Die beste Serie des Jahres: One Mississippi

Ab Dezember bis zum Jahresende wird wieder gevotet werden: seien es die besten Filme oder die besten Serien, einer oder eine wird zum Sieger des Jahres gekürt werden. Heute möchte ich Ihnen meine Favoriten des Jahres vorstellen. Von mir ins Rennen werden folgende Serien geschickt:

 „Handmaid`s Tale“ (Saison 2 und 3), die seit dem Erscheinen der ersten Staffel 2017 viele in den Bann gezogen haben und in eine dystopische Zukunft entführen.

„Undone“, die mit Rotoskopie animierte Dramady-Fernsehserie,  in der die Heldin nach einem Unfall fähig ist, in die Vergangenheit zu reisen.

„One Mississippi“ mit  Stand-Up-Comedien Tig Notaro, die in der Serie ihre Lebensgeschichte erzählt.

Über „Handmaid`s Tale“ ist schon soviel geschrieben worden, dass ein weiterer Beitrag nicht wirklich mehr notwendig ist.  Sollten Sie „Undone“ noch nicht gesehen haben, dann nehmen Sie sich die Zeit, da selbst die „Time“ die Serie zur „perfekten Sci-Fi-Serie für 2019“  ernannt hat, ein ästhetisches Vergnügen der ganz neuen Art, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

„One Mississippi“ ist möglicherweise in unseren Breiten noch nicht so bekannt, verdient aber besonders in Tagen wie diesen mehr Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil die Serie im heißen Süden der USA spielt, und allein das bunte Treiben in New Orleans einem die grauen Tage in Wien erhellen lässt, sondern auch wegen der Charaktere, die dem wirklichen Leben entsprungen sind. Und es scheint allen in der Phase, in der sie wieder aufeinander treffen, nicht gut zu gehen. Tig (Tig Notaro) ist nach einer Brustkrebserkrankung knapp dem Tode entkommen, aber noch sichtlich geschwächt an Leib und Seele. Sie reist in ihre Heimatstadt, um ihrer im Koma liegenden Mutter beizustehen, bevor die Atmungsmaschine abgedreht wird. Ihr esssüchtiger Bruder Remy (Noah Harpster) ist Geschichtslehrer und Single, der mit seinem neurotischen Stiefvater Bill (John Rothman) in einem Haus lebt. Beide machen sich in der Sterbenacht aus dem Krankenhaus davon und kehren nicht wieder zurück. Damit beginnt für Tig eine sehr schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, die in das Dunkle und Abgründige ihrer Familie führt.

Was ihre Geschichte so sehenswert macht, ist, dass in all der Trauer und Verzweiflung über die Widrigkeiten des Lebens viel Humor steckt. Das Leben meinte es nicht gut mit ihr, es gäbe viel Anlass, sich zu bemitleiden und gehen zu lassen. Aber sie weicht ihren Ängsten nicht aus, sondern tut, was jeden Tag getan werden muss. Essen, Kontakte erneuern, ausgehen und arbeiten. So versucht sie wieder auf die Beine zu kommen. In einer Radioshow erzählt sie mehr und mehr Episoden aus ihrer Vergangenheit, die so wahr und schrecklich klingen, dass die Sendung alle Werbeeinnahmen verliert, weil das Publikum dies nicht hören will. Sie steht offen zu ihrer Homosexualität, obwohl diese im konservativen Süden von vielen noch weitgehend vor der Öffentlichkeit versteckt wird. Und als sie sich dann wieder (unglücklich) verliebt, werden ihre Gefühle so intensiv gelebt, dass ich auf Wikipedia nachschauen musste, ob diese Liebe tatsächlich existiert.

Sehen Sie sich Staffel 1 und und 2 auf Amazon an und schreiben Sie mir, ob Sie meine Einschätzung teilen.

Wenn Arm auf Reich trifft

Wieder einmal befinden wir uns in Südkorea, wo Arm und Reich aufeinandertreffen und ihr Dasein neu ausverhandeln. Der Film „Parasite“ handelt davon, er hat über zehn Millionen Zuschauer dort ins Kino gelockt und in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Was hat der Regisseur Bong Joon-ho, der berühmt durch „Snowpiercer“ und „Okja“ wurde, uns zu berichten?

Die vierköpfige Familie Kim wohnt in einer beengten, zugemüllten Kellerwohnung in Seoul, sie besteht aus Vater Ki-taek, Mutter Chung-sook  und den zwei erwachsenen Kindern,  TKi-woo und Ki-jung. Die Eltern sind arbeitslos, die vier halten  sich mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons gerade noch über Wasser. Der kärgliche Lohn wird mit Bier und einem wieder funktionierenden Internet gefeiert. Eigentlich könnte man sagen, es geht ihnen gut, sie sind fröhlich, haben zu essen und mögen einander.  Als der Sohn Nachhilfelehrer im reichen Haushalt der Parks wird, wittern sie ihren Aufstieg in die über der Stadt liegende Villengegend. Mit List und Intrigen werden sie die früheren Hausangestellten los und nach und nach alle Familienmitglieder eingeschleust. Der Vater als Fahrer, die Mutter als Haushälterin, die Schwester als Zeichenlehrerin für den verhaltensauffälligen Sohn. Nun können auch sie vom Kuchen mitnaschen, so denken sie und machen sich daran, das Geld umzuverteilen. Als die Parks auf Campingurlaub fahren, nisten sie sich in der kühlen Architektenvilla ein, bevölkern den getrimmten Rasen und trinken die Whiskeyvorräte leer. Gerade ihren Triumph feiernd, steht die ehemalige Haushälterin vor der Tür und bittet um Einlass,  denn sie habe im Keller etwas Wichtiges vergessen. Die dahinplätschernde Komödie nimmt von nun an eine Wendung ins Horrorgenre.

Die Kamera folgt der Geschichte der armen Kims, denen wir einige Sympathie für ihr skupelloses Handeln entgegenbringen. Die Reichen haben es sowieso schön und sie sind nicht einmal böse oder gemein zu ihren Angestellten. Mr. Park hat den Aufstieg aus eigenem Antrieb geschafft, seine Frau ist lieb, naiv und besorgt um ihre Kinder. Aber die Parks definieren genau die Grenzen. Ihre Luxusvilla ist von hohen Mauern umgeben, in ihr ist alles streng arrangiert und sehr, sehr edel. Die Kims können sich schön kleiden, selbstbewusst und clever auftreten, aber eines können sie nach Ansicht des Hausherrn nicht verbergen: ihren Stallgeruch. Der Geruch der ärmlichen Wohnverhältnisse im Souterrain hat sich ihnen eingegraben und markiert ihr Revier. Damit wollen die Parks nichts zu tun haben, sie dulden zwar ihre Bedienstete im Haus, solange sie ihnen dienen und alles tun, was die Herrschaft anordnet. Als die Kims Gefallen am Reichtum finden, stehen ihnen andere im Weg, die ebenfalls ihren Platz im Trockenen und an der Sonne einnehmen wollen. Mit dem sintflutartigen Regen, der die Vertreibung aus dem Paradies einleitet, spitzen sich die Ereignisse zu.

Mündet der Film in Trostlosigkeit über die Klassenverhältnisse im modernen Korea? Wenn man sich von der Macht des Geldes verführen lässt, vielleicht ja. Der Sohn sinniert am Ende, wie er reich werden könnte.  Durch den Besuch einer koreanischen Eliteuniversität, durch eine reiche Heirat? Beides schließt der Film aus. Aber: Die Armen könnten weiterhin Luftschlösser bauen, sich im Keller verstecken, an eine rosige Zukunft glauben, solange, bis sich die Kellertüre öffnet und der Kampf ums Überleben aufs Neue beginnt. Es sei denn …

Faszination Feuer: Burning

Der Film von dem in Cannes ausgezeichneten Regisseur Chang-dong Lee spielt in Seoul und in der Nähe der Grenze zu Nordkorea, die von nordkoreanischer Propaganda beschallt wird. Er handelt von drei jungen Südkoreanern, ihren brennenden Sehnsüchten und Widrigkeiten in einer Welt, die auch die unsrige sein könnte.

Die Hauptfigur ist Jong-Su, der auf dem Land an der Grenze lebt, Schriftsteller werden möchte und sich in seine ehemalige Klassenkameradin Nae-mi verliebt. Seine Angebetete ist nach einer Schönheitsoperation sehr schön geworden, die beiden verbringen eine Liebesnacht in ihrer unaufgeräumten Wohnung mit Blick auf den Fernsehturm, danach reist sie nach Afrika ab und überträgt ihm die Fürsorge für ihre Katze. Als er sie am Flughafen wieder abholt, ist sie in Begleitung des gutaussehenden reichen Ben. Die drei verbringen immer mehr Zeit miteinander und Jong-Su muss erkennen, dass Ben in einer viel höheren Liga spielt, zu der er keinen Zutritt hat. Zudem eröffnet ihm dieser sein Geheimnis: er liebe es alle zwei Monate Gewächshäuser in Brand zu setzen. Dies setzt in Jong-Su eine Aufwärtsspirale von Paranoia in Gang, der auch wir uns nicht entziehen können.

Warum wurde der Film von der Kritik in Cannes so frenetisch gefeiert? Erst einmal durch den Stoff, einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami. Eine Dreiecksgeschichte, die zunehmend außer Kontrolle gerät, erzählt wird sie aus der Perspektive des schwächsten Gliedes, des arbeitslosen Jong-Su. Die Gewissheiten lösen sich zunehmend auf, die Fantasie gewinnt zunehmend an Fahrt. Bald weiß man nicht mehr, was Realität ist oder Einbildung.  Die Welt gerät, je verworrener die Ereignisse werden, zunehmend aus den Fugen, die Ängste kommen an die Oberfläche und verbrennen diese. Tiere und Menschen verwinden, Vergangenheit kann nicht mehr erschlossen werden, da die Erinnerungen verloren gegangen sind. Dem reichen Ben, von dem niemand weiß, wie er zu seinem Geld gekommen ist, liegen die schönsten Frauen zu Füßen, er kann sich nehmen, was er will. Seine Welt ist eine Anhäufung von Luxus und Feiern, von Schönheit, aber auch rascher Langeweile. Um sich lebendig zu fühlen, braucht es einen besonderen Kick. Die schöne Hae-mi leidet an Geldmangel und Melancholie. Auch wenn sie ausgelassen halbnackt im Abendrot tanzt und den Vogelflug imitiert, bricht sie kurze Zeit später an Weltschmerz und seelischer Erschöpfung zusammen. Und Jung-su ist nur ein Beobachter und Getriebener dieser Szene, der von niemandem gesehen oder gehört wird. Er ist ein Ausgestoßener, findet keine Arbeit und auch sein Roman keinen Stoff. Alle seine Fragen werden nicht oder widersprüchlich beantwortet, weit und breit ist niemand, der sich seiner annimmt und ihn auffängt.

Möglicherweise kann man dies als die große Kunst des Regisseurs bezeichnen: In jeder Phase des Filmes, sei es durch die Schauspieler, die Kamera, die Musik wird schmerzlich festgehalten, was die große Tragödie dieser jungen Menschen ist. Nichts ist beständig, es gibt keinen Verlass auf das ewige Glück, auf Liebe, Familie und Tradition, die Gesellschaft teilt sich scharf in Reiche und Arme, die nichts gemeinsam haben.

Obwohl der schöne Schein zu überwiegen scheint, ist darunter das Feuer verborgen, das jederzeit zum Ausbruch drängt. Aus welchen Gründen auch immer.

 

Was uns die Vergangenheit lehrt: Wildlife

Eigentlich wollte ich Mid90s sehen. „Ein Fehler auf der Website“, sagte die Kartenverkäuferin und zeigte auf „Wildlife“, der Film sei sowieso besser. Die Schauspieler waren mir bekannt, das Plakat gab mir aber wenig Hinweis auf den Inhalt. Ein ungutes Gefühl, in einen Film zu gehen, von dem man gar nichts weiß.

Es erwartete mich eine Familiengeschichte aus den sechziger Jahren im ländlichen Montana. Ein junges Ehepaar ist mit seinem 14-jährigen Sohn Joe (Ed Oxenbould) wieder einmal umgezogen und versucht dort anzukommen. Ein bescheidener Bungalow wird angemietet, der Vater nimmt einen Job in einem Golfclub an, die Mutter kocht, der Sohn ist neu in der Schule. Die Eltern sind jung, sehr attraktiv und tauschen in der Küche Zärtlichkeiten aus. Der Sohn registriert dies über seinen Rechenaufgaben, denn die Kleinfamilienidylle hat schon Risse, es braucht nicht viel, um die bestehenden Konflikte ausbrechen zu lassen. Als der Vater arbeitslos wird, in Depressionen und Selbstmitleid verfällt, öffnet sich der dünne Boden unter ihren Füßen. Ein Abgrund tut sich auf, der in dem anrollenden Waldfeuer seine Entsprechung findet.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Richard Ford aus dem Jahre 1990, und ist das Regiedebüt von Schauspieler Paul Dano. Was diesen Film besonders macht, ist die Perspektive auf das Geschehen. Es ist der Blick des Sohnes, aus dessen Reaktionen wir miterleben, was passiert und der versucht, das Geschehen zu deuten. Er ist ein Kind, das miterlebt, wie seine Eltern sich immer mehr entfremden, weil sie nicht voraussehen können, welche Folgen ihr Handeln haben wird.

Der Vater ist ein unreifer Träumer, der den Boden unter den Füßen nicht finden kann und die Familienlast immer wieder seiner Frau aufbürdet. Nachdem er wieder einmal arbeitslos geworden ist und schließlich für Monate als Feuerwehrmann in die Berge geht, versucht die Mutter durch Aushilfejobs für sich und ihren Sohn ein Überleben zu sichern. Und dies wohl nicht zum ersten Mal, wie angedeutet wird.

Natürlich waren in den sechziger Jahren die Rollen noch stärker festgelegt als heute. Der Mann sollte das Brot verdienen, die Frau hatte die Verantwortung für Küche und Kinder. Auch Jeanette (Carey Mulligan) vertraut diesem Bild einer heilen Familie und ist frustriert und wütend, als sie einsieht, dass dies mit Jerry (Jake Gyllenhaal) zum Scheitern verurteilt ist. Sie sucht nach einem besseren Leben. Da sie keine Ausbildung hat, kann sie sich in kleinen Nebenjobs nicht lange halten. Sie erinnert sich an ihre jugendliche Schönheit und Wildheit. Aber diese Erinnerungen sind als Dreißigjährige auch schon fragil, wenn man Mann und Kind im Gepäck hat.

Der Sohn ist dabei, als die Mutter den Ausbruch wagt, während der Vater fernab das Feuer bekämpft. Der Junge muss mitansehen, wie seine Kinderwelt mehr und mehr in Trümmern zerfällt.

Auch er hat schon einen Nebenjob, als Aushilfsfotograf fotografiert er glückliche Familien und Brautpaare fürs Familienalbum. Am Ende bittet er seine Eltern zu einem gemeinsamen Fototermin, zu dritt, fürs Familienalbum, die Anordnung hat er bereits übernommen.

Sie sollten „Wildlife“ unbedingt sehen, nicht nur, weil die Schauspieler großartig sind, sondern auch weil der Regisseur eine ganz eigene Art gewählt hat, uns die Geschichte von Liebe und Entfremdung eines Paares zu erzählen, aus der Sicht eines Kindes, das die Tragödie zwar schmerzlich miterleben muss, aber schon in dem Bewusstsein, ein eigenes Leben vor sich zu haben.

 

 

Power to the people

PowertothePeople

Warum dreht Spike Lee heute einen Film über einen schwarzen Cop, der ein Mitglied des Ku-Klux-Klans in den Siebzigern war? Und warum beendet er den Film mit den Ereignissen in Charlottesville?

Der Zusammenhang ist unschwer zu erkennen: Die Gefahr von Seiten der Rechten, die den Weißen die Vorherrschaft sichern wollen, findet ihren Ausdruck in Trumps Amerika. Die Progressiven wären zu selbstgefällig gewesen, sagt Spike Lee in einem Interview mit der „Zeit“, hätten sich zu sehr auf den Triumph von Obama ausgeruht und es nicht geschafft, dem rechten Ansturm etwas entgegenzusetzen. Deshalb hätte er Gas geben müssen. Aus all diesen Gründen hat Spike Lee die autobiographische Geschichte des Polizisten Ron Stallworth in einen packenden Film gekleidet, der uns eine Lektion über Rassismus und die gefährliche Ideologie der Rechten erteilt.

In BlacKkKlansman selbst ereignet sich etwas ganz Absurdes: Der Afroamerikaner Ron Stallworth, gespielt von John David Washington, ermittelt gegen Aktivitäten der „Organisation“, wie sich die Anhänger des Ku-Klux-Klans selbst nennen. Über das Telefon nimmt er Kontakt auf, signalisiert Interesse und wird prompt zu einem geheimen Treffen eingeladen. Natürlich schickt er seinen weißen Kollegen Flip Zimmermann (Adam Driver) hin. Somit beginnt ein intelligentes Verwirrspiel der Polizisten mit dem Klan, das in ein Aufnahmeritual mit dem extra angereisten Großmeister David Duke (Topher Grace) mündet. Das Ganze führt zu einem gefährlichen Wettlauf mit der Zeit, da ein Anschlag auf die schwarze Studentenführerin (Laura Harrier) geplant ist.

Was zeigt uns der Film? Großteils gute Polizisten, die gegen Rassisten den Kampf aufnehmen. Die ihr Leben riskieren, um dem Bösen entgegenzutreten. Die „Organisation“ ist einerseits von trinkenden Dummköpfen und andererseits von Extremisten, die zum Äußersten bereit sind, bevölkert. Nur in der Führungsriege befinden sich Männer, die zu strategischem Planen und Vorgehen fähig sind, was sie umso gefährlicher macht. Breite Aufmerksamkeit wird der Ideologie und dem spektakulären Treiben des Ku-Klux-Klans gewidmet, immer wieder werden ihnen Trumps Worte in den Mund gelegt. Parallel zu den Vorgängen in der „Organisation“ wird die Geschichte des Rassismus gezeigt. Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus „Vom Winde verweht“ und findet in dem Auszug aus „The Birth of Nation“, dessen rassistischer Inhalt die Klans Mitglieder begeistert, ihren Höhepunkt. Wie sich die Gewaltspirale hochschraubt und auch vor Mord nicht zurückgeschreckt wird, weiß Spike Lee spannend in Szene zu setzen. Den alltäglichen Rassismus in der Polizei erträgt Ron Stollworth meist stoisch und mit einigem Humor. Washington, Sohn eines berühmten Vaters, spielt ihn als einen recht lässigen Schwarzen mit schönem Afrolook, der seine Rolle als Polizist erst finden muss. Er wird als Spitzel bei einer Veranstaltung der Black Student Union eingesetzt, was ihn etwas zum Nachdenken bringt. Aber die meiste Zeit ist er mit dem Klan beschäftigt, witzig und eloquent, aber immer auf der Hut, nichts Falsches zu sagen, um seinen Stellvertreter nicht auffliegen zu lassen. Denn Flip Zimmermann (Adam Driver) befindet sich in immer größerer Gefahr und riskiert Kopf und Kragen in dem riskanten Einsatz.

Am Ende, nach den schockierenden Bildern in Charlottesville, kommt Donald Trump ins Bild und was er dazu zu sagen hat. Danach bekundet der echte David Duke seine Ideologie und Sympathie für den Präsidenten. Dieses Ende hätte es gar nicht bedurft. Die Botschaft war ohnehin klar.

Zwar wird von Experten immer wieder betont, dass Trumps Wahlsieg das letzte Aufbäumen des weißen Mannes sei, denn das Amerika in 20 Jahren werde viel eher das von Obama gleichen. Und die Obamas hatten ihr allererstes Date bei Spike Lees „Do the Right Thing“, was Anlass zu Hoffnung gibt.

Maria By Callas

Einst berühmte Namen wie Pier Paolo Pasolini, Luchino Visconti, Omar Sharif, Aristoteles Onassis, sind heute in Vergessenheit geraten, den Namen Maria Callas kennen noch viele. Sie ist eine Ikone, die ihre Zeit überlebt hat. Die Gründe dafür können in dem Film „Maria By Callas“ von Tom Volf erforscht werden. Er zeigt uns die Weltkarriere und die tragische Liebesgeschichte der Sopranistin, erzählt von Maria Callas selbst. Im Mittelpunkt steht ein TV-Interview, das David Frost 1970 mit ihr geführt hat, private Foto- und Videoaufnahmen, Aufzeichnungen von Auftritten und Briefe, die von Eva Mattes gelesen werden, gewähren Einblicke in das Leben und Denken einer Primadonna, das nicht widersprüchlicher hätte sein können.

Um das Ganze auf einen Nenner zu bringen: Maria Callas war eine schöne und elegante Frau, eine Jahrhundertsängerin, wie sie ein junger Fan bezeichnet. Und sie wollte geliebt werden, zuerst von ihrem Publikum, und später von dem milliardenschweren griechischen Reeder Aristoteles Onassis, mit dem sie neuneinhalb Jahre eine Beziehung führt und von dessen Hochzeit mit der amerikanischen Präsidentenwitwe Jackie Kennedy sie erst über die Presse erfährt. Sie nennt ihn einen Mistkerl, den sie aber, als er todkrank bei ihr anklopft, wieder in ihre Pariser Wohnung aufnimmt.

Sie ist bereits ein gefeierter Star, verheiratet, als sie Onassis auf einer Kreuzfahrt kennenlernt. Für ihn wird sie die amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben, damit er sie nach einer Gesetzesänderung in Griechenland heiraten kann. Für ihn gibt sie das Singen auf, weil sie sich schon immer sehnlichst eine Familie gewünscht hat. Eine Karriere und Familie gehe nicht zusammen, stellt sie lapidar fest. Nie ist sie glücklicher als in den Aufnahmen, die sie braungebrannt mit ihm auf seiner Luxusjacht am Meer und schönen Häusern an Land verbringt.  Als die Beziehung abrupt zu Ende geht, ist sie eine gebrochene Frau, die auch ihre einzigartige Stimme verloren hat. Sie versucht sich als Schauspielerin in Pasolinis „Medea“ und hofft auf weitere Rollen, die nicht eintreffen. Sie wagt ein Comeback an der Metropolitan Opera New York, deren Direktor sie Jahre zuvor wegen künstlerischer Differenzen entlassen hatte. Dort wird sie zwar frenetisch gefeiert, ihre Selbstzweifel haben sich aber schon tief in ihre Stimme eingegraben. War sie einst das Liebkind der Presse, bekommt sie nun fast nur böse Kritiken, die sie tief verletzen. Aber sie scheut keine Konflikte und wird deshalb auch „fauchende Tigerin“ genannt.

Man sieht sie an vielen Flughäfen und Opernhäusern ankommen, gehetzt und einsam, immer von Massen bejubelt und von neugierigen Reportern bedrängt. Oft hat man Angst um sie, weil ihr die Reporter körperlich zu nahekommen. Ist sie einmal auf der Bühne, ist sie frei. Die Originalaufnahmen zeigen sie als charismatische Sängerin und Schauspielerin. Man glaubt ihr jede Rolle, sie ist Manon, Tosca oder Norma. Das Publikum liegt ihr zu Füßen, sie ist die Primadonna, die aber sehr zerbrechlich wirkt. Fast grotesk erscheinen ihre langen, knochigen Finger, die ihr Leiden umso mehr offenbaren. Das ist ihre Stärke, das macht sie unsterblich. Bis heute, auch im Kinosaal wagt niemand einen Atemzug.

Die Dokumentation zeigt uns Nachgeborenen die Wirkung der Sängerin, die schon mit 53 Jahren an gebrochenem Herzen gestorben ist und lässt uns eintauchen in eine Welt, in der Interviews mit Weltstars ehrlich und völlig unbefangen geführt wurden. Dazu braucht es keinen Erzählerkommentar. Allein das zu sehen ist, lohnt einen Kinobesuch in der Hitze der Stadt. Nicht nur für Klassik­-Fans, aber diesen herzlichst empfohlen.

Lady Bird

Greta Gerwig zählt zu meinen absoluten Lieblingsschauspielerinnen. Sie ist jung, schön und sehr begabt. Jetzt hat sie auch als Regisseurin einen sensationellen Erfolg gefeiert und für „Lady Bird“ sogar fünf Oscarnominierungen bekommen. Der Oscar für die beste Regie war ihr nicht vergönnt, der Film wurde jedoch zu einem großen Erfolg bei Kritikern und Publikum. Wovon erzählt er?

Die Coming-of-Age-Geschichte spielt in Sakramento, dem Geburtsort von Greta Gerwig. Lady Bird ist der selbstgewählte Name der Jugendlichen Christine McPherson (Saoirse Ronan) und ihrem letzten Jahr in einer katholischen High-School. Sie ist rebellisch, eigensinnig und in ständigem erbitterten Streit mit ihrer Mutter (Laurie Metcalf), die sie immer wieder in die Realität zurückholen will. Ladybird ist aber mit anderen Dingen beschäftigt als mit der Sorge um die Finanzen der Familie. Sie möchte dem entschlafenen Sakramento entfliehen und in New York Kunst studieren. Sie möchte einen Freund haben, mit dem sie zum Abschlussball gehen kann. Sie möchte wie ihre Schulkameraden reich sein und in einem schönen blauen Haus mit der amerikanischen Flagge leben. Diese Wünsche sind nur allzu verständlich, da in ihre Schule viele reiche Kids gehen, denen es an nichts zu fehlen scheint. Aber wie wir alle wissen, hängt das Glück nicht unmittelbar am goldenen Faden, sondern steht mit Werten wie Freundschaft, Vertrauen, Fürsorge und vor allem Aufmerksamkeit in Verbindung. Wer aus einem recht bescheidenen Heim wünscht sich nicht ein Leben, das nicht von Geld- oder Jobproblemen bedrückt ist? Ihr fürsorglicher Vater hat seinen Job verloren und muss nun mit seinem top-ausgebildeten Adoptivsohn auf dem engen Arbeitsmarkt konkurrieren. Die Mutter muss als Krankenschwester doppelte Schichten arbeiten, um die Familie überhaupt über Wasser halten zu können. Und Ladybird sitzt zwischen den Stühlen ihrer grellen Träume und dem harten Existenzkampf ihrer Familie.

Was zeigt uns der Film, der im Jahre 2002 angesiedelt ist: eine junge Frau mit schlecht gefärbten roten Haaren und Akne auf der Suche nach Unabhängigkeit und ihrer Bestimmung in der Welt. Zunächst gilt es gegen die strengen Regeln der Schule zu rebellieren, gegen die kontrollierende Mutter anzukämpfen, ihre Freunde richtig zu wählen und ihr erstes Mal zu erleben. Nichts davon gelingt ihr einwandfrei, sie enttäuscht andere und wird enttäuscht. Aber ihr Leben dreht sich nicht um die einzig wahre Liebe, die gefunden werden will. Sie schwimmt durch die Irrungen der Jugend und findet sich immer wieder am Ufer wieder. Um einiges erfahrener und vielleicht auch gewappneter. Worauf sie sich wirklich verlassen und bauen kann, sind Familie, wahre Freunde und eine Heimatstadt, auf die sie sehnsuchtsvoll zurückblickt, so lautet die frohe Botschaft des Filmes.

Ende gut, alles gut? Man wird sehen. Greta Gerwig hat es in New York geschafft. Mit „Lady  Bird“ ist ihr ein passabler Film in warmen Farben und sehr gutem Cast gelungen. Interessant wäre nun zu sehen, wie die Heldin in der großen Stadt an der Ostküste ihre Träume von Freiheit und Unabhängigkeit verwirklicht.

I, Tonya und die Suche nach der Wahrheit

Der Fall Harding hatte einst die ganze Welt erschüttert. Um ihre Chancen auf eine Medaille bei den Olympischen Spiele zu vergrößern, beauftragten der Ex-Mann und der Bodyguard von Tonya Harding einen Schläger, der ihrer Erzrivalin das Knie zertrümmerte. Der Anschlag wurde aufgedeckt und die Karriere von Harding war beendet. Der Film „I, Tonya“ erzählt die Geschichte dahinter und erntete in den USA einen Überraschungserfolg. Warum das?

Tonya Harding entstammt der weißen Unterschicht („White Trash“). Aus äußerst ärmlichen Verhältnissen kommend, wird sie von klein auf von ihrer ehrgeizigen Mutter, einer Kellnerin mit drei Jobs, aufs Eis getrieben, beschimpft und körperlich misshandelt. Trotzdem schafft sie es, als erste amerikanische Eiskunstläuferin bei den US-Meisterschaften den dreifachen Axel zu springen und gilt danach als große Olympiahoffnung.

Ihre Mutter löst Probleme mit Schlägen und Messerwürfen, kein Wunder, dass auch Tonyas erster Freund und späterer Ehemann Jeff (Sebastian Stan) ein Schläger ist, der sie immer wieder auf das Übelste zurichtet. Umso bewundernswerter ist, dass sie trotz dieser schwierigen Verhältnisse den Biss und das Stärke hat, in die Riege der besten Eiskunstläuferinnen der Welt aufzusteigen. Bis ihr Ex-Mann ihrer steilen Karriere eben ein jähes Ende setzt. Sie muss die US-Goldmedaille zurückgeben und wird auf Lebenszeit gesperrt.

Allison Janney spielt die Mutter LaVona. Sie hat für diese schauspielerische Leistung den Oskar für die beste Nebendarstellerin bekommen. Zurecht, denn es gibt wenige Rollen, die so konsequent und bis zum bitteren Ende die böse Mutter zeigen: herrisch, die Tochter hassend und erniedrigend, mies und erbarmungslos in ihrem Ziel, sie zu Höchstleistungen zu bringen. Tonya (Margot Robbie) kämpft lange Zeit um ihre Liebe und Anerkennung, vergeblich. Ihrem Milieu kann sie jedoch nicht entkommen: denn sie gilt nicht als edle, sanftmütige Eisprinzessin, sondern als Eishexe. Derb und laut fluchend geht sie gegen jene PreisrichterInnen vor, die ihrem Ausnahmekönnen schlechte Noten geben. Sie will sich nicht damit abfinden, dass sie aufgrund ihrer ärmlichen und zerrütteten Familienverhältnisse benachteiligt wird.

Der Film versucht in Form von Interviews der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Alle Beteiligten haben ihre eigene Wahrheit. Keiner sieht ein, irgendetwas falsch gemacht zu haben, niemand hat irgendeine Schuld auf sich geladen.

Sieht man im Nachspann der echten Tonya beim Eislaufen zu, passt diese gar nicht in das Bild, das uns der Film von ihr zeigt. Wie ein Wirbelwind saust sie übers Eis, leicht und in höchster Konzentration absolviert sie bahnbrechende Sprünge und ist über ihren Triumph völlig aus dem Häuschen. Niemand würde eine so schlimme Vergangenheit vermuten.

Was wirklich passiert ist, ob Harding hinter dem Anschlag auf Nancy Kerrigan steckt, darüber gibt der Film keine eindeutige Auskunft. Das eigentliche Opfer taucht als Stimme nicht auf, alles dreht sich um das Missbrauchsopfer Harding, ihr wird quasi die Absolution erteilt. Dass so tragisch-komisch und in rasendem Tempo ihre Geschichte erzählt wird, könnte auch der Grund für den Erfolg des Filmes sein: ein Underdog, der es trotz allem schafft und nur durch das Böse (bzw. Dumme), das ihn umgibt, zu Fall gebracht wird. Wahrheit hin oder her, Hauptsache unterhaltsam.

Downsizing

Wie könnte man ein Leben in Luxus leben und darüber hinaus noch die Erde vor Überbevölkerung retten? Durch Downsizing! So geschehen in dem Film von Alexander Payne, der uns von der großen in eine winzig kleine Welt führt, in der dies möglich ist. Ressourcen würden geschont und Reichtum sei für alle möglich, so die Heilsversprechungen aus dem Werbefernsehen. Das Verfahren wurde von norwegischen Wissenschaftlern erfunden und immer mehr Menschen wagen die Verkleinerung: Auch Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig) aus Omaha lassen sich von dem Siedlungsprojekt „Leisureland“ mitreißen und beginnen die Prozedur der Verkleinerung, die bereits wie auf dem Fließband funktioniert. Aus dem untersetzten, gutmütigen Paul wird ein 12 Zentimeter Winzling, der froh ist, dass er nach dem Aufwachen seine Männlichkeit noch vorfindet. Aber nicht mehr seine Frau, die bei der Kopfrasur kalte Füße bekommen hat und zurück in der großen Welt geblieben ist. Was nun anfangen mit der großen Villa und dem ersehnten Reichtum? In der großen Welt hatte er einen Job als Physiotherapeut in einer Fleischfabrik, der ihn einigermaßen erfüllte. Jetzt muss er in einem trostlosen Callcenter arbeiten. Nichts ist so, wie er es sich vorgestellt hatte. Die schönen Frauen sind vergeben, übrig bleiben die Alleinerzieherinnen und die wollen sich auch nicht so recht auf einen langweiligen Mann einlassen. Trostlosigkeit und Einsamkeit machen sich breit, die er nur durch violette Pillen auf Partys bei seinem Ganovennachbarn Dusan (Christoph Waltz) kurz vergessen kann. Aber der Kater am nächsten Tag ist vorprogrammiert und nüchtern, als ein Putztrupp über die devastierte Wohnung hereinbricht, entdeckt er, dass es noch eine verborgene Welt im verheißenen Paradies gibt, verkörpert durch die aus Vietnam geflohene Ngoc Lan (Hong Chau). So erfährt er, dass Downsizing auch seine Schattenseiten haben kann. Auch hier in „Leisureland“ ist der amerikanische Traum nur an der Oberfläche sichtbar, aufwachen sollte man lieber nicht.

Man erwartet nicht viel von einem Film mit dem Titel „Downsizing“, jedoch von Regisseur Payne um einiges mehr. Obwohl dieser zehn Jahre an dem Drehbuch gearbeitet haben soll, entpuppt es sich nicht, sondern bleibt in bekannten Themen stecken, enthält zu viele Klischees von einer Welt, die dem Untergang entgegensteuert. Nur die SchauspielerInnen verleihen dem Film Würze und Geschmack. Allen voran Matt Damon, der seiner Mittelmäßigkeit entkommen will und in dieser steckenbleibt. Seine Verlorenheit in der großen und kleinen Welt der Wünsche wird von Mat Damon großartig gespielt. Sein Nachbar Dusan, der es mit Drogen und Partys versucht, kann ihm nicht zu mehr Glück und Sinn verhelfen. Christoph Waltz mit seinem serbischen Akzent geht ganz in seiner Rolle als abgeklärter Schwarzhändler auf. Und erst recht die vietnamesische Widerstandkämpferin Ngoc Lan, die zeigt, wohin die Reise führen wird. Hon Chau gelingen berührende Szenen, die Jung und Alt zu Tränen rühren, zusammen mit schönen Landschaften, ergibt das einen Film, der auch Sie, lieber Leser / liebe Leserin, unterhalten wird. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Die beste aller Welten

Der Titel wäre vielversprechend, hätte man nicht vorab von dem Film gehört, dass er eine wahre Geschichte aus dem Salzburger Drogenmilieu erzählt. Obwohl der Film schon einige Monate in den Kinos läuft, war der Andrang an der Kassa groß, viele sympathische junge Menschen strömten vom Adventrummel herein in den ausverkauften Kinosaal. Und das zu einem Film, bei dem ein Unbekannter Drehbuch und Regie geführt hat: der erst 26-jährige Salzburger Adrian Goiginger.

Es ist seine Kindheit, die er uns in drastischen Bildern vor Augen hält. Er wächst bei seiner drogenabhängigen Mutter in einer ärmlichen und meist von Schmutz zugemüllten Wohnung auf. Als der Film einsetzt, ist er gerade sieben Jahre alt und man kann an seinen Alpträumen erahnen, welche Zeiten er schon hinter sich hat. Meist ist er auf sich allein gestellt, da die Mutter mit Drogen vollgepumpt ist und dahindämmert. Alleine ist sie dabei nicht, denn ihre Drogenfreunde sind mit auf dem Trip, der kleine Adrian wirkt zerbrechlich und sonderbar erwachsen innerhalb dieser Gruppe. An den guten Tagen spielt die Mutter mit ihm und vertreibt mit fantasievollen Geschichten seine Ängste, die ihn im Schlaf heimsuchen. In seinen Träumen wird er zum Helden, der mit Pfeil und Bogen unterwegs zum schwarzen Dämon ist, der die Menschen in Untote verwandelt. Dieser rasselt aber schon wütend an den Ketten und wird sich bald losgerissen haben. Es ist ein Wettlauf gegen den Tod, der in der Realität seine Entsprechung findet. Auch die Mutter gerät immer mehr in den Suchtkreislauf hinein, ihr Dealer, der Grieche, will auch Adrian mitnehmen. Ansehen zu müssen, wie die Mutter zulässt, dass ihr Kind völlig unkontrollierbaren Situationen ausgesetzt ist, gehört zu den stärksten Aussagen des Filmes. Die immer mehr aus den Fugen geratende Situation muss in die Katastrophe führen. Wieder einmal von der Mutter alleingelassen und panisch vor Angst, jagt Adrian den Dämon in der eigenen Wohnung.

Die ganze Zeit über erlebt man, dass ein drogenabhängiges Milieu kein guter Nährboden für eine schöne Kindheit ist. Und fragt sich, wie dies über so viele Jahre möglich sein konnte und niemand eingegriffen hat. Der Vertreter vom Jugendamt kündigt jedes Mal seinen Besuch an, sodass die Mutter Ordnung in das Chaos bringen und dem Jungen einbläuen kann, was er zu sagen hat. Es gibt keine Nachbarn, die eingreifen, und auch die Schule reagiert erst dann, als Adrian einen Schweizer Kracher im Hof explodieren lässt, ist aber rasch mit kleinen Zugeständnissen der Mutter zufriedengestellt. Der größte Skandal ist, dass niemand hinschaut und die Verwahrlosung in einem Inferno enden muss.

„Die beste aller Welten“ ist ein traurig-schöner Film über eine schreckliche Kindheit. Berührend umso mehr, da das Kind trotz allem seine Mutter liebt und ihr immer wieder verzeiht. Der Film ist unbedingt sehenswert, denn Mutter (Verena Altenberger) und Sohn (Jeremy Miliker) spielen so gut, dass einem die Geschichte tief unter die Haut geht.