Der Salzpfad (Marianne Elliot, 2024)

Bücher und Buchverfilmungen über Weitwanderwege boomen nicht erst seit „Wild“ mit Reese Witherspoon. Wie Hape Herkerling („Ich bin ich dann mal weg“, 2015) und Bill Bennet („Mein Weg: 780 km zu mir“, 2024) sind täglich Kolonnen von Pilgern auf dem Jakobsweg und anderen Weitwanderwegen unterwegs, um etwaigen Lebens- und Sinnkrisen zu entkommen. Meist kehren sie geläutert und weitgehend gesund an Körper und Seele in ihr altes Leben zurück. Nun ist auch der Bestseller „Der Salzpfad“ (2018) von Raynor Winn, von dem weltweit über zwei Millionen Exemplare verkauft wurden, verfilmt worden und hat nicht wenig Aufmerksamkeit erregt.

Die Geschichte beginnt mit einem absoluten Tiefpunkt: Das Ehepaar Moth und Raynor Winn verliert alles, da eine Investition in das Unternehmen eines Freundes sie um ihr ganzes Hab und Gut gebracht hat. Zudem bekommt Moth kurz darauf die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die ihm nur wenige gute Jahre lässt. Die Familie muss innerhalb von fünf Tagen die kleine Farm in Wales räumen. Die beiden Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Da aber Moth nicht innerhalb von zwei Jahren sterben wird, fühlt sich die zuständige Sachbearbeiterin des Sozialamtes nicht zuständig, ihnen eine Notunterkunft bereitzustellen. Als einzige Alternative kommt ihnen in den Sinn, den South WestCoast Path zu gehen, der über 1000 Kilometer die südenglische Atlantikküste entlangführt.

Die Rücksäcke sind schwer, die Schlafsäcke von schlechter Qualität, und ein oranges Trekkingzelt schützt sie nur unzureichend vor Regen und Kälte. 40 Pfund pro Woche bleiben zum Überleben. Kann das gutgehen? Die ersten dreißig Kilometer sind hart, denn Moth hinkt und ist schwer von seiner Krankheit gezeichnet. Je länger sie unterwegs sind, umso leichter fällt das Gehen, bald trotzen sie allen Naturgewalten und kommen sich als Paar wieder näher. Sie unterstützen sich, nehmen aufeinander Rücksicht und schicken sich vertraute Blicke und Gesten. Sie begegnen guten und bösen Menschen, erleben kurze Glücksmomente und können auch ein bisschen anderen Obdachlosen helfen.

Der Ausgang der Geschichte sei hier natürlich nicht verraten, aber man kann ihn sich denken.

Gillian Anderson und Jason Issacs verkörpern ihre Rollen authentisch, von der anfängliche Entfremdung bis hin zur rührenden Lovestory. Beiden sieht man die Strapazen der Wanderung auch körperlich an: verbrannte Haut, aufgerissene Lippen, offene Wunden an den Füßen, Hungerblicke. Am Beginn der Wanderung geht Raynor noch kraftvoll voran, Moth humpelt schwerfällig hinterher, macht aber gute Miene zum bösen Spiel. Sie ist die realistische und überschaut die kargen Finanzen, meist ist es nur eine Handvoll von Münzen, die sie nicht gerne für „Luxus“ herausrückt. Je länger sie unterwegs sind, umso mehr kommt Moth zu Kräften und nach einem Tablettenentzug zur „Heilung“. Anderson und Isaacs  spielen so überzeugend, dass man ihnen jede Verzweiflung und Glücksregung in dieser atemberaubenden, unwirtlichen Landschaft abnimmt. Ihnen zuzuschauen, wie sie diese Herausforderungen meistern, ist großes Kino. Die Vögel werden für sie Symbol der Freiheit, für alles, was sie verloren haben und durch den Verlust wiedererlangt haben: Moth: „Ein Haus ist nur eine Unterkunft. Aber wahre Freiheit habe ich erst auf dem Weg gefunden.“ Man glaubt ihnen alles und begleitet sie gerne auf diesem Weg.

Leider entspricht die Geschichte, die Raynor Winn im „Salzpfad“ erzählt, nicht ganz den wahren Begebenheiten.  Nach Recherchen einer Journalistin des Observer sind die Voraussetzungen doch brüchiger, als sie in dem Bestseller dargestellt werden. Das sollte man nicht im Hinterkopf haben, wenn man sich „Der Salzpfad“ im Kino anschaut. Ändert es etwas an der Qualität des Filmes und der Schauspieler? Nein. Aber wenn man darüber nachdenken würde, dass die Autobiographie vielleicht zu sehr geschönt war, dann bekommt das Ganze doch einen unguten Nachgeschmack.

Man könnte es aber auch so sehen: Die Regisseurin Marianne Elliot hat mit Gillian Anderson und Jason Isaacs einen schönen Liebesfilm geschaffen, der seinesgleichen in der heutigen Zeit sucht. Einen Aufmunterungsfilm, dass alles zu schaffen ist und auch die schlimmste Krise ein glückliches Ende haben kann. Wahrheit hin oder her.

Warum „Flow“ der beste Animationsfilm ist

Flow“ wurde bei der diesjährigen Oskar-Verleihung mit dem Oskar als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Schon vorher hatte der Film aus Lettland einen Golden Globe und viel Aufmerksamkeit bei Festivals erhalten. Was macht diesen weniger als 4 Mio. teuren Film so besonders, dass er gegen „Vaiana 2“ gewinnen konnte, dessen Produktionskosten 989 Millionen US-Dollar betrugen?

Die Katastrophe

Eine junge Katze streunt durch den Wald, sie wird von einer Meute Hunde gehetzt, ist eine Einzelgängerin, hat große Angst vor Wasser und kehrt schließlich in ihr Haus zurück, um im Bett eines Katzenliebhabers zu schlafen. Im Garten stehen riesige Katzenfiguren, aus Holz geschnitzt, im Erdgeschoss sind Skizzen der Katze zu sehen. Das Haus ist verlassen, die Menschheit scheint ausgelöscht, nur mehr der Zerfall und Ruinen verweisen auf die Spuren menschlicher Existenz. Hatte es eine Umweltkatastrophe gegeben? Was war passiert?

Auf einem ihrer Streifzüge durch eine idyllische Natur kommt ihr eine Herde Wild in rasendem Tempo entgegen, der kurz darauf eine riesige Flutwelle folgt. Jetzt beginnt ihr Überlebenskampf, sie wird vom Wasser mitgerissen, es rauscht und dröhnt, gurgelt und zischt, verschlingt und gibt sie endlich frei. Die Panik ist ihren großen gelben Augen anzusehen, wir haben große Angst um sie und können erst aufatmen, als sie sich erschöpft auf ein leuchtend oranges Segelboot rettet. Dort ist sie nicht allein, denn ein faules Wasserschwein hat es bereits in Besitz genommen. Zunächst herrscht Angst und Misstrauen zwischen den beiden Tieren. Mehr und mehr Tiere suchen Schutz im Boot: ein gutmütiger Golden Retriever, ein raffgieriger Lemur und ein verletzter Sekretärsvogel, der bald das Steuer übernimmt. Nach und nach baut sich Vertrauen auf, denn die Tiere können nur überleben, wenn sie kooperieren. Es warten noch viele Gefahren und Herausforderungen auf sie und alle fünf lernen über sich hinauszuwachsen. Die Katze muss ihre Unabhängigkeit aufgeben, ihre Angst vor den Abgründen des Wassers überwinden, um Fische zu fangen. Der habgierige Lemur lernt zu teilen und der sanfte, verspielte Hund entwickelt Eigeninteressen.

Die tierische Gemeinschaft segelt ins Unbekannte, in eine Welt voller bedrohlicher Naturgewalten, atemberaubender Schönheit und gefährlicher Feinde. Es geht um Leben und Tod, um einen sicheren Bleibeort, um Gemeinschaft und vor allem um eine Welt, die ihre Schönheit und Gefährdung offenbart. Auf der Mastspitze hockend, fasziniert von gefluteten Ruinenstädten und einem aus der Tiefe hervorgelockten Urzeitwal, begleiten wir die Katze auf dieser Odyssee.

Der Neubeginn

In einer außer Band und Rand geratenen Natur, so die Aussage des Films, kann man nur überleben, wenn man das Eigeninteresse zurücksetzt und soziale Fähigkeiten entwickelt, ohne seine Individualität aufzugeben. Da der Film keine menschliche Sprache verwendet, werden die Tiere nicht vermenschlicht, sondern kommunizieren nur durch tierische Laute, Gesten und Mimik. Realistische Stimmen der jeweiligen Tiere wie Miauen, Grunzen und Zwitschern wurden eingesetzt und auch die Musik treibt die Handlung auf dramatische Weise voran. Die Tiere behalten ihre Eigenschaften bei, sie verhalten sich wie Tiere und wer Katzen und Hunde liebt und gerne beobachtet, wird sie in ihren Eigenheiten wiedererkennen. Das Großartige ist, dass der Film auch ohne Dialoge funktioniert und jeder die Handlung versteht, weil man sich emotional mit den Tieren und der Geschichte verbindet. Um das zu erreichen, so sagte der Regisseur Gints Zilbalodis in einem Interview, mussten sehr viele Katzenvideos geschaut werden. Dass er selbst eine schwarze Katze und einen Golden Retriever hat, erleichterte sicherlich seine Arbeit.

Der Film wurde mit der frei verfügbaren Software Blender, einer 3D-Grafiksoftware, hergestellt. Die verschiedenen Formen und Zustände von Wasser, die Wasserspiegelungen und Geräusche, originalen Tiersounds werden so realistisch dargestellt, dass man in den „Flow“ des bildgewaltigen, emotionalen Filmes hineingezogen wird und Raum und Zeit völlig vergisst.

Es brauchte dazu einen jungen lettischen Regisseur und ein sehr kleines Team aus Europa, gepaart mit viel Mut und Kreativität zu Neuem.

Die Saat des heiligen Feigenbaums (Iran, 2024)

Schon bei der Viennale hatte ich versucht, Karten für diesen hochgelobten Film zu bekommen. Sie waren nach wenigen Minuten ausverkauft. Viele hatten von den gefährlichen Umständen der Entstehung des Films bereits bei den Filmfestspielen in Cannes erfahren, denn er wurde heimlich im Iran gedreht. Der Regisseur konnte sich nur durch Flucht vor einer langjährigen Haftstrafe und Peitschenhieben nach Europa retten. Eines sei vorweggenommen: „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof dauert über drei Stunden und wird Sie bis in die Träume hinein verfolgen.


Dabei fängt die Geschichte recht harmonisch an. Eine Familie lebt gut situiert in Teheran, Iman, der strenggläubige Vater wird zum Ermittlungsrichter am Revolutionsgericht befördert, ein Wunsch, den er für 20 Jahre gehegt hat. Die Mutter Najmeh erhofft sich dadurch eine größere Wohnung, die beiden Töchter sollen endlich ein eigenes Zimmer bekommen. Der Aufstieg des Vaters innerhalb des Regimes würde ein luxuriöses Leben, wenn auch mehr Pflichten für die Familie ergeben. Kurze Zeit später gerät diese Hoffnung in Schieflage. Der Vater muss erkennen, dass er einen ungewollten Pakt eingegangen ist, da er nun lange Gefängnisstrafen oder Todesurteile, ohne viel Prüfung, unterschreiben muss. Wenn nicht, sei es vorbei mit dem besseren Leben. Die Mutter, ganz um das Wohl ihres Ehemannes besorgt, gibt ihm Schlaftabletten, damit er die aufschreckenden Alpträume bezwingen kann. Die beiden Töchter, Rezvan 21 und Sana 16 Jahre alt, schicken sich heimlich Videos zu, die die Proteste gegen das autoritäre Regime zeigen. Ausgelöst wurden diese durch den Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Der Vorfall hatte zu den größten landesweiten Protesten für Frauenrechte im Iran geführt. Entsetzt schauen sich die Töchter die brutalen Videos von Polizeiübergriffen an und sympathisieren immer mehr mit der Bewegung „Frauen. Leben. Freiheit“. Als dann noch die beste Freundin der älteren Tochter schwer verletzt wird, brechen die Gräben auch innerhalb der Familie auf und alle werden gezwungen, Farbe zu bekennen.


Jetzt nach zwei Jahren der gewaltsamen Niederschlagung scheint wieder Ruhe im Iran eingekehrt zu sein. Viele DemonstrantInnen, vor allem junge Mädchen, sind, wenn nicht ermordet, körperlich und seelisch, wie die beste Freundin, schwer gezeichnet. Darauf nimmt der Film Bezug und holt die Gräueltaten des Regimes aus dem Jahre 2022 in unsere Kinos. Rasoulof selbst saß während der Proteste in einem iranischen Gefängnis. So konnte er die Ereignisse erst im Nachhinein mittels Handyaufnahmen mitverfolgen. Diese sind in die Handlung des Films eingebaut. Auf die Freude der Frauen, die singend und tanzend mit wallenden Haaren durch die Straßen ziehen, folgen Blut und Tränen, Schüsse und Verhaftungen.
Alles, was an schönen Kindheitserinnerungen an einen liebvollen Vater vorhanden ist, wird mehr und mehr zerstört, als die beiden Töchter dem Vater widersprechen. Die Brutalität und Paranoia des Regimes finden ihre Entsprechung im Handeln des Vaters. Nun geht es um Überleben oder Tod. Der Vater kehrt in das einsame Haus seiner Kindheit zurück, vordergründig um seine Familie zu beschützen, in Wirklichkeit, um sie zu verhören.


Was den Film so beklemmend macht, ist, dass man in einem warmen Grazer Kino sitzt, um sich herum die Vielfalt der österreichischen Bevölkerung, auch einige IranerInnen. Wir, mit all unseren Rechten und Freiheiten, werden mit einer patriarchalischen Gesellschaft konfrontiert, in der Frauen mit all ihrem Mut und Einsatz um Freiheit und Würde kämpfen und wieder einmal scheitern.
Gibt es Hoffnung für die Frauen im Iran? (Siehe meine Filmkritik zu „Hit the Road“) Nach der Aussage des Filmes auf jeden Fall. Der Film wird im zweiten Teil zu einem Psychothriller, ist so spannend und verwirrend, gleich einem Labyrinth, dass man ganz erstarrt, dort selbst lange feststeckt.


Mohammad Rasoulof sagte in einem Interview, dass er zwei Stunden Zeit hatte, um vor der drohenden Verhaftung das Land zu verlassen. Er habe die Tür seines Hauses in Teheran abgeschlossen, Abschied von seinen geliebten Pflanzen genommen und sei dann aufgebrochen, um weiterhin Geschichten aus seiner Heimat erzählen zu können.

Die Frau im Nebel (2023)

Seit meine jüngere Tochter ihre Masterarbeit über koreanische Filme geschrieben hat, bin ich ein Fan von koreanischem Kino. Selten wurde ich von den Produktionen enttäuscht, meist ging ich mit einem Gefühl der Erfüllung und Freude, einen wirklich guten Film gesehen zu haben, aus dem Kino. Dies gilt auch für Serien, die mich mithilfe von Netflix in Österreich erreichen. Der Film „Die Frau im Nebel“ („Decision to leave“) ist derzeit in vieler Munde, wird rege in den Zeitungen besprochen und natürlich sah ich den Film in Originalsprache mit deutschen Untertiteln. Ich mag das Koreanische, es hat etwas Urgewaltiges, etwas Tiefes, man glaubt sich in einem Land, in dem es noch echte, unverfälschte Emotionen gibt, die einen wie das Meer mitreißen.

Davon handelt der Film. Eigentlich ist es ein Film Noir, es gibt einen Mord, einen Kommissar und eine Verdächtige. Kommissar Hae-joon (Park Hae-il) bemüht sich mit großer Hingabe, einen Selbstmord (oder war es ein Mord?) aufzuklären. Ein Mann ist von einem Felsen gestürzt. Er verhört, observiert die verdächtige Ehefrau Seo-rae (Tang Wie) und ist misstrauisch, wie es sich für einen guten Kommissar gehört. Sie ist Chinesin, die von ihrem Mann, der in der Ausländerbehörde arbeitete, eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte. Dafür wird sie misshandelt und seine Initialen sind in ihrem Körper eingraviert. Hatte sie aber überhaupt die Möglichkeit, ihn von einem hohen Felsen in den Tod zu schicken? Denn sie pflegt hingebungsvoll alte Menschen und hat ein stichfestes Alibi. Sie kann es nicht gewesen sein. Außerdem übernimmt sie bald auch die Pflege des an Insomnie leidenden Kommissars, den sie mit Atemübungen in den Schlaf wiegt. Natürlich sind die Grenzen zwischen Beruf und Privatem längst überschritten, er kocht für sie ein „singuläres“ chinesisches Gericht und obwohl schon mit der Angeklagten emotional tief verstrickt, findet er immer mehr Indizien, die darauf hinweisen, dass sie doch die Mörderin sein könnte.

So bricht er alle Zelte in Busan ab und kehrt nach Ipo zu seiner emanzipierten Frau zurück, mit der er über 16 Jahre eine Wochenendehe geführt hatte, wo es außer Nebel und Schildkrötenentführungen keine anderen Verbrechen gibt. Aber eines Tages begegnet das Paar auf dem Fischmarkt einem anderen Paar, Seo-rae und ihrem Mann, und kurze Zeit später passiert ein Mord. Ihr neuer Mann ist ermordet worden. Und alles beginnt von vorne.

Die Aufklärung der Morde, die ja einen guten Krimi ausmacht, wird kunstreich und fast nebenbei erzählt. Aber kommt die Gerechtigkeit zum Durchbruch, werden die Morde gesühnt? Dies soll hier natürlich nicht verraten werden, aber eines schon: Verwirrende Gefühle kommen dem Kommissar in die Quere und lange ist man sich nicht sicher, ob er nicht von der Angeklagten manipuliert wird, damit sie erreicht, was ihr Ziel ist. Das Interessante ist, wie sehr wir verstehen können, warum der Kommissar so stark auf die Verdächtige reagiert. Wie bedürftig er ist, in einem Leben, das von ungeklärten Morden und zu viel Pedanterie überschattet wird, in einen erholsamen Schlaf zu fallen und aus seinem geordneten, sterilen Leben auszubrechen. Auch er sehnt sich nach Kontrollverlust, nach Leidenschaft, um die quälenden Bilder der Mordopfer vergessen zu können. Er kocht, putzt, sorgt sich, beobachtet und hält mittels Apple Watch alles fest, ist körperlich fit, kann kombinieren und verzweifelt.

Natürlich geht es, wie sich am Schluss herausstellt, vor allem um Liebe und wer wen mehr liebt und bereit ist, dies auch durch Taten zu zeigen. Es ist sehr überraschend, dass die Irrungen und Wirrungen der Liebe so sanft und zart den Film begleiten, obwohl der Film nur ganz wenige  Berührungen zeigt. Am Ende wird man erschüttert sein, wohin das Katz-und-Maus-Spiel führt.

Um den Film wirklich zu verstehen, muss man ihn zweimal sehen, alles ist kunstvoll angelegt und wird erklärt. „Die Frau im Nebel“ lässt einem zurück mit starken Gefühlen und der Sehnsucht, dass man gerne wieder in Korea wäre, um in Busan den Fischmarkt entlang zu schlendern, Soju trinkend und frischen Aal essend, die prächtigen Tempel dort besuchend und vor allem das gewaltige Meer, das am Schluss die Wahrheit ans Licht bringt.

Ein großartiger Film von Park Chan-wook , der dafür in Cannes den Preis für die beste Regie gewonnen hat, getragen durch die beiden Hauptdarsteller und dem Konflikt zwischen Liebe und Gerechtigkeit.

The Banshees of Inisherin (2022)

Freundschaft ist ein wunderliches Ding, sie kann entstehen und vergehen, man wünscht sich, dass sie ewig hält, aber sie ist sehr zerbrechlich. Sei es, dass man sich auseinanderentwickelt, dass zu viele Missstimmungen hineingeraten oder ein einziger Verrat nicht mehr zu kitten ist. Beste Freunde gibt es viele und man hofft, dass man wenigstens einen/eine im Leben hat.

Um Freundschaft geht es in dem irischen Film „The Banshees of Inisherin“, genauer gesagt um eine, die abrupt aufgekündigt wird. Man begibt sich in die zwanziger Jahre auf eine einsame irische Insel von abweisender Schönheit, besiedelt von vereinzelten Höfen und kargen Menschen. Mittelpunkt des sozialen Lebens ist wochentags das Pub und am Sonntag die Kirche. Hier begegnen wir Padraic (Colin Farrell), der gerade unterwegs ist, seinen Freund Colm (Brendan Gleeson) zum täglichen Pubbesuch abzuholen. Glücklich und leichten Schrittes geht er den Hügel hinab zum Haus seines Freundes, idyllisch am Meer gelegen. Aber der macht ihm nicht auf, später erfährt er den Grund: „I just dont`t like you no more.“ Padraic kann und will den Abbruch nicht akzeptieren. Die Insel und die Auswahl an Freunden ist klein, er lebt zwar mit seiner klugen Schwester Siobhan (Kerry Condon) harmonisch zusammen, die leidenschaftlich gerne liest. Er hingegen liebt die Käseherstellung und seine Tiere, vor allem aber seine Eselin Jenny und erfreut sich daran, ausführlich über sie zu erzählen. Colm, der ein alternder Folkmusiker ist, findet das nun langweilig und möchte sich fortan als Künstler ganz seinem Werk widmen, um von der Nachwelt nicht vergessen zu werden. Die Freundschaft zu Predraic mit seinem einfachen Gemüt steht seiner Selbstverwirklichung als Musiker im Weg.

Was passiert, wenn einer das plötzliche Ende einer langen Freundschaft nicht verstehen und akzeptieren will und der andere es aber bitterernst meint? Davon handelt der Film, er erzählt von der Schönheit einer kleinen irischen Insel, auf der nur wenige Menschen leben, er erzählt und Chancen und Möglichkeiten, von Enge, menschlichen Schwächen und Destruktion. Am Festland tobt der irische Bürgerkrieg, der manchmal mit Rauch und Detonationen herüberschallt. Dieser findet nun auf der Insel sein Gegenüber in Form von zwei Männern, deren ehemalige Freundschaft mehr und mehr übergeht in Wahnsinn und Gewalt. Kälte und Starrsinn dringen in den Kosmos des kleinen Dorfes ein, in dem die Welt oberflächlich geordnet und harmonisch erscheint, aber sich nun Abgründe auftun. Der Streit eskaliert immer mehr, jede Vernunft geht verloren und schließlich stehen sich die beiden Protagonisten in tödlicher Feindschaft gegenüber. Der herzensgute und tierliebende Padraic rüstet zum Vernichtungsfeldzug.

Colin Farrell spielt Padraic mit einer so großen Wärme und Offenheit, sodass schwer zu verstehen, warum Colm nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Er ist ein guter Mensch, nett, verträglich, friedfertig und möchte, dass alles so bleibt wie immer. Colm Doherty, der von Brendon Gleeson verkörpert wird, ist um einiges älter, seine Verzweiflung und Einsamkeit haben sich tief in sein Gesicht eingekerbt. Er erkennt seine Endlichkeit, möchte dem Mittelmaß entkommen und als Künstler unsterblich werden und nimmt sich die Freiheit heraus, dies gegen alle äußeren Hindernisse und sozialen Gepflogenheiten zu tun.

Es ist dem Regisseur Martin McDonagh zu verdanken, dass man für beide Männer Sympathien entwickeln kann, denn niemand ist eindeutig und klar im Recht bzw. Unrecht. Der Bürgerkrieg, der am Festland tobt, setzt sich auf der friedlichen Insel fort. Die Banshee, die Todesfee, ist allgegenwärtig und verbreitet schon lange Angst und Schrecken.

Nachdem man den Film gesehen hat, ist gewiss: Trotz vieler witziger Dialoge und schöner Landschaft ist die Handlung rau, unvorhersehbar und verlangt einem einiges ab. Aus den ersten dreißig Sekunden von Glück und Heiterkeit ist ein Meer von Schuld und Trauer geworden, die beiden großartigen Schauspieler haben das Ihre dazu beigetragen.

 “But You´re Mine” (Licorice Pizza, 2022)

Wenn man Paul Thomas Andersons hochgelobten Film „Magnolia“ aus dem Jahr 1999 sieht, ist man  ganz nahe an Menschen, die samt und sonders gescheitert sind, man sieht rücksichtslosen, erfolgreichen weißen Männern beim Sterben zu, Frauen, die nicht genau hingesehen haben oder nur auf das Geld der Männer aus waren, und erwachsene Kinder, die an diesen Familienverhältnissen zerbrochen sind: Der Sohn ist ein selbstgefälliger, aggressiver und frauenfeindlicher Sex Guru geworden, die Tochter, menschscheu und neurotisch, hat sich vollkommen in der Drogenwelt verloren.

Nun hat Anderson einen Film gedreht, der uns in die siebziger Jahre nach Los Angeles, genauer gesagt, hinunter ins San Fernado Valley führt. Hauptfiguren sind diesmal vom Leben unverbrauchte Jugendliche. Der Coming-of Age-Film zieht alle Register, die man erwartet: Die erste große Liebe eines Fünfzehnjährigen, die nicht so leicht zu erobern ist, weil die Angebetete schon 25 ist und mit dem aufdringlichen, aber selbstbewussten Grünschnabel noch nichts anzufangen weiß. Dieser kann sich jedoch schon geschickt als Kinderstar vermarkten, hat seine eigene PR-Agentur, gründet eine Firma, die Wasserbetten verkauft, eröffnet einen Flipperladen, will Profit machen und einfach hoch hinaus im Leben. Dabei unterstützt ihn die volljährige Alana und lässt sich für allerlei Dienste und Jobs einspannen. Gemeinsam erleben und überleben sie jugendlichen Leichtsinn, tricksen präpotente Käufer aus und lassen sich so einiges an Schabernack und Zerstörung einfallen. Ständig sind sie unterwegs, im Auto oder Lastwagen, so fährt Alana wegen der Ölkrise wagemutig einen Laster rückwärts den Berg hinunter. Auch wird viel gelaufen, immer aufeinander zu und dann wieder voneinander weg, Ideen werden geboren und wieder verworfen, man trinkt Pepsi mit Eis, lacht viel und hört Wohlfühlmusik von Sunny & Cher bis David Bowie. Ein Leben, wie man es sich für Jugendliche in Los Angeles in den Siebzigern vorgestellt hat, aufregend und leicht, ewiger Sonnenschein, alles ist möglich, viel Freiheit und Spaß miteinander. Nur in der Liebe geht es nicht voran, die Annäherung zwischen den beiden will nicht klappen, obwohl sie ständig zusammen sind. Andere Partner werden ausprobiert, die entweder dem Vater von Alana zu wenig jüdisch oder Gary zu jung und unerfahren sind, sodass nichts dabei herausschaut.

Jugend und Unbeschwertheit zeichnen „Licorice Pizza“ aus, man ist jede Minute mittendrin in dieser bunten Pastellwelt. Man erfreut sich an Alana, die lange Haare und Miniröcke trägt, und auch ohne Make-up umwerfend schön ist, und an Gary, der in engen weißen Hosen, Pickeln im Gesicht und ein bisschen zu viel auf den Hüften einfach nur sexy ist.

Diese beiden Figuren tragen den Film und stellen alle anderen in den Schatten: Alana (gespielt von der Indie-Musikerin Alana Haim) und Gary (Cooper Hoffman, er ist der Sohn von Philip Seymour Hoffman). Beide spielen ihre Rolle, die ihre erste ist, so großartig, dass man jede Sekunde gebannt in ihre Gesichter und auf ihre Körper schaut. Man freut sich über jedes Lächeln, das ihnen das Leben und die Liebe schenkt, fiebert mit, wenn sie wieder einmal durch die Straßen laufen, ist gespannt, was sie sich zu sagen haben, ob sie einander endlich berühren, und fühlt das Knistern, das zwischen ihnen herrscht und nach Erfüllung strebt.

Möglicherweise ist es das, was der Film uns sagen will: Wie wenig man in seiner Jugend erkennen kann und wie sehr man im Nebel der Erwartungen anderer herumschwirrt, seien es gesellschaftliche Konventionen, Familie oder Freunde. Der Film bricht Tabus, deckt Verlogenheiten auf und fordert Wahrhaftigkeit ein. Wie schwer dies schon in der Jugend ist, zeigt der Film anhand dieses ungleichen Paares.

The Power of the Dog (2021)

Lange hat es gedauert, bis dieser Film auch in Österreich zu sehen war. Die Kinos waren wieder einmal geschlossen, denn unser Land befindet sich nun schon im vierten Lockdown. Aber nun ist auch hierzulande der Film endlich auf Netflix zu sehen. Und die Regisseurin, Jane Campion, hat für das Filmdrama in Venedig den Silbernen Löwen für beste Regie bekommen, die Vorfreude also groß.

Der Spätwestern führt uns nach Montana ins Jahre 1925. Dort lebt ein Brüderpaar, das eine einsame Rinderfarm bewirtschaftet. Gleich zu Beginn ist klar, wer das Sagen dort hat. Es ist Phil Burbank (Benedict Cumberbatch), einer, der nicht gerne badet und stinkt, der seinen sanften Bruder George (Jesse Plemons), der auf Sauberkeit und schöne Kleidung Wert legt, dominiert. Phil ist noch ein Cowboy der alten Schule, frei von Sanftheit, Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme. Wozu dies führt, zeigt die nächste Episode, in der die Männer ihr Vieh in eine Kleinstadt treiben, in der die Witwe Rose (Kirsten Dunst) mit ihrem Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) ein kleines, aber feines Hotel führt. Bereits beim Essen kommt es zum Eklat, weil Phil die filigrane Papierblume, die Peter gebastelt hat, als Zigarettenzünder verwendet und er sich über Peters noble Art zu servieren lustig macht. Die Kraft des Hundes ist geweckt. Rose muss über diese Grobheit in der Küche weinen, während Peter draußen mit dem Hula-Hoop-Reifen übt. Alles geht sehr schnell: denn George verliebt sich in die schöne Rose, besucht sie ein paarmal mit dem Auto, bevor er sie dem überraschten Phil als Ehefrau ins Haus bringt. Dieser ist irritiert und verletzt, denn nun muss er alleine in seinem Zimmer schlafen und als Vergeltung dafür, dass er sich ausgeschlossen fühlt, drangsaliert er Rose aufs Widerlichste, die sich mehr und mehr im Alkohol verliert.

Als der schmalhüftige Sohn seine Mutter besucht und ihr Elend mitbekommt, beginnt sich das Blatt langsam und überraschend zu wenden.

Wer jetzt von der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion einen Western erwartet, wird enttäuscht sein. Denn es steht zwar ein echter Cowboy mit seiner Farm im Mittelpunkt, der einen Mann namens Branco Henry nostalgisch verehrt. Dieser habe, so erzählt Phil, ihm einst das Reiten beigebracht und der Sattel des Helden wird in der Scheune wie ein Heiligtum gehegt und gepflegt. Phil möchte so wie Branco sein und darf keine Schwäche zeigen. Er ist ein brutaler Fiesling und ein begabter Banjo spielender Altphilologe, aber wenn er im grünen Gras liegt, ein ganz anderer: träumerisch, voller Sehnsucht sich mit dem Halstuch von Branco berührend, aber streng darauf bedacht, dass ihn niemand dabei sieht. Sein Bruder George weist schon in die Zukunft, indem er Auto fährt und sich einfühlsam und liebevoll um die zerrüttete Rose kümmert.

Auch Phil will aus Peter einen richtigen Mann machen, der keine Angst mehr vor Hunden, Pferden und abschüssigen Hügeln hat. Dieser lässt es mit sich geschehen und er umgarnt dabei Phil mit eindeutigen Gesten und Bewegungen, ohne dass er sein Ziel aus den Augen verliert. Ein Spiel, das zugleich ein Machtkampf ist, beginnt zwischen den beiden, die ihre Motive nicht offenlegen bzw. nicht kennen. Es wird in diesem Western nicht mehr mit Gewehren geschossen, sondern mit Erotik und Verführung. Es geht um Schutz und Zerstörung, um Überleben und Tod und schlussendlich gewinnt der, der sich seiner Identität bewusst ist.

Dass ein so archaisches Thema von einer neuseeländischen Regisseurin aufgegriffen wird, zeigt, dass vieles im Aufbruch und Wandel ist. Toxische Männlichkeit ist passé, der neue Mann ist einer, der Frauen versteht und sich für ihr Glück einsetzt.

Hit the Road (IRN 2021)

Wenn man in das Jahr 2016 zurückblicken und auf meinen Blogbeitrag „DISPLACED“- Vordere Zollamtsstraße 7“ stoßen würde, könnte man darin lesen, was eine Wiener Schulkasse samt ihrer Lehrerin beim Besuch in Österreichs größter Flüchtlingsunterkunft erlebt hat. Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die gerade einen langen Weg hinter sich hatten, erschöpft und erleichtert, dass sie ihn überlebt und dort angekommen waren, wo sie auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Nachkommen hoffen konnten. Wir alle wussten damals noch nicht, was sich in den nächsten fünf Jahren verändern wird, nach der Flucht, viele sind weitergezogen, einige sind geblieben, wenige haben bereits maturiert, andere kämpfen noch immer um ihr Aufenthaltsrecht oder wurden bereits in ihre Heimat zurückgeschickt.

Der Film „Hit the Road”, der gestern im wiedererstrahlten Gartenbaukino im Rahmen der Viennale und in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt wurde, startet am Beginn dieser Reise. Eine Familie, bestehend aus dem Familienpatriarchen (Hassan Madjooni), der Mutter (Pantea Panahiha), zwei Söhnen und Hund, ist unterwegs, zunächst auf einer Landstraße, es scheint Richtung Westen zu gehen.

Ein langer Stopp am Straßenrand gibt erste Hinweise, dass es keine Urlaubsreise sein wird. Es herrscht eine gereizt-distanzierte, aufgeheizte Stimmung im Inneren des Autos. Der älteste Sohn (Amin Simiar), mürrisch und teilnahmlos, ist ausgestiegen und es ergreift einem die Angst, dass er nicht mehr einsteigen wird. Im Auto, einem Leihwagen, zeigt ein überdrehter, neunmalkluger Sechsjähriger (Ryan Sarlak), was er kann. Der Vater, hinten sitzend und wegen eines überdimensionalen Gipses seit drei Monaten bewegungsunfähig an Armen und Beinen, versucht ihn mit Witz und Charme zu beruhigen, was nicht gelingen wird. Die schöne Mutter, wie ihr Mann immer wieder betont, ringt um Fassung, aber zunächst um die Herausgabe des Handys, das der Jüngste heimlich wegen einer Liebschaft bei sich trägt.  Es wird am Straßenrand vergraben. Keine Handys seien erlaubt, heißt es immer wieder. Die Reise führt in die Berge, es ist von einem verkauften Haus der Mutter die Rede, von viel Geld, das bereits bezahlt worden war und man nicht weiß, ob man dem Mittelsmann trauen kann.

Die Mutter fühlt sich verfolgt, man macht an einem heruntergekommenen Ort eine lange Klopause, in der Mutter und Sohn auf einer Bank sitzen. „Geh nicht!“ stößt sie hervor, bevor sie ihn mitrauchen lässt und ihm vorhält, zu viel zu rauchen. Dann sitzt sie allein auf einer Mauer, nach Westen blickend, beobachtet von ihrem Mann, der ihr in ihrem Schmerz nicht beistehen kann. Immer karger wird die Landschaft, sie führt zu Schafen und Männern, die noch mehr Geld wollen und auf Motorcross-Maschinen bedrohlich-verhüllt die Berge hinauf- und hinunterknattern. Mehr sei hier nicht verraten.

Nur, dass Vater und Sohn am Schluss auf einer Sternenfahrt unterwegs ins All sind.

Der junge Regisseur Panah Panahi, es ist sein erster Film und er schrieb auch das Drehbuch, war ganz „berührt von seinem Film“. Er antwortete auf die Frage, ob der Film im Iran gezeigt werde könnte, dass der Film nicht so sehr wegen des Themas, Emigration, sondern wegen der Musik im Iran nicht im Kino gezeigt werden würde. Denn Musik spielt eine zentrale Rolle und in dieser finden die Gefühle ihren Ausdruck, die im Augenblick nicht gelebt werden dürfen. Dass die Mutter schließlich das Steuer in die Hand nimmt und lautstark mitsingt, könnte als Symbol der Hoffnung für dieses Land gedeutet werden. Frauen, die sich im öffentlichen Raum verhüllen und ständig mit Sanktionen rechnen müssen, bietet das Auto die Möglichkeit, ihren unterdrückten Gefühlen freien Lauf zu lassen und Freiheit und Identität zu atmen. Ihre Fahrt geht aber nicht gegen Westen, sondern zurück nach Teheran, woher die Familie gekommen ist.

Viel Applaus erntete eine Frau aus dem Iran, die dem Regisseur für den Film dankte, dass er das einfangen konnte, woran wir bei unserem Besuch im Flüchtlingswohnheim 2016 nicht gedacht hatten: an den Schmerz der Zurückgebliebenen.

Mehr als ich manchmal verkraften kann …

Erinnert man sich an die achtziger und frühen neunziger Jahre in der Hauptstadt zurück, ist die Frauenbewegung omnipräsent. Gern und häufig wurden die Frauenbuchhandlung, – demonstrationen und -feste besucht und sogenannte Frauenliteratur in Unmengen verschlungen. Es gab ein starkes Solidaritätsgefühl unter Frauen. Und eine Frau schien der Motor dieses feministischen Aufbruchs in Österreich zu sein: Johanna Dohnal, über die in den Medien, in Stadt und Land im Guten, mehr noch im Bösen gesprochen wurde. Jetzt hat die Regisseurin Sabine Derflinger unter dem Titel „Die Dohnal“ eine Dokumentation über das Leben und Wirken dieser Ausnahmepolitikerin herausgebracht.

Für alle diejenigen, die Johanna Dohnal noch nicht kennen: Sie war eine SPÖ-Politikerin, ab 1979 Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen, ab 1990 erste österreichische Frauenministerin, bevor sie 1995 von Bundeskanzler Franz Vranitzky entlassen wurde, indem sie davon aus der Zeitung erfuhr. Die Dokumentation verfolgt ihren Aufstieg in der Partei von der Bezirksrätin bis ins Ministerium und lässt viele Mitstreiterinnen der damaligen Zeit und junge Feministinnen von heute zu Wort kommen. Es wird gezeigt, gegen welche Widerstände sie ankämpfen musste, aber vor allem welche weitreichende Umgestaltung der österreichischen Gesellschaft durch ihre Politik möglich war. Einige Reformen seien hier genannt:  das gesetzliche Verbot von sexueller Belästigung, das Betretungsverbot bei Gewalt in der Ehe, die Beseitigung der Amtsvormundschaft bei ledigen Mütter, Gleichbehandlungsgetze für den öffentlichen Dienst und die Frauenquote an Universitäten und in Ministerien, die Einführung von Frauenhäusern und Väterkarenz. Ihr Einsatz für Gleichberechtigung und die Verbesserung der Situation der Mädchen und Frauen war unermüdlich und aufreibend. Wir erleben sie im Club 2, in Interviews, aber auch im Gespräch mit Bäuerinnen und Arbeiterinnen. Immer ist sie authentisch, neugierig, schlagfertig und um Aufklärung bemüht. Interessant sind auch die Aussagen aus ihrem familiären Umfeld, ihrer Tochter, Enkelin, Lebensgefährtin, ihrer Mitarbeiterinnen, die uns den Menschen Johanna Dohnal hinter der politischen Bühne näherbringen. Sie lassen uns erfahren, dass der Druck auf sie enorm war, dass jeden Tag Unmengen Post von Rat suchenden Frauen im Ministerium einflatterten, die beantwortet werden mussten und  teilweise auch aus schierer Unmöglichkeit, von ihren Mitarbeiterinnen zum Verschwinden gebracht wurden. Ihre Enkelin beklagt, dass heute niemand mehr den Namen ihrer Großmutter kenne, ihre Lebensgefährtin berichtet von Kotzattacken nach schwierigen Sitzungen und  sie selbst antwortet in einem Interview auf die Frage, ob die „ewige Frauenfrage“  ihr ganzes politisches Leben ausfülle mit: „Mehr als ich manchmal verkraften kann“.

Weil Johanna Dohnal als Politikerin und Privatperson gezeigt wird, scheint es nicht verwunderlich, dass das Interesse an dem Film so groß ist. Und wenn man ein Interview mit einem österreichischen Politiker bzw. einer Politikerin derzeit mitverfolgt, kann man sich nur wundern, was in der Zwischenzeit passiert ist. In den Aussagen von Johanna Dohnal werden drängende gesellschaftspolitische Fragen benannt, wodurch den Angreifern Tür und Tor geöffnet wird. Schon das allein zu erleben, wie ehrlich und verletzbar sie agierte,  tut wohl. Johanna Dohnal war eine „Politikerin mit Haltung und Herz“, mit Ecken und Kanten, stolz und verzweifelt, klug und voll unbändiger Energie, aufgebrochen, dem Patriarchat in Österreich den Garaus zu machen.

Die Dohnal

Die besten Filme von 2019

In meinem letzten Blog habe ich mich mit den besten Serien des Jahres 2019 auseinandergesetzt. Möglicherweise waren Überraschungen darunter. Bei den von mir nominierten Filmen sollte es keine geben.

Den dritten Platz nimmt ein gesellschaftskritischer Film aus Korea ein, über den ich schon in einem früheren Beitrag ausführlich geschrieben habe: „Parasite“ ist witzig, spritzig gemacht und hat eine tiefgründige Botschaft, die man sich erst einmal erschließen muss.

An die zweite Stelle reihe ich Quentin Tarontinos „One upon a time in Hollywood“,  der uns nach Los Angeles in den Siebzigern entführt und von den schönen und hässlichen Seiten dort erzählt.

Den ersten Platz nimmt ein Film ein, der von der Kritik hochgelobt wird, aber ein tieftrauriges Thema behandelt, eine Trennungsgeschichte. „Marriage Story“ ist aber so unkonventionell, dass man gleich am Beginn glaubt, in eine Liebesgeschichte hineingeraten zu sein.

Wir lernen den Theaterregisseur Charlie (Adam Driver) und seine Frau Nicole (Scarlett Johansson) kennen, die in einer gemütlichen Wohnung in New York mit ihrem achtjährigen Sohn Henry leben.  Beide sagen uns gleich am Beginn, was sie am anderen schätzen. Es gibt viel Gutes zu erzählen und so sind uns die beiden Figuren gleich von Anfang an sympathisch. Erst nach und nach entdecken wir ihre Schattenseiten, die zur Trennung führten. Nicole geht mit ihrem Sohn in ihre Heimatstadt Los Angeles zurück, um eine Serie zu drehen. Dort reicht sie auch die Scheidung ein, die dem nachgereisten Charly völlig unvorbereitet trifft. Was nun folgt, ist ein Drama, das beiden viel Kraft und Geld kosten wird.

Driver und Johansson verkörpern diese Auseinandersetzung mit einer Intensität, dass man ihnen jedes Wort glaubt und mit beiden mitfiebert: Man erlebt ihre Liebe und Vertrautheit, aber auch ihre Wut und Enttäuschung und zunehmende Verbohrtheit. Letztere wird noch durch Anwälte befeuert, die mit allerlei Tricks die Interessen ihres Klienten durchzusetzen versuchen. Und auch dies kann man verstehen: Nicole lässt sich von der berühmten Scheidungsanwältin Nora Fanshow (Laura Dern) vertreten, der gegenüber sie sich zum ersten Mal öffnet und wir so die Gründe für das Scheitern der Ehe erfahren.

Schließlich, als die Situation um das Sorgerecht für Charlie immer brenzliger wird, nimmt auch er sich einen schmierigen Anwalt (Ray Liotta), der viel Geld kostet und den Scheidungskrieg eskalieren lässt. Obwohl sie anfangs geglaubt haben, alles einvernehmlich lösen zu können, finden sie sich schließlich als Gegner im Gerichtssaal wieder, wo die Anwälte mit der anderen Partei nicht glimpflich verfahren. Charlie und Nicole sitzen am Rand und müssen miterleben, wie ihre Vertreter zu den härtesten Bandagen greifen. Man merkt ihnen schmerzlich an, dass sie es nicht so weit kommen lassen wollten.

Dem Regisseur Noah Baumbach, der auch das Drehbuch geschrieben hat, gelingt es, auf eine sehr subtile Art diesen Trennungsprozess zu zeigen. Niemand ist der einzig Schuldige, beide haben ihren Anteil am Scheitern. Gerade dies ist es, was den Film so glaubwürdig und sehenswert macht: Erst allmählich dämmert auch Charlie, dass nicht alles so sicher und selbstverständlich war, wie er immer geglaubt hatte. Auch er macht eine Wandlung und Läuterung durch. Und Nicole muss erkennen, dass Freiheit und Selbstverwirklichung einen Preis abverlangen.

Dass wir beide Figuren auf diesem Weg begleiten und sie nicht verurteilen,  ist nicht nur den fantastischen Schauspielern zu verdanken, sondern auch dem großartigen Drehbuch. Adam Driver und Scarlett Johansson sind heiße Oscarkandidaten. Darauf wette ich.