichen und gefährlichen Umständen überleben. Nach dem Studium schreibt sie erfolgreiche Drehbücher, die ihr damaliger Freund aus reichem Hause verfilmt. Noch in den Zwanzigern lässt sie diese Karriere hinter sich, weil sie den Drang verspürt, einen Roman zu schreiben, an dem sie viele Jahre lang arbeitet.

Der Gott der kleinen Dinge“ bekommt den Bookerpreis und macht sie finanziell unabhängig. Nun kann sie sich an politischen Aktionen beteiligen, sie kämpft gegen die Zerstörung der Natur, gegen den aufziehenden Hindu-Nationalismus, gegen die Politik der Regierung in Kaschmir. Dafür wird sie nicht nur einmal angeklagt, als Landesverräterin beschimpft und muss für einen Tag ins Gefängnis wegen Verachtung des Obersten Gerichtes. Aber mehr geschieht ihr aufgrund ihres Ruhmes und ihrer Bekanntheit nicht – im Gegensatz zu ihren MitstreiterInnen, die lange Gefängnisstrafen ausfassen.

Neben ihren Romanen schrieb sie auch viele Sachbücher und Essays, die immer wieder mit erbitterten Protesten und Anklagen einhergehen.

Meine Zuflucht und mein Sturm“

Der Titel „Mother Mary comes to me“ ist von Paul McCartneys berühmter Zeile aus „Let it be“ inspiriert, einen Song, den er über seine verstorbene Mutter geschrieben hat.

Der deutschen Titel der Autobiografie „Meine Zuflucht und mein Sturm“ fasst die komplexe Mutter-Tochter-Beziehung prägnanter zusammen. Mary Roy war keine bedingungslos liebende Mutter, aber eine Inspiration für das Leben und Werk ihrer Tochter. Und die Gewalt durch ihre Mutter hätte sie – so die Autorin – gut auf die Rauheiten des Lebens vorbereitet.

Die Autobiografie von Arundhati Roy ist ein berührendes, brutal-ehrliches und humorvolles Buch, das zeigt, wie sehr Familie, Gesellschaft, Politik und Kunst miteinander verwoben sind.

Sollten Sie wissen wollen, welcher Titel mir besser gefällt, dann sei hier die Antwort verraten.


Now is better: „Rose“ (Markus Schleinzer, 2026)

Stefan Sagmeisters Motto lautet: „Now is better“. Wer würde dem heute nicht widersprechen? Ich musste daran denken, als ich gestern das Grazer Kino verließ. Der Film „Rose“ wurde hauptsächlich von Frauenpärchen besucht und während des Abspanns herrschte langes, tiefes Schweigen im Saal. Auch ich war mitgenommen. Denn es ist keine ermutigende Geschichte aus früheren Zeiten, die uns der österreichische Regisseur Markus Schleinzer erzählt.

Rose steht ihren Mann

Nach 10 Jahren als Soldat im 30-jährigen Krieg ist Roses Gesicht durch eine Kugel verunstaltet. Um die Narbe und ihre weibliche Identität zu verbergen, trägt sie stets einen breitkrempigen Hut. Wir erfahren gleich am Anfang von einem Erzähler, der ihre Geschichte begleitet, dass sie eine Betrügerin ist. Sie erhebt in einem Dorf Anspruch auf ein unrechtmäßiges Erbe: ein Stück Grund mit zerfallenen Gehöften. Die Dorfbewohner begegnen ihr zunächst mit Misstrauen, aber sie ist intelligent, mutig und geschäftstüchtig. Innerhalb kurzer Zeit bringt sie ihr Land zum Blühen, unterstützt von Knechten und Mägden, und möchte ihren Besitz erweitern. Um einen Bach erwerben zu können, muss sie die älteste Tochter des Besitzers, Suzanna (Caro Braun), heiraten. Langsam wachsen die beiden zusammen. Durch einen fatalen Bienenstich kommt die Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Ein Leben in Schwarz-Weiß

Der Film wurde in Schwarz-Weiß gedreht, das die harten Arbeits- und Lebensbedingungen im 17. Jahrhundert nüchtern einfängt. Das Glück der Menschen ist abhängig von der Natur und der Dorfgemeinschaft. Erstere zeigt seine Gewalt in Form von gewaltigen Regengüssen, die ein Fortkommen mit dem Mitgiftwagen verunmöglichen und wilden Bären, die den Menschen bedrohlich nahekommen.

Zweitere zeigt sich in strengen protestantischen Verhaltensnormen, die von der Gemeinschaft erwartet und unerbittlich seitens des Gesetzes durchgesetzt werden. Der sonntägliche Kirchenbesuch ist obligatorisch, die Kirchenbänke dicht besetzt. Einem Leben, das diese Normen durchbricht, wird radikal der Prozess gemacht. Rose wird bei der Anhörung gefragt, warum sie sich als Mann ausgab, und ihre Antwort ist entwaffnend ehrlich. Sie wollte freier leben, sie hatte gehofft, in Männerhosen mehr Möglichkeiten zu haben.

Frau und Mann zugleich

Sandra Hüller gewann für ihre Rolle als Rose bei der Berlinale den Silbernen Bären. Der Film lebt von ihrem Können. Obwohl ersichtlich ist, dass Rose eine Frau ist – breite Hüften, weibliche Stimme – geht, spricht und handelt sie in der Öffentlichkeit wie ein Mann. Im Privaten zeigt sie sich fürsorglich und einfühlsam. Ohne diese Wandlungsfähigkeit von Sandra Hüller, die sowohl einen dominanten Mann als auch eine verwundbare Frau verkörpern kann, würde dieser Film nicht so sehr unter die Haut gehen.

Der Film wertet nicht, kühl und distanziert wird diese Geschichte aus einer früheren Zeit erzählt. Eine Frau sucht nach Möglichkeiten für ein erfülltes Leben, das die damalige Zeit ihr nicht bietet. Damals wie heute geht es um Identität und Selbstbestimmung. Aber so viel kann man doch sagen: „Now is better“, unsere Gesellschaft ist bunter geworden.

Das Fazit

In diesem Sinne ist dieser „schreckliche“ Film aus der Mitte des 17. Jahrhunderts über eine starke Frau, die an der Kirche und der Moral ihrer Zeit scheitert, ein wahrer Hoffnungsträger für unsere Zeit.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (Simon Verhoeven, 2026)

Der Titel stammt aus Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, den Generationen von Jugendlichen als Sinnbild von Sehnsucht, Leidenschaft und Scheitern lesen mussten, einen tragischen Bestseller aus dem 18. Jahrhundert. Auch Joachim Meyerhoff, einer der ganz großen Schauspieler des deutschen Theaters, hat mit seinen sechs autobiographischen Romanen Bestseller geschrieben. Wer diese Bücher gelesen hat, weiß, wie unterhaltsam, witzig und todtraurig sie sind, da sie das pralle Leben in alle seinen Höhen und Tiefen zeigen.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist das dritte aus der Reihe. „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (2011) handelt von seiner bewegten Jugend und dem Austauschjahr in Amerika. In „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2013) begleiten wir den jungen Joachim durch seine Kindheit, die er auf dem Areal einer psychiatrischen Anstalt verbringt, wo sein Vater als Arzt arbeitet. Und „Ach, diese Lücke“ (2015) beschreibt die Zeit, als er als Schauspielschüler bei seinen Großeltern in München lebt.

Joachim, die Großeltern und die Schauspielschule

Joachim Meyerhoff beschließt nach dem Unfalltod seines geliebten Bruders überraschend Schauspieler zu werden. Er möchte an die berühmte Falckenbergschule in München gehen. Das Aufnahmeverfahren ist gnadenlos, der Ansturm riesengroß, nur ganz wenig Auserwählte werden aufgenommen. Aber er schafft es mit nur einem Text, „Dantons Tod“, denn seine Großmutter hatte ihm abends Kaffee gegeben, um beim Vorsprechen richtig fertig zu sein. Sie war ja selbst eine berühmte Schauspielerin und auch Lehrerin an dieser Schule und wisse einige Tricks. Kaffee spielt ansonsten in der Villa der Großeltern keine große Rolle, Alkohol fließt in rauen Mengen von früh bis spät, Trink-Rituale prägen den Alltag der Großeltern. Am Morgen wird synchron mit Schnaps gegurgelt, der gleich hinuntergeschluckt wird, zum Frühstück gibt es Champagner, um 5 Uhr folgt ein doppelter Whiskey und am Abend Rotwein mit klassischer Musik. Dazwischen wird im Freien geturnt, gelesen, geschrieben und im nahen Schlosspark spazieren gegangen. Die liebvollen Großeltern, „mein Lieberling“ nennt ihn die Großmutter zärtlich, geben dem Enkel Halt und Sicherheit in einer stürmischen Zeit.

Denn Joachim kann sich zunächst in der Schauspielschule nicht entfalten, er ist gehemmt und kann mit vielen „befreienden“ Übungen („Brustwarzenlächeln“) nichts anfangen. Er schämt sich und fühlt sich dem großen Druck und der Konkurrenz nicht gewachsen. Nicht nur einmal droht ihm der Hinauswurf. Aber seine Großeltern stehen fest hinter ihm, relativieren und schließlich kann ihm die Großmutter sogar eine erste Filmrolle verschaffen. Dadurch steigt sein Ansehen an der Schule und am Ende der vierjährigen Ausbildung bekommt er sein erstes Engagement in Kassel. Jahre später werde ich Joachim Meyerhoff am Burgtheater in verschieden Rollen bewundern, die alle in lebendiger Erinnerung geblieben sind.

Warum „Ach, diese Lücke“ ein großartiger deutscher Film ist

Simon Verhoeven hat das Buch mit seiner Mutter Senta Berger in der Figur der exzentrischen Diven-Großmutter und Michael Wittenborn als schrulligen Philosophen-Großvater verfilmt. Der jugendlich-unverbrauchte Bruno Alexander spielt Joachim Meyerhoff mit all seinen Blockaden so überzeugend, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzuschauen. Wer ausgezeichnete Schauspielkunst bewundert, wird mehr als auf seine Kosten kommen, ist der Film doch eine Würdigung dieser Zunft. Simon Verhoeven hat seiner Mutter, die sich die Rolle zuerst gar nicht zugetraut hatte, einen Liebesdienst erwiesen („geniale Altersrolle“). Das übrige Ensemble ist ebenso treffend gewählt: Karoline Herfurth, Tom Schilling, Victoria Trauttmansdorff, Friedrich von Thun, David Striesow, Laura Tonke, alle diese großen Namen werden ihrem Ruf gerecht und zeigen, was sie können.

Die Verfilmung schafft es von Beginn an, einen jungen Mann in einer Lebenskrise aus liebevoller Distanz zu begleiten. Unser Held stirbt nicht an seinen hohen Erwartungen und einer bornierten Gesellschaft, sondern findet durch viel Unterstützung seine Bestimmung als Künstler. Leichtigkeit löst die Schwere ab, die ihn belastet und vom Leben zurückgehalten hat. Er kann nun seine Trauer und Verlorenheit für sein Spiel produktiv verwerten. Die Zeiten haben sich gottseidank geändert.

Regie, Soundtrack und Kamera untermalen das Geschehen subtil, alles zusammen ergibt einen unterhaltsamen und tiefgründigen deutschen Film, den Sie unbedingt sehen sollten. Mit aller seiner Leichtigkeit und Tragik, die man sich von einem echten Meyerhoff eben erwartet.

No Other Choice (Park Chan-wook, 2025)

Seit dem Filmfestival in Venedig letzten Jahres wird dieser Film gehypt, gespannt erwartete ich sein Erscheinen in Österreich. Ich mag die Filme von Regisseur Park Chan-wook sehr, seit ich „Joint Security Area“ gesehen habe. Dieser war einer der ersten, der mich in Kontakt mit dem koreanischen Kino brachte. „Oldboy“, „Die Taschendiebin“ und „Die Frau im Nebel“ (siehe meinen Blog, 2023) überzeugten mich dann endgültig, dass Park Chan-wook zu den großen Meistern des Kinos gehörte. Aber gilt dies auch für seinen neuesten Film „No Other Choice“? Dieser Film wird als bitterböse Satire auf den Kapitalismus, als eine Kapitalismusparabel (Der Standard) interpretiert.

Was definiert einen Mann?

Der Manager Man-su (Lee Byung-hun) verliert seinen Job in einer Papierfabrik, für den er sich 25 Jahre aufgeopfert hat. Amerikanische Investoren haben die Firma übernommen und „notwendige Rationalisierungen“ durchgeführt, sie hatten „No other choice“. Man-su, stolzer Familienvater mit hübscher Frau, zwei Kindern und zwei Golden Retriever, definiert sich über seinen Job. Er hat es zu Wohlstand gebracht, wohnt in einem modernen Betonbau mit großem Garten und Gewächshaus für seine Bonsaizüchtung. Die Entlassung bedeutet für ihn eine Hinrichtung, die er mit „Kopf ab“ andeutet.

Anfangs ist er davon überzeugt, dass er in drei Monaten einen ähnlich gut bezahlten Managerposten bekommen werde. Aber nach frustrierenden 18 Monaten als unterbezahlter Angestellter in einem Supermarkt ist die Abfindung aufgebraucht und ein neuer Job in weite Ferne gerückt. Seine Frau Mi-ri (Son Yejin) wird wieder Zahnarzthelferin bei einem feschen Chef, die Ausgaben müssen jedoch radikal eingeschränkt werden, keine teuren Hobbys mehr, kein Zweitauto und Netflixabo, auch die beiden Hunde werden weggegeben.

Nun ist guter Rat teuer, denn Man-su will auf keinen Fall sein Geburtshaus verlieren, schon gar nicht gesellschaftlich absteigen. So ersinnt er einen teuflischen Plan: Da einige potenzielle Konkurrenten, wie er mittels einer Fake-Ausschreibung ermittelt, ihn in einem Bewerbungsverfahren übertrumpfen würden, beschließt er diese auszuschalten. Er ersinnt grausame, teilweise so makabre Tötungsverfahren, dass das Lachen in Erschrecken umschlägt, untermalt von dröhnendem koranischem Schlager.  Seine Opfer erwecken Mitleid, sind sie doch selbst Opfer des kapitalistischen Systems, Gefeuerte, Säufer, Verlassene oder Devote, die sich nicht zu schade sind, auch in niedere Dienste zu gehen. Er lässt sich davon nicht beirren und ob er es tatsächlich schafft, den von ihm heiß begehrten Posten in der Papierindustrie wieder zu erobern, sei hier nicht verraten.

Weder Fisch noch Fleisch

Obwohl der Film für Korea in der Kategorie Bester internationaler Film ins Oscarrennen geschickt wurde, kam er nicht in die engere Auswahl. Verständlich, denn der Film ist weder Fisch noch Fleisch. Der Protagonist ist sowohl ein brutaler Killer als auch ein sorgender Ehemann und Vater, sein Denken und Handeln wird aber durch Gier und Männlichkeitswahn vernebelt. Er redet sich ein, keine andere Wahl zu haben. Er plant als Gewerkschafter keine Proteste gegen die amerikanische Übernahme oder solidarisiert sich mit seinen Leidgenossen. Immerhin deutet der Regisseur am Ende die Folgen seines mörderischen Treibens an. Einen allgegenwärtigen Konkurrenten hatte er nicht auf dem Schirm. Denn auch diesem fehlt Wärme, Zuversicht und Solidarität. Wie der Betonbau, in dem die Familie lebt, so steht es auch um den Protagonisten, roh und auf Funktionalität ausgerichtet.

Am Beginn grillt Man-su voller Stolz in seinem Garten den Aal, den er von seiner Firma bekommen hat. Er sieht das Geschenk als Auszeichnung für seine Verdienste um die Firma, in Wahrheit steht er für seine Kündigung. Er ruft Frau und Kinder zu einer innigen Umarmung zusammen, eine Familienidylle, Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 und fallende Blätter umrahmen das Geschehen. Der Abgesang an die Menschlichkeit wird begleitet von schönen Bildern und lauter Musik, die Brutalität der Handlung mittels Geblödel und Übertreibungen konterkariert, Gestik und Mimik der hervorragenden Schauspieler sind schrill und weisen auf den Wahnsinn hin, der die Hauptfigur antreibt. Slapstick, schwarzer Humor und eine kunstfertige Ausführung gegen die Gefahr, die den Zusammenhalt der Gesellschaft bedroht?  No other choice? Das kann nicht alles gewesen sein.

Florian Illies: „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“

Wer kennt sie nicht? Den Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, seine umsichtige Frau Katia, deren sechs Kinder, Erika, Klaus, Golo, Monika, Michael und Elisabeth? Nicht zu vergessen Thomas Manns Bruder Heinrich, den Schöpfer von der „Der Untertan“. Reich-Ranicki soll einmal über die Manns gesagt haben, „dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat“.

Floran Ilies, der aus Tagebücher und aus „einer unübersehbaren Menge an Literatur“ geschöpft hat, begleitet mit „Wenn die Sonne untergeht“ die einzelnen Mitglieder durch das erste Halbjahr des Jahres 1933, als die Familie erkennen muss, dass ein Leben im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr sicher sei. Er beschreibt die ersten Stationen des Exils von Februar bis September 1933 als Zerreißprobe innerhalb der Familie.

Von der Schweiz

Was war geschehen, dass die Familie Mann bereits im Februar 1933 die herannahende Gefahr zu erkennen vermag? Freunde, aber vor allem die beiden ältesten Kinder, Erika und Klaus, drängen die Eltern nach einer Vortragsreihe in Europa nicht mehr nach München zurückzukehren. Es wird ein Abschied für immer sein. Während das Ehepaar Mann zunächst in der Schweiz bleibt, wird von Freunden und Tochter Erika die Münchner Villa nach und nach geräumt, Kleidung, Bücher und Mobiliar werden weggebracht. Golo bekommt den Auftrag, Geld von den deutschen Konten abzuheben und die Tagebücher des Vaters außer Landes zu bringen. Die drei teuren Autos sind bereits beschlagnahmt und auch die großzügige Villa in der Poschingerstraße 1, in der sie 14 Jahre gewohnt hatten, ist kurze Zeit später in den Besitz der Nationalsozialisten übergegangen.

In den Süden Frankreichs

Nach einigen Zwischenstationen geht es nach Sanary-sur-Mer. Hier hat sich bereits eine erlesene Schar von deutschen Emigranten eingefunden, vom Ehepaar Feuchtwanger über Arnold Zweig, Ludwig Marcuse bis hin zu Bert Brecht. Auch Heinrich Mann hat sein Quartier in der Nähe aufgeschlagen und besucht den Bruder regelmäßig. Bald ist für die große Familie eine ruhige Villa („La Tranquille“) gefunden, in der der Nobelpreisträger an seinem Roman „Joseph und seine Brüder“ arbeiten kann. Die beiden jüngeren Kinder, Michael und Elisabeth, bekommen von Golo vormittags Privatunterricht und fürchten das Mittagessen, denn von ihnen werden geistreiche Beiträge erwartet. Am Abend treffen sich die Exilanten, lesen sich aus ihren Werken vor und feiern ausgelassene Gartenpartys. Die südliche Sonne ist erbarmungslos und bald sind alle braungebrannt: „Darf man eigentlich so erholt wirken, wo man sich doch auf der Flucht befindet und Deutschland in solcher Gefahr?“, schreibt Illies über diese illustre Gesellschaft.

„Große Behagensverminderung“

Während Thomas Mann öffentlich schweigt, da er Angst hat, dass seine Bücher nicht mehr in Deutschland erscheinen könnten, drängen ihn Erika und Klaus klar Stellung zu beziehen. Klaus Mann will mit seiner Zeitschrift „Die Sammlung“ von Amsterdam aus gegen das Unrechtsregime in Deutschland vorgehen. Sein Vater zieht seine Zusage – zur großen Enttäuschung seines Sohnes – auf Anraten seines Berliner Verlegers zurück. Denn Thomas Mann ist noch immer davon überzeugt, dass er eine gewichtige Stimme in Deutschland habe, Werk geht vor Familie.

Nach drei langen Monaten der Unsicherheit und Wehmut, er selbst beschreibt es mit „großer Behagensverminderung“ und dem Verlust eines beträchtliches Teil seines Vermögens kehrt Thomas Mann im September 1933 geläutert zurück in die Schweiz, wo Tochter Erika bereits ein schönes Haus in Küsnacht gemietet hat.

Über das weitere Schicksal der privilegierten deutschen Exilgemeinschaft in Sanary erfährt man kompakt im letzten Kapitel.

„Netflix fürs Bildungsbürgertum“ 

Illies hat einen anschaulichen, sinnlichen und unterhaltenden Roman über eine Familie geschrieben, in der sich der Ausnahmezustand dieser Zeit widerspiegelt. Alle Beteiligte müssen sich entscheiden, welche Partei sie ergreifen und wie sie sich positionieren, in einer Welt, die dem Abgrund, dem Krieg zusteuert. „Wenn die Sonne untergeht“ ist ein lesenswertes Buch über die Familie Mann, wenn auch mit dichterischen Freiheiten versehen. Die FAZ hat diese Art von Bücher als „Netflix fürs Bildungsbürgertum“ bezeichnet, da sie zum Binge-Reading verführten. Sei´s drum!

Mission Normandie 80 (Matthias Lemmerer)

Haben Sie schon einmal von einer Auster gehört? Was für eine dumme Frage, jeder kennt doch das schlüpfrige Etwas, das als Delikatesse in der ganzen Welt beliebt ist. Überschätzt, weil geschmacklos, dachte ich bei meiner ersten Auster, aber von dieser soll hier sowieso nicht die Rede sein.

Plakat für die Dokumentation '80 Mission Normandie Auster' von Matthias Lemmerer, mit einem Bild einer Auster MS980 und Veranstaltungshinweisen für eine Benefizveranstaltung im Kino Gröbming.

Was nun folgt, ist die Geschichte der Auster MS980, die von tapferen englischen Fliegern, vom D-Day und von einem Flugzeugwrack erzählt, das im Ennstal restauriert und 80 Jahre später zurück nach England geflogen wurde. Es ist die Geschichte von Leidenschaft, Akribie und Teamgeist, die der Mannschaft des 661. Squadron der Royal Air Force gewidmet ist.

Die Dokumentation von Matthias Lemmerer zeigt historische Originalaufnahmen, Interviews, eindrucksvolle Flugbilder und ist in fünf Kapitel eingeteilt: Die ersten drei Teile sind dem Erwerb des Flugzeugwrackes (2004) und seiner Restaurierung von Vater und Sohn Lemmerer gewidmet. Nach jahrelanger Arbeit und Tüftelei der Originalpläne, nach fast 5000 Arbeitsstunden, nach „sehr genauer, gewissenhafter Arbeit“ (Vater Erich) kam es im Juli 2012 zum erfolgreichen Erstflug in Niederöblarn. Über zwölf Jahre später startete eine siebenköpfige Crew (die Auster und zwei Begleitflugzeuge) vom Ennstal aus, um nach England zu fliegen und von dort aus die Route des D-Days in die Normandie zu wiederholen.

Squadron 661 und der Weg zurück

Wie war die Auster MS 980 (ein kleines englisches Aufklärungsflugzeug, das zur Unterstützung der Artillerie an der Front diente) nach Österreich gelangt? Sie wurde 1953 von Österreich gekauft und gilt als der älteste angemeldete Flieger in Österreich. Und wer waren die Menschen, die ihr Leben im Squadron 661 riskierten, um Europa von der Naziherrschaft zu befreien? Nach umfangreicher Recherche und durch glückliche Umstände stößt Matthias Lemmerer auf die Nachkommen der Piloten, die am 6. Juni 1944 mit der Auster in die Normandie unterwegs waren. Man vereinbarte ein Treffen in England kurz vor dem 6. Juni 2024. Der Flug vom Ennstal aus stand unter keinem guten Stern: Schlechtwetter gefährdete das Unternehmen, ein Flugzeug hatte einen Schaden, der unterwegs repariert werden musste. Ganz schaffte die Crew den langen Flug dann doch nicht, die letzten Abschnitte mussten wegen Sturms und Regens mit Fähre und Taxi zurückgelegt werden. Das Treffen mit den Kindern und Enkelkindern der englischen Flieger war sehr emotional, denn die österreichischen Besucher konnten mehr Einblicke durch Erzählungen und Fotos in die Lebensumstände der Piloten gewinnen. Wie jung und dünn diese Männer damals waren, wie unerschrocken sie abhoben zu einem Flug, der sie in den Tod hätte führen können.

80. Jahrestag des D-Days

Letztendlich hatte der Wettergott doch noch sein Erbarmen und die Auster konnte vom Festland geholt und Matthias Lemmerer die historische Route nach Cherbourg in brauner Originaluniform fliegen. Große Glücksmomente auf Seiten der Österreicher, als die Auster dort landete und allseits bewundert wurde.

Der letzte Teil handelt vom Rückflug und dem Ankommen in Niederöblarn. Als die drei Kleinflugzeuge über den Grimming hereinflogen und sicher landeten, war die Erleichterung allen anzusehen, sowohl den wartenden Familienangehörigen als auch den Ankommenden.

Ein Lebenstraum war in Erfüllung gegangen und wir, die am Sonntag im Gröbminger Kino saßen, konnten viel lernen.

Wer Leidenschaft hat, kann andere mitreißen. Wer hatte nach dem Film nicht den Wunsch verspürt, fliegen zu lernen?

Würdigung der Verdienste der englischen Piloten: Wie glücklich die Nachkommen waren, dass ein österreichisches Fliegerteam in dieser Weise ihre Väter und Großväter für ihre Verdienste im 2. Weltkrieg ehrte und ihre Geschichte bei uns bekannt macht.

Und last but not least: Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass dieser historische Flug nur in Friedenszeiten stattfinden konnte, in einem vereinten Europa, das nach den Gräuel des 2. Weltkrieges von friedliebenden Menschen geschaffen und unbedingt erhalten werden muss.

Wenn Sie diese spannende Geschichte hautnah und in allen Einzelheiten miterleben wollen, ist sie auf YouTube zu finden.

„Noch lange keine Lipizzaner“ (Olga Kosanović, 2025)

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem sperrigen Titel und der Aussage einiger autochthoner Österreicher*innen, dass einem die österreichische Staatsbürgerschaft nachgeschmissen wird? Die junge Filmemacherin Olga Kosanović geht dieser Frage nach. In Wien war die Vorstellung von jungem Publikum ausverkauft, und auch im Grazer Rechbauerkino wurde mir an der Kassa erzählt, dass der Film sehr gut ginge. Warum ist gerade ein Dokumentarfilm über die österreichische Staatsbürgerschaft derzeit so beliebt?

Der Anlass des Films ist ein persönlicher: Kosanović, eine Wienerin mit serbischem Pass, entschließt sich, Nägel mit Köpfen zu machen. Sie möchte österreichische Staatsbürgerin werden. Einfach gedacht, schwer getan. Ihr wird ihr Nichtwissen über das Staatsbürgerschaftsgesetz zum Verhängnis. Denn sie hatte in Hamburg Film studiert und somit in den letzten Jahren zu wenig Zeit in Österreich verbracht. Mehr und mehr muss sie erkennen, dass die Voraussetzungen für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft strikt sind: ein zehnjähriger rechtmäßiger Aufenthalt in Österreich, Deutschkenntnisse auf B1-Niveau, Unbescholtenheit, ein gesicherter Lebensunterhalt, eine positive Einstellung zur Republik Österreich… Und was der Filmemacherin schließlich doch zu schaffen macht, die Rückgabe der serbischen Staatbürgerschaft.

In Form einer „Volksbefragung“ und Interviews mit Experten, nachgespielten Szenen, Schautafeln und Zeichentrick-Sequenzen wird gezeigt, welche Hintergründe das strenge Staatsbürgerschaftsgesetz und welche Auswirkungen es auf Betroffene hat, die gerne Österreicher*innen werden wollen. Experten (Politikwissenschaftler, Anwälte, Politiker und eine Migrationsforscherin) erklären, welche geschichtlichen und soziale Hintergründe das österreichische Staatsbürgerschaftgesetz hat. Dadurch wird die Ebene der persönlichen Betroffenheit erweitert zu Fragen der Nationsbildung- und Identitätsbildung. Der ehemalige Nationalratspräsident Andreas Kohl drückt es so aus: „Österreich war ein Staat, den niemand wollte“. Da die österreichische Identität lange nicht gesichert war, sei die starke Abgrenzung wichtig für die Nationsbildung gewesen.

Abstammung vor Geburtsrecht

Anders als etwa in Amerika, wo jedes Neugeborene automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, ist es in Österreich so, dass ein Elternteil Österreicher*in sein muss. Wenn beide Elternteile eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, bekommt das Kind die Staatsbürgerschaft der Eltern. Einzig türkischen Staatsbürger*innen wird eine Doppelstaatsbürgerschaft zugestanden. In der Dokumentation kommen ältere Österreicher*innen und junge nicht österreichische Staatsbürger*innen zu Wort. Erste haben verständlicherweise wenig darüber nachgedacht, Letztere fühlten sich nicht zugehörig, obwohl sie meist ihre ganze Kindheit und Jugend in Österreich verbracht haben. Das mache ihre Integration schwerer, obwohl sie hier in die Schule gegangen sind und perfekt Deutsch sprechen. Immer wieder betonen sie, dass es für sie ein großer Unterschied wäre, wenn sie österreichische Staatsbürger*innen wären und wählen gehen könnten.

Was ist Österreichisch?

Ein Internet-User hatte mit dem Kommentar „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner“ den Titel anregt.

Die Filmemacherin machte sie auf Suche, um typisch Österreichisches aufzuspüren. Sind es die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule, die vor allem von Touristen besucht werden? Sind es die Berge und Seen? Es werden viele Klischees angeführt, die sich dann als brüchig und widersprüchlich herausstellen. Kommen die Lipizzaner nicht aus Slowenien? Und war Österreich nicht immer ein Vielvölkerstaat? Sind wir Österreicher*innen nicht alle Nachfahren von Fremden? Und betonen wir im Ausland nicht immer, dass wir Österreicher und keine Deutschen sind?

Alles ist kompliziert und widersprüchlich, sowohl die Sehnsucht der einen als auch die Angst der anderen. „Noch lange keine Lipizzaner“ ist unterhaltsam, kurzweilig und soll zum Nachdenken anregen.

Eines sei aber gewiss:

Die österreichische Staatsbürgerschaft wird einem nicht nachgeschmissen. Fragen Sie bei der MA 35 nach.

One Battle After Another (Paul Thomas Anderson, 2025)

Man ist dieses Kinojahr nicht gerade verwöhnt worden. Welch eine Überraschung, als ich gestern aus dem Kino kam. Ich war beschwingt und bester Laune, obwohl die Temperaturen knapp über Null lagen. Was für ein großartiger Film, dachte ich auf meinem nächtlichen Heimweg und ließ Bilder und Musik nachwirken.

Was unterscheidet diesen ActionComedyThriller von den anderen Filmen, die ich in letzter Zeit gesehen hatte? Schenkte er mir neue Eindrücke über die derzeitige Lage in Amerika? War es eine besonders gute Story, die hier erzählt wurde? Waren es die Schauspieler*innen, die Regie, Kamera oder Filmmusik?

Es lebe die Revolution!

Am Anfang finden wir uns wieder in einem faschistoiden Amerika, in dem eine linke Anti-Regierungsgruppe für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. Mit Waffengewalt holt sie Migranten aus Abschiebelagern, verübt Bombenanschläge an Strommästen und nächtlichen Regierungsbüros und raubt Banken aus. Die sogenannte „French 75“ unter der Führung der exzentrischen Perfidia Beverly Hills bekommt schnell einen erbitterten Gegner, eine schwer bewaffnete Militäreinheit unter der Führung von Colonel Lockjaw. Perfidia spielt in einer großangelegten Aktion ihre weiblichen Reize aus, beraubt Lockjaw seiner Kappe und Waffe, demütigt ihn und feuert sein Begierde an. Dieser muss aber beobachten, dass Perfidia und ihr Sprengstoffexperte Ghetto Pat alias Bob Ferguson ein Paar sind und sie schwanger ist. Nach einem schief gelaufenen Banküberfall fliegt die Truppe auf, Perfidia (= der Verrat) kooperiert mit den Behörden, die Mitglieder von „French 75“ werden eliminiert, nur Bob kann unter falscher Identität mit seiner Tochter untertauchen. 16 Jahre später, Bob ist versoffen und hirnweich von Marihuana und Alkohol, das Baby eine selbstbewusste junge Frau, Willa, hat Lockjaw endlich das Versteck der beiden gefunden. Er hat nun höhere Ziele, denn er will in einem ultrarechten Club („Christmas Adventures“) aufgenommen werden, nur die beiden könnten seinem Ehrgeiz im Wege stehen.

  … und was daraus wurde

Perfidia (Teyana Taylor) ist eine toughe (Anti)Heldin: Sie kommt aus einer Familie von Revolutionären, ist eine Kämpferin mit einem Sendungsbewusstsein, das mit einem absoluten Machtanspruch einhergeht. Sie ist maßlos, wild und bereit zu töten, wenn es die Situation erfordert. Nach dem ersten Drittel verschwindet sie, nicht ohne das Schicksal der anderen maßgeblich für immer geprägt zu haben. Sie wird in radikalen linken Gruppe als die „Ratte“ bezeichnet.

Ihr Freund Bob Ferguson (Leonardo DiCaprio) passt nicht so recht zu ihr. Er ist der Bombenbauer der Gruppe, ein Revoluzzer mit Dutt, der immer zu spät kommt. Später, im Untergrund lebend, gibt er sich Drogen und dem Alkohol hin und wird paranoid. Er hat seinen revolutionären Drive verloren, wie auch Codes vergessen, die ihm bei Gefahr Zuflucht bieten könnten.  

Colonel Lockjaw (Jean Penn), ein skrupelloser Militär, zeichnet sich bei der Verfolgung und Vernichtung von „French 75“ aus. Er ist ein einziges Muskelpaket voller Rachsucht und Komplexe, dessen innere Unsicherheit sich in seinem steifen Gang und seiner Körpersprache widerspiegeln. Er geht einem Roboter gleich und hat zahlreiche Ticks. 

Eine vierte Figur sticht aus dem ohnehin fantastisch spielenden Cast heraus: Sensei Sergio (Benicio del Toro), Willas Karatelehrer, der mit Gleichgesinnten untergetauchte Flüchtlinge versteckt und gut in seiner Gemeinde vernetzt ist. Er ist der coole und zukunftweisende Held, der immer alle Fäden in der Hand hält und das Leben von vielen Bedrohten schützt. Sein ruhiges Zusammenspiel mit Bob, der voller Panik agiert, erwärmt das Herz und gibt dem Film seine humorvolle Würze.

Der Tochter von Perfidia und Bob, Willa (Chase Infiniti), bekommt die Schuld ihrer Eltern übertragen und weiß nicht, was ihr passiert („Who are you?“ „I am your dad!”). Sie wird das revolutionäre Erbe ihrer Mutter auf ihre Weise fortsetzen.

Von ohrenbetäubendem Lärm in die unendliche Weite

Der Film beginnt mit einer nächtlichen Befreiungsaktion in einer lauten, Leib und Leben bedrohenden Stadt. Etwa ein Drittel des Film spielt hier, alles geht in rasendem Tempo voran, Gewalt und Gefahr sind allgegenwärtig. Dann wechselt der Schauplatz in eine Kleinstadt, zu einer im Wald versteckten Hütte und einem ländlichen College. Hier ist alles friedlich und familiär, bis die Regierungstruppen gewaltsam einbrechen. Die Schlussszene führt uns ins grelle Tageslicht einer Wüste, auf eine Berg- und Talfahrt, das Tempo wieder rasend schnell, verstärkt durch die irritierenden, peitschenden Klaviertöne von Jonny Greenwoods Filmmusik.

Was PTA auszeichnet

Nach dem von mir gefeierten „Licorice Pizza“ (siehe meine Beitrag „But You’re Mine“), nach „Boogie Nights“, „Magnolia“, und „There Will Be Blood“ erwartete ich einiges von diesem Regisseur. Mit „One Battle After Another“ übertraf Paul Thomas Anderson (PTA) alle meine Erwartungen. Der Film ist spannend, sehr, sehr witzig, völlig unvorhersehbar in Bezug auf die Handlung und die Schauspieler*innen in Höchstform. Gedreht wurde er während der Regierung von Joe Biden im Format Vista Vision. Er dauert kurzweilige 2, 5 Stunden und gilt bei vielen jetzt schon als der beste Film des Jahres. Meine wärmste Empfehlung.

„Ich will alles. Hildegard Knef“ (Luzia Schmid, 2025)

Wer kennt noch Hildegard Knef? Wohl nur die älteren Semester und nur sie waren in dem kleinen Kunstkino in Graz vertreten. Viele von ihnen hatten vor Jahrzehnten ihre Filme gesehen, ihre Lieder gehört oder ihre autobiographischen Bücher gelesen. Sie war der erste Star des deutschen Nachkriegskinos, sehr, sehr schön und ehrgeizig. Auch Angela Merkel hatte sich ein Lied von ihr zu ihrer Abschiedszeremonie gewünscht (siehe meinen Beitrag „Freiheit. Erinnerungen 1954 – 2021). Die Dokumentation „Ich will alles. Hildegard Knef“ von Luzia Schmid gibt anhand von Interviews, Archivaufnahmen und autobiographischen Texten Auskunft über Leben und Leiden der Hildegard Knef.

„Trümmerstar“

Hildegard Knef kam schon in sehr jungen Jahren zu großem schauspielerischen Ruhm, angefangen von „Unter den Brücken“ (1946), über die „Die Mörder sind unter uns“ (1956) bis hin zu „Die Sünderin“ (1951). Hier ist sie für 6 Sekunden nackt zu sehen, der Film handelt von Prostitution und Selbstmord und verursachte im biederen Nachkriegsdeutschland Empörung und Boykottaufrufe. Dem schnellen frühen Erfolg in Deutschland („Trümmerstar“) folgte ein ebenso rasanter Abstieg in Hollywood. Dort bekam sie keine Rollen, lernte nichts, außer Englisch, dafür hätte sie aber nicht drei Jahre in Amerika sein müssen, wie sie ernüchtert in einem Interview feststellt. Sie wird schließlich von Willi Forst nach Deutschland zurückgeholt, kann aber mit den folgenden Filmen nicht an ihre großen Erfolge anschließen („Ich habe mit bedeutenden Regisseuren leider nicht sehr bedeutende Filme gemacht“).

Broadwaystar

Cole Porter ist fasziniert von ihrer Stimme, er engagiert sie für sein Musical „Silk Stockings“, und sie wird in 675 Vorstellungen am Broadway gefeiert. So beginnt ihre zweite Karriere als Chansonsängerin. Sie schreibt die meisten Texte ihrer Lieder selbst und leidet jedes Mal vor einem Bühnenauftritt Höllenqualen („Ich frage mich jeden Abend, was soll das eigentlich, warum leidest du so? Aber wenn ich dann wieder draußen bin, dann ist wieder gut“). Ihre Chansons handeln von Hoffnung und Verzweiflung, vom Aufbruch und Scheitern und sind nicht ohne Selbstironie. Sie hat eine starke Bühnenpräsenz, verzaubert das Publikum mit ihrer rauchigen Stimme (und diesen Wimpern!), bringt zum Ausdruck, wie es vielen Frauen nach dem Krieg geht. Die tiefen Verletzungen wirken in die Aufbruchstimmung hinein und fordern ihren Tribut an Körper und Seele. Sie ist meist in Weiß gekleidet und gibt alles. Ein Interview folgt dem nächsten, immer rauchend und unbezahlt, wie sie erzählt, ihre Antworten entwaffnend ehrlich, intelligent und selbstbewusst.

Schriftstellerin

Als alle glaubten, Hildegard Knefs Karriere sei endgültig vorbei, landet sie mit ihrer Autobiographie „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ (1970) einen Weltbestseller. Wieder hat sie sich mit ihrem blonden Schopf aus dem Abgrund gezogen. Nachdem sie sich von ihrem Mann und Manager David Cameron, dem Vater ihrer einzigen Tochter Christina getrennt hat, heiratet sie den 16 Jahre jüngeren Paul von Schell, der sie bis zu ihrem Tod begleitet. 37 Operationen, ständig mit Schlagzeilen in der Boulevardpresse, kämpft sie mehr oder weniger um ihr Leben. Sie steht offen zu ihren Schönheitsoperationen („In unserem Beruf wird Zeitlosigkeit verlangt – was bei Männern nicht verlangt wird“). Da ist sie aber schon gezeichnet von ihren schweren Krankheiten und ihrer Tablettensucht. Als sie 1986 in Hamburg ihr letztes Konzert gibt, erzählen ihre Tränen, wie schwer der Abschied von der Bühne ist. Hildegard Knef stirbt 2002, sie wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden.

Die Dokumentation zeigt die vielseitige Künstlerin mit all ihrer Höhen und Tiefen. Nichts wird schöngeredet, weder von ihrem letzten (dritten) Ehemann noch von ihrer Tochter, die als Bäckerin in Amerika arbeitet und das Erbe ausgeschlagen hat. Diese über ihre Mutter sprechen zu hören, mit aller Ehrlichkeit, aber auch sanften Kritik, ist von großem Wert. So wird „Ich will alles. Hildegard Knef“ zu einem Porträt einer Ikone, deren Sehnsucht nach künstlerischer Perfektion und medialer Beachtung immer einhergeht mit kaum zu bewältigender Belastung.

Nach dem Film möchte man unbedingt noch tiefer in den Kosmos Hildegard Knef eintauchen, sie als Schauspielerin erleben, ihre Lieder hören und Bücher lesen. Was will man mehr?