Paterson


Ein junger Mann (Adam Driver) mit dem Namen Paterson fährt als Busfahrer von Montag bis Freitag durch die Stadt Paterson. Er wacht jeden Morgen um 6:15 auf, gibt seiner schlafenden Frau (Golshifteh Farahani) eine zärtliche Berührung, zieht sich an, isst seine Serials und macht sich in blauer Uniform vom Vorstadthäuschen auf den Weg zur Arbeit. Wir begleiten seinen langen Weg zur Busgarage. Vor dem Arbeitsbeginn, am Busfahrersitz, nimmt er sein Notizbuch und schreibt. Auf der Leinwand sehen wir in zierlicher Schrift ein Gedicht über die Streichholzschachtel entstehen, die er beim Frühstück durch seine Finger hat gleiten lassen. Der Bus fährt aus der Garage, biegt ab, bleibt stehen, um Passanten ein- und aussteigen zu lassen. Wir schauen auf die Straßen hinunter, hören, was die Insassen erzählen und erleben aus Patersons Mimik seine Gedanken dazu. Sein Tag ist lang. In der Mittagspause sitzt er mit seiner Lunchbox auf einer Bank vor einem Wasserfall und schreibt. Am Abend geht er den langen Weg zurück, richtet den Briefkasten und tritt ins Haus ein, wo er von seiner Frau und der Bulldogge Marvin erwartet wird. Danach schreibt er im Keller weiter, geht mit dem Hund Gassi, kehrt in eine Bar ein, trinkt ein Bier. Dieser Rhythmus wiederholt sich Tag für Tag, es ist ein ruhiges, beschauliches Leben, das Paterson führt. Nicht viel mehr ereignet sich in dem Film und doch wird alles gesagt.

Am Samstag, als Paterson mit Laura im Kino ist, passiert ein Unglück, das alle schon erwartet haben. Er strauchelt, verliert für einen kurzen Moment seine Fassung, um durch eine mystische Fügung auf seinen Weg zurückzufinden.

Wie fängt man das Leben eines Menschen ein, über den es nichts Großartiges zu erzählen gibt? Man zeigt es. Paterson ist sanftmütig, geduldig, aufmerksam gegenüber seinen Mitmenschen und erduldet jeden kreativen Ausbruch seiner schönen Frau. Sein Wesen findet in Gedichten Ausdruck, die den Alltag verzaubern, indem sie ihn zu Poesie machen.

„Paterson“ ist ein sehr langsamer, stiller Film, der einen Blick auf ein glückliches Paar und die Menschen einer amerikanischen Kleinstadt wirft. Was ist wichtig? Was ist möglich? Worum geht es? Jim Jarmusch zeigt als Antwort einen dichtenden Busfahrer, der auf einer Bank vor einem herabstürzenden Wasserfall sitzt, über den eine Eisenbahnbrücke führt, durch den Vögel fliegen und der Tag für Tag ein neues Gedicht beginnt.

Amerika

Joachim Meyerhoff ist einer der großen Stars des Burgtheaters. Aber kann dieser großartige Schauspieler auch schreiben? Jahrelang drückte ich mich davor, eines seiner Bücher zu lesen, denn ich wollte nicht enttäuscht werden. Meyerhoff zu lesen sei ein Muss drängte mich eine Freundin und überreichte mir gleich zwei seiner Bücher.

Ich startete mit „Amerika. Alle Toten fliegen hoch“.

Ein junger Mann bereitet sich auf ein Austauschjahr in Amerika vor. Man lernt seine Familie kennen, seine beiden Brüder, seine Freundin und die Kleinstadt in Deutschland, wo er wohnt. Er weiß nicht warum, nur dass er weg will, die Großeltern finanzieren die Reise. Er kommt nicht wie erhofft nach New York oder Los Angeles, sondern nach Laramie, Wyoming. Die Gasteltern Stan und Hazel sind nette Durchschnittsamerikaner, sie haben drei Söhne, von denen nur der jüngste noch zu Hause lebt. Seinem Gastbruder Don wird es gelingen, den Aufenthalt in der Familie empfindlich zu stören.

Der Erzähler lebt sich schnell in das amerikanischen Leben ein, das er als Deutscher aus der Distanz beobachtet: Das Schulleben und dessen Protagonisten, Parties, die in Sexorgien und Zerstörung münden, aber vor allem Basketball mit Coach Carter. Die Aufnahme in das Team ist der Höhepunkt dieses Jahres. Er muss hart trainieren, wird aber kaum in einem Spiel eingesetzt. Dies stört ihn nicht, da er dazu gehört und allein dadurch Ruhm und Ehre erhält. Die meiste Zeit verbringt er mit hartem Training und sein Körper verändert sich. The German, wie er genannt wird, wiegt bei seiner Rückkehr 10 Kilo mehr und ist gänzlich durchtrainiert.

Das Buch hat viel Humor, der dadurch entsteht, dass the american way of life für uns Europäer oft wie eine Parodie eines Unterhaltungsfilms wirkt. Die Bilder, die wir uns von Amerika gemacht haben, werden auf liebevolle Art und Weise bestätigt. Alles scheint irgendwie verrückt zu sein, zu viel, zu dick aufgetragen, wie die hoch aufgetürmten Frisuren und das Make-up der Mädchen. Als der Erzähler die Trainingsmethoden nach seiner Rückkehr auch in Deutschland einsetzen will, um eine Siegesmannschaft zu formen, sind alle entsetzt und schnell weg. Sie wollten doch nur ein bisschen Spaß haben, erklären sie dem Jungcoach, der seinen Kampfgeist rasch aufgibt.

Marie Curie

Mutter zweier Kinder, glückliche Ehefrau, zweifache Nobelpreisträgerin und das bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts? Das, was heute noch unwahrscheinlich klingt, gelang der Wissenschaftlerin Marie Curie. Den Namen kennt jeder, da damit die Entdeckung der Radioaktivität in Verbindung steht. Und auch sie wusste bereits um die heilbringende Wirkung dieser in der Krebstherapie. Wer aber war diese Frau, die das scheinbar Unmögliche wahr werden hat lassen?
Der Film „Marie Curie“ zeigt den kurzen Abschnitt zwischen den Nobelpreisen, handelt von den Siegen und Niederlagen dieser erstaunlichen Frau.
Er setzt mitten in ihrer Karriere ein: Marie Curie (Karolina Gruszka) forscht mit ihrem Mann Pierre (Charles Berling) in einem Pariser Labor, als die Wehen zur Geburt ihres zweiten Kindes einsetzen. Sie befindet sich am Höhepunkt ihrer Karriere. 1903 wurde ihr und ihrem Mann der Nobelpreis für Physik verliehen. Eineinhalb Jahre später fahren die beiden erst nach Stockholm, um den Preis entgegenzunehmen. Man sieht ein harmonisches Paar, das nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Freuden der Liebe im Bett miteinander teilt. Kurze Zeit später stirbt ihr Mann bei einem Unfall. Nun ist sie Alleinerzieherin zweier Kleinkinder. Sie geht täglich ins Labor, bewirbt sich als erste Frau um eine Professorenstelle an der Sorbonne, treibt Geld auf, um ihre Forschungen voranzutreiben. Sie begegnet viel Borniertheit und Frauenfeindlichkeit, aber auch Männern und Frauen, die ihre Intelligenz bewundern und sie unterstützen, darunter Albert Einstein. Und sie erlebt eine zweite große Liebe mit einem verheirateten Mann (Arieh Worthaler), die ihr fast die Karriere kosten wird. Die „Lonegrin Affaire“ wurde ein großer Skandal, als die Pariser Presse mit der Veröffentlichung von Liebesbriefen eine Hetzjagd gegen Marie Curie lostrat.
Marie Curie wird von Karolina Gruszka so gezeigt, als gäbe es für eine junge Frau Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nichts Selbstverständlicheres als Kinder alleine großzuziehen und eine Ikone der Wissenschaft zu werden. Sie lebt ihre Berufung in der Forschung, erzieht ihre Töchter in einem fortschrittlichen Geiste und leidet an Liebe und Verlust. Sie überwindet viele Hindernisse, nicht alle, aber sie schreitet mit eisernem Willen und festem Schritt voran und ist ihrer Zeit weit voraus: Sie weiß um ihre einzigartige Begabung, erhebt selbstverständlich Forderungen, die sie in ihrer Karriere voranbringen und erzieht in diesem Geiste ihre Töchter. Sie ist die einzige Frau, die in zwei Fachbereichen einen Nobelpreis gewonnen hat, und ihre älteste Tochter wird ihr 1936 mit dem Nobelpreis für Chemie nachfolgen.
Bemerkenswert, dass diese Erfolgsgeschichte von der französischen Regisseurin Marie Noëlle in einen schönen, berührenden Film umgesetzt wurde. So kann das Wirken von Marie Curie weite Kreise ziehen und vielleicht andere inspirieren.

Alles was kommt

Die französische Regisseurin Mia Hansen-Høve bekam für den Film bei der Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie. Die Jury irrte nicht. Denn die 35-Jährige drehte einen Film, der durch eine subtile Weise wie kaum ein anderer Film den Blick auf das Leben einer alternden Frau wirft.

Die Philosophieprofessorin Nathalie Chazeneux (Isabelle Huppert) wird nach 25-jähriger Ehe von ihrem Mann, ebenfalls Philosoph, wegen einer Jüngeren verlassen. Die etwas zu brav geratenen Kinder gehen bereits ihre eigenen Wege, der Mann zieht zur Geliebten und sie bleibt in der Pariser Wohnung ratlos zurück. Ihre exzentrische Mutter, ehemaliges Mannequin, traktiert sie mit Anrufen und fordert ständige Präsenz ein. Sie wird von der Tochter kurzerhand in ein teures Altersheim gesteckt, in dem sie kurz darauf stirbt. Ihren Kater Pandora muss die Tochter übernehmen, die Katzen hasst. Der Verlag, der ihr Schulbuch verlegt, kündigt ihr und ihr Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka) zieht in die Berge. Alles, worauf sie ihr Leben gebaut hat, liegt in Trümmern, alle Sicherheiten des bürgerlichen Lebens von einem Tag auf den anderen verschwunden.

Was muss kommen, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

Eine neue Liebe? Eine neue Berufung? Vielleicht ihr Mann, der reumütig zurückkehrt und sie doch miteinander alt werden? Was bleibt im Leben, wenn die kalte Realität nackt vor einem liegt? Und man nicht mehr zwanzig ist?

Die Karten könnten neu gemischt werden, Türen aufgehen, eine neue Liebe, vielleicht sogar ein Jüngerer eintreten, aber dies passiere – wie die Heldin ihrem Lieblingsschüler erklärt – nur in Filmen.

Was also tun?

Sie funktioniert, denkt nach und ist von nun an immer in Bewegung: Sie fährt in das geliebte Ferienhaus in die Bretagne, um es für immer zu verlassen, als sie erkennt, dass sie nicht die Dritte im Bunde sein kann. Sie reist mit dem Zug in die Landkommune ihres Ex-Schülers, um das alte Steinhaus zu verlassen, als sie erkennt, dass die Zeit der Anarchie und des Ausstiegs für immer vorbei ist.

Wir begleiten sie. Sehen eine noch immer schöne, sehr zierliche Frau mit großen Händen, die sich zweckmäßig kleidet. Beobachten sie im Kino, wo sie von einem jüngeren Mann bedrängt wird, den sie angewidert zurückweist. Sehen sie auf einsamen Spaziergängen, bewundern sie beim Philosophieren in der Klasse. Und bekommen langsam eine Ahnung, wohin die Reise gehen könnte.

Nichts von den oben genannten Möglichkeiten wird am Ende eintreten. In der Schlussszene, beim Weihnachtsessen mit den Kindern, als die Kamera die Wohnung verlässt, nur noch Stimmen zu hören sind, wissen wir, dass sie ankommen wird.

Das Großartige an diesem Film ist, dass die tiefe Krise unserer Heldin von Isabelle Huppert mit jeder Faser ihres Körpers mitgeteilt wird. Sie beobachtet genau, zieht Schlüsse, handelt und entdeckt dadurch eine nie gekannte Freiheit. Und das macht Mut aufs Leben.
http://https://www.youtube.com/watch?v=sIdGFM7oPeE

 

Sterben

Karl Ove Knausgård

Karl Ove Knausgård

„Sterben“ ist der erste Teil von Knausgards Autobiographie. Sie handelt von seiner Kindheit und Jugend, einer Zeit, in der sein Vater im Mittelpunkt steht. Der zweite Teil ist dem Tod seines Vaters gewidmet, vor allem den Aufräumarbeiten im Haus, in dem er gestorben ist.
Es beginnt idyllisch: Der Vater ist Lehrer an einer Gesamtschule, die Mutter lange Zeit zu Hause, bis sie eines Tages zum Studieren weggeht. Da ist Ove bereits in der Pubertät, sein Bruder schon längst ausgezogen und er und sein Vater haben sich nicht mehr viel zu sagen. Jeder lebt sein Leben. Ove geht zur Schule, trainiert viel Fußball, hat seine ersten Alkoholerfahrungen, verliebt sich. Sein Vater ist nicht besonders freundlich und aufmerksam, meist abwesend. Ove mag ihn eigentlich nicht mehr, er fühlt sich ihm fremd. Beide wollen nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Hin und wieder trifft man sich der Höflichkeit halber. Dann trennt sich die Mutter, der Vater zieht weg, heiratet wieder, wird wieder Vater und verfällt immer mehr dem Alkohol. Karl Ove schämt sich für ihn, hasst ihn immer mehr, man trifft sich zwar hin und wieder zum Essen, das letzte Mal eineinhalb Jahre vor seinem Tod. Als dem Sohn der Anruf erreicht, dass sein Vater gestorben ist, macht er sich mit seinem Bruder auf den Weg, um das Begräbnis vorzubereiten. Sie kehren in das Haus der Großmutter zurück, der Vater hatte in den letzten Jahren mit seiner Mutter hier gelebt und das Haus völlig verschmutzt. Seine beiden Söhne sind erschüttert und beginnen, es von oben bis unten zu reinigen. Je mehr sie den Dreck beseitigen, desto größer wird der Schmerz und die Trauer des Sohnes. Ihm wird bewusst, wie sehr er seinen Vater vermisst. In einer der letzten Begegnungen fragt ihn der Vater, woran er arbeite: „An einem Roman“, erwidert der Sohn. Darauf der Vater „Es freut mich, dass es bei dir so gut läuft, Karl Ove“. Diesem wird klar, wie sehr er sich nach diesen Worten gesehnt hatte. Jetzt kann er Frieden schließen.

Christine and the Queens: Tilted

Wer kennt sie nicht die Schmerzen, wenn man verlassen wird und gescheitert ist. Man kann monatelang ins Bett liegen und verzweifeln, trinken und kotzen, bis zum Umfallen arbeiten oder auch nach London gehen und sich dort neu erfinden. Das tat die Musikerin Héloȉse Lettissier 2010, als sie in Paris privat und beruflich völlig daniederlag. Nachdem sie in einem Sohoer Nachtclub von der Ausstrahlung und Fürsorge dreier Drag Queens aufgepäppelt worden ist, nennt sie ihre Bühnenpersönlichkeit von nun an „Christine and the Queens“: „Christine as a stage character is just a way for me to be more daring, to be more out of the box, to be stronger and to use everything that could weigh me down like a fuel, like an energy”, bekennt sie in einem Interview und erobert seither die Musikwelt.

Sie wird als neuer Stern am französischen Pop-Himmel gefeiert, auch Madonna zählt zu ihren Fans. In ihrer Musik vermischt sich Pop mit Electro, Chanson und Rhythm und Blues. „Ich wollte einen Sound schaffen, der keine eindeutige Identität hat und offen für verschiedenene Musikrichtungen ist“.
Ihre starke Bühnenpräsensenz verdankt sie nicht nur ihrer einschmeichelnden Stimme, sondern auch ihrem Schauspielstudium und ihrer langjährigen Ausbildung als Tänzerin. Michel Jackson und Pina Bausch gelten als ihre Vorbilder.
Im ersten Lied („iT“) des vielgerühmten Albums „Saint Claude“ (2014) singt sie „Cause I´ve got i t/ I´m the man now“ und trägt von nun an stets Anzug und flache Schuhe auf der Bühne.
“Tilted“ ist nach Times einer der besten Songs des Jahres 2015, mit dem sie dazu auffordert, all die Gefühle, die schwach und unsicher machen, als Energie zu nutzen. Dazu tanzt sie Bewegungen, die fröhlich, ausgelassen, ganz eins mit der Musik sind. Auch wenn man niedergeschlagen und unsicher ist, kann man sich vom leichten Rhythmus der Musik bewegen lassen und wieder auf seine Beine kommen.
„I`m doing my face with the magic marker / I`m in my right place, don`t be a downer.“ Man kann sich auch schon mögen als der, der man ist und vielleicht einmal sein wird, dies ist ihre befreiende Botschaft an alle Perfektionist(inn)en unter uns.
Sieht man ihrer Bewunderin Madonna auf der Bühne zu, Christine war ihr Gast bei der letzten Welttournee, erkennt man, wie peinlich diese im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Gegenwart sieht anders aus: sie gehört Christine and the Queens.

Werther!

Posthof: 15. 10. 2016

Nach Linz zum „Werther“ zu fahren, um Philipp Hochmair zu sehen? Gesagt, getan. Um fünf Uhr in Wien gestartet, mit der ÖBB mit 170 die Weststrecke entlang, in den Bus der 46 Linie umgestiegen, um halb acht den Posthof am einsamen Linzer Hafen erreicht. Nach zehnminütigem Gang den Ort versteckt in einer Nebenstraße gefunden. Zuerst in den falschen Saal verirrt, mich gewundert, dass nur junge Mädchen auf der Tanzfläche standen. Dann durch den Glasgang in die Welt des Linzer Bildungsbürgertums gekommen. Fast alle über fünfzig, jugendlich aussehend, schöne Frisuren, geschmackvoll gekleidet, am Weißweinglas nippend. Ich freute mich dabei sein zu können.

Pünktlich um acht stürmt Hochmair die Treppe herab und beginnt hinter einem Tisch sitzend aus dem Werther- Manuskript vorzulesen. OH WEH! Nach einigen Briefen wird er selbst ungeduldig und zerreißt die Blätter. Er rückt sich die Kamera zurecht, die von nun an die Natur (ein Blumenstrauß), Lotte (ein Styroporkopf) und Bilder des verzückten Werther (mit goldenem Efeukranz) im Laufe des Abends auf die Großleinwand projizieren. Er trägt nicht Werthertracht, sondern ein T-Shirt mit Linzaufdruck, eine Militärhose und einen Cowboyhut. Und er hält wenig von seinem Text, den er sprechen soll. Nein, der unglückliche Werther ist er nicht, er rast und wütet eineinviertel Stunden auf der Bühne, zerhackt Salate, wälzt sich am Boden, stürmt die Treppe rauf und runter, „Wählt Hofer!“ schreiend, verschwindet für längere Zeit, kehrt mit langer roter Nase wieder, erzählt obszöne Witze, um sich am Ende nicht einmal zu erschießen. Nach zehn Minuten reicht es der älteren Frau in der 1. Reihe, von nun an gibt sie lautstark Gegenkommentare ab. „Wählt Van da Bellen!“ ruft sie ihm erregt nach. Ich bin mir nicht sicher, ob sie zur Inszenierung gehört oder nur den guten alten Goethetext gegen Hochmair / Stemann verteidigt.

Der Abend ist voller Action und Nonsense, keine Spur von Langeweile kommt je auf. Hochmair zeigt nicht nur seinen schönen Oberkörper, sondern auch, dass Werther von sich besessen ist und auch Lotte ihn nicht zur Vernunft bringen wird. Als letzten Willkürakt knallt Hochmair sich das Mikrophon auf den Kopf, sodass das Publikum im Dunklen aufschreit.

Niemals habe ich Philipp Hochmair schöner lächeln sehen als beim Schlussapplaus. Eine einzige Frau gab ihm Standing Ovations, er hat ihr zugewunken. Ich neidete es ihr.
Philipp Hochmair als Werther

tschick (Regie: Fatih Akin)

Kaum ein Buch eines deutschsprachigen Autors ist erfolgreicher bei Jugendlichen als „tschick“. Es spricht die Ängste und Sehnsüchte von Jugendlichen an, die den Alltag entfliehen und sich mit Maik und Tschick auf den Weg in die Walachei machen wollen. Fernweh, Abenteuer, Freundschaft, erste Liebe,… sind die Herausforderungen, die Herrndorf seine beiden Protagonisten auf dieser Reise erleben lässt. Nun ist sein Bestseller verfilmt worden.

Die größte Schwierigkeit bestand wohl darin, für die beiden Charaktere die passenden Schauspieler zu finden, da sie nicht zu alt sein durften, um die Geschichte glaubwürdig zu erzählen. Man musste ihnen abnehmen können, dass sie der Loser Mike (Tristan Göbel) und der Außenseiter Tschick (Anand Botbileg) sind. Denn die Geschichte lebt von der inneren Entwicklung dieser Figuren. Die Handlung ist nur die Hülle und da muss jede Geste, jeder Ton stimmen. Wenn nicht, wird man aus der Geschichte katapultiert und findet sich kopfschüttelnd im Kinosaal wieder.

Sieht man den Kindern der Netflix Serie „Strange Things“ zu, gelingt diese Verschmelzung. Bei „tschick“ nur dem Schauspieler von Maik, er ist der Ich-Erzähler, der uns in Rückblende an den Ereignissen dieses Sommers teilhaben lässt. Mitspieler sind: die schöne Tatjana, die nichts von ihm wissen will, seine alkoholkranke Mutter, die wieder einmal auf die „Beautifarm“ zum Entzug fährt und sein Vater, der die Gelegenheit nutzt, um mit der jungen Assistentin ins Liebesglück abzurauschen. Da kommt Tschick im gestohlenen Lada und es braucht nicht vieler Überredungskünste, mit ihm in den Süden aufzubrechen, um der Leere im schönen Designerhaus zu entkommen. Sie starten von Berlin aus und rasen von nun an in wildem Tempo die Autobahn und Feldwege entlang. Laute Musik und schnelle Kamerafahrten begleiten ihren Weg in die Unabhängigkeit wie Richard Claydermanns „Ballade pour Adeline“ ihre Sehnsucht nach Liebe.

Das Abenteuer kann mit vierzehn nicht lange dauern, aber bevor es endet, findet Mike in Isa eine neue Liebe und Tschick verrät ihm sein Geheimnis.

Der Soundtrack und die Kamera (Rainer Klausmann) könnten nicht besser sein, aber wie so oft gelingt es nicht ganz, die Vielschichtigkeit des Buches in eine gute Literaturverfilmung umzusetzen. Wolfgang Herrndorf, der viel zu früh gestorben ist, wird jedoch mit dem Film ein neues Publikum finden.

Maggies Plan

Regie: Rebecca Miller

Eigentlich mag ich New York nicht. Es ist mir zu geschäftig und viel zu groß. Immer wenn die Stadt jedoch in Filmen auftaucht, begeistert sie mich. Denn es sind meist gute Geschichten, die uns von dort erreichen. Auch „Maggies Plan“ gehört dazu.

Dabei ist die Handlung nicht allzu spektakulär: Die junge New Yorker Dozentin Maggie hat einen Kinderwunsch, den sie sich auch ohne Partner erfüllen will. Auf der Suche nach dem geeigneten Samenspender kommt ihr ein Studienkollege (einst Mathematikgenie, jetzt aufstrebender Gurkenfabrikant) in den Sinn, der bereitwillig seinen Samen zur Verfügung stellt. Während der Vorbereitungen verliebt sie sich in den unglücklich verheirateten Anthrologieprofessor John. Cut: Drei Jahre später sind die beiden verheiratet und haben eine Tochter. John gibt sich ganz dem Schreiben seines ersten Romans hin, dabei wird er tatkräftig von seiner jungen Frau unterstützt. Maggie hat nun nicht nur für ihn und das gemeinsame Kind, sondern meist auch für die beiden halbwüchsigen Kinder aus erster Ehe zu sorgen. Immer mehr kommen ihr die Gefühle für John abhanden, und sie entwickelt einen Plan, denn ihr Motto lautet: „I want to live honestly“.

Greta Gerwig als Maggie würde man gerne noch länger begleiten, sie ist natürlich schön, pragmatisch und hellsichtig, was ihr eigenes Glück betrifft. Ich war hingerissen, wie sehr sie Maggie ist, bodenständig, mit Wollrock und gelben Kniestrümpfen, braver Frisur und Beschützerinstinkt. Ethan Hawke als John spielt genau den Mann, den wir schon in „Boyhood“ kennengelernt haben, unreif, schwach und auf Frauen angewiesen, die ihm zeigen, wo`s langgeht. Seine Ex-Frau Georgette (Julianne Moore) hat trotz Egoismus und Neurosen Qualitäten, die er nicht missen will. Sie ist Uni-Professorin, Dänin, eine messerscharfe Intellektuelle, die schicke Designerkleidung trägt, die roten Haare streng hochgeknotet. Das Spiel zwischen Gerwig und Moore zeigt, dass beide wohl zu den besten Schauspielerinnen zu zählen sind, die es derzeit gibt.

Man verfolgt mit viel Leichtigkeit die Irrungen und Wirrungen der Liebe und ist am Ende froh darüber, dass alles märchenhaft bei Sonnenschein mit einer Überraschung endet.

„Maggies Plan“ ist eine Komödie, die ohne Ratschläge für ein geglücktes Leben auskommt. Leicht zu konsumieren, mit schrägen New Yorkern, die uns an ihrem Leben teilhaben lassen und wegen der Bilder von New York und Greta Gerwig für kalte Jahreszeiten wärmstens zu empfehlen.

©a.achilles 2016

Hamburg

22. – 26. August 2016

Warum nach Hamburg? Noch dazu zu der heißesten Zeit des Jahres?

Dann führt dich die Hitze direkt ins Museum, weil es dort immer kühl und sicher ist. Denn sicher fühlte ich mich auf Hamburgs Straßen nicht. Ich befürchtete, dass einer der vielen Obdachlosen etwas im Schilde führte, war in ständiger Angst vor dem Bösen, die auch hochkommt, wenn man um halb elf in der Nacht einen anonymen Anruf erhält.

So besuchte ich viele Museen, angefangen vom „Hamburger“ über „Kunst und Gewerbe“ bis hin zur „Verkehrten Welt“ im Bucerius Kunst Forum und lernte viel dazu. Dazwischen marschierte ich durch die Straßen Hamburgs, machte Bootsfahrten und saugte etwas Luft von der Hafenstadt und den dort liegenden riesigen Container- und Kreuzfahrtschiffen ein. Schön war die Alsterrundfahrt, weil dort mitten in der Stadt gesegelt, gerudert und gepaddelt wird. Das Auge freute die Möglichkeit trotz der sündteuren Villen am Ufer in drei Stunden den See auf einem Gehweg umrunden zu können. Denn fast das ganze Ufer gehört den Wasserhungrigen und ist öffentlich zugänglich. Gebadet hat jedoch niemand, das Wasser ist wohl zu kalt oder zu schmutzig.

Und die Abende? Die verbrachte ich im Kino, wo sich das Publikum recht eigenartig benimmt:

Chipspackungen und Süßigkeiten werden in den Saal geworfen, laute Kommentare geäußert, es wird geklatscht und gebuht, um sich als kleiner Teil einer großen Masse Gehör zu verschaffen und das gemeinsame Kinoerlebnis zu verleiden.

Und natürlich den „Welterfolg in Hamburg“ besucht. „König der Löwen“ läuft im Stage Theater im Hafen schon seit 15 Jahren und wurde gerade um weitere 5 Jahre verlängert. Die Inszenierung und Kostüme sind farben- und fantasievoll, die Sänger und Tänzer grandios und die Ticketpreise so hoch, dass man jede Minute auskosten will. Shuttleschiffe bringen die tausende Musicalfans jeden Abend zur Insel, wo auch das „Wunder von Bern“ gespielt wird. In der Pause hat man dann einen bezaubernden Blick auf die Lichter Hamburgs und die beleuchtete Elbphilharmonie.

Und wer etwas vom modernen Hamburg sehen möchte, dem sei die Hafencity ans Herz gelegt, die entstanden ist, weil die Containerschiffe die Speicherstadt überflüssig gemacht haben. Wer sich dort das Wohnen leisten kann, braucht keine Obdachlosen in den Hauseingängen fürchten. Hier, bei den Reichen, ist die Welt noch in Ordnung.

HafenCity