Claus Peymann liest „Holzfällen“

Peymann war weit in den Siebzigern, als er mich vor einigen Jahren leichten Schrittes die Treppen hinauf in den Hackeschen Höfen überholte und als ich oben ankam, bereits eine Flasche Rotwein geordert hatte. Am Mittwoch las er, nun an die achtzig herangerückt, nicht im Burgtheater, sondern im Stadttheater von Baden aus Thomas Bernhards „Holzfällen“.

Im grauen Anzug, schlank und rank betritt er die Bühne, schwingt das weiße Leinen elegant vom roten Ohrensessel, den er, da es in Österreich so etwas nicht gäbe, extra aus Berlin herkommen habe lassen. Eineinhalb Stunden wird er darin verbringen, immer wieder auf und abrutschend, um von dem künstlerischen Abendessen bei den Auersberger, das zu Ehren des berühmten Burgtheaterstars, der nach der Vorstellung der „Wildente“ dazu stoßen würde, zu berichten. Zu allem Unglück wird dieses Festessen auch in Gedenken einer gemeinsamen Bekannten, die sich erhängt hatte, veranstaltet. Der Ich Erzähler war dem Ehepaar Auersberg nach zwanzigjähriger Enthaltsamkeit auf dem Graben wieder in die Arme gelaufen und habe die Einladung sehr unwillig angenommen. Das Abendessen, das viel zu spät mit einer Erdäpfelsuppe beginnt, endet wie immer mit der völligen Trunkenheit des Gastgebers Auersberg und führt zu einem handfesten Ehestreit. Angeekelt wird dieses völlig misslungene Festessen verlassen und der Erzähler geht von der Gentzgasse durch das nächtliche Wien nachhause.

Peymann ist ein exzellenter Leser, der auch nach eineinhalb Stunden sein großteils älteres Publikum nicht ermüdet. Er lässt Thomas Bernhard auferstehen und so wird man zurückversetzt in eine Zeit, in der Bernhards Menschenkosmos die Österreicher erregte. In der ein Buch von der Gendarmerie aus jeder Buchhandlung geholt wird, weil es durch Gerichtsbeschluss verboten wurde. In eine Zeit, als ein „begabter deutscher Theatermacher“, dem der Erzähler Lorbeeren streut, ans Burgtheater geholt wird und dort einen Skandal nach dem anderen veranstaltet. In eine Zeit, in der Theaterstücke und Bücher bis in die hintersten Dörfer gelangen und an Stammtischen leidenschaftlich diskutiert werden, vor allem der Nestbeschmutzer Thomas Bernhard. Und heute, 30 Jahre später, lacht man bei der Lesung laut auf, erfreut sich an der Sprachkunst Bernhards und wundert sich darüber, dass der ehemalige Staatsfeind so sehr verkannt und doch so sehr erkannt wurde. Dem großartigen Claus Peymann sei dafür Lob und Ehre zuerkannt. Und nicht vergessen: „Meine Preise“ lesen!