Seit dem Filmfestival in Venedig letzten Jahres wird dieser Film gehypt, gespannt erwartete ich sein Erscheinen in Österreich. Ich mag die Filme von Regisseur Park Chan-wook sehr, seit ich „Joint Security Area“ gesehen habe. Dieser war einer der ersten, der mich in Kontakt mit dem koreanischen Kino brachte. „Oldboy“, „Die Taschendiebin“ und „Die Frau im Nebel“ (siehe meinen Blog, 2023) überzeugten mich dann endgültig, dass Park Chan-wook zu den großen Meistern des Kinos gehörte. Aber gilt dies auch für seinen neuesten Film „No Other Choice“? Dieser Film wird als bitterböse Satire auf den Kapitalismus, als eine Kapitalismusparabel (Der Standard) interpretiert.
Was definiert einen Mann?
Der Manager Man-su (Lee Byung-hun) verliert seinen Job in einer Papierfabrik, für den er sich 25 Jahre aufgeopfert hat. Amerikanische Investoren haben die Firma übernommen und „notwendige Rationalisierungen“ durchgeführt, sie hatten „No other choice“. Man-su, stolzer Familienvater mit hübscher Frau, zwei Kindern und zwei Golden Retriever, definiert sich über seinen Job. Er hat es zu Wohlstand gebracht, wohnt in einem modernen Betonbau mit großem Garten und Gewächshaus für seine Bonsaizüchtung. Die Entlassung bedeutet für ihn eine Hinrichtung, die er mit „Kopf ab“ andeutet.
Anfangs ist er davon überzeugt, dass er in drei Monaten einen ähnlich gut bezahlten Managerposten bekommen werde. Aber nach frustrierenden 18 Monaten als unterbezahlter Angestellter in einem Supermarkt ist die Abfindung aufgebraucht und ein neuer Job in weite Ferne gerückt. Seine Frau Mi-ri (Son Yejin) wird wieder Zahnarzthelferin bei einem feschen Chef, die Ausgaben müssen jedoch radikal eingeschränkt werden, keine teuren Hobbys mehr, kein Zweitauto und Netflixabo, auch die beiden Hunde werden weggegeben.
Nun ist guter Rat teuer, denn Man-su will auf keinen Fall sein Geburtshaus verlieren, schon gar nicht gesellschaftlich absteigen. So ersinnt er einen teuflischen Plan: Da einige potenzielle Konkurrenten, wie er mittels einer Fake-Ausschreibung ermittelt, ihn in einem Bewerbungsverfahren übertrumpfen würden, beschließt er diese auszuschalten. Er ersinnt grausame, teilweise so makabre Tötungsverfahren, dass das Lachen in Erschrecken umschlägt, untermalt von dröhnendem koranischem Schlager. Seine Opfer erwecken Mitleid, sind sie doch selbst Opfer des kapitalistischen Systems, Gefeuerte, Säufer, Verlassene oder Devote, die sich nicht zu schade sind, auch in niedere Dienste zu gehen. Er lässt sich davon nicht beirren und ob er es tatsächlich schafft, den von ihm heiß begehrten Posten in der Papierindustrie wieder zu erobern, sei hier nicht verraten.
Weder Fisch noch Fleisch
Obwohl der Film für Korea in der Kategorie Bester internationaler Film ins Oscarrennen geschickt wurde, kam er nicht in die engere Auswahl. Verständlich, denn der Film ist weder Fisch noch Fleisch. Der Protagonist ist sowohl ein brutaler Killer als auch ein sorgender Ehemann und Vater, sein Denken und Handeln wird aber durch Gier und Männlichkeitswahn vernebelt. Er redet sich ein, keine andere Wahl zu haben. Er plant als Gewerkschafter keine Proteste gegen die amerikanische Übernahme oder solidarisiert sich mit seinen Leidgenossen. Immerhin deutet der Regisseur am Ende die Folgen seines mörderischen Treibens an. Einen allgegenwärtigen Konkurrenten hatte er nicht auf dem Schirm. Denn auch diesem fehlt Wärme, Zuversicht und Solidarität. Wie der Betonbau, in dem die Familie lebt, so steht es auch um den Protagonisten, roh und auf Funktionalität ausgerichtet.
Am Beginn grillt Man-su voller Stolz in seinem Garten den Aal, den er von seiner Firma bekommen hat. Er sieht das Geschenk als Auszeichnung für seine Verdienste um die Firma, in Wahrheit steht er für seine Kündigung. Er ruft Frau und Kinder zu einer innigen Umarmung zusammen, eine Familienidylle, Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 und fallende Blätter umrahmen das Geschehen. Der Abgesang an die Menschlichkeit wird begleitet von schönen Bildern und lauter Musik, die Brutalität der Handlung mittels Geblödel und Übertreibungen konterkariert, Gestik und Mimik der hervorragenden Schauspieler sind schrill und weisen auf den Wahnsinn hin, der die Hauptfigur antreibt. Slapstick, schwarzer Humor und eine kunstfertige Ausführung gegen die Gefahr, die den Zusammenhalt der Gesellschaft bedroht? No other choice? Das kann nicht alles gewesen sein.