Warum „Flow“ der beste Animationsfilm ist

Flow“ wurde bei der diesjährigen Oskar-Verleihung mit dem Oskar als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Schon vorher hatte der Film aus Lettland einen Golden Globe und viel Aufmerksamkeit bei Festivals erhalten. Was macht diesen weniger als 4 Mio. teuren Film so besonders, dass er gegen „Vaiana 2“ gewinnen konnte, dessen Produktionskosten 989 Millionen US-Dollar betrugen?

Die Katastrophe

Eine junge Katze streunt durch den Wald, sie wird von einer Meute Hunde gehetzt, ist eine Einzelgängerin, hat große Angst vor Wasser und kehrt schließlich in ihr Haus zurück, um im Bett eines Katzenliebhabers zu schlafen. Im Garten stehen riesige Katzenfiguren, aus Holz geschnitzt, im Erdgeschoss sind Skizzen der Katze zu sehen. Das Haus ist verlassen, die Menschheit scheint ausgelöscht, nur mehr der Zerfall und Ruinen verweisen auf die Spuren menschlicher Existenz. Hatte es eine Umweltkatastrophe gegeben? Was war passiert?

Auf einem ihrer Streifzüge durch eine idyllische Natur kommt ihr eine Herde Wild in rasendem Tempo entgegen, der kurz darauf eine riesige Flutwelle folgt. Jetzt beginnt ihr Überlebenskampf, sie wird vom Wasser mitgerissen, es rauscht und dröhnt, gurgelt und zischt, verschlingt und gibt sie endlich frei. Die Panik ist ihren großen gelben Augen anzusehen, wir haben große Angst um sie und können erst aufatmen, als sie sich erschöpft auf ein leuchtend oranges Segelboot rettet. Dort ist sie nicht allein, denn ein faules Wasserschwein hat es bereits in Besitz genommen. Zunächst herrscht Angst und Misstrauen zwischen den beiden Tieren. Mehr und mehr Tiere suchen Schutz im Boot: ein gutmütiger Golden Retriever, ein raffgieriger Lemur und ein verletzter Sekretärsvogel, der bald das Steuer übernimmt. Nach und nach baut sich Vertrauen auf, denn die Tiere können nur überleben, wenn sie kooperieren. Es warten noch viele Gefahren und Herausforderungen auf sie und alle fünf lernen über sich hinauszuwachsen. Die Katze muss ihre Unabhängigkeit aufgeben, ihre Angst vor den Abgründen des Wassers überwinden, um Fische zu fangen. Der habgierige Lemur lernt zu teilen und der sanfte, verspielte Hund entwickelt Eigeninteressen.

Die tierische Gemeinschaft segelt ins Unbekannte, in eine Welt voller bedrohlicher Naturgewalten, atemberaubender Schönheit und gefährlicher Feinde. Es geht um Leben und Tod, um einen sicheren Bleibeort, um Gemeinschaft und vor allem um eine Welt, die ihre Schönheit und Gefährdung offenbart. Auf der Mastspitze hockend, fasziniert von gefluteten Ruinenstädten und einem aus der Tiefe hervorgelockten Urzeitwal, begleiten wir die Katze auf dieser Odyssee.

Der Neubeginn

In einer außer Band und Rand geratenen Natur, so die Aussage des Films, kann man nur überleben, wenn man das Eigeninteresse zurücksetzt und soziale Fähigkeiten entwickelt, ohne seine Individualität aufzugeben. Da der Film keine menschliche Sprache verwendet, werden die Tiere nicht vermenschlicht, sondern kommunizieren nur durch tierische Laute, Gesten und Mimik. Realistische Stimmen der jeweiligen Tiere wie Miauen, Grunzen und Zwitschern wurden eingesetzt und auch die Musik treibt die Handlung auf dramatische Weise voran. Die Tiere behalten ihre Eigenschaften bei, sie verhalten sich wie Tiere und wer Katzen und Hunde liebt und gerne beobachtet, wird sie in ihren Eigenheiten wiedererkennen. Das Großartige ist, dass der Film auch ohne Dialoge funktioniert und jeder die Handlung versteht, weil man sich emotional mit den Tieren und der Geschichte verbindet. Um das zu erreichen, so sagte der Regisseur Gints Zilbalodis in einem Interview, mussten sehr viele Katzenvideos geschaut werden. Dass er selbst eine schwarze Katze und einen Golden Retriever hat, erleichterte sicherlich seine Arbeit.

Der Film wurde mit der frei verfügbaren Software Blender, einer 3D-Grafiksoftware, hergestellt. Die verschiedenen Formen und Zustände von Wasser, die Wasserspiegelungen und Geräusche, originalen Tiersounds werden so realistisch dargestellt, dass man in den „Flow“ des bildgewaltigen, emotionalen Filmes hineingezogen wird und Raum und Zeit völlig vergisst.

Es brauchte dazu einen jungen lettischen Regisseur und ein sehr kleines Team aus Europa, gepaart mit viel Mut und Kreativität zu Neuem.

Moana

Wir finden uns auf einer blühenden Insel im Südpazifik lange vor unserer Zeit ein und schauen der süßen Moana beim Wachsen zu. Der Ozean übt eine magische Anziehungskraft auf sie aus, schon als Baby spielt sie mit ihm und er umschließt sie mit liebevollen Gesten. Je älter sie wird und je schwieriger die Lebensbedingungen für ihr Volk werden, desto stärker vernimmt sie seinen Ruf. Ihre Großmutter weiht sie in die Geheimnisse ihrer Vorfahren ein und mit diesem Wissen macht sie sich alleine mit dem Boot auf, um die sagenumwobene Insel zu suchen, von der alles Unheil seinen Anfang nahm. Der eigentliche Verursacher der Katastrophe, der Halbgott Maui, der der Inselgöttin Te Fiti einst das Herz gestohlen hat, muss aber für die Reise erst gewonnen werden, da nur er den Weg dorthin kennt. Die Expedition erweist sich schwieriger als angenommen, da Maui ein selbstverliebter tätowierter Muskelprotz ist, der wenig Kooperationsbereitschaft mit dem jungen Mädchen zeigt. Aber Moana hat eine Mission zu erfüllen und nach vielen Widerständen unterstützt Maui sie schließlich doch. Er lehrt sie das Seefahren und sie beweist ihren Mut und ihre Intelligenz bei allen ihren Unternehmungen.

Den größten Teil des Films nehmen die Abenteuerfahrten der beiden ein. Sie erklettern schwindelerregende Höhen oder fallen durch lange Tunnels auf den äußersten Meeresboden, werden von den Kokamora-Piraten bedroht oder von der feurigen Dämonin Te Ka, überall erwarten sie Monster, die es nicht gut meinen und Angst und Schrecken verbreiten.

Moana, die Tochter des Häuptlings, ist keine Disneyprinzessin, sondern eine selbstbewusste junge Frau, mit stämmigen Beinen und buschigen Locken. Sie ist nicht auf der Suche nach ihrem Traumprinzen, sondern nach sich selbst und ihrer Bestimmung. Wagemutig bricht sie trotz strengstem Vaterverbot auf, den Ozean zu überqueren und die Welt, wenn es sein muss, alleine zu retten. Trotz Ängsten und schwerer Rückschlägen lässt sie sich nicht unterkriegen, begleitet von ihrer verstorbenen Großmutter und den Wellen, die die Auserwählte immer wieder stranden lassen.

Die erst 14-jährige Auli`i Cravaholo verleiht Moana Stimme und eine pulsierende Vitalität, ebenso muss Dwayson Johnson für seine großartige Darstellung von Maui mit höchsten Lorbeeren bedacht werden. Der Film ist voll von witzigen Dialogen, rasenden Kamerafahrten und Figuren, denen man jeden Atemzug abnimmt. Nicht zu vergessen, die Songs (Lin Manuel Miranda), die in sagenhafte Südseeparadiese einladen und sich wunderbar glücklich anfühlen.