The Banshees of Inisherin (2022)

Freundschaft ist ein wunderliches Ding, sie kann entstehen und vergehen, man wünscht sich, dass sie ewig hält, aber sie ist sehr zerbrechlich. Sei es, dass man sich auseinanderentwickelt, dass zu viele Missstimmungen hineingeraten oder ein einziger Verrat nicht mehr zu kitten ist. Beste Freunde gibt es viele und man hofft, dass man wenigstens einen/eine im Leben hat.

Um Freundschaft geht es in dem irischen Film „The Banshees of Inisherin“, genauer gesagt um eine, die abrupt aufgekündigt wird. Man begibt sich in die zwanziger Jahre auf eine einsame irische Insel von abweisender Schönheit, besiedelt von vereinzelten Höfen und kargen Menschen. Mittelpunkt des sozialen Lebens ist wochentags das Pub und am Sonntag die Kirche. Hier begegnen wir Padraic (Colin Farrell), der gerade unterwegs ist, seinen Freund Colm (Brendan Gleeson) zum täglichen Pubbesuch abzuholen. Glücklich und leichten Schrittes geht er den Hügel hinab zum Haus seines Freundes, idyllisch am Meer gelegen. Aber der macht ihm nicht auf, später erfährt er den Grund: „I just dont`t like you no more.“ Padraic kann und will den Abbruch nicht akzeptieren. Die Insel und die Auswahl an Freunden ist klein, er lebt zwar mit seiner klugen Schwester Siobhan (Kerry Condon) harmonisch zusammen, die leidenschaftlich gerne liest. Er hingegen liebt die Käseherstellung und seine Tiere, vor allem aber seine Eselin Jenny und erfreut sich daran, ausführlich über sie zu erzählen. Colm, der ein alternder Folkmusiker ist, findet das nun langweilig und möchte sich fortan als Künstler ganz seinem Werk widmen, um von der Nachwelt nicht vergessen zu werden. Die Freundschaft zu Predraic mit seinem einfachen Gemüt steht seiner Selbstverwirklichung als Musiker im Weg.

Was passiert, wenn einer das plötzliche Ende einer langen Freundschaft nicht verstehen und akzeptieren will und der andere es aber bitterernst meint? Davon handelt der Film, er erzählt von der Schönheit einer kleinen irischen Insel, auf der nur wenige Menschen leben, er erzählt und Chancen und Möglichkeiten, von Enge, menschlichen Schwächen und Destruktion. Am Festland tobt der irische Bürgerkrieg, der manchmal mit Rauch und Detonationen herüberschallt. Dieser findet nun auf der Insel sein Gegenüber in Form von zwei Männern, deren ehemalige Freundschaft mehr und mehr übergeht in Wahnsinn und Gewalt. Kälte und Starrsinn dringen in den Kosmos des kleinen Dorfes ein, in dem die Welt oberflächlich geordnet und harmonisch erscheint, aber sich nun Abgründe auftun. Der Streit eskaliert immer mehr, jede Vernunft geht verloren und schließlich stehen sich die beiden Protagonisten in tödlicher Feindschaft gegenüber. Der herzensgute und tierliebende Padraic rüstet zum Vernichtungsfeldzug.

Colin Farrell spielt Padraic mit einer so großen Wärme und Offenheit, sodass schwer zu verstehen, warum Colm nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Er ist ein guter Mensch, nett, verträglich, friedfertig und möchte, dass alles so bleibt wie immer. Colm Doherty, der von Brendon Gleeson verkörpert wird, ist um einiges älter, seine Verzweiflung und Einsamkeit haben sich tief in sein Gesicht eingekerbt. Er erkennt seine Endlichkeit, möchte dem Mittelmaß entkommen und als Künstler unsterblich werden und nimmt sich die Freiheit heraus, dies gegen alle äußeren Hindernisse und sozialen Gepflogenheiten zu tun.

Es ist dem Regisseur Martin McDonagh zu verdanken, dass man für beide Männer Sympathien entwickeln kann, denn niemand ist eindeutig und klar im Recht bzw. Unrecht. Der Bürgerkrieg, der am Festland tobt, setzt sich auf der friedlichen Insel fort. Die Banshee, die Todesfee, ist allgegenwärtig und verbreitet schon lange Angst und Schrecken.

Nachdem man den Film gesehen hat, ist gewiss: Trotz vieler witziger Dialoge und schöner Landschaft ist die Handlung rau, unvorhersehbar und verlangt einem einiges ab. Aus den ersten dreißig Sekunden von Glück und Heiterkeit ist ein Meer von Schuld und Trauer geworden, die beiden großartigen Schauspieler haben das Ihre dazu beigetragen.

Wie man den Alkohol besiegt oder weglaufen geht nicht

Es beginnt mit einem Säuferleben: Party, Girls und vor allem Alkohol. Das Trinken ist John Callahan (Joaquin Phoenix) bereits zu Beginn des Films ins Gesicht geschrieben, die Stimme verschwommen, der Blick glasig. Seine Sauftouren wollen nicht enden, Tag und Nacht ist er auf der Suche nach dem Rausch und Kumpanen, die ihn dabei begleiten. Mit dreizehn Jahren habe es begonnen, wird er später erklären und die Schuld dafür seiner Mutter geben, die ihn nicht haben wollte. Volltrunken wird dann eines Nachts Auto gefahren und plötzlich liegt er im Krankenhaus und kann seinen Körper nicht mehr spüren. Querschnittslähmung. Jetzt ist er bei jedem Handgriff auf Hilfe angewiesen, nicht einmal eine Whiskyflasche kann er mehr öffnen, geschweige denn aufs Klo gehen oder sich waschen. Jetzt bricht die Verzweiflung über sein vermurkstes Leben erst richtig herein, die er weiterhin mit Alkohol ertränkt. Es treibt ihn von einer Flasche zur nächsten und in genauso rasendem Tempo jagt er mit seinem Rollstuhl die Gehsteige und Kreuzungen entlang. Jetzt winkt ihm der Tod in Form von Akrobaten ganz offen zum Fenster herein und auch er kapiert endlich: sterben oder trocken werden. Und damit beginnt seine Rettung.

Gus Van Sant erzählt in „Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot“ die wahre Geschichte von John Callahan, die dieser in seiner gleichnamigen Autobiographie niedergeschrieben hat. Er wählt den Ausschnitt, als dieser von seiner Alkoholsucht und deren Überwindung berichtet. Das geht nicht ohne Anstrengung, aber auch nicht ohne menschliche Zuwendung. Dass Callahan sich aus den Klauen des Teufels Alkohol befreien kann, verdankt er in erster Linie seinem Mentor Donnie (Jonah Hill) und seiner Gruppe bei den Anonymen Alkoholikern. Und er entdeckt sein künstlerisches Talent als Karikaturist. Und einen Anteil hat natürlich die Liebe, die ihm in der schönen Physiotherapeutin und engelhaften Flugbegleiterin Annu (Rooney Mara) begegnet.

Joaquin Phoenix spielt die Hauptrolle und vermag es meisterhalt, die unerfüllten Sehnsüchte, die jemanden in den Alkohol treiben, zu veranschaulichen. Es ist ein ständiges Treiben am Abgrund, zwischen Leben und Tod, um dem Schmerz, der in ihm festsitzt, nicht spüren zu müssen. Erst über das Zwölf-Schritte-Programm und Donnie werden die Schichten des Selbstmitleids abgetragen und der Punkt erreicht, wo die Depression und Selbstzerstörung ihren Ursprung haben. Es geht um Verwundungen in der Kindheit, um Verzeihen und Selbstliebe, die ihn schließlich in ein suchtfreies Leben führen. Und er als Querschnittsgelähmter schert sich keinen Deut um politische Korrektheit. Immer wieder trifft sein Spott auch Behinderte. Wobei seinen Cartoons und seinem Wirken als Künstler nur relativ kurze Ausschnitte in dem Film gewidmet sind. Die meiste Zeit ist der Regisseur mit den Auswirkungen des Alkoholismus beschäftigt, wobei nicht immer klar ist, in welcher Zeit wir uns gerade befinden. Dieses Hin-und Herspringen zwischen den Siebzigern und Achtzigern mutet willkürlich an und verwirrt. Zudem fehlt das Bindeglied, woher Callahan seine bitterbösen Karikaturen speist. Aber der kaputte Phönix Callahan steigt so geläutert aus der Asche, wie der sanftmütige Hippie Donie in ihr verbrennt. Allein deswegen kann man über die Mängel des Films hinwegsehen.

Lady Bird

Greta Gerwig zählt zu meinen absoluten Lieblingsschauspielerinnen. Sie ist jung, schön und sehr begabt. Jetzt hat sie auch als Regisseurin einen sensationellen Erfolg gefeiert und für „Lady Bird“ sogar fünf Oscarnominierungen bekommen. Der Oscar für die beste Regie war ihr nicht vergönnt, der Film wurde jedoch zu einem großen Erfolg bei Kritikern und Publikum. Wovon erzählt er?

Die Coming-of-Age-Geschichte spielt in Sakramento, dem Geburtsort von Greta Gerwig. Lady Bird ist der selbstgewählte Name der Jugendlichen Christine McPherson (Saoirse Ronan) und ihrem letzten Jahr in einer katholischen High-School. Sie ist rebellisch, eigensinnig und in ständigem erbitterten Streit mit ihrer Mutter (Laurie Metcalf), die sie immer wieder in die Realität zurückholen will. Ladybird ist aber mit anderen Dingen beschäftigt als mit der Sorge um die Finanzen der Familie. Sie möchte dem entschlafenen Sakramento entfliehen und in New York Kunst studieren. Sie möchte einen Freund haben, mit dem sie zum Abschlussball gehen kann. Sie möchte wie ihre Schulkameraden reich sein und in einem schönen blauen Haus mit der amerikanischen Flagge leben. Diese Wünsche sind nur allzu verständlich, da in ihre Schule viele reiche Kids gehen, denen es an nichts zu fehlen scheint. Aber wie wir alle wissen, hängt das Glück nicht unmittelbar am goldenen Faden, sondern steht mit Werten wie Freundschaft, Vertrauen, Fürsorge und vor allem Aufmerksamkeit in Verbindung. Wer aus einem recht bescheidenen Heim wünscht sich nicht ein Leben, das nicht von Geld- oder Jobproblemen bedrückt ist? Ihr fürsorglicher Vater hat seinen Job verloren und muss nun mit seinem top-ausgebildeten Adoptivsohn auf dem engen Arbeitsmarkt konkurrieren. Die Mutter muss als Krankenschwester doppelte Schichten arbeiten, um die Familie überhaupt über Wasser halten zu können. Und Ladybird sitzt zwischen den Stühlen ihrer grellen Träume und dem harten Existenzkampf ihrer Familie.

Was zeigt uns der Film, der im Jahre 2002 angesiedelt ist: eine junge Frau mit schlecht gefärbten roten Haaren und Akne auf der Suche nach Unabhängigkeit und ihrer Bestimmung in der Welt. Zunächst gilt es gegen die strengen Regeln der Schule zu rebellieren, gegen die kontrollierende Mutter anzukämpfen, ihre Freunde richtig zu wählen und ihr erstes Mal zu erleben. Nichts davon gelingt ihr einwandfrei, sie enttäuscht andere und wird enttäuscht. Aber ihr Leben dreht sich nicht um die einzig wahre Liebe, die gefunden werden will. Sie schwimmt durch die Irrungen der Jugend und findet sich immer wieder am Ufer wieder. Um einiges erfahrener und vielleicht auch gewappneter. Worauf sie sich wirklich verlassen und bauen kann, sind Familie, wahre Freunde und eine Heimatstadt, auf die sie sehnsuchtsvoll zurückblickt, so lautet die frohe Botschaft des Filmes.

Ende gut, alles gut? Man wird sehen. Greta Gerwig hat es in New York geschafft. Mit „Lady  Bird“ ist ihr ein passabler Film in warmen Farben und sehr gutem Cast gelungen. Interessant wäre nun zu sehen, wie die Heldin in der großen Stadt an der Ostküste ihre Träume von Freiheit und Unabhängigkeit verwirklicht.

Happy End – eine Farce

Filme von Haneke sind nichts für schwache Nerven, das war mir bewusst, als ich in seinen neuesten Film ging. Nicht dass ich mich fürchtete, aber ich erwartete Unangenehmes. Am Ende des Filmes murmelte die alte Frau neben mir: „Ein schöner Film, nicht wahr?“ Schön war er nicht, aber wahr, oder anders ausgedrückt, den Untergang einer bourgeoisen Familie zeigend, die an ihrer eigenen Ignoranz ersticken wird.

Die ersten Minuten gehören ruckeligen Handyaufnahmen in einem Haus. Eine Frau wird bei ihren Vorbereitungen für die Nacht gefilmt, sarkastische Kommentare dokumentieren das Geschehen, die die Beziehung der beiden klären. Die 12-jährige Eve hält Momente des Alltags mit ihrer Mutter fest, um zu dokumentieren, dass sie nicht geliebt wird. Die Mutter stört sich am schlechten Geruch des Hamsters, diesem werden Antidepressiva ins Essen gemischt und er fällt vor der Kamera tot um. Eine Freundin hat gesagt, dass die Mutter nicht zuhöre, also wird auch ihr etwas ins Essen getan, sie fällt ins Koma. Das Mädchen soll nun zum Vater in die Familienvilla nach Calais kommen. In einer langen Kameraeinstellung packt die Jugendliche ihre Sachen, das Kinderzimmer ist sonnendurchflutet, die Balkontür offen, keine Tränen, kein Schmerz ist ihr anzusehen. Ihr Vater ist wieder verheiratet, hat eine sehr junge Frau und es gibt ein Baby, einen Jungen. Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus, ist viel weg und hat zudem eine Geliebte, mit der er auf Facebook sadomasochistische Chats austauscht. Eine Beziehung zu seiner Tochter kann er nicht herstellen. Als er sie eines Tages von der Schule abholt, beginnt sie zu weinen, nervös fährt er weiter, unfähig, mit ihr Kontakt aufzunehmen, um zu erfahren, was los ist. Im luxuriösen Haus lebt noch die Tante (Isabelle Huppert), die mit ihrem Sohn beschäftigt ist, der den Familienbetrieb, eine Baufirma, übernehmen soll. Nach einem Unglück auf der Baustelle will sein Krisenmanagement nicht gelingen und auch die Mutter muss nun einsehen, dass ihr Sohn ein Versager und das schwarze Schaf der Familie ist. Und schließlich gibt es noch den lebensmüden Vater (Jean-Louis Trintignant) in dem schönen Haus und im Nebentrakt, durch eine Glastür und einen bissigen Schäferhund getrennt, ein marokkanisches Haushälterpaar mit Kind.

Eve ist ein Eindringling in der Familie Laurant, die keine Ambitionen zeigt, sich mit ihr oder der Welt um sich herum auseinanderzusetzen. Denn jeder ist zu sehr mit seinem eigenen Glück bzw. Unglück beschäftigt, und wenn Probleme auftauchen, werden sie mit Geld geregelt. Eve hat sich zwar das Aufenthaltsrecht in der Familie durch ihren Vater erworben, aber nur solange, bis die Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wird, was nicht geschehen wird. Sie hat große Angst davor abgeschoben zu werden, sodass sie zu drastischen Maßnahmen greift.

 

Beeindruckend ist, wie es Haneke gelingt, die Folgen von Kälte und Lieblosigkeit innerhalb dieser großbürgerlichen Familie zu zeigen. Die Erwachsenen jagen ihrem kleinen Glück hinterher, können es sich richten. Nicht so die Kinder, die daran zerbrechen und entweder, wie der Sohn ausbrechen und sich selbst zerstören oder wie Eve ihre Aggressionen anderen gegenüber ausleben. Immer dabei ist das Handy, das auf Aufnahme geht, um uns ihr Innerstes zu offenbaren.