Vaterland: Pawel Pawlikowski (2026)

Lange hatte ich mich auf diesen Film gefreut, denn er erhielt in Cannes den Preis für die beste Regie. Sandra Hüller als Erika und Hanns Zischler als Thomas Mann, die im Trailer mit einem schwarzen Buick 49 durch ein zerstörtes Deutschland in Schwarz-Weiß fahren. Warum sich die beiden auf Deutschlandtour begeben, erfahren wir noch nicht. Hatte ich erst vor kurzem über „Wenn die Sonne untergeht“ von Florian Illies geschrieben, das den heißen Sommer der Familie Mann im Jahre 1933 beschreibt, so erfahren wir in „Vaterland“ mit den Augen der Manns, was aus dem Traum vom 1000-jährigen Reich geworden ist.

Where is home?

Eigentlich hätte auch Erikas Bruder Klaus (August Diehl) die beiden begleiten sollen, aber er lehnte strikt eine Rückkehr nach Deutschland ab. Immer wieder versucht Erika ihn am Telefon zum Mitkommen zu überreden, vergebens. So fährt sie ihren Vater im Jahre 1949, nach 16-jährigem Exil, zuerst nach Frankfurt, wo er eine Rede zum Goethepreis hält, die vollkommen aus der Zeit gefallen ist und das starre Publikum wenig berührt. Von Jazz und Schlagern geht es weiter ins sowjetisch kontrollierte Weimar, in die Stadt Goethes, wo ihm ebenfalls der eigens für ihn geschaffene Goethepreis überreicht wird. Goethes Haus am Frauenplan wird besichtigt, sein Sterbebett, sein Arbeitszimmer. Im Park an der Ilm, wo sein Gartenhaus steht, gibt es einen steifen Empfang, auch hier fühlt er sich fremd und verabschiedet sich schnell, um seine abwesende Tochter zu suchen. Er findet sie in ihrem Hotelzimmer, erschöpft und apathisch im Bett liegend, sie steht dem Rummel um ihren Vater skeptisch gegenüber und trauert um ihren Bruder. Nicht so der Vater, der von seinem Werk und seinem Einfluss überzeugt ist, obwohl die Zukunft von Deutschland in ganz anderen Händen liegt. Auch in Weimar trifft seine Rede ein Publikum, das mit Goethes Botschaft und Thomas Manns Sprache nichts anzufangen weiß. Sie ist aus der Zeit gefallen. Auf der Rückreise entkommen sie dem Jeep, der ihre Fahrt anführt, sie treten in eine Kirche ein und hören ein Orgelspiel. Hier kommt es zur einzigen Berührung, die auch Thomas Mann eine Emotion entlockt.

Was bleibt?

Der Film beschreibt die Rückehr nach Deutschland als eine Suche nach Heimat und Identität. Aber das Vaterland ist keine Heimat mehr und wird es niemals mehr sein. Um ein neues Deutschland mitaufzubauen, sind die Gräben zu tief. Es ist ein geteiltes Land in Schwarz-Weiß und Mann will sich von keiner Seite vereinnahmen lassen, weder von „Mickey Mouse noch von Stalin“. Besonders Erika als überzeugte Antifaschistin ist wenig kompromissbereit. Bezeichnend ist Erikas Zusammentreffen mit Gustaf Gründgens, ihrem Exmann, der von Joachim Meyerhoff gespielt wird. Seiner aufgeräumten Heiterkeit und Beschönigung kann sie nur eine schallende Ohrfeige entgegensetzen. Gründgens hatte sich dem Nazi-Regime angedient oder umgekehrt, und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass Klaus Manns „Mephisto“ in Deutschland verboten wurde.

Was man aus dem Film lernen kann: Die Rückkehr in die Heimat nach dem Schrecken des 2. Weltkrieges ist für die Manns keine Option mehr, sie werden von den USA in die Schweiz übersiedeln. Hanns Zischler spielt Thomas Mann unahbar, ernüchtert, zunehmend „erschüttert, weil der Emigrant in Deutschland wenig gilt“.

Sandra Hüller verkörpert Erika Mann mit einer Zerbrechlichkeit und Klarsicht, die viel mehr als die Worte ihres Vaters vermitteln, was sie verloren hat und nie wieder finden wird. Und sie ist diejenige, die dem Vater auch Widerstand entgegensetzt.

Übrigens, nicht die Tochter war mit Thomas Mann auf dem Roadtrip, sondern seine Frau Katia. Schon am Anfang macht der Regisseur klar, dass er zuspitzt und verdichtet, Pawlikowski nennt seinen Film eine „dokumentarische Fantasie“: Dem Film schadet das nicht, denn die Botschaft erreicht das Publikum gewiss.