Es kann schlimmer sein

Die Bagage

Wer schon etwas in die Jahre gekommen ist, noch die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebt hat, wird sich daran erinnern, dass Armut damals auch in Österreich noch überall sichtbar war. Es gab nicht wenige Familien, in denen die Kinder nur einmal in der Woche eine kleine Schokolade zum Teilen hatten, getragene Kleidung und alte Skier von Kind zu Kind weitergereicht wurden und man nur einen Holzofen in der Küche zum Wärmen hatte.  Die Not sah man den Leuten an, Luxus war einmal im Jahr ein Mittagessen in einem Gasthaus, es musste gespart werden, das Wort Urlaubsreise für viele noch nicht vorstellbar.

Und wenn man den Erzählungen der Großmutter zuhörte, sah man, wie gut es einem ging, denn es kann schlimmer sein. Wie schlimm, erzählt Monika Helfer anhand ihrer Familiengeschichte in ihrem autofiktionalen Roman  „Die Bagage“.

Es ist die Geschichte ihrer Großeltern, der schönen Maria Mossbrugger, die mit ihrem Mann Josef auf einem entlegenen Hof weit drinnen in der Einschicht lebt und sieben Kindern das Leben schenkt. Es ist die Geschichte von bitterer Armut und Außenseitertum, weil Schönheit und Kinderreichtum bei den Dorfbewohnern Neid, Bosheit und Verleumdung wecken. Die Bagage, wie die Dorfbewohner  abwertend sagen, hat nichts. Der Hof ernährt sie kärglich, und so ist die Familie, als Josef mit drei anderen Dorfbewohnern 1914 in den Krieg zieht, auf die Unterstützung des Bürgermeisters angewiesen. Er glaubt jetzt seine Stunde gekommen und nimmt Maria mit auf den Markt, dort lernt sie aber einen Deutschen kennen, der einige Male auf den Hof kommt. Diese Besuche haben zur Folge, dass  ihr nun auch die anderen Männer ungeniert nachstellen, allen voran der Bürgermeister. Er schreckt dabei auch vor Gewaltanwendung nicht zurück.  Erst dem Zweitjüngsten, Lorenz, gelingt es schließlich, den Bürgermeister aus dem Haus zu vertreiben. Und als die Familie überhaupt nichts mehr zum Essen hat, ist er es wieder, der einen fremden Keller ausräumt und so das Überleben sichert. Dass Maria untreu mit dem Deutschen gewesen sei, ereilt den heimkehrenden Josef schon weit vor seiner Ankunft als bösartiges Gerücht. Das Kind, Grete, das während des Krieges geboren wird, ist die Mutter der Autorin, mit der der  Vater nie ein Wort reden oder es jemals anschauen wird, so sehr hat sich das Misstrauen in ihm eingraben.

Monika Helfer schreibt in einfacher Sprache von Ereignissen, wie es damals gewesen hätte sein können. Vieles hat sie noch von ihrer Tante Kathi erfahren und auch ihr konnte sie es erst am Totenbett entreißen. Vieles bleibt im Unklaren, so auch wer der Vater von Grete ist. Und  immer wieder wird die Erzählung über die Großmutter unterbrochen und die Lebensgeschichten ihrer sieben Kinder werden weiterverfolgt. Soviel sei verraten: Die Beschädigungen, die sie durch die Armut und die dörfliche Gemeinschaft erfahren haben,  hat sie für ihr Leben gezeichnet. Sie hatten kein leichtes und geglücktes Leben.

„Die Bagage“ ist eine erbärmliche, tieftraurige Geschichte, die Monika Helfer uns von ihrer Herkunft erzählt, aber sie ist auch eine ermutigende Geschichte von der Liebe und Fürsorge zwischen Mutter und Kindern.

Mehr als ich manchmal verkraften kann …

Erinnert man sich an die achtziger und frühen neunziger Jahre in der Hauptstadt zurück, ist die Frauenbewegung omnipräsent. Gern und häufig wurden die Frauenbuchhandlung, – demonstrationen und -feste besucht und sogenannte Frauenliteratur in Unmengen verschlungen. Es gab ein starkes Solidaritätsgefühl unter Frauen. Und eine Frau schien der Motor dieses feministischen Aufbruchs in Österreich zu sein: Johanna Dohnal, über die in den Medien, in Stadt und Land im Guten, mehr noch im Bösen gesprochen wurde. Jetzt hat die Regisseurin Sabine Derflinger unter dem Titel „Die Dohnal“ eine Dokumentation über das Leben und Wirken dieser Ausnahmepolitikerin herausgebracht.

Für alle diejenigen, die Johanna Dohnal noch nicht kennen: Sie war eine SPÖ-Politikerin, ab 1979 Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen, ab 1990 erste österreichische Frauenministerin, bevor sie 1995 von Bundeskanzler Franz Vranitzky entlassen wurde, indem sie davon aus der Zeitung erfuhr. Die Dokumentation verfolgt ihren Aufstieg in der Partei von der Bezirksrätin bis ins Ministerium und lässt viele Mitstreiterinnen der damaligen Zeit und junge Feministinnen von heute zu Wort kommen. Es wird gezeigt, gegen welche Widerstände sie ankämpfen musste, aber vor allem welche weitreichende Umgestaltung der österreichischen Gesellschaft durch ihre Politik möglich war. Einige Reformen seien hier genannt:  das gesetzliche Verbot von sexueller Belästigung, das Betretungsverbot bei Gewalt in der Ehe, die Beseitigung der Amtsvormundschaft bei ledigen Mütter, Gleichbehandlungsgetze für den öffentlichen Dienst und die Frauenquote an Universitäten und in Ministerien, die Einführung von Frauenhäusern und Väterkarenz. Ihr Einsatz für Gleichberechtigung und die Verbesserung der Situation der Mädchen und Frauen war unermüdlich und aufreibend. Wir erleben sie im Club 2, in Interviews, aber auch im Gespräch mit Bäuerinnen und Arbeiterinnen. Immer ist sie authentisch, neugierig, schlagfertig und um Aufklärung bemüht. Interessant sind auch die Aussagen aus ihrem familiären Umfeld, ihrer Tochter, Enkelin, Lebensgefährtin, ihrer Mitarbeiterinnen, die uns den Menschen Johanna Dohnal hinter der politischen Bühne näherbringen. Sie lassen uns erfahren, dass der Druck auf sie enorm war, dass jeden Tag Unmengen Post von Rat suchenden Frauen im Ministerium einflatterten, die beantwortet werden mussten und  teilweise auch aus schierer Unmöglichkeit, von ihren Mitarbeiterinnen zum Verschwinden gebracht wurden. Ihre Enkelin beklagt, dass heute niemand mehr den Namen ihrer Großmutter kenne, ihre Lebensgefährtin berichtet von Kotzattacken nach schwierigen Sitzungen und  sie selbst antwortet in einem Interview auf die Frage, ob die „ewige Frauenfrage“  ihr ganzes politisches Leben ausfülle mit: „Mehr als ich manchmal verkraften kann“.

Weil Johanna Dohnal als Politikerin und Privatperson gezeigt wird, scheint es nicht verwunderlich, dass das Interesse an dem Film so groß ist. Und wenn man ein Interview mit einem österreichischen Politiker bzw. einer Politikerin derzeit mitverfolgt, kann man sich nur wundern, was in der Zwischenzeit passiert ist. In den Aussagen von Johanna Dohnal werden drängende gesellschaftspolitische Fragen benannt, wodurch den Angreifern Tür und Tor geöffnet wird. Schon das allein zu erleben, wie ehrlich und verletzbar sie agierte,  tut wohl. Johanna Dohnal war eine „Politikerin mit Haltung und Herz“, mit Ecken und Kanten, stolz und verzweifelt, klug und voll unbändiger Energie, aufgebrochen, dem Patriarchat in Österreich den Garaus zu machen.

Die Dohnal

Eine Frauenfreundschaft

Ferrante: Reife und Alter

Wenn man sich bis zum vierten Teil der Neapolitanischen Saga (insgesamt 2200 Seiten) vorgearbeitet hat, kann man zuerst einmal mit dem Titel gar nichts anfangen. Und das Ereignis, von dem er berichtet, findet so unmittelbar und aus dem Nichts statt, dass der Schrecken bleibt.

Seit meiner Reise vor einigen Jahren in das berühmt-berüchtigte Neapel lese ich an den Büchern von Elena Ferrante. Jedes Jahr tauche ich wieder ein in das dichte Beziehungsgeflecht im Armenviertel Rione, aber vor allem in die lebenslange Freundschaft zwischen den zwei ungleichen Freundinnen Elena Greco und Raffaela (Lila) Cerullo.

Darum geht es vor allem in den vier Büchern von Elena Ferrante und natürlich um den Alltag in diesem von Gewalt und Armut geprägten Viertel.

Im vierten Band „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ hat Elena bereits studiert und es ist ihr gelungen, aus Neapel wegzuziehen. Auch hat sie mit der Hilfe der Familie ihres Bräutigams bereits ein Buch veröffentlicht, das sie in jungen Jahren berühmt gemacht hat. Sie wird in die Wirren der 68er Generation hineingezogen, hat Freunde, die später den radikalen Weg einschlagen werden. Erst einmal ist sie aber glücklich mit Pietro, einem jungen Universitätsprofessor aus einflussreichem Haus, den sie nur auf dem Standesamt heiratet, was einen großen Aufruhr bei ihrer katholischen Familie in Neapel verursacht.  Obwohl sie sich vornimmt, nicht schwanger zu werden, steht sie bald mit zwei kleinen Kindern da, die ihr jegliche Kraft und Energie für ein weiteres Schreiben nehmen. Sie wird immer unzufriedener und da braucht es nur den Besuch ihrer Jugendliebe Nino, um sich aus der häuslichen Enge zu befreien. Sie kehrt mit ihren beiden Töchtern nach Neapel zurück und rückt wieder in den Einflussbereich ihrer Jugendfreundin Lila, die inzwischen eine erfolgreiche Unternehmerin geworden ist.

Im vierten Band findet Elena zu ihrer Berufung zurück und sie wird eine gefeierte und überall gern gebuchte Schriftstellerin. Sie reist viel, kämpft aber immer wieder mit ihren starken Schuldgefühlen, zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Töchter zu haben. Nach der stürmischen Zeit mit Nino, der sich nicht von seiner reichen Frau trennen will, findet sich Elena nach einiger Zeit in einem Haus mit Lila wieder, die weiterhin mehr oder weniger boshaft ihr Leben kommentiert und dirigiert. Was ist es, das die kluge und erfolgreiche Elena immer wieder zurück zu Lila treibt? Ist es ihre gemeinsame Kindheit, ist es die Persönlichkeit Lilas, die sich von nichts und niemandem etwas sagen lassen will? Die stets ihre Unabhänigkeit zu bewahren versucht und recht bald auch nach der Macht im Rione strebt? Eine Frau, die sich scheinbar nicht unterkriegen lässt? Die stets mehr zu wissen scheint als Elena, der oft der Weitblick fehlt, die lange Zeit völlig in ihre Gefühle zu Männern verstrickt ist? Die Freundschaft der beiden ist von tiefer Verbundenheit, aber auch von großer Eifersucht und  Konkurrenz geprägt. Lila wird für ihre Unabhängigkeit und Widerborstigkeit einen hohen Preis zu zahlen haben, auch weil sie, obwohl hochintelligent und schon als kleines Mädchen als Geschichtenschreiberin tätig, keine Ausbildung absolvieren darf und sich dadurch nicht aus den Fängen und der Gewalt des Armenviertels befreien kann. Elena wird dies immer wieder gelingen.

Der vierte Teil schließt den Reigen von der Kindheit bis ins Alter ab und stellt zugleich die politische und private Situation dieser beiden Frauen in den letzten 60 Jahren exemplarisch dar. Kein leichtes Unterfangen, aber Elena Ferrante erzählt die Geschichte so leicht und doch so tiefgründig, dass man sich noch viele weitere Bücher wünschte. Gleich morgen mit dem ersten Band „Meine geniale Freundin“ beginnen, denn man erfährt am Beginn, was mit Lila passiert.

Die besten Filme von 2019

In meinem letzten Blog habe ich mich mit den besten Serien des Jahres 2019 auseinandergesetzt. Möglicherweise waren Überraschungen darunter. Bei den von mir nominierten Filmen sollte es keine geben.

Den dritten Platz nimmt ein gesellschaftskritischer Film aus Korea ein, über den ich schon in einem früheren Beitrag ausführlich geschrieben habe: „Parasite“ ist witzig, spritzig gemacht und hat eine tiefgründige Botschaft, die man sich erst einmal erschließen muss.

An die zweite Stelle reihe ich Quentin Tarontinos „One upon a time in Hollywood“,  der uns nach Los Angeles in den Siebzigern entführt und von den schönen und hässlichen Seiten dort erzählt.

Den ersten Platz nimmt ein Film ein, der von der Kritik hochgelobt wird, aber ein tieftrauriges Thema behandelt, eine Trennungsgeschichte. „Marriage Story“ ist aber so unkonventionell, dass man gleich am Beginn glaubt, in eine Liebesgeschichte hineingeraten zu sein.

Wir lernen den Theaterregisseur Charlie (Adam Driver) und seine Frau Nicole (Scarlett Johansson) kennen, die in einer gemütlichen Wohnung in New York mit ihrem achtjährigen Sohn Henry leben.  Beide sagen uns gleich am Beginn, was sie am anderen schätzen. Es gibt viel Gutes zu erzählen und so sind uns die beiden Figuren gleich von Anfang an sympathisch. Erst nach und nach entdecken wir ihre Schattenseiten, die zur Trennung führten. Nicole geht mit ihrem Sohn in ihre Heimatstadt Los Angeles zurück, um eine Serie zu drehen. Dort reicht sie auch die Scheidung ein, die dem nachgereisten Charly völlig unvorbereitet trifft. Was nun folgt, ist ein Drama, das beiden viel Kraft und Geld kosten wird.

Driver und Johansson verkörpern diese Auseinandersetzung mit einer Intensität, dass man ihnen jedes Wort glaubt und mit beiden mitfiebert: Man erlebt ihre Liebe und Vertrautheit, aber auch ihre Wut und Enttäuschung und zunehmende Verbohrtheit. Letztere wird noch durch Anwälte befeuert, die mit allerlei Tricks die Interessen ihres Klienten durchzusetzen versuchen. Und auch dies kann man verstehen: Nicole lässt sich von der berühmten Scheidungsanwältin Nora Fanshow (Laura Dern) vertreten, der gegenüber sie sich zum ersten Mal öffnet und wir so die Gründe für das Scheitern der Ehe erfahren.

Schließlich, als die Situation um das Sorgerecht für Charlie immer brenzliger wird, nimmt auch er sich einen schmierigen Anwalt (Ray Liotta), der viel Geld kostet und den Scheidungskrieg eskalieren lässt. Obwohl sie anfangs geglaubt haben, alles einvernehmlich lösen zu können, finden sie sich schließlich als Gegner im Gerichtssaal wieder, wo die Anwälte mit der anderen Partei nicht glimpflich verfahren. Charlie und Nicole sitzen am Rand und müssen miterleben, wie ihre Vertreter zu den härtesten Bandagen greifen. Man merkt ihnen schmerzlich an, dass sie es nicht so weit kommen lassen wollten.

Dem Regisseur Noah Baumbach, der auch das Drehbuch geschrieben hat, gelingt es, auf eine sehr subtile Art diesen Trennungsprozess zu zeigen. Niemand ist der einzig Schuldige, beide haben ihren Anteil am Scheitern. Gerade dies ist es, was den Film so glaubwürdig und sehenswert macht: Erst allmählich dämmert auch Charlie, dass nicht alles so sicher und selbstverständlich war, wie er immer geglaubt hatte. Auch er macht eine Wandlung und Läuterung durch. Und Nicole muss erkennen, dass Freiheit und Selbstverwirklichung einen Preis abverlangen.

Dass wir beide Figuren auf diesem Weg begleiten und sie nicht verurteilen,  ist nicht nur den fantastischen Schauspielern zu verdanken, sondern auch dem großartigen Drehbuch. Adam Driver und Scarlett Johansson sind heiße Oscarkandidaten. Darauf wette ich.

Die beste Serie des Jahres: One Mississippi

Ab Dezember bis zum Jahresende wird wieder gevotet werden: seien es die besten Filme oder die besten Serien, einer oder eine wird zum Sieger des Jahres gekürt werden. Heute möchte ich Ihnen meine Favoriten des Jahres vorstellen. Von mir ins Rennen werden folgende Serien geschickt:

 „Handmaid`s Tale“ (Saison 2 und 3), die seit dem Erscheinen der ersten Staffel 2017 viele in den Bann gezogen haben und in eine dystopische Zukunft entführen.

„Undone“, die mit Rotoskopie animierte Dramady-Fernsehserie,  in der die Heldin nach einem Unfall fähig ist, in die Vergangenheit zu reisen.

„One Mississippi“ mit  Stand-Up-Comedien Tig Notaro, die in der Serie ihre Lebensgeschichte erzählt.

Über „Handmaid`s Tale“ ist schon soviel geschrieben worden, dass ein weiterer Beitrag nicht wirklich mehr notwendig ist.  Sollten Sie „Undone“ noch nicht gesehen haben, dann nehmen Sie sich die Zeit, da selbst die „Time“ die Serie zur „perfekten Sci-Fi-Serie für 2019“  ernannt hat, ein ästhetisches Vergnügen der ganz neuen Art, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

„One Mississippi“ ist möglicherweise in unseren Breiten noch nicht so bekannt, verdient aber besonders in Tagen wie diesen mehr Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil die Serie im heißen Süden der USA spielt, und allein das bunte Treiben in New Orleans einem die grauen Tage in Wien erhellen lässt, sondern auch wegen der Charaktere, die dem wirklichen Leben entsprungen sind. Und es scheint allen in der Phase, in der sie wieder aufeinander treffen, nicht gut zu gehen. Tig (Tig Notaro) ist nach einer Brustkrebserkrankung knapp dem Tode entkommen, aber noch sichtlich geschwächt an Leib und Seele. Sie reist in ihre Heimatstadt, um ihrer im Koma liegenden Mutter beizustehen, bevor die Atmungsmaschine abgedreht wird. Ihr esssüchtiger Bruder Remy (Noah Harpster) ist Geschichtslehrer und Single, der mit seinem neurotischen Stiefvater Bill (John Rothman) in einem Haus lebt. Beide machen sich in der Sterbenacht aus dem Krankenhaus davon und kehren nicht wieder zurück. Damit beginnt für Tig eine sehr schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, die in das Dunkle und Abgründige ihrer Familie führt.

Was ihre Geschichte so sehenswert macht, ist, dass in all der Trauer und Verzweiflung über die Widrigkeiten des Lebens viel Humor steckt. Das Leben meinte es nicht gut mit ihr, es gäbe viel Anlass, sich zu bemitleiden und gehen zu lassen. Aber sie weicht ihren Ängsten nicht aus, sondern tut, was jeden Tag getan werden muss. Essen, Kontakte erneuern, ausgehen und arbeiten. So versucht sie wieder auf die Beine zu kommen. In einer Radioshow erzählt sie mehr und mehr Episoden aus ihrer Vergangenheit, die so wahr und schrecklich klingen, dass die Sendung alle Werbeeinnahmen verliert, weil das Publikum dies nicht hören will. Sie steht offen zu ihrer Homosexualität, obwohl diese im konservativen Süden von vielen noch weitgehend vor der Öffentlichkeit versteckt wird. Und als sie sich dann wieder (unglücklich) verliebt, werden ihre Gefühle so intensiv gelebt, dass ich auf Wikipedia nachschauen musste, ob diese Liebe tatsächlich existiert.

Sehen Sie sich Staffel 1 und und 2 auf Amazon an und schreiben Sie mir, ob Sie meine Einschätzung teilen.

Wenn Arm auf Reich trifft

Wieder einmal befinden wir uns in Südkorea, wo Arm und Reich aufeinandertreffen und ihr Dasein neu ausverhandeln. Der Film „Parasite“ handelt davon, er hat über zehn Millionen Zuschauer dort ins Kino gelockt und in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Was hat der Regisseur Bong Joon-ho, der berühmt durch „Snowpiercer“ und „Okja“ wurde, uns zu berichten?

Die vierköpfige Familie Kim wohnt in einer beengten, zugemüllten Kellerwohnung in Seoul, sie besteht aus Vater Ki-taek, Mutter Chung-sook  und den zwei erwachsenen Kindern,  TKi-woo und Ki-jung. Die Eltern sind arbeitslos, die vier halten  sich mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons gerade noch über Wasser. Der kärgliche Lohn wird mit Bier und einem wieder funktionierenden Internet gefeiert. Eigentlich könnte man sagen, es geht ihnen gut, sie sind fröhlich, haben zu essen und mögen einander.  Als der Sohn Nachhilfelehrer im reichen Haushalt der Parks wird, wittern sie ihren Aufstieg in die über der Stadt liegende Villengegend. Mit List und Intrigen werden sie die früheren Hausangestellten los und nach und nach alle Familienmitglieder eingeschleust. Der Vater als Fahrer, die Mutter als Haushälterin, die Schwester als Zeichenlehrerin für den verhaltensauffälligen Sohn. Nun können auch sie vom Kuchen mitnaschen, so denken sie und machen sich daran, das Geld umzuverteilen. Als die Parks auf Campingurlaub fahren, nisten sie sich in der kühlen Architektenvilla ein, bevölkern den getrimmten Rasen und trinken die Whiskeyvorräte leer. Gerade ihren Triumph feiernd, steht die ehemalige Haushälterin vor der Tür und bittet um Einlass,  denn sie habe im Keller etwas Wichtiges vergessen. Die dahinplätschernde Komödie nimmt von nun an eine Wendung ins Horrorgenre.

Die Kamera folgt der Geschichte der armen Kims, denen wir einige Sympathie für ihr skupelloses Handeln entgegenbringen. Die Reichen haben es sowieso schön und sie sind nicht einmal böse oder gemein zu ihren Angestellten. Mr. Park hat den Aufstieg aus eigenem Antrieb geschafft, seine Frau ist lieb, naiv und besorgt um ihre Kinder. Aber die Parks definieren genau die Grenzen. Ihre Luxusvilla ist von hohen Mauern umgeben, in ihr ist alles streng arrangiert und sehr, sehr edel. Die Kims können sich schön kleiden, selbstbewusst und clever auftreten, aber eines können sie nach Ansicht des Hausherrn nicht verbergen: ihren Stallgeruch. Der Geruch der ärmlichen Wohnverhältnisse im Souterrain hat sich ihnen eingegraben und markiert ihr Revier. Damit wollen die Parks nichts zu tun haben, sie dulden zwar ihre Bedienstete im Haus, solange sie ihnen dienen und alles tun, was die Herrschaft anordnet. Als die Kims Gefallen am Reichtum finden, stehen ihnen andere im Weg, die ebenfalls ihren Platz im Trockenen und an der Sonne einnehmen wollen. Mit dem sintflutartigen Regen, der die Vertreibung aus dem Paradies einleitet, spitzen sich die Ereignisse zu.

Mündet der Film in Trostlosigkeit über die Klassenverhältnisse im modernen Korea? Wenn man sich von der Macht des Geldes verführen lässt, vielleicht ja. Der Sohn sinniert am Ende, wie er reich werden könnte.  Durch den Besuch einer koreanischen Eliteuniversität, durch eine reiche Heirat? Beides schließt der Film aus. Aber: Die Armen könnten weiterhin Luftschlösser bauen, sich im Keller verstecken, an eine rosige Zukunft glauben, solange, bis sich die Kellertüre öffnet und der Kampf ums Überleben aufs Neue beginnt. Es sei denn …

Gespräche mit Freunden

Nach dem Lesen des Buches fragt man sich: „Wirklich, so ein Ende?“. .. Man hätte sich gewünscht, dass es anders ausgeht, dass die Protagonisten die Situation, in der sie sich befinden, eleganter lösen könnten. Erwachsener, reifer.

Wenn die 28-jährige Sally Rooney im anglo-amerikanischen Raum als großer Stern des Literaturhimmels gefeiert wird, dann braucht man einige Zeit, um das zu erkennen. Man ist irritiert vom einfachen Stil und den doch sehr vielschichtigen Themen, die in den Gesprächen verhandelt werden. Man denkt sich anfangs, hier sind vom Leben verwöhnte junge Menschen am Reden auf der Suche nach dem großen Glück. Klugscheißer, Hedonisten, die vorgeben Marxisten zu sein, aber zu keinem sozialen Engagement bereit sind.

Da gibt es die die 21-jährige Ich-Erzählerin Frances, sie ist begabte Studentin am renommierten Trinity Collage in Dublin, die Schriftstellerin werden möchte, aber gerade ein Praktikum in einem Verlag macht. Mit ihr eng verbunden ist die gleichaltrige Bobbi, eine radikale Kapitalismuskritikerin, aus reichem Elternhaus, die mit Frances Gedichte bei Poetry Slamveranstaltungen vorträgt. Beide hatten einmal eine Beziehung, die Bobbi beendete. Bei einem ihrer Auftritte lernen sie ein zehn Jahre älteres Ehepaar kennen, Nick ist gut aussehender Schauspieler, seine Frau Melissa eine erfolgreiche Autorin und Fotografin. Beide sind reich, leben in einem schönen Haus und haben einflussreiche Freunde in der Kunstszene.

Das Buch besteht aus den Gesprächen und den Beziehungen dieser vier Protagonisten. Und es handelt von den schönen und traurigen Zeiten, die sich daraus entwickeln. Frances verliebt sich in Nick, wobei Liebe für sie Macht bedeutet. Bobbi besitzt einen glasklaren Verstand, an dem so mancher Gesprächspartner zerschellt. Sie ist an Melissa interessiert, die wiederum ihren Ehemann nicht schätzt, da sie ihn, als er sich in einer Krise befindet, mit seinem Freund betrügt. Alle Beteiligten geben sich in Liebesdingen cool und unabhängig, sprechen intellektuell über ihre Gefühle und handeln doch ganz anders. Besonders Frances, die zwischen Selbststilisierung und Selbstzweifel hin und hergeworfen wird, findet keinen Zugang zu ihren wahren Gefühlen, was immer stärker in selbstverletztende Handlungen mündet.

Nach dem Lesen bleibt Irritation. Ist dieser Buch wirklich ein Abbild der Zwanzig- bis Dreißigjährigen? Was beschäftigt diese Generation? Sexualität, Macht, Ehe, Treue, Feminismus, Kapitalismus, Geld, meist viel Geld, mit dem sie sich teure Kleidung, Häuser und Unabhängigkeit leisten können. Nur Frances passt nicht dazu, da sie so gut wie keine Einkünfte hat und sich kaum etwas zu essen leisten kann. Sie ist auch das schwächste Glied in der Kette, sie scheint aber diejenige zu sein, die sich den Fragen ihrer Existenz am ehrlichsten stellt. Mit ihren einundzwanzig Jahren ist sie an der Schwelle zum Erwachsenensein und alles kann neu verhandelt werden.

Sally Rooney wird vom Independent als die „wichtigste Stimme des Millennialgeneration“, von der New York Times als die „erste großartige Autorin des Millennials“ bezeichnet. Was sagt das über diese Generation?

Kluge Dialoge bestimmen einen großen Teil des Buches, meist sind die Gedanken schon viel weiter als die Gefühle, die nicht so leicht durch Bücher und Studium zu erwerben sind. Aber es geht Frances darum, das in ihrem Leben zu suchen, was stimmig für sie ist. Noch bleibt alles im Vagen und der Weg dorthin bietet viele Abzweigungen und Umwege.

Die Suche nach Liebe und Glück ist bestimmendes Thema des Romans und die 27-jährige Autorin hat dies, das muss ich nun doch bekennen, spannend und meisterhaft beschrieben. Sie hatte nicht nur Literatur und Politik in Dublin studiert, sondern wurde wohl auch nicht zu Unrecht Europameisterin im Debattieren. Das Erstlingswerk erschien 2017 unter dem Titel „Conversations with Friends“ und soll sogar die Verkaufszahlen von Michelle Obamas „Becoming“ übertroffen haben.

„Gespräche mit Freunden“ wird derzeit von der BBC als zwölfteilige Serie verfilmt, worauf man mit Spannung warten kann, da das Buch nur 384 Seiten hat.

Wie man seine Schüchternheit besiegt: Finding My Voice

My Journey to the West Wing and the Path Forward

Wer wünscht sich nicht in die Obama-Zeiten zurück? Irgendwie war alles berechenbar und voraussehbar, man fühlte sich auch in Europa nicht bedroht von Trumps Tweets, die er frühmorgens, nachdem er Fox News geschaut hat, in die Welt schickt. Nach Michelle Obamas Autobiographie „Becoming“, die einen fundierten Einblick in den Aufstieg der Obamas in das Weiße Haus, in ihre Rolle als First Lady gibt und die meistverkaufte Biographie aller Zeiten sein soll, erschien jetzt Valerie Jarretts „Finding My Voice. My Journey to the West Wing and the Path Forward“.

In einem seiner Abschlussinterviews wurde Barack Obama gefragt, wie er den Druck und die Arbeitsbewältigung, die er als amerikanischer Präsident täglich zu bewältigen hatte, ausgehalten habe. Er war ja nicht alleine, er hatte ein sehr engagiertes Team, das ihn unterstützte. Ein wichtiges Mitglied seines Staffs war Valerie Jarrett. Sie leitete das „Office of Public Engagement and Intergovermental Affairs“, das Verbindungsbüro des Weißen Hauses mit den Einzelstaaten und Kommunen. Wenn es eine Überflutung oder eine Massenschießerei gab, Jarett und ihr Staff hielten den Kontakt zu den betroffenen Gemeinden und Verantwortungsträgern, spendeten Trost und versuchten durch praktische Hilfe den Menschen die Unterstützung und Anteilnahme des Präsidenten zu versichern.

Ihr Büro bereitete auch die Briefe für den Präsidenten vor, die einfache Menschen an ihn richteten. Sie begleitete ihn auf Auslandsreisen und war an seiner Seite, wenn schwierige Situationen durchlebt werden mussten. Sie war die einzige politische Beraterin Obamas, die alle acht Jahre im Weißen Haus war.

Wie wurde sie das?

Ihre Autobiographie teilt sich in drei Abschnitte: Kindheit – Karriere im öffentlichen Dienst in Chicago – Weißes Haus.

Sie wurde im Iran geboren, wohin ihr Vater, ein Arzt, gegangen war, weil er als Schwarzer in Amerika keine seiner Ausbildung entsprechende Stelle finden konnte. Diese ersten Jahre prägten sie, sie berichtet, dass sie in Shiraz keinerlei Diskriminierung erleben musste, was in Amerika nicht der Fall gewesen wäre. Nach einer Zwischenstation in London kehrt die Familie nach Amerika zurück, weil der Vater endlich eine Chefarztstelle in Chigago gefunden hatte. Die Familie erwartet viel von der Tochter. Nach einer wohlbehüteten Kindheit studiert sie in Standford und an der Universität Michigan, arbeitet einige Jahre in einer Rechtsanwaltskanzlei, heiratet, bekommt eine Tochter, Laura, die Ehe scheitert und sie ist mit dreißig alleinerziehende Mutter. Sie selbst beschreibt sich als sehr schüchtern, voller Versagensängste und als sehr, sehr unglücklich. Schließlich überredet sie ein Freund in die Administration des ersten schwarzen Bürgermeisters Chigagos, Harald Washingtons, zu wechseln.

„I wasn´t sure I could do it. I think a lot of people have this fear, this fear of not measuring up.“ Sie arbeitet sehr hart, wird von Mitarbeitern und ihrer Familie tatkräftig unterstützt, sodass sie nach wenigen Jahren mehr und mehr Aufgaben übernimmt und erfolgreich ihre Karriere im öffentlichen Dienst vorantreiben kann. „I find it easier to advocate for others than for myself.“ Mit den Erfolgen wächst auch ihr Selbstvertrauen. Unter anderem ist sie zuständig für das öffentliche Bauprogramm und hier gilt es, die strenge Ghettoisierung zwischen Schwarz und Weiß durch innovative städtische Wohnbauprogramme aufzubrechen.

Dort lernt sie Michelle Obama, damals noch Michelle Robinson, kennen und sie wird ab nun mit dem Paar beruflich und freundschaftlich eng verbunden bleiben. Als der junge Senator Pläne für eine Präsidentschaftskandidatur entwickelt, fragt er sie, ob sie seine Fundraiserin sein wolle, dem sie nach einiger Bedenkzeit zustimmt.

Obamas in Red Room with Valerie Jarrett

In ihrem Buch gibt sie einen lebendigen Einblick in die Wahlkämpfe Obamas, das politische Geschehen im Weißen Haus und welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, vor allem für die Frauen, die mitarbeiteten. Für diese war es zunächst sehr schwer, sich im Kreise der vielen Alphamänner zu behaupten. Nachdem Barack Obama das Problem geschildert wurde, fand man Lösungen. Überhaupt wird Barack Obama als offenherziger und äußerst disziplinierter Mensch geschildert. Tägliches Sportprogramm, wenig kalorienreiches Essen (meistens Huhn) und auch in Bezug auf seine Emotionen sehr beherrscht, sehr bescheiden und fast immer ausgeglichen, der keine Angst vor starken Frauen um sich herum hatte.

Was besonders beeindruckend ist, wie sehr Obama es geschafft hat, ein Team um sich zu scharren, das ihm loyal ergeben war und bis zur völligen Erschöpfung für ihn gearbeitet hat. Einiges konnte mit großer Anstrengung vieler erreicht werden, noch mehr wurde durch die strikte Verweigerungspolitik der Republikaner verhindert. Wie sehr diese Kämpfe auch an den Nerven aller rüttelten, beschreibt Valerie Jarrett eindringlich in ihrem Buch.

Was man nach der Lektüre des Buches erkennen muss: Politiker und Politikerinnen sind in erster Linie Menschen, die von ihren Werten, ihrem Charakter und den Menschen, die sie um sich sammeln, geprägt werden.

Auch Valerie Jarrett fand mehr und mehr durch ihre politische Arbeit im Dienste der Gemeinschaft zu ihrer eigenen Stimme.

President Barack Obama talks backstage with Senior Advisor Valerie Jarrett

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Texas (9. – 24. Juli 2019)

Wie ist es, wenn man im Juli mit seiner Familie zwei Wochen im brütend heißen Texas eine Reise unternimmt? Sehr, sehr anstrengend, aber lohnenswert. Die meiste Zeit ist man im Auto oder in zu kalten Räumen untergebracht, denn draußen glüht es. Was dadurch sofort auffiel, waren überall üppige Grünflächen und riesige Wasserparks. 

Water Wall (Houston)

Da der Großteil der Nacht vor allem in Hotels verbracht werden musste, hatten wir viel Zeit, die Highlights des amerikanischen Fernsehprogrammes auszugsweise kennen zu lernen. Denn die Großstädte sind mit Einbruch der Dunkelheit so gefährlich, dass man besser im Auto oder zuhause bleibt. Nach einem Brauereibesuch etwas außerhalb von Dallas wollten wir einen nächtlichen Stadtspaziergang unternehmen. Irgendetwas stimmte damit nicht, denn ich fühlte mich sehr unwohl. Kein Mensch auf der Straße außer Homeless People. Die taten uns nichts, aber wirkten als Alpträume des Nachts nach.

Nicht einmal das Essengehen war eine abendfüllende Beschäftigung. Sobald man den letzten Bissen gegessen hatte, wurde schon die Rechnung gebracht und man war aufgefordert, den Tisch zu verlassen. Apropos Essen: In keinem Land essen die Menschen so viel wie in Amerika. Das Essen aus aller Herren Länder ist sehr wohlschmeckend, aber immer viel zu viel. Besonders beim beliebten Barbecue, wo man sich schon um elf Uhr in einer langen Schlange anstellen muss. So begann ich mit meiner Tochter die Portionen zu teilen und wir litten keinen Augenblick an Hunger.

Ein Burger für zwei

Überhaupt ist das Amerika, das wir sahen, ein Land des Überflusses und des Mangels. Wolkenkratzer, Supermärkte, Autobahnstationen, Highways und luxuriöse Shopping Malls, alles riesig und sehr gut frequentiert, als ob Geld keine Rolle spielen würde. Uns begegneten viele junge Menschen mit perfektem Körper und strahlendweißen Zähnen, die sich schon mittags mit viel Alkohol bei gutem Essen trafen. Andererseits das große Heer der wirklich Armen. Neben den vielen Obdachlosen, die man an jeder Straßenecke antrifft, sah ich Walmart-Kassiererinnen mit so schlechten Zähnen, wie es sie in Österreich schon lange nicht mehr gibt.

Um zum Fernsehprogramm zurückzukommen: Gerne sahen wir „Say Yes to the Dress“, eine Sendung, die den berühmten New Yorker Brautmoden-Salon „Kleinfeld Bridal“ abendfüllend präsentiert. Erst wenn die Braut weint, ist das richtige Hochzeitskleid gefunden. Übrigens ist Rot derzeit angesagt, wie sehr, werden Sie später noch erfahren.

Wir besuchten Houston, Dallas, Austin und San Antonio, mit Abstechern u. a. zur NASA und nach Waco. Hier befinden sich die „Magnolia Market Silos“ – zwei verrostete und funktionslos gewordene Getreidesilos – und der Shop von Joanna und Steven Gains, die mit ihrer Homerenovierungsshow auch in unseren Breiten beliebt sind. Tausende Besucher kommen täglich hierher und stürmen das Geschäft und die Food Trucks, um ihr eigenes Heim zu verschönern und sich großzügig zu verwöhnen.

Magnolia

 

Im nahe liegenden Fort Worth werden vormittags und nachmittags texanische Langhornrinder als Touristenattraktion zum Schlachthof getrieben, mir taten ihre traurigen Augen furchtbar leid, später las ich, dass sie nach dem Massenauflauf wieder zurück in ihre Koppel getrieben werden.

Fort Worth Stock Yards

Wir besuchten auch das dort ansässige Cowgirlmuseum und die Hall of Fame und waren erstaunt darüber, welche Kunststücke diese auf ihren Tourneen, die sie auch nach Wien brachten, auf ihren Pferden vollbrachten. Und in dem kleinen Meerstädtchen Galveston sahen wir das Musical „Menopause“, das zu 99 Prozent von älteren Frauen, die recht schrill aussahen, besucht wurde. Die vier Sängerinnen waren schon in die Jahre gekommen, das Tanzen fiel nicht mehr ganz so leicht, aber sie sangen zwei Stunden einen Hit nach dem anderen, keine einzige Note am falschen Platz. Das Publikum tobte. Galveston hatte sich übrigens schon vor Hurrikan Barry gerüstetet, der uns davon abhielt, nach New Orleans zu reisen, überall sah man Sandsäcke, die vor Überschwemmungen schützen sollten. 1900 hatte ein Hurrikan den Ort völlig zerstört und viele Tausende Todesopfer gefordert.

Galveston

Was besonders überraschend war, ist der Umgang der Texaner mit ihrer Geschichte. Natürlich besuchten wir The Sixth Flour Four Museum in Dallas, den Ort, an dem Präsident Kennedy am 22. November 1963 erschossen wurde. Perfekt organisiert und strukturiert, bekommt man einen sehr guten Überblick über die Geschichte und Folgen dieses historischen Ereignisses.

Auf der George Ranch in der Nähe von Houston wurde uns die Geschichte einer Familie durch vier Generationen in ihren Häusern mithilfe von Schauspielern nahegebracht, die die Rollen einzelner Familienmitglieder einnahmen. Das war anfangs ganz sonderbar, von Farm zu Farm gewöhnte man sich mehr daran, und am Ende war man selbst Mitspieler und fand nichts mehr ungewöhnlich an dem Setting.

George Ranch mit Baseball spielenden Bewohnern

Auch dem Kapitol in Austin wurde ein Besuch abgestattet und man nahm an zwei Führungen teil, eine über die Geschichte der Frauen in der texanischen Politik, deren Bilder zu sehen waren, die andere über das politische System in Texas. Hochengagierte Vermittlung, alle 30 Minuten und noch dazu gratis. Besonders möchte ich in San Antonio den Besuch von „The Alamo“ und der San Antonio Missionen empfehlen, auch diese sehr abwechslungsreich und informativ gestaltet. Wieder sahen wir verkleidete Menschen und meine wissbegierige Tochter fragte einen, wer er sei. Die Antwort war brüsk: „I am not an actor, I am a living historian, my name is Robert“,  um uns dann in aller Ausführlichkeit die Geschichte dieses Ortes zu erzählen.

Dallas

Neben den riesigen Wolkenkratzern in jeder Stadt sahen wir auch ein Baseballspiel. Wir mussten zunächst lange googeln, bis wir den Ablauf verstanden, fanden dann aber das Spiel gar nicht mehr langweilig. Verantwortlich dafür war auch das Pausenprogramm, es wurden Wettbewerbe veranstaltet, auffällige Menschen auf der Videoleinwand gezeigt, gemeinsam Lieder gesungen, sehr viel gegessen und noch mehr übrig gelassen. Was uns sehr enttäuschte, war auch, dass die siegreiche Auswärtsmannschaft keinen Applaus erhielt, sondern sich das Stadion mehr und mehr leerte, bis am Schluss nur mehr einige wenige gänzlich von seinem Team Enttäuschte da waren und auch diese kehrten den Siegern wort- und grußlos den Rücken zu.

Wie sehr Fernsehen beeinflusst, sahen wir beim Einchecken am George Bush Flughafen in Houston: Ein hübsches Paar war vor uns, er hatte ein riesiges in Weiß verpacktes Kleid stolz über die Schulter geworfen. Groß war der Name „Kleinfeld“ zu lesen, man sah die Farbe Rot durchschimmern.

Wie anfangs schon erwähnt: Texas ist eine Reise wert, denn man hat viel zu erzählen.

 

Wie man Bekanntschaften schließt

Seit das Klima in aller Munde ist und immer mehr Leute auf die Bahn wechseln, ergeben sich für Alleinreisende mehr und mehr Möglichkeiten, unterwegs Bekanntschaften zu schließen und Neues zu erfahren. War früher genügend Platz, dass der Sitzplatz neben einem leer blieb, ist es heutzutage damit vorbei. Jeder Sitzplatz wird gebraucht. Konnte man früher durch unfreundliches Schauen mögliche Nachbarn erfolgreich abwehren, wird man jetzt durch beharrliches Danebenstehen und freundliches Bitten aufgefordert, Platz zu machen. Meistens ist es einem wirklich nicht recht und da man nun mehrere Stunden miteinander eingezwängt sitzt, habe ich es aufgegeben, Widerstand zu leisten. Ich fange ein Gespräch an und bin immer wieder bass darüber erstaunt, was ich dadurch alles erfahre.

Oft sind es nach Hallstatt an- oder abreisende Asiaten, die mir alles über sich erzählen. So habe ich schon Adressen in Hongkong, Taiwan, Korea und Australien einsammeln können, ich konnte mein Englisch trainieren und habe viel über das Leben dort erfahren. Wer hat schon die Möglichkeit, in einem österreichischen Zug mit einer Australierin über die dort gängigen Behandlungsmöglichkeiten von Autisten zu sprechen? Ich bekam auch gleich Videomaterial vorgespielt. Bis wir in Hallstatt ankamen, wusste ich zudem alles über Kinder und Enkelkinder samt Fotos und erfreute mich an der witzigen Konversation des australischen Ehepaares. Uns gegenüber saß ein älteres Paar aus New York, das auch sehr interessant aussah und womöglich sehr viel zu erzählen gehabt hätte. Aber ich wollte mich an diesem Tag auf das winterliche Australien beschränken. Oder Hongkong: Wie und mit welchen Zielen schaffen es Touristen von dort in 12 Tagen (14 Tage Urlaub ist das Höchste, davon ein An- und ein Abreisetag) ganz Europa zu erkunden? Und warum kostet ein Hotelzimmer in Hallstatt zur Zeit des Narzissenfestes das Doppelte (stolze 380 Euro pro Nacht)? Ich könnte noch und noch erzählen, möchte mich aber hiermit auf eine Begegnung beschränken, die mich letzten Sonntag zwischen Attnang Puchheim und meinem Zielort zwei Stunden später beschäftigte.

Eine sehr braungebrannte Fünfzehnjährige war auf dem Weg nach Liezen zum ersten Date. Sie trug eine sehr knappe Short und ein tief ausgeschnittenes T-Shirt. Schon in Gmunden kannte ich ihre Lebensgeschichte und ahnte nichts Gutes. Sie sei sehr aufgeregt, erzählte sie und habe wenig geschlafen, weil sie mit einer Freundin in der Nacht einen ganzen Kasten Bier ausgetrunken hatte. Ich glaubte ihr nicht, riechen konnte ich nichts, aber sie sprach etwas verschwommen, sodass ich immer wieder nachfragen musste. Sie war voller Hoffnungen, freute sich auf den Nachmittag mit ihrem „Freund“ aus dem Internet, kuscheln wolle sie, sie beide wären sehr kuschelbedürftig. In Ebensee erfuhr sie, dass er mit Freunden im Freibad sei, da spürte ich einen Hauch von Enttäuschung, da sie – ein Blick in den leeren Beutel vor sich – kein Badezeug mithatte. In Bad Ischl kam die Nachricht, dass er nicht in Liezen im Freibad war, sondern in Wald am Schoberpass. Es musste umdisponiert werden. Ein Zug nach Wald am Schoberpass wurde gesucht. Das ergab folgenden Plan: Zug nach St. Michael, zurück nach Wald am Schoberpass, Ankunftszeit vier Uhr. Wir hatten aber schon in Bad Aussee  vierzig Minuten Verspätung, also würde sie den Anschlusszug in Stainach Irdning sicherlich nicht schaffen. Sie sollte aber um acht Uhr wieder zurück in Attnang Puchheim sein, dann müsse sie noch eine Stunde zu Fuß nach Hause gehen. Mir ging es wahrlich nicht gut bei diesen Aussichten und ich wollte laut aufschreien. Kurz bevor ich den Zug verließ, fragte ich sie zögerlich: Weiß dein Freund, dass du kommst? Ja, antwortete sie, er habe ihr gerade getextet, dass er sich auf sie freue.