Certain Women


Was erreicht uns heute aus Amerika, das nicht aus Hollywood oder Washington kommt? Ein Film von Kelly Reichardt, der Einblicke in das unspektakuläre Leben von vier Frauen in einer amerikanischen Kleinstadt gewährt. Anhand von kurzen Episoden erahnen wir, welche Sehnsüchte und Wünsche diese Frauen jenseits des Ozeans haben.

Da ist die Anwältin Laura (Laura Dern), die einen hartnäckigen Klienten hat, der mit ihrer Hilfe zu seinem Recht kommen will. Er verfolgt sie überallhin, will sich nicht damit abfinden, dass sein Fall abgeschlossen ist. Nichts ist zu merken von den schicken und cleveren Anwältinnen aus US-Serien. Keine spitzfindige Gerichtsszene kann mehr stattfinden, da sich der Klient immer mehr in einen Rachefeldzug verstrickt. Was für Laura zu tun bleibt, sind Briefeschreiben und zwei Essenstüten, die sie immer wieder umgruppiert, um den richtigen Abstand zu finden.

Oder die verheiratete Gina (Michelle Williams), deren Mann eine heimliche Affaire mit der Anwältin hat. Wir begegnen ihr beim Joggen entlang eines Flusses, wo sie heimlich eine Zigarette raucht. Dann kehrt sie in das Zelt zurück, in dem ihr Mann und ihre pubertierende Tochter schon auf sie warten. Man bricht auf, sie, die Kleinste und Zierlichste, schleppt die schwerste Kiste. Der Vater befiehlt der Tochter nett zur Mutter zu sein. „Why?“, fragt diese zurück. Auf dem Weg nach Hause halten sie bei Albert, vor dessen Haus Sandsteine gelagert sind. Laura möchte diese unbedingt für den Bau ihres Wochenendhäuschen verwenden. Sie führt die Verhandlungen und wie sie ihren Mann dabei anschaut, lässt uns wissen, was auf sie zukommen wird.

Und schließlich gibt es noch die Tierpflegerin Jamie (Lily Gladstone), die auf einer einsamen Ranch Pferde versorgt. Sie gerät eines Abends zufällig in eine Vorlesung über Schulrecht und verliebt sich Hals über Kopf in die Vortragende Beth (Kristen Stewart).

Dies sind unaufgeregte Geschichten über Frauen, die mit Alltagsproblemen zu kämpfen haben: Anerkennung ihrer beruflichen Kompetenz (Laura), Einsamkeit (Gina), Liebessehnsucht (Jamie) und Ängste über eine ungewisse Zukunft (Beth). Der Film zeigt ihre Bemühungen um ein Leben, das von Nähe und Sinn erfüllt ist. Es scheint, dass in den kalten Wintern von Montana der Weg dorthin nur auf dem Rücken eines Pferdes möglich ist.

Manchester by the Sea

And the Oscar for the best actor goes to Casey Affleck. Denn seit langer Zeit hat mich kein Schauspieler so sehr in seinen Bann gezogen wie er. Niemand war wahrhaftiger, niemand hätte die feine Linie zwischen festem Boden und Sturz in den Abgrund besser darstellen können. Und damit die Botschaft vermitteln: nicht alles im Leben kann wieder gut werden, auch wenn alles vergeben ist. Eine tief empfundene Schuld schneidet den Weg zu anderen ab und lässt einen in Eiseskälte zurück. Und trotz allem gibt es schöne Momente, die ein Weiterleben ermöglichen.

Lee Chandler, der Hausmeister in Boston ist, muss nach dem überraschenden Tod seines Bruders in seinen Heimatort zurückkehren, um den Nachlass zu regeln. Schweren Herzens und völlig überfordert mit der Situation übernimmt er die Vormundschaft für seinen pubertierenden Neffen Patrick (Lucas Hedges). Es braucht viel Zeit und Annäherung, bis Patrick, der vor allem an Sex und Sport interessiert ist, und Lee zu einem Arrangement kommen. Und lange Zeit, bis der Zuschauer versteht, warum Lee so kaputt ist und die Bewohner des Ortes so befangen auf ihn reagieren. In kurzen Rückblenden werden Ausschnitte aus der Vergangenheit gezeigt, bis auch wir endlich das Puzzle zusammensetzen und Zusammenhänge herstellen können.

Die Haupthandlung findet im Winter statt, es ist bitterkalt im kleinen Küstenort Manchester-by-the-Sea und jeder sucht einen warmen Ort, wo er verweilen kann. Nicht so Lee, er bleibt draußen, denn er spürt, je näher er den Menschen kommt, umso mehr bricht der Schmerz auf, der in ihm eingeschlossen ist. Er trifft seine Ex-Frau Randy (Michelle Williams), die ein neues Leben begonnen hat. Die Begegnung findet auf der Straße statt, ein Kinderwagen und wir zwischen ihnen, eingeklemmt in die Gefühle der beiden, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Auch wir stecken fest und fühlen mit Lee. Als er das Gespräch abbricht, sind wir zwar erleichtert, aber nicht getröstet, denn wir wissen: seine Einsamkeit wird bleiben.

Der Film lässt einen eintauchen in menschliches Schicksal, das radikal abgehandelt wird. Der Regisseur (Kenneth Lonergan) hat eine kraftvolle Geschichte authentisch umgesetzt. So schmerzhaft diese auch sein mag, erreicht dich doch am Schluss eine leichte Meeresbrise, mit Hoffnung gewürzt, als der Film an seinen Anfang zurückkehrt.

Mehr sei hier wirklich nicht mehr verraten.

http://www.youtube.com/watch?v=qtt0zwr3l_A