La La Land

La La Land wird als Rettung des Musicalfilms, als Hommage an das Goldene Zeitalter des Musicals, überall frenetisch gefeiert. Der Film sammelt Preise wie manche Pilze ein und zieht Massen von Sehnsüchtigen ins Kino. Doch ist dieser Ruhm gerechtfertigt?

Eines vorweggenommen: Der 31-jährige Regisseur Damien Chazelle hat eine beachtliche Leistung vollbracht, man wird von dem Film nicht enttäuscht sein. Mit einem guten Gefühl im Bauch und vielen Farben im Kopf verlässt man das Kino und das ist großteils den beiden Hauptdarstellern zu verdanken: Emma Stone und Ryan Gosling können passabel tanzen und singen, sehr gut spielen und schauen noch dazu umwerfend aus.

Die Geschichte könnte nicht amerikanischer sein: Zwei junge, erfolglose Künstler verlieben sich nach einigen Wirrungen heftig ineinander. Sebastian ist Jazzpianist und träumt von einem eigenen Jazzclub, Mia von einer Schauspielkarriere in Hollywood. Vorerst müssen sie aber ungeliebte Gelegenheitsjobs verrichten, die, je länger sie dauern, umso mehr an ihren Nerven und ihrem gemeinsamen Glück zerren. Hin und wieder verlassen sie Los Angeles, um von den Hügeln herab auf die beleuchtete Stadt zu schauen. Sie werden von dem Lichtermeer spontan zu Tanz und Gesang verführt, können für einen kurzen Moment dem Alltag entfliehen und ganz eins miteinander werden. Dann nimmt das Leben seinen Lauf, sie werden Kompromisse schließen und sich erst fünf Jahre später wiedersehen.

Die Botschaft des Films ist eine einfache: Verfolge deine Träume, lass dich durch nichts entmutigen und du wirst berühmt und reich werden. Alles wird sich so fügen, wie du dir erträumt hast, vorausgesetzt du bleibst dir selbst treu.

Diese Geschichte wird in vertrauten Bildern aus Hollywood erzählt: Die Menschen sind jung und schön, wohnen stilvoll, feiern gerne Party, tragen leichte Kleider und haben ein weitgehend sorgenfreies Leben. Und meistens sind alle auch noch nett und unterstützen einander. Hollywood feiert sich selbst und zeigt dies der ganzen Welt.

In kalten Zeiten wie diesen bietet La La Land eine kurze Sonnenphase, die man sich durchaus gönnen könnte, bis der Frühling endlich warmen Wind ins Land weht.

Paterson


Ein junger Mann (Adam Driver) mit dem Namen Paterson fährt als Busfahrer von Montag bis Freitag durch die Stadt Paterson. Er wacht jeden Morgen um 6:15 auf, gibt seiner schlafenden Frau (Golshifteh Farahani) eine zärtliche Berührung, zieht sich an, isst seine Serials und macht sich in blauer Uniform vom Vorstadthäuschen auf den Weg zur Arbeit. Wir begleiten seinen langen Weg zur Busgarage. Vor dem Arbeitsbeginn, am Busfahrersitz, nimmt er sein Notizbuch und schreibt. Auf der Leinwand sehen wir in zierlicher Schrift ein Gedicht über die Streichholzschachtel entstehen, die er beim Frühstück durch seine Finger hat gleiten lassen. Der Bus fährt aus der Garage, biegt ab, bleibt stehen, um Passanten ein- und aussteigen zu lassen. Wir schauen auf die Straßen hinunter, hören, was die Insassen erzählen und erleben aus Patersons Mimik seine Gedanken dazu. Sein Tag ist lang. In der Mittagspause sitzt er mit seiner Lunchbox auf einer Bank vor einem Wasserfall und schreibt. Am Abend geht er den langen Weg zurück, richtet den Briefkasten und tritt ins Haus ein, wo er von seiner Frau und der Bulldogge Marvin erwartet wird. Danach schreibt er im Keller weiter, geht mit dem Hund Gassi, kehrt in eine Bar ein, trinkt ein Bier. Dieser Rhythmus wiederholt sich Tag für Tag, es ist ein ruhiges, beschauliches Leben, das Paterson führt. Nicht viel mehr ereignet sich in dem Film und doch wird alles gesagt.

Am Samstag, als Paterson mit Laura im Kino ist, passiert ein Unglück, das alle schon erwartet haben. Er strauchelt, verliert für einen kurzen Moment seine Fassung, um durch eine mystische Fügung auf seinen Weg zurückzufinden.

Wie fängt man das Leben eines Menschen ein, über den es nichts Großartiges zu erzählen gibt? Man zeigt es. Paterson ist sanftmütig, geduldig, aufmerksam gegenüber seinen Mitmenschen und erduldet jeden kreativen Ausbruch seiner schönen Frau. Sein Wesen findet in Gedichten Ausdruck, die den Alltag verzaubern, indem sie ihn zu Poesie machen.

„Paterson“ ist ein sehr langsamer, stiller Film, der einen Blick auf ein glückliches Paar und die Menschen einer amerikanischen Kleinstadt wirft. Was ist wichtig? Was ist möglich? Worum geht es? Jim Jarmusch zeigt als Antwort einen dichtenden Busfahrer, der auf einer Bank vor einem herabstürzenden Wasserfall sitzt, über den eine Eisenbahnbrücke führt, durch den Vögel fliegen und der Tag für Tag ein neues Gedicht beginnt.

Alles was kommt

Die französische Regisseurin Mia Hansen-Høve bekam für den Film bei der Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie. Die Jury irrte nicht. Denn die 35-Jährige drehte einen Film, der durch eine subtile Weise wie kaum ein anderer Film den Blick auf das Leben einer alternden Frau wirft.

Die Philosophieprofessorin Nathalie Chazeneux (Isabelle Huppert) wird nach 25-jähriger Ehe von ihrem Mann, ebenfalls Philosoph, wegen einer Jüngeren verlassen. Die etwas zu brav geratenen Kinder gehen bereits ihre eigenen Wege, der Mann zieht zur Geliebten und sie bleibt in der Pariser Wohnung ratlos zurück. Ihre exzentrische Mutter, ehemaliges Mannequin, traktiert sie mit Anrufen und fordert ständige Präsenz ein. Sie wird von der Tochter kurzerhand in ein teures Altersheim gesteckt, in dem sie kurz darauf stirbt. Ihren Kater Pandora muss die Tochter übernehmen, die Katzen hasst. Der Verlag, der ihr Schulbuch verlegt, kündigt ihr und ihr Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka) zieht in die Berge. Alles, worauf sie ihr Leben gebaut hat, liegt in Trümmern, alle Sicherheiten des bürgerlichen Lebens von einem Tag auf den anderen verschwunden.

Was muss kommen, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

Eine neue Liebe? Eine neue Berufung? Vielleicht ihr Mann, der reumütig zurückkehrt und sie doch miteinander alt werden? Was bleibt im Leben, wenn die kalte Realität nackt vor einem liegt? Und man nicht mehr zwanzig ist?

Die Karten könnten neu gemischt werden, Türen aufgehen, eine neue Liebe, vielleicht sogar ein Jüngerer eintreten, aber dies passiere – wie die Heldin ihrem Lieblingsschüler erklärt – nur in Filmen.

Was also tun?

Sie funktioniert, denkt nach und ist von nun an immer in Bewegung: Sie fährt in das geliebte Ferienhaus in die Bretagne, um es für immer zu verlassen, als sie erkennt, dass sie nicht die Dritte im Bunde sein kann. Sie reist mit dem Zug in die Landkommune ihres Ex-Schülers, um das alte Steinhaus zu verlassen, als sie erkennt, dass die Zeit der Anarchie und des Ausstiegs für immer vorbei ist.

Wir begleiten sie. Sehen eine noch immer schöne, sehr zierliche Frau mit großen Händen, die sich zweckmäßig kleidet. Beobachten sie im Kino, wo sie von einem jüngeren Mann bedrängt wird, den sie angewidert zurückweist. Sehen sie auf einsamen Spaziergängen, bewundern sie beim Philosophieren in der Klasse. Und bekommen langsam eine Ahnung, wohin die Reise gehen könnte.

Nichts von den oben genannten Möglichkeiten wird am Ende eintreten. In der Schlussszene, beim Weihnachtsessen mit den Kindern, als die Kamera die Wohnung verlässt, nur noch Stimmen zu hören sind, wissen wir, dass sie ankommen wird.

Das Großartige an diesem Film ist, dass die tiefe Krise unserer Heldin von Isabelle Huppert mit jeder Faser ihres Körpers mitgeteilt wird. Sie beobachtet genau, zieht Schlüsse, handelt und entdeckt dadurch eine nie gekannte Freiheit. Und das macht Mut aufs Leben.

 

tschick (Regie: Fatih Akin)

Kaum ein Buch eines deutschsprachigen Autors ist erfolgreicher bei Jugendlichen als „tschick“. Es spricht die Ängste und Sehnsüchte von Jugendlichen an, die den Alltag entfliehen und sich mit Maik und Tschick auf den Weg in die Walachei machen wollen. Fernweh, Abenteuer, Freundschaft, erste Liebe,… sind die Herausforderungen, die Herrndorf seine beiden Protagonisten auf dieser Reise erleben lässt. Nun ist sein Bestseller verfilmt worden.

Die größte Schwierigkeit bestand wohl darin, für die beiden Charaktere die passenden Schauspieler zu finden, da sie nicht zu alt sein durften, um die Geschichte glaubwürdig zu erzählen. Man musste ihnen abnehmen können, dass sie der Loser Mike (Tristan Göbel) und der Außenseiter Tschick (Anand Botbileg) sind. Denn die Geschichte lebt von der inneren Entwicklung dieser Figuren. Die Handlung ist nur die Hülle und da muss jede Geste, jeder Ton stimmen. Wenn nicht, wird man aus der Geschichte katapultiert und findet sich kopfschüttelnd im Kinosaal wieder.

Sieht man den Kindern der Netflix Serie „Strange Things“ zu, gelingt diese Verschmelzung. Bei „tschick“ nur dem Schauspieler von Maik, er ist der Ich-Erzähler, der uns in Rückblende an den Ereignissen dieses Sommers teilhaben lässt. Mitspieler sind: die schöne Tatjana, die nichts von ihm wissen will, seine alkoholkranke Mutter, die wieder einmal auf die „Beautifarm“ zum Entzug fährt und sein Vater, der die Gelegenheit nutzt, um mit der jungen Assistentin ins Liebesglück abzurauschen. Da kommt Tschick im gestohlenen Lada und es braucht nicht vieler Überredungskünste, mit ihm in den Süden aufzubrechen, um der Leere im schönen Designerhaus zu entkommen. Sie starten von Berlin aus und rasen von nun an in wildem Tempo die Autobahn und Feldwege entlang. Laute Musik und schnelle Kamerafahrten begleiten ihren Weg in die Unabhängigkeit wie Richard Claydermanns „Ballade pour Adeline“ ihre Sehnsucht nach Liebe.

Das Abenteuer kann mit vierzehn nicht lange dauern, aber bevor es endet, findet Mike in Isa eine neue Liebe und Tschick verrät ihm sein Geheimnis.

Der Soundtrack und die Kamera (Rainer Klausmann) könnten nicht besser sein, aber wie so oft gelingt es nicht ganz, die Vielschichtigkeit des Buches in eine gute Literaturverfilmung umzusetzen. Wolfgang Herrndorf, der viel zu früh gestorben ist, wird jedoch mit dem Film ein neues Publikum finden.

Maggies Plan

Regie: Rebecca Miller

Eigentlich mag ich New York nicht. Es ist mir zu geschäftig und viel zu groß. Immer wenn die Stadt jedoch in Filmen auftaucht, begeistert sie mich. Denn es sind meist gute Geschichten, die uns von dort erreichen. Auch „Maggies Plan“ gehört dazu.

Dabei ist die Handlung nicht allzu spektakulär: Die junge New Yorker Dozentin Maggie hat einen Kinderwunsch, den sie sich auch ohne Partner erfüllen will. Auf der Suche nach dem geeigneten Samenspender kommt ihr ein Studienkollege (einst Mathematikgenie, jetzt aufstrebender Gurkenfabrikant) in den Sinn, der bereitwillig seinen Samen zur Verfügung stellt. Während der Vorbereitungen verliebt sie sich in den unglücklich verheirateten Anthrologieprofessor John. Cut: Drei Jahre später sind die beiden verheiratet und haben eine Tochter. John gibt sich ganz dem Schreiben seines ersten Romans hin, dabei wird er tatkräftig von seiner jungen Frau unterstützt. Maggie hat nun nicht nur für ihn und das gemeinsame Kind, sondern meist auch für die beiden halbwüchsigen Kinder aus erster Ehe zu sorgen. Immer mehr kommen ihr die Gefühle für John abhanden, und sie entwickelt einen Plan, denn ihr Motto lautet: „I want to live honestly“.

Greta Gerwig als Maggie würde man gerne noch länger begleiten, sie ist natürlich schön, pragmatisch und hellsichtig, was ihr eigenes Glück betrifft. Ich war hingerissen, wie sehr sie Maggie ist, bodenständig, mit Wollrock und gelben Kniestrümpfen, braver Frisur und Beschützerinstinkt. Ethan Hawke als John spielt genau den Mann, den wir schon in „Boyhood“ kennengelernt haben, unreif, schwach und auf Frauen angewiesen, die ihm zeigen, wo`s langgeht. Seine Ex-Frau Georgette (Julianne Moore) hat trotz Egoismus und Neurosen Qualitäten, die er nicht missen will. Sie ist Uni-Professorin, Dänin, eine messerscharfe Intellektuelle, die schicke Designerkleidung trägt, die roten Haare streng hochgeknotet. Das Spiel zwischen Gerwig und Moore zeigt, dass beide wohl zu den besten Schauspielerinnen zu zählen sind, die es derzeit gibt.

Man verfolgt mit viel Leichtigkeit die Irrungen und Wirrungen der Liebe und ist am Ende froh darüber, dass alles märchenhaft bei Sonnenschein mit einer Überraschung endet.

„Maggies Plan“ ist eine Komödie, die ohne Ratschläge für ein geglücktes Leben auskommt. Leicht zu konsumieren, mit schrägen New Yorkern, die uns an ihrem Leben teilhaben lassen und wegen der Bilder von New York und Greta Gerwig für kalte Jahreszeiten wärmstens zu empfehlen.

©a.achilles 2016

Vor der Morgenröte. Stefan Zweig in Amerika (Regie: Maria Schrader)

20 Juni 2016, Weltflüchtlingstag

Was macht einen Film über Stefans Zweigs Exil in Südamerika so interessant? Er spricht an, was jederzeit passieren kann: Die Heimat verlassen zu müssen, weil die politische Situation und das Überleben es erfordern. Stefan Zweig hat das Exil nicht überlebt, er kehrt nicht mehr in sein luxuriöses Haus nach Salzburg zurück. 1942 vergiftet er sich mit seiner Frau Lotte. Die Vorgeschichte zu diesem Freitod erzählt der Film „Vor der Morgenröte“ in Episoden. Er zeigt schwüle Bilder aus Brasilien, bitterkalte aus New York und den brillianten Josef Hader als Stefan Zweig.

Er beginnt mit einer exotischen Blumentafel, die anlässlich eines Empfanges für den weltberühmten Dichter vorbereitet wird. Als Zweig den Raum betritt, merkt man, wie verloren und einsam er sich hier fühlt. Aber er möchte Freunden aus Europa helfen, die sich mit verzweifelten Briefen an ihn wenden, um dem sicheren Tod zu entkommen. Er selbst sieht sich als Schriftsteller, der strikt Kunst und Politik trennen will und sich vorerst weigert, öffentlich gegen den Nationalsozialismus Stellung zu beziehen. Er will als Künstler durch sein Werk wirken und erschöpft sich durch ständige Vortragsreisen in einer ihm fremden Welt. Seine erste Frau Friderike (Barbara Sukowa) versucht ihm in New York seine große Verantwortung für die, die er retten kann, bewusst zu machen. Zurück in Brasilien lässt sich Zweig mit seiner zweiten Frau in Petropolis nieder, das vom Klima her dem Semmering ähnlich ist. Hier schreibt er seine beiden wohl wichtigsten Werke: „Die Schachnovelle“ und „Die Welt von Gestern“. In der „Schachnovelle“ gelingt es Dr. B., sich aus der Einzelhaft in einem Wiener Gestapogefängnis nach Amerika zu retten. Auf dem Schiff wird er wieder von der „Schachvergiftung“ erfasst und verliert beinahe den Verstand, aber er überlebt, Stefan Zweig nicht. Obwohl in Sicherheit, holen ihn die Schatten der Vergangenheit ein und machen ihn mutlos für eine bessere Zukunft.

Josef Hader verkörpert den völlig überforderten und tieftraurigen Stefan Zweig bis in die letzte Faser seines Körpers. Der Film zeigt, dass Flucht und Emigration zwar das Leben retten, die Seele aber schwer in Mitleidenschaft ziehen. Der Sehnsucht nach der alten Welt kann man nicht entkommen, sie bleibt und schlägt tiefe Wunden, wenn man sie untergehen sieht. Sehenswert.

©a.achilles 2016