Was uns die Vergangenheit lehrt: Wildlife

Eigentlich wollte ich Mid90s sehen. „Ein Fehler auf der Website“, sagte die Kartenverkäuferin und zeigte auf „Wildlife“, der Film sei sowieso besser. Die Schauspieler waren mir bekannt, das Plakat gab mir aber wenig Hinweis auf den Inhalt. Ein ungutes Gefühl, in einen Film zu gehen, von dem man gar nichts weiß.

Es erwartete mich eine Familiengeschichte aus den sechziger Jahren im ländlichen Montana. Ein junges Ehepaar ist mit seinem 14-jährigen Sohn Joe (Ed Oxenbould) wieder einmal umgezogen und versucht dort anzukommen. Ein bescheidener Bungalow wird angemietet, der Vater nimmt einen Job in einem Golfclub an, die Mutter kocht, der Sohn ist neu in der Schule. Die Eltern sind jung, sehr attraktiv und tauschen in der Küche Zärtlichkeiten aus. Der Sohn registriert dies über seinen Rechenaufgaben, denn die Kleinfamilienidylle hat schon Risse, es braucht nicht viel, um die bestehenden Konflikte ausbrechen zu lassen. Als der Vater arbeitslos wird, in Depressionen und Selbstmitleid verfällt, öffnet sich der dünne Boden unter ihren Füßen. Ein Abgrund tut sich auf, der in dem anrollenden Waldfeuer seine Entsprechung findet.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Richard Ford aus dem Jahre 1990, und ist das Regiedebüt von Schauspieler Paul Dano. Was diesen Film besonders macht, ist die Perspektive auf das Geschehen. Es ist der Blick des Sohnes, aus dessen Reaktionen wir miterleben, was passiert und der versucht, das Geschehen zu deuten. Er ist ein Kind, das miterlebt, wie seine Eltern sich immer mehr entfremden, weil sie nicht voraussehen können, welche Folgen ihr Handeln haben wird.

Der Vater ist ein unreifer Träumer, der den Boden unter den Füßen nicht finden kann und die Familienlast immer wieder seiner Frau aufbürdet. Nachdem er wieder einmal arbeitslos geworden ist und schließlich für Monate als Feuerwehrmann in die Berge geht, versucht die Mutter durch Aushilfejobs für sich und ihren Sohn ein Überleben zu sichern. Und dies wohl nicht zum ersten Mal, wie angedeutet wird.

Natürlich waren in den sechziger Jahren die Rollen noch stärker festgelegt als heute. Der Mann sollte das Brot verdienen, die Frau hatte die Verantwortung für Küche und Kinder. Auch Jeanette (Carey Mulligan) vertraut diesem Bild einer heilen Familie und ist frustriert und wütend, als sie einsieht, dass dies mit Jerry (Jake Gyllenhaal) zum Scheitern verurteilt ist. Sie sucht nach einem besseren Leben. Da sie keine Ausbildung hat, kann sie sich in kleinen Nebenjobs nicht lange halten. Sie erinnert sich an ihre jugendliche Schönheit und Wildheit. Aber diese Erinnerungen sind als Dreißigjährige auch schon fragil, wenn man Mann und Kind im Gepäck hat.

Der Sohn ist dabei, als die Mutter den Ausbruch wagt, während der Vater fernab das Feuer bekämpft. Der Junge muss mitansehen, wie seine Kinderwelt mehr und mehr in Trümmern zerfällt.

Auch er hat schon einen Nebenjob, als Aushilfsfotograf fotografiert er glückliche Familien und Brautpaare fürs Familienalbum. Am Ende bittet er seine Eltern zu einem gemeinsamen Fototermin, zu dritt, fürs Familienalbum, die Anordnung hat er bereits übernommen.

Sie sollten „Wildlife“ unbedingt sehen, nicht nur, weil die Schauspieler großartig sind, sondern auch weil der Regisseur eine ganz eigene Art gewählt hat, uns die Geschichte von Liebe und Entfremdung eines Paares zu erzählen, aus der Sicht eines Kindes, das die Tragödie zwar schmerzlich miterleben muss, aber schon in dem Bewusstsein, ein eigenes Leben vor sich zu haben.

 

 

Power to the people

PowertothePeople

Warum dreht Spike Lee heute einen Film über einen schwarzen Cop, der ein Mitglied des Ku-Klux-Klans in den Siebzigern war? Und warum beendet er den Film mit den Ereignissen in Charlottesville?

Der Zusammenhang ist unschwer zu erkennen: Die Gefahr von Seiten der Rechten, die den Weißen die Vorherrschaft sichern wollen, findet ihren Ausdruck in Trumps Amerika. Die Progressiven wären zu selbstgefällig gewesen, sagt Spike Lee in einem Interview mit der „Zeit“, hätten sich zu sehr auf den Triumph von Obama ausgeruht und es nicht geschafft, dem rechten Ansturm etwas entgegenzusetzen. Deshalb hätte er Gas geben müssen. Aus all diesen Gründen hat Spike Lee die autobiographische Geschichte des Polizisten Ron Stallworth in einen packenden Film gekleidet, der uns eine Lektion über Rassismus und die gefährliche Ideologie der Rechten erteilt.

In BlacKkKlansman selbst ereignet sich etwas ganz Absurdes: Der Afroamerikaner Ron Stallworth, gespielt von John David Washington, ermittelt gegen Aktivitäten der „Organisation“, wie sich die Anhänger des Ku-Klux-Klans selbst nennen. Über das Telefon nimmt er Kontakt auf, signalisiert Interesse und wird prompt zu einem geheimen Treffen eingeladen. Natürlich schickt er seinen weißen Kollegen Flip Zimmermann (Adam Driver) hin. Somit beginnt ein intelligentes Verwirrspiel der Polizisten mit dem Klan, das in ein Aufnahmeritual mit dem extra angereisten Großmeister David Duke (Topher Grace) mündet. Das Ganze führt zu einem gefährlichen Wettlauf mit der Zeit, da ein Anschlag auf die schwarze Studentenführerin (Laura Harrier) geplant ist.

Was zeigt uns der Film? Großteils gute Polizisten, die gegen Rassisten den Kampf aufnehmen. Die ihr Leben riskieren, um dem Bösen entgegenzutreten. Die „Organisation“ ist einerseits von trinkenden Dummköpfen und andererseits von Extremisten, die zum Äußersten bereit sind, bevölkert. Nur in der Führungsriege befinden sich Männer, die zu strategischem Planen und Vorgehen fähig sind, was sie umso gefährlicher macht. Breite Aufmerksamkeit wird der Ideologie und dem spektakulären Treiben des Ku-Klux-Klans gewidmet, immer wieder werden ihnen Trumps Worte in den Mund gelegt. Parallel zu den Vorgängen in der „Organisation“ wird die Geschichte des Rassismus gezeigt. Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus „Vom Winde verweht“ und findet in dem Auszug aus „The Birth of Nation“, dessen rassistischer Inhalt die Klans Mitglieder begeistert, ihren Höhepunkt. Wie sich die Gewaltspirale hochschraubt und auch vor Mord nicht zurückgeschreckt wird, weiß Spike Lee spannend in Szene zu setzen. Den alltäglichen Rassismus in der Polizei erträgt Ron Stollworth meist stoisch und mit einigem Humor. Washington, Sohn eines berühmten Vaters, spielt ihn als einen recht lässigen Schwarzen mit schönem Afrolook, der seine Rolle als Polizist erst finden muss. Er wird als Spitzel bei einer Veranstaltung der Black Student Union eingesetzt, was ihn etwas zum Nachdenken bringt. Aber die meiste Zeit ist er mit dem Klan beschäftigt, witzig und eloquent, aber immer auf der Hut, nichts Falsches zu sagen, um seinen Stellvertreter nicht auffliegen zu lassen. Denn Flip Zimmermann (Adam Driver) befindet sich in immer größerer Gefahr und riskiert Kopf und Kragen in dem riskanten Einsatz.

Am Ende, nach den schockierenden Bildern in Charlottesville, kommt Donald Trump ins Bild und was er dazu zu sagen hat. Danach bekundet der echte David Duke seine Ideologie und Sympathie für den Präsidenten. Dieses Ende hätte es gar nicht bedurft. Die Botschaft war ohnehin klar.

Zwar wird von Experten immer wieder betont, dass Trumps Wahlsieg das letzte Aufbäumen des weißen Mannes sei, denn das Amerika in 20 Jahren werde viel eher das von Obama gleichen. Und die Obamas hatten ihr allererstes Date bei Spike Lees „Do the Right Thing“, was Anlass zu Hoffnung gibt.