Jonathan Franzen: Crossroads (2021)

Crossroads
  1. Der Titel des Romans „Crossroads“ von Jonathan Franzen bezieht sich auf eine kirchliche Jugendorganisation in den siebziger Jahren in einem Vorort von Chicago. „Crossroads“, gegründet von dem charismatischen Rick Ambrose, hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Mitglieder radikal offen und ehrlich miteinander umgehen. Nicht mehr das Wort Gottes steht im Mittelpunkt, sondern Gott soll in der Liebe und Unterstützung zueinander erlebt werden.
  2. Der Titel ist mehrdeutig: Die Familie Hildebrandt, von der der Roman handelt, befindet sich ebenfalls an einem Wende- und Scheidepunkt (Crossroads). Die Hildebrandts wollen gute Menschen gemäß den Lehren des Christentums sein, ehrlich und aufrichtig, und kommen in Bedrängnis mit ihrer unaufgearbeiteten Vergangenheit und den Begierden und Wünschen, die das Leben für sie bereithält.

Die Hildebrands bestehen aus Vater Russ, überzeugter Pazifist, der zweiter Gemeindepfarrer von New Prospect ist und in einer Midlife-Crisis steckt, seiner Frau Marion, die eine frustrierte Hausfrau ist und ihr Leben ändern will und den vier gemeinsamen Kindern: Clem, der bereits auf dem College ist und nun in den Vietnamkrieg ziehen will, seiner siebzehnjährigen Schwester Betty, eine noch unberührte Cheerleaderin, die sich in einen vergebenen Musiker verliebt, dem fünfzehnjährigen hochbegabten Perry, der dealt, um seinen wachsenden Drogenkonsum zu finanzieren und dem 8-jährigen Jay, der kaum zu Wort kommt.  Die Hälfte des Romans spielt an einem einzigen Tag, dem 23. Dezember 1971, einem Tag vor Weihnachten. Von Kapitel zu Kapitel erfährt man aus der Perspektive eines Familienmitgliedes Genaueres über seine Geschichte, welche Konflikte er hat und wie es ihm Familiengefüge geht.

Russ kommt aus einer strengen Mennonitengemeinde, aus der er verstoßen wurde, weil er die „geschiedene“ Marion heiratet, die er nun nicht mehr begehrt, weil sie dick und unattraktiv geworden ist. Es gibt jedoch in der Gemeinde eine junge Witwe, der er den Hof macht, weil er sich nach sexueller Erfüllung sehnt. Seine Frau weiß davon und arbeitet bei ihrer Psychiaterin ihr Jugendtrauma auf, um wieder eine freiere Sicht auf die Möglichkeiten in ihrem Leben zu bekommen. Allen drei Kinder, Clem, Becky und Perry, stehen große Veränderungen bevor, die ihre Zukunft zeichnen werden. Die weiteren 400 Seiten, vor allem Ostern 1972, die Zeit in einem Ferienlager bei den Navajos in Arizona, widmet Franzen den Entwicklungen innerhalb der Familie, im Epilog Ostern 1974 kommen noch einmal alle Familienmitglieder zusammen, weil Russ seine Stelle in New Prospect aufgibt und eine neue antritt.

Die genaue Zeichnung der Charaktere und ihrer Gewissenskonflikte macht das über 800 Seiten lange Buch lesenswert. Mit jedem Kapitel erfährt man mehr über die Figur, erkennt die Spuren, warum sie so geworden ist und das vorgezeichnete Scheitern aufgrund der rigorosen Moralvorstellungen im Kopf und den Möglichkeiten der Zeit. Es wird wenig kommuniziert innerhalb der Familie, jeder ist mit seinen eigenen Träumen und seinen Lügen so sehr beschäftigt, dass es keine Zeit für ein ehrliches Miteinander gibt. So schreitet jeder seinem eigenen Glück bzw. Unglück entgegen.

Jonathan Franzen deckt mit viel Einfühlungsvermögen und Menschkenntnis die Verlogenheit in dieser streng christlichen Gemeinschaft und Familie auf, in der es nicht um Nächstenliebe und Dienen, sondern vor allem um Macht, Egoismus und Betrug geht.  

Der Roman greift viele Themen auf: Vietnam, Indianerreservate, Umweltschutz, Unterprivilegierte, Drogen, Ehe, Frauenemanzipation, Liebe und Hass, Unversöhnlichkeit, Scham und Vergebung, zeigt auf, dass vieles komplexer ist, als man es oberflächlich erahnen würde. Diese streng christliche Familie zeigt in den siebziger Jahren schon gewaltige Risse und da Franzen eine Trilogie mit dem vielversprechenden Titel „Einen Schlüssel zu allen Mythologien“ versprochen hat, ist man neugierig, wie sich die Welt der Hildebrandts und somit die Figuren des Romans weiterentwickeln werden. Man wartet gespannt, welches Leben vor allem die vier Hildebrandtkinder in den weiteren Jahrzehnten erwartet, welche Chancen sie ergreifen und welche Niederlagen sie erleiden.

Franzen hat mit „Crossroads“ ein Sittenbild der siebziger Jahre gezeichnet, das einen in den Bann zieht, da es so weit weg ist und doch so nah. Es lässt die Welt der Siebziger auferstehen, ohne Internet und Handy, mit all seine Chancen und Nöten, der beginnenden Psychologisierung und Wachsamkeit den eigenen Gefühlen und Lebensmöglichkeiten gegenüber. Wie wird die Familie Hildebrand die weiteren Jahrzehnte erleben, welche Themen der Zeit wird Franzen aufgreifen? Um es mit einem Satz zu sagen: Es wird spannend und man freut sich auf die Fortsetzung der maroden Familiengeschichte.

  • 3. Möglichkeit der Deutung des Titels: Bezug nehmend auf den Bluessong „Crossroads“ von Robert Johnson und das Cover des Romans hier die kraftvolle Version von „Cream“ aus dem Jahre 1968, als die Hippies Frieden und Freiheit in die Welt verkündeten.
Cream: Crossroads

Elvis lebt! (2022)

Bei der letzten Starmaniastaffel im österreichischen Fernsehen bezeichnete ein Kärntner Kandidat Elvis Presley als Schlagersänger. Dieser Spruch brachte ihm einen empörten Aufschrei eines im Musikgeschäft erfolgreichen Jurors einbrachte. Elvis sei nie und nimmer ein solcher gewesen. Verlegenes Lächeln des Kärntners, der sich damit immerhin einen Platz als Vorsänger von Melissa Naschenweng sichern konnte. Nein, ein Schlagersänger war Elvis Presley nie gewesen, dafür zeugt schon, dass er mit dem Verkauf von einer Milliarde Tonträger der erfolgreichste Solokünster aller Zeiten ist. Wer Elvis Presley war und was er geleistet hat, will nun die Filmbiographie „Elvis“ unter der Regie von Baz Luhrmann der ganzen Welt in Erinnerung bringen.

Im Fokus und als Erzähler der Geschichte steht sein Manager Colonel Tom Parker, der von Tom Hanks als diabolischer Gegenpart zu Elvis verkörpert wird. Er will beweisen, dass er allein für die Karriere und den Aufstieg von Elvis verantwortlich sei und nicht sein Untergang. Sehr schnelle Schnitte zeigen, wie Parker sich an den blutjungen, unsicheren Elvis heranmacht, seine große Chance wittert und auf den richtigen Moment lauert, um Elvis und seine Familie zu überzeugen, dass nur er der richtige Manager sein könne. In Rückblenden verfolgt man rasant das Heranwachsen von Elvis, seine bitterarme Kindheit, seine Scham, dass sein Vater wegen Scheckbetrugs im Gefängnis sitzt und seinen großen Wunsch, seiner Mutter einen rosa Cadillac zu schenken. Er wird ihr auch Graceland schenken, über das ich in einem früheren Blogbeitrag („On The Road again“) bereits berichtet habe. In seiner Jugend kommt er im vibrierenden Memphis mit vielen Strömungen der schwarzen Musik in Berührung, saugt alles auf und wird damit im weißen Amerika in den Fünfzigerjahren zum Superstar. Die Zeit als Soldat in Deutschland ist nicht nur wegen Priscilla von Bedeutung, er kommt auch in Verbindung mit dem Schmerz über den plötzlichen Tod seiner über alles geliebten Mutter. Parker wollte, laut seinen Aussagen, Elvis eigentlich nur vor einer Strafverfolgung in den USA schützen, weil er die dortige Jugend, vor allem die weibliche, mit seinen ekstatischen Bewegungen zu Unzucht und Ungehorsam auffordere. Alles Weitere ist hinlänglich bekannt: Nach der Rückkehr lockt Hollywood, sein Traum, ein neuer James Dean zu werden, geht in schlechten Drehbüchern unter und auch die Ehe beginnt trotz der Geburt von Lisa-Maria zu kriseln, da Elvis vor allem sein Publikum liebt. Und dann der Anfang von Ende: Tourneen durch ganz Amerika, Las Vegas mit seinen Hunderten von Shows, Scheidung, Drogentod mit nur 42 Jahren.

Fast alles aus der Lebensgeschichte von Elvis Presley ist den Älteren unter uns bekannt, interessant ist aber zu sehen, wie der Film uns Elvis und seine historische Leistung näherbringt. Tom Hanks zeigt Tom Parker als skrupellosen und spielsüchtigen Manager, dem der naive Elvis völlig ausgeliefert ist und der alle Ausbruchsversuche seines Schützlings zunichtemachte machen wird. Immer wieder wird es ihm gelingen, sein Herrschaftssystem mit Drohungen und Manipulationen aufrechtzuerhalten, um noch mehr Geld aus dem Künstler herauszupressen. Austin Butler, der Elvis spielt, sieht zwar nicht aus wie Elvis, vermag aber mit Mimik, Gestik und vor allem mit Hüftschwung und Moves das zu vermitteln, was Elvis berühmt und unsterblich gemacht hat: seine starke Bühnenpräsenz. Butler spielt Elvis so intensiv, dass man glaubt, Elvis zu hören und zu sehen. Der Schauspieler erzählt in einem Interview, er habe zwei Jahre lang Elvis Presley studiert, sich seine Mimik, Gestik und Stimme angeeignet und wurde nach Drehende wegen Erschöpfung ins Krankenhaus eingeliefert. Dass auch er nur einen kleinen Einblick in das, was Elvis ausmachte, geben kann, zeigt eine Originalaufnahme am Ende des Films. Nichts ist mehr von dem attraktiven jungen Mann geblieben, er ist aufgedunsen und äußerlich fast nicht mehr zu erkennen, aber seine Stimme entführt in eine Welt, die voller Glanz, Schönheit und Hoffnung ist.

Baz Luhrmanns Filmbiographie zeigt, warum Elvis` das prüde Amerika wachgerüttelt hat, welche Sehnsüchte er wecken konnte und wie hoch der Preis für seinen Erfolg war. Dieser Film ist so gut gemacht, dass er auch junge Menschen, die Elvis` Musik nicht einordnen können, überzeugen wird.  

Hier noch einmal den „King“ selbst und sein politisches Vermächtnis, ein Traum aus dem Jahre 1968.

 “But You´re Mine” (Licorice Pizza, 2022)

Wenn man Paul Thomas Andersons hochgelobten Film „Magnolia“ aus dem Jahr 1999 sieht, ist man  ganz nahe an Menschen, die samt und sonders gescheitert sind, man sieht rücksichtslosen, erfolgreichen weißen Männern beim Sterben zu, Frauen, die nicht genau hingesehen haben oder nur auf das Geld der Männer aus waren, und erwachsene Kinder, die an diesen Familienverhältnissen zerbrochen sind: Der Sohn ist ein selbstgefälliger, aggressiver und frauenfeindlicher Sex Guru geworden, die Tochter, menschscheu und neurotisch, hat sich vollkommen in der Drogenwelt verloren.

Nun hat Anderson einen Film gedreht, der uns in die siebziger Jahre nach Los Angeles, genauer gesagt, hinunter ins San Fernado Valley führt. Hauptfiguren sind diesmal vom Leben unverbrauchte Jugendliche. Der Coming-of Age-Film zieht alle Register, die man erwartet: Die erste große Liebe eines Fünfzehnjährigen, die nicht so leicht zu erobern ist, weil die Angebetete schon 25 ist und mit dem aufdringlichen, aber selbstbewussten Grünschnabel noch nichts anzufangen weiß. Dieser kann sich jedoch schon geschickt als Kinderstar vermarkten, hat seine eigene PR-Agentur, gründet eine Firma, die Wasserbetten verkauft, eröffnet einen Flipperladen, will Profit machen und einfach hoch hinaus im Leben. Dabei unterstützt ihn die volljährige Alana und lässt sich für allerlei Dienste und Jobs einspannen. Gemeinsam erleben und überleben sie jugendlichen Leichtsinn, tricksen präpotente Käufer aus und lassen sich so einiges an Schabernack und Zerstörung einfallen. Ständig sind sie unterwegs, im Auto oder Lastwagen, so fährt Alana wegen der Ölkrise wagemutig einen Laster rückwärts den Berg hinunter. Auch wird viel gelaufen, immer aufeinander zu und dann wieder voneinander weg, Ideen werden geboren und wieder verworfen, man trinkt Pepsi mit Eis, lacht viel und hört Wohlfühlmusik von Sunny & Cher bis David Bowie. Ein Leben, wie man es sich für Jugendliche in Los Angeles in den Siebzigern vorgestellt hat, aufregend und leicht, ewiger Sonnenschein, alles ist möglich, viel Freiheit und Spaß miteinander. Nur in der Liebe geht es nicht voran, die Annäherung zwischen den beiden will nicht klappen, obwohl sie ständig zusammen sind. Andere Partner werden ausprobiert, die entweder dem Vater von Alana zu wenig jüdisch oder Gary zu jung und unerfahren sind, sodass nichts dabei herausschaut.

Jugend und Unbeschwertheit zeichnen „Licorice Pizza“ aus, man ist jede Minute mittendrin in dieser bunten Pastellwelt. Man erfreut sich an Alana, die lange Haare und Miniröcke trägt, und auch ohne Make-up umwerfend schön ist, und an Gary, der in engen weißen Hosen, Pickeln im Gesicht und ein bisschen zu viel auf den Hüften einfach nur sexy ist.

Diese beiden Figuren tragen den Film und stellen alle anderen in den Schatten: Alana (gespielt von der Indie-Musikerin Alana Haim) und Gary (Cooper Hoffman, er ist der Sohn von Philip Seymour Hoffman). Beide spielen ihre Rolle, die ihre erste ist, so großartig, dass man jede Sekunde gebannt in ihre Gesichter und auf ihre Körper schaut. Man freut sich über jedes Lächeln, das ihnen das Leben und die Liebe schenkt, fiebert mit, wenn sie wieder einmal durch die Straßen laufen, ist gespannt, was sie sich zu sagen haben, ob sie einander endlich berühren, und fühlt das Knistern, das zwischen ihnen herrscht und nach Erfüllung strebt.

Möglicherweise ist es das, was der Film uns sagen will: Wie wenig man in seiner Jugend erkennen kann und wie sehr man im Nebel der Erwartungen anderer herumschwirrt, seien es gesellschaftliche Konventionen, Familie oder Freunde. Der Film bricht Tabus, deckt Verlogenheiten auf und fordert Wahrhaftigkeit ein. Wie schwer dies schon in der Jugend ist, zeigt der Film anhand dieses ungleichen Paares.

The Power of the Dog (2021)

Lange hat es gedauert, bis dieser Film auch in Österreich zu sehen war. Die Kinos waren wieder einmal geschlossen, denn unser Land befindet sich nun schon im vierten Lockdown. Aber nun ist auch hierzulande der Film endlich auf Netflix zu sehen. Und die Regisseurin, Jane Campion, hat für das Filmdrama in Venedig den Silbernen Löwen für beste Regie bekommen, die Vorfreude also groß.

Der Spätwestern führt uns nach Montana ins Jahre 1925. Dort lebt ein Brüderpaar, das eine einsame Rinderfarm bewirtschaftet. Gleich zu Beginn ist klar, wer das Sagen dort hat. Es ist Phil Burbank (Benedict Cumberbatch), einer, der nicht gerne badet und stinkt, der seinen sanften Bruder George (Jesse Plemons), der auf Sauberkeit und schöne Kleidung Wert legt, dominiert. Phil ist noch ein Cowboy der alten Schule, frei von Sanftheit, Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme. Wozu dies führt, zeigt die nächste Episode, in der die Männer ihr Vieh in eine Kleinstadt treiben, in der die Witwe Rose (Kirsten Dunst) mit ihrem Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) ein kleines, aber feines Hotel führt. Bereits beim Essen kommt es zum Eklat, weil Phil die filigrane Papierblume, die Peter gebastelt hat, als Zigarettenzünder verwendet und er sich über Peters noble Art zu servieren lustig macht. Die Kraft des Hundes ist geweckt. Rose muss über diese Grobheit in der Küche weinen, während Peter draußen mit dem Hula-Hoop-Reifen übt. Alles geht sehr schnell: denn George verliebt sich in die schöne Rose, besucht sie ein paarmal mit dem Auto, bevor er sie dem überraschten Phil als Ehefrau ins Haus bringt. Dieser ist irritiert und verletzt, denn nun muss er alleine in seinem Zimmer schlafen und als Vergeltung dafür, dass er sich ausgeschlossen fühlt, drangsaliert er Rose aufs Widerlichste, die sich mehr und mehr im Alkohol verliert.

Als der schmalhüftige Sohn seine Mutter besucht und ihr Elend mitbekommt, beginnt sich das Blatt langsam und überraschend zu wenden.

Wer jetzt von der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion einen Western erwartet, wird enttäuscht sein. Denn es steht zwar ein echter Cowboy mit seiner Farm im Mittelpunkt, der einen Mann namens Branco Henry nostalgisch verehrt. Dieser habe, so erzählt Phil, ihm einst das Reiten beigebracht und der Sattel des Helden wird in der Scheune wie ein Heiligtum gehegt und gepflegt. Phil möchte so wie Branco sein und darf keine Schwäche zeigen. Er ist ein brutaler Fiesling und ein begabter Banjo spielender Altphilologe, aber wenn er im grünen Gras liegt, ein ganz anderer: träumerisch, voller Sehnsucht sich mit dem Halstuch von Branco berührend, aber streng darauf bedacht, dass ihn niemand dabei sieht. Sein Bruder George weist schon in die Zukunft, indem er Auto fährt und sich einfühlsam und liebevoll um die zerrüttete Rose kümmert.

Auch Phil will aus Peter einen richtigen Mann machen, der keine Angst mehr vor Hunden, Pferden und abschüssigen Hügeln hat. Dieser lässt es mit sich geschehen und er umgarnt dabei Phil mit eindeutigen Gesten und Bewegungen, ohne dass er sein Ziel aus den Augen verliert. Ein Spiel, das zugleich ein Machtkampf ist, beginnt zwischen den beiden, die ihre Motive nicht offenlegen bzw. nicht kennen. Es wird in diesem Western nicht mehr mit Gewehren geschossen, sondern mit Erotik und Verführung. Es geht um Schutz und Zerstörung, um Überleben und Tod und schlussendlich gewinnt der, der sich seiner Identität bewusst ist.

Dass ein so archaisches Thema von einer neuseeländischen Regisseurin aufgegriffen wird, zeigt, dass vieles im Aufbruch und Wandel ist. Toxische Männlichkeit ist passé, der neue Mann ist einer, der Frauen versteht und sich für ihr Glück einsetzt.

Hit the Road (IRN 2021)

Wenn man in das Jahr 2016 zurückblicken und auf meinen Blogbeitrag „DISPLACED“- Vordere Zollamtsstraße 7“ stoßen würde, könnte man darin lesen, was eine Wiener Schulkasse samt ihrer Lehrerin beim Besuch in Österreichs größter Flüchtlingsunterkunft erlebt hat. Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die gerade einen langen Weg hinter sich hatten, erschöpft und erleichtert, dass sie ihn überlebt und dort angekommen waren, wo sie auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Nachkommen hoffen konnten. Wir alle wussten damals noch nicht, was sich in den nächsten fünf Jahren verändern wird, nach der Flucht, viele sind weitergezogen, einige sind geblieben, wenige haben bereits maturiert, andere kämpfen noch immer um ihr Aufenthaltsrecht oder wurden bereits in ihre Heimat zurückgeschickt.

Der Film „Hit the Road”, der gestern im wiedererstrahlten Gartenbaukino im Rahmen der Viennale und in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt wurde, startet am Beginn dieser Reise. Eine Familie, bestehend aus dem Familienpatriarchen (Hassan Madjooni), der Mutter (Pantea Panahiha), zwei Söhnen und Hund, ist unterwegs, zunächst auf einer Landstraße, es scheint Richtung Westen zu gehen.

Ein langer Stopp am Straßenrand gibt erste Hinweise, dass es keine Urlaubsreise sein wird. Es herrscht eine gereizt-distanzierte, aufgeheizte Stimmung im Inneren des Autos. Der älteste Sohn (Amin Simiar), mürrisch und teilnahmlos, ist ausgestiegen und es ergreift einem die Angst, dass er nicht mehr einsteigen wird. Im Auto, einem Leihwagen, zeigt ein überdrehter, neunmalkluger Sechsjähriger (Ryan Sarlak), was er kann. Der Vater, hinten sitzend und wegen eines überdimensionalen Gipses seit drei Monaten bewegungsunfähig an Armen und Beinen, versucht ihn mit Witz und Charme zu beruhigen, was nicht gelingen wird. Die schöne Mutter, wie ihr Mann immer wieder betont, ringt um Fassung, aber zunächst um die Herausgabe des Handys, das der Jüngste heimlich wegen einer Liebschaft bei sich trägt.  Es wird am Straßenrand vergraben. Keine Handys seien erlaubt, heißt es immer wieder. Die Reise führt in die Berge, es ist von einem verkauften Haus der Mutter die Rede, von viel Geld, das bereits bezahlt worden war und man nicht weiß, ob man dem Mittelsmann trauen kann.

Die Mutter fühlt sich verfolgt, man macht an einem heruntergekommenen Ort eine lange Klopause, in der Mutter und Sohn auf einer Bank sitzen. „Geh nicht!“ stößt sie hervor, bevor sie ihn mitrauchen lässt und ihm vorhält, zu viel zu rauchen. Dann sitzt sie allein auf einer Mauer, nach Westen blickend, beobachtet von ihrem Mann, der ihr in ihrem Schmerz nicht beistehen kann. Immer karger wird die Landschaft, sie führt zu Schafen und Männern, die noch mehr Geld wollen und auf Motorcross-Maschinen bedrohlich-verhüllt die Berge hinauf- und hinunterknattern. Mehr sei hier nicht verraten.

Nur, dass Vater und Sohn am Schluss auf einer Sternenfahrt unterwegs ins All sind.

Der junge Regisseur Panah Panahi, es ist sein erster Film und er schrieb auch das Drehbuch, war ganz „berührt von seinem Film“. Er antwortete auf die Frage, ob der Film im Iran gezeigt werde könnte, dass der Film nicht so sehr wegen des Themas, Emigration, sondern wegen der Musik im Iran nicht im Kino gezeigt werden würde. Denn Musik spielt eine zentrale Rolle und in dieser finden die Gefühle ihren Ausdruck, die im Augenblick nicht gelebt werden dürfen. Dass die Mutter schließlich das Steuer in die Hand nimmt und lautstark mitsingt, könnte als Symbol der Hoffnung für dieses Land gedeutet werden. Frauen, die sich im öffentlichen Raum verhüllen und ständig mit Sanktionen rechnen müssen, bietet das Auto die Möglichkeit, ihren unterdrückten Gefühlen freien Lauf zu lassen und Freiheit und Identität zu atmen. Ihre Fahrt geht aber nicht gegen Westen, sondern zurück nach Teheran, woher die Familie gekommen ist.

Viel Applaus erntete eine Frau aus dem Iran, die dem Regisseur für den Film dankte, dass er das einfangen konnte, woran wir bei unserem Besuch im Flüchtlingswohnheim 2016 nicht gedacht hatten: an den Schmerz der Zurückgebliebenen.

„Über Menschen“

Juli Zeh hat schon über viele Themen geschrieben: über Gesundheitsdiktatur („Corpus Delicti“), Kindheitstrauma („Neu Jahr“), Windräder („Unter Leuten“) und nun einen Roman „Über Menschen“. Sie ist immer am Puls der Zeit, also auch an Corona, hier aber als Hintergrundkulisse. Das Buch handelt über Menschen in einem fiktiven Dorf in Brandenburg, Bracken, nicht weit von Unterleuten entfernt, wieder ein Dorf- und möglicherweise der erste Coronaroman im deutschen Sprachraum.

Alles fängt harmlos und überschaubar an. Die 36-jährige Dora, eine erfolgreiche Werbetexterin für nachhaltige Produkte, lebt in einer 80 Quadratmeter Wohnung mit Balkon in Kreuzberg, als die Welt noch fast in Ordnung ist. Sie stammt aus einer guten Familie, der Vater ist ein angesehener Neurologe, der zwischen einer Klinik in Mainz und der Charité hin- und herpendelt, die Mutter früh an Krebs verstorben. Sie hat einen Bruder, der im Aufbau einer eigenen Familie begriffen ist, und nicht viel Zeit hat und Interesse an seiner Schwester zeigt. Sie lebt mit Robert zusammen, einem liberalen Journalisten, der früh die Gefahren von Corona erspürt, Greta verehrt und sich mehr und mehr in Klima- und Umweltschutz verbeißt. Dann muss Dora ins Homeoffice und dafür ist die Wohnung zu klein, zudem ihr Freund es gewohnt ist, über sie alleine zu verfügen. Es bleibt ihr nur die kleine Küche als Arbeitsplatz und um der Enge dort zu entkommen, macht sie sich mit ihrer Hündin, Jochen der Rochen, während des Lockdowns zu langen Spaziergängen auf. Nun gilt sie zuhause als Virenschleuderin und es kommt immer mehr zu Reibereien, zunächst reagiert sie trotzig, flüchtet schließlich aus den Beziehung in ein altes Gutsverwalterhäuschen in Brandenburg. Und nun beginnt die eigentliche Geschichte: Sie macht sich mit großem Eifer daran, das Grundstück zu kultivieren, hat aber weder Wissen noch Mittel dafür. Es könnte für sie nicht trostloser sein: ein leeres, heruntergekommenes Haus, ein Garten, der verwildert ist, kein Auto in der Provinz mit spärlichen öffentlichen Verkehrsmitteln, sodass eine Einkaufstour zum nächsten Shoppingcenter nur mit großer Mühe und Anstrengung zu bewältigen ist. Doch sie hat Glück: ein glatzköpfiger, nicht gut riechender Hüne mit Tattoos erkennt ihre Lage und sammelt sie an der Bushaltestelle samt Hund und Einkaufssäcken auf. Es ist ihr Nachbar, Gote, der sich ihr als Dorfnazi vorstellt und wegen versuchten Todschlags im Gefängnis saß, wie Dora später herausfindet. Zudem hatte er Spaß, Linke zu jagen und zu verprügeln. Einerseits hat sie Angst vor ihm, zumal er einen Schlüssel zu ihrem Haus besitzt und in diesem ein- und ausgeht. Er ist grob, aggressiv und droht ihren Hund umzubringen, sollte dieser sich noch einmal auf über seine Kartoffel hermachen. Andererseits kümmert er sich liebevoll um seine Tochter und die in der Provinz verlorene Dora. Er schenkt ihr Stühle, baut ein Bett für sie, malt aus, stellt eine Palme ins Haus und sorgt dafür, dass ihr Grundstück gerodet wird. Aber er bedroht auch Ausländer und singt beherzt mit seinen Freunden Nazilieder in seinem Garten. Auch die übrigen Dorfbewohner, die sich um Dora kümmern, das Schwulenpaar, das kifft und einen AfD-Aufkleber auf dem Postkasten hat oder Heini, der ihr im Garten hilft, aber ständig rassistische Witze auf Lager hat, irritieren die grün wählende Dora. Wie sie mit diesen Widersprüchen zurechtkommt, erzählt der Roman in weiterer Folge.

Im Roman ist Corona der Katalysator für gesellschaftliche Probleme, die bereits vorher vorhanden waren: Klimawandel, Rechtsextremismus, Einsamkeit, Verschwörungstheorien, Landflucht. Berufliche und persönliche Verhältnisse verändern sich für Dora mit Coroana schlagartig, es drängt ans Licht, was vorher noch verschleiert war. Aber im Dorf haben alle ihr Bündel zu tragen und müssen mit schwierigen Herausforderungen zurechtkommen. Doras Leben gerät aus den Fugen, aber ihre finanzielle und persönliche Krise bringt sie zu mehr Nähe und Verständnis den Menschen im Dorf gegenüber. Widersprüche gilt es auszuhalten, nicht aufzulösen, dies scheint die zentrale Botschaft von „Über Menschen“ zu sein. „Trotz allem liegt da drüben ein Mensch.“

Mag sein, dass manche sagen, dass „Über Menschen“ kein politischer Roman sei und keine Wertung stattfinde. Man muss dem Roman zugutehalten, dass die Figuren und ihre Konflikte lebendig geschildert werden, dass Berührung stattfindet und man sich mittendrin in einem kleinen dörflichen Kosmos befindet, der zeigt, was die deutsche Gesellschaft derzeit auszeichnet und woran sie zu zerreißen droht.

Die Villen vom Ausseerland

Begibt man sich ins Ausseerland, egal ob nach Bad Aussee, Altaussee oder Grundlsee, fallen die vielen prächtigen Villen auf, die die Landschaft zieren. Einsam und erhaben stehen sie in der Landschaft, meist in ansehnliche Parklandschaften eingebettet, die man sich nicht zu betreten traut:  Privatbesitz, der ein Betrachten nur über den Zaun oder die Hecke zulässt. Jetzt könnte man enttäuscht umdrehen, das Leben dahinter im Verborgenen lassen und darüber allerlei Vermutungen anstellen, wer wohl die Menschen und Mächte hinter den Zäunen einst gewesen waren. Diese Geheimnisse verrät Marie-Theres Arnbom in ihrem Buch „Die Villen vom Ausseerland. Wenn Häuser Geschichten erzählen“. Ein Bild in dem Buch zeigt die Autorin vor der Villa Jungmann, die mit ihrem eigenen Leben verwoben ist und die heute als „wunderbar renoviert“ zu mieten ist.

Marie-Theres Arnbom

Marie-Theres Arnbom stellte ihr Buch „Die Villen vom Ausseerland“ im Juli einem breiten Publikum im Kammerhofmuseum vor. Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft waren zu diesem Event gekommen. Die Autorin schien mit vielen vertraut zu sein, denn vor der Lesung nahm sie ein Bad in der Menge und begrüßte herzlich Freunde und Bekannte.

Gemeinsam mit ihrem Mann, Georg Gaugusch, las sie aus den „Villen“ vor und erzählte wortgewaltig Geschichten über diese, auch über den schwierigen Entstehungsprozess des Buches, während die Welt wegen Corona stillstand. Nichtsdestotrotz sei es ihr durch gute Kontakte gelungen, Zugang zu Quellen, Bibliotheken und über Zoom zu verstreuten Nachkommen ehemaliger Besitzer in aller Welt zu bekommen, und so zu den Informationen über die Menschen zu gelangen, die diese prächtigen Villen einst erbaut und bewohnt hatten.

Wer waren also die BesitzerInnen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts, meist von Wien aus aufmachten, um im Salzkammergut ihre Sommerfrische zu verbringen? Man stößt auf berühmte Namen: den Schriftsteller Jakob Wassermann, den Industriellen Camillo Castiglioni, den Burgschauspieler Ludwig Gabillion und viele andere Größen der damaligen Zeit. Wie die Autorin betonte, war das Ausseerland aber auch Mittelpunkt vieler starker Frauen. Exemplarisch möchte ich einige wenige herausgreifen:

„Die schreibenden Damen Schreiber“ wuchsen als Töchter von Josef und Clara Schreiber in Bad Aussee und Meran auf, der Vater hatte mit der Gründung eines Senatoriums einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Bad Aussees als Luftkurort geleistet. Die Töchter wurden zur Ausbildung nach Paris geschickt, in den Sommerferien spielten sie zuhause mit Theodor Herzl Tennis, denn die Mutter, Clara Schreiber, galt als „große Saloniere“, die viele Prominente nach Bad Aussee holte und für intellektuelle Unterhaltung und Zerstreuung sorgte. Ihre Tochter Adele Schreiber wird eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen Deutschlands und Reichsabgeordnete, außerdem die Gründerin der allseits beliebten „Alpenpost“ werden. Ihre Schwester Lilli, verheiratete Baitz, wird durch ihre Trachtenpuppen und Schaufensterdekorationen auch in Amerika Erfolge feiern und ihren Alterssitz wieder nach Bad Aussee verlegen. Vor ihrer „Übersiedlung“ nimmt sie sich 1942 das Leben, ihre Schwester überlebt in der Schweiz. Eine große Weihnachtskrippe mit den Trachtenfiguren von Lilli Baitz ist im Kammerhofmuseum zu besichtigen, das übrigens einen umfangreichen Überblick über die Geschichte und Kultur des Ausseerlandes bietet und einen Besuch lohnt.

„Genia Loci“: Eugenie Schwarzwald“ war eine Reformpädagogin und Wohltäterin, die mit der „Erziehung zum Glück“ vielen Mädchen eine schöne Schulzeit ermöglichte und ein strenges Gegenkonzept zu dem herrschenden autoritären Schulkonzept entwickelt hatte. Sie förderte geistige Selbstständigkeit, Kreativität und vor allem Lebenslust bei ihren Schützlingen. Zudem initiierte sie während des Ersten Weltkrieges die Aktion „Wiener Kinder aufs Land“ und sammelte innerhalb von sechs Wochen eineinhalb Millionen Kronen, fand leere Villen und Fabrikgebäude für die notleidenden und verwahrlosten Wiener Kinder, wodurch es im ersten Jahr bereits “72 Kolonien“ gab, wie Berthold Müller im „Neuen Wiener Tagblatt“ berichtete.

„Die Frau in der zweiten Reihe: Maria Stiasny“. Die promovierte Anglistin wird 1917 Assistentin von Eugenie Schwarzwald und übernahm 1924 die gesamte Administration der Schwarzwald-Schulen und leitete dreizehn Jahre lang – „völlig selbstständig und allein verantwortlich“ – die Villa Seeblick in Grundlsee. Elias Canetti beschreibt sie in seiner Autobiographie als das „Herz dieser Menage“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kann sie sich nach Argentinien retten und stirbt dort, obwohl sie die Erbin von Eugenie Schwarzwalds Besitztümern ist, völlig verarmt.

Wie ihr ergeht es vielen anderen VillenbesitzerInnen im Ausseerland: Die Geschichte der unbekümmerten und sorglosen Sommerfrische vieler Wiener jüdischen Familien findet mit dem Jahr 1938 ein jähes Ende. Die Villen werden enteignet, die Sommergäste vertrieben bzw. deportiert und ermordet, und in der Gegend machen sich die Nationalsozialisten breit und ziehen in die Villen ein. Nur ganz wenige der Vertriebenen werden nach dem Zweiten Weltkrieg in die Heimat zurückkehren und ihre Besitzgüter rückerstattet bekommen. Meist einigte man sich auf einen Preis – weit unter dem tatsächlichen Wert – mit den neuen Besitzern.

Das Buch von Marie-Theres Arnbom zeichnet sich durch viele Quellen, Bilder und ein umfangreiches Literaturverzeichnis aus und lässt so eine vergangene Welt auferstehen, die mondän, fortschrittlich und weltoffen das Ausseerland noch heute erstrahlen lässt.

Sehnsucht Ferne

Wer jetzt eine Reise tut, braucht nicht viel auszugeben. Täglich erreichen mich Schnäppchen, die mich auf die AIDA zu einer Mittelmeerkreuzfahrt oder zum Inselhoppen nach Griechenland einladen, alles spottbillig und ab morgen („Heute noch im Büro. Morgen schon an Bord.“). Auch die Malediven reizen mit Sonderangeboten, dass einem Hören und Sehen vergeht. Nur in das Sehnsuchtsland USA besteht ein Einreiseverbot für touristische Zwecke, alle anderen Urlaubsdestinationen buhlen um Gäste. Trotzdem ist man hierzulande noch sehr vorsichtig, und ich kenne nur wenige Mutige, die sich auf nach Griechenland, Kroatien oder Italien zum Strandurlaub machen.

Was ist zu tun, wenn die Risiken zu groß scheinen und man sich im eigenen Land am sichersten fühlt? Um die Sehnsucht nach der Ferne zu stillen, hier ein paar Tipps, die helfen könnten.

Besuchen Sie die Ausstellung „Sehnsucht Ferne. Aufbruch in neue Welten“ auf der Schallaburg. Nicht nur, dass die herausgemauserte Burg samt Restaurant und Park eine Augenweide ist und man auf bunten Liegestühlen überall lange verweilen könnte, auch die Ausstellung leistet einen profunden Beitrag, wenn man über das Reisen nachdenken möchten. Unerlässlich ist, dass man sich durch die zugegebenermaßen wirklich dicht bestückte Ausstellung eine Führung leistet, um den Überblick nicht zu verlieren. Ein sehr kundiger Mann in Trachtenjacke eröffnet einen Ausblick in die Geschichte und Problematik des Reisens, von Fantasien, der mutigen Ida Pfeifer, der der große deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt Rosen streute, er berichtet uns von Österreichs Weltumsegelung, der „Novarra“, der ein breiter Raum in der Ausstellung eingeräumt wird. Man erfährt etwas vom Leben an Bord, sieht ein Seemannsmodell des legendären Schiffes und weiß endlich, wie ein Sextant funktioniert und warum viele Seeleute, nicht nur Piraten, auf einem Auge blind waren. Auch von Alexandra David-Neel wird erzählt, die schon 1911 zu einer Studienreise nach Nepal aufbrach und als Bettelnonne verkleidet Lhasa erreichte, das für Fremde verboten war. Man hat Mitleid mit den drei österreichischen Wissenschaftlern, die 14 Monate im ewigen Eis feststeckten und nur durch Vogeleier nicht verhungerten.  Besonders berührend aber sind die Berichte der österreichischen Himalaya-Expedition 1969, die den Gipfelsturm mit dem Leben bezahlte.

Nicht nur erfolgreiche oder gescheiterte Expeditionen werden vermittelt, sondern auch der Problematik der Entdeckungsfahrten und Eroberungen wird berührt. Müssen die Museen dekolonisiert werden? Darf man Mumien ausstellen? Wer erzählt Geschichte? Kolonisierung oder Völkermord? Ausbeutung und Versklavung vieler außereuropäischer Völker im Namen von Christus? Noch sehr vieles, das den heutigen Diskurs bestimmt, wird angesprochen und soll zum Nachdenken anregen.

Kaufen Sie sich den Ausstellungskatalog „Sehnsucht Ferne. Aufbruch in neue Welten“ der die Ausstellung mit reichem Bild- und Quellenmaterial ergänzt und eine wahre Fundgrube ist, über die „Sehnsucht Ferne 2.0“ anhand von Augenzeugenberichten informiert zu werden. Hier eine kleine Auswahl, die ich Ihnen empfehle.

„WEIT. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“. Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser machten sich 2013 von Freiburg auf, um die Welt ohne Flugzeug zu erkunden, nur zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Autostopp und Schiff. Nach 100 000 Kilometern kehrten sie dreieinhalb Jahre später mit ihrem in Mexiko geborenen Sohn in ihre Heimatstadt zurück. Beide haben ihre Reise in einem Film mit dem obigen Titel festgehalten. Unbedingt sehenswert.

„fernOst: Von Berlin nach Tokio“ (Netflix): Ein vierköpfiges deutsches Reporterteam brach 2013 mit zwei Geländewagen von Berlin auf, um auf dem „Asian Highway“ bis nach Tokyo zu fahren. Die Miniserie führt durch Länder und Gegenden, die man selbst wohl nie erkunden wird können. Sehr spannend und höchst professionell gemacht.

Sollte man nun Lust bekommen haben, etwas zu erleben, kann man sich gleich aufmachen, um Österreich zu durchwandern. Zum Beispiel den Salzkammergut BergeSeenTrail, einen Weitwanderweg, der von einem Ende (Gmunden) zum anderen (Tauplitzalm) des Salzkammerguts führt. Am Sonntag habe ich die zweite Etappe geschafft: insgesamt 18 Kilometer, jetzt bleiben nur noch um die 330. Viele Wanderlustige trifft man heuer nicht, dafür entschädigen der Märchensee (Tauplitz) und liebliche Almhütten (Ödernalm).

„Hard Land“ oder die Sehnsucht der Jugend

Hard Land“, so der Titel des neuen Coming-of-Age-Romans von Benedict Wells, spielt 1985 in einem kleinen Ort in Missouri, USA. Lange dachte ich, in Unkenntnis darüber, wer der Autor ist, dass es sich um einen Amerikaner handelt, so sehr konnte man das Geschehen, das man ja selbst nur auch aus Romanen und Filmen kennt, wiedererkennen. Das vom Niedergang bedrohte Diner, die bedrohliche Highschool, die Mall, in der man aus Langeweile herumhängt, das alte Kino, in dem „Breakfast Club“ und „American Graffiti“ gespielt wird und natürlich die Musik von Billy Idol und Simple Minds.

Warum schreibt ein Autor, der 1984 in Bayern geboren wurde, nicht über eine Kindheit und Jugend in der bayrischen Provinz? Aus Sehnsucht nach einer Zeit, die noch frei von Internet und Co war und in der noch auf Liebesbriefe gewartet werden musste?

Denn für heutige Verhältnisse erfüllt Grady vieles, wonach sich Jugendliche möglicherweise gerade jetzt sehnen: Die Möglichkeit, etwas zu erleben, das sie aus ihrer engen Welt herauskatapultiert.

Obwohl Grady vor dem Niedergang steht, da die Textilfabrik schließen musste und der Vater des Ich-Erzählers arbeitslos wird, entdeckt Sam, der in diesem Sommer 16 wird, gerade dort das bittersüße Leben der Erwachsenen. Seine Familienverhältnisse sind angespannt, sein Vater ist ein Einzelgänger, in dessen Gegenwart sich Sam nicht wohl fühlt, seine Mutter krebskrank und seine Schwester weit weg in Los Angeles. Um der sommerlichen Tristesse und einem Verwandtenbesuch zu entkommen, nimmt er einen Aushilfsjob im Kino an und trifft dort auf drei Jugendliche, eine eingeschworene Gemeinschaft, die am Ende des Sommers in Colleges in ganz Amerika verstreut wird. Es ist ihr letzter Sommer in der Kleinstadt und nach einigem Zögern nehmen sie den um zwei Jahre jüngeren Sam in ihre Runde auf und weihen ihn in ihre Geheimnisse ein. Als Initiation muss er die 5 Wellen überstehen, von der Selbstmordklippe springen, viel Alkohol trinken, stehlen und bekommt den ersten Kuss. Er wird in diesem kurzen Sommer Schönes und Schreckliches erleben: Abenteuer, Freundschaft, rasendes Verliebtsein, Schuldgefühle, Tod und Verluste, hinein ins satte Leben geraten. Und seine neuen Freunde können sich sehen lassen: Brandon, genannt Hightower, ist der beste Sportler der Schule, schwarz und von einem netten Farmer adoptiert, er ist es, der den schwächlichen Sam zum täglichen Laufen bringt. Cameron ist reich und homosexuell und die Welt liegt ihm zu Füßen, aber er hat nur einen Wunsch: Grady nicht untergehen zu lassen. Er wird Sam ein guter und verlässlicher Freund über den Sommer hinaus sein. Und dann gibt es noch die coole Kristie, in die sich Sam sofort verliebt, die ihm viel Mut und Ausdauer abverlangt, aber auch in seiner schwersten Zeit an seiner Seite ist. Im Hintergrund begleitet uns noch der legendäre Schreibwettbewerb über den einheimischen Dichter, der „Hard Land“, eine Gedichtsammlung, geschrieben hat. Aufgabe jeder Abschlussklasse ist es, ein bestimmtes Gedicht daraus zu interpretieren und bisher ist es nur einem/ einer gelungen, den Sinn zu entschlüsseln. Alle in der Highschool wollen nicht nur wissen, wem diese gelungen sei, sondern diese Ehre auch selbst einheimsen.

Am Ende des Sommers scheint vieles vorbei zu sein: die Freunde haben den Ort verlassen und Sam bleibt mit seinem Vater zurück. Beide fügen sich in ihr Schicksal, aber Sam sitzt nicht mehr alleine in der Cafeteria. Zu viel hat er erlebt, ist gereift und selbst zur Legende geworden. Wie genau dies geschehen ist, hat Benedict Well leicht, eindringlich und berührend beschrieben. „Hard Land“ hat diese verlorene Zeit nostalgisch aufleben lassen. Die Geschichte in die heutige Zeit zu versetzen, wäre nicht möglich, denn fast alles hat sich radikal verändert. Nichts ist mehr so, wie es damals war, und doch ist alles wie immer: die Sehnsucht der Jugend bleibt.

Kamala Harris: The Truths We Hold

The Truths We Hold

Ihre Autobiographie beginnt im November 2015, als nur wenige sie kennen. Donald Trump wird zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und Kamala Harris als Vertreterin Kaliforniens in den Senat gewählt. 2021 ist Donald Trump Geschichte und Kamala Harris Vizepräsidentin. „The Truths We Hold. An American Journey“ erschien 2019, („Der Wahrheit verpflichtet: Meine Geschichte, 2021), als sie ihre Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten bekanntgab und gibt Einblicke in ihre politische Laufbahn, ihr Programm für die Erneuerung des Landes und ihre Herkunft. Sie verfolgt damit das Ziel, sich als erste Präsidentin der Vereinigten Staaten in Position zu bringen.

Liest man die Autobiographie, wird sofort klar, dass sie ihren Aufstieg konsequent plante und mit großem Selbstbewusstsein und Mut verfolgte. Man ist beeindruckt von ihrem politischen Werdegang, aber vor allem von ihrem Engagement und dem Willen zur Macht. Nicht verwunderlich, dass Ex-Präsident Trump sie mit untergriffigen Worten als „mad woman“ und „besonders bösartig und wütend“ zu verunglimpfen versuchte, denn sie hatte sich bald in den Anhörungen von Ministern und Obersten Richtern mit klugen und unangenehmen Fragen landesweit einen Namen gemacht. Die Truths, die sie anspricht und die es zu verändern gilt, sind Wunden der amerikanischen Gesellschaft: ein überteuertes und ineffizientes Gesundheitssystem, schlechte Schulen, illegale Einwanderung, ein überlastetes Justizsystem, Drogenmissbrauch, stagnierende Löhne…

Kamala Harris wurde 1964 in Oakland geboren, ihre Mutter stammt aus Indien, ihr Vater aus Jamaika. Beide waren in der Bürgerrechtbewegung der sechziger Jahre aktiv und besonders ihre politisch engagierte Mutter, eine Brustkrebsforscherin, die ihre beiden Töchter auf Demonstrationen im Buggy mitnahm, wird einen prägenden Einfluss auf sie haben: „Be not afraid – do not let anybody stop you“ hörte Kamala seit frühester Kindheit von ihr. Die Ehe ihrer Eltern scheitert, als Kamala noch ein Kind ist, und ihr Vater verschwindet somit aus dem Blickfeld.

Harris studiert Jus und steigt schnell auf: zuerst wird sie Bezirksanwältin von San Francisco, 2011 Generalstaatsanwältin und Justizministerin von Kalifornien und 2017 US-Senatorin der Demokraten. Ihre Arbeit als progressive Staatsanwältin beschreibt sie penibel in dem Buch, vor allem ihre Erfolge im Kampf gegen Gewalt- und Wirtschaftsverbrechen.

Man erlebt sie als Vollblutjuristin, die mit viel Kraft und Schwung Verbesserungen im Justizsystem Kaliforniens initiiert: Von der Legalisierung von Marihuana über drakonische Strafen fürs Schulschwänzen bis hin zu erfolgreichen Verhandlungen mit den Banken nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes. Besonders engagiert sie sich für Frauen und Arme, die sie oft nicht durch das Rechtsystem gerecht vertreten sieht. Ihr Grundsatz lautet: Opfer- vor Täterschutz, jedes Verbrechen gehört bestraft.

Sie ist die immer die erste Afroamerikanerin und erste Asiatin, die in ein Amt gewählt wird. Wenn man ihren Werdegang mitverfolgt, scheinen zwei Faktoren dafür ausschlaggebend zu sein: erstens zeichnet sie sich durch eine schier nicht zu versiegende Energie aus, zweitens schafft sie es, sich die Unterstützung vieler wichtiger Menschen zu sichern. Sie weiß, was sie will und lässt sich durch nichts und niemanden einschüchtern. Liest man das Buch, so gewinnt man den Eindruck, dass sie immer ein Heer von Menschen um sich hat, die sie bedingungslos unterstützen und für ihren Erfolg kämpfen. Dass Joe Biden sie als Vizepräsidentin nominiert hat, obwohl sie ihn bei einer Fernsehdiskussion wegen seiner Haltung zu School Busing heftig kritisiert hatte, hängt wohl mit dem Umstand zusammen, dass Bidens Sohn „Beau“ eng mit ihr zusammengearbeitet hat und freundschaftlich verbunden war. In dieser Debatte, die viel mediales Aufsehen erregt hat, sagt Harris, dass sie ohne Schoolbusing wohl nicht ihren Weg hätte gehen können. Auch hier gehört sie zu den ersten, die in den Genuss dieser Initiative gekommen ist.

Neben ihrem politischen Programm und Erfolgen, die sie mit ihrem Team erzielt, nimmt ihr Privatleben einen breiten Raum in dem Buch ein. Hier sind es vor allem ihre Mutter, Schwester und Freundinnen, die sie seit Kleinkindtagen begleiten. Sie selbst präsentiert sich als begeisterte und leidenschaftliche Köchin, der ein Sonntagessen im Kreise ihrer Familie sehr wichtig ist. Und in nicht mehr ganz so jungem Alter wird sie mit Douglas Emhoff verkuppelt, einem geschiedenen Mann mit zwei halbwüchsigen Kindern, der sie bei seinem Heiratsantrag zu Tränen rührt. Auch in dieser Patchworkfamilie entwickelt sich alles zum Besten, sie sagt, sie habe eine sehr gute Beziehung zu Douglas Kindern.

Kamala Harris gilt als weiblicher Barack Obama und könnte es mit ihrem Charisma und ihrer Durchsetzungskraft zur ersten Präsidentin der USA schaffen.