Zum erstenmal bei den SEERN auf der Zloam

Als ich am Freitagnachmittag zum Ödensee komme, wundere ich mich über die vielen Menschen und Heurigenbänke, die um die Kohlröslerhütte aufgestellt sind. Auf einem Tisch entdecke ich das Schild:


Der Tisch bleibt leer, denn die Musiker/innen haben sich schon in den VIP Bereich im oberen Stock zurückgezogen, eine ausgelassene Stimmung zurücklassend. Einem braungebrannten Hochzeitspärchen, lese ich am nächsten Tag in der Zeitung, wurde nach der Fanwanderung um den See ein Ständchen gesungen.
Also auf zum Open Air am Samstag nach Grundlsee, das einem, von Mitterndorf kommend, zuerst zu einem weit entfernten Parkplatz und von dort mit anderen den Weg hinaufführt, viele in Lederhosen und speziellen SEER-Hüten. Die Atmosphäre ist bereits um halb sechs aufgeheizt von Alkohol und Vorfreude. Im Open Air Gelände angekommen, beeindrucken die gewaltige Bühne und die drei Tribünen, die Tausende von Menschen fassen. Am Hang, noch in warmem Abendlicht, sammeln die Stehplatzgäste ihre Kräfte für einen langen Abend. Die Vorgruppen bieten exzellente Musik, die Gruppe High South aus Nashville sendet Countrymusic zum Grundlsee hinab und Backenstein hinauf und Hot Chocolate heizt mit funkigem Rock den eintrudelnden Massen mächtig ein. Langsam füllen sich die Stehplätze aus den Sonnenrängen auf. Um Punkt neun betreten DIE SEER die Bühne und ihre ausverkaufte Show „Nur das Beste“ kann beginnen. Da ist es schon dunkel und alle freuen sich darauf. Zweieinhalb Stunden werden sie singen von „Hoamatgfühl“, „Sehnsucht nach Grundlsee“, „Hätt di gern bei mir“, „Voglfonga“, „Eiskristall“, von Liebe, Natur und Gemeinschaft, ganz unverkrampft und frei von jeglichen Vereinnahmungen. All dies kann man in Zeiten wie diesen gut gebrauchen und die Menschen spüren, dass etwas Tieferes verborgen ist in den Liedern mit den Titeln „Wilds Wossa“ und „Junischnee“. Und wenn man von der Tribüne aus über die Masse von wogenden Händen, tanzenden, sich umarmenden und küssenden Menschen sieht, versteht man, warum DIE SEER in den letzten 22 Jahren Jung und Alt, Klein- und Großgewachsenen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum begeistern konnten. Mehrmals weisen sie darauf hin, dass sie an diesem Ort auf einem Traktor vor 200 Menschen begonnen haben und nicht im Traum daran zu denken war, dass so ein Großereignis einmal möglich sein werde. Und bei diesen Worten hat der Gründer der Band, Alfred Jaklitsch Tränen in den Augen und eine brüchige Stimme. Und sie sind ihm nicht zu verdenken, wenn man die vielen glücklichen Menschen um ihn herum sieht. Nicht wenig hat dazu die Landschaft und Menschen, aus denen er seine Inspirationen nimmt, beigetragen. Und natürlich nicht zu vergessen, die beiden Sängerinnen, Astrid Wirtenberger und Sabine Holzinger, deren Stimmen zusammenklingen, als wäre ABBA wiedervereinigt. Und gerade Sassy, wie sie immer angesprochen wird, hat eine so gewaltige Stimme, die Tausende so in ihren Bann ziehen kann, dass es plötzlich mucksmäuschenstill wird. Mit „Kim guat hoam“ werden wir verabschiedet, bevor Hunderte Raketen aufsteigen und ein imposantes Klangfeuerwerk den Himmel verzaubert.
Dann ist es Zeit zu gehen, es geht gegen Mitternacht zu, eine beeindruckende Masse von Menschen und Autos wälzt sich friedlich den Weg hinunter, wir verirren uns im Wald, werden aber gleich von großen Lichtkugeln und Ordnern auf den richtigen Weg zum Parkplatz gelotst. Ein berührender Abend ist zu Ende gegangen.
Danke, SEER, danke, Grundlsee!

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Von Frausein, Scham und Wut – Hannah Gadsby: „Nanette“

Was ist das für ein Kabarettprogramm, wo einem das Lachen nach der Hälfte im Halse steckenbleibt? Wo einem am Ende zum Weinen zumute ist? Wo Comedy nicht mehr Comedy ist? Gebannt lauscht man den Worten der 40-jährigen Australierin Hannah Gadsby und fragt sich, wohin das führen soll. Manche sprechen davon, dass nach ihrem Programm „Nanette“ kein Stein mehr auf dem anderen bleiben kann, da sie die Form zertrümmert habe, sie selbst, dass sie aufhören müsse.

Ich kenne nicht viele Komikerinnen, die über Outing und Diskriminierungen als Lesbe so offenherzig erzählen können, dass sie gleich das Opernhaus von Sydney füllen könnten. Eigentlich keine. Am Anfang ist man nicht nur von ihrem Aussehen, sondern auch von ihrem Auftreten verstört. Pummelig, mit zu enger Hose, Kurzhaarschnitt, schwarzer, das Gesicht dominierender Brille. Die Bewegungen linkisch und schwerfällig, die Stimme zu hoch, jedem Satz ein verlegenes Lächeln nachschickend. Was hat Netflix, das für seine Comedy-Specials beliebt ist und weltweit empfangen werden kann, da ins Programm aufgenommen? Hannah Gadsby berichtet von ihrer Kindheit in Tasmanien, von ihrem Outing als Lesbe, welches sie aufs Festland fliehen lässt, von ihrem Kunststudium, von Picasso und Van Gogh, von den Erfolgreichen und den Gescheiterten, von Selbsthass, Scham und der Gewalt, die ihr in einer homophoben Gesellschaft entgegenschlagen. Über vieles kann man herzlich lachen, hat es doch auch mit dem Frausein zu tun, das einem selbst in Europa nicht unbekannt ist. Dann aber will sie keine Witze mehr erzählen, denn sie würden nicht helfen. Witze hätten eine Einleitung und eine Pointe, das Ende würde nie erzählt. Und tatsächlich, darüber kann man dann wirklich nicht lachen, wenn sie wütend über den Machtmissbrauch von Picasso und weißen Männern herzieht. Und habe ich Sie in meinem Blog über Trevor Noah noch in der Illusion gewiegt, dass die Verletzungen der Vergangenheit durch das Lachen zu lindern seien, so zeigt uns Hannah Gadsby, dass das keine gute Medizin ist. Ihr habe es nicht geholfen, da sie sich selbst dadurch nur weiter entwertet habe. Um dann wieder auf Van Gogh zurückzukommen, der wahnsinnig geworden, die schönsten Sonnenblumen gemalt habe. Nicht deswegen, sondern weil sein Bruder ihn geliebt habe. Auch das wünsche sie sich, dass sie etwas bewirke mit „Nanette“. Das hat sie. Sehen Sie selbst, nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.

Hannah Gadsby erzählt in einem Interview, dass Emma Thompson sie nach einer Vorstellung in London umarmte, sie hätten beide bitterlich geweint, sie über ihr Leben und Emma Thompson? Erst nach „Nanette“ werden sie verstehen worüber. Und Netflix dafür danken, dass Hannah Gadsby und „Nanette“ auch uns erreicht hat.

Trevor Noah Superstar

Kennen Sie Trevor Noah? Wenn nicht, dann ist es Zeit, ihn kennenzulernen. Seit einigen Jahren ist er Gastgeber der „Daily Show“ und überzeugt täglich durch messerscharfen Witz und Intellekt. Er tingelt als Stand-up-Comedian durch die ganze Welt, füllt riesige Hallen und nichts scheint leichter zu sein, als Witze zu erzählen. Er plaudert vor einem riesigen Publikum und alles stimmt: Die Körpersprache, die Geschichten, die so wirken, als fielen sie ihm spontan ein, immer wirkt er authentisch und ist zudem ein begnadeter Stimmenimitator. Er ist mit Barack Obama zu vergleichen, der von Anfang an voller Leidenschaft ins Rampenlicht trat und so die Massen mitreißen konnte. Nun also der junge Südafrikaner Trevor Noah: Was hat ihn so erfolgreich werden lassen? Eine gute Schule, eine einzigartige Begabung? Von Obama wissen wir, dass seine Mutter mit großem Einsatz seine Ausbildung vorantrieb. Klein Obama wurde um vier Uhr geweckt und musste bis sieben mit seiner Mutter lernen, die in weiser Voraussicht, dass nur so aus dem fernen Indonesien ein Stipendium in Amerika möglich sei, kein Nachsehen mit seinem Jammern hatte. Mit zehn schafft er es, ein Stipendium an einer renommierten Schule in Hawaii zu bekommen. In seiner Autobiographie „Dreams from My Father“ beschreibt Obama Kindheit und Jugend, den großen Einfluss seiner Mutter auf den Weg, der ihn schließlich nach Kenia führt auf der Suche nach seinem afrikanischen Vater. Nicht weit davon entfernt, in Südafrika, leben zur gleichen Zeit Trevors Mutter, die schwarz ist und sein zukünftiger Vater, ein Schweizer Geschäftsmann, nebeneinander in einem Wohnblock. Sie will ein Kind von einem Weißen, gerade deswegen, weil dies während der Apartheit strengstens verboten war. Trevor wird geboren, er darf sich mit seinem Vater nicht öffentlich zeigen, seine Mutter muss einige Schritte hinter ihm gehen, um als Kindermädchen durchzugehen. In Soweto darf er nicht aus dem Haus, weil seine Großmutter befürchtet, dass er gestohlen werde. In der Schule wird er das Problem haben, nicht zu wissen, wohin er gehört, zu den Weißen, den Farbigen oder den Schwarzen. Und da die Mutter bitterarm ist, gesellt er sich immer zu letzterer Gruppe. In seiner Autobiographie „Born a Crime“ beschreibt er, wie es war, in einem Südafrika aufzuwachsen, das kurz davor ist, von Nelson Mandela befreit zu werden, aber noch lange an der blutigen Vergangenheit zu leiden hat. Wie schwer es für ihn war, als Jugendlicher in einer Umgebung aufzuwachsen, wo Armut und Gewalt allgegenwärtig waren. Wegen seiner Armut kann er nicht Fuß fassen in der Welt der Weißen und wählt Freunde, die mit illegalen Geschäften (Raubkopien, Handel mit Diebesgut) ums Überleben kämpfen. „Born a Crime“ bezieht sich nicht nur auf seine illegale Geburt, sondern auch auf die Zeit in den Townships, in denen die Trennung zwischen Gut und Böse verschwommen war. Ständig besteht die Gefahr erschossen zu werden, einmal wirft die Mutter ihren Sohn aus dem fahrenden Auto, weil sie sich in Todesgefahr befinden. Auch die Mutter verprügelt ihn immer wieder „aus Liebe“ und sie heiratet schließlich einen gewalttätigen Mechaniker, der ihr und Trevor nach dem Leben trachtet. Damit endet das Buch. Aber Trevor hat bereits erste Erfolge und verdient genug Geld, um sich aus dem Sumpf von Verbrechen und Gewalt zu winden. Er hat eine einzigartige Begabung, die ihm eine Alternative bietet.

Sieht man ihm bei seiner Abendshow zu, ist man fasziniert, wie leicht und unbeschwert er wirkt. Mandela, den er immer wieder parodiert, hätte sicherlich seine Freude an diesem jungen Mann aus der Heimat. Sein „langer Weg zur Freiheit“ führt hin zu Trevor Noah, der die Schmerzen der Apartheit in Comedy verwandeln kann.

Apropos: Einmal ist Trevor Noah hinter der Bühne zufällig in Barack Obama gerannt. Er soll zu ihm gesagt haben: „You are looking cute, Mr. President!“

„Born a Crime“ ist auch als Hörbuch ein Bestseller und Trevor Noahs Auftritte können in großer Anzahl im Netz gefunden werden.

Maria By Callas

Einst berühmte Namen wie Pier Paolo Pasolini, Luchino Visconti, Omar Sharif, Aristoteles Onassis, sind heute in Vergessenheit geraten, den Namen Maria Callas kennen noch viele. Sie ist eine Ikone, die ihre Zeit überlebt hat. Die Gründe dafür können in dem Film „Maria By Callas“ von Tom Volf erforscht werden. Er zeigt uns die Weltkarriere und die tragische Liebesgeschichte der Sopranistin, erzählt von Maria Callas selbst. Im Mittelpunkt steht ein TV-Interview, das David Frost 1970 mit ihr geführt hat, private Foto- und Videoaufnahmen, Aufzeichnungen von Auftritten und Briefe, die von Eva Mattes gelesen werden, gewähren Einblicke in das Leben und Denken einer Primadonna, das nicht widersprüchlicher hätte sein können.

Um das Ganze auf einen Nenner zu bringen: Maria Callas war eine schöne und elegante Frau, eine Jahrhundertsängerin, wie sie ein junger Fan bezeichnet. Und sie wollte geliebt werden, zuerst von ihrem Publikum, und später von dem milliardenschweren griechischen Reeder Aristoteles Onassis, mit dem sie neuneinhalb Jahre eine Beziehung führt und von dessen Hochzeit mit der amerikanischen Präsidentenwitwe Jackie Kennedy sie erst über die Presse erfährt. Sie nennt ihn einen Mistkerl, den sie aber, als er todkrank bei ihr anklopft, wieder in ihre Pariser Wohnung aufnimmt.

Sie ist bereits ein gefeierter Star, verheiratet, als sie Onassis auf einer Kreuzfahrt kennenlernt. Für ihn wird sie die amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben, damit er sie nach einer Gesetzesänderung in Griechenland heiraten kann. Für ihn gibt sie das Singen auf, weil sie sich schon immer sehnlichst eine Familie gewünscht hat. Eine Karriere und Familie gehe nicht zusammen, stellt sie lapidar fest. Nie ist sie glücklicher als in den Aufnahmen, die sie braungebrannt mit ihm auf seiner Luxusjacht am Meer und schönen Häusern an Land verbringt.  Als die Beziehung abrupt zu Ende geht, ist sie eine gebrochene Frau, die auch ihre einzigartige Stimme verloren hat. Sie versucht sich als Schauspielerin in Pasolinis „Medea“ und hofft auf weitere Rollen, die nicht eintreffen. Sie wagt ein Comeback an der Metropolitan Opera New York, deren Direktor sie Jahre zuvor wegen künstlerischer Differenzen entlassen hatte. Dort wird sie zwar frenetisch gefeiert, ihre Selbstzweifel haben sich aber schon tief in ihre Stimme eingegraben. War sie einst das Liebkind der Presse, bekommt sie nun fast nur böse Kritiken, die sie tief verletzen. Aber sie scheut keine Konflikte und wird deshalb auch „fauchende Tigerin“ genannt.

Man sieht sie an vielen Flughäfen und Opernhäusern ankommen, gehetzt und einsam, immer von Massen bejubelt und von neugierigen Reportern bedrängt. Oft hat man Angst um sie, weil ihr die Reporter körperlich zu nahekommen. Ist sie einmal auf der Bühne, ist sie frei. Die Originalaufnahmen zeigen sie als charismatische Sängerin und Schauspielerin. Man glaubt ihr jede Rolle, sie ist Manon, Tosca oder Norma. Das Publikum liegt ihr zu Füßen, sie ist die Primadonna, die aber sehr zerbrechlich wirkt. Fast grotesk erscheinen ihre langen, knochigen Finger, die ihr Leiden umso mehr offenbaren. Das ist ihre Stärke, das macht sie unsterblich. Bis heute, auch im Kinosaal wagt niemand einen Atemzug.

Die Dokumentation zeigt uns Nachgeborenen die Wirkung der Sängerin, die schon mit 53 Jahren an gebrochenem Herzen gestorben ist und lässt uns eintauchen in eine Welt, in der Interviews mit Weltstars ehrlich und völlig unbefangen geführt wurden. Dazu braucht es keinen Erzählerkommentar. Allein das zu sehen ist, lohnt einen Kinobesuch in der Hitze der Stadt. Nicht nur für Klassik­-Fans, aber diesen herzlichst empfohlen.

Lady Bird

Greta Gerwig zählt zu meinen absoluten Lieblingsschauspielerinnen. Sie ist jung, schön und sehr begabt. Jetzt hat sie auch als Regisseurin einen sensationellen Erfolg gefeiert und für „Lady Bird“ sogar fünf Oscarnominierungen bekommen. Der Oscar für die beste Regie war ihr nicht vergönnt, der Film wurde jedoch zu einem großen Erfolg bei Kritikern und Publikum. Wovon erzählt er?

Die Coming-of-Age-Geschichte spielt in Sakramento, dem Geburtsort von Greta Gerwig. Lady Bird ist der selbstgewählte Name der Jugendlichen Christine McPherson (Saoirse Ronan) und ihrem letzten Jahr in einer katholischen High-School. Sie ist rebellisch, eigensinnig und in ständigem erbitterten Streit mit ihrer Mutter (Laurie Metcalf), die sie immer wieder in die Realität zurückholen will. Ladybird ist aber mit anderen Dingen beschäftigt als mit der Sorge um die Finanzen der Familie. Sie möchte dem entschlafenen Sakramento entfliehen und in New York Kunst studieren. Sie möchte einen Freund haben, mit dem sie zum Abschlussball gehen kann. Sie möchte wie ihre Schulkameraden reich sein und in einem schönen blauen Haus mit der amerikanischen Flagge leben. Diese Wünsche sind nur allzu verständlich, da in ihre Schule viele reiche Kids gehen, denen es an nichts zu fehlen scheint. Aber wie wir alle wissen, hängt das Glück nicht unmittelbar am goldenen Faden, sondern steht mit Werten wie Freundschaft, Vertrauen, Fürsorge und vor allem Aufmerksamkeit in Verbindung. Wer aus einem recht bescheidenen Heim wünscht sich nicht ein Leben, das nicht von Geld- oder Jobproblemen bedrückt ist? Ihr fürsorglicher Vater hat seinen Job verloren und muss nun mit seinem top-ausgebildeten Adoptivsohn auf dem engen Arbeitsmarkt konkurrieren. Die Mutter muss als Krankenschwester doppelte Schichten arbeiten, um die Familie überhaupt über Wasser halten zu können. Und Ladybird sitzt zwischen den Stühlen ihrer grellen Träume und dem harten Existenzkampf ihrer Familie.

Was zeigt uns der Film, der im Jahre 2002 angesiedelt ist: eine junge Frau mit schlecht gefärbten roten Haaren und Akne auf der Suche nach Unabhängigkeit und ihrer Bestimmung in der Welt. Zunächst gilt es gegen die strengen Regeln der Schule zu rebellieren, gegen die kontrollierende Mutter anzukämpfen, ihre Freunde richtig zu wählen und ihr erstes Mal zu erleben. Nichts davon gelingt ihr einwandfrei, sie enttäuscht andere und wird enttäuscht. Aber ihr Leben dreht sich nicht um die einzig wahre Liebe, die gefunden werden will. Sie schwimmt durch die Irrungen der Jugend und findet sich immer wieder am Ufer wieder. Um einiges erfahrener und vielleicht auch gewappneter. Worauf sie sich wirklich verlassen und bauen kann, sind Familie, wahre Freunde und eine Heimatstadt, auf die sie sehnsuchtsvoll zurückblickt, so lautet die frohe Botschaft des Filmes.

Ende gut, alles gut? Man wird sehen. Greta Gerwig hat es in New York geschafft. Mit „Lady  Bird“ ist ihr ein passabler Film in warmen Farben und sehr gutem Cast gelungen. Interessant wäre nun zu sehen, wie die Heldin in der großen Stadt an der Ostküste ihre Träume von Freiheit und Unabhängigkeit verwirklicht.

I, Tonya und die Suche nach der Wahrheit

Der Fall Harding hatte einst die ganze Welt erschüttert. Um ihre Chancen auf eine Medaille bei den Olympischen Spiele zu vergrößern, beauftragten der Ex-Mann und der Bodyguard von Tonya Harding einen Schläger, der ihrer Erzrivalin das Knie zertrümmerte. Der Anschlag wurde aufgedeckt und die Karriere von Harding war beendet. Der Film „I, Tonya“ erzählt die Geschichte dahinter und erntete in den USA einen Überraschungserfolg. Warum das?

Tonya Harding entstammt der weißen Unterschicht („White Trash“). Aus äußerst ärmlichen Verhältnissen kommend, wird sie von klein auf von ihrer ehrgeizigen Mutter, einer Kellnerin mit drei Jobs, aufs Eis getrieben, beschimpft und körperlich misshandelt. Trotzdem schafft sie es, als erste amerikanische Eiskunstläuferin bei den US-Meisterschaften den dreifachen Axel zu springen und gilt danach als große Olympiahoffnung.

Ihre Mutter löst Probleme mit Schlägen und Messerwürfen, kein Wunder, dass auch Tonyas erster Freund und späterer Ehemann Jeff (Sebastian Stan) ein Schläger ist, der sie immer wieder auf das Übelste zurichtet. Umso bewundernswerter ist, dass sie trotz dieser schwierigen Verhältnisse den Biss und das Stärke hat, in die Riege der besten Eiskunstläuferinnen der Welt aufzusteigen. Bis ihr Ex-Mann ihrer steilen Karriere eben ein jähes Ende setzt. Sie muss die US-Goldmedaille zurückgeben und wird auf Lebenszeit gesperrt.

Allison Janney spielt die Mutter LaVona. Sie hat für diese schauspielerische Leistung den Oskar für die beste Nebendarstellerin bekommen. Zurecht, denn es gibt wenige Rollen, die so konsequent und bis zum bitteren Ende die böse Mutter zeigen: herrisch, die Tochter hassend und erniedrigend, mies und erbarmungslos in ihrem Ziel, sie zu Höchstleistungen zu bringen. Tonya (Margot Robbie) kämpft lange Zeit um ihre Liebe und Anerkennung, vergeblich. Ihrem Milieu kann sie jedoch nicht entkommen: denn sie gilt nicht als edle, sanftmütige Eisprinzessin, sondern als Eishexe. Derb und laut fluchend geht sie gegen jene PreisrichterInnen vor, die ihrem Ausnahmekönnen schlechte Noten geben. Sie will sich nicht damit abfinden, dass sie aufgrund ihrer ärmlichen und zerrütteten Familienverhältnisse benachteiligt wird.

Der Film versucht in Form von Interviews der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Alle Beteiligten haben ihre eigene Wahrheit. Keiner sieht ein, irgendetwas falsch gemacht zu haben, niemand hat irgendeine Schuld auf sich geladen.

Sieht man im Nachspann der echten Tonya beim Eislaufen zu, passt diese gar nicht in das Bild, das uns der Film von ihr zeigt. Wie ein Wirbelwind saust sie übers Eis, leicht und in höchster Konzentration absolviert sie bahnbrechende Sprünge und ist über ihren Triumph völlig aus dem Häuschen. Niemand würde eine so schlimme Vergangenheit vermuten.

Was wirklich passiert ist, ob Harding hinter dem Anschlag auf Nancy Kerrigan steckt, darüber gibt der Film keine eindeutige Auskunft. Das eigentliche Opfer taucht als Stimme nicht auf, alles dreht sich um das Missbrauchsopfer Harding, ihr wird quasi die Absolution erteilt. Dass so tragisch-komisch und in rasendem Tempo ihre Geschichte erzählt wird, könnte auch der Grund für den Erfolg des Filmes sein: ein Underdog, der es trotz allem schafft und nur durch das Böse (bzw. Dumme), das ihn umgibt, zu Fall gebracht wird. Wahrheit hin oder her, Hauptsache unterhaltsam.

„Black Panther“ und der afrikanische Traum

Der Film feiert in Amerika große Erfolge, da ihm gleichsam eine Identitätsstiftung für das „schwarze Amerika“ zugesprochen wird. Taugt der Film aber dafür? Und was hätte Nelson Mandela, der große südafrikanische Freiheitskämpfer, dessen Akzent die Schauspieler sprechen, darüber gesagt? Eines muss vorab gesagt werden: Alle wichtigen Rollen sind mit schwarzen Schauspielern besetzt, auch der Bösewicht Erik Killmonger.

Wakanda, der technologische fortschrittlichste Staat der Erde, liegt irgendwo in Ostafrika und dort besteigt gerade Prinz T`Challa den Thron, auf den wichtige Entscheidungen über die Zukunft des Landes warten. An der Oberfläche ist es ein Dritte-Welt-Land, aber im Inneren schweben Raumschiffe über riesige Wolkenkratzer. Der Fortschritt beruht auf dem magischen Metall Vibranium, das Entwicklungen ermöglicht hat, die in der übrigen Welt noch nicht einmal gedacht werden. Raumschiffe mit Überschallgeschwindigkeit, virtuelle Autos, Wunderwaffen, auch Black Panthers unzerstörbares Katzenkostüm ist daraus gemacht, ein lilafarbenes Kraut verleiht ihm zudem die Kraft des Black Panthers. Damit Wakanda in Frieden leben kann, hat es sich von der Welt abgeschottet, denn man fürchtet, dass die Entdeckung des Metalls den Zusammenbruch der friedlichen Gemeinschaft herbeiführen würde. Einerseits ist die Gesellschaft Wakandas der Welt weit voraus, andererseits ist sie noch tief in alten afrikanischen Riten und Herrschaftsvorstellungen verankert. Der König gibt seine Macht an seinen Sohn weiter, der durch einen speziellen Trank zum Superhelden wird. Er kann jedoch jederzeit zu einem Kampf herausgefordert werden, der an einem Wasserfall im Beisein des Volkes stattfindet, allein die körperliche Stärke entscheidet über Sein oder Nichtsein.

Sein Gegner Killmonger ist ein US-Amerikaner mit wakanischen Wurzeln, der ihn herausfordert, weil er mit Hilfe des Krautes eine schwarze Rebellion in seiner Heimat anzetteln will. Auch dafür gibt es historische Vorbilder.

So wird viel gekämpft und viel Blut im Namen der Freiheit vergossen. Der König unterliegt im Zweikampf und wird in den Abgrund gestürzt. Der Rest der Königsfamilie muss ins Exil gehen. Das Volk und das Heer verhalten sich dem neuen König loyal, so verlangt es die Tradition. Alle Hoffnung auf ein befreites Wakanda ruht nun auf den Frauen der Königsfamilie und einem CIA-Agenten.

Was erwartet man sich von einem schwarzen Superhero-Film? Ein Held, der mit übernatürlichen Kräften gegen das Böse antritt, ist gegeben, aber er ist im Vergleich zu dem charismatischen Killmonger allzu farblos und bieder geraten. Immerhin wird er von einigen klugen, starken Frauen unterstützt, ohne die er kein Held sein könnte. Seine kleine Schwester leitet das Hightech-Labor, sie ist ein technisches Genie, supercool, frech und  fesch. Dann gibt es die Anführerin der glatzköpfigen Elitegarde, eine Amazone, die sich mit ihren Kämpferinnen furchtlos in den Kampf stürzt. Und als letzte sei noch die Geliebte des Prinzen erwähnt, eine Agentin, die im Ausland gegen alles Unrecht dieser Welt ankämpft. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass diese drei Frauen dem Prinzen die Show stehlen und ihn recht kümmerlich aussehen lassen. Im Gegensatz zu seinem Erzrivalen Killmonger, der gar keine Frauen braucht.

Der Rede kurzer Sinn: Mandela hätte sich für seinen Freiheitskampf wohl eine andere Gründungsgeschichte gewünscht, „Black Panther“ ist zu vorhersehbar und um Sinn bemüht. Nämlich eine Geschichte, die weniger von blutigen Machtkämpfen erzählt und mehr von Menschenwürde und wahren Führungsqualitäten. Ob der Film als „Leuchtfeuer für das schwarze Amerika“ taugt, wage ich zu bezweifeln. Aber vielleicht wollte der junge Regisseur Ryan Coogler ohnehin nur eine Superheldengeschichte drehen, die mit schönen Schauspielern, Farben und guter Musik unterhält. Das ist ihm definitiv gelungen.

Die Verlegerin

Der Film von Starregisseur Steven Spielberg mit den wohl besten Schauspielern unserer Zeit, Meryl Streep und Tom Hanks, führt uns in die Zeit des Vietnamkrieges und könnte nicht aktueller sein. Es ist die Geschichte der reichen Verlegerin Katharine „Kay“ Graham, die durch den Selbstmord ihres Mannes aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt wird und an die Hebel der Macht gerät. Sie wird durch ihre mutige Entscheidung, die Pentagon-Papiere in der Washington Post zu veröffentlichen, der Pressefreiheit in Amerika einen wichtigen Dienst erweisen.

Nicht allzu schwer sind die Parallelen zwischen Amerikas heutigem Präsidenten und der liberalen Presse zu entdecken. Damals wie heute geht es darum, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und Lügen aufzudecken. In den sechziger und siebziger Jahren jedoch scheinen die Verstrickungen zwischen Journalisten und Politikern komplizierter gewesen zu sein. Katharine (Meryl Streep) ist eine sehr gute Freundin von Ex-Außenminister McNamara, der die Pentagon-Papiere für die Nachwelt erstellen hat lassen. Ihr Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) hingegen war ein enger Freund von Jack Kennedy und anderen Präsidenten, eine Krähe kratzt der anderen wohl kein Auge aus. Umso mutiger kann man Grahams Entscheidung sehen, als sie die Veröffentlichung des Berichts über ihre Freundschaft und ihren Besitz stellt.

Dabei kann man sie lange nicht als feministische Vorkämpferin sehen. Erst die Schlussszene, nach dem Sieg vor dem Obersten Gerichtshof, als die Männer wichtige Interviews geben, geht sie nur von Frauen umringt, die breite Treppe hinunter und man erahnt, wie wichtig diese Frau sein wird. Denn ihre Bestimmung sah sie selbst lange Zeit in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau eines genialen Mannes. Sie hatte nichts dagegen, als ihr Vater ihm die Zeitung vererbt, sie vertraut ihren Freunden in der hohen Politik bedingungslos und schickt ihren eigenen Sohn nach Vietnam. Bis ins Alter hinein gefällt sie sich in der Rolle der charmanten Gastgeberin für die Reichen und Mächtigen in Washington. Erst als erste Berichte über das Lügengebäude der Regierung über den Vietnamkrieg durchsickern, erkennt sie, dass auch sie von belogen worden ist. Erst jetzt merkt sie, dass sie als einzige Frau unter Männern keine Stimme hat. Erst jetzt beansprucht sie die Macht, die ihr als Herausgeberin zusteht.

Meryl Streep zeigt mit jedem Satz, mit jeder Geste, wie schwierig es war, sich als Frau Gehör zu verschaffen. Letztendlich trifft aber sie die Entscheidung, die Papiere zu veröffentlichen, mit klarer Stimme, aber unsicherem Ausgang. Dieser Prozess wird von Steven Spielberg und Meryl Streep atemberaubend in Szene gesetzt. Tom Hanks dient dabei als Katalysator, der für die Freiheit der Presse kämpft, aber bei einer Niederlage nur seinen Job verlieren würde. Die Verlegerin Graham riskiert alles: ihre Freiheit, die Zeitung und das Erbe ihrer Kinder. Die Chancen stünden fünfzig zu fünfzig, sagt sie einmal. Die Geschichte hat ihr Recht gegeben.

„Die Verlegerin“ zeigt, wie eine Frau ihre Bestimmung in einer von weißen Männern beherrschten Welt findet, erfrischend ist auch, dass sich Graham und Bradlee dafür nicht ineinander verlieben müssen. Und der Film ist eine Liebeserklärung Spielbergs an den unabhängigen Journalismus in Amerika. Thank you, Mister Spielberg!

Downsizing

Wie könnte man ein Leben in Luxus leben und darüber hinaus noch die Erde vor Überbevölkerung retten? Durch Downsizing! So geschehen in dem Film von Alexander Payne, der uns von der großen in eine winzig kleine Welt führt, in der dies möglich ist. Ressourcen würden geschont und Reichtum sei für alle möglich, so die Heilsversprechungen aus dem Werbefernsehen. Das Verfahren wurde von norwegischen Wissenschaftlern erfunden und immer mehr Menschen wagen die Verkleinerung: Auch Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig) aus Omaha lassen sich von dem Siedlungsprojekt „Leisureland“ mitreißen und beginnen die Prozedur der Verkleinerung, die bereits wie auf dem Fließband funktioniert. Aus dem untersetzten, gutmütigen Paul wird ein 12 Zentimeter Winzling, der froh ist, dass er nach dem Aufwachen seine Männlichkeit noch vorfindet. Aber nicht mehr seine Frau, die bei der Kopfrasur kalte Füße bekommen hat und zurück in der großen Welt geblieben ist. Was nun anfangen mit der großen Villa und dem ersehnten Reichtum? In der großen Welt hatte er einen Job als Physiotherapeut in einer Fleischfabrik, der ihn einigermaßen erfüllte. Jetzt muss er in einem trostlosen Callcenter arbeiten. Nichts ist so, wie er es sich vorgestellt hatte. Die schönen Frauen sind vergeben, übrig bleiben die Alleinerzieherinnen und die wollen sich auch nicht so recht auf einen langweiligen Mann einlassen. Trostlosigkeit und Einsamkeit machen sich breit, die er nur durch violette Pillen auf Partys bei seinem Ganovennachbarn Dusan (Christoph Waltz) kurz vergessen kann. Aber der Kater am nächsten Tag ist vorprogrammiert und nüchtern, als ein Putztrupp über die devastierte Wohnung hereinbricht, entdeckt er, dass es noch eine verborgene Welt im verheißenen Paradies gibt, verkörpert durch die aus Vietnam geflohene Ngoc Lan (Hong Chau). So erfährt er, dass Downsizing auch seine Schattenseiten haben kann. Auch hier in „Leisureland“ ist der amerikanische Traum nur an der Oberfläche sichtbar, aufwachen sollte man lieber nicht.

Man erwartet nicht viel von einem Film mit dem Titel „Downsizing“, jedoch von Regisseur Payne um einiges mehr. Obwohl dieser zehn Jahre an dem Drehbuch gearbeitet haben soll, entpuppt es sich nicht, sondern bleibt in bekannten Themen stecken, enthält zu viele Klischees von einer Welt, die dem Untergang entgegensteuert. Nur die SchauspielerInnen verleihen dem Film Würze und Geschmack. Allen voran Matt Damon, der seiner Mittelmäßigkeit entkommen will und in dieser steckenbleibt. Seine Verlorenheit in der großen und kleinen Welt der Wünsche wird von Mat Damon großartig gespielt. Sein Nachbar Dusan, der es mit Drogen und Partys versucht, kann ihm nicht zu mehr Glück und Sinn verhelfen. Christoph Waltz mit seinem serbischen Akzent geht ganz in seiner Rolle als abgeklärter Schwarzhändler auf. Und erst recht die vietnamesische Widerstandkämpferin Ngoc Lan, die zeigt, wohin die Reise führen wird. Hon Chau gelingen berührende Szenen, die Jung und Alt zu Tränen rühren, zusammen mit schönen Landschaften, ergibt das einen Film, der auch Sie, lieber Leser / liebe Leserin, unterhalten wird. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Selbstmord? 13 Gründe, warum du Unrecht hast, Hannah Baker!

Seit Netflix das recht dürftige Jugendbuch „Thirteen Reasons why“ von Jay Asher als Serie herausgebracht hat, überschlagen sich nicht nur in Österreich die Ereignisse: Lady Gaga hat sie gesehen, sie ist bei Rankings der beliebtesten Serien im Spitzenfeld, Psychotherapeuten forderten ein Verbot und der Stadtschulrat von Wien schickte Anweisungen im Umgang mit der Serie aus. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass Ex-Schülerinnen Briefe nach Hannahs Vorbild verschickt haben, um so ihre Peiniger für ewig in der Hölle schmoren zu lassen. Aber es gibt Alternativen, Hannah Baker und all ihr Rachsüchtigen dieser Welt, die gesünder sind und vor allem ein langes, erfülltes Leben gewährleisten:

13 Gründe, warum du Unrecht hast, Hannah Baker:

  1. Selbstmord ist niemals eine Lösung für Probleme, schon gar nicht als 17-jähriger Teenager, denn so wirst du niemals erfahren, welche schönen Momente das Leben noch für dich bereithält.
  2. Die Schuld für deinen Selbstmord anderen in die Schuhe zu schieben, ist kindisch und böse, denn niemand trägt die Verantwortung dafür, nur du allein.
  3. Zu hoffen, dass du damit die anderen in die Knie zwingst und sie voller Schuldgefühle zurücklässt, ist irrational. Oft wissen sie gar nicht, was sie angerichtet haben, weil du ihnen nichts gesagt hast.
  4. Glaube nicht, dass alle spüren und fühlen können, wie es dir wirklich geht. Wenn man die ganze Zeit Pokerface macht und Wohlmeinende zurückweist, darfst du dich nicht wundern, dass sich niemand mehr in deine Nähe traut.
  5. Wenn man gemobbt und sexuell belästigt wird, hilft es leider nicht, sich hilfesuchend im Raum umzuschauen. Auch hier gilt es, Aktionen zu setzen und Grenzen zu ziehen. Tränen und traurige Blicke reichen nicht aus, Hannah!
  6. Speak up, wenn dich etwas stört oder dir jemand Böses tut, suche dir Verbündete und setze dich zur Wehr!
  7. Schau dich um, es gibt einige in deiner Umgebung, denen du viel bedeutest, deinen Eltern, Clay, der in dich verliebt ist und sicherlich noch den einen oder anderen mehr. Warum nicht Zeit mit Menschen verbringen, die nett zu dir sind und dich wirklich wertschätzen?
  8. Natürlich ist man als weiblicher Teenager über seinen Körper und seine Sexualität sehr verwundbar („best ass“). Es ist spätestens seit Beginn der Frauenbewegung auch schon bekannt, welche Funktion das Erniedrigen von Frauen hat. Anstatt sich mit Kränkungen im Bett zu verkriechen, informiere dich darüber und entwickle mit anderen eine Gegenstrategie. Du wirst sie in deinem Leben als Frau gut gebrauchen können.
  9. Unverständlich ist auch, dass du zwar den Vertrauenslehrer aufsuchst, dir aber nicht helfen lassen willst. Und du, lieber Clay, der du durch die Kassetten an dem Gespräch teilhast, sei nicht so streng mit ihm. Er ist nur ein Lehrer und kein ausgebildeter Psychotherapeut!
  10. Auch in Bezug auf die von dir beobachtete Vergewaltigung kann ich dir nur zurufen: Schau nicht zu und vergrab dich im Schrank, sondern schrei um Hilfe oder veranlasse sie zumindest!
  11. Und zum Unfall mit Todesfolgen: Warum bist du nicht in das nächste Haus gegangen und hast die Polizei benachrichtigt? Stattdessen überlegst du stundenlang, ob du zur Party zurückkehren sollst oder nicht.
  12. Conclusio: Mit deinem Rachefeldzug bewirkst du gar nichts, sondern ermunterst Mädchen mit ähnlichen Erfahrungen, es dir gleich zu tun. Aber über die Opferrolle sind wir Frauen schon lange hinaus, die Zeiten haben sich geändert!
  13. Hannah Baker und alle Mädchen dieser Welt, die glauben, dass Hannah mit ihrem Opferdasein Recht hat. Nein, hat sie nicht! Es gibt Alternativen, viele, unzählige, aber dafür braucht es Mut und Entschlossenheit: Traut euch, das Unrecht, das euch geschieht, laut auszusprechen, holt euch Hilfe und zeigt euren Peinigern, wo der Hammer hängt.