Kriegsende im Ausseerland: Eine Ausstellung im Kammerhofmuseum

Das Kammerhofmuseum widmet sich in einer kleinen Ausstellung dem Kriegende im Ausseerland. Am Donnerstag, dem 8. 5. 2025 war Ausstellungseröffnung mit einem großen Aufgebot an Prominenz und einigen amerikanischen Jeeps aus dem 2. Weltkrieg. Mit dabei verkleidete JIs, die am Vormittag in Tuffeltsham aufgebrochen waren, um die Route des letzten Kampftages des 2. Weltkrieges nachzustellen. Näherte man sich am Abend nichtsahnend dem Kammerhofmuseum, wirkte das recht bedrohlich und einschüchternd.

Am 11. 5. gab es eine ausführliche Führung mit Hans Fuchs, einem der Kuratoren. Diese sei hier kurz zusammengefasst, um einen Einblick in die Ausstellung zu gewinnen.

Geht man die Treppen zur Ausstellung hinauf, erwartet einem ein Soldat in der Originaluniform der US-Army mit „Buckle Boots“. Gleich daneben gibt es eine Schautafel über den Einzug der 3. US-Armee am 3. Mai 1945 in Österreich und deren rasches Vorrücken. Eine Aufklärungseinheit wurde nach Ebensee geschickt, wo sie am 5. Mai das KZ Ebensee befreite. Am 8. Mai um 15:30 traf Major Ralph E. Pearson mit seiner Task Force in Altaussee ein, um die ungarischen Kronjuwelen nach Vöcklabruck ins Hauptquartier der 80. US-Infanteriedivision zu bringen. Es gab zwar keine Kronjuwelen, aber Pearson erfuhr, dass im Bergwerk Kunstwerke aus ganz Europa von unschätzbarem Wert gelagert waren. Das Bergwerk wurde von den Amerikaner bewacht, bis am 16. Mai die „Monument Men“ eintrafen. Das Ausseerland war nun unter amerikanischer Verwaltung.

Die nächsten Schautafeln berichten über die Kunstschätze und deren Sicherung aus dem Bergwerk in Altaussee, über die schon ausführlich in Artikeln, Dokumentationen und Filmen berichtet wurde.

Wir erfahren auch, dass das Auswärtige Amt eine „Ausweichstelle“ in Altaussee hatte, diese war aber lediglich ein „Ein-Mann-Betrieb mit Erich Haas. Der Gesandte sollte sich mit den Vertretern der rumänischen und bulgarischen Exilregierungen in Verbindung setzen, die im Seehotel Quartier bezogen hatten (siehe meinen Beitrag „Verschüttete Milch“ von Barbara Frischmuth).  Haas`Auftrag bestand darin, mit den Politikern spazieren zu gehen und ihre Lage auszuloten. Außenminister Ribbentrop war damals noch der irrigen Überzeugung gewesen, separate Friedenverhandlungen mit den Westmächten führen zu können.

Ein besonderes interessantes Kapitel ist der „Freundesbande“ gewidmet, damit sind Kaltenegger, Eichmann, Höttl und Skorzeny gemeint. Diese vier verband eine „persönliche Freundschaft und politische Zweckgemeinschaft“. Über deren Aufstieg und Gräueltaten im Nationalsozialismus wird kompakt berichtet.

Jedenfalls tauchten die vier nicht zufällig gegen Kriegsende im Ausseerland auf und hofften durch gegenseitige Hilfe ungeschoren davon zu kommen. Der Leiter des Reichsicherhauptamtes Ernst Kaltenbrunner versteckte sich mit seinem Adjutanten und zwei SS-Leuten schwer bewaffnet in der Wildenseehütte im Toten Gebirge. General Matteson konnte ihn am 12. Mai mit 12 GIs und 4 Altausseern dort aufspüren und festnehmen. Er wurde bei den Nürnberger Prozessen schwer von seinem „Freund“ Höttl belastet und zum Tode verurteilt.

Der bei Kaltenbrunner nicht mehr willkommene Adolf Eichmann und seine Vertrauten, darunter der Kommandant des KZ Theresienstadt, Anton Burger, versteckten sich mit unzähligen Kisten mit Goldmünzen, gefälschten Pfundnoten und Dollarscheinen in der Blaa Alm. Eichmann konnte sich durch viele Zufälle immer wieder der Verhaftung entziehen und schaffte es 1950 bis nach Südamerika. Erst 1960 wurde er vom Mossad dort aufgespürt und zwei Jahre später in Jerusalem nach einem öffentlichen Prozess hingerichtet.

SS-Obersturmbandführer Skorzeny hatte sich schon im April mit ungefähr 300 SS-Leuten in die Albrechtshütte im Öderntal zurückgezogen, um dort „abzuwarten“. Am 8. Mai wurde die junge Mitterndorferin Lydia Stadler mit zwei SS-Männern zur Albrechtshütte mit einem Ultimatum geschickt, ansonsten würden die Amerikaner die Stellung bombardieren. Um 14 Uhr ergab sich das Sonderkommando des Alpenschutzkorps, somit war das letzte Kapitel der angeblichen „Alpenfestung“ geschlossen. Noch vor seiner Vernehmung im Nürnberger Prozess gelang Skorzeny die Flucht und er konnte untertauchen.

Obersturmbandführer Höttl, der sich schon früh den Amerikanern angedient hatte und entscheidend zur Auffindung von Eichmann in Südamerika verantwortlich gewesen sein soll, schrieb mehrere Bücher und wurde angesehener Schulgründer in Bad Aussee. Im Nürnberger Prozess wurde er als Zeuge der Anklage freigesprochen. Er erhielt 1995 für seine Verdienste als Schulgründer und Historiker das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark. Nichts erinnert in Bad Aussee an seine grausamen Machenschaften im Dritten Reich.

Die Deutung der Vergangenheit“ nennt exemplarisch einige bekannte Persönlichkeiten, die sich in Büchern und Dokumentationen mit dem Kriegsende auseinandergesetzt haben: Julius Mader, Peter Kammerstätter, Albrecht Gaiswinkler und Rudolf Heinrich Daumann.

In einem danebenliegenden Raum wird noch auf die Ausseer Kulturszene um 1945 und in der Nachkriegszeit eingegangen, vom Kunsthändler Gurlitt über Komponisten, Musikern bis zu den Schauspielern Theo Lingens, Susi Nicoletti und Hans Moser.

Mit dieser kleinen Ausstellung im Kammerhofmuseum ist ein wichtiger Meilenstein zur Aufarbeitung der NS-Zeit im Ausseerland gesetzt, frei von Mythen und Legenden. Weitere Schritte werden in den nächsten Monaten nach Aussagen von Hans Fuchs folgen. Seien wir gespannt, was passieren wird und besuchen Sie unbedingt die Ausstellung „1945. Kriegende am Schauplatz Ausseerland“ im Kammerhofmuseum.

Die Villen vom Ausseerland

Begibt man sich ins Ausseerland, egal ob nach Bad Aussee, Altaussee oder Grundlsee, fallen die vielen prächtigen Villen auf, die die Landschaft zieren. Einsam und erhaben stehen sie in der Landschaft, meist in ansehnliche Parklandschaften eingebettet, die man sich nicht zu betreten traut:  Privatbesitz, der ein Betrachten nur über den Zaun oder die Hecke zulässt. Jetzt könnte man enttäuscht umdrehen, das Leben dahinter im Verborgenen lassen und darüber allerlei Vermutungen anstellen, wer wohl die Menschen und Mächte hinter den Zäunen einst gewesen waren. Diese Geheimnisse verrät Marie-Theres Arnbom in ihrem Buch „Die Villen vom Ausseerland. Wenn Häuser Geschichten erzählen“. Ein Bild in dem Buch zeigt die Autorin vor der Villa Jungmann, die mit ihrem eigenen Leben verwoben ist und die heute als „wunderbar renoviert“ zu mieten ist.

Marie-Theres Arnbom

Marie-Theres Arnbom stellte ihr Buch „Die Villen vom Ausseerland“ im Juli einem breiten Publikum im Kammerhofmuseum vor. Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft waren zu diesem Event gekommen. Die Autorin schien mit vielen vertraut zu sein, denn vor der Lesung nahm sie ein Bad in der Menge und begrüßte herzlich Freunde und Bekannte.

Gemeinsam mit ihrem Mann, Georg Gaugusch, las sie aus den „Villen“ vor und erzählte wortgewaltig Geschichten über diese, auch über den schwierigen Entstehungsprozess des Buches, während die Welt wegen Corona stillstand. Nichtsdestotrotz sei es ihr durch gute Kontakte gelungen, Zugang zu Quellen, Bibliotheken und über Zoom zu verstreuten Nachkommen ehemaliger Besitzer in aller Welt zu bekommen, und so zu den Informationen über die Menschen zu gelangen, die diese prächtigen Villen einst erbaut und bewohnt hatten.

Wer waren also die BesitzerInnen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts, meist von Wien aus aufmachten, um im Salzkammergut ihre Sommerfrische zu verbringen? Man stößt auf berühmte Namen: den Schriftsteller Jakob Wassermann, den Industriellen Camillo Castiglioni, den Burgschauspieler Ludwig Gabillion und viele andere Größen der damaligen Zeit. Wie die Autorin betonte, war das Ausseerland aber auch Mittelpunkt vieler starker Frauen. Exemplarisch möchte ich einige wenige herausgreifen:

„Die schreibenden Damen Schreiber“ wuchsen als Töchter von Josef und Clara Schreiber in Bad Aussee und Meran auf, der Vater hatte mit der Gründung eines Senatoriums einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Bad Aussees als Luftkurort geleistet. Die Töchter wurden zur Ausbildung nach Paris geschickt, in den Sommerferien spielten sie zuhause mit Theodor Herzl Tennis, denn die Mutter, Clara Schreiber, galt als „große Saloniere“, die viele Prominente nach Bad Aussee holte und für intellektuelle Unterhaltung und Zerstreuung sorgte. Ihre Tochter Adele Schreiber wird eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen Deutschlands und Reichsabgeordnete, außerdem die Gründerin der allseits beliebten „Alpenpost“ werden. Ihre Schwester Lilli, verheiratete Baitz, wird durch ihre Trachtenpuppen und Schaufensterdekorationen auch in Amerika Erfolge feiern und ihren Alterssitz wieder nach Bad Aussee verlegen. Vor ihrer „Übersiedlung“ nimmt sie sich 1942 das Leben, ihre Schwester überlebt in der Schweiz. Eine große Weihnachtskrippe mit den Trachtenfiguren von Lilli Baitz ist im Kammerhofmuseum zu besichtigen, das übrigens einen umfangreichen Überblick über die Geschichte und Kultur des Ausseerlandes bietet und einen Besuch lohnt.

„Genia Loci“: Eugenie Schwarzwald“ war eine Reformpädagogin und Wohltäterin, die mit der „Erziehung zum Glück“ vielen Mädchen eine schöne Schulzeit ermöglichte und ein strenges Gegenkonzept zu dem herrschenden autoritären Schulkonzept entwickelt hatte. Sie förderte geistige Selbstständigkeit, Kreativität und vor allem Lebenslust bei ihren Schützlingen. Zudem initiierte sie während des Ersten Weltkrieges die Aktion „Wiener Kinder aufs Land“ und sammelte innerhalb von sechs Wochen eineinhalb Millionen Kronen, fand leere Villen und Fabrikgebäude für die notleidenden und verwahrlosten Wiener Kinder, wodurch es im ersten Jahr bereits “72 Kolonien“ gab, wie Berthold Müller im „Neuen Wiener Tagblatt“ berichtete.

„Die Frau in der zweiten Reihe: Maria Stiasny“. Die promovierte Anglistin wird 1917 Assistentin von Eugenie Schwarzwald und übernahm 1924 die gesamte Administration der Schwarzwald-Schulen und leitete dreizehn Jahre lang – „völlig selbstständig und allein verantwortlich“ – die Villa Seeblick in Grundlsee. Elias Canetti beschreibt sie in seiner Autobiographie als das „Herz dieser Menage“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kann sie sich nach Argentinien retten und stirbt dort, obwohl sie die Erbin von Eugenie Schwarzwalds Besitztümern ist, völlig verarmt.

Wie ihr ergeht es vielen anderen VillenbesitzerInnen im Ausseerland: Die Geschichte der unbekümmerten und sorglosen Sommerfrische vieler Wiener jüdischen Familien findet mit dem Jahr 1938 ein jähes Ende. Die Villen werden enteignet, die Sommergäste vertrieben bzw. deportiert und ermordet, und in der Gegend machen sich die Nationalsozialisten breit und ziehen in die Villen ein. Nur ganz wenige der Vertriebenen werden nach dem Zweiten Weltkrieg in die Heimat zurückkehren und ihre Besitzgüter rückerstattet bekommen. Meist einigte man sich auf einen Preis – weit unter dem tatsächlichen Wert – mit den neuen Besitzern.

Das Buch von Marie-Theres Arnbom zeichnet sich durch viele Quellen, Bilder und ein umfangreiches Literaturverzeichnis aus und lässt so eine vergangene Welt auferstehen, die mondän, fortschrittlich und weltoffen das Ausseerland noch heute erstrahlen lässt.