The Power of the Dog (2021)

Lange hat es gedauert, bis dieser Film auch in Österreich zu sehen war. Die Kinos waren wieder einmal geschlossen, denn unser Land befindet sich nun schon im vierten Lockdown. Aber nun ist auch hierzulande der Film endlich auf Netflix zu sehen. Und die Regisseurin, Jane Campion, hat für das Filmdrama in Venedig den Silbernen Löwen für beste Regie bekommen, die Vorfreude also groß.

Der Spätwestern führt uns nach Montana ins Jahre 1925. Dort lebt ein Brüderpaar, das eine einsame Rinderfarm bewirtschaftet. Gleich zu Beginn ist klar, wer das Sagen dort hat. Es ist Phil Burbank (Benedict Cumberbatch), einer, der nicht gerne badet und stinkt, der seinen sanften Bruder George (Jesse Plemons), der auf Sauberkeit und schöne Kleidung Wert legt, dominiert. Phil ist noch ein Cowboy der alten Schule, frei von Sanftheit, Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme. Wozu dies führt, zeigt die nächste Episode, in der die Männer ihr Vieh in eine Kleinstadt treiben, in der die Witwe Rose (Kirsten Dunst) mit ihrem Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) ein kleines, aber feines Hotel führt. Bereits beim Essen kommt es zum Eklat, weil Phil die filigrane Papierblume, die Peter gebastelt hat, als Zigarettenzünder verwendet und er sich über Peters noble Art zu servieren lustig macht. Die Kraft des Hundes ist geweckt. Rose muss über diese Grobheit in der Küche weinen, während Peter draußen mit dem Hula-Hoop-Reifen übt. Alles geht sehr schnell: denn George verliebt sich in die schöne Rose, besucht sie ein paarmal mit dem Auto, bevor er sie dem überraschten Phil als Ehefrau ins Haus bringt. Dieser ist irritiert und verletzt, denn nun muss er alleine in seinem Zimmer schlafen und als Vergeltung dafür, dass er sich ausgeschlossen fühlt, drangsaliert er Rose aufs Widerlichste, die sich mehr und mehr im Alkohol verliert.

Als der schmalhüftige Sohn seine Mutter besucht und ihr Elend mitbekommt, beginnt sich das Blatt langsam und überraschend zu wenden.

Wer jetzt von der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion einen Western erwartet, wird enttäuscht sein. Denn es steht zwar ein echter Cowboy mit seiner Farm im Mittelpunkt, der einen Mann namens Branco Henry nostalgisch verehrt. Dieser habe, so erzählt Phil, ihm einst das Reiten beigebracht und der Sattel des Helden wird in der Scheune wie ein Heiligtum gehegt und gepflegt. Phil möchte so wie Branco sein und darf keine Schwäche zeigen. Er ist ein brutaler Fiesling und ein begabter Banjo spielender Altphilologe, aber wenn er im grünen Gras liegt, ein ganz anderer: träumerisch, voller Sehnsucht sich mit dem Halstuch von Branco berührend, aber streng darauf bedacht, dass ihn niemand dabei sieht. Sein Bruder George weist schon in die Zukunft, indem er Auto fährt und sich einfühlsam und liebevoll um die zerrüttete Rose kümmert.

Auch Phil will aus Peter einen richtigen Mann machen, der keine Angst mehr vor Hunden, Pferden und abschüssigen Hügeln hat. Dieser lässt es mit sich geschehen und er umgarnt dabei Phil mit eindeutigen Gesten und Bewegungen, ohne dass er sein Ziel aus den Augen verliert. Ein Spiel, das zugleich ein Machtkampf ist, beginnt zwischen den beiden, die ihre Motive nicht offenlegen bzw. nicht kennen. Es wird in diesem Western nicht mehr mit Gewehren geschossen, sondern mit Erotik und Verführung. Es geht um Schutz und Zerstörung, um Überleben und Tod und schlussendlich gewinnt der, der sich seiner Identität bewusst ist.

Dass ein so archaisches Thema von einer neuseeländischen Regisseurin aufgegriffen wird, zeigt, dass vieles im Aufbruch und Wandel ist. Toxische Männlichkeit ist passé, der neue Mann ist einer, der Frauen versteht und sich für ihr Glück einsetzt.

Von Frausein, Scham und Wut – Hannah Gadsby: „Nanette“

Was ist das für ein Kabarettprogramm, wo einem das Lachen nach der Hälfte im Halse steckenbleibt? Wo einem am Ende zum Weinen zumute ist? Wo Comedy nicht mehr Comedy ist? Gebannt lauscht man den Worten der 40-jährigen Australierin Hannah Gadsby und fragt sich, wohin das führen soll. Manche sprechen davon, dass nach ihrem Programm „Nanette“ kein Stein mehr auf dem anderen bleiben kann, da sie die Form zertrümmert habe, sie selbst, dass sie aufhören müsse.

Ich kenne nicht viele Komikerinnen, die über Outing und Diskriminierungen als Lesbe so offenherzig erzählen können, dass sie gleich das Opernhaus von Sydney füllen könnten. Eigentlich keine. Am Anfang ist man nicht nur von ihrem Aussehen, sondern auch von ihrem Auftreten verstört. Pummelig, mit zu enger Hose, Kurzhaarschnitt, schwarzer, das Gesicht dominierender Brille. Die Bewegungen linkisch und schwerfällig, die Stimme zu hoch, jedem Satz ein verlegenes Lächeln nachschickend. Was hat Netflix, das für seine Comedy-Specials beliebt ist und weltweit empfangen werden kann, da ins Programm aufgenommen? Hannah Gadsby berichtet von ihrer Kindheit in Tasmanien, von ihrem Outing als Lesbe, welches sie aufs Festland fliehen lässt, von ihrem Kunststudium, von Picasso und Van Gogh, von den Erfolgreichen und den Gescheiterten, von Selbsthass, Scham und der Gewalt, die ihr in einer homophoben Gesellschaft entgegenschlagen. Über vieles kann man herzlich lachen, hat es doch auch mit dem Frausein zu tun, das einem selbst in Europa nicht unbekannt ist. Dann aber will sie keine Witze mehr erzählen, denn sie würden nicht helfen. Witze hätten eine Einleitung und eine Pointe, das Ende würde nie erzählt. Und tatsächlich, darüber kann man dann wirklich nicht lachen, wenn sie wütend über den Machtmissbrauch von Picasso und weißen Männern herzieht. Und habe ich Sie in meinem Blog über Trevor Noah noch in der Illusion gewiegt, dass die Verletzungen der Vergangenheit durch das Lachen zu lindern seien, so zeigt uns Hannah Gadsby, dass das keine gute Medizin ist. Ihr habe es nicht geholfen, da sie sich selbst dadurch nur weiter entwertet habe. Um dann wieder auf Van Gogh zurückzukommen, der wahnsinnig geworden, die schönsten Sonnenblumen gemalt habe. Nicht deswegen, sondern weil sein Bruder ihn geliebt habe. Auch das wünsche sie sich, dass sie etwas bewirke mit „Nanette“. Das hat sie. Sehen Sie selbst, nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.

Hannah Gadsby erzählt in einem Interview, dass Emma Thompson sie nach einer Vorstellung in London umarmte, sie hätten beide bitterlich geweint, sie über ihr Leben und Emma Thompson? Erst nach „Nanette“ werden sie verstehen worüber. Und Netflix dafür danken, dass Hannah Gadsby und „Nanette“ auch uns erreicht hat.

Selbstmord? 13 Gründe, warum du Unrecht hast, Hannah Baker!

Seit Netflix das recht dürftige Jugendbuch „Thirteen Reasons why“ von Jay Asher als Serie herausgebracht hat, überschlagen sich nicht nur in Österreich die Ereignisse: Lady Gaga hat sie gesehen, sie ist bei Rankings der beliebtesten Serien im Spitzenfeld, Psychotherapeuten forderten ein Verbot und der Stadtschulrat von Wien schickte Anweisungen im Umgang mit der Serie aus. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass Ex-Schülerinnen Briefe nach Hannahs Vorbild verschickt haben, um so ihre Peiniger für ewig in der Hölle schmoren zu lassen. Aber es gibt Alternativen, Hannah Baker und all ihr Rachsüchtigen dieser Welt, die gesünder sind und vor allem ein langes, erfülltes Leben gewährleisten:

13 Gründe, warum du Unrecht hast, Hannah Baker:

  1. Selbstmord ist niemals eine Lösung für Probleme, schon gar nicht als 17-jähriger Teenager, denn so wirst du niemals erfahren, welche schönen Momente das Leben noch für dich bereithält.
  2. Die Schuld für deinen Selbstmord anderen in die Schuhe zu schieben, ist kindisch und böse, denn niemand trägt die Verantwortung dafür, nur du allein.
  3. Zu hoffen, dass du damit die anderen in die Knie zwingst und sie voller Schuldgefühle zurücklässt, ist irrational. Oft wissen sie gar nicht, was sie angerichtet haben, weil du ihnen nichts gesagt hast.
  4. Glaube nicht, dass alle spüren und fühlen können, wie es dir wirklich geht. Wenn man die ganze Zeit Pokerface macht und Wohlmeinende zurückweist, darfst du dich nicht wundern, dass sich niemand mehr in deine Nähe traut.
  5. Wenn man gemobbt und sexuell belästigt wird, hilft es leider nicht, sich hilfesuchend im Raum umzuschauen. Auch hier gilt es, Aktionen zu setzen und Grenzen zu ziehen. Tränen und traurige Blicke reichen nicht aus, Hannah!
  6. Speak up, wenn dich etwas stört oder dir jemand Böses tut, suche dir Verbündete und setze dich zur Wehr!
  7. Schau dich um, es gibt einige in deiner Umgebung, denen du viel bedeutest, deinen Eltern, Clay, der in dich verliebt ist und sicherlich noch den einen oder anderen mehr. Warum nicht Zeit mit Menschen verbringen, die nett zu dir sind und dich wirklich wertschätzen?
  8. Natürlich ist man als weiblicher Teenager über seinen Körper und seine Sexualität sehr verwundbar („best ass“). Es ist spätestens seit Beginn der Frauenbewegung auch schon bekannt, welche Funktion das Erniedrigen von Frauen hat. Anstatt sich mit Kränkungen im Bett zu verkriechen, informiere dich darüber und entwickle mit anderen eine Gegenstrategie. Du wirst sie in deinem Leben als Frau gut gebrauchen können.
  9. Unverständlich ist auch, dass du zwar den Vertrauenslehrer aufsuchst, dir aber nicht helfen lassen willst. Und du, lieber Clay, der du durch die Kassetten an dem Gespräch teilhast, sei nicht so streng mit ihm. Er ist nur ein Lehrer und kein ausgebildeter Psychotherapeut!
  10. Auch in Bezug auf die von dir beobachtete Vergewaltigung kann ich dir nur zurufen: Schau nicht zu und vergrab dich im Schrank, sondern schrei um Hilfe oder veranlasse sie zumindest!
  11. Und zum Unfall mit Todesfolgen: Warum bist du nicht in das nächste Haus gegangen und hast die Polizei benachrichtigt? Stattdessen überlegst du stundenlang, ob du zur Party zurückkehren sollst oder nicht.
  12. Conclusio: Mit deinem Rachefeldzug bewirkst du gar nichts, sondern ermunterst Mädchen mit ähnlichen Erfahrungen, es dir gleich zu tun. Aber über die Opferrolle sind wir Frauen schon lange hinaus, die Zeiten haben sich geändert!
  13. Hannah Baker und alle Mädchen dieser Welt, die glauben, dass Hannah mit ihrem Opferdasein Recht hat. Nein, hat sie nicht! Es gibt Alternativen, viele, unzählige, aber dafür braucht es Mut und Entschlossenheit: Traut euch, das Unrecht, das euch geschieht, laut auszusprechen, holt euch Hilfe und zeigt euren Peinigern, wo der Hammer hängt.