Christine and the Queens: Tilted

Wer kennt sie nicht die Schmerzen, wenn man verlassen wird und gescheitert ist. Man kann monatelang ins Bett liegen und verzweifeln, trinken und kotzen, bis zum Umfallen arbeiten oder auch nach London gehen und sich dort neu erfinden. Das tat die Musikerin Héloȉse Lettissier 2010, als sie in Paris privat und beruflich völlig daniederlag. Nachdem sie in einem Sohoer Nachtclub von der Ausstrahlung und Fürsorge dreier Drag Queens aufgepäppelt worden ist, nennt sie ihre Bühnenpersönlichkeit von nun an „Christine and the Queens“: „Christine as a stage character is just a way for me to be more daring, to be more out of the box, to be stronger and to use everything that could weigh me down like a fuel, like an energy”, bekennt sie in einem Interview und erobert seither die Musikwelt.

Sie wird als neuer Stern am französischen Pop-Himmel gefeiert, auch Madonna zählt zu ihren Fans. In ihrer Musik vermischt sich Pop mit Electro, Chanson und Rhythm und Blues. „Ich wollte einen Sound schaffen, der keine eindeutige Identität hat und offen für verschiedenene Musikrichtungen ist“.
Ihre starke Bühnenpräsensenz verdankt sie nicht nur ihrer einschmeichelnden Stimme, sondern auch ihrem Schauspielstudium und ihrer langjährigen Ausbildung als Tänzerin. Michel Jackson und Pina Bausch gelten als ihre Vorbilder.
Im ersten Lied („iT“) des vielgerühmten Albums „Saint Claude“ (2014) singt sie „Cause I´ve got i t/ I´m the man now“ und trägt von nun an stets Anzug und flache Schuhe auf der Bühne.
“Tilted“ ist nach Times einer der besten Songs des Jahres 2015, mit dem sie dazu auffordert, all die Gefühle, die schwach und unsicher machen, als Energie zu nutzen. Dazu tanzt sie Bewegungen, die fröhlich, ausgelassen, ganz eins mit der Musik sind. Auch wenn man niedergeschlagen und unsicher ist, kann man sich vom leichten Rhythmus der Musik bewegen lassen und wieder auf seine Beine kommen.
„I`m doing my face with the magic marker / I`m in my right place, don`t be a downer.“ Man kann sich auch schon mögen als der, der man ist und vielleicht einmal sein wird, dies ist ihre befreiende Botschaft an alle Perfektionist(inn)en unter uns.
Sieht man ihrer Bewunderin Madonna auf der Bühne zu, Christine war ihr Gast bei der letzten Welttournee, erkennt man, wie peinlich diese im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Gegenwart sieht anders aus: sie gehört Christine and the Queens.

Werther!

Posthof: 15. 10. 2016

Nach Linz zum „Werther“ zu fahren, um Philipp Hochmair zu sehen? Gesagt, getan. Um fünf Uhr in Wien gestartet, mit der ÖBB mit 170 die Weststrecke entlang, in den Bus der 46 Linie umgestiegen, um halb acht den Posthof am einsamen Linzer Hafen erreicht. Nach zehnminütigem Gang den Ort versteckt in einer Nebenstraße gefunden. Zuerst in den falschen Saal verirrt, mich gewundert, dass nur junge Mädchen auf der Tanzfläche standen. Dann durch den Glasgang in die Welt des Linzer Bildungsbürgertums gekommen. Fast alle über fünfzig, jugendlich aussehend, schöne Frisuren, geschmackvoll gekleidet, am Weißweinglas nippend. Ich freute mich dabei sein zu können.

Pünktlich um acht stürmt Hochmair die Treppe herab und beginnt hinter einem Tisch sitzend aus dem Werther- Manuskript vorzulesen. OH WEH! Nach einigen Briefen wird er selbst ungeduldig und zerreißt die Blätter. Er rückt sich die Kamera zurecht, die von nun an die Natur (ein Blumenstrauß), Lotte (ein Styroporkopf) und Bilder des verzückten Werther (mit goldenem Efeukranz) im Laufe des Abends auf die Großleinwand projizieren. Er trägt nicht Werthertracht, sondern ein T-Shirt mit Linzaufdruck, eine Militärhose und einen Cowboyhut. Und er hält wenig von seinem Text, den er sprechen soll. Nein, der unglückliche Werther ist er nicht, er rast und wütet eineinviertel Stunden auf der Bühne, zerhackt Salate, wälzt sich am Boden, stürmt die Treppe rauf und runter, „Wählt Hofer!“ schreiend, verschwindet für längere Zeit, kehrt mit langer roter Nase wieder, erzählt obszöne Witze, um sich am Ende nicht einmal zu erschießen. Nach zehn Minuten reicht es der älteren Frau in der 1. Reihe, von nun an gibt sie lautstark Gegenkommentare ab. „Wählt Van da Bellen!“ ruft sie ihm erregt nach. Ich bin mir nicht sicher, ob sie zur Inszenierung gehört oder nur den guten alten Goethetext gegen Hochmair / Stemann verteidigt.

Der Abend ist voller Action und Nonsense, keine Spur von Langeweile kommt je auf. Hochmair zeigt nicht nur seinen schönen Oberkörper, sondern auch, dass Werther von sich besessen ist und auch Lotte ihn nicht zur Vernunft bringen wird. Als letzten Willkürakt knallt Hochmair sich das Mikrophon auf den Kopf, sodass das Publikum im Dunklen aufschreit.

Niemals habe ich Philipp Hochmair schöner lächeln sehen als beim Schlussapplaus. Eine einzige Frau gab ihm Standing Ovations, er hat ihr zugewunken. Ich neidete es ihr.
Philipp Hochmair als Werther

tschick (Regie: Fatih Akin)

Kaum ein Buch eines deutschsprachigen Autors ist erfolgreicher bei Jugendlichen als „tschick“. Es spricht die Ängste und Sehnsüchte von Jugendlichen an, die den Alltag entfliehen und sich mit Maik und Tschick auf den Weg in die Walachei machen wollen. Fernweh, Abenteuer, Freundschaft, erste Liebe,… sind die Herausforderungen, die Herrndorf seine beiden Protagonisten auf dieser Reise erleben lässt. Nun ist sein Bestseller verfilmt worden.

Die größte Schwierigkeit bestand wohl darin, für die beiden Charaktere die passenden Schauspieler zu finden, da sie nicht zu alt sein durften, um die Geschichte glaubwürdig zu erzählen. Man musste ihnen abnehmen können, dass sie der Loser Mike (Tristan Göbel) und der Außenseiter Tschick (Anand Botbileg) sind. Denn die Geschichte lebt von der inneren Entwicklung dieser Figuren. Die Handlung ist nur die Hülle und da muss jede Geste, jeder Ton stimmen. Wenn nicht, wird man aus der Geschichte katapultiert und findet sich kopfschüttelnd im Kinosaal wieder.

Sieht man den Kindern der Netflix Serie „Strange Things“ zu, gelingt diese Verschmelzung. Bei „tschick“ nur dem Schauspieler von Maik, er ist der Ich-Erzähler, der uns in Rückblende an den Ereignissen dieses Sommers teilhaben lässt. Mitspieler sind: die schöne Tatjana, die nichts von ihm wissen will, seine alkoholkranke Mutter, die wieder einmal auf die „Beautifarm“ zum Entzug fährt und sein Vater, der die Gelegenheit nutzt, um mit der jungen Assistentin ins Liebesglück abzurauschen. Da kommt Tschick im gestohlenen Lada und es braucht nicht vieler Überredungskünste, mit ihm in den Süden aufzubrechen, um der Leere im schönen Designerhaus zu entkommen. Sie starten von Berlin aus und rasen von nun an in wildem Tempo die Autobahn und Feldwege entlang. Laute Musik und schnelle Kamerafahrten begleiten ihren Weg in die Unabhängigkeit wie Richard Claydermanns „Ballade pour Adeline“ ihre Sehnsucht nach Liebe.

Das Abenteuer kann mit vierzehn nicht lange dauern, aber bevor es endet, findet Mike in Isa eine neue Liebe und Tschick verrät ihm sein Geheimnis.

Der Soundtrack und die Kamera (Rainer Klausmann) könnten nicht besser sein, aber wie so oft gelingt es nicht ganz, die Vielschichtigkeit des Buches in eine gute Literaturverfilmung umzusetzen. Wolfgang Herrndorf, der viel zu früh gestorben ist, wird jedoch mit dem Film ein neues Publikum finden.

Maggies Plan

Regie: Rebecca Miller

Eigentlich mag ich New York nicht. Es ist mir zu geschäftig und viel zu groß. Immer wenn die Stadt jedoch in Filmen auftaucht, begeistert sie mich. Denn es sind meist gute Geschichten, die uns von dort erreichen. Auch „Maggies Plan“ gehört dazu.

Dabei ist die Handlung nicht allzu spektakulär: Die junge New Yorker Dozentin Maggie hat einen Kinderwunsch, den sie sich auch ohne Partner erfüllen will. Auf der Suche nach dem geeigneten Samenspender kommt ihr ein Studienkollege (einst Mathematikgenie, jetzt aufstrebender Gurkenfabrikant) in den Sinn, der bereitwillig seinen Samen zur Verfügung stellt. Während der Vorbereitungen verliebt sie sich in den unglücklich verheirateten Anthrologieprofessor John. Cut: Drei Jahre später sind die beiden verheiratet und haben eine Tochter. John gibt sich ganz dem Schreiben seines ersten Romans hin, dabei wird er tatkräftig von seiner jungen Frau unterstützt. Maggie hat nun nicht nur für ihn und das gemeinsame Kind, sondern meist auch für die beiden halbwüchsigen Kinder aus erster Ehe zu sorgen. Immer mehr kommen ihr die Gefühle für John abhanden, und sie entwickelt einen Plan, denn ihr Motto lautet: „I want to live honestly“.

Greta Gerwig als Maggie würde man gerne noch länger begleiten, sie ist natürlich schön, pragmatisch und hellsichtig, was ihr eigenes Glück betrifft. Ich war hingerissen, wie sehr sie Maggie ist, bodenständig, mit Wollrock und gelben Kniestrümpfen, braver Frisur und Beschützerinstinkt. Ethan Hawke als John spielt genau den Mann, den wir schon in „Boyhood“ kennengelernt haben, unreif, schwach und auf Frauen angewiesen, die ihm zeigen, wo`s langgeht. Seine Ex-Frau Georgette (Julianne Moore) hat trotz Egoismus und Neurosen Qualitäten, die er nicht missen will. Sie ist Uni-Professorin, Dänin, eine messerscharfe Intellektuelle, die schicke Designerkleidung trägt, die roten Haare streng hochgeknotet. Das Spiel zwischen Gerwig und Moore zeigt, dass beide wohl zu den besten Schauspielerinnen zu zählen sind, die es derzeit gibt.

Man verfolgt mit viel Leichtigkeit die Irrungen und Wirrungen der Liebe und ist am Ende froh darüber, dass alles märchenhaft bei Sonnenschein mit einer Überraschung endet.

„Maggies Plan“ ist eine Komödie, die ohne Ratschläge für ein geglücktes Leben auskommt. Leicht zu konsumieren, mit schrägen New Yorkern, die uns an ihrem Leben teilhaben lassen und wegen der Bilder von New York und Greta Gerwig für kalte Jahreszeiten wärmstens zu empfehlen.

©a.achilles 2016

Hamburg

22. – 26. August 2016

Warum nach Hamburg? Noch dazu zu der heißesten Zeit des Jahres?

Dann führt dich die Hitze direkt ins Museum, weil es dort immer kühl und sicher ist. Denn sicher fühlte ich mich auf Hamburgs Straßen nicht. Ich befürchtete, dass einer der vielen Obdachlosen etwas im Schilde führte, war in ständiger Angst vor dem Bösen, die auch hochkommt, wenn man um halb elf in der Nacht einen anonymen Anruf erhält.

So besuchte ich viele Museen, angefangen vom „Hamburger“ über „Kunst und Gewerbe“ bis hin zur „Verkehrten Welt“ im Bucerius Kunst Forum und lernte viel dazu. Dazwischen marschierte ich durch die Straßen Hamburgs, machte Bootsfahrten und saugte etwas Luft von der Hafenstadt und den dort liegenden riesigen Container- und Kreuzfahrtschiffen ein. Schön war die Alsterrundfahrt, weil dort mitten in der Stadt gesegelt, gerudert und gepaddelt wird. Das Auge freute die Möglichkeit trotz der sündteuren Villen am Ufer in drei Stunden den See auf einem Gehweg umrunden zu können. Denn fast das ganze Ufer gehört den Wasserhungrigen und ist öffentlich zugänglich. Gebadet hat jedoch niemand, das Wasser ist wohl zu kalt oder zu schmutzig.

Und die Abende? Die verbrachte ich im Kino, wo sich das Publikum recht eigenartig benimmt:

Chipspackungen und Süßigkeiten werden in den Saal geworfen, laute Kommentare geäußert, es wird geklatscht und gebuht, um sich als kleiner Teil einer großen Masse Gehör zu verschaffen und das gemeinsame Kinoerlebnis zu verleiden.

Und natürlich den „Welterfolg in Hamburg“ besucht. „König der Löwen“ läuft im Stage Theater im Hafen schon seit 15 Jahren und wurde gerade um weitere 5 Jahre verlängert. Die Inszenierung und Kostüme sind farben- und fantasievoll, die Sänger und Tänzer grandios und die Ticketpreise so hoch, dass man jede Minute auskosten will. Shuttleschiffe bringen die tausende Musicalfans jeden Abend zur Insel, wo auch das „Wunder von Bern“ gespielt wird. In der Pause hat man dann einen bezaubernden Blick auf die Lichter Hamburgs und die beleuchtete Elbphilharmonie.

Und wer etwas vom modernen Hamburg sehen möchte, dem sei die Hafencity ans Herz gelegt, die entstanden ist, weil die Containerschiffe die Speicherstadt überflüssig gemacht haben. Wer sich dort das Wohnen leisten kann, braucht keine Obdachlosen in den Hauseingängen fürchten. Hier, bei den Reichen, ist die Welt noch in Ordnung.

HafenCity

Salzkammergut

1. bis 20. August 2016

Wo bleibt die Kulterin werden Sie sich schon gefragt haben. Ich bin seit einiger Zeit auf Sommerfrische. Warum Sie nicht in die Ferne schweifen müssen, um erholt zu sein und etwas von der Welt zu erfahren, erfahren Sie in diesem Beitrag über das Salzkammergut.

Auch kulturell hat dieses Gebiet einiges zu bieten, aber heute schenke ich meine Aufmerksamkeit Land und Leuten.

Seen: Was das Salzkammergut so schön macht, ist die Natur, die hier überall oft in Reinform anzutreffen ist. Wandert man um den Altausseersee, hat man seine selige Ruhe vor Autos und Motorbooten. Geht man am Ostuferweg des Hallstättersees entlang, begegnet man vielen eifrigen Radfahrern und der hin und wieder dahinzuckelnden Bahn. Alle Stunde hört man von fern das Tuten der „Hallstatt“, die mit wenigen Touristen ihre Kreise um den See zieht. Der Ödensee ist noch immer ein Geheimtipp und an Idylle kaum zu übertreffen.

Almen: Seit es Elektrofahrräder gibt, sieht man auf jeder Amhütte ältere Semester, die stolz von großen Radtouren berichten, die man sich schon in der Jugend nicht zugetraut hatte. Da sie Einheimische sind, erfährt man darüber hinaus auch einiges über EU-Förderungen und warum es so wenige Almkühe mehr gibt. Apropos: Weil auch der Dachsteinrundwanderweg vorbeiführt, trifft man auch Sportler, die schon seit Tagen im Gebirge unterwegs sind und richtig fertig ausschauen. Auf Almen begnegnet sich Jung und Alt, Reich und Arm in fröhlicher Gesellschaft.

Berge und Wasserfälle: Man kann den Grimming besteigen oder mit dem Fahrrad umrunden (60 Kilometer! Mit und ohne Mitterberg) und dann den Wasserfall unterhalb der Staumauer besuchen, sich im Film „The Beach“ glauben und ein Bad darin nehmen. Sehr erfrischend.

Natur pur

Natur pur

Orte: Wenn vielleicht die Natureinsamkeit zu groß geworden ist, macht man sich auf nach Bad Ischl, sieht eine große Anzahl von Asiaten (Chinesen?) in Hallstatt zusteigen, die nun nach Salzburg weiterreisen wollen. Im „Zauner“, wo man ein „Ischler“ genießt, wundert man sich, dass so viele Menschen in ein Kaffeehaus gepackt werden und so viele Mehlspeisen verspeisen können. Hat man dazu noch Freude an der Monarchie, besucht man die Kaiservilla und das Museum der Stadt Ischl, um sich an den adretten kaiserlichen Uniformen sattsehen zu können. Von den „Kaisertagen“ soll hier gar nicht gesprochen werden.

Am Abend kann man vielleicht die „Vorstadtweiber“ auf DVD schauen oder in Pürgg das Gasthaus „Krenn“ besuchen, das ein sehr, sehr reicher österreichischer Getränkehersteller gekauft hat. Dem Himmel sei Dank, es hat gut geschmeckt.

©a.achilles 2016

Juli Zeh: Unter Leuten

„Alles ist Wille“

Irgendwo am Land, in der ehemaligen DDR, 70 Kilometer von Berlin entfernt, befindet sich das kleine Dorf Unter Leuten. Der Name ist Programm: Alle Menschen und Ereignisse sind verwoben, man befindet sich in einem Biotop von gegenseitigen Abhängigkeiten und Altlasten: Menschen, die noch aus dem Kommunismus Rechnungen offen haben, deren Kinder, die sich nur durch Wegzug retten können und Neuankömmlinge, die sich rasch im Dorfnetz verspinnen.
Dabei geht es nur um 10 Windräder, die auf der Plausnitzer Höhe errichtet werden sollen, um vordergründig die Energiebilanz auszugleichen und dem Dorf Einkünfte zu garantieren, dass es überleben kann.
Wie auch immer die Bewohner heißen mögen, Kron, Fließ, Franzen, Meiler, Schaller und der allmächtige Rudolf Gombrowski, der die Geschicke des Ortes seit Jahrzehnten bestimmt. Sie alle haben die unterschiedlichsten Interessen an diesem Bau, wollen daran verdienen oder ihn mit allen Mitteln verhindern.
„Alles ist Wille“ (Manfred Gortz) geht als Motto dem Buch voran. Linda, eine Hinzugezogene und Pferdezüchterin, richtet ihr Leben nach Gortz Sprüchen aus und agiert ebenso perfide und hinterhältig wie die machtbewussten Männer um sie herum. Wenn sich auch die älteren Frauen noch ganz den alten Rollenerwartungen beugen, so kann man an den jungen schon die Zeichen der neuen Zeit entdecken. Gut ausgebildet und selbstbewusst verlieren sie sich nicht in der Fürsorge für ihre Männer und Kinder, sondern loten aus, wieweit sie gehen wollen und setzen Befreiungsschritte, wenn die Bilanz nicht mehr stimmt. Keine von ihnen könnte als Vorbild für ein geglücktes Leben hergenommen werden, aber sie sind in Bewegung und reflektieren ihre Situation. Im Gegensatz dazu sind die Männer des Dorfes noch ganz alten Klischees verhaftet, egal ob jung oder alt. Sie sind entweder Weichlinge und brauchen eine starke Frau an ihrer Seite (die jungen) oder so sehr in alte Machtkämpfe miteinander verstrickt, dass der einzige Weg in eine Gewaltspirale mündet (die alten).
Juli Zeh zeichnet keine Idylle vom Landleben, aber das wissen wir längst seit Wolfsgruber und Innerhofer.
„Der große Gesellschaftsroman über die wichtigsten Themen unserer Zeit“ (Luchterhand) ist es nicht. Dazu sind die Handelnden zu plakativ, zu eindimensional, zu sehr auf ihre Rolle festgelegt und zu wenig entwicklungsfähig.
Was „Unter Leuten“ von der österreichischen Provinzliteratur der siebziger und achtziger Jahre unterscheidet: Irgendwie glaubt man diesem Dorfleben in der deutschen Provinz nicht, vielleicht auch deshalb nicht, weil es den Figuren an Größe und Liebe fehlt.
Amüsant sind die eingestreuten Zitate aus „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz, an denen sich die Karrierefrau Linda orientiert. „Macht heißt zu bewegen“. Nichts leichter als das.

©a.achilles

Keersmaeker tanzt Rilke

Odeon: 18. Juli 2016

„Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ erzählt die Geschichte des Fähnrichs Christoph Rilke, der gegen die Türken sein Leben verlor. Rilke schrieb die kurze Erzählung 1899 in einer Nacht, die er mit seiner um 15 Jahren älteren Geliebten, der berühmten Lou Andreas-Salomé, verbrachte. Im Ersten Weltkrieg diente diese lyrische Erzählung vielen Soldaten als Aufruf für den Heldentod, Hunderttausende sollen das Büchlein im Schlachtfeld bei sich getragen haben.

Die imposante Halle des Odeons ist ausverkauft, der Andrang so groß, dass Besucher vor der ersten Reihe auf Kissen Platz nehmen müssen.

Ein junger, braungebrannter Mann (Michaël Pomero), ganz in Grau gekleidet, betritt die staubbedeckte Fläche und beginnt zu tanzen. Alles wirkt schwer, die Schuhe, die Schritte und seine Bewegungen. Er folgt keiner Musik. Immer wieder durchschreitet er den Raum, hält inne, um mit einer Drehung wieder in seinen Tanz zurückzufinden.

Nach seinem Abgang wird auf einer großen schwarzen Fläche der Rilke-Text in Deutsch und Englisch projiziert. Wir erfahren von der Ausgangslage, dass sich der 18-Jährige freiwillig gemeldet hatte, dass er sich mit anderen auf dem Weg zur nächsten Schlacht befindet, dass er große Sehnsucht nach der Liebe hat. Der Text bricht ab und eine junge Flötistin (Chryssi Dimitriou) taucht aus dem Dunkel auf, entlockt mit wilden, schweren Atemstößen ihrer Querflöte eine exstatische Tonfolge, die ihren Körper zum Zucken bringt. Als die Musik verstummt, betritt Keersmaeker die Bühne, auch sie in graue Stoffhose und Shirt gekleidet, das angegraute Haar zu einem Knoten gebunden. Der Tanz kann beginnen. Der junge Mann und die ältere Frau umkreisen einander, entfernen sich, vollführen dieselben Bewegungen, ohne sich jemals zu berühren, immer wieder die rechte Hand ausgestreckt, als Versuch einen Weg in der fremden Landschaft zu finden. Besonders beeindruckend, wenn die große Hand des Mannes sich parallel zur zierlichen der Frau befindet. Plötzlich erzählt sie alleine die Geschichte weiter, begleitet von sparsamen Bewegungen, die das Geschehen untermalen. Keersmaeker rezitiert den Text in Oskar-Werner-Manier, wir erfahren von der letzten Liebesnacht mit der verheirateten Burgherrin, von den Türken, die das Schloss in Brand setzen und von der Panik, die entsteht und den Fähnrich waffenlos in die Schlacht führt. Dabei passiert eine wundersame Verwandlung, mehr und mehr wird Keersmaeker jünger und männlicher, bis sie schließlich in blutiges Rot getaucht sterbend niedersinkt.

Wir werden durch kaltes weißes Licht in die Gegenwart zurückgeholt.

Die Botschaft ist klar: Der Heldentod, den die Soldaten im Ersten Weltkrieg noch mit Rilke in den Taschen ruhmvoll sterben konnten, kommt in dieser Performance aus Musik, Tanz und Schauspiel nur als verschwendetes Leben zum Ausdruck. Voller Staub, verschwitzt und ohne Lächeln nehmen die beiden Tänzer den Schlussapplaus entgegen.

Chelsea: „Kids. They´re not so great“

Was tut sich in unserer modernen Welt? Galten in meiner Zeit Kinder noch als das höchste Gut, das eine Frau anstreben kann, begegnen mir heute immer mehr Frauen, die Hunde diesen vorziehen. Was ist passiert?

Es gab Zeiten, in denen ich mich nur auf Spazierwege traute, wenn mich meine halbwüchsigen Töchter begleiteten. Kein Hundebesitzer konnte mir weismachen, dass sein Liebling friedlich ist, ich mochte keine Hunde.

Chelsea Handler, deren Show („Chelsea“) ich gerne sehe, brach das Eis. Chelsea ist nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern besitzt überdies die seltene Gabe, frisch und frech draufloszureden, dass einem die Spucke wegbleibt. Ihre männlichen Interviewpartner finden keine Gnade vor ihrer übermütigen Zunge, trotzdem ist ihr keiner böse und der Auftritt endet immer in einer herzlichen Umarmung. Sie stellt alle gängigen Werte, die Frauen verinnerlicht haben, auf den Kopf: Sie wohnt allein in einer riesigen Villa, trinkt viel Alkohol, konsumiert Drogen und sagt freimütig, dass sie in mehr als achtzig Ländern Lover hatte. Sie mag keinen Ehemann und schon gar keine Kinder, liebt ihre Freunde und ihren Hund Chunk. Und dieser ist in jeder Show mit dabei, wird von den Gästen betätschelt und trottet gutmütig im Studio herum. Man muss ihn einfach mögen. Sie gibt Männern Tipps zum Anziehen und sagt ihnen, was gar nicht geht: Kettchen, V-Ausschnitt, Jogginghose, Flip-Flops, außer man ist schwarz, dann ist alles erlaubt. Am Schluss steht der entkleidete Mann in Unterhose da und schämt sich.

Also sind es diese aufmüpfigen Frauen, die uns den Trend zum Hund einbrachten? Was Handler am Leben mit Hunden so schön findet und immer wieder betont: bedingungslose Liebe, keine dummen Fragen, Ablaufdatum. Dabei blickt sie frechen Blickes und erhobenen Hauptes in die Kamera.

Ja, es tut sich etwas im Frauenland, Altruismus und Bravsein sind von gestern, was heute zählt, ist Freiheit und Genießen und wenn man Handler dabei zusieht, ist man doch beeindruckt.

Well done, denkt man sich, und blickt als normale Frau auf ein anstrengendes Leben mit Beruf und Kindern zurück: „Kids. They are not so great“. Die eigenen ausgenommen.

©a.achilles 2016

Viva verdi

Schloss Hof: 1. Juli 2016

Jeder braucht Rituale. Seit einigen Jahren besuche ich zu Schulschluss Schloss Hof, in dem alljährlich die Philharmonie Marchfeld unter der Dirigentin Bettina Schmitt gastiert. Diesmal freute ich mich besonders, da Verdi gespielt wurde und schönes Wetter angesagt war.

Allein das Ambiete ist die Reise wert. Ein barockes Schlossgebäude, die Außenflächen ausladend und blitzsauber. Voller Ehrfurcht tritt man ein und fühlt unmittelbar das barocke Lebensgefühl, die Lust am Leben und Genießen. Bevor die Soirée beginnt, kann man im Garten wandeln und nach Bratislawa hinüberschauen. Gemäß der Schlossfarbe sind dieses Jahr die Blumen in strahlendes Gelb getaucht. Dann bewegt sich das festlich in Tracht gekleidete Landpublikum in den Arkadenhof hinein, wo die Sonne noch die Dächer berührt. Die Orchestermitglieder treten aus den Arkaden heraus und die Dirigentin eilt auf die Bühne und erhebt den Stab. Es ist ein schönes Programm, das sie zusammengestellt hat: Beginnend mit der Ouverture zu „La forza del destino“ über das Vorspiel zum 1. Akt aus „La Traviata“ bis hin zum krönenden Triumphmarsch aus „Aida“.  Das Orchester harmoniert, jeder Ton sitzt. Luisa Albrechtova erfüllt mit ihrem Sopran den ganzen Hof und Thomas Juha zeichnet sich durch einen schönen Tenor aus, wenn es ihm auch noch etwas an Bühnensicherheit fehlt.

Da den meisten Zuhörern wie mir ein profundes Opernwissen fehlt, begleitet uns Thomas Dänemark durch den Abend und klärt uns mit geschliffenenen Worten über die Zusammenhänge auf.

Der Abend bleibt warm, die Melodien gehen ins Herz und das schon ältere Pärchen vor mir lässt sich von der Musik so bezaubern, dass es während des Spiels immer wieder Küsschen austauscht und sanft mit den Melodien mitschwingt, ihr Kopf an seine Schulter geschmiegt. Die Beobachterin ist etwas befremdet, so sehr sitzen ihr die Wiener Musikvereinsbesucher im Nacken.

Es gibt starken Applaus, mehrere Zugaben und ein rundum glückliches Publikum.

Die nächste Möglichkeit, Bettina Schmitt und die Marchfelder Philharmonie auf Schloss Hof erleben zu können, ist am 11. September, dann lautet das Motto „In Vino Veritas“, Weinverkostung inkludiert. Mein Ritual zum Schulanfang. Ich freue mich darauf.

©a.achilles 2016