Vaterland: Pawel Pawlikowski (2026)

Lange hatte ich mich auf diesen Film gefreut, denn er erhielt in Cannes den Preis für die beste Regie. Sandra Hüller als Erika und Hanns Zischler als Thomas Mann, die im Trailer mit einem schwarzen Buick 49 durch ein zerstörtes Deutschland in Schwarz-Weiß fahren. Warum sich die beiden auf Deutschlandtour begeben, erfahren wir noch nicht. Hatte ich erst vor kurzem über „Wenn die Sonne untergeht“ von Florian Illies geschrieben, das den heißen Sommer der Familie Mann im Jahre 1933 beschreibt, so erfahren wir in „Vaterland“ mit den Augen der Manns, was aus dem Traum vom 1000-jährigen Reich geworden ist.

Where is home?

Eigentlich hätte auch Erikas Bruder Klaus (August Diehl) die beiden begleiten sollen, aber er lehnte strikt eine Rückkehr nach Deutschland ab. Immer wieder versucht Erika ihn am Telefon zum Mitkommen zu überreden, vergebens. So fährt sie ihren Vater im Jahre 1949, nach 16-jährigem Exil, zuerst nach Frankfurt, wo er eine Rede zum Goethepreis hält, die vollkommen aus der Zeit gefallen ist und das starre Publikum wenig berührt. Von Jazz und Schlagern geht es weiter ins sowjetisch kontrollierte Weimar, in die Stadt Goethes, wo ihm ebenfalls der eigens für ihn geschaffene Goethepreis überreicht wird. Goethes Haus am Frauenplan wird besichtigt, sein Sterbebett, sein Arbeitszimmer. Im Park an der Ilm, wo sein Gartenhaus steht, gibt es einen steifen Empfang, auch hier fühlt er sich fremd und verabschiedet sich schnell, um seine abwesende Tochter zu suchen. Er findet sie in ihrem Hotelzimmer, erschöpft und apathisch im Bett liegend, sie steht dem Rummel um ihren Vater skeptisch gegenüber und trauert um ihren Bruder. Nicht so der Vater, der von seinem Werk und seinem Einfluss überzeugt ist, obwohl die Zukunft von Deutschland in ganz anderen Händen liegt. Auch in Weimar trifft seine Rede ein Publikum, das mit Goethes Botschaft und Thomas Manns Sprache nichts anzufangen weiß. Sie ist aus der Zeit gefallen. Auf der Rückreise entkommen sie dem Jeep, der ihre Fahrt anführt, sie treten in eine Kirche ein und hören ein Orgelspiel. Hier kommt es zur einzigen Berührung, die auch Thomas Mann eine Emotion entlockt.

Was bleibt?

Der Film beschreibt die Rückehr nach Deutschland als eine Suche nach Heimat und Identität. Aber das Vaterland ist keine Heimat mehr und wird es niemals mehr sein. Um ein neues Deutschland mitaufzubauen, sind die Gräben zu tief. Es ist ein geteiltes Land in Schwarz-Weiß und Mann will sich von keiner Seite vereinnahmen lassen, weder von „Mickey Mouse noch von Stalin“. Besonders Erika als überzeugte Antifaschistin ist wenig kompromissbereit. Bezeichnend ist Erikas Zusammentreffen mit Gustaf Gründgens, ihrem Exmann, der von Joachim Meyerhoff gespielt wird. Seiner aufgeräumten Heiterkeit und Beschönigung kann sie nur eine schallende Ohrfeige entgegensetzen. Gründgens hatte sich dem Nazi-Regime angedient oder umgekehrt, und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Klaus Manns „Mephisto“ in Deutschland verboten wurde.

Was man aus dem Film lernen kann: Die Rückkehr in die Heimat nach dem Schrecken des 2. Weltkrieges ist für die Manns keine Option mehr, sie werden von den USA in die Schweiz übersiedeln. Hanns Zischler spielt Thomas Mann unahbar, ernüchtert, zunehmend „erschüttert, weil der Emigrant in Deutschland wenig gilt“.

Sandra Hüller verkörpert Erika Mann mit einer Zerbrechlichkeit und Klarsicht, die viel mehr als die Worte ihres Vaters vermitteln, was sie verloren hat und nie wieder finden wird. Und sie ist diejenige, die dem Vater auch Widerstand entgegensetzt.

Übrigens, nicht die Tochter war mit Thomas Mann auf dem Roadtrip, sondern seine Frau Katia. Schon am Anfang macht der Regisseur klar, dass er zuspitzt und verdichtet, Pawlikowski nennt seinen Film eine „dokumentarische Fantasie“: Dem Film schadet das nicht, denn die Botschaft erreicht das Publikum gewiss.

Die Odyssee (Christopher Nolan, 2026)

Wer hätte gedacht, dass ein Film über die Irrfahrten des Odysseus ein so großer Kinoerfolg werden würde? Nicht nur, dass der Stoff von Homer stammt und uralt ist, sondern auch dass es bereits unzählige gute Verfilmungen davon gibt. Was zeichnet die Neuverfilmung von Christopher Nolan aus dem Jahr 2026 aus, dass dieser Film von Anfang an die Massen in die Kinos lockte und bereits 1,1 Milliarden Dollar eingespielt hat?


Ein Held, der kein Held mehr ist

Odysseus´ Geschichte dürfte vielen bekannt sein. Er, der nicht wegen der schönen Helena in den Krieg ziehen wollte, wird dann doch in die Schrecknisse hineingezogen. Er muss seine geliebte Penelope (Anne Hethaway) und seinen Sohn Telemachos (Tom Holland) zurücklassen und zehn lange Jahre mit dem Heer der Griechen vor Troja ausharren. Nur durch seine List, das Trojanische Pferd, kann es eingenommen und zerstört werden.

Am Beginn steckt das riesige Holzpferd im Sand fest, die Griechen hätten es als Gastgeschenk für Athene zurückgelassen, versichert ihnen der herbeigeeilte Sinon (Elliott Paige) glaubhaft. Der Bote wird dafür geopfert, durchbohrt von zwei Speeren.

Vor- und Rückblenden erzählen den Beginn und Verlauf des Trojanischen Krieges, das Geschehen um Penelope im Palast in der Heimat und die beschwerliche Rückreise von Odysseus. Sie zeigen die vielen Opfer seiner „List“ und die Folgen seiner Hybris. Odysseus wird ihnen im Lauf seiner zehnjährigen Irrfahrt begegnen und im Reich der Toten mit ihrer Verbitterung konfrontiert werden. Besonders Sinon wirft ihm in dieser düsteren Landschaft seinen Verrat vor. Odysseus´ Reise zurück ins Heimatland ist eine Reise in die Abgründe seiner Seele. In Rückblenden sieht er sich immer wieder blutverschmiert auf einer Treppe in Troja sitzen, den Wahnsinn des Schlachtens und der Zerstörung betrachtend, den er entfacht hat.

Deswegen verweilt er sieben lange Jahre bei Kalypso (Charlize Theron), eingehüllt in eine Drogenwelt aus Lotusblüten, um seiner Schuld nicht ins Auge blicken zu müssen. Nach und nach kehren die Erinnerungen zurück.

Die Irrfahrt als Sühneopfer

Die Fahrt zurück nach Ithaka wird sich in die Länge ziehen und den trojanischen Helden klein und wehmütig machen. Er wird vielen Hindernissen und Monstern begegnen. Da er den menschenessenden Sohn des Poseidon, den Riesen Polyphem blendet, hat er einen mächtigen Gegner, den Meeresgott Poseidon. Sturm und Flauten, Meeresungeheuer und -strudel zeigen Odysseus, dass sein Ego hier wenig gefragt ist. Hunger treibt die Gefährten zur Zauberin Kirke (großartig gespielt von Samantha Morton), die sie in Schweine verwandelt, weil sie sich wie solche benehmen. Nur Odysseus darf den Gesang der Sirenen hören, der ihn fast in den Wahnsinn treibt und sein Gebrüll ist so verzweifelt, dass es nun in vielen Mimes zu hören ist. Und als Odysseus´ Männer, um nicht zu verhungern, die Rinder des Helios schlachten, ist ihr Schicksal besiegelt. Nur Odysseus wird die Stürme und Abenteuer überleben und als zerlumpter Bettler in die Heimat zurückkehren, wo ihn die gierigen Freier (besonders fies Robert Pattinson) erwarten. Der Showdown kann beginnen.

Warum Matt Damon den Film trägt

Der Verfilmung wird vieles vorgeworfen: die Crème de la Crème von Hollywood, englische Alltagsprache, keine griechischen Schaupieler, Götter und Sexszenen, eine schwarze Helena (Lupita Nyongó), Vikingerschiffe und falsche Kostüme und vieles mehr. Den Erfolg des Films scheint dies eher zu beflügeln.

Denn der Plot erhält eine zeitgemäße Deutung, die Musik unterlegt das Geschehen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, die Kamera (der erste Film, der durchgehend mit einer IMAX- Kamera gedreht wurde), ermöglicht das Eintauchen in das Geschehen, aber die Figur des Odysseus (Matt Damon) überwiegt alles.

So muskulös er ist, wirkt er wie ein antiker Held und könnte zum neuen Superhelden hochstilisiert werden. Er ist es nicht, denn er zeigt sich unsicher, verletzlich und zerrissen wie kein anderer Odysseus zuvor. Er ist nicht stolz auf seine Taten und prahlt nicht, sondern kehrt geläutert und reumütig in seine Heimat zurück. Nur logisch ist das Ende des Films. Nur Matt Damon konnte diesen gebrochenen, ausgezehrten Odysseus spielen.

Um es grob zusammenzufassen: Was auch immer über den Film gesagt werden kann, er bietet ein großartiges Kinoerlebnis, das nicht versäumt werden soll.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (Simon Verhoeven, 2026)

Der Titel stammt aus Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, den Generationen von Jugendlichen als Sinnbild von Sehnsucht, Leidenschaft und Scheitern lesen mussten, einen tragischen Bestseller aus dem 18. Jahrhundert. Auch Joachim Meyerhoff, einer der ganz großen Schauspieler des deutschen Theaters, hat mit seinen sechs autobiographischen Romanen Bestseller geschrieben. Wer diese Bücher gelesen hat, weiß, wie unterhaltsam, witzig und todtraurig sie sind, da sie das pralle Leben in alle seinen Höhen und Tiefen zeigen.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist das dritte aus der Reihe. „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (2011) handelt von seiner bewegten Jugend und dem Austauschjahr in Amerika. In „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2013) begleiten wir den jungen Joachim durch seine Kindheit, die er auf dem Areal einer psychiatrischen Anstalt verbringt, wo sein Vater als Arzt arbeitet. Und „Ach, diese Lücke“ (2015) beschreibt die Zeit, als er als Schauspielschüler bei seinen Großeltern in München lebt.

Joachim, die Großeltern und die Schauspielschule

Joachim Meyerhoff beschließt nach dem Unfalltod seines geliebten Bruders überraschend Schauspieler zu werden. Er möchte an die berühmte Falckenbergschule in München gehen. Das Aufnahmeverfahren ist gnadenlos, der Ansturm riesengroß, nur ganz wenig Auserwählte werden aufgenommen. Aber er schafft es mit nur einem Text, „Dantons Tod“, denn seine Großmutter hatte ihm abends Kaffee gegeben, um beim Vorsprechen richtig fertig zu sein. Sie war ja selbst eine berühmte Schauspielerin und auch Lehrerin an dieser Schule und wisse einige Tricks. Kaffee spielt ansonsten in der Villa der Großeltern keine große Rolle, Alkohol fließt in rauen Mengen von früh bis spät, Trink-Rituale prägen den Alltag der Großeltern. Am Morgen wird synchron mit Schnaps gegurgelt, der gleich hinuntergeschluckt wird, zum Frühstück gibt es Champagner, um 5 Uhr folgt ein doppelter Whiskey und am Abend Rotwein mit klassischer Musik. Dazwischen wird im Freien geturnt, gelesen, geschrieben und im nahen Schlosspark spazieren gegangen. Die liebvollen Großeltern, „mein Lieberling“ nennt ihn die Großmutter zärtlich, geben dem Enkel Halt und Sicherheit in einer stürmischen Zeit.

Denn Joachim kann sich zunächst in der Schauspielschule nicht entfalten, er ist gehemmt und kann mit vielen „befreienden“ Übungen („Brustwarzenlächeln“) nichts anfangen. Er schämt sich und fühlt sich dem großen Druck und der Konkurrenz nicht gewachsen. Nicht nur einmal droht ihm der Hinauswurf. Aber seine Großeltern stehen fest hinter ihm, relativieren und schließlich kann ihm die Großmutter sogar eine erste Filmrolle verschaffen. Dadurch steigt sein Ansehen an der Schule und am Ende der vierjährigen Ausbildung bekommt er sein erstes Engagement in Kassel. Jahre später werde ich Joachim Meyerhoff am Burgtheater in verschieden Rollen bewundern, die alle in lebendiger Erinnerung geblieben sind.

Warum „Ach, diese Lücke“ ein großartiger deutscher Film ist

Simon Verhoeven hat das Buch mit seiner Mutter Senta Berger in der Figur der exzentrischen Diven-Großmutter und Michael Wittenborn als schrulligen Philosophen-Großvater verfilmt. Der jugendlich-unverbrauchte Bruno Alexander spielt Joachim Meyerhoff mit all seinen Blockaden so überzeugend, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzuschauen. Wer ausgezeichnete Schauspielkunst bewundert, wird mehr als auf seine Kosten kommen, ist der Film doch eine Würdigung dieser Zunft. Simon Verhoeven hat seiner Mutter, die sich die Rolle zuerst gar nicht zugetraut hatte, einen Liebesdienst erwiesen („geniale Altersrolle“). Das übrige Ensemble ist ebenso treffend gewählt: Karoline Herfurth, Tom Schilling, Victoria Trauttmansdorff, Friedrich von Thun, David Striesow, Laura Tonke, alle diese großen Namen werden ihrem Ruf gerecht und zeigen, was sie können.

Die Verfilmung schafft es von Beginn an, einen jungen Mann in einer Lebenskrise aus liebevoller Distanz zu begleiten. Unser Held stirbt nicht an seinen hohen Erwartungen und einer bornierten Gesellschaft, sondern findet durch viel Unterstützung seine Bestimmung als Künstler. Leichtigkeit löst die Schwere ab, die ihn belastet und vom Leben zurückgehalten hat. Er kann nun seine Trauer und Verlorenheit für sein Spiel produktiv verwerten. Die Zeiten haben sich gottseidank geändert.

Regie, Soundtrack und Kamera untermalen das Geschehen subtil, alles zusammen ergibt einen unterhaltsamen und tiefgründigen deutschen Film, den Sie unbedingt sehen sollten. Mit aller seiner Leichtigkeit und Tragik, die man sich von einem echten Meyerhoff eben erwartet.

No Other Choice (Park Chan-wook, 2025)

Seit dem Filmfestival in Venedig letzten Jahres wird dieser Film gehypt, gespannt erwartete ich sein Erscheinen in Österreich. Ich mag die Filme von Regisseur Park Chan-wook sehr, seit ich „Joint Security Area“ gesehen habe. Dieser war einer der ersten, der mich in Kontakt mit dem koreanischen Kino brachte. „Oldboy“, „Die Taschendiebin“ und „Die Frau im Nebel“ (siehe meinen Blog, 2023) überzeugten mich dann endgültig, dass Park Chan-wook zu den großen Meistern des Kinos gehörte. Aber gilt dies auch für seinen neuesten Film „No Other Choice“? Dieser Film wird als bitterböse Satire auf den Kapitalismus, als eine Kapitalismusparabel (Der Standard) interpretiert.

Was definiert einen Mann?

Der Manager Man-su (Lee Byung-hun) verliert seinen Job in einer Papierfabrik, für den er sich 25 Jahre aufgeopfert hat. Amerikanische Investoren haben die Firma übernommen und „notwendige Rationalisierungen“ durchgeführt, sie hatten „No other choice“. Man-su, stolzer Familienvater mit hübscher Frau, zwei Kindern und zwei Golden Retriever, definiert sich über seinen Job. Er hat es zu Wohlstand gebracht, wohnt in einem modernen Betonbau mit großem Garten und Gewächshaus für seine Bonsaizüchtung. Die Entlassung bedeutet für ihn eine Hinrichtung, die er mit „Kopf ab“ andeutet.

Anfangs ist er davon überzeugt, dass er in drei Monaten einen ähnlich gut bezahlten Managerposten bekommen werde. Aber nach frustrierenden 18 Monaten als unterbezahlter Angestellter in einem Supermarkt ist die Abfindung aufgebraucht und ein neuer Job in weite Ferne gerückt. Seine Frau Mi-ri (Son Yejin) wird wieder Zahnarzthelferin bei einem feschen Chef, die Ausgaben müssen jedoch radikal eingeschränkt werden, keine teuren Hobbys mehr, kein Zweitauto und Netflixabo, auch die beiden Hunde werden weggegeben.

Nun ist guter Rat teuer, denn Man-su will auf keinen Fall sein Geburtshaus verlieren, schon gar nicht gesellschaftlich absteigen. So ersinnt er einen teuflischen Plan: Da einige potenzielle Konkurrenten, wie er mittels einer Fake-Ausschreibung ermittelt, ihn in einem Bewerbungsverfahren übertrumpfen würden, beschließt er diese auszuschalten. Er ersinnt grausame, teilweise so makabre Tötungsverfahren, dass das Lachen in Erschrecken umschlägt, untermalt von dröhnendem koranischem Schlager.  Seine Opfer erwecken Mitleid, sind sie doch selbst Opfer des kapitalistischen Systems, Gefeuerte, Säufer, Verlassene oder Devote, die sich nicht zu schade sind, auch in niedere Dienste zu gehen. Er lässt sich davon nicht beirren und ob er es tatsächlich schafft, den von ihm heiß begehrten Posten in der Papierindustrie wieder zu erobern, sei hier nicht verraten.

Weder Fisch noch Fleisch

Obwohl der Film für Korea in der Kategorie Bester internationaler Film ins Oscarrennen geschickt wurde, kam er nicht in die engere Auswahl. Verständlich, denn der Film ist weder Fisch noch Fleisch. Der Protagonist ist sowohl ein brutaler Killer als auch ein sorgender Ehemann und Vater, sein Denken und Handeln wird aber durch Gier und Männlichkeitswahn vernebelt. Er redet sich ein, keine andere Wahl zu haben. Er plant als Gewerkschafter keine Proteste gegen die amerikanische Übernahme oder solidarisiert sich mit seinen Leidgenossen. Immerhin deutet der Regisseur am Ende die Folgen seines mörderischen Treibens an. Einen allgegenwärtigen Konkurrenten hatte er nicht auf dem Schirm. Denn auch diesem fehlt Wärme, Zuversicht und Solidarität. Wie der Betonbau, in dem die Familie lebt, so steht es auch um den Protagonisten, roh und auf Funktionalität ausgerichtet.

Am Beginn grillt Man-su voller Stolz in seinem Garten den Aal, den er von seiner Firma bekommen hat. Er sieht das Geschenk als Auszeichnung für seine Verdienste um die Firma, in Wahrheit steht er für seine Kündigung. Er ruft Frau und Kinder zu einer innigen Umarmung zusammen, eine Familienidylle, Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 und fallende Blätter umrahmen das Geschehen. Der Abgesang an die Menschlichkeit wird begleitet von schönen Bildern und lauter Musik, die Brutalität der Handlung mittels Geblödel und Übertreibungen konterkariert, Gestik und Mimik der hervorragenden Schauspieler sind schrill und weisen auf den Wahnsinn hin, der die Hauptfigur antreibt. Slapstick, schwarzer Humor und eine kunstfertige Ausführung gegen die Gefahr, die den Zusammenhalt der Gesellschaft bedroht?  No other choice? Das kann nicht alles gewesen sein.

Der Salzpfad (Marianne Elliot, 2024)

Bücher und Buchverfilmungen über Weitwanderwege boomen nicht erst seit „Wild“ mit Reese Witherspoon. Wie Hape Herkerling („Ich bin ich dann mal weg“, 2015) und Bill Bennet („Mein Weg: 780 km zu mir“, 2024) sind täglich Kolonnen von Pilgern auf dem Jakobsweg und anderen Weitwanderwegen unterwegs, um etwaigen Lebens- und Sinnkrisen zu entkommen. Meist kehren sie geläutert und weitgehend gesund an Körper und Seele in ihr altes Leben zurück. Nun ist auch der Bestseller „Der Salzpfad“ (2018) von Raynor Winn, von dem weltweit über zwei Millionen Exemplare verkauft wurden, verfilmt worden und hat nicht wenig Aufmerksamkeit erregt.

Die Geschichte beginnt mit einem absoluten Tiefpunkt: Das Ehepaar Moth und Raynor Winn verliert alles, da eine Investition in das Unternehmen eines Freundes sie um ihr ganzes Hab und Gut gebracht hat. Zudem bekommt Moth kurz darauf die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die ihm nur wenige gute Jahre lässt. Die Familie muss innerhalb von fünf Tagen die kleine Farm in Wales räumen. Die beiden Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Da aber Moth nicht innerhalb von zwei Jahren sterben wird, fühlt sich die zuständige Sachbearbeiterin des Sozialamtes nicht zuständig, ihnen eine Notunterkunft bereitzustellen. Als einzige Alternative kommt ihnen in den Sinn, den South WestCoast Path zu gehen, der über 1000 Kilometer die südenglische Atlantikküste entlangführt.

Die Rücksäcke sind schwer, die Schlafsäcke von schlechter Qualität, und ein oranges Trekkingzelt schützt sie nur unzureichend vor Regen und Kälte. 40 Pfund pro Woche bleiben zum Überleben. Kann das gutgehen? Die ersten dreißig Kilometer sind hart, denn Moth hinkt und ist schwer von seiner Krankheit gezeichnet. Je länger sie unterwegs sind, umso leichter fällt das Gehen, bald trotzen sie allen Naturgewalten und kommen sich als Paar wieder näher. Sie unterstützen sich, nehmen aufeinander Rücksicht und schicken sich vertraute Blicke und Gesten. Sie begegnen guten und bösen Menschen, erleben kurze Glücksmomente und können auch ein bisschen anderen Obdachlosen helfen.

Der Ausgang der Geschichte sei hier natürlich nicht verraten, aber man kann ihn sich denken.

Gillian Anderson und Jason Issacs verkörpern ihre Rollen authentisch, von der anfängliche Entfremdung bis hin zur rührenden Lovestory. Beiden sieht man die Strapazen der Wanderung auch körperlich an: verbrannte Haut, aufgerissene Lippen, offene Wunden an den Füßen, Hungerblicke. Am Beginn der Wanderung geht Raynor noch kraftvoll voran, Moth humpelt schwerfällig hinterher, macht aber gute Miene zum bösen Spiel. Sie ist die realistische und überschaut die kargen Finanzen, meist ist es nur eine Handvoll von Münzen, die sie nicht gerne für „Luxus“ herausrückt. Je länger sie unterwegs sind, umso mehr kommt Moth zu Kräften und nach einem Tablettenentzug zur „Heilung“. Anderson und Isaacs  spielen so überzeugend, dass man ihnen jede Verzweiflung und Glücksregung in dieser atemberaubenden, unwirtlichen Landschaft abnimmt. Ihnen zuzuschauen, wie sie diese Herausforderungen meistern, ist großes Kino. Die Vögel werden für sie Symbol der Freiheit, für alles, was sie verloren haben und durch den Verlust wiedererlangt haben: Moth: „Ein Haus ist nur eine Unterkunft. Aber wahre Freiheit habe ich erst auf dem Weg gefunden.“ Man glaubt ihnen alles und begleitet sie gerne auf diesem Weg.

Leider entspricht die Geschichte, die Raynor Winn im „Salzpfad“ erzählt, nicht ganz den wahren Begebenheiten.  Nach Recherchen einer Journalistin des Observer sind die Voraussetzungen doch brüchiger, als sie in dem Bestseller dargestellt werden. Das sollte man nicht im Hinterkopf haben, wenn man sich „Der Salzpfad“ im Kino anschaut. Ändert es etwas an der Qualität des Filmes und der Schauspieler? Nein. Aber wenn man darüber nachdenken würde, dass die Autobiographie vielleicht zu sehr geschönt war, dann bekommt das Ganze doch einen unguten Nachgeschmack.

Man könnte es aber auch so sehen: Die Regisseurin Marianne Elliot hat mit Gillian Anderson und Jason Isaacs einen schönen Liebesfilm geschaffen, der seinesgleichen in der heutigen Zeit sucht. Einen Aufmunterungsfilm, dass alles zu schaffen ist und auch die schlimmste Krise ein glückliches Ende haben kann. Wahrheit hin oder her.

Warum „Flow“ der beste Animationsfilm ist

„Flow“ wurde bei der diesjährigen Oskar-Verleihung mit dem Oskar als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Schon vorher hatte der Film aus Lettland einen Golden Globe und viel Aufmerksamkeit bei Festivals erhalten. Was macht diesen weniger als 4 Mio. teuren Film so besonders, dass er gegen „Vaiana 2“ gewinnen konnte, dessen Produktionskosten 989 Millionen US-Dollar betrugen?

Die Katastrophe

Eine junge Katze streunt durch den Wald, sie wird von einer Meute Hunde gehetzt, ist eine Einzelgängerin, hat große Angst vor Wasser und kehrt schließlich in ihr Haus zurück, um im Bett eines Katzenliebhabers zu schlafen. Im Garten stehen riesige Katzenfiguren, aus Holz geschnitzt, im Erdgeschoss sind Skizzen der Katze zu sehen. Das Haus ist verlassen, die Menschheit scheint ausgelöscht, nur mehr der Zerfall und Ruinen verweisen auf die Spuren menschlicher Existenz. Hatte es eine Umweltkatastrophe gegeben? Was war passiert?

Auf einem ihrer Streifzüge durch eine idyllische Natur kommt ihr eine Herde Wild in rasendem Tempo entgegen, der kurz darauf eine riesige Flutwelle folgt. Jetzt beginnt ihr Überlebenskampf, sie wird vom Wasser mitgerissen, es rauscht und dröhnt, gurgelt und zischt, verschlingt und gibt sie endlich frei. Die Panik ist ihren großen gelben Augen anzusehen, wir haben große Angst um sie und können erst aufatmen, als sie sich erschöpft auf ein leuchtend oranges Segelboot rettet. Dort ist sie nicht allein, denn ein faules Wasserschwein hat es bereits in Besitz genommen. Zunächst herrscht Angst und Misstrauen zwischen den beiden Tieren. Mehr und mehr Tiere suchen Schutz im Boot: ein gutmütiger Golden Retriever, ein raffgieriger Lemur und ein verletzter Sekretärsvogel, der bald das Steuer übernimmt. Nach und nach baut sich Vertrauen auf, denn die Tiere können nur überleben, wenn sie kooperieren. Es warten noch viele Gefahren und Herausforderungen auf sie und alle fünf lernen über sich hinauszuwachsen. Die Katze muss ihre Unabhängigkeit aufgeben, ihre Angst vor den Abgründen des Wassers überwinden, um Fische zu fangen. Der habgierige Lemur lernt zu teilen und der sanfte, verspielte Hund entwickelt Eigeninteressen.

Die tierische Gemeinschaft segelt ins Unbekannte, in eine Welt voller bedrohlicher Naturgewalten, atemberaubender Schönheit und gefährlicher Feinde. Es geht um Leben und Tod, um einen sicheren Bleibeort, um Gemeinschaft und vor allem um eine Welt, die ihre Schönheit und Gefährdung offenbart. Auf der Mastspitze hockend, fasziniert von gefluteten Ruinenstädten und einem aus der Tiefe hervorgelockten Urzeitwal, begleiten wir die Katze auf dieser Odyssee.

Der Neubeginn

In einer außer Band und Rand geratenen Natur, so die Aussage des Films, kann man nur überleben, wenn man das Eigeninteresse zurücksetzt und soziale Fähigkeiten entwickelt, ohne seine Individualität aufzugeben. Da der Film keine menschliche Sprache verwendet, werden die Tiere nicht vermenschlicht, sondern kommunizieren nur durch tierische Laute, Gesten und Mimik. Realistische Stimmen der jeweiligen Tiere wie Miauen, Grunzen und Zwitschern wurden eingesetzt und auch die Musik treibt die Handlung auf dramatische Weise voran. Die Tiere behalten ihre Eigenschaften bei, sie verhalten sich wie Tiere und wer Katzen und Hunde liebt und gerne beobachtet, wird sie in ihren Eigenheiten wiedererkennen. Das Großartige ist, dass der Film auch ohne Dialoge funktioniert und jeder die Handlung versteht, weil man sich emotional mit den Tieren und der Geschichte verbindet. Um das zu erreichen, so sagte der Regisseur Gints Zilbalodis in einem Interview, mussten sehr viele Katzenvideos geschaut werden. Dass er selbst eine schwarze Katze und einen Golden Retriever hat, erleichterte sicherlich seine Arbeit.

Der Film wurde mit der frei verfügbaren Software Blender, einer 3D-Grafiksoftware, hergestellt. Die verschiedenen Formen und Zustände von Wasser, die Wasserspiegelungen und Geräusche, originalen Tiersounds werden so realistisch dargestellt, dass man in den „Flow“ des bildgewaltigen, emotionalen Filmes hineingezogen wird und Raum und Zeit völlig vergisst.

Es brauchte dazu einen jungen lettischen Regisseur und ein sehr kleines Team aus Europa, gepaart mit viel Mut und Kreativität zu Neuem.

Die Saat des heiligen Feigenbaums (Iran, 2024)

Schon bei der Viennale hatte ich versucht, Karten für diesen hochgelobten Film zu bekommen. Sie waren nach wenigen Minuten ausverkauft. Viele hatten von den gefährlichen Umständen der Entstehung des Films bereits bei den Filmfestspielen in Cannes erfahren, denn er wurde heimlich im Iran gedreht. Der Regisseur konnte sich nur durch Flucht vor einer langjährigen Haftstrafe und Peitschenhieben nach Europa retten. Eines sei vorweggenommen: „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof dauert über drei Stunden und wird Sie bis in die Träume hinein verfolgen.


Dabei fängt die Geschichte recht harmonisch an. Eine Familie lebt gut situiert in Teheran, Iman, der strenggläubige Vater wird zum Ermittlungsrichter am Revolutionsgericht befördert, ein Wunsch, den er für 20 Jahre gehegt hat. Die Mutter Najmeh erhofft sich dadurch eine größere Wohnung, die beiden Töchter sollen endlich ein eigenes Zimmer bekommen. Der Aufstieg des Vaters innerhalb des Regimes würde ein luxuriöses Leben, wenn auch mehr Pflichten für die Familie ergeben. Kurze Zeit später gerät diese Hoffnung in Schieflage. Der Vater muss erkennen, dass er einen ungewollten Pakt eingegangen ist, da er nun lange Gefängnisstrafen oder Todesurteile, ohne viel Prüfung, unterschreiben muss. Wenn nicht, sei es vorbei mit dem besseren Leben. Die Mutter, ganz um das Wohl ihres Ehemannes besorgt, gibt ihm Schlaftabletten, damit er die aufschreckenden Alpträume bezwingen kann. Die beiden Töchter, Rezvan 21 und Sana 16 Jahre alt, schicken sich heimlich Videos zu, die die Proteste gegen das autoritäre Regime zeigen. Ausgelöst wurden diese durch den Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Der Vorfall hatte zu den größten landesweiten Protesten für Frauenrechte im Iran geführt. Entsetzt schauen sich die Töchter die brutalen Videos von Polizeiübergriffen an und sympathisieren immer mehr mit der Bewegung „Frauen. Leben. Freiheit“. Als dann noch die beste Freundin der älteren Tochter schwer verletzt wird, brechen die Gräben auch innerhalb der Familie auf und alle werden gezwungen, Farbe zu bekennen.


Jetzt nach zwei Jahren der gewaltsamen Niederschlagung scheint wieder Ruhe im Iran eingekehrt zu sein. Viele DemonstrantInnen, vor allem junge Mädchen, sind, wenn nicht ermordet, körperlich und seelisch, wie die beste Freundin, schwer gezeichnet. Darauf nimmt der Film Bezug und holt die Gräueltaten des Regimes aus dem Jahre 2022 in unsere Kinos. Rasoulof selbst saß während der Proteste in einem iranischen Gefängnis. So konnte er die Ereignisse erst im Nachhinein mittels Handyaufnahmen mitverfolgen. Diese sind in die Handlung des Films eingebaut. Auf die Freude der Frauen, die singend und tanzend mit wallenden Haaren durch die Straßen ziehen, folgen Blut und Tränen, Schüsse und Verhaftungen.
Alles, was an schönen Kindheitserinnerungen an einen liebvollen Vater vorhanden ist, wird mehr und mehr zerstört, als die beiden Töchter dem Vater widersprechen. Die Brutalität und Paranoia des Regimes finden ihre Entsprechung im Handeln des Vaters. Nun geht es um Überleben oder Tod. Der Vater kehrt in das einsame Haus seiner Kindheit zurück, vordergründig um seine Familie zu beschützen, in Wirklichkeit, um sie zu verhören.


Was den Film so beklemmend macht, ist, dass man in einem warmen Grazer Kino sitzt, um sich herum die Vielfalt der österreichischen Bevölkerung, auch einige IranerInnen. Wir, mit all unseren Rechten und Freiheiten, werden mit einer patriarchalischen Gesellschaft konfrontiert, in der Frauen mit all ihrem Mut und Einsatz um Freiheit und Würde kämpfen und wieder einmal scheitern.
Gibt es Hoffnung für die Frauen im Iran? (Siehe meine Filmkritik zu „Hit the Road“) Nach der Aussage des Filmes auf jeden Fall. Der Film wird im zweiten Teil zu einem Psychothriller, ist so spannend und verwirrend, gleich einem Labyrinth, dass man ganz erstarrt, dort selbst lange feststeckt.


Mohammad Rasoulof sagte in einem Interview, dass er zwei Stunden Zeit hatte, um vor der drohenden Verhaftung das Land zu verlassen. Er habe die Tür seines Hauses in Teheran abgeschlossen, Abschied von seinen geliebten Pflanzen genommen und sei dann aufgebrochen, um weiterhin Geschichten aus seiner Heimat erzählen zu können.

Die Frau im Nebel (2023)

Seit meine jüngere Tochter ihre Masterarbeit über koreanische Filme geschrieben hat, bin ich ein Fan von koreanischem Kino. Selten wurde ich von den Produktionen enttäuscht, meist ging ich mit einem Gefühl der Erfüllung und Freude, einen wirklich guten Film gesehen zu haben, aus dem Kino. Dies gilt auch für Serien, die mich mithilfe von Netflix in Österreich erreichen. Der Film „Die Frau im Nebel“ („Decision to leave“) ist derzeit in vieler Munde, wird rege in den Zeitungen besprochen und natürlich sah ich den Film in Originalsprache mit deutschen Untertiteln. Ich mag das Koreanische, es hat etwas Urgewaltiges, etwas Tiefes, man glaubt sich in einem Land, in dem es noch echte, unverfälschte Emotionen gibt, die einen wie das Meer mitreißen.

Davon handelt der Film. Eigentlich ist es ein Film Noir, es gibt einen Mord, einen Kommissar und eine Verdächtige. Kommissar Hae-joon (Park Hae-il) bemüht sich mit großer Hingabe, einen Selbstmord (oder war es ein Mord?) aufzuklären. Ein Mann ist von einem Felsen gestürzt. Er verhört, observiert die verdächtige Ehefrau Seo-rae (Tang Wie) und ist misstrauisch, wie es sich für einen guten Kommissar gehört. Sie ist Chinesin, die von ihrem Mann, der in der Ausländerbehörde arbeitete, eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte. Dafür wird sie misshandelt und seine Initialen sind in ihrem Körper eingraviert. Hatte sie aber überhaupt die Möglichkeit, ihn von einem hohen Felsen in den Tod zu schicken? Denn sie pflegt hingebungsvoll alte Menschen und hat ein stichfestes Alibi. Sie könne es nicht gewesen sein. Außerdem übernimmt sie bald auch die Pflege des an Insomnie leidenden Kommissars, den sie mit Atemübungen in den Schlaf wiegt. Natürlich sind die Grenzen zwischen Beruf und Privatem längst überschritten, er kocht für sie ein „singuläres“ chinesisches Gericht und obwohl schon mit der Angeklagten emotional tief verstrickt, findet er immer mehr Indizien, die darauf hinweisen, dass sie doch die Mörderin sein könnte.

So bricht er alle Zelte in Busan ab und kehrt nach Ipo zu seiner emanzipierten Frau zurück, mit der er über 16 Jahre eine Wochenendehe geführt hatte, wo es außer Nebel und Schildkrötenentführungen keine anderen Verbrechen gibt. Aber eines Tages begegnet das Paar auf dem Fischmarkt einem anderen Paar, Seo-rae und ihrem Mann, und kurze Zeit später passiert ein Mord. Ihr neuer Mann ist ermordet worden. Und alles beginnt von vorne.

Die Aufklärung der Morde, die ja einen guten Krimi ausmacht, wird kunstreich und fast nebenbei erzählt. Aber kommt die Gerechtigkeit zum Durchbruch, werden die Morde gesühnt? Dies soll hier natürlich nicht verraten werden, aber eines schon: Verwirrende Gefühle kommen dem Kommissar in die Quere und lange ist man sich nicht sicher, ob er nicht von der Angeklagten manipuliert wird, damit sie erreicht, was ihr Ziel ist. Das Interessante ist, wie sehr wir verstehen können, warum der Kommissar so stark auf die Verdächtige reagiert. Wie bedürftig er ist, in einem Leben, das von ungeklärten Morden und zu viel Pedanterie überschattet wird, in einen erholsamen Schlaf zu fallen und aus seinem geordneten, sterilen Leben auszubrechen. Auch er sehnt sich nach Kontrollverlust, nach Leidenschaft, um die quälenden Bilder der Mordopfer vergessen zu können. Er kocht, putzt, sorgt sich, beobachtet und hält mittels Apple Watch alles fest, ist körperlich fit, kann kombinieren und verzweifelt.

Natürlich geht es, wie sich am Schluss herausstellt, vor allem um Liebe und wer wen mehr liebt und bereit ist, dies auch durch Taten zu zeigen. Es ist sehr überraschend, dass die Irrungen und Wirrungen der Liebe so sanft und zart den Film begleiten, obwohl der Film nur ganz wenige  Berührungen zeigt. Am Ende wird man erschüttert sein, wohin das Katz-und-Maus-Spiel führt.

Um den Film wirklich zu verstehen, muss man ihn zweimal sehen, alles ist kunstvoll angelegt und wird erklärt. „Die Frau im Nebel“ lässt einem zurück mit starken Gefühlen und der Sehnsucht, dass man gerne wieder in Korea wäre, um in Busan den Fischmarkt entlang zu schlendern, Soju trinkend und frischen Aal essend, die prächtigen Tempel dort besuchend und vor allem das gewaltige Meer, das am Schluss die Wahrheit ans Licht bringt.

Ein großartiger Film von Park Chan-wook , der dafür in Cannes den Preis für die beste Regie gewonnen hat, getragen durch die beiden Hauptdarsteller und dem Konflikt zwischen Liebe und Gerechtigkeit.

The Banshees of Inisherin (2022)

Freundschaft ist ein wunderliches Ding, sie kann entstehen und vergehen, man wünscht sich, dass sie ewig hält, aber sie ist sehr zerbrechlich. Sei es, dass man sich auseinanderentwickelt, dass zu viele Missstimmungen hineingeraten oder ein einziger Verrat nicht mehr zu kitten ist. Beste Freunde gibt es viele und man hofft, dass man wenigstens einen/eine im Leben hat.

Um Freundschaft geht es in dem irischen Film „The Banshees of Inisherin“, genauer gesagt um eine, die abrupt aufgekündigt wird. Man begibt sich in die zwanziger Jahre auf eine einsame irische Insel von abweisender Schönheit, besiedelt von vereinzelten Höfen und kargen Menschen. Mittelpunkt des sozialen Lebens ist wochentags das Pub und am Sonntag die Kirche. Hier begegnen wir Padraic (Colin Farrell), der gerade unterwegs ist, seinen Freund Colm (Brendan Gleeson) zum täglichen Pubbesuch abzuholen. Glücklich und leichten Schrittes geht er den Hügel hinab zum Haus seines Freundes, idyllisch am Meer gelegen. Aber der macht ihm nicht auf, später erfährt er den Grund: „I just dont`t like you no more.“ Padraic kann und will den Abbruch nicht akzeptieren. Die Insel und die Auswahl an Freunden ist klein, er lebt zwar mit seiner klugen Schwester Siobhan (Kerry Condon) harmonisch zusammen, die leidenschaftlich gerne liest. Er hingegen liebt die Käseherstellung und seine Tiere, vor allem aber seine Eselin Jenny und erfreut sich daran, ausführlich über sie zu erzählen. Colm, der ein alternder Folkmusiker ist, findet das nun langweilig und möchte sich fortan als Künstler ganz seinem Werk widmen, um von der Nachwelt nicht vergessen zu werden. Die Freundschaft zu Predraic mit seinem einfachen Gemüt steht seiner Selbstverwirklichung als Musiker im Weg.

Was passiert, wenn einer das plötzliche Ende einer langen Freundschaft nicht verstehen und akzeptieren will und der andere es aber bitterernst meint? Davon handelt der Film, er erzählt von der Schönheit einer kleinen irischen Insel, auf der nur wenige Menschen leben, er erzählt und Chancen und Möglichkeiten, von Enge, menschlichen Schwächen und Destruktion. Am Festland tobt der irische Bürgerkrieg, der manchmal mit Rauch und Detonationen herüberschallt. Dieser findet nun auf der Insel sein Gegenüber in Form von zwei Männern, deren ehemalige Freundschaft mehr und mehr übergeht in Wahnsinn und Gewalt. Kälte und Starrsinn dringen in den Kosmos des kleinen Dorfes ein, in dem die Welt oberflächlich geordnet und harmonisch erscheint, aber sich nun Abgründe auftun. Der Streit eskaliert immer mehr, jede Vernunft geht verloren und schließlich stehen sich die beiden Protagonisten in tödlicher Feindschaft gegenüber. Der herzensgute und tierliebende Padraic rüstet zum Vernichtungsfeldzug.

Colin Farrell spielt Padraic mit einer so großen Wärme und Offenheit, sodass schwer zu verstehen, warum Colm nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Er ist ein guter Mensch, nett, verträglich, friedfertig und möchte, dass alles so bleibt wie immer. Colm Doherty, der von Brendon Gleeson verkörpert wird, ist um einiges älter, seine Verzweiflung und Einsamkeit haben sich tief in sein Gesicht eingekerbt. Er erkennt seine Endlichkeit, möchte dem Mittelmaß entkommen und als Künstler unsterblich werden und nimmt sich die Freiheit heraus, dies gegen alle äußeren Hindernisse und sozialen Gepflogenheiten zu tun.

Es ist dem Regisseur Martin McDonagh zu verdanken, dass man für beide Männer Sympathien entwickeln kann, denn niemand ist eindeutig und klar im Recht bzw. Unrecht. Der Bürgerkrieg, der am Festland tobt, setzt sich auf der friedlichen Insel fort. Die Banshee, die Todesfee, ist allgegenwärtig und verbreitet schon lange Angst und Schrecken.

Nachdem man den Film gesehen hat, ist gewiss: Trotz vieler witziger Dialoge und schöner Landschaft ist die Handlung rau, unvorhersehbar und verlangt einem einiges ab. Aus den ersten dreißig Sekunden von Glück und Heiterkeit ist ein Meer von Schuld und Trauer geworden, die beiden großartigen Schauspieler haben das Ihre dazu beigetragen.

 “But You´re Mine” (Licorice Pizza, 2022)

Wenn man Paul Thomas Andersons hochgelobten Film „Magnolia“ aus dem Jahr 1999 sieht, ist man  ganz nahe an Menschen, die samt und sonders gescheitert sind, man sieht rücksichtslosen, erfolgreichen weißen Männern beim Sterben zu, Frauen, die nicht genau hingesehen haben oder nur auf das Geld der Männer aus waren, und erwachsene Kinder, die an diesen Familienverhältnissen zerbrochen sind: Der Sohn ist ein selbstgefälliger, aggressiver und frauenfeindlicher Sex Guru geworden, die Tochter, menschscheu und neurotisch, hat sich vollkommen in der Drogenwelt verloren.

Nun hat Anderson einen Film gedreht, der uns in die siebziger Jahre nach Los Angeles, genauer gesagt, hinunter ins San Fernado Valley führt. Hauptfiguren sind diesmal vom Leben unverbrauchte Jugendliche. Der Coming-of Age-Film zieht alle Register, die man erwartet: Die erste große Liebe eines Fünfzehnjährigen, die nicht so leicht zu erobern ist, weil die Angebetete schon 25 ist und mit dem aufdringlichen, aber selbstbewussten Grünschnabel noch nichts anzufangen weiß. Dieser kann sich jedoch schon geschickt als Kinderstar vermarkten, hat seine eigene PR-Agentur, gründet eine Firma, die Wasserbetten verkauft, eröffnet einen Flipperladen, will Profit machen und einfach hoch hinaus im Leben. Dabei unterstützt ihn die volljährige Alana und lässt sich für allerlei Dienste und Jobs einspannen. Gemeinsam erleben und überleben sie jugendlichen Leichtsinn, tricksen präpotente Käufer aus und lassen sich so einiges an Schabernack und Zerstörung einfallen. Ständig sind sie unterwegs, im Auto oder Lastwagen, so fährt Alana wegen der Ölkrise wagemutig einen Laster rückwärts den Berg hinunter. Auch wird viel gelaufen, immer aufeinander zu und dann wieder voneinander weg, Ideen werden geboren und wieder verworfen, man trinkt Pepsi mit Eis, lacht viel und hört Wohlfühlmusik von Sunny & Cher bis David Bowie. Ein Leben, wie man es sich für Jugendliche in Los Angeles in den Siebzigern vorgestellt hat, aufregend und leicht, ewiger Sonnenschein, alles ist möglich, viel Freiheit und Spaß miteinander. Nur in der Liebe geht es nicht voran, die Annäherung zwischen den beiden will nicht klappen, obwohl sie ständig zusammen sind. Andere Partner werden ausprobiert, die entweder dem Vater von Alana zu wenig jüdisch oder Gary zu jung und unerfahren sind, sodass nichts dabei herausschaut.

Jugend und Unbeschwertheit zeichnen „Licorice Pizza“ aus, man ist jede Minute mittendrin in dieser bunten Pastellwelt. Man erfreut sich an Alana, die lange Haare und Miniröcke trägt, und auch ohne Make-up umwerfend schön ist, und an Gary, der in engen weißen Hosen, Pickeln im Gesicht und ein bisschen zu viel auf den Hüften einfach nur sexy ist.

Diese beiden Figuren tragen den Film und stellen alle anderen in den Schatten: Alana (gespielt von der Indie-Musikerin Alana Haim) und Gary (Cooper Hoffman, er ist der Sohn von Philip Seymour Hoffman). Beide spielen ihre Rolle, die ihre erste ist, so großartig, dass man jede Sekunde gebannt in ihre Gesichter und auf ihre Körper schaut. Man freut sich über jedes Lächeln, das ihnen das Leben und die Liebe schenkt, fiebert mit, wenn sie wieder einmal durch die Straßen laufen, ist gespannt, was sie sich zu sagen haben, ob sie einander endlich berühren, und fühlt das Knistern, das zwischen ihnen herrscht und nach Erfüllung strebt.

Möglicherweise ist es das, was der Film uns sagen will: Wie wenig man in seiner Jugend erkennen kann und wie sehr man im Nebel der Erwartungen anderer herumschwirrt, seien es gesellschaftliche Konventionen, Familie oder Freunde. Der Film bricht Tabus, deckt Verlogenheiten auf und fordert Wahrhaftigkeit ein. Wie schwer dies schon in der Jugend ist, zeigt der Film anhand dieses ungleichen Paares.