Die besten Filme von 2019

In meinem letzten Blog habe ich mich mit den besten Serien des Jahres 2019 auseinandergesetzt. Möglicherweise waren Überraschungen darunter. Bei den von mir nominierten Filmen sollte es keine geben.

Den dritten Platz nimmt ein gesellschaftskritischer Film aus Korea ein, über den ich schon in einem früheren Beitrag ausführlich geschrieben habe: „Parasite“ ist witzig, spritzig gemacht und hat eine tiefgründige Botschaft, die man sich erst einmal erschließen muss.

An die zweite Stelle reihe ich Quentin Tarontinos „One upon a time in Hollywood“,  der uns nach Los Angeles in den Siebzigern entführt und von den schönen und hässlichen Seiten dort erzählt.

Den ersten Platz nimmt ein Film ein, der von der Kritik hochgelobt wird, aber ein tieftrauriges Thema behandelt, eine Trennungsgeschichte. „Marriage Story“ ist aber so unkonventionell, dass man gleich am Beginn glaubt, in eine Liebesgeschichte hineingeraten zu sein.

Wir lernen den Theaterregisseur Charlie (Adam Driver) und seine Frau Nicole (Scarlett Johansson) kennen, die in einer gemütlichen Wohnung in New York mit ihrem achtjährigen Sohn Henry leben.  Beide sagen uns gleich am Beginn, was sie am anderen schätzen. Es gibt viel Gutes zu erzählen und so sind uns die beiden Figuren gleich von Anfang an sympathisch. Erst nach und nach entdecken wir ihre Schattenseiten, die zur Trennung führten. Nicole geht mit ihrem Sohn in ihre Heimatstadt Los Angeles zurück, um eine Serie zu drehen. Dort reicht sie auch die Scheidung ein, die dem nachgereisten Charly völlig unvorbereitet trifft. Was nun folgt, ist ein Drama, das beiden viel Kraft und Geld kosten wird.

Driver und Johansson verkörpern diese Auseinandersetzung mit einer Intensität, dass man ihnen jedes Wort glaubt und mit beiden mitfiebert: Man erlebt ihre Liebe und Vertrautheit, aber auch ihre Wut und Enttäuschung und zunehmende Verbohrtheit. Letztere wird noch durch Anwälte befeuert, die mit allerlei Tricks die Interessen ihres Klienten durchzusetzen versuchen. Und auch dies kann man verstehen: Nicole lässt sich von der berühmten Scheidungsanwältin Nora Fanshow (Laura Dern) vertreten, der gegenüber sie sich zum ersten Mal öffnet und wir so die Gründe für das Scheitern der Ehe erfahren.

Schließlich, als die Situation um das Sorgerecht für Charlie immer brenzliger wird, nimmt auch er sich einen schmierigen Anwalt (Ray Liotta), der viel Geld kostet und den Scheidungskrieg eskalieren lässt. Obwohl sie anfangs geglaubt haben, alles einvernehmlich lösen zu können, finden sie sich schließlich als Gegner im Gerichtssaal wieder, wo die Anwälte mit der anderen Partei nicht glimpflich verfahren. Charlie und Nicole sitzen am Rand und müssen miterleben, wie ihre Vertreter zu den härtesten Bandagen greifen. Man merkt ihnen schmerzlich an, dass sie es nicht so weit kommen lassen wollten.

Dem Regisseur Noah Baumbach, der auch das Drehbuch geschrieben hat, gelingt es, auf eine sehr subtile Art diesen Trennungsprozess zu zeigen. Niemand ist der einzig Schuldige, beide haben ihren Anteil am Scheitern. Gerade dies ist es, was den Film so glaubwürdig und sehenswert macht: Erst allmählich dämmert auch Charlie, dass nicht alles so sicher und selbstverständlich war, wie er immer geglaubt hatte. Auch er macht eine Wandlung und Läuterung durch. Und Nicole muss erkennen, dass Freiheit und Selbstverwirklichung einen Preis abverlangen.

Dass wir beide Figuren auf diesem Weg begleiten und sie nicht verurteilen,  ist nicht nur den fantastischen Schauspielern zu verdanken, sondern auch dem großartigen Drehbuch. Adam Driver und Scarlett Johansson sind heiße Oscarkandidaten. Darauf wette ich.

Certain Women


Was erreicht uns heute aus Amerika, das nicht aus Hollywood oder Washington kommt? Ein Film von Kelly Reichardt, der Einblicke in das unspektakuläre Leben von vier Frauen in einer amerikanischen Kleinstadt gewährt. Anhand von kurzen Episoden erahnen wir, welche Sehnsüchte und Wünsche diese Frauen jenseits des Ozeans haben.

Da ist die Anwältin Laura (Laura Dern), die einen hartnäckigen Klienten hat, der mit ihrer Hilfe zu seinem Recht kommen will. Er verfolgt sie überallhin, will sich nicht damit abfinden, dass sein Fall abgeschlossen ist. Nichts ist zu merken von den schicken und cleveren Anwältinnen aus US-Serien. Keine spitzfindige Gerichtsszene kann mehr stattfinden, da sich der Klient immer mehr in einen Rachefeldzug verstrickt. Was für Laura zu tun bleibt, sind Briefeschreiben und zwei Essenstüten, die sie immer wieder umgruppiert, um den richtigen Abstand zu finden.

Oder die verheiratete Gina (Michelle Williams), deren Mann eine heimliche Affaire mit der Anwältin hat. Wir begegnen ihr beim Joggen entlang eines Flusses, wo sie heimlich eine Zigarette raucht. Dann kehrt sie in das Zelt zurück, in dem ihr Mann und ihre pubertierende Tochter schon auf sie warten. Man bricht auf, sie, die Kleinste und Zierlichste, schleppt die schwerste Kiste. Der Vater befiehlt der Tochter nett zur Mutter zu sein. „Why?“, fragt diese zurück. Auf dem Weg nach Hause halten sie bei Albert, vor dessen Haus Sandsteine gelagert sind. Laura möchte diese unbedingt für den Bau ihres Wochenendhäuschen verwenden. Sie führt die Verhandlungen und wie sie ihren Mann dabei anschaut, lässt uns wissen, was auf sie zukommen wird.

Und schließlich gibt es noch die Tierpflegerin Jamie (Lily Gladstone), die auf einer einsamen Ranch Pferde versorgt. Sie gerät eines Abends zufällig in eine Vorlesung über Schulrecht und verliebt sich Hals über Kopf in die Vortragende Beth (Kristen Stewart).

Dies sind unaufgeregte Geschichten über Frauen, die mit Alltagsproblemen zu kämpfen haben: Anerkennung ihrer beruflichen Kompetenz (Laura), Einsamkeit (Gina), Liebessehnsucht (Jamie) und Ängste über eine ungewisse Zukunft (Beth). Der Film zeigt ihre Bemühungen um ein Leben, das von Nähe und Sinn erfüllt ist. Es scheint, dass in den kalten Wintern von Montana der Weg dorthin nur auf dem Rücken eines Pferdes möglich ist.