Tschick – ein Roman, der unter die Haut geht

Dies ist eine Rezension von Elena Janic, die unseren Wettbewerb zum Thema Jugendbuch gewonnen hat. Herzliche Gratulation!

Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, zwei vierzehnjährige Jungen, welche unterschiedlicher nicht sein könnten, begeben sich in einem alten Lada auf eine Reise voller Gefahren und Abenteuer, bewältigen gemeinsam Hindernisse, lernen neue Menschen kennen, werden durch Probleme zusammengeschweißt und schließen dadurch eine tiefgehende Freundschaft.

Beide Protagonisten kommen aus vernachlässigten Elternhäusern und suchen verzweifelt nach sich selbst: Tschick, der russische Wurzeln hat, im Ghetto lebt und asozial ist, kompensiert dies mit täglichem Konsum von Alkohol. Er kommt mitten im Schuljahr in Maiks Klasse, ist nicht sehr gesprächig und erscheint täglich betrunken im Unterricht. Nüchtern ist dieser jedoch hochbegabt und schreibt gute Noten. Maik, der zwar im Überfluss geboren und aufgewachsen ist, jedoch von seinen Eltern komplett im Stich gelassen wird, in der Schule gemobbt und als Psycho bezeichnet wird, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Seine Introvertiertheit und sein Mangel an Selbstbewusstsein halten ihn ebenfalls davon ab, Tatjana, einem Mädchen, auf das er schon seit Jahren heimlich steht, seine Gefühle zu offenbaren oder in irgendeiner Art mit ihr zu kommunizieren. Da er aber weiß, dass diese bald Geburtstag hat, fertigt er in mühevoller und stundenlanger Arbeit eine Zeichnung ihrer Lieblingssängerin an und plant, sie auf ihrer Geburtstagsparty damit zu überraschen. Als jedoch alle außer ihm und Tschick eine Einladung erhalten, zerreißt er die Arbeit. Nachfolgend fährt seine Mutter in die Entzugsklinik und sein Vater auf Geschäftsreise mit seiner zwanzig Jahre alten Assistentin. Er lässt Maik 200 Euro da und informiert ihn, dass er die restlichen zwei Wochen alleine verbringen wird. Emotional völlig am Boden verbringt dieser den Rest des Tages im Garten, bis Tschick in einem alten Lada in der Auffahrt auftaucht und ihn dazu auffordert einzusteigen. In diesem Moment beginnt die Geschichte erst richtig und nimmt zügig an Fahrt auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Der schrottreife Lada droht jeden Moment in sich zusammenzubrechen und bietet kaum genug Platz für die beiden Jugendlichen noch für ihr Gepäck. Doch weder dies noch die brütende Hitze hält die beiden Vierzehnjährigen davon ab, sich ins Ungewisse zu begeben. Auf ihrer Reise begegnen sie nicht nur sehr schrägen, sondern auch freundlichen und hilfsbereiten Menschen, welche das Weltbild der Jugendlichen auf den Kopf stellen beziehungsweise  komplett ändern. Sie landen in den abgelegendsten Teilen Deutschlands und reisen über kaum mehr begehbare Feldwege. Ständig auf der Flucht vor der Polizei und anderen, die sie als Kinder entlarven könnten.

Die Coming-of-Age-Road-Novel handelt jedoch nicht nur von Abenteuern der beiden, sondern thematisiert auch ernste Themen, wie zum Beispiel: Drogen, Sex, Kriminalität, ein schlechtes familiäres Umfeld und weitere. Wie vorher schon erwähnt, stammt Tschick aus einem zerrütteten Elternhaus, weshalb auch beschrieben wird, wie der Jugendliche mit dieser Situation umgeht und sich in Folge dessen verhält. Wie man also sieht, ist dies kein gewöhnlicher Jugendroman, sondern eine lehrreiche Lektüre für das zukünftige Leben. Oftmals war ich während des Lesens auch zu Tränen gerührt, woran das traurige Schicksal des Autors, Wolfgang Herrndorf, nicht ganz unbeteiligt ist. Bei diesem wurde nämlich in jungen Jahren ein Hirntumor diagnostiziert, woraufhin er sich selbst das Leben genommen hat. Doch ist der Roman nicht nur traurig, sondern auch originell und vergnüglich und ich war etliche Male zutiefst amüsiert. „Tschick“ ist eine Roadnovel für jedermanns Geschmack und ein echtes Lesevergnügen, welches ich vollstens empfehlen kann.

Über mich

Mein Name ist Elena Janic und ich besuche derzeit die fünfte Klasse einer AHS in Wien. Ich bin leidenschaftliche Leserin und schreibe in meiner Freizeit sehr gerne. Zwar habe ich schon viele Schreibprojekte gestartet, manche auch beendet, aber noch nie etwas veröffentlicht, was ich in der nächsten Zeit aber unbedingt ändern will. Meine Leidenschaft gegenüber dem Lesen habe ich schon in jungen Jahren durch Harry Potter und die Tintenwelt-Triologie entwickelt, welche in den folgenden Jahren durch weitere fantastische Bücher noch gesteigert wurde.

tschick (Regie: Fatih Akin)

Kaum ein Buch eines deutschsprachigen Autors ist erfolgreicher bei Jugendlichen als „tschick“. Es spricht die Ängste und Sehnsüchte von Jugendlichen an, die den Alltag entfliehen und sich mit Maik und Tschick auf den Weg in die Walachei machen wollen. Fernweh, Abenteuer, Freundschaft, erste Liebe,… sind die Herausforderungen, die Herrndorf seine beiden Protagonisten auf dieser Reise erleben lässt. Nun ist sein Bestseller verfilmt worden.

Die größte Schwierigkeit bestand wohl darin, für die beiden Charaktere die passenden Schauspieler zu finden, da sie nicht zu alt sein durften, um die Geschichte glaubwürdig zu erzählen. Man musste ihnen abnehmen können, dass sie der Loser Mike (Tristan Göbel) und der Außenseiter Tschick (Anand Botbileg) sind. Denn die Geschichte lebt von der inneren Entwicklung dieser Figuren. Die Handlung ist nur die Hülle und da muss jede Geste, jeder Ton stimmen. Wenn nicht, wird man aus der Geschichte katapultiert und findet sich kopfschüttelnd im Kinosaal wieder.

Sieht man den Kindern der Netflix Serie „Strange Things“ zu, gelingt diese Verschmelzung. Bei „tschick“ nur dem Schauspieler von Maik, er ist der Ich-Erzähler, der uns in Rückblende an den Ereignissen dieses Sommers teilhaben lässt. Mitspieler sind: die schöne Tatjana, die nichts von ihm wissen will, seine alkoholkranke Mutter, die wieder einmal auf die „Beautifarm“ zum Entzug fährt und sein Vater, der die Gelegenheit nutzt, um mit der jungen Assistentin ins Liebesglück abzurauschen. Da kommt Tschick im gestohlenen Lada und es braucht nicht vieler Überredungskünste, mit ihm in den Süden aufzubrechen, um der Leere im schönen Designerhaus zu entkommen. Sie starten von Berlin aus und rasen von nun an in wildem Tempo die Autobahn und Feldwege entlang. Laute Musik und schnelle Kamerafahrten begleiten ihren Weg in die Unabhängigkeit wie Richard Claydermanns „Ballade pour Adeline“ ihre Sehnsucht nach Liebe.

Das Abenteuer kann mit vierzehn nicht lange dauern, aber bevor es endet, findet Mike in Isa eine neue Liebe und Tschick verrät ihm sein Geheimnis.

Der Soundtrack und die Kamera (Rainer Klausmann) könnten nicht besser sein, aber wie so oft gelingt es nicht ganz, die Vielschichtigkeit des Buches in eine gute Literaturverfilmung umzusetzen. Wolfgang Herrndorf, der viel zu früh gestorben ist, wird jedoch mit dem Film ein neues Publikum finden.