„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

Ich muss bekennen, dass ich noch nie etwas von Dörte Hansen gehört hatte. Diese Autorin war nicht in meinen Gesichtskreis gekommen. Nun hatte mir aber eine wertschätzende Kollegin dieses Buch mit einer Widmung geschenkt: „Dörte Hansen ist eine meiner liebsten zeitgenössischen Autor:innen. Hoffentlich gefällt sie dir genauso gut wie mir“. Also begann ich das Buch zu lesen und war mehr als hingerissen. Warum?

Es behandelt kein spektakuläres Thema: eine Familien- und Dorfgeschichte in Nordfriesland, über 5 Jahrzehnte hinweg, in der sich der gesellschaftliche und ökonomische Wandel zeigt. Im Bauerndorf Brinkebüll reden in den sechziger Jahren die meisten Bewohner noch Plattdeutsch. Die Männer gehen nach Feierabend in den Gasthof von Sönke Feddersen, hier werden auch die großen Feste von Taufe, Hochzeiten bis zum Leichenschmaus gefeiert. Dort kommt die Dorfgemeinschaft zusammen, um zu feiern und der harten bäuerlichen Arbeit für kurze Zeit zu entfliehen. Sönke, seine Frau Ella und Tochter Marret führen den Gasthof mehr schlecht als recht, viel Arbeit, darüber hinaus ist auch noch ein kleiner Bauernhof zu betreuen: früh ausstehen, Kühe melken, den Tag über Gäste bewirten, am Abend wieder Stallarbeit und Bierausschenken.

Sönke war nach russischer Gefangenschaft im Dezember 1947 heimgekehrt und Ella hatte im Juli 1948 ein Mädchen geboren, was sich rechnerisch für ihn nicht ausgehen konnte. Eine Dreiecksgeschichte wird nach und nach enthüllt und hält bis in den Tod. Tochter Marret singt gerne Schlager im Dorfsaal, sie streunt durch Felder und Fluren, sammelt tote Tiere, Federn, Steine und Blumen, presst die Blätter im Shell-Atlas, zeichnet sie und vermerkt sie in Schönschrift in ihrem DIN-A5-Heft. Sie ist „wunderlich, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas“ und wird mit 17 schwanger, Vater unbekannt. Sie kann sich nicht um ihren Sohn kümmern, so übernehmen ihre Eltern die Erziehung, besonders der Großvater kümmert sich liebevoll um Ingwer. „Minsch warmt Minsch“. Der Junge ist sehr klug und wird von Lehrer Steensen als einer der ganz wenigen auserkoren, aufs Gymnasium zu gehen, um später zu studieren. Er schafft den Aufstieg, wird Prähistoriker an der Uni Kiel, trotzdem fühlt er sich nicht dazugehörig und „wie ein Schwindler mit gefälschter Vita, der nicht da war, wo er hingehörte“. Mit 48 Jahren und in einer Lebenskrise nimmt er sich ein Sabbatjahr, um seine gebrechlichen (Groß)-Eltern zu betreuen und seine Schuld abzutragen. Nicht nur er muss erkennen, dass sich alles im Dorf seit seiner Kindheit geändert hatte, dass die Störche nicht mehr kommen, es keine Tiere mehr gibt und das Baumsterben längst im Gange war.

Dörte Hanssen gelingt es mit ihrem Roman „Mittagstunde“ den Kosmos und die Entwicklung eines kleinen Dorfes atmosphärisch zu schildern. Bald kennt man die Personen, weiß über ihre Geschichten Bescheid und damit verbunden die großen strukturellen Veränderungen. Eine Künstlergruppe mit ihren selbstbewussten Kindern kommt aus Berlin zugezogen und kauft eine alte Mühle, um ein alternatives Leben zu führen. Die jungen Dorfbewohner ziehen weg, weil sie auf dem Land keine Zukunft mehr haben, die herrische Krämerin muss zusehen, wie die Bewohner nur noch im Supermarkt Vergessenes bei ihr kaufen. Die vielen Bauern, die aufgeben, weil sich das Wirtschaften für sie nicht mehr lohnt. Und einige wenige, die mit der Zeit gehen und alle Gründe aufkaufen. Die Flüsse begradigt, die Fluren bereinigt, Ulmen und Kastanien gefällt, um schnellere Straßen zu bauen mit tödlichen Folgen. Und dazwischen die Dorfbewohner, die um ein bisschen Glück ringen, um all den Veränderungen etwas entgegensetzen zu können. Mobilität und die Ökonomisierung der Landwirtschaft haben viele Fortschritte, so auch Kultur ins Dorf gebracht (das laute Trara des Bücherbusses zur Mittagsstunde!), aber auch den sozialen Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft aufgebrochen.

Dörte Hansen erzählt eine Herkunftsgeschichte und den Wandel einer Dorfes mit großer poetischer Kraft („Es war so nebelig, dass sie wie durch nasse Tücher ging, als wäre oben große Wäsche“). Die Zeiten fließen ineinander und auch Ingwer sehnt sich mit 48 Jahren nach Jahrzehnten in einer Wohngemeinschaft nach mehr Verbindlichkeit, nach jemandem, der „mein Mann“ sagt.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Song- oder Schlagertitel und wenn Sie diesen vorab hören, werden Sie eingestimmt in die großen Themen und Sehnsüchte der Dorfbewohner. Und es gibt Hoffnung: eine Line Dance Gruppe, die wie Ingwer den Aufbruch wagt.

„Wilderer“ (2022)

O-Töne: Reinhard Kaiser Mühlegger „Wilderer“

„Wenn Sie mich fragen würden, welche Art von Roman „Wilderer“ sei, würde ich Ihnen antworten, ein Liebesroman“, stellte Reinhard Kaiser-Mühlecker lapidar in einem Gespräch mit Katja Gasser bei den O-Tönen im Juli fest. Er, der Landwirt aus Oberösterreich, der schon acht Romane geschrieben hat, wie mehrmals betont wird, war nicht danach gefragt worden. Stattdessen wollte die Interviewerin etwas über den „grausamen Zorn“ erfahren, der aus Jakob, dem Protagonisten, immer wieder hervorbreche. Als Zuhörerin und selbst vom Land stammend interessierte ich mich nun für die Welt des Romans.

Jakob Fischer führt seit seiner Jugend einen Hof, er kämpft gegen Windmühlen an, da sein Vater schon fast alles für verrückte Ideen verkauft hat und die Großmutter das Vermögen, das ihr Mann durch „Judengeld“ erworben, angeblich der rechten Partei gespendet habe. Er schuftet von morgens bis abends, alle seine Versuche den Hof wieder rentabel zu machen, sei es durch Schaf-, Hühner- oder Fischzucht sind gescheitert. Er wird von seinen Mitmenschen wenig geachtet und fühlt sich ausgenutzt. Dann trifft er auf die Künstlerin Katja, die er auf Tinder kennenlernt und die einen Landwirt anziehend findet. Sie wirbt beharrlich um ihn, zieht kurze Zeit später zu ihm, zuerst nur für vierzehn Tage als Praktikantin, lernt schnell und ist Jakob zugetan, hat ein Gespür für den Betrieb und die Menschen vom Land, und macht sich unverzichtbar. Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn. Kurz vor ihrem Tod holt die Großmutter Jakob zu sich und erklärt ihn zu Haupterben. So kann Jakob alles Veräußerte wieder zurückkaufen, baut seinen Hof mit Katjas Ideen zu einem Biobauernhof um und genießt nun im Dorf großes gesellschaftliches Ansehen. Sein Hof wird sogar als „Betrieb des Jahres“ ausgezeichnet. Alles könnte gut gehen, wenn da nicht Katjas Berufung als Künstlerin wäre, die Unfrieden stiftende Schwester und Jakobs Problem mit Gefühlen und diese auszudrücken. Er redet wenig, macht alles lieber mit sich aus und zeigt seine Liebe den Hunden, die zu wildern beginnen und damit seinen „grausamen Zorn“ erwecken.

Ja, es ist eine Liebesgeschichte, aber wer liebt wen? Und was braucht es, um eine Liebe zu leben und auf Dauer zu erhalten? Ist das Wildern, womit wohl gemeint ist, dass die Fesseln der Zivilisation gesprengt werden, wie die Hunde, die wieder zu Raubtieren werden und Rehe zerfleischen, nur von einer dünnen Oberfläche bedeckt? Und wie sehr muss man Angst davor haben? Jakob ist grausam, ja, das stimmt, aber ist er es, weil er aufgrund seiner dysfunktionalen Familie wenig spricht und aufgrund von Erfahrungen äußerst misstrauisch ist, oder sind es archaische Gefühle, die aus ihm herausbrechen? Schon am Anfang des Romans spielt er immer wieder russisches Roulette und man fragt sich, was war so schlimm in seinem Leben, dass er es jederzeit verlieren möchte. Und warum wünscht sich er sich immer wieder einen Krieg herbei?

Er liebt Katja aufrichtig, so scheint es, kümmert sich liebevoll um seinen Sohn, kann aber keine glaubwürdige Beziehung zu ihnen aufbauen. Sind es Verletzungen von früher, die sein Handeln bestimmen? Er redet und denkt nicht gut über seinen Vater, seine Mutter, beschimpft aufs Übelste seine Schwester mit „diese Schlampe“, „die Schnepfe“, „Halt`s Maul“. Und warum der grausame Umgang mit seinen wildernden Hunden? Was treibt ihn an, was hat ihn zu dem verschlossenen Einzelgänger gemacht, der er ist? Ist es die Landschaft, in der wie Kaiser- Mühlegger in einem Interview sagt, ein Menschenschlag lebe, der es nicht so mit der Fröhlichkeit habe? Wir kommen der Hauptfigur im Roman nicht auf die Schliche, erleben seine Verbundenheit mit Hof, Natur und seinen Tieren, seinen Kampf mit äußeren Mächten, die er nicht beherrschen und zähmen kann. Er fühlt sich allem ausgeliefert und rettet sich in Struktur und Arbeit. Es fehlt ihm die Sprache, um sich in Verbindung zu setzen.

Jakob ist und bleibt ein Rätsel und wenn man den Autor danach fragen würde, würde er vielleicht antworten: „Lesen Sie meine Bücher, dann erfahren Sie mehr über mich“.

„Über Menschen“

Juli Zeh hat schon über viele Themen geschrieben: über Gesundheitsdiktatur („Corpus Delicti“), Kindheitstrauma („Neu Jahr“), Windräder („Unter Leuten“) und nun einen Roman „Über Menschen“. Sie ist immer am Puls der Zeit, also auch an Corona, hier aber als Hintergrundkulisse. Das Buch handelt über Menschen in einem fiktiven Dorf in Brandenburg, Bracken, nicht weit von Unterleuten entfernt, wieder ein Dorf- und möglicherweise der erste Coronaroman im deutschen Sprachraum.

Alles fängt harmlos und überschaubar an. Die 36-jährige Dora, eine erfolgreiche Werbetexterin für nachhaltige Produkte, lebt in einer 80 Quadratmeter Wohnung mit Balkon in Kreuzberg, als die Welt noch fast in Ordnung ist. Sie stammt aus einer guten Familie, der Vater ist ein angesehener Neurologe, der zwischen einer Klinik in Mainz und der Charité hin- und herpendelt, die Mutter früh an Krebs verstorben. Sie hat einen Bruder, der im Aufbau einer eigenen Familie begriffen ist, und nicht viel Zeit hat und Interesse an seiner Schwester zeigt. Sie lebt mit Robert zusammen, einem liberalen Journalisten, der früh die Gefahren von Corona erspürt, Greta verehrt und sich mehr und mehr in Klima- und Umweltschutz verbeißt. Dann muss Dora ins Homeoffice und dafür ist die Wohnung zu klein, zudem ihr Freund es gewohnt ist, über sie alleine zu verfügen. Es bleibt ihr nur die kleine Küche als Arbeitsplatz und um der Enge dort zu entkommen, macht sie sich mit ihrer Hündin, Jochen der Rochen, während des Lockdowns zu langen Spaziergängen auf. Nun gilt sie zuhause als Virenschleuderin und es kommt immer mehr zu Reibereien, zunächst reagiert sie trotzig, flüchtet schließlich aus den Beziehung in ein altes Gutsverwalterhäuschen in Brandenburg. Und nun beginnt die eigentliche Geschichte: Sie macht sich mit großem Eifer daran, das Grundstück zu kultivieren, hat aber weder Wissen noch Mittel dafür. Es könnte für sie nicht trostloser sein: ein leeres, heruntergekommenes Haus, ein Garten, der verwildert ist, kein Auto in der Provinz mit spärlichen öffentlichen Verkehrsmitteln, sodass eine Einkaufstour zum nächsten Shoppingcenter nur mit großer Mühe und Anstrengung zu bewältigen ist. Doch sie hat Glück: ein glatzköpfiger, nicht gut riechender Hüne mit Tattoos erkennt ihre Lage und sammelt sie an der Bushaltestelle samt Hund und Einkaufssäcken auf. Es ist ihr Nachbar, Gote, der sich ihr als Dorfnazi vorstellt und wegen versuchten Todschlags im Gefängnis saß, wie Dora später herausfindet. Zudem hatte er Spaß, Linke zu jagen und zu verprügeln. Einerseits hat sie Angst vor ihm, zumal er einen Schlüssel zu ihrem Haus besitzt und in diesem ein- und ausgeht. Er ist grob, aggressiv und droht ihren Hund umzubringen, sollte dieser sich noch einmal auf über seine Kartoffel hermachen. Andererseits kümmert er sich liebevoll um seine Tochter und die in der Provinz verlorene Dora. Er schenkt ihr Stühle, baut ein Bett für sie, malt aus, stellt eine Palme ins Haus und sorgt dafür, dass ihr Grundstück gerodet wird. Aber er bedroht auch Ausländer und singt beherzt mit seinen Freunden Nazilieder in seinem Garten. Auch die übrigen Dorfbewohner, die sich um Dora kümmern, das Schwulenpaar, das kifft und einen AfD-Aufkleber auf dem Postkasten hat oder Heini, der ihr im Garten hilft, aber ständig rassistische Witze auf Lager hat, irritieren die grün wählende Dora. Wie sie mit diesen Widersprüchen zurechtkommt, erzählt der Roman in weiterer Folge.

Im Roman ist Corona der Katalysator für gesellschaftliche Probleme, die bereits vorher vorhanden waren: Klimawandel, Rechtsextremismus, Einsamkeit, Verschwörungstheorien, Landflucht. Berufliche und persönliche Verhältnisse verändern sich für Dora mit Coroana schlagartig, es drängt ans Licht, was vorher noch verschleiert war. Aber im Dorf haben alle ihr Bündel zu tragen und müssen mit schwierigen Herausforderungen zurechtkommen. Doras Leben gerät aus den Fugen, aber ihre finanzielle und persönliche Krise bringt sie zu mehr Nähe und Verständnis den Menschen im Dorf gegenüber. Widersprüche gilt es auszuhalten, nicht aufzulösen, dies scheint die zentrale Botschaft von „Über Menschen“ zu sein. „Trotz allem liegt da drüben ein Mensch.“

Mag sein, dass manche sagen, dass „Über Menschen“ kein politischer Roman sei und keine Wertung stattfinde. Man muss dem Roman zugutehalten, dass die Figuren und ihre Konflikte lebendig geschildert werden, dass Berührung stattfindet und man sich mittendrin in einem kleinen dörflichen Kosmos befindet, der zeigt, was die deutsche Gesellschaft derzeit auszeichnet und woran sie zu zerreißen droht.

Die Villen vom Ausseerland

Begibt man sich ins Ausseerland, egal ob nach Bad Aussee, Altaussee oder Grundlsee, fallen die vielen prächtigen Villen auf, die die Landschaft zieren. Einsam und erhaben stehen sie in der Landschaft, meist in ansehnliche Parklandschaften eingebettet, die man sich nicht zu betreten traut:  Privatbesitz, der ein Betrachten nur über den Zaun oder die Hecke zulässt. Jetzt könnte man enttäuscht umdrehen, das Leben dahinter im Verborgenen lassen und darüber allerlei Vermutungen anstellen, wer wohl die Menschen und Mächte hinter den Zäunen einst gewesen waren. Diese Geheimnisse verrät Marie-Theres Arnbom in ihrem Buch „Die Villen vom Ausseerland. Wenn Häuser Geschichten erzählen“. Ein Bild in dem Buch zeigt die Autorin vor der Villa Jungmann, die mit ihrem eigenen Leben verwoben ist und die heute als „wunderbar renoviert“ zu mieten ist.

Marie-Theres Arnbom

Marie-Theres Arnbom stellte ihr Buch „Die Villen vom Ausseerland“ im Juli einem breiten Publikum im Kammerhofmuseum vor. Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft waren zu diesem Event gekommen. Die Autorin schien mit vielen vertraut zu sein, denn vor der Lesung nahm sie ein Bad in der Menge und begrüßte herzlich Freunde und Bekannte.

Gemeinsam mit ihrem Mann, Georg Gaugusch, las sie aus den „Villen“ vor und erzählte wortgewaltig Geschichten über diese, auch über den schwierigen Entstehungsprozess des Buches, während die Welt wegen Corona stillstand. Nichtsdestotrotz sei es ihr durch gute Kontakte gelungen, Zugang zu Quellen, Bibliotheken und über Zoom zu verstreuten Nachkommen ehemaliger Besitzer in aller Welt zu bekommen, und so zu den Informationen über die Menschen zu gelangen, die diese prächtigen Villen einst erbaut und bewohnt hatten.

Wer waren also die BesitzerInnen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts, meist von Wien aus aufmachten, um im Salzkammergut ihre Sommerfrische zu verbringen? Man stößt auf berühmte Namen: den Schriftsteller Jakob Wassermann, den Industriellen Camillo Castiglioni, den Burgschauspieler Ludwig Gabillion und viele andere Größen der damaligen Zeit. Wie die Autorin betonte, war das Ausseerland aber auch Mittelpunkt vieler starker Frauen. Exemplarisch möchte ich einige wenige herausgreifen:

„Die schreibenden Damen Schreiber“ wuchsen als Töchter von Josef und Clara Schreiber in Bad Aussee und Meran auf, der Vater hatte mit der Gründung eines Senatoriums einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Bad Aussees als Luftkurort geleistet. Die Töchter wurden zur Ausbildung nach Paris geschickt, in den Sommerferien spielten sie zuhause mit Theodor Herzl Tennis, denn die Mutter, Clara Schreiber, galt als „große Saloniere“, die viele Prominente nach Bad Aussee holte und für intellektuelle Unterhaltung und Zerstreuung sorgte. Ihre Tochter Adele Schreiber wird eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen Deutschlands und Reichsabgeordnete, außerdem die Gründerin der allseits beliebten „Alpenpost“ werden. Ihre Schwester Lilli, verheiratete Baitz, wird durch ihre Trachtenpuppen und Schaufensterdekorationen auch in Amerika Erfolge feiern und ihren Alterssitz wieder nach Bad Aussee verlegen. Vor ihrer „Übersiedlung“ nimmt sie sich 1942 das Leben, ihre Schwester überlebt in der Schweiz. Eine große Weihnachtskrippe mit den Trachtenfiguren von Lilli Baitz ist im Kammerhofmuseum zu besichtigen, das übrigens einen umfangreichen Überblick über die Geschichte und Kultur des Ausseerlandes bietet und einen Besuch lohnt.

„Genia Loci“: Eugenie Schwarzwald“ war eine Reformpädagogin und Wohltäterin, die mit der „Erziehung zum Glück“ vielen Mädchen eine schöne Schulzeit ermöglichte und ein strenges Gegenkonzept zu dem herrschenden autoritären Schulkonzept entwickelt hatte. Sie förderte geistige Selbstständigkeit, Kreativität und vor allem Lebenslust bei ihren Schützlingen. Zudem initiierte sie während des Ersten Weltkrieges die Aktion „Wiener Kinder aufs Land“ und sammelte innerhalb von sechs Wochen eineinhalb Millionen Kronen, fand leere Villen und Fabrikgebäude für die notleidenden und verwahrlosten Wiener Kinder, wodurch es im ersten Jahr bereits “72 Kolonien“ gab, wie Berthold Müller im „Neuen Wiener Tagblatt“ berichtete.

„Die Frau in der zweiten Reihe: Maria Stiasny“. Die promovierte Anglistin wird 1917 Assistentin von Eugenie Schwarzwald und übernahm 1924 die gesamte Administration der Schwarzwald-Schulen und leitete dreizehn Jahre lang – „völlig selbstständig und allein verantwortlich“ – die Villa Seeblick in Grundlsee. Elias Canetti beschreibt sie in seiner Autobiographie als das „Herz dieser Menage“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kann sie sich nach Argentinien retten und stirbt dort, obwohl sie die Erbin von Eugenie Schwarzwalds Besitztümern ist, völlig verarmt.

Wie ihr ergeht es vielen anderen VillenbesitzerInnen im Ausseerland: Die Geschichte der unbekümmerten und sorglosen Sommerfrische vieler Wiener jüdischen Familien findet mit dem Jahr 1938 ein jähes Ende. Die Villen werden enteignet, die Sommergäste vertrieben bzw. deportiert und ermordet, und in der Gegend machen sich die Nationalsozialisten breit und ziehen in die Villen ein. Nur ganz wenige der Vertriebenen werden nach dem Zweiten Weltkrieg in die Heimat zurückkehren und ihre Besitzgüter rückerstattet bekommen. Meist einigte man sich auf einen Preis – weit unter dem tatsächlichen Wert – mit den neuen Besitzern.

Das Buch von Marie-Theres Arnbom zeichnet sich durch viele Quellen, Bilder und ein umfangreiches Literaturverzeichnis aus und lässt so eine vergangene Welt auferstehen, die mondän, fortschrittlich und weltoffen das Ausseerland noch heute erstrahlen lässt.

„Hard Land“ oder die Sehnsucht der Jugend

Hard Land“, so der Titel des neuen Coming-of-Age-Romans von Benedict Wells, spielt 1985 in einem kleinen Ort in Missouri, USA. Lange dachte ich, in Unkenntnis darüber, wer der Autor ist, dass es sich um einen Amerikaner handelt, so sehr konnte man das Geschehen, das man ja selbst nur auch aus Romanen und Filmen kennt, wiedererkennen. Das vom Niedergang bedrohte Diner, die bedrohliche Highschool, die Mall, in der man aus Langeweile herumhängt, das alte Kino, in dem „Breakfast Club“ und „American Graffiti“ gespielt wird und natürlich die Musik von Billy Idol und Simple Minds.

Warum schreibt ein Autor, der 1984 in Bayern geboren wurde, nicht über eine Kindheit und Jugend in der bayrischen Provinz? Aus Sehnsucht nach einer Zeit, die noch frei von Internet und Co war und in der noch auf Liebesbriefe gewartet werden musste?

Denn für heutige Verhältnisse erfüllt Grady vieles, wonach sich Jugendliche möglicherweise gerade jetzt sehnen: Die Möglichkeit, etwas zu erleben, das sie aus ihrer engen Welt herauskatapultiert.

Obwohl Grady vor dem Niedergang steht, da die Textilfabrik schließen musste und der Vater des Ich-Erzählers arbeitslos wird, entdeckt Sam, der in diesem Sommer 16 wird, gerade dort das bittersüße Leben der Erwachsenen. Seine Familienverhältnisse sind angespannt, sein Vater ist ein Einzelgänger, in dessen Gegenwart sich Sam nicht wohl fühlt, seine Mutter krebskrank und seine Schwester weit weg in Los Angeles. Um der sommerlichen Tristesse und einem Verwandtenbesuch zu entkommen, nimmt er einen Aushilfsjob im Kino an und trifft dort auf drei Jugendliche, eine eingeschworene Gemeinschaft, die am Ende des Sommers in Colleges in ganz Amerika verstreut wird. Es ist ihr letzter Sommer in der Kleinstadt und nach einigem Zögern nehmen sie den um zwei Jahre jüngeren Sam in ihre Runde auf und weihen ihn in ihre Geheimnisse ein. Als Initiation muss er die 5 Wellen überstehen, von der Selbstmordklippe springen, viel Alkohol trinken, stehlen und bekommt den ersten Kuss. Er wird in diesem kurzen Sommer Schönes und Schreckliches erleben: Abenteuer, Freundschaft, rasendes Verliebtsein, Schuldgefühle, Tod und Verluste, hinein ins satte Leben geraten. Und seine neuen Freunde können sich sehen lassen: Brandon, genannt Hightower, ist der beste Sportler der Schule, schwarz und von einem netten Farmer adoptiert, er ist es, der den schwächlichen Sam zum täglichen Laufen bringt. Cameron ist reich und homosexuell und die Welt liegt ihm zu Füßen, aber er hat nur einen Wunsch: Grady nicht untergehen zu lassen. Er wird Sam ein guter und verlässlicher Freund über den Sommer hinaus sein. Und dann gibt es noch die coole Kristie, in die sich Sam sofort verliebt, die ihm viel Mut und Ausdauer abverlangt, aber auch in seiner schwersten Zeit an seiner Seite ist. Im Hintergrund begleitet uns noch der legendäre Schreibwettbewerb über den einheimischen Dichter, der „Hard Land“, eine Gedichtsammlung, geschrieben hat. Aufgabe jeder Abschlussklasse ist es, ein bestimmtes Gedicht daraus zu interpretieren und bisher ist es nur einem/ einer gelungen, den Sinn zu entschlüsseln. Alle in der Highschool wollen nicht nur wissen, wem diese gelungen sei, sondern diese Ehre auch selbst einheimsen.

Am Ende des Sommers scheint vieles vorbei zu sein: die Freunde haben den Ort verlassen und Sam bleibt mit seinem Vater zurück. Beide fügen sich in ihr Schicksal, aber Sam sitzt nicht mehr alleine in der Cafeteria. Zu viel hat er erlebt, ist gereift und selbst zur Legende geworden. Wie genau dies geschehen ist, hat Benedict Well leicht, eindringlich und berührend beschrieben. „Hard Land“ hat diese verlorene Zeit nostalgisch aufleben lassen. Die Geschichte in die heutige Zeit zu versetzen, wäre nicht möglich, denn fast alles hat sich radikal verändert. Nichts ist mehr so, wie es damals war, und doch ist alles wie immer: die Sehnsucht der Jugend bleibt.

Sommerfrische 2

Welchen Assoziationen folgt man, wenn man diesen Titel liest? Ihn wörtlich nehmen? Er bezieht sich auf das englische Sprichwort: Who cries over spilled milk? Was passiert ist, ist passiert. Es lohnt sich nicht, eine Träne darüber zu vergießen.

Das Hotel, auf das sich der Titel bezieht und in dem die Protagonistin des Romans bis zu ihrem 14. Lebensjahr wohnt, kauft ein englischer Adeliger, und da die Renovierung zu aufwändig ist, wird es Ende der fünfziger Jahre abgerissen. Barbara Frischmuth hat in ihrem Roman „Verschüttete Milch“ ihrem Geburtshaus, „diesem Biotop der absoluten Gegensätze“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die Erinnerung an die frühe Kindheit erschließt sich die erwachsene Juliane über alte Fotos, die ihr in mehreren Schachteln von ihrer Mutter übergeben worden sind. Langsam tauchen durch diese Landschaften, Personen und Tiere aus ihrem Gedächtnis auf. Aber immer wieder zweifelt die Erzählerin an der Zuverlässigkeit des Erinnerns, vieles kann sie auch erst durch Recherche und Nachforschungen in Verbindung bringen. Sie nähert sich einem aufgeweckten, abenteuerlustigen Kind, das in großer Freiheit aufwächst, denn die Mutter hat im Hotel viel zu tun, zunächst von einem liebevollen Hausbesorgerpaar beaufsichtigt, später durch eine Anzahl von Kindermädchen, von denen es wohl in den vierziger und fünfziger Jahren eine große Auswahl gegeben hat. Fast jede Familie im Dorf hat ihr eigenes Kindermädchen, jedes von ihnen übernimmt mit ihrer Anstellung gleichsam auch den sozialen Status innerhalb der Kindermädchenriege. Es ist eine Hoteliersfamilie, in der die Kleine aufwächst. Ihr Vater ist kurz nach ihrer Geburt in Russland gefallen, die Mutter muss mehr recht als schlecht das Hotel weiterführen, streng beäugt vom Besitzer des Stammhauses, dem Opapa der Kleinen, wie er im ersten Teil des Buches genannt wird. Es ist eine schöne Kindheit, die sie hat, die Familie ist groß und kommt gerne zusammen. Einzige Gefahr für sie ist der nahe See und er ist eine tödliche. Nicht nur einmal wäre Juli beinahe ertrunken, hätten sie nicht aufmerksame Tiere bzw. zufällig vorbeikommende Menschen gerettet. Mit den Bildern tauchen auch Menschen aus der Vergangenheit auf, die vom Lauf der Geschichte in die Gegend gespült werden. Tante Hanna ist mit ihren Kindern aus Wien angereist, sie ist im Widerstand gewesen und soll durch ihre Untergrundtätigkeit so manches Leben gerettet haben. Auch nach Kriegsende hilft sie zum Überleben tatkräftig mit, weil sie in der amerikanischen Zone einkaufen kann. Die Mutter, die wenig von der Kriegszeit später erzählen wird, berichtet in einem Interview mit Simon Wiesenthal, dass der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann mit dem gestohlenen Trachtenanzug ihres gefallenen Mannes in die Berge geflohen sei. Viele hochrangige Vertreter des Naziregimes hatten sich im Ort „Urlaub vom Töten“ genommen und in den arisierten Villen auch ihre Familien und Geliebten evakuiert, bevor sie entweder ins Ausland geflohen bzw. hingerichtet worden sind. Und ihr späterer Stiefvater, „Paps“, soll mit Freunden die Amerikaner zu jener Alm geführt haben, auf der sich die Naziverbrecher versteckt hatten. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kommen die ungarischen und rumänischen Faschisten, danach die amerikanischen Besatzer, die im Hotel Alkoholexzesse feiern. Von diesen Menschen hat Juliane viel zu erzählen, interessante Anekdoten, die, wenn sie nicht Leib und Leben bedrohten, zum Schmunzeln einladen. Danach finden die Intellektuellen aus dem Wiener Großbürgertum ihren Weg zurück in „das Dorf im Gebirge“, auch ein gewisser Dr. Abendroth bekommt sein Schloss zurückerstattet, aber erst, nachdem man ihn entmündigt hat. Die Volksschulzeit und die ersten vier Jahre in der Klosterschule sind begleitet vom Niedergang des Hotels, weil das Geld für dringend nötige Reparaturen aufgrund von schlechten Sommersaisonen nicht mehr aufgebracht werden kann. Der Fremdenverkehr ist flügge geworden, die Menschen fahren bei Schlechtwetter nicht mehr ins Salzkammergut, sondern in den sonnigen Süden.

Der Roman zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass er die Kriegs- und Nachkriegswelt genau beschreibt und auch viele dialektale Ausdrücke samt Übersetzungen in die Erinnerung einwebt: „Und des gfreit die dena ubarsch!“ (Und das freut dich wohl ungemein! S. 207) Er zeigt aber vor allem auf, dass dieser Ort, an dem Juliane aufwächst, ein Ort war, an dem „Heil und Unheil Tisch an Tisch zu Sommerfrische saßen (und wohl noch immer sitzen“ S. 8).

Das letzte rote Jahr

Die Zeit vergeht rasend schnell, schon sind wir im Jahr 2020 angekommen mit all seinen Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Und wenn man dann in einer ruhigen Phase „Das letzte rote Jahr“ von Susanne Gregor liest, wird man in das Jahr 1989 zurückversetzt und muss sich unweigerlich fragen, was hat man selbst damals erlebt, als die Teilung der Welt, in Ost und West, ganz unvermittelt zu Ende gegangen ist. So plötzlich, dass es einem mit großer Wucht traf, als wäre man aus einem schrecklichen Alptraum erwacht, den man nicht zu entkommen glaubte. Und als es dann den Eisernen Vorhang nicht mehr gab, musste man sich fragen, wie konnte es dazu kommen, dass man dessen Ende gar nicht zu denken wagte?

„Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf ist das Lieblingsbuch von Miša, aus deren Sicht die Ereignisse im Jahr 1989 in der ehemaligen CSSR geschildert werden. Sie wohnt mit ihrer Familie in der Stadt Žilina, ist vierzehn Jahre alt und ihr Vater verlangt, dass sie Deutsch lernt, erklärt ihr das Wort geteilt, das sowohl zerteilen als auch miteinander teilen bedeutet. Das fasziniert Miša und von nun an fällt es ihr viel leichter, Deutsch zu üben, weil es ihr Wunsch ist, das Buch in seiner Originalsprache zu lesen. Denn vieles ist schon in Aufruhr in ihrem Heimatland. Das kommunistische Regime wackelt schon gehörig, nicht wenige aus dem Bekanntenkreis erwägen Fluchtmöglichkeiten, ihr Bruder Alan lehnt sich ganz offen gegen die väterliche Autorität auf und tut, was ihm beliebt. Ihre beste Freundin Rita geht ihren eigenen Weg, sie ist fanatische sozialistische Pinonierin und schwänzt die Schule. Ihre andere Freundin Slavka, deren Vater schon in Schweden wohnt, ist ehrgeizige Schülerin und Sportlerin, verletzt sich jedoch bei einer Schulaufführung schwer und sieht ihre Sportlerkarriere zuende gehen. Sie ist in einen Geschichtslehrer verliebt, der es wagt, auch brisante Themen anzusprechen und zum Widerspruch herausfordert. Alle drei Freundinnen müssen erkennen, dass die Welt der Kindheit vorbei ist und dass sie sich den Fragen über Sinn und Ziel ihres Lebens stellen müssen, zumal die Erwachsenen noch zu sehr im kommunistischen Regime verhaftet sind und ihnen keine Richtung vorgeben können.

Susanne Gregor gelingt es, diese sich auflösende Gesellschaft der ehemaligen Tschechoslowakei anhand der Familiengeschichten dieser drei Freundinnen zu erzählen. Die Eltern sind Nutznießer bzw. Verlierer des Systems und  und erwägen einen möglichen Ausweg, ohne die Kinder einzuweihen. Die Jungen hingegen, die durch die Satellitenschüsseln MTV und andere westliche Freiheiten kennen gelernt haben, allen voran Mišas Bruder, planen geradlinig ihre Flucht in den Westen und lassen sich von niemandem aufhalten. Die Ich-Erzählerin, die die meiste Zeit durch Lesen verbringt, wird anfangen Geschichten zu schreiben, angeregt durch eine Lehrerin, die ihr Talent entdeckt.

Letztendlich beginnt durch den Zusammenbruch des Regimes ein neues Leben für alle. Die Brüchigkeit der Freundschaft der drei Freundinnen wird von Fernsehnachrichten begleitetet, die die Ereignisse in der deutschen Botschaft in Prag, an der Grenze Ungarns und in Berlin berichten. Sie sind Nachrichten aus einer anderen Welt, die in das Leben der Familien im Plattenbau eindringen, sodass am Silvesterabend nicht bemerkt wird, dass die Uhr stehengeblieben ist. Die großen Umwälzungen haben keine Zeit dafür gelassen.

Susanne Gregor sagt in einem Interview, dass das Ziel ihres Schreibens sei, die Menschen ein bisschen zu berühren, „Das letzte rote Jahr“ ist mehr als das.

Der Gesang der Flusskrebse

Ich bekenne, es ist ein Frauenbuch, denn es geht um Liebe und Natur und passt so genau in unsere Zeit. Ist es doch die Nähe, die uns gegenwärtig am meisten bedroht und das Verweilen in der Natur am wenigsten. Denn nie zuvor sah man so viele, die die engen Wohnungen verlassen und sich dorthin aufmachen, wo die Wiesen üppig und die Bäume so dicht sind, dass der Himmel grün erscheint. Der Gesang der Vögel, das Rauschen der Wälder war nie lauter, eingehüllt in diese gerät man nicht nur mehr und mehr in die Geschichte von Kya Clark hinein, der Heldin von „Der Gesang der Flußkrebse“, sondern auch inmitten eines spannenden Kriminalfalls, der das Tempo des Lesens vorgibt.

Kya lebt ein abgeschiedenes Leben in Einklang mit der Natur und wird schon als Siebenjährige nach und nach von ihrer Familie verlassen, zunächst gehen ihre älteren  Geschwister, dann die Mutter und schließlich kehrt auch der Vater nicht mehr in die verfallenene Hütte zurück. Von nun an ist sie ganz auf sich allein gestellt und wird es für lange Zeit auch bleiben. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die sie unterstützen, eine schwarze Familie und ein Junge, der ihr seine Liebe durch wertvolle Federn erklärt. Der Roman erzählt die Geschichte dieses Mädchens, das von der Gemeinschaft ausgestoßen zu einer schönen, wilden jungen Frau heranwächst, die von vielen als Trophäe begehrt wird. Aber einer ihrer Liebhaber wird gleich am Beginn der Geschichte tot am Fuße des Leuchtturms aufgefunden und sie gerät schnell in das Visier der beiden ermittelnden Beamten. Kann sie einen Mord begangen haben, hatte sie ein Motiv? Während die Ermittlungen aufgenommen werden, gibt es Rückblenden, die das Heranwachsen von Kya beleuchten: Wie sie sich allein durchschlägt, wie es ihr gelingt, Geld zu verdienen, um zu überleben, wie sie Lesen und Schreiben lernt und immer wieder enttäuscht wird. Und sich mehr und mehr an der Tierwelt ein Beispiel nimmt. Durch ihre Beobachtungen in der Marsch wird sie später Bücher illustrieren und so ein Auskommen finden. Wenn da nicht die Mordanklage wäre.

Was macht das Buch so spannend und zum Bestseller? Sicherlich ist die Geschichte dieses Marschmädchens, das ganz allein in der Wildnis ums Überleben kämpft, packend und gut erzählt. Naturbeschreibungen nehmen einen großen Platz ein und beim Lesen könnte man vielleicht die Sehnsucht entwickeln, so unberührt von der Zivilisation mit Meer und Tier verbunden zu sein. Aber der Preis ist ein hoher, den Kya dafür zahlt. Einsamkeit und Misstrauen gegen sich und andere  begleiten sie. Aber auch der Wunsch, stark zu sein, sich nicht ängstigen und einschüchtern zu lassen. Wenn die Zeit, in der die Geschichte spielt, auch die fünfziger und sechziger Jahre sind, so weist die Heldin weit in die Zukunft voraus, da sie als höchstes Gut Freiheit und Unabhängigkeit für sich beansprucht. Und wenn die Sprache nicht ausreicht, ihrer Gefühle zu beschreiben, übernehmen Gedichte diese Funktion. Zum Beispiel eines von Emily Dickson:

„Das Herz auffegen / Die Liebe wegräumen / Die wir nicht wieder brauchen wollen / Bis in die Ewigkeit.“

Die Spannung steigt nach einem langsamen Beginn, der in das bitterarme Leben einführt, es geht in rasantem Tempo auf den Höhepunkt zu, je mehr sie in Berührung mit den Menschen kommt. Wird sie es überleben?

Der Gesang der Flusskrebse

Es kann schlimmer sein

Die Bagage

Wer schon etwas in die Jahre gekommen ist, noch die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebt hat, wird sich daran erinnern, dass Armut damals auch in Österreich noch überall sichtbar war. Es gab nicht wenige Familien, in denen die Kinder nur einmal in der Woche eine kleine Schokolade zum Teilen hatten, getragene Kleidung und alte Skier von Kind zu Kind weitergereicht wurden und man nur einen Holzofen in der Küche zum Wärmen hatte.  Die Not sah man den Leuten an, Luxus war einmal im Jahr ein Mittagessen in einem Gasthaus, es musste gespart werden, das Wort Urlaubsreise für viele noch nicht vorstellbar.

Und wenn man den Erzählungen der Großmutter zuhörte, sah man, wie gut es einem ging, denn es kann schlimmer sein. Wie schlimm, erzählt Monika Helfer anhand ihrer Familiengeschichte in ihrem autofiktionalen Roman  „Die Bagage“.

Es ist die Geschichte ihrer Großeltern, der schönen Maria Mossbrugger, die mit ihrem Mann Josef auf einem entlegenen Hof weit drinnen in der Einschicht lebt und sieben Kindern das Leben schenkt. Es ist die Geschichte von bitterer Armut und Außenseitertum, weil Schönheit und Kinderreichtum bei den Dorfbewohnern Neid, Bosheit und Verleumdung wecken. Die Bagage, wie die Dorfbewohner  abwertend sagen, hat nichts. Der Hof ernährt sie kärglich, und so ist die Familie, als Josef mit drei anderen Dorfbewohnern 1914 in den Krieg zieht, auf die Unterstützung des Bürgermeisters angewiesen. Er glaubt jetzt seine Stunde gekommen und nimmt Maria mit auf den Markt, dort lernt sie aber einen Deutschen kennen, der einige Male auf den Hof kommt. Diese Besuche haben zur Folge, dass  ihr nun auch die anderen Männer ungeniert nachstellen, allen voran der Bürgermeister. Er schreckt dabei auch vor Gewaltanwendung nicht zurück.  Erst dem Zweitjüngsten, Lorenz, gelingt es schließlich, den Bürgermeister aus dem Haus zu vertreiben. Und als die Familie überhaupt nichts mehr zum Essen hat, ist er es wieder, der einen fremden Keller ausräumt und so das Überleben sichert. Dass Maria untreu mit dem Deutschen gewesen sei, ereilt den heimkehrenden Josef schon weit vor seiner Ankunft als bösartiges Gerücht. Das Kind, Grete, das während des Krieges geboren wird, ist die Mutter der Autorin, mit der der  Vater nie ein Wort reden oder es jemals anschauen wird, so sehr hat sich das Misstrauen in ihm eingraben.

Monika Helfer schreibt in einfacher Sprache von Ereignissen, wie es damals gewesen hätte sein können. Vieles hat sie noch von ihrer Tante Kathi erfahren und auch ihr konnte sie es erst am Totenbett entreißen. Vieles bleibt im Unklaren, so auch wer der Vater von Grete ist. Und  immer wieder wird die Erzählung über die Großmutter unterbrochen und die Lebensgeschichten ihrer sieben Kinder werden weiterverfolgt. Soviel sei verraten: Die Beschädigungen, die sie durch die Armut und die dörfliche Gemeinschaft erfahren haben,  hat sie für ihr Leben gezeichnet. Sie hatten kein leichtes und geglücktes Leben.

„Die Bagage“ ist eine erbärmliche, tieftraurige Geschichte, die Monika Helfer uns von ihrer Herkunft erzählt, aber sie ist auch eine ermutigende Geschichte von der Liebe und Fürsorge zwischen Mutter und Kindern.

Eine Frauenfreundschaft

Ferrante: Reife und Alter

Wenn man sich bis zum vierten Teil der Neapolitanischen Saga (insgesamt 2200 Seiten) vorgearbeitet hat, kann man zuerst einmal mit dem Titel gar nichts anfangen. Und das Ereignis, von dem er berichtet, findet so unmittelbar und aus dem Nichts statt, dass der Schrecken bleibt.

Seit meiner Reise vor einigen Jahren in das berühmt-berüchtigte Neapel lese ich an den Büchern von Elena Ferrante. Jedes Jahr tauche ich wieder ein in das dichte Beziehungsgeflecht im Armenviertel Rione, aber vor allem in die lebenslange Freundschaft zwischen den zwei ungleichen Freundinnen Elena Greco und Raffaela (Lila) Cerullo.

Darum geht es vor allem in den vier Büchern von Elena Ferrante und natürlich um den Alltag in diesem von Gewalt und Armut geprägten Viertel.

Im vierten Band „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ hat Elena bereits studiert und es ist ihr gelungen, aus Neapel wegzuziehen. Auch hat sie mit der Hilfe der Familie ihres Bräutigams bereits ein Buch veröffentlicht, das sie in jungen Jahren berühmt gemacht hat. Sie wird in die Wirren der 68er Generation hineingezogen, hat Freunde, die später den radikalen Weg einschlagen werden. Erst einmal ist sie aber glücklich mit Pietro, einem jungen Universitätsprofessor aus einflussreichem Haus, den sie nur auf dem Standesamt heiratet, was einen großen Aufruhr bei ihrer katholischen Familie in Neapel verursacht.  Obwohl sie sich vornimmt, nicht schwanger zu werden, steht sie bald mit zwei kleinen Kindern da, die ihr jegliche Kraft und Energie für ein weiteres Schreiben nehmen. Sie wird immer unzufriedener und da braucht es nur den Besuch ihrer Jugendliebe Nino, um sich aus der häuslichen Enge zu befreien. Sie kehrt mit ihren beiden Töchtern nach Neapel zurück und rückt wieder in den Einflussbereich ihrer Jugendfreundin Lila, die inzwischen eine erfolgreiche Unternehmerin geworden ist.

Im vierten Band findet Elena zu ihrer Berufung zurück und sie wird eine gefeierte und überall gern gebuchte Schriftstellerin. Sie reist viel, kämpft aber immer wieder mit ihren starken Schuldgefühlen, zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Töchter zu haben. Nach der stürmischen Zeit mit Nino, der sich nicht von seiner reichen Frau trennen will, findet sich Elena nach einiger Zeit in einem Haus mit Lila wieder, die weiterhin mehr oder weniger boshaft ihr Leben kommentiert und dirigiert. Was ist es, das die kluge und erfolgreiche Elena immer wieder zurück zu Lila treibt? Ist es ihre gemeinsame Kindheit, ist es die Persönlichkeit Lilas, die sich von nichts und niemandem etwas sagen lassen will? Die stets ihre Unabhänigkeit zu bewahren versucht und recht bald auch nach der Macht im Rione strebt? Eine Frau, die sich scheinbar nicht unterkriegen lässt? Die stets mehr zu wissen scheint als Elena, der oft der Weitblick fehlt, die lange Zeit völlig in ihre Gefühle zu Männern verstrickt ist? Die Freundschaft der beiden ist von tiefer Verbundenheit, aber auch von großer Eifersucht und  Konkurrenz geprägt. Lila wird für ihre Unabhängigkeit und Widerborstigkeit einen hohen Preis zu zahlen haben, auch weil sie, obwohl hochintelligent und schon als kleines Mädchen als Geschichtenschreiberin tätig, keine Ausbildung absolvieren darf und sich dadurch nicht aus den Fängen und der Gewalt des Armenviertels befreien kann. Elena wird dies immer wieder gelingen.

Der vierte Teil schließt den Reigen von der Kindheit bis ins Alter ab und stellt zugleich die politische und private Situation dieser beiden Frauen in den letzten 60 Jahren exemplarisch dar. Kein leichtes Unterfangen, aber Elena Ferrante erzählt die Geschichte so leicht und doch so tiefgründig, dass man sich noch viele weitere Bücher wünschte. Gleich morgen mit dem ersten Band „Meine geniale Freundin“ beginnen, denn man erfährt am Beginn, was mit Lila passiert.