Schweiz, 1971

Das Wahlrecht für Frauen ist in unserer Gesellschaft fest verankert, seit fast 100 Jahren. Niemand stellt es infrage und wenn man sich an die Gesetzeslage für Frauen noch Ende der sechziger Jahre erinnert, scheinen die Diskriminierungen heutzutage haarsträubend.

Dass die Gleichberechtigung in vielen Ländern hart erkämpft wurde und lange gebraucht hat, ist vielen jungen Menschen möglicherweise nicht immer gegenwärtig. Der Film „Die göttliche Ordnung“ von Petra Volpe führt uns in ein Schweizer Gebirgsdorf, in dem Anfang der Siebziger alles noch seine Ordnung hatte und dies auch so bleiben sollte.

Die Frauenbewegung hatte außerhalb der Grenzen der Schweiz schon gewaltige Wellen geschlagen und droht nun auch das Leben der braven Schweizer zu überschwemmen. Der Mut, fürs Frauenwahlrecht öffentlich zu demonstrieren, ist zwar im freien Zürich da, nicht aber im ländlichen Appenzell. Denn die Mächtigen im Dorf, hier verkörpert durch eine Frau, die konservative Sägewerksbesitzerin, haben das Sagen und die einfachen Arbeiter profitieren zu sehr von den geordneten Verhältnissen. Sie bringen das Geld nach Hause, die Frau versorgt, putzt und nimmt alles hin. Aber die wilden sechziger Jahre haben ihre Spuren gezogen, wir erleben die verheiratete Nora, Mutter zweier Söhne, zu Beginn auf langen Fahrradfahrten, ein Kopftuch hält die Haare noch vor der Öffentlichkeit verborgen. Je mehr sie sich aus den dörflichen Normen befreit, umso gewagter wird ihre Frisur und moderner ihr Aussehen. Ihre junge Nichte rebelliert schon offen gegen das System und bricht aus, was sie in eine Korrekturanstalt bringen wird. Auch die zugezogene Italienerin zeigt Selbständigekeit und Durchsetzungskraft. Darüber hinaus gibt es Broschüren und Medien, die über Rechte und Sexualität informieren, aber all dies reicht nicht aus, um den Mut zu haben aufzubegehren. Erst durch massives Unrecht, das die Frauen schmerzvoll erfahren, sind sie in der Lage, zu handeln. Sie organisieren sich, stellen Forderungen: Sie wollen mitbestimmen, arbeiten gehen, ihren Besitz selbst verwalten und bei der Erziehung nicht vom Mann abhängig sein. Exemplarisch werden drei Frauen gezeigt, die sich solidarisieren und durch ihr Vorbild die anderen Frauen des Dorfes mitreißen. Schließlich greifen sie zur stärksten Waffe, die in diesem ungleichen Kampf möglich ist, sie ziehen aus den Familien aus und streiken. Bald kehrt sich die Stimmung der Männer um und sie holen die Frauen gewaltsam aus dem Versammlungshaus zurück. Der Kampf scheint fürs Erste verloren, aber die Frauen haben deutlich gemacht, dass sie es ernst meinen. Als dann der Abstimmungssonntag für das Frauenwahlrecht gekommen ist, stellen sich sich bedrohlich vor dem Wahllokal auf. Die Männer wissen, was ihnen zuhause blüht, sollte das Wahlrecht den Frauen weiterhin versagt bleiben.

Natürlich ist der Film plakativ und bietet alles auf, was im Kampf für die Frauenbefreiung aufgeboten werden kann. Trotzdem gelingt es ihm, die Atmosphäre dieser Zeit sehr gut einzufangen, die Unterdrückung und Einschüchterung, die damals vorherrschten und den enormen Anpassungsdruck, den es innerhalb einer Dorfgemeinschaft gab, ausgehend von den konservativen Institutionen. Wenn man als Einzelne dagegen aufbegehrte, wurde man lächerlich gemacht, beschimpft und mit der ganzen Familie ausgeschlossen. Erst als sich die Frauen zusammentun, ihre Kraft, Sinnlichkeit und Lust zu leben wieder entdecken, kann der göttlichen Ordnung eine Abfuhr erteilt werden.

Der Abspann zeigt die ersten weiblichen Abgeordneten. Selbstbewusst und stolz gehen sie auf ihren Sitz zu, lächelnd, ordnen ihre Akten und beginnen mit der Arbeit. Diese Archivaufnahmen berühren sehr.

Wo die Freiheit begann

Danziger Hafen

In der Nacht überqueren wir die Grenze zu Polen und betreten eine andere Welt. Unser erster Halt ist eine Autobahnraststätte. In nüchterner, neondurchfluteter Atmosphäre essen wir Tomatensuppe mit Nudeln, die ganz nach Maggie schmeckt. Es geht weiter in die drittgrößte Stadt Polens, Posen, das genau zwischen Berlin und Warschau liegt und wo es 966 zur Gründung des polnischen Staates gekommen ist. Auf dem dunklen Parkplatz vor dem Hotel erwarten uns zwei Betrunkene, die Geld wollen. Wir geben nichts und fürchten noch im Schlaf um unser funkelnagelneues deutsches Mietauto.

Am nächsten Tag erwartet uns das Auto ohne Kratzer im Regen. Rund um das Rathaus erwachen die vielen Marktstände, die (wiederaufgebauten) bunten Giebelhäuser, einst Kaufmannsläden nun Restaurants, erstrahlen in den ersten Sonnenstrahlen und um zwölf Uhr beginnen die Menschen nach oben zu blicken. Denn täglich zu Mittag fahren aus dem Rathausturm zwei blecherne Ziegenböcke heraus und stoßen zwölfmal gegeneinander. Mit jedem Stoß geht ein Aufschrei durch die Menge. Von da mit der Free-Walking-Tour weiter zu den Highlights der Stadt, besonders ist der schöne Innenhof im ehemaligen Jesuitenkolleg, in dem Napoleon drei Wochen gewohnt hat und das berührende Orgelkonzert in der St. Stanislaus Pfarrkirche in Erinnerung geblieben. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz besuchen wir noch das Einkaufszentrum, das die Rezeptionistin uns an Herz gelegt hat. Die ehemalige Hugger-Brauerei mit seiner einzigartigen Architektur ist nun sowohl ein Modetempel für die Begüterten als auch ein Ort, der von Kunstobjekten belebt wird.

Die Masse erwartet das Schauspiel der Ziegenböcke

Auf Landstraßen fahren wir am Nachmittag weiter nach Danzig, das uns mit hässlicher Architektur und vielen Kränen empfängt. Es ist kein guter Zeitpunkt für einen Besuch, denn es findet gerade der jährliche Dominikanermarkt statt, der die schöne Altstadt mit Tausenden Ständen und Besuchern verunstaltet. Wir kehren unsere Schritte ab und wenden uns dem Hafengelände zu und stoßen auf ein verrostetes Gebäude, das erst 2014 eröffnete Europäische Zentrum der Solidarność, an dessen Eingangstür „Europe starts here“ steht. Von der Eingangshalle bis zur Dachterrasse wird der Solidarność-Bewegung und besonders Lech Wałęsa Tribut gezollt. Noch nie habe ich eine so detaillierte, minutiös gestaltete Aufarbeitung der Geschichte einer Bewegung gesehen wie hier. Hier passt alles zusammen: Architektur, Ausstellungskonzept und die vielen Objekte, Ton- und Bildmaterialien, die Geschichte lebendig machen. Das Herz tut sich auf und man ist stolz auf diese mutigen Menschen, die ganz Europa verändert haben. Lech Wałęsa soll in dem Museum noch ein Büro haben, erzählt uns später der Stadtführer, nur für uns auf Englisch hinzufügend, aber die Polen seien nach Spitzelgerüchten nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Auch wenn man diesen Gerüchten Glauben schenkte, sie würden den Lauf der Geschichte nicht verändern.

Europäisches Zentrum der Solidarność

Mit dem Kuli „Freedom was born in Gdansk“ verlassen wir am nächsten Tag die Stadt, über die Nordseeküste und Stettin fahren wir zurück nach Berlin, wo unsere Reise durch den ehemaligen Ostblock vor zehn Tagen begonnen hatte. Überall war der Zweite Weltkrieg und seine Folgen noch präsent, als mahnende Erinnerung an Völkermord und Zerstörung. Die Teilung der Welt in Ost und West, in Freiheit und Unfreiheit, konnte ich im August 2017 nicht mehr spüren.

Eingeschlossen in der Frauenkirche

Von der hippen Neustadt bewege ich mich auf auf das „alte“ Dresden zu. Was zunächst in den Blick kommt, ist der geringe Wasserstand der Elbe, sodass am Ufer die elf historischen Dampfer feststecken und die vielen jungen Leute am breiten Flussufer die letzten Sonnenstunden genießen können. Jenseits der aufgebrochenen Augustusbrücke breitet sich vor mir die Altstadt aus, die bereits im Schatten liegt, grimmig, mit dunklem Sandstein erwartet sie die Besucherin. Ist man einmal über der Brücke, scheinen die Hauptsehenswürdigkeiten dicht gedrängt beieinanderzustehen, bewegt man sich jedoch innerhalb der Altstadt, tut sich jeweils der Raum auf und man findet sich auf großen Flächen wieder. Der Vorplatz vor der Semperoper erscheint riesig, im Inneren des Zwingers öffnet sich ein weitläufiger Garten und wenn man auf den Platz um die Frauenkirche gelangt, sehen die Menschen am Ende wie Miniaturen aus. Dort herrscht ein reges Abendtreiben, die vielen Häuser sind nach der totalen Zerstörung der Stadt teils original wieder aufgebaut, einige jedoch nicht, sodass der Stilbruch sofort unangenehm ins Auge sticht.

Platz um die Frauenkirche

Der Platz blieb nach 1945 als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung unbebaut, er diente als Weideplatz für Schafe und Parkplatz und ab 1982 Demonstranten als Symbol des Widerstands gegen das SED-Regime. Erst nach der Wende wurde die Kirche mit Spenden aus der ganzen Welt wiederaufgebaut und 2005 eingeweiht. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt, ein schöner Rundbau mit einer mächtigen Steinkuppel und zieht die Besucher magnetisch an.

Zufällig, wie Hunderte andere Touristen, gerate ich am nächsten Tag mittags in eine Orgelandacht und das passierte folgendermaßen: Der Rundbau lädt zum Sitzen ein, fühlt sich wie ein Theater an, da die Kirche über Ränge verfügt, in denen es früher die Reichen warm hatten. Ungefähr zehn Minuten vor zwölf hört man eine kurze Durchsage, dass gleich eine Andacht mit Orgelmusik stattfinden werde. Eines geht in das andere über, dann sind alle Türen verschlossen und eine Pastorin betritt feierlich den Raum und nach dem Geläut der Friedensglocke und der Orgelmusik befinden wir uns mit einem Psalmgebet, einer Predigt, dem Vaterunser, dem Gemeindelied mitten in einem Gottesdienst, der mit dem Segen beschlossen wird. Sehr gut gemacht, besinnlich, nicht aufdringlich und mich fasziniert, dass auch die vielen Touristen aus fremden Ländern sitzen bleiben und geduldig zuhören. Bald verstehe ich auch warum. Als sich eine größere Gruppe während der Andacht auf den Weg nach draußen macht, wird sie angehalten und muss am Ausgang auf das Ende warten. Es gibt nur einen Ausgang und an dem steht ein Ordensmann mit Klingelbeutel. Wo hatte ich außer an Weihnachten oder zu Ostern je eine so volle Kirche gesehen?

Die Frauenkirche

Neben der Frauenkirche werden bei kurzem Aufenthalt in Dresden neben der 22 Stationen umfassenden Stadtrundfahrt auch wärmstens die Zwingerführung, die Führung Schloss und Fürstenzug und rund um die Frauenkirche empfohlen, die im Ticket inkludiert sind. Großartig, sehr informativ und trotz zweieinhalb Stunden kurzweilig und witzig, ein besonderer Dank gilt meiner engagierten „Gästeführerin“. Und ein letzter Tipp: Einkehren in Pfunds Molkerei, dem schönsten Milchgeschäft der Welt und sich dort ein Glas kalter Buttermilch genehmigen. Es schmeckt himmlisch.

Ein Rendezvous mit Goethe

Goethes Arbeitszimmer

Ich bin Goethefan, also einmal im Leben den Ort besuchen, wo er die meiste Zeit gelebt hatte. Von Berlin geht es in dreieinhalb Stunden mit dem Bus nach Weimar, berühmt durch Goethe und Schiller, die Gründung der Weimarer Republik, das Bauhaus und das KZ Buchenwald. Größe und Verfall Deutschlands an einem Ort konzentriert.

Was hatte ich erwartet? Weimar ist kleinräumiger, schön hergerichtet, außer das Goethehaus. Das ist außen recht heruntergekommen, dem großen Dichterfürsten der deutschen Sprache nicht würdig. Am Nachmittag kehre ich zuerst einmal in eine der vielen Pizzerien ein. Ich hebe mir das Goethehaus auf, frisch und voller Schwung will ich sein Haus betreten. An diesem kurzen Nachmittag, während eines Stadtspazierganges besuche ich noch das Bauhaus-Museum, die Fürstengruft im historischen Friedhof, vorbei an berühmten Namen wie Charlotte von Stein und dem Rest der Goethe-Familie. Der schöne, laue Abend will genutzt werden, also hinüber in den Park an der Illm, vorbei am kuscheligen Liszt-Haus, hin zu Goethes Gartenhaus, hinauf zum Horn, wo das einzig realisierte Bauhaus-Haus in Weimar steht, über das fremd wirkende Römische Haus zurück ins Stadtzentrum. Die Wege für mich und Goethe überschaubar, er soll das Leben in einer Kleinstadt deswegen vorgezogen haben, lese ich an nächsten Tag. Ich muss mich anstrengen, sein Haus am Frauenplan zu finden. Eine kleine Tafel am Eingang weist schließlich darauf hin: „Goethe-Nationalmuseum“. Drinnen befindet sich ein professionell funktionierender Museumsbetrieb. Rechts geht es zu Goethes Wohnhaus, das uns nach einem breiten Treppenaufgang mit „Salve“ begrüßt. Wir schreiten durch das Vorderhaus, das der Repräsentation und Geselligkeit diente. Seine Italienreisen haben hier ihren Niederschlag gefunden, antike Skulpturen, Fresken und Friese erscheinen sonderbar in dem zierlichen Barockhaus, in dem er über fünfzig Jahr gelebt hatte. Dann geht es ins Hinterhaus, in seine Privaträume, alles ist hier schlicht und zweckmäßig eingerichtet: das Esszimmer, die Bibliothek, sein Arbeitszimmer, gleich daneben ein kleines Kämmerchen mit einfachem Bett. Man blickt auf den Stuhl, in dem er gestorben ist und bekommt eine Ahnung davon, was ein geglückten Leben sein könnte. Um seinem Genie näherzukommen, kann man anschließend im ersten Stock die Ausstellung „Lebensfluten – Tatensturm“ besichtigen. Die Ausstellung hat elf Räume, die Goethes Leben und Wirken im zeitgeschichtlichen Kontext zeigen: Seine Biographie und Werke, seine Tätigkeit als Politiker, Zeichner und Verfasser von naturwissenschaftlichen Studien. Über die Begriffe Genie – Gewalt – Welt – Liebe – Kunst – Natur und Erinnerung bekommt man einen fundierten Einblick in seine Zeit. Im Mittelpunkt steht die „Faust- Galerie“, wo man sich interaktiv mit dem Werk beschäftigen kann. Die Ausstellung zeigt Goethes unermüdliches Streben nach Erkenntnis und Vervollkommnung.

Stunden später ist man erschöpft und strebt in den schönen Garten hinaus, setzt sich auf eine schattige Bank, genießt die Ruhe und lässt seinen Geist in der Blumenpracht ausruhen. Nach einem Besuch im Goethehaus hat man zuhause viel zu erzählen.

Goethes Sterbesessel

Der Garten

Unsere Reise führt uns weiter nach Dresden, erinnert durch die fast vollkommene Zerstörung durch britische Bomben im 2. Weltkrieg.

Reiseeindrücke aus dem ehemaligen Ostblock

3. – 14. August 2017

Während meiner Studienzeit in den frühen achtziger Jahren besuchte ich Ostberlin, Prag und immer wieder das sich wirtschaftlich öffnende Ungarn. An den Grenzen wurde man streng kontrolliert und von da an konnte man auch als Besucherin an jeder Ecke spüren, was Kommunismus bedeutete. Die Supermärkte luden nicht zum Einkaufen ein, der Mode fehlte der Chic, die Städte waren grau und verfallen, die Hotels triste Bettenburgen und das Personal so motiviert, dass man froh sein konnte, wenn überhaupt ein bescheidenes Mahl serviert wurde. Über Politik wurde mit einer jungen Frau aus dem Westen nicht diskutiert. Die Beklemmung war allerorts spürbar und beim Grenzübertritt ins kapitalistische Österreich zurück atmete man hörbar auf. Man fühlte sich wieder in der Freiheit angekommen. Was hat sich seit dem Fall des Eisernen Vorhanges 1989 verändert? Anhand einiger ausgewählter Stationen meiner Reise werden einige Eindrücke mitgeteilt. Beginnen wir unsere Reise in Berlin:

Zunächst geht es auf ein Schiff, das uns bei Regenwetter rund um den Wannsee führt. Das Wetter könnte nicht treffender sein. Vorbei an der grauen Villa, in der im Januar 1942 die Endlösung der Judenfrage von hochrangigen Vertretern der nationalsozialistischen Regierung beschlossen wurde, weiter zu den leuchtenden Villen, in denen die Siegermächte des 2. Weltkrieges, unter der Führung Churchills, Stalins und Trumans, während der Potsdamer Konferenz Quartier bezogen hatten. Hier, in dieser mondänen Welt mit Blick auf den idyllischen Wannsee wurde die akribische Organisation der Ermordung der europäischen Juden geplant und im Juli / August 1945 die Teilung Deutschlands und der Anfang des Kalten Krieges gestartet. Der geschichtsträchtige Wannsee war für uns kein Ort zum Verweilen und wir flüchteten zurück in das leichtlebige junge Berlin.

Wie sehr das geteilte Deutschland in den letzten dreißig Jahren zusammengewachsen ist, zeigt die Gedenkstätte in der Bernauer Straße. Dort, wo einst der Todesstreifen verlief, geht man nun eine 1,4 Kilometer lange Freifläche entlang und wird durch Bilder und Text über die Mauer informiert: an den Bau, an Menschen, die beim Fluchtversuch gestorben sind, an Fluchttunnels, an Stäbe rostenden Stahls, an ein 70 Meter langes Originalmauerstück, an wichtige Ereignisse, die in der Bernauer Straße stattgefunden haben.

Der Weg führt uns zur Kapelle der Versöhnung, einem runder Lehmbau auf den Fundamenten der 1945 gesprengten Versöhnungskirche. Hier kann man einkehren, um der Opfer zu gedenken und für den Frieden zu beten. Rings um die Kapelle sind Weizenfelder angelegt, sie bieten nicht nur einen sonnigen Anblick, sondern stehen auch symbolhaft für den Prozess der Veränderung. Als Nächstes kehre man ins 2009 errichtete Besucherzentrum ein und nehme viel Zeit mit, denn es gibt hier viel zu erfahren. Augenzeugen berichten vom Alltag vor, während und nach dem Mauerbau, sie erzählen von ihren Hoffnungen, die sie in Kennedy gesetzt und wie wenig sie sich von den Politikern der BRD unterstützt gefühlt haben. In der ersten Zeit verabredeten sich die Menschen an der Mauer, um sich gegenseitig zuzuwinken. Man kann die Rede des empörten Willy Brandt hören, der den Mauerbau mit schärfsten Worten verurteilt und die Grenzsoldaten auffordert, nicht auf ihre deutschen Brüder zu schießen. Wer einen tieferen Einblick in die Geschichte der Teilung Berlins bekommen will, für den ist diese Gedenkstätte ein unbedingtes Muss, der Rummel am Checkpoint Charlie zieht zwar die Massen an, ist jedoch zu Show und Business verkommen. Hier kann jeder Besucher spüren, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind und mit allen Mitteln zu verteidigen sind.

Unsere Reise wird der 2. Weltkrieg und seine Folgen weiterhin begleiten, im nächsten Blog besuchen wir Weimar und Dresden. Seien Sie gespannt, welcher Welt wir dort begegnen.

 

Gloria Steinem, My life on the Road

Vielen von uns ist sie seit Jahrzehnten bekannt: als attraktive Feministin, Mitbegründerin von Ms und nun auch als unermüdliche Kämpferin für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit in Amerika.

„My Life on the Road“ berichtet, wo diese Reise startet, wer sie begleitet und wohin sie geführt hat. Sieben Gründe, warum Sie dieses Buch unbedingt lesen sollten:

  1. Die Widmung: Als junge Frau auf dem Weg nach Indien hilft ihr ein Londoner Arzt. Diesem widmet sie das Buch. Ohne ihn wäre ihr Leben ein anderes geworden.
  2. Der Vater: Dieser war die meiste Zeit mit seiner Familie auf Amerikas Straßen unterwegs, er lehrte sie Nonkonformität und Unabhängigkeit. Ihre Mutter hatte dafür einen hohen Preis zu zahlen. Dieses Kapitel über ihre Kindheit gibt Auskunft darüber, wie sehr die Sehnsüchte und Ängste der Eltern das Leben der Kinder prägen.
  3. Soziale Bewegungen: 1934 geboren, wächst sie als junge Frau in einem Amerika auf, das vor allem von großer sozialer Ungerechtigkeit geprägt ist. Gegen Frauen im Allgemeinen, gegen Schwarze, gegen Landarbeiter, gegen indigene Völker. Sie ist unmittelbare Zeugin und Aktivistin vieler Bewegungen und durch ihren Bericht bekommt man einen Eindruck, wie schwierig und langwierig es war, die Lebensbedingungen vieler zu verbessern. Heute nur mehr schwer vorzustellen sind die diskriminierenden Arbeitsbedingungen der Stewardessen und Landarbeiter, und wie viele mutige Menschen es gebraucht hat, um diese zu beseitigen.
  4. Frauenrechte: Sie widmet ein Kapitel „(Talking circles“) der wenig bekannten Frauenkonferenz in Houston 1977, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, allen Frauenorganisationen in Amerika Gehör und Stimme zu verleihen. Steinem bezeichnet sie als wichtigsten Wendepunkt in ihrem Leben, beschreibt, wie es dazu gekommen ist und wie bahnbrechend für sie und viele andere Frauen diese Konferenz war.
  5. Das Reisen: Ein anderes Kapitel („Why I don´t drive“) ist ihren vielen Reisen gewidmet, mit Taxis unterwegs zu Flughäfen, deren Fahrer ihr die Lebenssituation der amerikanischen Einwanderer offenbarten. Sie gibt viele Beispiele, warum Reisen zur Identitätsfindung und Vorurteilsbeseitigung beiträgt.
  6. Die Reden: „One big Campus“ erzählt von ihren zahlreichen Reden mit der schwarzen Bürgerrechtskämpferin Florence Kennedy über die Frauenbewegung und wie bedrohlich für manche dieses Gedankengut war.
  7. Politik: Viele Jahrzehnte war sie auch als Wahlhelferin für fortschrittliche amerikanische PolitikerInnen unterwegs, „When the political is personal“ nennt berühmte Namen, die die Zeit bis heute überlebt haben. Das letzte Kapitel „What once was can be again“ widmet sie Wilma Mankiller, einer Schriftstellerin und Feministin, die von 1985 bis 1995 der erste weibliche Häuptling der Cherokee Nation war. Dieses Kapitel porträtiert nicht nur eine beeindruckende Frau, sondern erzählt auch die Geschichte einer tiefen Frauenfreundschaft bis in den Tod.

Gloria Steinems „My Life on the Road“ muss man also gelesen haben. Es komprimiert die wichtigsten politischen Bewegungen und Themen des 20. Jahrhunderts, es erzählt von mutigen Frauen und Männern in Amerika, die ihre Kraft und ihr Leben dem gesellschaftlichen Fortschritt gewidmet haben. Und wir sind dank Steinems Sprachkunst mitten drin im Geschehen.

Einmal Hallstatt hin und zurück

Was führt täglich Tausende, hauptsächlich sehr junge, perfekt geschminkte Mädchen und androgyne junge Männer aus Asien nach Hallstatt? Ist es nur die Sehnsucht nach dem Original? Sie kommen mit dem Zug angereist, warten geduldig in Zweierreihe auf die Überfahrt und haben von dem Moment, wo das Schiff startet, ihre Handys gezückt und fotografieren. In Hallstatt angekommen schwärmen sie in den kleinen Ort aus, um jeden Winkel des pittoresken Ortes festzuhalten. Ich habe gehört, dass die Hallstätter nicht mehr in Hallstatt wohnen, weil sie sich wie die Venezianer in Venedig fühlten, reißaus genommen haben und dem Fremdenverkehr den Ort übergeben haben. Und es dürfte stimmen. Der Ort, den ich aus meiner Jugend noch recht heruntergekommen und lieblich in Erinnerung habe, ist herausgeputzt, in jedes Haus ist ein Hotel und ein Restaurant eingekehrt mit dementsprechend hohen Preisen. Entlang der Hauptstraße reiht sich ein Kunsthandwerksladen an den nächsten, es gibt sogar einen Dirndl(kleid)-Verleih, auch eine Schnellimbissstube findet ihre zahlreichen Kunden. Dabei gibt sich der Ort wirklich Mühe, den Besuchern etwas von der großen Vergangenheit des Ortes zu zeigen. Es wären überall im Ort Schautafeln zu lesen, die auf das frühere Leben verweisen, es gäbe ein Museum, das zu besichtigen wäre und den steilen Aufstieg zum Salzberg, der mit elf Infotafeln in englischer und deutscher Sprache die große Vergangenheit und Bedeutung von Hallstatt zum Leben erweckt. Man liest über die Geschichte des Bergbaus, zu den Bergleuten, über die beschwerliche Arbeit der Trägerinnen und die Habsburger. Wer dem Rummel im Tal entkommen will, gehe diesen steilen, einsamen Serpentinenweg hinauf, zuerst über Treppen und dann durch den kühlenden Wald, immer wieder bietet sich ein herrlicher Ausblick. Oben angekommen, völlig verschwitzt, trifft man sie dann wieder die Massen, schick gekleidet und leichtbeschuht haben sie den Weg auf den Rudolfsturm über die Seilbahn genommen. Dann schnell ein Erinnerungsfoto auf dem spektakulären Aussichtsplateau, dem 2013 errichteten „Welterbeblick“ und wenn noch Zeit und Kraft bleibt die Salzwelten erkunden.

Wieder im Ort angekommen, reiht man sich am Landungssteg ein und hofft noch einen Platz auf der Fähre zu bekommen. Auf der Fahrt blickt man zurück auf Hallstatt, das seine Farbenpracht verloren hat. Ein Gewitter ist aufgezogen. Der Bahnsteig ist überfüllt, aber als der Zug nach Attnang abgefahren ist, sitzt man alleine da, verstört darüber, was man an diesem Montag im Juli 2017 in Hallstatt erlebt hat. Sogar der Topfenstrudel mit Vanillesauce hat anders geschmeckt.

 

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Der Titel der Dokumentation verspricht Hoffnung in der heutigen Krisenstimmung. Aber wie kann diese aussehen? Und was wird schon dafür getan, hier in Österreich? Was kann man tun, um unsere Welt zu einer besseren zu machen?

Anhand von kurzen Interviews werden Menschen vorgestellt, die einen Beitrag dazu leisten. Sie werden nur mit dem Vornamen genannt: Walter, Anna, Rita, Judith, Theresa heißen sie und es wird nur ein kurzer Einblick in ihr Wirken gegeben. Es geht um Partizipation in der Politik (BürgerInnenräte), um die Unterstützung der Ärmsten mit Lebensmitteln und warmem Essen (Pannonische Tafel), um saisonale landwirtschaftliche Produkte (Speiselokal), um Bauten aus Lehm für eine nachhaltige Architektur, um die Verunsicherung durch die Bankenkrise und das fehlende Narrativ dazu (Kapitalismuskritik), um Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft (Wohnzimmer).

Es werden Menschen nicht nur mit ihren Visionen gezeigt, sondern auch mit deren Realisierung. Kein Name und auch kein Projekt war mir bisher bekannt und man fragt sich, warum so viel Gutes so wenig mediale Aufmerksamkeit findet.

Welche Haltung veranschaulichen diese kurzen Einblicke? Es gibt Menschen und Initiativen, die den Ohnmachtsgefühlen vieler und der sozialen Kälte entgegenwirken. Sei es nun der kleine Hofladen, der dem Greislersterben in den Dörfern Einhalt bieten will und eine Begegnungsstätte für die Dorfbewohner wird, weil sie sich nur noch auf der Fahrt zum nächsten Supermarkt mit einem Gruß austauschten. Oder die Architektin, die mit Lehm baut, weil er überall natürlich vorhanden ist und keine negativen Konsequenzen für künftige Generationen hat, im Gegensatz zu Beton, der die Umwelt enorm schädigt. Und dann gibt es noch den Hochschullehrer, der seinen Studenten erklärt, wie unser Wirtschaftssystem so geworden ist und dass der Neoliberalismus nicht der Weisheit letzter Schluss ist und veränderbar ist.

Alle sechs Geschichten geben Hoffnung für die Zukunft, weil sie zeigen, dass Einzelne doch etwas am „System“ ändern können. Es zeigt sich, dass man nicht reich und berühmt damit wird, aber alle sechs Porträtierten strahlen aus, dass es sich lohnt, seinen Platz zu finden, an dem man etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leistet. Ganz nach dem Motto von Walter: „Die Zukunft ist offen, wir müssen`s machen.“

Und tatsächlich geht man hoffnungsvoller aus dem Kino, angeregt, darüber nachzudenken, was man selber beitragen kann und noch lange klingt die kraftvolle Musik von „Federspiel“ in einem nach.

Aquarius

In letzter Zeit begegnen mir immer mehr Filme, die das Leben von Frauen jenseits der Fünfzig im Blickfeld haben. Das mag mit meinem fortschreitenden Alter zu tun haben oder auch damit, dass diese Heldinnen etwas zu sagen haben. Meist haben sie den Großteils ihres Lebens bereits hinter sich, sind in einem Abschnitt angekommen, in dem sie die verbleibende Zeit dem widmen wollen, was ihnen wirklich wichtig ist. Der Film „Aquarius“ vom brasilianischen Regisseur Kleber Mendonca Filho erzählt davon.

Er ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten wird uns Clara als junge Frau vorgestellt: Mit dröhnendem „Another One Bites the Dust“ fährt sie mit Freunden am nächtlichen Strand entlang, um kurz darauf in das Haus einzukehren, das ihr lebenslanges Heim werden wird. Die Melodie ist angestimmt. Es wird der 70. Geburtstag ihrer schönen Tante Lucia gefeiert, die es als Frau zu einigem Wohlstand und einem angesehenen Beruf gebracht hat. Alle feiern mit, es ist ein ausgelassenes Fest mit Freunden und Nachbarn. Claras Mann klärt uns über den Ursprung ihres schicken Kurzhaarschnittes auf, auch sie ist gerade dem Tod von der Schippe gesprungen.

Drei Jahrzehnte später ist die ehemalige Musikkritikerin (Sonia Braga) alt geworden und allein in dem Haus zurückgeblieben, alle anderen Mieter sind bereits ausgezogen, da an dieser Stelle eine schicke, teure Resistenz errichtet werden soll. Nur Clara wehrt sich gegen den Verkauf ihrer Wohnung und gerät dadurch in eine bedrohliche Situation aus Erpressung und Schikanen. Es scheint, dass sie den Kampf gegen den mächtigen Gegner nur verlieren kann.

Aber sie ist stur und gewieft und setzt sich im dritten Teil des Filmes mit der Unterstützung ihrer Freunde und Familie gegen die Baumafia zur Wehr.

Was zeigt uns dieser Film aus dem fernen Brasilien? In Würde zu altern heißt nicht dem Jugendkult hinterherzulaufen und so zu tun, als ob man noch straffe Zwanzig wäre. Auch wenn die große Liebe (ihr Mann) schon lange tot ist, kann Sexualität auch nach der Operation noch gelebt werden, man muss den jugendlichen Liebhaber nur bezahlen. Die Einsamkeit, in der wir sie immer wieder antreffen, kann ausgehalten werden, weil es zwischendurch Freundinnen, Bekannte und Familie und schöne Erinnerungen an ein erfülltes Leben gibt. Und wenn die Bedrohung zu groß wird, dann kann auch eine Flasche Rotwein und Schallplattenmusik darüber hinwegtrösten. Das ist es, was unsere Heldin braucht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Um es nicht zu vergessen: einer wunderschönen Sonia Braga mit tiefschwarzer Mähne und schwarzem Badeanzug schaut man gerne dabei zu, wie sie sich aus den Fluten des Meeres erhebt und unerschrocken auf uns zugeht.

Get out

Get out erregte in den USA großes Aufsehen. Mit den geringen Produktionskosten von nicht einmal fünf Millionen Dollar brach der Film viele Rekorde an den amerikanischen Kinokassen. Nicht schlecht für den Debütfilm eines Komikers. Der Regisseur Jordan Peele ist bisher nur als Teil von Key&Peele in Insiderkreisen bekannt. Und er hat mit dem Film ein heißes Eisen angepackt: Auch nach acht Jahren Obama scheint der Rassismus unter denen, die stolz bekennen, sie hätten ihm auch gerne eine dritte Amtszeit gewährt, subtil vorhanden: der intellektuellen weißen Oberschicht. Und diese kann einem das Gruseln lehren.

Ein junger Schwarzer (Daniel Kaluuya) wird über das Wochenende in die Familie seiner weißen Freundin (Allison Williams) zum Antrittsbesuch eingeladen. Das Auto der beiden fährt über einsame Landstraßen zu dem prächtigen Anwesen der Eltern. Chris fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, zumal die Fahrt zweimal unterbrochen werden muss. Bei der Ankunft verstören ihn dann zwei schwarze Angestellte, die keinerlei Solidarität mit dem schwarzen Mitbruder zeigen. Die Mutter der Freundin ist Psychotherapeutin, auf Hypnose spezialisiert, der Vater Neurochirurg. Etwas ist sonderbar in der Familie, sodass Chris in der Nacht aufwacht, irritiert durch Haus und Garten wandert, um sich schließlich im Stuhl gegenüber der Hausherrin einzufinden, die ihm auch gleich sein Kindheitstrauma aufbereitet. Im wahrsten Sinn des Wortes verliert er den Boden unter den Füßen und fällt in einen tiefen Abgrund voller Schuld. Am nächsten Morgen wacht er im Bett neben seiner Freundin auf und ist beruhigt, dass alles nur ein schrecklicher Albtraum gewesen ist. Der Bruder von Rose verhält sich auffallend aggressiv, Chris‘ Irritation wächst immer mehr, besonders als Freunde am nächsten Tag zum Familienfest kommen. Er fühlt sich als Fremder in der weißen Gesellschaft, kann sich dieses Gefühl aber nur dadurch erklären, dass er als Schwarzer schon immer Diskriminierungen ausgesetzt war. Und bald stellt sich heraus, dass er damit Recht haben wird und ihm noch viel Schlimmeres bevorsteht. Etwas so Schreckliches, das nicht einmal er vorausahnen konnte.

Die Geschichte ist so gut erzählt, dass auch wir lange glauben, dass seine Wahrnehmungen durch seine Geschichte verzerrt ist: durch die Anfeindungen, die er als Schwarzer in der amerikanischen Gesellschaft täglich erfährt, kombiniert mit den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber. Er ist Fotograf und versucht mit der Kamera das Geschehen einzufangen. Da die Realität aber nur schöner Schein ist, kann er sie nur intuitiv erfassen. Das Grauen darüber, als er der Wahrheit immer näher rückt, geht auch auf uns über. Der Abgrund menschlichen Tuns übertrifft die schrecklichsten Träume. „Get out“, lautet von nun an die Devise. Und da kann es dann auch ordentlich brutal zugehen …