Wer hatte nicht in der Zeit der Hippies den Wunsch, nach Indien zu reisen, um dort Erleuchtung zu finden? Nach Goa, in einen Ashram, mit befreiter oder unbefreiter Sexualität, um Yoga, Meditation oder was auch immer zu lernen? Arundhati Roy war damals in Goa und fand die dort lebenden Hippies rassistisch und wenig einladend. Was sie noch so alles erlebt hat als Frau in Indien in den letzten 60 Jahren, erzählt sie in ihrer unverhüllten Autobiografie „Mother Mary comes to me“.
„She treated nobody as badly as she treated you“
Wenn sich die Schriftstellerin, die durch ihren Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ (1997) weltberühmt wurde, in ihrer Autobiografie an jemandem abarbeitet, dann ist es ihre Mutter: Mary Roy, zugehörig der priviligierten Syrian Christian Community, war mit einem alkoholabhängigen Plantagenverwalter nicht standesgemäß und unglücklich verheiratet, hatte einen neun Monate alten Sohn und wollte ihre erneute Schwangerschaft mit allen Mitteln unterbinden. Weil ihr das nicht gelingt, wird sie ihre Tochter zeitlebens verachten, misshandeln und für all ihr Unglück verantwortlich machen. Arundhati Roy schildert, wie ihre Mutter geschieden, völlig mittellos, mit zwei Kleinkindern ins leerstehende Vaterhaus zurückkehrt und ihr eigener Bruder samt Mutter sie von dort hinauswerfen wollte. Auch sie ist brutal zu ihren Kindern und erwartet, dass sie außergewöhnliche Leistungen erbringen. Wenn nicht, gab´s Prügel und Schikanen, sie setzte ihre kleine Tochter am Straßenrand aus und tötete ihren Hund. Das war ihr privates Gesicht, aber sie hatte auch ein öffentliches: Denn Mrs. Roy, so mussten sie ihre Kinder nennen, war auch eine radikale Frauenrechtlerin, durchsetzungsfähig und ein Vorbild für viele: Sie erkämpfte vor dem Obersten Gerichtshof, dass syrisch-christlichen Frauen die gleichen Erbechte zugestanden wurden. Sie ermunterte Frauen, sich gegen Unterdrückung und Gewalt zur Wehr zu setzen. Sie war eine anerkannte Schulgründerin in Kerala, die über Jahrzehnte einen modernen Schulcampus aufbaute und von Tausenden Kindern, Eltern und Mitbürgern bis ins hohe Alter fast wie eine Heilige verehrt wurde.
„The darkness – a route to freedom“
Wie ihrer Mutter wird es auch der Tochter ergehen. Arundhati wird als Teenager nach einer schweren Kränkung den Konakt zu ihrer Mutter und der südindischen konservativen Gemeinschaft jahrelang abbrechen, um in Neu-Dehli Architektur zu studieren und etwas Glück und Freude zu erfahren. Zunächst muss sie dort als junge Frau unter ärmlichen und gefährlichen Umständen überleben. Nach dem Studium schreibt sie erfolgreiche Drehbücher, die ihr damaliger Freund aus reichem Hause verfilmt. Noch in den Zwanzigern lässt sie diese Karriere hinter sich, weil sie den Drang verspürt, einen Roman zu schreiben, an dem sie viele Jahre lang arbeitet.
„Der Gott der kleinen Dinge“ bekommt den Bookerpreis und macht sie finanziell unabhängig. Nun kann sie sich an politischen Aktionen beteiligen, sie kämpft gegen die Zerstörung der Natur, gegen den aufziehenden Hindu-Nationalismus, gegen die Politik der Regierung in Kaschmir. Dafür wird sie nicht nur einmal angeklagt, als Landesverräterin beschimpft und muss für einen Tag ins Gefängnis wegen Verachtung des Obersten Gerichtes. Aber mehr geschieht ihr aufgrund ihres Ruhmes und ihrer Bekanntheit nicht im Gegensatz zu ihren MitstreiterInnen, die lange Gefängnisstrafen ausfassen.
Neben ihren Romanen schrieb sie auch viele Sachbücher und Essays, die immer wieder mit erbitterten Protesten und Anklagen einhergehen.
„Meine Zuflucht und mein Sturm“
Der Titel „Mother Mary comes to me“ ist von Paul McCartneys berühmter Zeile aus „Let it be“ inspiriert, einen Song, den er über seine verstorbene Mutter geschrieben hat.
Der deutschen Titel der Autobiografie „Meine Zuflucht und mein Sturm“ fasst die komplexe Mutter-Tochter-Beziehung prägnanter zusammen. Mary Roy war keine bedingungslos liebende Mutter, aber eine Inspiration für das Leben und Werk ihrer Tochter. Und die Gewalt durch ihre Mutter hätte sie – so die Autorin – gut auf die Rauheiten des Lebens vorbereitet.
Die Autobiografie von Arundhati Roy ist ein berührendes, brutal-ehrliches und humorvolles Buch, das zeigt, wie sehr Familie, Gesellschaft, Politik und Kunst miteinander verwoben sind.
Sollten Sie wissen wollen, welcher Titel mir besser gefällt, dann sei hier die Antwort verraten.