Die Frau im Nebel (2023)

Seit meine jüngere Tochter ihre Masterarbeit über koreanische Filme geschrieben hat, bin ich ein Fan von koreanischem Kino. Selten wurde ich von den Produktionen enttäuscht, meist ging ich mit einem Gefühl der Erfüllung und Freude, einen wirklich guten Film gesehen zu haben, aus dem Kino. Dies gilt auch für Serien, die mich mithilfe von Netflix in Österreich erreichen. Der Film „Die Frau im Nebel“ („Decision to leave“) ist derzeit in vieler Munde, wird rege in den Zeitungen besprochen und natürlich sah ich den Film in Originalsprache mit deutschen Untertiteln. Ich mag das Koreanische, es hat etwas Urgewaltiges, etwas Tiefes, man glaubt sich in einem Land, in dem es noch echte, unverfälschte Emotionen gibt, die einen wie das Meer mitreißen.

Davon handelt der Film. Eigentlich ist es ein Film Noir, es gibt einen Mord, einen Kommissar und eine Verdächtige. Kommissar Hae-joon (Park Hae-il) bemüht sich mit großer Hingabe, einen Selbstmord (oder war es ein Mord?) aufzuklären. Ein Mann ist von einem Felsen gestürzt. Er verhört, observiert die verdächtige Ehefrau Seo-rae (Tang Wie) und ist misstrauisch, wie es sich für einen guten Kommissar gehört. Sie ist Chinesin, die von ihrem Mann, der in der Ausländerbehörde arbeitete, eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte. Dafür wird sie misshandelt und seine Initialen sind in ihrem Körper eingraviert. Hatte sie aber überhaupt die Möglichkeit, ihn von einem hohen Felsen in den Tod zu schicken? Denn sie pflegt hingebungsvoll alte Menschen und hat ein stichfestes Alibi. Sie kann es nicht gewesen sein. Außerdem übernimmt sie bald auch die Pflege des an Insomnie leidenden Kommissars, den sie mit Atemübungen in den Schlaf wiegt. Natürlich sind die Grenzen zwischen Beruf und Privatem längst überschritten, er kocht für sie ein „singuläres“ chinesisches Gericht und obwohl schon mit der Angeklagten emotional tief verstrickt, findet er immer mehr Indizien, die darauf hinweisen, dass sie doch die Mörderin sein könnte.

So bricht er alle Zelte in Busan ab und kehrt nach Ipo zu seiner emanzipierten Frau zurück, mit der er über 16 Jahre eine Wochenendehe geführt hatte, wo es außer Nebel und Schildkrötenentführungen keine anderen Verbrechen gibt. Aber eines Tages begegnet das Paar auf dem Fischmarkt einem anderen Paar, Seo-rae und ihrem Mann, und kurze Zeit später passiert ein Mord. Ihr neuer Mann ist ermordet worden. Und alles beginnt von vorne.

Die Aufklärung der Morde, die ja einen guten Krimi ausmacht, wird kunstreich und fast nebenbei erzählt. Aber kommt die Gerechtigkeit zum Durchbruch, werden die Morde gesühnt? Dies soll hier natürlich nicht verraten werden, aber eines schon: Verwirrende Gefühle kommen dem Kommissar in die Quere und lange ist man sich nicht sicher, ob er nicht von der Angeklagten manipuliert wird, damit sie erreicht, was ihr Ziel ist. Das Interessante ist, wie sehr wir verstehen können, warum der Kommissar so stark auf die Verdächtige reagiert. Wie bedürftig er ist, in einem Leben, das von ungeklärten Morden und zu viel Pedanterie überschattet wird, in einen erholsamen Schlaf zu fallen und aus seinem geordneten, sterilen Leben auszubrechen. Auch er sehnt sich nach Kontrollverlust, nach Leidenschaft, um die quälenden Bilder der Mordopfer vergessen zu können. Er kocht, putzt, sorgt sich, beobachtet und hält mittels Apple Watch alles fest, ist körperlich fit, kann kombinieren und verzweifelt.

Natürlich geht es, wie sich am Schluss herausstellt, vor allem um Liebe und wer wen mehr liebt und bereit ist, dies auch durch Taten zu zeigen. Es ist sehr überraschend, dass die Irrungen und Wirrungen der Liebe so sanft und zart den Film begleiten, obwohl der Film nur ganz wenige  Berührungen zeigt. Am Ende wird man erschüttert sein, wohin das Katz-und-Maus-Spiel führt.

Um den Film wirklich zu verstehen, muss man ihn zweimal sehen, alles ist kunstvoll angelegt und wird erklärt. „Die Frau im Nebel“ lässt einem zurück mit starken Gefühlen und der Sehnsucht, dass man gerne wieder in Korea wäre, um in Busan den Fischmarkt entlang zu schlendern, Soju trinkend und frischen Aal essend, die prächtigen Tempel dort besuchend und vor allem das gewaltige Meer, das am Schluss die Wahrheit ans Licht bringt.

Ein großartiger Film von Park Chan-wook , der dafür in Cannes den Preis für die beste Regie gewonnen hat, getragen durch die beiden Hauptdarsteller und dem Konflikt zwischen Liebe und Gerechtigkeit.