„Altweibersommer“ (Pia Hierzegger, 2025)

Die mythologische Erklärung für das Wort Altweibersommer ist folgende: „Die feinen grau glänzenden Spinnfäden erinnern an die Haare alter Frauen“. In früheren Zeiten glaubten die Menschen Lebensfäden zu sehen, die von alten weißhaarigen Schicksalsgöttinnen gesponnen wurden. Im meteorologischen Sinne wird der Begriff auch als Phase des warmen Ausklingens des Sommers im September und Oktober bezeichnet, im übertragenen Sinne als kurzzeitige zweite Jugend von Frauen. Vielleicht fühlten sich deshalb vor allem ältere Frauen vom Titel angesprochen und zeigten sich nach dem Verlassen eines Kinos im Ennstal ernüchtert. „Was hat der Film mit unserer Lebensrealität zu tun?“, fragte eine enttäuscht in die Runde und erhielt viel Zustimmung.

Der Film handelt von einer Frauenfreundschaft, die einer Wohngemeinschaft entstammt und nicht mehr dem Lebensgefühl der achtziger Jahre entspricht. Elli, kahlköpfig, aber immer mit schickem Kopftuch, hat gerade eine Chemotherapie hinter sich, weshalb ihr kaum ein Lächeln entkommt. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt, die Tochter will nicht mehr mit ihr sprechen. Dabei steht ein Umzug ins Haus und die Mutter würde ihre Hilfe beim Kistenschleppen dringend brauchen. Ihre beiden Freundinnen, Astrid und Isabella, laden sie auf den jährlichen Campingurlaub ein, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Aber der verlassene Campingplatz und der alte Wohnwagen lassen keine Erholung zu und das Wandern in den Bergen fällt Regen und Kälte zum Opfer. Und da gibt es noch einen Nachbarn in einem Airstreamer, der seinen scharfen Schäferhund gerne auf Ausländer hetzen würde. Hier ist für die drei keine Kraft zu tanken.

Durch einen glücklichen Zufall kommen sie nicht ganz legal zu Geld, beschließen dem kalten Österreich den Rücken zu kehren und an den sonnigen Lido di Venezia zu fahren. In einem alten Mazda machen sie sich gut gelaunt auf in den Süden. Italien! Sonne! Aperol Sprizz! entgegen. Sie mieten sich in das Luxushotel „Excelsior“ ein und genießen die Größe und Annehmlichkeit, die sich unverhofft eröffnet hat. Alles könnte sich zum Glück wenden, wenn da nicht die Probleme wären, die sie für kurze Zeit hinter sich lassen wollten. Astrid (Ursula Strauß) ist gut organisiert, lebt in einem plastikfreien Haushalt, ist aber mit einem „gescheiterten Genie“ belastet, der den Alltag nicht schafft und sie ständig mit Anrufen quält. Isabella (Diana Amft), sinnlich und lebensfroh, muss als Kellnerin arbeiten, obwohl sie Schauspielerin ist. Frustrierende Beziehungen mit verheirateten Männern gehen ihr an den Kragen. Und Elli (Pia Hierzegger) leidet an ihrer verwüsteten Brust, den fehlenden Haaren und erfährt, dass ihre Tochter schwanger ist. So kann wenig Leichtigkeit und Freude am Lido aufkommen und wie die drei Freundinnen mit all diesen Widrigkeiten mehr oder weniger humorvoll umgehen, zeigt der Rest des Filmes.

Wahrscheinlich hatte sich die Frauenrunde im Kino eine leichte Komödie erwartet, flotte Dialoge, die einen aus dem Alltag herausreißen. Diese Erwartungen werden nicht ganz erfüllt. Die Tragik ist allgegenwärtig, alles ist verstrickt und verwoben, schwierig und zäh, auch bei den Männern, die im Film nur Nebenrollen (Gastauftritt von Josef Hader als Campingwart) spielen. Kurz tauchen Momente der Leichtigkeit und Lebensfreude auf, meist unter dem Einfluss von Alkohol und beim Hören von Musik im Auto. Der zwischen New-Wave-Punk und Italo Pop angesiedelte Soundtrack verspricht Lebensfreude und Freiheit, die den Freundinnen um die 50 abhandengekommen sind. Dennoch, als die drei Bella Italia verlassen, sehen sie neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten. Und sie kommen einander wieder näher und werden vielleicht auch in Zukunft zusammen Urlaub machen.


Übrigens, man würde den drei sympathischen Filmfrauen, die überzeugend und herzerwärmend von Ursula Strauß, Pia Hierzegger und Diana Amft verkörpert werden, eine lange zweite Jugend wünschen. Aber das ist ein anderer Film, der erst geschrieben werden müsste entlang des Refrains von „Rocky Road“ von Lene Lovich.

„Schlendern ist mein Metier“ (Johannes Holzhausen, 2025)

Karl-Markus Gauß ist ein österreichischer Schriftsteller und Essayist, der mich vor Jahren mit seinem Buch „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ (2019) in den Bann gezogen hatte. Bei der Diagonale 2025 wurde nun ein 80-minütiger Dokumentarfilm über ihn präsentiert, in Anwesenheit des Autors, des Regisseurs und fast aller, die am Film mitgewirkt hatten. Auch Johannes Holzhausen sah ihn zum ersten Mal vor großem Publikum. Karl-Markus Gauß, über den bisher nur kurze Porträts fürs Fernsehen gedreht wurden, war von dem Großformat des Films peinlich berührt und bekannte, dass dies sein letzter gewesen sei. Was hatte der Film über ihn zu erzählen?

Die Kamera begleitet ihn und seine Frau Maresi von seinem Wohnort, einer idyllischen Salzburger Villa auf der Rückseite des Mönchsberges, zu den Ursprüngen seiner donauschwäbischen Familie in die Batschka. Seine Eltern mussten 1944 aus dem Gebiet der heutigen serbischen Wojwodina vor den Partisanen flüchten und siedelten sich in Salzburg an, wo Gauß 1954 als jüngster von vier Kindern geboren wurde.

Vom Geburtsort seiner Mutter in Futog ausgehend begegnet er ihm bekannte SchriftstellerInnen in Sarajewo, Mostar, Novi Sad und Ungarn (Noemi Kiss), spricht mit ihnen über Krieg, Flucht, Rückkehr und die Donau. Im Publikumsgespräch nach der Vorführung erzählte Gauß von einer Begegnung mit einem wunderschönen jungen Mann in Sarajewo, der zufälligerweise gerade am Drehort eine rote Rose für einen Friedensaktivisten, der bei der Belagerung von einem Scharfschützen ermordet wurde, ablegen wollte. Diese Szene wurde jedoch nicht in den Film aufgenommen, da, wie Gauß ausführte, sie niemand glauben und sie als konstruiert ansehen würde.

Nach Österreich zurückgekehrt möchte er das ihm unbekannte Unken kennenlernen, er besucht den Friedhof von Bramberg in Pinzgau, erfährt von Zeitzeugen über Deserteure, die zeitlebens mit der Schuld leben mussten, dass einige Mitglieder ihrer Familie an ihrer Stelle ins KZ Ravensbrück gebracht wurden und dort umgekommen sind. Und er hat ein Gespräch mit Adolf Schwaiger, der den „Russenfriedhof“ in St. Johann im Pongau seit Jahrzehnten ehrenamtlich betreut. Die Wunden eines Krieges sind auch in seinem Heimatland allgegenwärtig und belasten Menschen und Gemeinden.

Im letzten Teil des Filmes zeigt Karl-Markus Gauß seine Methode des Arbeitens, beginnend dem dem Aussortieren, dann folgen Notizen mit der Füllfeder bis hin zum Schreiben. Es werden Artikel gesammelt, diese in Ordner zu bestimmten Themen über viele Jahre hinweg gesammelt, manche Projekte verwirklicht, denn bisher wurden 26 Bücher von ihm veröffentlicht. Geschrieben werden sie immer auf einem Computer zuhause, an einem der Wand zugewandten Sekretär, ein Polster im Rücken des harten Stuhls. Mindestens genauso viele Bücher seien jedoch nicht geschrieben worden, weil das Thema zu komplex war oder werden nicht mehr geschrieben werden, weil die Zeit wohl nicht mehr reichen werde. Nach einem Herzinfarkt, der ihm sein Sterben bewusst gemacht hat, ist seine Zeit kostbar geworden.

Schlendern ist mein Metier“ von Johannes Holzhausen bringt uns den Schriftsteller und Menschen Karl-Markus Gauß näher, erzählt von seinen Vorfahren, seiner Arbeitsweise und den Themen seiner Bücher, die gegen das Vergessen gerichtet sind. Einige neue Texte liest der Autor, der auch als der „Chronist eines verschwindenden Europas“ bezeichnet wird, selbst vor.

Nach so vielen belastenden Erinnerungen und Orten der Gewalt und des Todes wurde man von Gauß mit den Worten in ein regnerisches Graz entlassen: „Man darf es sich nicht leisten, keine Hoffnung zu haben“.

Warum „Flow“ der beste Animationsfilm ist

Flow“ wurde bei der diesjährigen Oskar-Verleihung mit dem Oskar als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Schon vorher hatte der Film aus Lettland einen Golden Globe und viel Aufmerksamkeit bei Festivals erhalten. Was macht diesen weniger als 4 Mio. teuren Film so besonders, dass er gegen „Vaiana 2“ gewinnen konnte, dessen Produktionskosten 989 Millionen US-Dollar betrugen?

Die Katastrophe

Eine junge Katze streunt durch den Wald, sie wird von einer Meute Hunde gehetzt, ist eine Einzelgängerin, hat große Angst vor Wasser und kehrt schließlich in ihr Haus zurück, um im Bett eines Katzenliebhabers zu schlafen. Im Garten stehen riesige Katzenfiguren, aus Holz geschnitzt, im Erdgeschoss sind Skizzen der Katze zu sehen. Das Haus ist verlassen, die Menschheit scheint ausgelöscht, nur mehr der Zerfall und Ruinen verweisen auf die Spuren menschlicher Existenz. Hatte es eine Umweltkatastrophe gegeben? Was war passiert?

Auf einem ihrer Streifzüge durch eine idyllische Natur kommt ihr eine Herde Wild in rasendem Tempo entgegen, der kurz darauf eine riesige Flutwelle folgt. Jetzt beginnt ihr Überlebenskampf, sie wird vom Wasser mitgerissen, es rauscht und dröhnt, gurgelt und zischt, verschlingt und gibt sie endlich frei. Die Panik ist ihren großen gelben Augen anzusehen, wir haben große Angst um sie und können erst aufatmen, als sie sich erschöpft auf ein leuchtend oranges Segelboot rettet. Dort ist sie nicht allein, denn ein faules Wasserschwein hat es bereits in Besitz genommen. Zunächst herrscht Angst und Misstrauen zwischen den beiden Tieren. Mehr und mehr Tiere suchen Schutz im Boot: ein gutmütiger Golden Retriever, ein raffgieriger Lemur und ein verletzter Sekretärsvogel, der bald das Steuer übernimmt. Nach und nach baut sich Vertrauen auf, denn die Tiere können nur überleben, wenn sie kooperieren. Es warten noch viele Gefahren und Herausforderungen auf sie und alle fünf lernen über sich hinauszuwachsen. Die Katze muss ihre Unabhängigkeit aufgeben, ihre Angst vor den Abgründen des Wassers überwinden, um Fische zu fangen. Der habgierige Lemur lernt zu teilen und der sanfte, verspielte Hund entwickelt Eigeninteressen.

Die tierische Gemeinschaft segelt ins Unbekannte, in eine Welt voller bedrohlicher Naturgewalten, atemberaubender Schönheit und gefährlicher Feinde. Es geht um Leben und Tod, um einen sicheren Bleibeort, um Gemeinschaft und vor allem um eine Welt, die ihre Schönheit und Gefährdung offenbart. Auf der Mastspitze hockend, fasziniert von gefluteten Ruinenstädten und einem aus der Tiefe hervorgelockten Urzeitwal, begleiten wir die Katze auf dieser Odyssee.

Der Neubeginn

In einer außer Band und Rand geratenen Natur, so die Aussage des Films, kann man nur überleben, wenn man das Eigeninteresse zurücksetzt und soziale Fähigkeiten entwickelt, ohne seine Individualität aufzugeben. Da der Film keine menschliche Sprache verwendet, werden die Tiere nicht vermenschlicht, sondern kommunizieren nur durch tierische Laute, Gesten und Mimik. Realistische Stimmen der jeweiligen Tiere wie Miauen, Grunzen und Zwitschern wurden eingesetzt und auch die Musik treibt die Handlung auf dramatische Weise voran. Die Tiere behalten ihre Eigenschaften bei, sie verhalten sich wie Tiere und wer Katzen und Hunde liebt und gerne beobachtet, wird sie in ihren Eigenheiten wiedererkennen. Das Großartige ist, dass der Film auch ohne Dialoge funktioniert und jeder die Handlung versteht, weil man sich emotional mit den Tieren und der Geschichte verbindet. Um das zu erreichen, so sagte der Regisseur Gints Zilbalodis in einem Interview, mussten sehr viele Katzenvideos geschaut werden. Dass er selbst eine schwarze Katze und einen Golden Retriever hat, erleichterte sicherlich seine Arbeit.

Der Film wurde mit der frei verfügbaren Software Blender, einer 3D-Grafiksoftware, hergestellt. Die verschiedenen Formen und Zustände von Wasser, die Wasserspiegelungen und Geräusche, originalen Tiersounds werden so realistisch dargestellt, dass man in den „Flow“ des bildgewaltigen, emotionalen Filmes hineingezogen wird und Raum und Zeit völlig vergisst.

Es brauchte dazu einen jungen lettischen Regisseur und ein sehr kleines Team aus Europa, gepaart mit viel Mut und Kreativität zu Neuem.

Die Angst geht um in Amerika: Texas 13. 2 – 1. 3. 2025

Als ich nach zweieinhalb Wochen Amerika bei klarem Sternenhimmel im Salzkammergut ankam, erwartete mich Dunkelheit, Schnee und Kälte. Als ich Houston am frühen Nachmittag des Vortages verlassen hatte, gab es sommerliche 27 Grad, der Rasen und die Blumen mussten bereits bewässert werden. Was hatte ich dort erlebt und was ist aus dem „Trumpland“ zu berichten? Hier einige wenige Eindrücke:


Fährt man mit offenen Augen und Ohren durch Texas, so scheint alles seinen normalen Gang zu nehmen. Auf den löchrigen Autobahnen rasen Menschen in zerbeulten Trucks in den Tod, in den Supermärkten wird eingekauft, als ob eine Hungersnot drohe, die Regale sind zu jeder Tageszeit bestens bestückt, nur an Eiern scheint es wegen des Ausbruchs der Vogelgrippe zu mangeln. Die teuren Restaurants und Bars sind immer ausgebucht, Menschenschlangen am Eingang und freundliche Kellnerinnen signalisieren, dass ein gemütliches Verweilen nicht erwünscht ist.
Auch die Oper von Houston war ausverkauft, sie empfing die Besucher beschwingt in der Lobby mit einer elegant gekleideten Sängerin samt Klavierspieler, die Gäste hatten sich in Ballkleidung herausgeputzt, waren aber ein bisschen weniger schick als bei uns. In der „WestsideStory“ wurde hervorragend getanzt und gesungen, kein Vergleich zur vielgelobten Volksopernproduktion, die einem nun leblos und inhaltsleer vorkam. Der tosende Schlussapplaus war schnell vorbei, denn alle hasteten hinaus, vorbei an Dutzenden von Obdachlosen, die in den Straßen und Unterführungen rund um die Oper ihr trauriges Nachtquartier aufgeschlagen hatten. Nicht nur hier werden wir daran erinnert, dass es auch ein Amerika der völligen Armut gibt.

Gemeindezentrum Alief

Natürlich wurde wieder dem NeighborhoodCenter von Alief in Houston ein Besuch abgestattet. Ein modernes Gebäude mit weitläufigem Park und Schwimmbad, mit vielen Sportmöglichkeiten und Fortbildungskursen, ganz von der Gemeinde finanziert und völlig kostenlos. Jung und Alt trifft sich hier, die Jungen draußen, um Fußball, Basketball oder Tennis (Pickleball) zu spielen, die älteren Semester drinnen, um zu Tanz-, Qi Gong-, Golden Crane oder Fortbildungskursen zu eilen oder den Valentinstag in Festkleidung ausgelassen zu feiern. Für die ärmeren Mitglieder der Gemeinde gibt es auch ein freies Mittagessen. Eine riesige Turnhalle mit einem bestens ausgestatteten Fitnesscenter steht all denen zur Verfügung, die sich an die Hausregeln halten, dafür sorgt ein allgegenwärtiger stämmiger Security mit Waffe.

Im oberen Stockwerk lockt eine futuristische Bibliothek und ein bestens ausgestatteter Computerraum mit vielfältigem Programm vom Mystery Book Club bis zum 3D Printer Workshop. Interessant wird sein, ob dieses Center die vielen Budgetkürzungen, die derzeit überall in den USA in Windeseile durchgezogen werden, überleben wird. Ja, die Angst vor steigenden Preisen und drohender Arbeitslosigkeit habe ich in Gesprächen immer wieder vernommen. Das Department of Education bietet einmalig 15 000 Dollar bei freiwilliger Kündigung an, 4 Milliarden Dollar sollen bei der Finanzierung von Forschung und Universitäten eingespart werden, vom Stopp der US-Auslandshilfen und deren Auswirkungen ganz zu schweigen, mit denen u. a. im vergangenen Jahr weltweit 1,1 Milliarden Kinder geimpft werden konnten.

Austin

Also auf nach Austin, auf den Campus der Universität von Texas. Hier werden nur 5 Prozent der besten AbsolventInnen der Schulen Texas aufgenommen und die Konkurrenz um die Aufnahme ist gnadenlos. Hat man es jedoch an die UT Austin geschafft, dann befindet man sich in bester Gesellschaft. Tausende stark motivierte junge Menschen gehen gut gelaunt von einer Vorlesung zur nächsten, fast alle schlank und rank in Sportbekleidung, denn es gibt am Campus ein umfassendes Fitnessprogramm den ganzen Tag über, ein Zentrum für mentale Gesundheit, das die StudentInnen bei Krisen unterstützt und wenn sich eine Studentin nachts nicht nach Hause traut, kann sie ein Golf Cart samt Fahrer anfordern.
Am Beginn des Campus steht das Blanton Museum of Art, von hier geht man die „Yellow Brick Road“, auch „Speedway“ genannt, hinauf zu den einzelnen Fakultäten, vorbei an vielen Ständen, die für alles Mögliche Werbung machen. Hier bietet sich die Möglichkeit, Haustiere zu streicheln, mehr über LGBTQ mit dem markigen Slogan „Join us in hell“ zu erfahren oder einer christlichen Organisation beizutreten. Der Geist des jugendlichen Aufbruchs ist so stark zu spüren, dass man sich wünscht, man könnte dort sofort zu studieren anfangen.

Vom Campus aus kann man durch großangelegte Parks in die Lyndon Baines Johnson Library § Museum gehen, ein monumentales Gebäude, in dem alles Wissenswerte über US-Präsident Lyndon B. Johnson und seine Zeit zu erfahren ist. Hier ist sein Originalbüro aus dem Oval Office zu sehen und hätte man Zeit, würde man alle Gesetze studieren, die er auf den Weg gebracht hat. Hat man noch Lust das Wirken seiner Frau Lady Bird Johnson zu erkunden, dann fahre man in den Botanic Garden of Texas, der die Besucher über die Vegetation von Texas aufklärt und dem Naturschutz dient. Im Park treffen wir auf eine Schulklasse, die einer Höhle entsteigt und dann auf den Weg ist, um zur Quelle nach Barton Springs zu fahren. Auch in Texas wird von engagierten BiologInnen Schulkindern die Wichtigkeit von Umwelt- und Wasserschutz vermittelt.
Wer nun genug über Savannen und Pflanzen in Texas weiß, kann sich auf einen der vielen Wanderwege unweit der Hauptstadt begeben. Sehr empfehlenswert und ähnlich den Wiener Stadtwanderwegen mit Blick auf eine wunderschöne Stadt.

Angela Merkel: Freiheit. Erinnerungen 1954 – 2021

Man hört sie auch in Österreich: die vielen Kritiker an der ersten Frau, die in Deutschland 16 Jahre lang Kanzlerin war. Im Nachhinein haben es alle besser gewusst. „Mutti“, wie sie von manchen abschätzig genannt wurde, zeige wenig Selbstkritik in Bezug auf ihre Zeit als Regierungschefin: beim überstürzten Atomausstieg, bei ihrem Nein eines schnellen NATO-Beitritts der Ukraine und Georgiens, bei ihrer Russland- und Flüchtlingspolitik, vom Versagen für den Klimaschutz und in der Pandemie ganz zu schweigen. Wer fundierte Einblicke in die Person und Politik von Angela Merkel gewinnen möchte, sollte ihr Buch „Freiheit“ lesen, das sie mit ihrer langjährigen Beraterin Beate Bauman verfasst hat: über 700 Seiten lang, in dem sie sich u.a. mit diesen Themen auseinandersetzt und ihre Entscheidungen ausführlich erklärt.

„Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren“


Wer Angela Merkels Kraft und Resilienz verstehen will, erfährt im ersten Drittel des Buches anschaulich über ihre Kindheit, Jugend und die ersten Jahre als Physikerin in der DDR. Und in der Tat, ist dieser Abschnitt von Erfahrungen und Erlebnissen geprägt, die ihrer steilen Karriere im wiedervereinten Deutschland geholfen haben. Als Pfarrerstocher im Waldhof in Templin glücklich aufgewachsen, musste sie einige Benachteiligungen in Kauf nehmen. Sie darf in der Schule nicht am gemeinsamen Mittagessen teilnehmen, nicht auf Freizeiten mitfahren etc. Sie ist fleißig und ehrgeizig, gewinnt Wettbewerbe in Russisch, studiert Physik, promoviert, arbeitet an der Akademie der Wissenschaften, weiß aber, dass sie als kirchlich Gebundene niemals eine Lehrtätigkeit an einer Universität bekommen werde. Um im autoritären System der DDR zu überleben, arrangiert sie sich mit der Macht, ohne ihre Unbekümmertheit zu verlieren. Auch sie wird vom Staatssicherheitsdienst angeworben, sie könne aber nichts für sich behalten, haben ihr ihre Eltern früh eingebläut und sie ist Hausbesetzerin am Prenzlauer Berg nach ihrer Scheidung.

Die Erste: Ich“

Als Angela Merkel 35 Jahre alt ist, kommt der Mauerfall, sie ist jung, tatendurstig und engagiert sich in der Politik, zunächst im Demokratischen Aufbruch und innerhalb eines Jahrzehnts erfolgt ihr steiler Aufstieg in der CDU. Sie ist eine der drei Frauen, die 1991 nach der Wiedervereinigung einen Ministerposten bekommt, zunächst für Frauen und Jugend, 1994 wird sie Umweltministerin, 2000 CDU-Vorsitzende und 2005 Kanzlerkandidatin. Niemand hatte ihr, „Kohls Mädchen“, zugetraut, so viel Macht in einer von Männern dominierten Partei zu erringen. Mit klugen Schachzügen gelingt es ihr, die männlichen Mitbewerber („Andenpakt“) auszuschalten, die sie unterschätzt hatten. Diesen Teil ihrer Erinnerungen zu lesen, ist besonders spannend und gibt Einblicke, wie strategisch und kompromisslos sich Angela Merkel den Weg zu Macht geebnet hatte. Und als sie 2005 die Wahl gewinnt und Bundeskanzlerin wird, hatte der Wahlverlierer nur Verachtung für sie über. Sie erträgt diese mit stoischer Gelassenheit, auch später wird sie den Provokationen mächtiger Männer, seien es Trump, Putin oder andere Alphamänner, nur ein verschmitztes Achselzucken entgegensetzen. Sie hat bei diesen gelernt und setzt ihr Machtstreben auf ihre Art um. Nun selbst Kanzlerin wird sie ein gewichtiges Wort in der Weltpolitik mitreden.

„Deutschland dienen“


Und es sind viele Krisen, die ihre lange Regierungszeit begleiten und unsere Zeit prägen: Afghanistan, Atomkraft, Banken, Euro, Flüchtlinge, Klima, Putin, Trump, Ukraine, um nur einige wenige herauszugreifen. Dieser Abschnitt berichtet von Gipfeln, Staatsbesuchen und von der Zäsur 2015, wie sie es selbst benennt. Ihr Tagesablauf ist streng getaktet, meist hat sie Termine in einem Viertelstundenrhythmus und ist immer sehr gut vorbereitet. Nächtelange Verhandlungen, wenig Schlaf, weitreichendende Entscheidungen treffen, Druck von allen Seiten. Immer ist sie darum bemüht, durch Verhandlungen und Kompromisse ein Ergebnis zu finden. Das Ringen darüber ist nüchtern und ins Detail gehend erzählt und gibt Einblicke in die Hinterzimmer der Mächtigen, auch wenn nicht alles gelingt, wie sie bekennt. Dieser Teil ihrer Erinnerungen kommt nicht an die Brillanz von Obamas Autobiographie heran (siehe meinen Beitrag „A promised Land“).
Wenn dann nach langen Verhandlungsnächten die Nacht in den Tag übergeht und etwas ausverhandelt werden konnte, so wird berichtet, habe sie sich eine Decke gegen die Kälte übergezogen und mit Verbündeten ein Glas Rotwein getrunken, Witze erzählt und andere Politiker gekonnt parodiert. Und als der ukrainische Präsident Zelenskyi 2019 ihr seinen Antrittsbesuch abstattet, wird sie von ihrem ersten Zitteranfall geschüttelt, ein unheilvolles Vorzeichen auf die kommenden Ereignisse in seinem Land.
Auf die oft gestellte Frage, ob Merkel eine Feministin sei, antwortete Alice Schwarzer so: „Ihre ganze Existenz ist Feminismus pur“.
Für die erste Bundeskanzlerin von Deutschland soll es nun rote Rosen regnen.

„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

Ich muss bekennen, dass ich noch nie etwas von Dörte Hansen gehört hatte. Diese Autorin war nicht in meinen Gesichtskreis gekommen. Nun hatte mir aber eine wertschätzende Kollegin dieses Buch mit einer Widmung geschenkt: „Dörte Hansen ist eine meiner liebsten zeitgenössischen Autor:innen. Hoffentlich gefällt sie dir genauso gut wie mir“. Also begann ich das Buch zu lesen und war mehr als hingerissen. Warum?

Es behandelt kein spektakuläres Thema: eine Familien- und Dorfgeschichte in Nordfriesland, über 5 Jahrzehnte hinweg, in der sich der gesellschaftliche und ökonomische Wandel zeigt. Im Bauerndorf Brinkebüll reden in den sechziger Jahren die meisten Bewohner noch Plattdeutsch. Die Männer gehen nach Feierabend in den Gasthof von Sönke Feddersen, hier werden auch die großen Feste von Taufe, Hochzeiten bis zum Leichenschmaus gefeiert. Dort kommt die Dorfgemeinschaft zusammen, um zu feiern und der harten bäuerlichen Arbeit für kurze Zeit zu entfliehen. Sönke, seine Frau Ella und Tochter Marret führen den Gasthof mehr schlecht als recht, viel Arbeit, darüber hinaus ist auch noch ein kleiner Bauernhof zu betreuen: früh ausstehen, Kühe melken, den Tag über Gäste bewirten, am Abend wieder Stallarbeit und Bierausschenken.

Sönke war nach russischer Gefangenschaft im Dezember 1947 heimgekehrt und Ella hatte im Juli 1948 ein Mädchen geboren, was sich rechnerisch für ihn nicht ausgehen konnte. Eine Dreiecksgeschichte wird nach und nach enthüllt und hält bis in den Tod. Tochter Marret singt gerne Schlager im Dorfsaal, sie streunt durch Felder und Fluren, sammelt tote Tiere, Federn, Steine und Blumen, presst die Blätter im Shell-Atlas, zeichnet sie und vermerkt sie in Schönschrift in ihrem DIN-A5-Heft. Sie ist „wunderlich, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas“ und wird mit 17 schwanger, Vater unbekannt. Sie kann sich nicht um ihren Sohn kümmern, so übernehmen ihre Eltern die Erziehung, besonders der Großvater kümmert sich liebevoll um Ingwer. „Minsch warmt Minsch“. Der Junge ist sehr klug und wird von Lehrer Steensen als einer der ganz wenigen auserkoren, aufs Gymnasium zu gehen, um später zu studieren. Er schafft den Aufstieg, wird Prähistoriker an der Uni Kiel, trotzdem fühlt er sich nicht dazugehörig und „wie ein Schwindler mit gefälschter Vita, der nicht da war, wo er hingehörte“. Mit 48 Jahren und in einer Lebenskrise nimmt er sich ein Sabbatjahr, um seine gebrechlichen (Groß)-Eltern zu betreuen und seine Schuld abzutragen. Nicht nur er muss erkennen, dass sich alles im Dorf seit seiner Kindheit geändert hatte, dass die Störche nicht mehr kommen, es keine Tiere mehr gibt und das Baumsterben längst im Gange war.

Dörte Hanssen gelingt es mit ihrem Roman „Mittagstunde“ den Kosmos und die Entwicklung eines kleinen Dorfes atmosphärisch zu schildern. Bald kennt man die Personen, weiß über ihre Geschichten Bescheid und damit verbunden die großen strukturellen Veränderungen. Eine Künstlergruppe mit ihren selbstbewussten Kindern kommt aus Berlin zugezogen und kauft eine alte Mühle, um ein alternatives Leben zu führen. Die jungen Dorfbewohner ziehen weg, weil sie auf dem Land keine Zukunft mehr haben, die herrische Krämerin muss zusehen, wie die Bewohner nur noch im Supermarkt Vergessenes bei ihr kaufen. Die vielen Bauern, die aufgeben, weil sich das Wirtschaften für sie nicht mehr lohnt. Und einige wenige, die mit der Zeit gehen und alle Gründe aufkaufen. Die Flüsse begradigt, die Fluren bereinigt, Ulmen und Kastanien gefällt, um schnellere Straßen zu bauen mit tödlichen Folgen. Und dazwischen die Dorfbewohner, die um ein bisschen Glück ringen, um all den Veränderungen etwas entgegensetzen zu können. Mobilität und die Ökonomisierung der Landwirtschaft haben viele Fortschritte, so auch Kultur ins Dorf gebracht (das laute Trara des Bücherbusses zur Mittagsstunde!), aber auch den sozialen Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft aufgebrochen.

Dörte Hansen erzählt eine Herkunftsgeschichte und den Wandel einer Dorfes mit großer poetischer Kraft („Es war so nebelig, dass sie wie durch nasse Tücher ging, als wäre oben große Wäsche“). Die Zeiten fließen ineinander und auch Ingwer sehnt sich mit 48 Jahren nach Jahrzehnten in einer Wohngemeinschaft nach mehr Verbindlichkeit, nach jemandem, der „mein Mann“ sagt.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Song- oder Schlagertitel und wenn Sie diesen vorab hören, werden Sie eingestimmt in die großen Themen und Sehnsüchte der Dorfbewohner. Und es gibt Hoffnung: eine Line Dance Gruppe, die wie Ingwer den Aufbruch wagt.

Die Saat des heiligen Feigenbaums (Iran, 2024)

Schon bei der Viennale hatte ich versucht, Karten für diesen hochgelobten Film zu bekommen. Sie waren nach wenigen Minuten ausverkauft. Viele hatten von den gefährlichen Umständen der Entstehung des Films bereits bei den Filmfestspielen in Cannes erfahren, denn er wurde heimlich im Iran gedreht. Der Regisseur konnte sich nur durch Flucht vor einer langjährigen Haftstrafe und Peitschenhieben nach Europa retten. Eines sei vorweggenommen: „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof dauert über drei Stunden und wird Sie bis in die Träume hinein verfolgen.


Dabei fängt die Geschichte recht harmonisch an. Eine Familie lebt gut situiert in Teheran, Iman, der strenggläubige Vater wird zum Ermittlungsrichter am Revolutionsgericht befördert, ein Wunsch, den er für 20 Jahre gehegt hat. Die Mutter Najmeh erhofft sich dadurch eine größere Wohnung, die beiden Töchter sollen endlich ein eigenes Zimmer bekommen. Der Aufstieg des Vaters innerhalb des Regimes würde ein luxuriöses Leben, wenn auch mehr Pflichten für die Familie ergeben. Kurze Zeit später gerät diese Hoffnung in Schieflage. Der Vater muss erkennen, dass er einen ungewollten Pakt eingegangen ist, da er nun lange Gefängnisstrafen oder Todesurteile, ohne viel Prüfung, unterschreiben muss. Wenn nicht, sei es vorbei mit dem besseren Leben. Die Mutter, ganz um das Wohl ihres Ehemannes besorgt, gibt ihm Schlaftabletten, damit er die aufschreckenden Alpträume bezwingen kann. Die beiden Töchter, Rezvan 21 und Sana 16 Jahre alt, schicken sich heimlich Videos zu, die die Proteste gegen das autoritäre Regime zeigen. Ausgelöst wurden diese durch den Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Der Vorfall hatte zu den größten landesweiten Protesten für Frauenrechte im Iran geführt. Entsetzt schauen sich die Töchter die brutalen Videos von Polizeiübergriffen an und sympathisieren immer mehr mit der Bewegung „Frauen. Leben. Freiheit“. Als dann noch die beste Freundin der älteren Tochter schwer verletzt wird, brechen die Gräben auch innerhalb der Familie auf und alle werden gezwungen, Farbe zu bekennen.


Jetzt nach zwei Jahren der gewaltsamen Niederschlagung scheint wieder Ruhe im Iran eingekehrt zu sein. Viele DemonstrantInnen, vor allem junge Mädchen, sind, wenn nicht ermordet, körperlich und seelisch, wie die beste Freundin, schwer gezeichnet. Darauf nimmt der Film Bezug und holt die Gräueltaten des Regimes aus dem Jahre 2022 in unsere Kinos. Rasoulof selbst saß während der Proteste in einem iranischen Gefängnis. So konnte er die Ereignisse erst im Nachhinein mittels Handyaufnahmen mitverfolgen. Diese sind in die Handlung des Films eingebaut. Auf die Freude der Frauen, die singend und tanzend mit wallenden Haaren durch die Straßen ziehen, folgen Blut und Tränen, Schüsse und Verhaftungen.
Alles, was an schönen Kindheitserinnerungen an einen liebvollen Vater vorhanden ist, wird mehr und mehr zerstört, als die beiden Töchter dem Vater widersprechen. Die Brutalität und Paranoia des Regimes finden ihre Entsprechung im Handeln des Vaters. Nun geht es um Überleben oder Tod. Der Vater kehrt in das einsame Haus seiner Kindheit zurück, vordergründig um seine Familie zu beschützen, in Wirklichkeit, um sie zu verhören.


Was den Film so beklemmend macht, ist, dass man in einem warmen Grazer Kino sitzt, um sich herum die Vielfalt der österreichischen Bevölkerung, auch einige IranerInnen. Wir, mit all unseren Rechten und Freiheiten, werden mit einer patriarchalischen Gesellschaft konfrontiert, in der Frauen mit all ihrem Mut und Einsatz um Freiheit und Würde kämpfen und wieder einmal scheitern.
Gibt es Hoffnung für die Frauen im Iran? (Siehe meine Filmkritik zu „Hit the Road“) Nach der Aussage des Filmes auf jeden Fall. Der Film wird im zweiten Teil zu einem Psychothriller, ist so spannend und verwirrend, gleich einem Labyrinth, dass man ganz erstarrt, dort selbst lange feststeckt.


Mohammad Rasoulof sagte in einem Interview, dass er zwei Stunden Zeit hatte, um vor der drohenden Verhaftung das Land zu verlassen. Er habe die Tür seines Hauses in Teheran abgeschlossen, Abschied von seinen geliebten Pflanzen genommen und sei dann aufgebrochen, um weiterhin Geschichten aus seiner Heimat erzählen zu können.

Selbstausbeutung beenden: Strategien für ein erfülltes Leben

Stellen Sie sich vor, Sie hätten für Ihr Geburtstagfest 200 Euro zur Verfügung. Wo würde es stattfinden? In welcher Form? Wer würde daran teilnehmen? Schreiben Sie Ihre Gedanken dazu auf. Was das mit Real Self-Care zu tun hat, enthülle ich am Ende meines Beitrages.
Wenn man an die Verhältnisse in Amerika denkt, so sind Frauen in Österreich mehr als privilegiert: sie sind sozialversichert, es gibt Mutterschaftsurlaub und Väterkarenz, Krippen und Kindergärten, ein weitgehend kostenloses Bildungssystem, ein staatliches Pensionssystem und vieles mehr. Und trotzdem leiden viele Frauen an Überforderung, wenn sie Familie und Beruf zusammenbringen wollen und können oft nur durch massive Selbstausbeutung den stressigen Alltag bewältigen. Woran liegt das? Und was müsste geändert werden, um die Situation für Frauen auch hier in Österreich zu verbessern?


Die Psychiaterin Pooja Lakshmin bietet in ihrem Buch „Real Self-Care: A Transformative Program für Redefining Wellness” einige Vorschläge. Dabei geht es nicht um gängige Angebote wie Yoga, Meditation, Ayurveda, Reinigungskuren und Schaumbäder, die die Autorin als „False Self-Care“ bezeichnet, weil sie nur kurzfristig Erleichterung verschaffen, da sie von außen kommen. Eine Verbesserung der Situation könne nur erfolgen, wenn sie im Inneren stattfindet. Erst dann werde es zu fundamentalen Veränderungen kommen können. Leichter gesagt als getan, wenn man die täglichen To-do-Listen der Mühen des Alltags abarbeiten muss.
In ihrem Buch zeigt sie vier Prinzipien und viele Übungen, die zu einem guten, erfüllten Leben führen.

  1. Grenzen setzen und Schuldgefühle aushalten
    “Our entire system is built on the premise that women`s time doesn´t belong to them”
    Indem man Grenzen setzt (den Mitarbeitern, dem Chef, der Familie und allen Anforderungen, die an Frauen herangetragen werden), holt man sich Zeit und Energie zurück. Dabei gilt es, Schuldgefühle hintanzustellen und sich nicht verantwortlich zu fühlen für die Emotionen der anderen. Schuldgefühle sollten keine Entscheidungen bestimmen, denn sie dienten dazu, sich klein und abhängig zu fühlen. Um mit diesem Gefühl umgehen zu lernen, empfiehlt sie u. a. die Übung „Sushi Train“. Man steht als Köchin in der Mitte und sieht auf dem Laufband Sushis (Gedanken und Gefühle) vorbeiziehen. Betrachten Sie sie aus der Distanz und frage Sie sich, welche Funktion sie in Ihrem Leben haben und wohin sie Sie führen sollen.
  2. „Your are good enough“
    Sich mit Selbstmitgefühl begegnen, bedeutet, darauf zu achten, was man braucht und will. Wichtig ist, freundlich zu sich selbst zu sein, toxische Situationen und Menschen zu vermeiden oder zumindest einzuschränken. Die innere Kritikerin müsse eingedämmt („Ouch“), Perfektionismus aufgegeben und auf die Bedürfnisse des Körpers geachtet werden (sich eine Pause gönnen) und, was Frauen besonders schwerfalle, sie dürfen um Hilfe bitten.
  3. Seine Werte identifizieren und danach handeln
    Sein authentisches Selbst könne dadurch entwickelt werden, indem man sich seine Grundwerte bewusst macht und ihnen gemäß handelt. Dafür müssten Prioritäten gesetzt und Entscheidungen getroffen werden, wie man seine Zeit sinnvoll verbringt, indem man sich bei wichtigen Entscheidungen die Frage stellt: Was will ich wie und warum machen?
  4. Sich selbst Macht verleihen: Ich existiere und ich bin wichtig.
    Wenn man sich selbst mit Mitgefühl begegnet und das Steuer in die Hand nimmt, gewinnt man Macht über sein Leben und seine Entscheidungen zurück. Diese Macht gilt es zu nutzen, auch wenn sie relativ ist. Auch andere würden davon profitieren: „Giving back when you have power generates more power for everyone else”.
    Mit einfachen Worten zusammengefasst: Sein Leben danach auszurichten, was am wichtigsten ist, seine Zeit und Energie dorthin zu investieren, dass sie mit den eigenen Werten übereinstimmen, sich selbst ermächtigen, vor Entscheidungen eine Pause einzulegen („Yes“, „No“, „Negotiation“), so könne nach Lakshmin das ungerechte System, das Frauen die Hauptbürde der Care-Arbeit aufbürdet, sich zum Besseren wenden.
    Das alles werde nicht friktionslos ablaufen und es würden sich Widerstände auftun. Deshalb sei es wichtig, mutig voranzuschreiten und auch in Kauf zu nehmen, dass nicht alles perfekt ablaufen werde bzw. könne.
    Das Buch bietet eine Sicht auf die gesellschaftlichen Ursachen der Überforderung und welche Voraussetzungen es braucht, damit dies geändert werden könne. Es bietet viele Übungen, wie man sich selbst ermächtigen kann, zeigt, was man ändern kann und sollte. Es enthält eine Handlungsanleitung für Frauen, die sich aus gesellschaftlichen Zwängen und Anforderungen befreien wollen, um erfüllt und gesund leben zu können.
    Zurück zum Geburtstagsfest: Wenn Sie die Übung gemacht haben, werden Sie feststellen, welche Werte für Sie wichtig sind und sollten ab nun ihre Handlungen danach ausrichten.


					

Widerstand im Salzkammergut (Altaussee, 26. 10. 2024)

Natürlich hatte ich zum ersten Mal vom Widerstand im Salzkammergut während meiner Studienzeit in den achtziger Jahren gehört. Damals dachte ich, das Thema wäre sicherlich eine Diplomarbeit oder Dissertation wert. Diese schrieb der Bad Ausseer Historiker Helmut Kalss in den Nullerjahren an der Universität Graz.

Die Neuauflagen von „Widerstand im Salzkammergut“ von Helmut Kalss,Salzkammergut – Ausseerland. Widerstand und Partisanenbewegung 1943- 1945“ von Peter Kammerstätter, Ausschnitten aus der Dokumentation „Ich habe nur meine Pflicht getan“ (1988, Gestaltung Max Stelzhammer) wurden am Nationalfeiertag im Kur- und Amtshaus in Altaussee präsentiert. Günther Kaindlstorfer moderierte, viel Prominenz war anwesend und die Veranstaltung wurde von der Sigl Hausmusi stimmungsvoll untermalt. Der Abend hätte nicht widersprüchlicher sein können.

Breiter Widerstandsbegriff

Auf die Frage, welche Voraussetzungen der Widerstand im Ausseerland hatte, nannte Helmut Kalss die Ausseer Mentalität als konservativ und liberal, das Tragen von Trachten, die Brauchtumspflege und enge Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen seien identitätsstiftend gewesen und hätten der nationalsozialistischen Ideologie entgegengewirkt („Eine gewisse Gelassenheit gegenüber Obrigkeiten“).

Welcher Art der Widerstand im Ausseerland war, kam in der anschließenden Diskussionsrunde rasch auf. Viele hätten sich nach dem Krieg als Widerstandskämpfer geoutet, obwohl Teile der Bevölkerung der Meinung waren, dass es keine Widerstandsbewegung gegeben habe, da nur einige Regimegegner im Gebirge versteckt wurden. Man einigte sich auf einen breiten Widerstandsbegriff, es habe keinen militärischen Widerstand gegeben, aber eine „im Entstehen begriffene Partisanengruppe“ und individuellen Widerstand wie demonstrativer Kirchenbesuch, Gehorsamsverweigerung, Sabotage, Absentismus, Schwarzhören, antinazistische Äußerungen… Am gefährlichsten für die beteiligten Menschen war, dass Regimegegner (ab 1945 Freiheitskämpfer genannt) versteckt wurden.

Resi Pesendorfer

In der Anfangszeit hatten vor allem Kommunist*innen die Bewegung getragen. Gegen Ende des Krieges unterstützten immer mehr Menschen über alle Parteigrenzen hinweg den Widerstand, dabei spielten Frauen eine wichtige Rolle. In der Dokumentation „Ich habe nur meine Pflicht getan“ berichtet die Kommunistin Resi Pesendorfer, wie sie mit großem Einsatz und unter Lebensgefahr Quartiere für aus Gefängnissen oder KZ geflohene Genossen gesucht, sie bei sich versteckt und in den Bergen mit Nahrungsmitteln versorgt hatte: „Einen ganzen Tag bin ich herumgerannt bei den Genossen, ob sie nicht einen Freiheitskämpfer (gemeint ist Sepp Pleiseis) behalten würden.“ Dabei kam den Frauen zugute, dass man ihnen von Seiten des nationalsozialistischen Regimes wenig zutraute, und Pesendorfer hatte sich geschworen, dass sie die Nazis niemals kriegen würden. Sie leistete Kurierdienste und war im ganzen Salzkammergut als Netzwerkerin unterwegs.

Laut den Aussagen von Alois Straubinger, dem die Flucht aus dem Gefängnis gelang, war es der Widerstandsbewegung wichtig, mehr Sympathisanten zu gewinnen, die bereit waren, die Bewegung zu unterstützen und sei es nur, dass man eine Lebensmittelmarke abgab. Das oberste Ziel der Widerstandsbewegung im Salzkammergut – an die 600 Personen – sei gewesen, Voraussetzungen für ein unabhängiges Österreich zu schaffen und eine friedliche Übergabe des Ausseerlandes an die Alliierten zu gewährleisten, was auch gelang.

Unschätzbare Kunstwerke

Es kam auch die Frage auf, wer die unschätzbaren Kunstschätze im Altausseer Bergwerk gerettet habe („Ein Dorf wehrt sich“). Hier versuchte die Kunsthistorikerin Monika Löscher, die als Provenienzforscherin arbeitet, mehr Klarheit zu schaffen. Es hätten viele von der Vernichtung der Kunstschätze gewusst und zur Rettung beigetragen, vor allem die Ausseer Bergleute, die die Bomben, mit denen der Stollen gesprengt werden sollten, hinaustrugen.

Maria Haim

Ein Gastbeitrag brachte am Ende des Abends ein, dass die erste Widerstandskämpferin im Ausseerland Maria Haim gewesen sei, die als Einzige in Altaussee mit einem Nein zum Anschluss gestimmt hatte. (Siehe meinen Blog „Sommerfrische 2020. Literarischer Spaziergang durch Altaussee„)

Ihr sollte ein Weg in Altaussee gewidmet werden.

Hymne an das Salzkammergut

Im Anschluss gab es bei empfindlichen Temperaturen im Kurpark das schwungvolle Konzert „Eine Hymne an das Salzkammergut“ mit Bernadette La Hengst und die Präsentation des Magazins „Narzissenpost“, ein Litfasssäulenmagazin, das sich mit Natur und Tradition im Ausseerland auseinandersetzt.

Sieht man sich die Wahlergebnisse der letzten Nationalratswahl an, so gab es auch im Ausseerland satte Gewinne für die FPÖ, ein Umstand, auf den der Moderator in seinem Schlusswort warnend hinwies.

Ein Blick hinter die Kulissen des Schreibens

Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben

Wer ein Benedict Wells Fan ist – und ich bin einer, siehe Rezension zu „Hard Land“ – , wartete gespannt auf dieses Buch, das Anfang September in Österreich erschienen ist. Und ich wurde nicht enttäuscht. Und auch Sie werden dieses Buch immer wieder lesen wollen.

Im ersten Teil („Der Weg zum Schreiben“) setzt sich Wells damit auseinander, wie seine Biografie Einfluss auf seinen Weg als Schriftsteller genommen hat. Im zweiten („Über das Schreiben“) beschäftigt er sich mit der Theorie, dieser ist gleichsam eine Anleitung zum Schreiben für junge AutorInnen. Und der dritte Teil („Aus der Werkstatt)“ zeigt konkret anhand von „Hard Land“ und „Vom Ende der Einsamkeit“ verschiedene Überarbeitungen.

„Warum man anfängt“

Einiges aus Wells chaotischer Kindheit ist bekannt – die Mutter bipolar, immer wieder Psychiatrieaufenthalte, der Vater bankrott und überfordert – und so wird er nach der Trennung der Eltern mit 6 Jahren in staatliche Heime verabschiedet. Für ihn ein Segen und doch ein tiefer Schmerz, aus dem sich sein Schreiben nährt. („Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene nicht erzählen konnte“). So berichtet er, dass er sich schon im Alter von sieben Jahren um seine Wäsche kümmern musste. Weder Vater noch Mutter sind in der Lage, für das Kind zu sorgen. Aber er erzählt auch, dass es immer wieder gute Momente innerhalb der Familie gab, Momente der Liebe, Zärtlichkeit und Freude.

Als Kind flüchtet er sich in die Welt der Fantasie und liest viel – „Lesen kann einen retten“. Wells beschreibt sich auch als vorlaut und nicht immer gut in der Schule. Eine literarische Begabung attestiert ihm sein Deutschlehrer nicht, trotzdem beschließt er nach dem Abitur nach Berlin zu gehen, um ein armer Schriftsteller zu werden. Er schreibt die ganze Nacht, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bekommt in dieser Zeit über 400 Absagen von Verlagen. Auch in dunklen Zeiten hält er durch, schickt seine Entwürfe an Freunde und Bekannte, die ihm hartes Feedback geben. Und er ist nicht zimperlich, er erkennt die Schwächen seiner Romanentwürfe und überarbeitet sie unermüdlich. Diese Anstrengung zeigt Früchte und als er 2007 in seinem Lieblingsverlag Diogenes unter Vertrag kommt, ist er erst 23. „Becks letzter Sommer“, 2008 erschienen, wird ein großer Erfolg, „Spinner“ ein Jahr später, diesen Roman hatte Wells mit 19 geschrieben, ein Reinfall. 2016 erscheint „Vom Ende der Einsamkeit“, der Roman wird in 38 Sprachen übersetzt und steht monatelang auf der Beststellerliste. Wells hatte nach eigenen Angaben 7 Jahre daran geschrieben. 2021 kommt „Hard Land“ in die Buchhandlungen, ein Coming- of- Age-Roman, der ihn auch bei SchülerInnen und LehrerInnen bekannt macht. Insgesamt hat der Autor über 2 Millionen Bücher verkauft und gehört zu den Stars unter den jungen deutschsprachigen Literaturschaffenden.  

„Show up to Work“

Im 2. Teil „Über das Schreiben“ zeigt er anhand der Entstehungsgeschichte von „Hard Land“ die vier Phasen seines Schreibprozesses: Vom „Funken“, der auf einer Amerikareise 2008 in einem kleinen Dorf in Missouri entzündet wurde, es folgt „Das Davor“, das eineinhalb Jahre dauert. Er schaut Filme, hört Musik, um in die Atmosphäre der achtziger Jahre einzutauchen, hier kommen seine Figuren zu ihm. Die dritte Phase „Das Aufschreiben“ bedeutet 14 Stunden Schreiben, nach Wells meistens eine Qual, noch kein Lesen und Bewerten, denn „Erste Fassungen sind oft grauenhaft“. Der Schluss „Das Überarbeiten“, ist der längste und wichtigste Teil für ihn, fünf Jahre habe er für „Hard Land“ gebraucht.

„Kill your Darlings“

Und in der Tat: Im dritten Teil „Aus der Werkstatt“ sehen wir anhand verschiedener Überarbeitungsphasen, wie sehr die Geschichten immer mehr an Dichte und Schönheit gewinnen.

Das Buch „Die Geschichten in uns“ zeigt auch die Herangehensweise berühmter AutorInnen ans Schreiben, allen voran Stephen Kings „On Writing“, der über eine Milliarde Bücher verkauft hat. Wie findet man seine Geschichte, wie entwickeln sich Charaktere und Dialoge, was bedeutet guter Stil? Was ist eine gute Story? Hier gibt der Autor viele Beispiele, wie man sein Schreiben verbessern könne, vor allem ist ihm wichtig zu zeigen, wie schwer es selbst für ihn ist, eine wirklich gute, stimmige Geschichte zu schreiben, die funktioniert und glaubwürdig ist.

Sollte man je geglaubt haben, dass Schreiben leicht ist, wird klar, dass es für Wells eine harte, oft frustrierende Arbeit ist. Und auch der erste Satz von „Hard Land“, der mich sofort in das Buch hineinzog, kam ihm erst nach einigen Jahren des Überarbeitens in den Sinn.

Und wie stellt der Autor sein Buch vor?