On The Road Again

New Orleans

Es war klassisch: Am Morgen, als wir unser Hotel in New Orleans schlaftrunken verlassen, sehen wir vier junge Männer, die gerade mit einem Draht hantierend, einen blitzblauen eleganten Sportwagen aufbrechen. Wir tauschen Blicke, sind irritiert, das Gegenüber schätzt die Gefahrenlage ab und macht sich weiter an der Tür zu schaffen. So hat jeder seinen Moment in New Orleans, wie unser Stadtführer später auf unserer Erkundungstour durch das French Quarter sagen wird. Sei es ein Darth Vader, der zu Michael Jacksons ohrenbetäubender Musik von früh bis spät performt, ein junges, exzentrisches Pärchen, das im Mad-Max-Auto durchs Viertel kreischt oder der Junge, der sich in der Canal Street die Haare auf einem Barhocker abrasieren lässt.

French Quarter

Die Temperaturen glichen unserem heißen Sommer, normal sei das aber nicht, beruhigte der Stadtführer. Das French Quarter ist nach einigen Stunden gut besichtigt, von allen Ecken und Enden eilen einem schwungvolle Musik und bunt verzierte Häuser entgegen, viele Touristen queren unsere Wege und am Abend haben wir das Glück, biertrinkend vor einem Jazzlokal zu sitzen und sich ganz dazugehörig zu fühlen. Der nächste Tag gehört in Ermangelung eines Museumsbesuchs wegen der Weihnachtsfeiertage einer Flussfahrt auf dem Mississippi mit einem echten „Paddlewheeler“. Wir sollten links sitzen, so die Einweiserin, weil dort der beste Blick auf das Ufer sei. Wir hatten aber nicht damit gerechnet, dass wir nur verrostete Industrieanlagen und zerfallene Häuser sehen würden.

Paddlewheeler

Also ab in den Garden District, einem Stadtviertel, das mit einer historischen Tramway zu erreichen ist, und von alten Eichen und prächtigen historischen Villen über die ruhmreiche Vergangenheit von New Orleans zu erzählen weiß. Hier hat nicht nur Julia Roberts ein Haus, sondern nebenan befindet sich auch der Lafayette Cemetry, der die Toten „above ground burial“ in überirdischen Grabbauten oder in Mauerschächten beherbergt. Der schlammige Boden und die vielen Überschwemmungen hatten in früheren Zeiten immer wieder die Toten an die Oberfläche gebracht, weshalb man zu dieser praktischeren Bestattungsform gefunden hat, die einzigartig sein soll.

Oak Alley

Wie nah Licht und Schatten hier im Süden zusammenliegen, werden wir am nächsten Tag bei einem Plantagenbesuch auf Oak Alley am Westufer des Mississippi erleben. Von der Straße sieht man ein stilvoll renoviertes prächtiges Herrenhaus, das man durch eine Allee von uralten Eichen erreichen kann und das als Filmkulisse in einem Tarantinofilm dienen könnte.

Von Parkplatz geht man jedoch zuerst zu den Sklavenunterkünften, einfachen Hütten, die nachgebaut wurden und die Einblicke in die Lebens- und Arbeitsbedingungen dort geben. Die Ausstellungen in den Hütten erzählen die leidvolle Geschichte von Männern, Frauen und Kindern, die von 1836 bis 1865 dort lebten und oft bis zu 18 Stunden lang arbeiten mussten. Über 100 Männer und Frauen sollen auf der Plantage in diesem Zeitraum versklavt gewesen sein. Sie wurden sowohl in der Landwirtschaft, auf den Zuckerrohrplantagen eingesetzt, mussten aber auch im Haushalt und bei der Kinderbetreuung helfen, den Garten betreuen, waren Köchinnen, Maurer und Schmiede, völlig rechtlos, mit Leib und Leben ihrem Herrn gehörend. Mit diesen Erfahrungen im Kopf ist der Weg ins Herrenhaus ein schwerer, wie betäubt wandelt man durch die stilvoll eingerichteten Räume, die vom prunkvollen Leben und den Festen der Sklavenhalter zeugen. Das Thema ist gesetzt, wir werden in den nächsten Tagen mehr und mehr in die dunkle Geschichte von Amerika hineingezogen werden, denn die Wunde ist überall sichtbar.

Bevor wir uns nach Memphis aufmachen, statten wir noch dem National World War II Museum einen Besuch ab, mit Hunderten anderen, die sich dicht gedrängt und meist maskenlos durch die reich bestückten Ausstellungen drängen. Obwohl die geschichtlichen Ereignisse wohlbekannt sind, wird das Kriegsgeschehen durch Exponate, Filme und Interviews minutiös veranschaulicht, sodass man in ein Fieber der Erwartung gerät, wie ein amerikanisches Museum den Zweiten Weltkrieg vermittelt.

World War II

Memphis

Nach Memphis fährt man wegen Graceland, auch wir. Die nicht billige „Elvis Experience Tour“ beinhaltet einfach alles, was man über Elvis Presley wissen sollte, außer seine Schattenseiten: den Besuch seiner Villa, die uns enttäuscht, weil wir ihm mehr Stil und Größe zugetraut hätten, seine Flugzeuge und Autos, die umso edler sind, seine extravaganten Kostüme, Shows, Schallplatten, Filme, NachfolgerInnen … Am Ende des Tages ist man völlig erschöpft und kann verstehen, warum er drogenabhängig, geschieden und jung verstorben war.

Elvis Wohnzimmer

Umso inspirierter und lebendiger wird man durch den Besuch des „Stax Museum of American Soul Music“. Von der ersten Minute ist man umgeben von Wohlfühlmusik, beginnend mit den Anfängen in Gospelmusik, einem Dancefloor, der zum Tanzen auffordert, mit Konzertauftritten der legendären Künstler und Künstlerinnen des Plattenstudios, wie Otis Redding, Johnnie Taylor, Aretha Franklin, Rufus und Carla Thomas, Isaac Hayes und viele andere. Man sieht das Aufnahmestudio und über 2500 Artefakte und Fotographien, die die Geschichte der amerikanischen Soulmusik von Beginn an erzählen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Rasse keinerlei Rolle gespielt habe, erst mit der Ermordung von Dr. Martin Luther King im nicht weit entfernten Lorraine Motel seien die Gräben aufgerissen worden, die nicht mehr überwunden werden konnten.

Montgomery

Unsere Reise führt uns weiter nach Montgomery, ins Legacy Museum: From Enslavement to Mass Incarceration

Montgomery ist bekannt wegen des Busboykottes, der durch die Verhaftung von Rosa Parks 1955 ausgelöst und von dem 26-jährigen Pastor Martin Luther King angeführt wurde. Seine Rede, die er vor 7000 Zuhörern in der Holt Street Baptist Church hielt, ist ein bewegendes Zeugnis für den gewaltfreien Widerstand und zeugt von seiner großen charismatischen Persönlichkeit.

Das Legacy Museum führt in vielen Etappen in die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus in Amerika ein. Es widmet sich ausführlich der Versklavung der 40 Millionen Afrikaner, zeigt Lynchmorde, Segregation und rassistische Vorurteile. Wenn man als Europäerin den Rassismus in Amerika verstehen will, statte man dem Museum einen Besuch ab und wundere sich nicht mehr über die vielen Schwarzen Obdachlosen, die uns in den drei Städten auf den Straßen begegnetet sind.  

2022 ist nun auch in Amerika ins Land gezogen und wir fahren zurück nach New Orleans, besuchen als Abschluss noch den romantischen City Park, bevor wir uns vom Luis Amstrong Flughafen auf in die Heimat begeben.

City Park; New Orleans

Apropos: Als wir an unserem ersten Morgen in New Orleans nach unserem Beignets-Frühstück zurück ins Hotel gehen, sahen wir die Parklücke.

Die beste Serie des Jahres: One Mississippi

Ab Dezember bis zum Jahresende wird wieder gevotet werden: seien es die besten Filme oder die besten Serien, einer oder eine wird zum Sieger des Jahres gekürt werden. Heute möchte ich Ihnen meine Favoriten des Jahres vorstellen. Von mir ins Rennen werden folgende Serien geschickt:

 „Handmaid`s Tale“ (Saison 2 und 3), die seit dem Erscheinen der ersten Staffel 2017 viele in den Bann gezogen haben und in eine dystopische Zukunft entführen.

„Undone“, die mit Rotoskopie animierte Dramady-Fernsehserie,  in der die Heldin nach einem Unfall fähig ist, in die Vergangenheit zu reisen.

„One Mississippi“ mit  Stand-Up-Comedien Tig Notaro, die in der Serie ihre Lebensgeschichte erzählt.

Über „Handmaid`s Tale“ ist schon soviel geschrieben worden, dass ein weiterer Beitrag nicht wirklich mehr notwendig ist.  Sollten Sie „Undone“ noch nicht gesehen haben, dann nehmen Sie sich die Zeit, da selbst die „Time“ die Serie zur „perfekten Sci-Fi-Serie für 2019“  ernannt hat, ein ästhetisches Vergnügen der ganz neuen Art, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

„One Mississippi“ ist möglicherweise in unseren Breiten noch nicht so bekannt, verdient aber besonders in Tagen wie diesen mehr Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil die Serie im heißen Süden der USA spielt, und allein das bunte Treiben in New Orleans einem die grauen Tage in Wien erhellen lässt, sondern auch wegen der Charaktere, die dem wirklichen Leben entsprungen sind. Und es scheint allen in der Phase, in der sie wieder aufeinander treffen, nicht gut zu gehen. Tig (Tig Notaro) ist nach einer Brustkrebserkrankung knapp dem Tode entkommen, aber noch sichtlich geschwächt an Leib und Seele. Sie reist in ihre Heimatstadt, um ihrer im Koma liegenden Mutter beizustehen, bevor die Atmungsmaschine abgedreht wird. Ihr esssüchtiger Bruder Remy (Noah Harpster) ist Geschichtslehrer und Single, der mit seinem neurotischen Stiefvater Bill (John Rothman) in einem Haus lebt. Beide machen sich in der Sterbenacht aus dem Krankenhaus davon und kehren nicht wieder zurück. Damit beginnt für Tig eine sehr schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, die in das Dunkle und Abgründige ihrer Familie führt.

Was ihre Geschichte so sehenswert macht, ist, dass in all der Trauer und Verzweiflung über die Widrigkeiten des Lebens viel Humor steckt. Das Leben meinte es nicht gut mit ihr, es gäbe viel Anlass, sich zu bemitleiden und gehen zu lassen. Aber sie weicht ihren Ängsten nicht aus, sondern tut, was jeden Tag getan werden muss. Essen, Kontakte erneuern, ausgehen und arbeiten. So versucht sie wieder auf die Beine zu kommen. In einer Radioshow erzählt sie mehr und mehr Episoden aus ihrer Vergangenheit, die so wahr und schrecklich klingen, dass die Sendung alle Werbeeinnahmen verliert, weil das Publikum dies nicht hören will. Sie steht offen zu ihrer Homosexualität, obwohl diese im konservativen Süden von vielen noch weitgehend vor der Öffentlichkeit versteckt wird. Und als sie sich dann wieder (unglücklich) verliebt, werden ihre Gefühle so intensiv gelebt, dass ich auf Wikipedia nachschauen musste, ob diese Liebe tatsächlich existiert.

Sehen Sie sich Staffel 1 und und 2 auf Amazon an und schreiben Sie mir, ob Sie meine Einschätzung teilen.