Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Der Titel der Dokumentation verspricht Hoffnung in der heutigen Krisenstimmung. Aber wie kann diese aussehen? Und was wird schon dafür getan, hier in Österreich? Was kann man tun, um unsere Welt zu einer besseren zu machen?

Anhand von kurzen Interviews werden Menschen vorgestellt, die einen Beitrag dazu leisten. Sie werden nur mit dem Vornamen genannt: Walter, Anna, Rita, Judith, Theresa heißen sie und es wird nur ein kurzer Einblick in ihr Wirken gegeben. Es geht um Partizipation in der Politik (BürgerInnenräte), um die Unterstützung der Ärmsten mit Lebensmitteln und warmem Essen (Pannonische Tafel), um saisonale landwirtschaftliche Produkte (Speiselokal), um Bauten aus Lehm für eine nachhaltige Architektur, um die Verunsicherung durch die Bankenkrise und das fehlende Narrativ dazu (Kapitalismuskritik), um Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft (Wohnzimmer).

Es werden Menschen nicht nur mit ihren Visionen gezeigt, sondern auch mit deren Realisierung. Kein Name und auch kein Projekt war mir bisher bekannt und man fragt sich, warum so viel Gutes so wenig mediale Aufmerksamkeit findet.

Welche Haltung veranschaulichen diese kurzen Einblicke? Es gibt Menschen und Initiativen, die den Ohnmachtsgefühlen vieler und der sozialen Kälte entgegenwirken. Sei es nun der kleine Hofladen, der dem Greislersterben in den Dörfern Einhalt bieten will und eine Begegnungsstätte für die Dorfbewohner wird, weil sie sich nur noch auf der Fahrt zum nächsten Supermarkt mit einem Gruß austauschten. Oder die Architektin, die mit Lehm baut, weil er überall natürlich vorhanden ist und keine negativen Konsequenzen für künftige Generationen hat, im Gegensatz zu Beton, der die Umwelt enorm schädigt. Und dann gibt es noch den Hochschullehrer, der seinen Studenten erklärt, wie unser Wirtschaftssystem so geworden ist und dass der Neoliberalismus nicht der Weisheit letzter Schluss ist und veränderbar ist.

Alle sechs Geschichten geben Hoffnung für die Zukunft, weil sie zeigen, dass Einzelne doch etwas am „System“ ändern können. Es zeigt sich, dass man nicht reich und berühmt damit wird, aber alle sechs Porträtierten strahlen aus, dass es sich lohnt, seinen Platz zu finden, an dem man etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leistet. Ganz nach dem Motto von Walter: „Die Zukunft ist offen, wir müssen`s machen.“

Und tatsächlich geht man hoffnungsvoller aus dem Kino, angeregt, darüber nachzudenken, was man selber beitragen kann und noch lange klingt die kraftvolle Musik von „Federspiel“ in einem nach.

Aquarius

In letzter Zeit begegnen mir immer mehr Filme, die das Leben von Frauen jenseits der Fünfzig im Blickfeld haben. Das mag mit meinem fortschreitenden Alter zu tun haben oder auch damit, dass diese Heldinnen etwas zu sagen haben. Meist haben sie den Großteils ihres Lebens bereits hinter sich, sind in einem Abschnitt angekommen, in dem sie die verbleibende Zeit dem widmen wollen, was ihnen wirklich wichtig ist. Der Film „Aquarius“ vom brasilianischen Regisseur Kleber Mendonca Filho erzählt davon.

Er ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten wird uns Clara als junge Frau vorgestellt: Mit dröhnendem „Another One Bites the Dust“ fährt sie mit Freunden am nächtlichen Strand entlang, um kurz darauf in das Haus einzukehren, das ihr lebenslanges Heim werden wird. Die Melodie ist angestimmt. Es wird der 70. Geburtstag ihrer schönen Tante Lucia gefeiert, die es als Frau zu einigem Wohlstand und einem angesehenen Beruf gebracht hat. Alle feiern mit, es ist ein ausgelassenes Fest mit Freunden und Nachbarn. Claras Mann klärt uns über den Ursprung ihres schicken Kurzhaarschnittes auf, auch sie ist gerade dem Tod von der Schippe gesprungen.

Drei Jahrzehnte später ist die ehemalige Musikkritikerin (Sonia Braga) alt geworden und allein in dem Haus zurückgeblieben, alle anderen Mieter sind bereits ausgezogen, da an dieser Stelle eine schicke, teure Resistenz errichtet werden soll. Nur Clara wehrt sich gegen den Verkauf ihrer Wohnung und gerät dadurch in eine bedrohliche Situation aus Erpressung und Schikanen. Es scheint, dass sie den Kampf gegen den mächtigen Gegner nur verlieren kann.

Aber sie ist stur und gewieft und setzt sich im dritten Teil des Filmes mit der Unterstützung ihrer Freunde und Familie gegen die Baumafia zur Wehr.

Was zeigt uns dieser Film aus dem fernen Brasilien? In Würde zu altern heißt nicht dem Jugendkult hinterherzulaufen und so zu tun, als ob man noch straffe Zwanzig wäre. Auch wenn die große Liebe (ihr Mann) schon lange tot ist, kann Sexualität auch nach der Operation noch gelebt werden, man muss den jugendlichen Liebhaber nur bezahlen. Die Einsamkeit, in der wir sie immer wieder antreffen, kann ausgehalten werden, weil es zwischendurch Freundinnen, Bekannte und Familie und schöne Erinnerungen an ein erfülltes Leben gibt. Und wenn die Bedrohung zu groß wird, dann kann auch eine Flasche Rotwein und Schallplattenmusik darüber hinwegtrösten. Das ist es, was unsere Heldin braucht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Um es nicht zu vergessen: einer wunderschönen Sonia Braga mit tiefschwarzer Mähne und schwarzem Badeanzug schaut man gerne dabei zu, wie sie sich aus den Fluten des Meeres erhebt und unerschrocken auf uns zugeht.

Get out

Get out erregte in den USA großes Aufsehen. Mit den geringen Produktionskosten von nicht einmal fünf Millionen Dollar brach der Film viele Rekorde an den amerikanischen Kinokassen. Nicht schlecht für den Debütfilm eines Komikers. Der Regisseur Jordan Peele ist bisher nur als Teil von Key&Peele in Insiderkreisen bekannt. Und er hat mit dem Film ein heißes Eisen angepackt: Auch nach acht Jahren Obama scheint der Rassismus unter denen, die stolz bekennen, sie hätten ihm auch gerne eine dritte Amtszeit gewährt, subtil vorhanden: der intellektuellen weißen Oberschicht. Und diese kann einem das Gruseln lehren.

Ein junger Schwarzer (Daniel Kaluuya) wird über das Wochenende in die Familie seiner weißen Freundin (Allison Williams) zum Antrittsbesuch eingeladen. Das Auto der beiden fährt über einsame Landstraßen zu dem prächtigen Anwesen der Eltern. Chris fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, zumal die Fahrt zweimal unterbrochen werden muss. Bei der Ankunft verstören ihn dann zwei schwarze Angestellte, die keinerlei Solidarität mit dem schwarzen Mitbruder zeigen. Die Mutter der Freundin ist Psychotherapeutin, auf Hypnose spezialisiert, der Vater Neurochirurg. Etwas ist sonderbar in der Familie, sodass Chris in der Nacht aufwacht, irritiert durch Haus und Garten wandert, um sich schließlich im Stuhl gegenüber der Hausherrin einzufinden, die ihm auch gleich sein Kindheitstrauma aufbereitet. Im wahrsten Sinn des Wortes verliert er den Boden unter den Füßen und fällt in einen tiefen Abgrund voller Schuld. Am nächsten Morgen wacht er im Bett neben seiner Freundin auf und ist beruhigt, dass alles nur ein schrecklicher Albtraum gewesen ist. Der Bruder von Rose verhält sich auffallend aggressiv, Chris‘ Irritation wächst immer mehr, besonders als Freunde am nächsten Tag zum Familienfest kommen. Er fühlt sich als Fremder in der weißen Gesellschaft, kann sich dieses Gefühl aber nur dadurch erklären, dass er als Schwarzer schon immer Diskriminierungen ausgesetzt war. Und bald stellt sich heraus, dass er damit Recht haben wird und ihm noch viel Schlimmeres bevorsteht. Etwas so Schreckliches, das nicht einmal er vorausahnen konnte.

Die Geschichte ist so gut erzählt, dass auch wir lange glauben, dass seine Wahrnehmungen durch seine Geschichte verzerrt ist: durch die Anfeindungen, die er als Schwarzer in der amerikanischen Gesellschaft täglich erfährt, kombiniert mit den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber. Er ist Fotograf und versucht mit der Kamera das Geschehen einzufangen. Da die Realität aber nur schöner Schein ist, kann er sie nur intuitiv erfassen. Das Grauen darüber, als er der Wahrheit immer näher rückt, geht auch auf uns über. Der Abgrund menschlichen Tuns übertrifft die schrecklichsten Träume. „Get out“, lautet von nun an die Devise. Und da kann es dann auch ordentlich brutal zugehen …

Die Taschendiebin

Koreanische Filme rücken auch bei uns immer mehr ins Blickfeld, bilden sie doch nicht nur aktuelle Strömungen der dortigen Gesellschaft ab. Seien es nun Blockbuster ab dem Beginn des neuen Jahrtausends, die sich mit dem Verhältnis zu Nordkorea auseinandersetzen, so Park Chan-wooks Grenzssoldatendrama Joint Security Area (2000) oder der Kinohit Snowpiercer (2013) und nun ein Film über Frauenliebe.

Die Taschendiebin, die in Korea mehr als vier Millionen Besucher ins Kino zog, spielt in den dreißiger Jahren, als Japan noch Besatzungsmacht war. Die reiche Erbin Hideko, die ihrem Onkel versprochen ist, soll nach dem Plan einer Ganovenbande mit dem Grafen Fujiwara verheiratet werden, um an ihr Geld zu kommen und sie dann ins Irrenhaus zu stecken. Dieser ist jedoch kein japanischer Adeliger, sondern ein koreanischer Hochstapler. Um den Boden für den Coup vorzubereiten, wird die Taschendiebin Sookee in das Haus der reichen Erbin geschickt. Dort verliebt sie sich in ihre schöne Herrin und beginnt eine Beziehung mit ihr. Das prächtige Anwesen wird jedoch von dem sadistischen Onkel beherrscht, der seine Nichte von klein auf mittels Todesdrohungen und brutalster Gewalt so sehr eingeschüchtert hat, dass sie es nicht mehr wagt, gegen ihn aufzubegehren. Das junge Dienstmädchen sieht das Leid und nimmt sich mit der pragmatischer Entschlossenheit einer Liebenden ihrer an. Zunächst aber weiß sie nicht, dass auch sie nur ein Rädchen in einem ausgeklügelten Plan ist. Langsam offenbart sich dieser, als die Geschichte aus der Perspektive von Hideko erzählt wird. Im dritten Teil findet das Verwirrspiel um Täuschung und Verrat aus der Perspektive des falschen Grafen seine Auflösung.

Die Wirklichkeit ist eine andere, als sie erzählt wird. Der Großteil des Films zeigt ein besetztes Korea, das von männlicher Gewalt und Ausbeutung beherrscht wird. Die Frauen scheinen nur schöne Dienerinnen und Lieferantinnen für deren Machtfantasien zu sein. Opfer und Täterin zugleich: Hideko muss alten Adeligen erotische Literatur vorlesen und für höchste Lustfantasien zur Verfügung stehen. In dieses berechnende Spiel von Macht und Unterdrückung dringt Liebe und Begehren ein. Und so kann es passieren, dass die Fäden des Schicksals in die Hand genommen werden und die beiden Frauen ihr eigenes Netz zu spinnen beginnen. Klug, berechnend und so radikal, dass sie auch vor einem Mord nicht zurückschrecken. Um frei von alten Werten und Traditionen zu werden, braucht es ein Intrigenspiel höchster Qualität.

Der Film beeindruckt durch wunderschöne Bilder aus einer vergangenen Welt. Schon lange wurde die Schönheit von Frauen nicht so sinnlich eingefangen und zelebriert. Die lesbischen Liebesszenen entstammen aber einem männlichen Blick, bei dem man sich als Frau im Kino nicht wohl in seiner Haut fühlt.

„Die Taschendiebin“ ist ein Film über eine grausame Zeit, die die Liebe zweier Frauen überwinden kann. Dem Film fehlt es jedoch an Glaubwürdigkeit, weil er zu schön und zu bemüht geraten ist. Dann doch besser noch einmal Joint Security Area sehen. Dieser Film geht dann wirklich unter die Haut.

Claus Peymann liest „Holzfällen“

Peymann war weit in den Siebzigern, als er mich vor einigen Jahren leichten Schrittes die Treppen hinauf in den Hackeschen Höfen überholte und als ich oben ankam, bereits eine Flasche Rotwein geordert hatte. Am Mittwoch las er, nun an die achtzig herangerückt, nicht im Burgtheater, sondern im Stadttheater von Baden aus Thomas Bernhards „Holzfällen“.

Im grauen Anzug, schlank und rank betritt er die Bühne, schwingt das weiße Leinen elegant vom roten Ohrensessel, den er, da es in Österreich so etwas nicht gäbe, extra aus Berlin herkommen habe lassen. Eineinhalb Stunden wird er darin verbringen, immer wieder auf und abrutschend, um von dem künstlerischen Abendessen bei den Auersberger, das zu Ehren des berühmten Burgtheaterstars, der nach der Vorstellung der „Wildente“ dazu stoßen würde, zu berichten. Zu allem Unglück wird dieses Festessen auch in Gedenken einer gemeinsamen Bekannten, die sich erhängt hatte, veranstaltet. Der Ich Erzähler war dem Ehepaar Auersberg nach zwanzigjähriger Enthaltsamkeit auf dem Graben wieder in die Arme gelaufen und habe die Einladung sehr unwillig angenommen. Das Abendessen, das viel zu spät mit einer Erdäpfelsuppe beginnt, endet wie immer mit der völligen Trunkenheit des Gastgebers Auersberg und führt zu einem handfesten Ehestreit. Angeekelt wird dieses völlig misslungene Festessen verlassen und der Erzähler geht von der Gentzgasse durch das nächtliche Wien nachhause.

Peymann ist ein exzellenter Leser, der auch nach eineinhalb Stunden sein großteils älteres Publikum nicht ermüdet. Er lässt Thomas Bernhard auferstehen und so wird man zurückversetzt in eine Zeit, in der Bernhards Menschenkosmos die Österreicher erregte. In der ein Buch von der Gendarmerie aus jeder Buchhandlung geholt wird, weil es durch Gerichtsbeschluss verboten wurde. In eine Zeit, als ein „begabter deutscher Theatermacher“, dem der Erzähler Lorbeeren streut, ans Burgtheater geholt wird und dort einen Skandal nach dem anderen veranstaltet. In eine Zeit, in der Theaterstücke und Bücher bis in die hintersten Dörfer gelangen und an Stammtischen leidenschaftlich diskutiert werden, vor allem der Nestbeschmutzer Thomas Bernhard. Und heute, 30 Jahre später, lacht man bei der Lesung laut auf, erfreut sich an der Sprachkunst Bernhards und wundert sich darüber, dass der ehemalige Staatsfeind so sehr verkannt und doch so sehr erkannt wurde. Dem großartigen Claus Peymann sei dafür Lob und Ehre zuerkannt. Und nicht vergessen: „Meine Preise“ lesen!

Moonlight

Ich gestehe: Ich kann mir nicht erklären, warum Moonlight so viele Lorbeeren geerntet hat. Kann der Grund darin liegen, dass ein schmächtiger, gemobbter Junge aus einem Armenviertel in Miami zum gut aussehenden, muskelbepackten jungen Mann heranwächst? Dass dieser dem einzigen Mann, der ihn je berührt hat, über viele Jahre hinweg treu bleibt? Dass es um Homosexualität und Sinnlichkeit geht statt um Chauvinismus und Gewalt? Dass er allen, die ihn je verraten und verprügelt haben, verzeihen, sie sogar weiterhin lieben wird? Eine Lichtgestalt für das schwarze Amerika im Jahre 2017?

Nur so kann ich mir erklären, warum es kaum kritische Stimmen zum Film gibt und er den Oscar für den besten Film des Jahres gewonnen hat.

Kindheit und Jugend von Chiron, genannt Little, sind triste und gewalttätig. Er wächst in einem Armenviertel auf, seine Mutter, eine drogenabhängige Prostituierte, hat wenig Zeit und Verständnis für den introvertierten Jungen. In der Schule wird er gemobbt und dann von eine Meute durch die Gegend gejagt. Juan, der Dealer seiner Mutter, nimmt sich seiner an und bietet ihm in schweren Tagen etwas Sicherheit und Aufmerksamkeit. Nicht zu verwundern, dass er dieser Vaterfigur einmal nacheifern wird. Nachdem er die Schule abgebrochen, im Gefängnis war, sich Muskel antrainiert hat, wird er sich in einer fremden Stadt im selben Milieu wiederfinden. Aber auch dort für sich bleiben, ein Außenseiter, der nicht schlafen kann, bis er eines Nachts einen Anruf von seinem einzigen Liebhaber aus Jugendtagen erhält und sich auf den Weg macht.

In bunten, satten Farben wird ein Amerika der Schwarzen in den Siebzigern gezeigt, in der es wenig Gutes und Nährendes gab. Gewalt und Drogen sind allgegenwärtig, sie zerstören die Schwächsten, die Frauen und Kinder. Auch den kleine Chiron, der augenscheinlich nicht in diese männlich-narzisstische Welt passt und seine alleinerziehende Mutter. Beide können den täglichen Demütigungen nur dadurch entkommen kann, dass sie wegrennen und sich gefühllos machen. Und als der Junge sich selbst dann Black nennt, wird er wieder genau dieses Männlichkeitsideal verkörpern, das von einem Mann dort erwartet wird: bullig, cool, angsteinflößend und auf die schiefe Bahn geraten.

Natürlich kann man diese Geschichte nachvollziehen, sie ist auch heute noch allgegenwärtig und von den Medien in unsere Gehirne eingebrannt. Aber müssen diese Bilder von damals auch heute noch immer und immer wieder gezeigt werden und dann auch noch den höchsten Filmpreis des Jahres einheimsen?

Wie schön bunt wäre es, wenn uns einmal Filme aus Amerika erreichten, in denen triste Kindheitsverhältnisse aus schwarzen Armenvierteln verändert und ganz andere Männer gezeigt werden würden? Dann könnte man erleichtert im Kino aufatmen und mit Old Obama ausrufen: Change.We can believe in.

Certain Women


Was erreicht uns heute aus Amerika, das nicht aus Hollywood oder Washington kommt? Ein Film von Kelly Reichardt, der Einblicke in das unspektakuläre Leben von vier Frauen in einer amerikanischen Kleinstadt gewährt. Anhand von kurzen Episoden erahnen wir, welche Sehnsüchte und Wünsche diese Frauen jenseits des Ozeans haben.

Da ist die Anwältin Laura (Laura Dern), die einen hartnäckigen Klienten hat, der mit ihrer Hilfe zu seinem Recht kommen will. Er verfolgt sie überallhin, will sich nicht damit abfinden, dass sein Fall abgeschlossen ist. Nichts ist zu merken von den schicken und cleveren Anwältinnen aus US-Serien. Keine spitzfindige Gerichtsszene kann mehr stattfinden, da sich der Klient immer mehr in einen Rachefeldzug verstrickt. Was für Laura zu tun bleibt, sind Briefeschreiben und zwei Essenstüten, die sie immer wieder umgruppiert, um den richtigen Abstand zu finden.

Oder die verheiratete Gina (Michelle Williams), deren Mann eine heimliche Affaire mit der Anwältin hat. Wir begegnen ihr beim Joggen entlang eines Flusses, wo sie heimlich eine Zigarette raucht. Dann kehrt sie in das Zelt zurück, in dem ihr Mann und ihre pubertierende Tochter schon auf sie warten. Man bricht auf, sie, die Kleinste und Zierlichste, schleppt die schwerste Kiste. Der Vater befiehlt der Tochter nett zur Mutter zu sein. „Why?“, fragt diese zurück. Auf dem Weg nach Hause halten sie bei Albert, vor dessen Haus Sandsteine gelagert sind. Laura möchte diese unbedingt für den Bau ihres Wochenendhäuschen verwenden. Sie führt die Verhandlungen und wie sie ihren Mann dabei anschaut, lässt uns wissen, was auf sie zukommen wird.

Und schließlich gibt es noch die Tierpflegerin Jamie (Lily Gladstone), die auf einer einsamen Ranch Pferde versorgt. Sie gerät eines Abends zufällig in eine Vorlesung über Schulrecht und verliebt sich Hals über Kopf in die Vortragende Beth (Kristen Stewart).

Dies sind unaufgeregte Geschichten über Frauen, die mit Alltagsproblemen zu kämpfen haben: Anerkennung ihrer beruflichen Kompetenz (Laura), Einsamkeit (Gina), Liebessehnsucht (Jamie) und Ängste über eine ungewisse Zukunft (Beth). Der Film zeigt ihre Bemühungen um ein Leben, das von Nähe und Sinn erfüllt ist. Es scheint, dass in den kalten Wintern von Montana der Weg dorthin nur auf dem Rücken eines Pferdes möglich ist.

Elle

Isabelle Huppert, 63 Jahre alt, spielt in „Elle“ eine erfolgreiche Unternehmerin einer Game-Produktionsfirma. Als sie eines Nachmittags in ihrem Haus auf das Brutalste vergewaltigt wird, kehrt sie die Scherben zusammen, legt sich ins Schaumbad und und mischt das Blut, das aus ihrer Scheide an die Oberfläche dringt, sanft mit dem Wasser. Sie lebt weiter wie bisher, erzählt ihren Freunden bei einem Abendessen beiläufig von dem Vorfall. Sie hat die Tat nicht einmal angezeigt.

Den Grund dafür erklärt sie mit ihrer Vergangenheit. Sie legt sich mit der Axt schlafen, lernt schießen und stellt Verdächtigen nach. Und erwartet jeden Moment einen weiteren Überfall, denn der Täter schickt ihr anonyme Botschaften per Handy und dringt in ihr Haus ein, um seine Samenspuren zu hinterlassen. Er will Angst und das Gefühl völliger Schutzlosigkeit verbreiten. Wenn sie in das leere Haus zurückkehrt, lauert die Gefahr in jeder Ecke. Und sie kehrt täglich dorthin zurück. Sie schläft weiterhin alleine in ihrem Bett, mit der Axt neben sich. Sie erwartet ihren Vergewaltiger.

Und dann geschieht es wieder: Diesmal kann sich sich wehren und dem Angreifer die Skimütze vom Kopf reißen. Nun kennt sie den Täter.

Alles geht weiter wie bisher. Keine Anzeige, wieder bleibt sie alleine im Haus, geht den Routinen des Lebens ohne viel Emotionen nach. Sie trifft ihren Ex-Mann mit dessen junger Freundin, betreut ihren Sohn, der von seiner Freundin ausgenutzt wird, trifft harte Entscheidungen in ihrer Firma, die aus jungen Männern besteht, hat eine Affaire mit dem Mann ihrer besten Freundin, feiert mit den Nachbarn und der Familie Weihnachten. Kühl und selbstbewusst begegnet sie dabei ihrem Peiniger. Die Bedrohung wird Alltag, sie nimmt sie hin. Man schaut dem Ganzen fassungslos zu und begreift diese schöne, zierliche Frau nicht.

Wir jedoch befinden uns in höchster Alarmstufe und bangen jede Sekunde um ihr Leben. Wir sehen sie am Fenster stehen und warten, schrecken zusammen, wenn er hereinbricht und ihr Gewalt antut.

Die Aussage des Filmes ist verstörend, es gibt keine Gewissheiten mehr, keine Moral, alles ist möglich geworden zwischen Mann und Frau.

Braucht man als erfolgreiche Frau eine Drachenhaut, um in dieser Welt zu überleben, Mister Verhoeven?

 

 

Samir, genannt Sam

Er ist der neue Shootingstar der niederländischen Literatur: Mano Bouzamour. In Amsterdam als Sohn marokkanischer Einwanderer aufgewachsenen, erzählt sein Buch „Samir, genannt Sam“, wie es ist, in dem Einwanderungsviertel De Pijp aufzuwachsen.

Die Geschichte endet mit der Matura von Samir, die er an einem Elitegymnasium abschließt. Damit hat er sein Versprechen, das er seinem Bruder gegeben hatte, eingelöst. Durch Begabung, die richtigen Gönner, aber auch Betrug kann er die Schule erfolgreich abschließen.

Was uns Bouzamour in dem stark autobiografisch geprägten Roman erzählt, ist, wie Samir diesen ungewöhnlichen Weg aus dem Ghetto in die Villen der Reichen schafft. Wie sehr sein Aufstieg mit einem verbunden ist: Bildung. Wie wichtig es ist, eine gute Schule zu besuchen, die richtigen Freunde zu haben, deren reiche Eltern ein armes Einwandererkind unterstützen. Wie sehr auch heute noch das Umfeld über Erfolg und Scheitern entscheidet.

Samirs älterem Bruder ist dieser Weg nicht gelungen: Er gerät auf die schiefe Bahn, wie viele andere Söhne der ersten Einwanderergeneration aus dem Viertel, die die Jagd nach dem schnellen Geld ins Gefängnis führt.

Die Eltern dieser Jungen leben schon seit Jahrzehnten im Land, können aber meist weder lesen noch schreiben, viele nicht einmal die Landessprache sprechen. Sie haben ihr marokkanisches Dorf zwar verlassen, nicht aber die Lebensweise von dort. Samir kann weder mit dem Islam noch mit den Werten, die die Eltern einfordern, etwas anfangen. Er will nicht in die Moschee gehen und beten, die lange ausgesuchte Braut heiraten, will sich nicht unterordnen und kuschen wie die Alten es tun. Stattdessen spielt er Klavier, trainiert seine Muskeln, um sich im Viertel Respekt zu verschaffen, geht auf Partys und verführt die reichen blonden Mädchen der Schule.

Er rast mit seiner Vespa zwischen den Welten hin und her, zwischen Luxus und Armut, zerrissen zwischen der Liebe zu seiner Familie und den Verlockungen der Reichen und Schönen. Wohin gehört er? Was muss er aufgeben? Wie wird er einmal leben?

All diese Fragen behandelt das Buch. Nichts wird beschönigt, teilweise beschreibt der Ich-Erzähler die dort herrschende Gewalt und Frauenfeindlichkeit so krass, dass alle bestehenden Ängste vor diesen Jugendlichen weit übertroffen werden. Ja, was in den Vierteln dort heranwächst, kann einem das Fürchten lehren.

Den Roman zeichnet eine bilderreiche Sprache aus, die sich aus großer Unmittelbarkeit und Wut nährt. Man ist mitten drin im multikulturellen Amsterdam und kann gespannt darauf sein, was uns von dort als Nächstes erreicht.

Manchester by the Sea

And the Oscar for the best actor goes to Casey Affleck. Denn seit langer Zeit hat mich kein Schauspieler so sehr in seinen Bann gezogen wie er. Niemand war wahrhaftiger, niemand hätte die feine Linie zwischen festem Boden und Sturz in den Abgrund besser darstellen können. Und damit die Botschaft vermitteln: nicht alles im Leben kann wieder gut werden, auch wenn alles vergeben ist. Eine tief empfundene Schuld schneidet den Weg zu anderen ab und lässt einen in Eiseskälte zurück. Und trotz allem gibt es schöne Momente, die ein Weiterleben ermöglichen.

Lee Chandler, der Hausmeister in Boston ist, muss nach dem überraschenden Tod seines Bruders in seinen Heimatort zurückkehren, um den Nachlass zu regeln. Schweren Herzens und völlig überfordert mit der Situation übernimmt er die Vormundschaft für seinen pubertierenden Neffen Patrick (Lucas Hedges). Es braucht viel Zeit und Annäherung, bis Patrick, der vor allem an Sex und Sport interessiert ist, und Lee zu einem Arrangement kommen. Und lange Zeit, bis der Zuschauer versteht, warum Lee so kaputt ist und die Bewohner des Ortes so befangen auf ihn reagieren. In kurzen Rückblenden werden Ausschnitte aus der Vergangenheit gezeigt, bis auch wir endlich das Puzzle zusammensetzen und Zusammenhänge herstellen können.

Die Haupthandlung findet im Winter statt, es ist bitterkalt im kleinen Küstenort Manchester-by-the-Sea und jeder sucht einen warmen Ort, wo er verweilen kann. Nicht so Lee, er bleibt draußen, denn er spürt, je näher er den Menschen kommt, umso mehr bricht der Schmerz auf, der in ihm eingeschlossen ist. Er trifft seine Ex-Frau Randy (Michelle Williams), die ein neues Leben begonnen hat. Die Begegnung findet auf der Straße statt, ein Kinderwagen und wir zwischen ihnen, eingeklemmt in die Gefühle der beiden, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Auch wir stecken fest und fühlen mit Lee. Als er das Gespräch abbricht, sind wir zwar erleichtert, aber nicht getröstet, denn wir wissen: seine Einsamkeit wird bleiben.

Der Film lässt einen eintauchen in menschliches Schicksal, das radikal abgehandelt wird. Der Regisseur (Kenneth Lonergan) hat eine kraftvolle Geschichte authentisch umgesetzt. So schmerzhaft diese auch sein mag, erreicht dich doch am Schluss eine leichte Meeresbrise, mit Hoffnung gewürzt, als der Film an seinen Anfang zurückkehrt.

Mehr sei hier wirklich nicht mehr verraten.