Laura Freudenthaler: Iris (2026)

Was macht eine Schriftstellerin so das Jahr über? Sie reist und reist, besucht Kulturinstitute in ganz Europa, in den USA und in Indien auf der Suche nach Stoff für ein neues Buch. Sie hat einige Freundinnen, die auch Künstlerinnen sind und einen Fotografen als Freund, Anton, mit dem sie ihre Sexualität ausleben kann. Das könnte jetzt einen Roman über ein abenteuerliches Leben ergeben, aufregend zu lesen und voller intellektueller Begegnungen, wenn uns nicht die Form des Romans Hürden in den Weg legen würde.

Ein Leben unterwegs in dreizehn Sätzen

Richtig, denn der Roman „Iris“ ist in 13 Kapitel unterteilt und jedes Kapitel, das ungefähr zehn bis zwanzig Seiten umfasst, besteht nur aus einem einzigen Satz. Im ersten Kapitel wartet Iris, so heißt die Protagonistin, am Flughafen, nimmt die Ereignisse im Gespräch mit ihrem Freud nach ihrer Rückkehr vorweg, der Flug führt sie an Institute für deutsche Sprache in die USA, nach Chicago, wo sie in einem Seminar über ihr Buch spricht, das auf wenig Interesse bei den Studenten trifft, von dort geht es nach New York, zu einem Abendessen mit Literaturmenschen, bei dem eine Kritikerin ihr von der Hexenjagd in Salem, Neuengland, Ende des 17. Jahrhunderts, erzählt, alles in einem einzigen Satz, nur durch Beistriche getrennt, 9 Seiten lang. So verschmelzen die Erzähl- und Zeitebenen, die Perspektive der Ich-Erzählerin wechselt zur 3. Person, so rastlos wie Iris durch die Welt hetzt, ist auch der Schreibstil von Laura Freudenthaler.

Über Geschlechtergewalt und Kriege

Oft sind es Gewalterfahrungen, die Frauen angetan wurden und werden, mit denen Iris sich beschäftigt. Die Berichte über die Hexenprozesse sind grausame Foltergeschichten. Auf Kriege wird immer wieder Bezug genommen. Anton sagt während eines sadomasochistischen Spiels: „(…) der Krieg ist das grundlegende Prinzip allen Lebens und der Natur selbst“, worauf Iris antwortet: „(…) der Krieg ist deshalb in den Menschen, weil er immer und immer wieder weitergeben wird (…)“ (Iris, S. 28). Gewalt ist auch in ihrer Beziehung präsent, Iris lässt sich von Anton anketten, schlagen, würgen, alles einvernehmlich. Danach fragt Anton: „(…) bist du jetzt friedlich? (…)“

Von ihren rastlosen Reisen kehrt Iris kurz in ihre Wiener Wohnung zurück. Dort schreibt sie und hält die Blätter auf ihrem Schreibtisch mit einem gläsernen Briefbeschwerer in zeitlicher Reihenfolge zusammen. Das Schreiben ist für sie eine Strategie, um mit der Überforderung durch die Bilderflut aus grausamen Zeiten und der modernen Welt umzugehen. Gleichzeitig verschlechtert sich ihre Sehkraft immer weiter. Ihr Freund, mit dem sie eine offene Beziehung führt und vor dessen Verlust sie große Angst hat, arbeitet mit kaputten Kameras. Er will alles ganz genau erzählt bekommen – auch, um sie dafür zu bestrafen.

Eine Figur, die sich nicht greifen lässt

Warum interessiert sich Iris so sehr für die Hexenprozesse? Warum ist sie andauernd unterwegs? Und was hat es mit ihrer Sexualität auf sich, ihren Fantasien in dunklen Kellern und Dachboden zurückgelassen zu werden, gefesselt und blind vor Angst, verrückt und ermordet zu werden? Denn es gebe ja für sie ein Wort, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Aber sie nutzt es nicht.

Was verbindet ihr Nomadenleben mit ihrem Bedürfnis nach Unterwerfung und Kontrollverlust? Braucht Iris die vielen Reisen und kurzen Begegnungen mit Bekannten und Unbekannten unterwegs, um sich wieder frei und unabhängig zu fühlen? Nicht, dass es sich bei Iris um einen Literaturstar handeln würde, denn die Lesungen in den Kulturinstituten sind immer nur von wenigen besucht, meist Studenten, die sich keine Fragen zu ihren Texten zu stellen getrauen. Ihre Ruhelosigkeit spiegelt sich im Text wider, denn auch für den Leser/ die Leserin gibt es kein Verweilen an einem Ort, bei einer Person, sondern wir werden mit der Erzählerin weitergetrieben in ihrem Fluss der Gedanken und Begegnungen, nicht wissend, an welches Ufer wir als Nächstes gespült werden. „(…) manchmal habe ich das Gefühl, sagt Iris, mich in den Geschichten aufzulösen (…) (S. 28).

Dieser Roman wird nicht alle in seinen Bann ziehen, da man sich zuerst auf die Form einlassen muss. Wenn Sie sich jedoch mit einer hochgelobten österreichischen Autorin auseinandersetzen möchten, ist er genau der richtige. Sie werden einer Protagonistin begegnen, die schwer greifbar ist, da sie ihre Gefühle nicht offenbart, aber uns einiges über unsere Gegenwart mitteilen kann. Denn Laura Freudenthaler könnte mit diesem Roman die Augen ihrer LeserInnnen öffnen, um sich mit wichtigen Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Im Leid der als Hexen bezichtigten Frauen sind Parallelen zur Gegenwart zu erkennen. Die zunehmende Digitalisierung lässt die Printmedien in Hotels verschwinden, beklagt Iris, Sprach- und Kulturinstitute sind vom Aussterben bedroht, sie zeigt die prekäre Situation der Geisteswissenschaften auf, um nur einige wenige herauszugreifen. Es gibt keine einfachen Antworten.

Hoffnung, so lässt die Autorin Iris sprechen, gibt es dann, wenn man sich bemüht, gut zu sein.

Die Villen vom Ausseerland

Begibt man sich ins Ausseerland, egal ob nach Bad Aussee, Altaussee oder Grundlsee, fallen die vielen prächtigen Villen auf, die die Landschaft zieren. Einsam und erhaben stehen sie in der Landschaft, meist in ansehnliche Parklandschaften eingebettet, die man sich nicht zu betreten traut:  Privatbesitz, der ein Betrachten nur über den Zaun oder die Hecke zulässt. Jetzt könnte man enttäuscht umdrehen, das Leben dahinter im Verborgenen lassen und darüber allerlei Vermutungen anstellen, wer wohl die Menschen und Mächte hinter den Zäunen einst gewesen waren. Diese Geheimnisse verrät Marie-Theres Arnbom in ihrem Buch „Die Villen vom Ausseerland. Wenn Häuser Geschichten erzählen“. Ein Bild in dem Buch zeigt die Autorin vor der Villa Jungmann, die mit ihrem eigenen Leben verwoben ist und die heute als „wunderbar renoviert“ zu mieten ist.

Marie-Theres Arnbom

Marie-Theres Arnbom stellte ihr Buch „Die Villen vom Ausseerland“ im Juli einem breiten Publikum im Kammerhofmuseum vor. Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft waren zu diesem Event gekommen. Die Autorin schien mit vielen vertraut zu sein, denn vor der Lesung nahm sie ein Bad in der Menge und begrüßte herzlich Freunde und Bekannte.

Gemeinsam mit ihrem Mann, Georg Gaugusch, las sie aus den „Villen“ vor und erzählte wortgewaltig Geschichten über diese, auch über den schwierigen Entstehungsprozess des Buches, während die Welt wegen Corona stillstand. Nichtsdestotrotz sei es ihr durch gute Kontakte gelungen, Zugang zu Quellen, Bibliotheken und über Zoom zu verstreuten Nachkommen ehemaliger Besitzer in aller Welt zu bekommen, und so zu den Informationen über die Menschen zu gelangen, die diese prächtigen Villen einst erbaut und bewohnt hatten.

Wer waren also die BesitzerInnen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts, meist von Wien aus aufmachten, um im Salzkammergut ihre Sommerfrische zu verbringen? Man stößt auf berühmte Namen: den Schriftsteller Jakob Wassermann, den Industriellen Camillo Castiglioni, den Burgschauspieler Ludwig Gabillion und viele andere Größen der damaligen Zeit. Wie die Autorin betonte, war das Ausseerland aber auch Mittelpunkt vieler starker Frauen. Exemplarisch möchte ich einige wenige herausgreifen:

„Die schreibenden Damen Schreiber“ wuchsen als Töchter von Josef und Clara Schreiber in Bad Aussee und Meran auf, der Vater hatte mit der Gründung eines Senatoriums einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Bad Aussees als Luftkurort geleistet. Die Töchter wurden zur Ausbildung nach Paris geschickt, in den Sommerferien spielten sie zuhause mit Theodor Herzl Tennis, denn die Mutter, Clara Schreiber, galt als „große Saloniere“, die viele Prominente nach Bad Aussee holte und für intellektuelle Unterhaltung und Zerstreuung sorgte. Ihre Tochter Adele Schreiber wird eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen Deutschlands und Reichsabgeordnete, außerdem die Gründerin der allseits beliebten „Alpenpost“ werden. Ihre Schwester Lilli, verheiratete Baitz, wird durch ihre Trachtenpuppen und Schaufensterdekorationen auch in Amerika Erfolge feiern und ihren Alterssitz wieder nach Bad Aussee verlegen. Vor ihrer „Übersiedlung“ nimmt sie sich 1942 das Leben, ihre Schwester überlebt in der Schweiz. Eine große Weihnachtskrippe mit den Trachtenfiguren von Lilli Baitz ist im Kammerhofmuseum zu besichtigen, das übrigens einen umfangreichen Überblick über die Geschichte und Kultur des Ausseerlandes bietet und einen Besuch lohnt.

„Genia Loci“: Eugenie Schwarzwald“ war eine Reformpädagogin und Wohltäterin, die mit der „Erziehung zum Glück“ vielen Mädchen eine schöne Schulzeit ermöglichte und ein strenges Gegenkonzept zu dem herrschenden autoritären Schulkonzept entwickelt hatte. Sie förderte geistige Selbstständigkeit, Kreativität und vor allem Lebenslust bei ihren Schützlingen. Zudem initiierte sie während des Ersten Weltkrieges die Aktion „Wiener Kinder aufs Land“ und sammelte innerhalb von sechs Wochen eineinhalb Millionen Kronen, fand leere Villen und Fabrikgebäude für die notleidenden und verwahrlosten Wiener Kinder, wodurch es im ersten Jahr bereits “72 Kolonien“ gab, wie Berthold Müller im „Neuen Wiener Tagblatt“ berichtete.

„Die Frau in der zweiten Reihe: Maria Stiasny“. Die promovierte Anglistin wird 1917 Assistentin von Eugenie Schwarzwald und übernahm 1924 die gesamte Administration der Schwarzwald-Schulen und leitete dreizehn Jahre lang – „völlig selbstständig und allein verantwortlich“ – die Villa Seeblick in Grundlsee. Elias Canetti beschreibt sie in seiner Autobiographie als das „Herz dieser Menage“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kann sie sich nach Argentinien retten und stirbt dort, obwohl sie die Erbin von Eugenie Schwarzwalds Besitztümern ist, völlig verarmt.

Wie ihr ergeht es vielen anderen VillenbesitzerInnen im Ausseerland: Die Geschichte der unbekümmerten und sorglosen Sommerfrische vieler Wiener jüdischen Familien findet mit dem Jahr 1938 ein jähes Ende. Die Villen werden enteignet, die Sommergäste vertrieben bzw. deportiert und ermordet, und in der Gegend machen sich die Nationalsozialisten breit und ziehen in die Villen ein. Nur ganz wenige der Vertriebenen werden nach dem Zweiten Weltkrieg in die Heimat zurückkehren und ihre Besitzgüter rückerstattet bekommen. Meist einigte man sich auf einen Preis – weit unter dem tatsächlichen Wert – mit den neuen Besitzern.

Das Buch von Marie-Theres Arnbom zeichnet sich durch viele Quellen, Bilder und ein umfangreiches Literaturverzeichnis aus und lässt so eine vergangene Welt auferstehen, die mondän, fortschrittlich und weltoffen das Ausseerland noch heute erstrahlen lässt.

Claus Peymann liest „Holzfällen“

Peymann war weit in den Siebzigern, als er mich vor einigen Jahren leichten Schrittes die Treppen hinauf in den Hackeschen Höfen überholte und als ich oben ankam, bereits eine Flasche Rotwein geordert hatte. Am Mittwoch las er, nun an die achtzig herangerückt, nicht im Burgtheater, sondern im Stadttheater von Baden aus Thomas Bernhards „Holzfällen“.

Im grauen Anzug, schlank und rank betritt er die Bühne, schwingt das weiße Leinen elegant vom roten Ohrensessel, den er, da es in Österreich so etwas nicht gäbe, extra aus Berlin herkommen habe lassen. Eineinhalb Stunden wird er darin verbringen, immer wieder auf und abrutschend, um von dem künstlerischen Abendessen bei den Auersberger, das zu Ehren des berühmten Burgtheaterstars, der nach der Vorstellung der „Wildente“ dazu stoßen würde, zu berichten. Zu allem Unglück wird dieses Festessen auch in Gedenken einer gemeinsamen Bekannten, die sich erhängt hatte, veranstaltet. Der Ich Erzähler war dem Ehepaar Auersberg nach zwanzigjähriger Enthaltsamkeit auf dem Graben wieder in die Arme gelaufen und habe die Einladung sehr unwillig angenommen. Das Abendessen, das viel zu spät mit einer Erdäpfelsuppe beginnt, endet wie immer mit der völligen Trunkenheit des Gastgebers Auersberg und führt zu einem handfesten Ehestreit. Angeekelt wird dieses völlig misslungene Festessen verlassen und der Erzähler geht von der Gentzgasse durch das nächtliche Wien nachhause.

Peymann ist ein exzellenter Leser, der auch nach eineinhalb Stunden sein großteils älteres Publikum nicht ermüdet. Er lässt Thomas Bernhard auferstehen und so wird man zurückversetzt in eine Zeit, in der Bernhards Menschenkosmos die Österreicher erregte. In der ein Buch von der Gendarmerie aus jeder Buchhandlung geholt wird, weil es durch Gerichtsbeschluss verboten wurde. In eine Zeit, als ein „begabter deutscher Theatermacher“, dem der Erzähler Lorbeeren streut, ans Burgtheater geholt wird und dort einen Skandal nach dem anderen veranstaltet. In eine Zeit, in der Theaterstücke und Bücher bis in die hintersten Dörfer gelangen und an Stammtischen leidenschaftlich diskutiert werden, vor allem der Nestbeschmutzer Thomas Bernhard. Und heute, 30 Jahre später, lacht man bei der Lesung laut auf, erfreut sich an der Sprachkunst Bernhards und wundert sich darüber, dass der ehemalige Staatsfeind so sehr verkannt und doch so sehr erkannt wurde. Dem großartigen Claus Peymann sei dafür Lob und Ehre zuerkannt. Und nicht vergessen: „Meine Preise“ lesen!