Der Fall Harding hatte einst die ganze Welt erschüttert. Um ihre Chancen auf eine Medaille bei den Olympischen Spiele zu vergrößern, beauftragten der Ex-Mann und der Bodyguard von Tonya Harding einen Schläger, der ihrer Erzrivalin das Knie zertrümmerte. Der Anschlag wurde aufgedeckt und die Karriere von Harding war beendet. Der Film „I, Tonya“ erzählt die Geschichte dahinter und erntete in den USA einen Überraschungserfolg. Warum das?
Tonya Harding entstammt der weißen Unterschicht („White Trash“). Aus äußerst ärmlichen Verhältnissen kommend, wird sie von klein auf von ihrer ehrgeizigen Mutter, einer Kellnerin mit drei Jobs, aufs Eis getrieben, beschimpft und körperlich misshandelt. Trotzdem schafft sie es, als erste amerikanische Eiskunstläuferin bei den US-Meisterschaften den dreifachen Axel zu springen und gilt danach als große Olympiahoffnung.
Ihre Mutter löst Probleme mit Schlägen und Messerwürfen, kein Wunder, dass auch Tonyas erster Freund und späterer Ehemann Jeff (Sebastian Stan) ein Schläger ist, der sie immer wieder auf das Übelste zurichtet. Umso bewundernswerter ist, dass sie trotz dieser schwierigen Verhältnisse den Biss und das Stärke hat, in die Riege der besten Eiskunstläuferinnen der Welt aufzusteigen. Bis ihr Ex-Mann ihrer steilen Karriere eben ein jähes Ende setzt. Sie muss die US-Goldmedaille zurückgeben und wird auf Lebenszeit gesperrt.
Allison Janney spielt die Mutter LaVona. Sie hat für diese schauspielerische Leistung den Oskar für die beste Nebendarstellerin bekommen. Zurecht, denn es gibt wenige Rollen, die so konsequent und bis zum bitteren Ende die böse Mutter zeigen: herrisch, die Tochter hassend und erniedrigend, mies und erbarmungslos in ihrem Ziel, sie zu Höchstleistungen zu bringen. Tonya (Margot Robbie) kämpft lange Zeit um ihre Liebe und Anerkennung, vergeblich. Ihrem Milieu kann sie jedoch nicht entkommen: denn sie gilt nicht als edle, sanftmütige Eisprinzessin, sondern als Eishexe. Derb und laut fluchend geht sie gegen jene PreisrichterInnen vor, die ihrem Ausnahmekönnen schlechte Noten geben. Sie will sich nicht damit abfinden, dass sie aufgrund ihrer ärmlichen und zerrütteten Familienverhältnisse benachteiligt wird.
Der Film versucht in Form von Interviews der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Alle Beteiligten haben ihre eigene Wahrheit. Keiner sieht ein, irgendetwas falsch gemacht zu haben, niemand hat irgendeine Schuld auf sich geladen.
Sieht man im Nachspann der echten Tonya beim Eislaufen zu, passt diese gar nicht in das Bild, das uns der Film von ihr zeigt. Wie ein Wirbelwind saust sie übers Eis, leicht und in höchster Konzentration absolviert sie bahnbrechende Sprünge und ist über ihren Triumph völlig aus dem Häuschen. Niemand würde eine so schlimme Vergangenheit vermuten.
Was wirklich passiert ist, ob Harding hinter dem Anschlag auf Nancy Kerrigan steckt, darüber gibt der Film keine eindeutige Auskunft. Das eigentliche Opfer taucht als Stimme nicht auf, alles dreht sich um das Missbrauchsopfer Harding, ihr wird quasi die Absolution erteilt. Dass so tragisch-komisch und in rasendem Tempo ihre Geschichte erzählt wird, könnte auch der Grund für den Erfolg des Filmes sein: ein Underdog, der es trotz allem schafft und nur durch das Böse (bzw. Dumme), das ihn umgibt, zu Fall gebracht wird. Wahrheit hin oder her, Hauptsache unterhaltsam.