Salzkammergut

1. bis 20. August 2016

Wo bleibt die Kulterin werden Sie sich schon gefragt haben. Ich bin seit einiger Zeit auf Sommerfrische. Warum Sie nicht in die Ferne schweifen müssen, um erholt zu sein und etwas von der Welt zu erfahren, erfahren Sie in diesem Beitrag über das Salzkammergut.

Auch kulturell hat dieses Gebiet einiges zu bieten, aber heute schenke ich meine Aufmerksamkeit Land und Leuten.

Seen: Was das Salzkammergut so schön macht, ist die Natur, die hier überall oft in Reinform anzutreffen ist. Wandert man um den Altausseersee, hat man seine selige Ruhe vor Autos und Motorbooten. Geht man am Ostuferweg des Hallstättersees entlang, begegnet man vielen eifrigen Radfahrern und der hin und wieder dahinzuckelnden Bahn. Alle Stunde hört man von fern das Tuten der „Hallstatt“, die mit wenigen Touristen ihre Kreise um den See zieht. Der Ödensee ist noch immer ein Geheimtipp und an Idylle kaum zu übertreffen.

Almen: Seit es Elektrofahrräder gibt, sieht man auf jeder Amhütte ältere Semester, die stolz von großen Radtouren berichten, die man sich schon in der Jugend nicht zugetraut hatte. Da sie Einheimische sind, erfährt man darüber hinaus auch einiges über EU-Förderungen und warum es so wenige Almkühe mehr gibt. Apropos: Weil auch der Dachsteinrundwanderweg vorbeiführt, trifft man auch Sportler, die schon seit Tagen im Gebirge unterwegs sind und richtig fertig ausschauen. Auf Almen begnegnet sich Jung und Alt, Reich und Arm in fröhlicher Gesellschaft.

Berge und Wasserfälle: Man kann den Grimming besteigen oder mit dem Fahrrad umrunden (60 Kilometer! Mit und ohne Mitterberg) und dann den Wasserfall unterhalb der Staumauer besuchen, sich im Film „The Beach“ glauben und ein Bad darin nehmen. Sehr erfrischend.

Natur pur

Natur pur

Orte: Wenn vielleicht die Natureinsamkeit zu groß geworden ist, macht man sich auf nach Bad Ischl, sieht eine große Anzahl von Asiaten (Chinesen?) in Hallstatt zusteigen, die nun nach Salzburg weiterreisen wollen. Im „Zauner“, wo man ein „Ischler“ genießt, wundert man sich, dass so viele Menschen in ein Kaffeehaus gepackt werden und so viele Mehlspeisen verspeisen können. Hat man dazu noch Freude an der Monarchie, besucht man die Kaiservilla und das Museum der Stadt Ischl, um sich an den adretten kaiserlichen Uniformen sattsehen zu können. Von den „Kaisertagen“ soll hier gar nicht gesprochen werden.

Am Abend kann man vielleicht die „Vorstadtweiber“ auf DVD schauen oder in Pürgg das Gasthaus „Krenn“ besuchen, das ein sehr, sehr reicher österreichischer Getränkehersteller gekauft hat. Dem Himmel sei Dank, es hat gut geschmeckt.

©a.achilles 2016

Juli Zeh: Unter Leuten

„Alles ist Wille“

Irgendwo am Land, in der ehemaligen DDR, 70 Kilometer von Berlin entfernt, befindet sich das kleine Dorf Unter Leuten. Der Name ist Programm: Alle Menschen und Ereignisse sind verwoben, man befindet sich in einem Biotop von gegenseitigen Abhängigkeiten und Altlasten: Menschen, die noch aus dem Kommunismus Rechnungen offen haben, deren Kinder, die sich nur durch Wegzug retten können und Neuankömmlinge, die sich rasch im Dorfnetz verspinnen.
Dabei geht es nur um 10 Windräder, die auf der Plausnitzer Höhe errichtet werden sollen, um vordergründig die Energiebilanz auszugleichen und dem Dorf Einkünfte zu garantieren, dass es überleben kann.
Wie auch immer die Bewohner heißen mögen, Kron, Fließ, Franzen, Meiler, Schaller und der allmächtige Rudolf Gombrowski, der die Geschicke des Ortes seit Jahrzehnten bestimmt. Sie alle haben die unterschiedlichsten Interessen an diesem Bau, wollen daran verdienen oder ihn mit allen Mitteln verhindern.
„Alles ist Wille“ (Manfred Gortz) geht als Motto dem Buch voran. Linda, eine Hinzugezogene und Pferdezüchterin, richtet ihr Leben nach Gortz Sprüchen aus und agiert ebenso perfide und hinterhältig wie die machtbewussten Männer um sie herum. Wenn sich auch die älteren Frauen noch ganz den alten Rollenerwartungen beugen, so kann man an den jungen schon die Zeichen der neuen Zeit entdecken. Gut ausgebildet und selbstbewusst verlieren sie sich nicht in der Fürsorge für ihre Männer und Kinder, sondern loten aus, wieweit sie gehen wollen und setzen Befreiungsschritte, wenn die Bilanz nicht mehr stimmt. Keine von ihnen könnte als Vorbild für ein geglücktes Leben hergenommen werden, aber sie sind in Bewegung und reflektieren ihre Situation. Im Gegensatz dazu sind die Männer des Dorfes noch ganz alten Klischees verhaftet, egal ob jung oder alt. Sie sind entweder Weichlinge und brauchen eine starke Frau an ihrer Seite (die jungen) oder so sehr in alte Machtkämpfe miteinander verstrickt, dass der einzige Weg in eine Gewaltspirale mündet (die alten).
Juli Zeh zeichnet keine Idylle vom Landleben, aber das wissen wir längst seit Wolfsgruber und Innerhofer.
„Der große Gesellschaftsroman über die wichtigsten Themen unserer Zeit“ (Luchterhand) ist es nicht. Dazu sind die Handelnden zu plakativ, zu eindimensional, zu sehr auf ihre Rolle festgelegt und zu wenig entwicklungsfähig.
Was „Unter Leuten“ von der österreichischen Provinzliteratur der siebziger und achtziger Jahre unterscheidet: Irgendwie glaubt man diesem Dorfleben in der deutschen Provinz nicht, vielleicht auch deshalb nicht, weil es den Figuren an Größe und Liebe fehlt.
Amüsant sind die eingestreuten Zitate aus „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz, an denen sich die Karrierefrau Linda orientiert. „Macht heißt zu bewegen“. Nichts leichter als das.

©a.achilles

Keersmaeker tanzt Rilke

Odeon: 18. Juli 2016

„Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ erzählt die Geschichte des Fähnrichs Christoph Rilke, der gegen die Türken sein Leben verlor. Rilke schrieb die kurze Erzählung 1899 in einer Nacht, die er mit seiner um 15 Jahren älteren Geliebten, der berühmten Lou Andreas-Salomé, verbrachte. Im Ersten Weltkrieg diente diese lyrische Erzählung vielen Soldaten als Aufruf für den Heldentod, Hunderttausende sollen das Büchlein im Schlachtfeld bei sich getragen haben.

Die imposante Halle des Odeons ist ausverkauft, der Andrang so groß, dass Besucher vor der ersten Reihe auf Kissen Platz nehmen müssen.

Ein junger, braungebrannter Mann (Michaël Pomero), ganz in Grau gekleidet, betritt die staubbedeckte Fläche und beginnt zu tanzen. Alles wirkt schwer, die Schuhe, die Schritte und seine Bewegungen. Er folgt keiner Musik. Immer wieder durchschreitet er den Raum, hält inne, um mit einer Drehung wieder in seinen Tanz zurückzufinden.

Nach seinem Abgang wird auf einer großen schwarzen Fläche der Rilke-Text in Deutsch und Englisch projiziert. Wir erfahren von der Ausgangslage, dass sich der 18-Jährige freiwillig gemeldet hatte, dass er sich mit anderen auf dem Weg zur nächsten Schlacht befindet, dass er große Sehnsucht nach der Liebe hat. Der Text bricht ab und eine junge Flötistin (Chryssi Dimitriou) taucht aus dem Dunkel auf, entlockt mit wilden, schweren Atemstößen ihrer Querflöte eine exstatische Tonfolge, die ihren Körper zum Zucken bringt. Als die Musik verstummt, betritt Keersmaeker die Bühne, auch sie in graue Stoffhose und Shirt gekleidet, das angegraute Haar zu einem Knoten gebunden. Der Tanz kann beginnen. Der junge Mann und die ältere Frau umkreisen einander, entfernen sich, vollführen dieselben Bewegungen, ohne sich jemals zu berühren, immer wieder die rechte Hand ausgestreckt, als Versuch einen Weg in der fremden Landschaft zu finden. Besonders beeindruckend, wenn die große Hand des Mannes sich parallel zur zierlichen der Frau befindet. Plötzlich erzählt sie alleine die Geschichte weiter, begleitet von sparsamen Bewegungen, die das Geschehen untermalen. Keersmaeker rezitiert den Text in Oskar-Werner-Manier, wir erfahren von der letzten Liebesnacht mit der verheirateten Burgherrin, von den Türken, die das Schloss in Brand setzen und von der Panik, die entsteht und den Fähnrich waffenlos in die Schlacht führt. Dabei passiert eine wundersame Verwandlung, mehr und mehr wird Keersmaeker jünger und männlicher, bis sie schließlich in blutiges Rot getaucht sterbend niedersinkt.

Wir werden durch kaltes weißes Licht in die Gegenwart zurückgeholt.

Die Botschaft ist klar: Der Heldentod, den die Soldaten im Ersten Weltkrieg noch mit Rilke in den Taschen ruhmvoll sterben konnten, kommt in dieser Performance aus Musik, Tanz und Schauspiel nur als verschwendetes Leben zum Ausdruck. Voller Staub, verschwitzt und ohne Lächeln nehmen die beiden Tänzer den Schlussapplaus entgegen.

Chelsea: „Kids. They´re not so great“

Was tut sich in unserer modernen Welt? Galten in meiner Zeit Kinder noch als das höchste Gut, das eine Frau anstreben kann, begegnen mir heute immer mehr Frauen, die Hunde diesen vorziehen. Was ist passiert?

Es gab Zeiten, in denen ich mich nur auf Spazierwege traute, wenn mich meine halbwüchsigen Töchter begleiteten. Kein Hundebesitzer konnte mir weismachen, dass sein Liebling friedlich ist, ich mochte keine Hunde.

Chelsea Handler, deren Show („Chelsea“) ich gerne sehe, brach das Eis. Chelsea ist nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern besitzt überdies die seltene Gabe, frisch und frech draufloszureden, dass einem die Spucke wegbleibt. Ihre männlichen Interviewpartner finden keine Gnade vor ihrer übermütigen Zunge, trotzdem ist ihr keiner böse und der Auftritt endet immer in einer herzlichen Umarmung. Sie stellt alle gängigen Werte, die Frauen verinnerlicht haben, auf den Kopf: Sie wohnt allein in einer riesigen Villa, trinkt viel Alkohol, konsumiert Drogen und sagt freimütig, dass sie in mehr als achtzig Ländern Lover hatte. Sie mag keinen Ehemann und schon gar keine Kinder, liebt ihre Freunde und ihren Hund Chunk. Und dieser ist in jeder Show mit dabei, wird von den Gästen betätschelt und trottet gutmütig im Studio herum. Man muss ihn einfach mögen. Sie gibt Männern Tipps zum Anziehen und sagt ihnen, was gar nicht geht: Kettchen, V-Ausschnitt, Jogginghose, Flip-Flops, außer man ist schwarz, dann ist alles erlaubt. Am Schluss steht der entkleidete Mann in Unterhose da und schämt sich.

Also sind es diese aufmüpfigen Frauen, die uns den Trend zum Hund einbrachten? Was Handler am Leben mit Hunden so schön findet und immer wieder betont: bedingungslose Liebe, keine dummen Fragen, Ablaufdatum. Dabei blickt sie frechen Blickes und erhobenen Hauptes in die Kamera.

Ja, es tut sich etwas im Frauenland, Altruismus und Bravsein sind von gestern, was heute zählt, ist Freiheit und Genießen und wenn man Handler dabei zusieht, ist man doch beeindruckt.

Well done, denkt man sich, und blickt als normale Frau auf ein anstrengendes Leben mit Beruf und Kindern zurück: „Kids. They are not so great“. Die eigenen ausgenommen.

©a.achilles 2016

Viva verdi

Schloss Hof: 1. Juli 2016

Jeder braucht Rituale. Seit einigen Jahren besuche ich zu Schulschluss Schloss Hof, in dem alljährlich die Philharmonie Marchfeld unter der Dirigentin Bettina Schmitt gastiert. Diesmal freute ich mich besonders, da Verdi gespielt wurde und schönes Wetter angesagt war.

Allein das Ambiete ist die Reise wert. Ein barockes Schlossgebäude, die Außenflächen ausladend und blitzsauber. Voller Ehrfurcht tritt man ein und fühlt unmittelbar das barocke Lebensgefühl, die Lust am Leben und Genießen. Bevor die Soirée beginnt, kann man im Garten wandeln und nach Bratislawa hinüberschauen. Gemäß der Schlossfarbe sind dieses Jahr die Blumen in strahlendes Gelb getaucht. Dann bewegt sich das festlich in Tracht gekleidete Landpublikum in den Arkadenhof hinein, wo die Sonne noch die Dächer berührt. Die Orchestermitglieder treten aus den Arkaden heraus und die Dirigentin eilt auf die Bühne und erhebt den Stab. Es ist ein schönes Programm, das sie zusammengestellt hat: Beginnend mit der Ouverture zu „La forza del destino“ über das Vorspiel zum 1. Akt aus „La Traviata“ bis hin zum krönenden Triumphmarsch aus „Aida“.  Das Orchester harmoniert, jeder Ton sitzt. Luisa Albrechtova erfüllt mit ihrem Sopran den ganzen Hof und Thomas Juha zeichnet sich durch einen schönen Tenor aus, wenn es ihm auch noch etwas an Bühnensicherheit fehlt.

Da den meisten Zuhörern wie mir ein profundes Opernwissen fehlt, begleitet uns Thomas Dänemark durch den Abend und klärt uns mit geschliffenenen Worten über die Zusammenhänge auf.

Der Abend bleibt warm, die Melodien gehen ins Herz und das schon ältere Pärchen vor mir lässt sich von der Musik so bezaubern, dass es während des Spiels immer wieder Küsschen austauscht und sanft mit den Melodien mitschwingt, ihr Kopf an seine Schulter geschmiegt. Die Beobachterin ist etwas befremdet, so sehr sitzen ihr die Wiener Musikvereinsbesucher im Nacken.

Es gibt starken Applaus, mehrere Zugaben und ein rundum glückliches Publikum.

Die nächste Möglichkeit, Bettina Schmitt und die Marchfelder Philharmonie auf Schloss Hof erleben zu können, ist am 11. September, dann lautet das Motto „In Vino Veritas“, Weinverkostung inkludiert. Mein Ritual zum Schulanfang. Ich freue mich darauf.

©a.achilles 2016

Der Herr Karl als Puppentheater

Der Herr Karl (Regie: Simon Meusburger)

Burgtheater: 24. 6. 2016

Was ich an Wien liebe: Ich gehe ins Theater, anschließend ins Kaffeehaus, um dort den gerade gefeierten Star ein kleines Eis löffeln zu sehen. Gerade hat Nikolaus Habjan als Herr Karl das Publikum nebenan zum Kreischen gebracht, bei Störungen uns freche Kommentare von der Bühne entgegengeschleudert, und nun wundere ich mich, wie unscheinbar er mit Short, weißem T-Shirt und zerzauster Frisur vor mir sitzt.

Dabei muss man ehrlich sein: Ein Qualtinger ist er nicht, aber seine drei  Klappmaulpuppen kann er zum Leben erwecken, dass man den Spieler dahinter ganz vergisst. Jede Geste sitzt, jeder Satz wird so gesprochen, dass die Welt des Herrn Karl aufersteht und einem beim Zuschauen das Gruseln kommt.

Wie kann ein Mensch so niederträchtig, gemein und selbstzufrieden sein? Auch wenn der Charakter des Herrn Karl stark überzeichnet ist und seiner Zeit entspringt, glaubt man ihm und fürchtet sich vor ihm. Die Personifikation des widerlichen Mitläufers zeigt sich durch die Aufteilung auf drei Puppen besonders gut. Wir erleben seinen Opportunismus, wenn er für jeweils 5 Schilling für die gerade angesagte Partei demonstriert. Wir verachten seinen Umgang mit Frauen, die er bezirzt, um sie auszunutzen und zu verraten. Und natürlich ist und bleibt er immer das Opfer und weiß es sich bestens in den politisch bewegten Zeiten zu richten. Der Herr Karl führt uns vor Augen, wohin einfache Antworten und Dummheit leiten: zu Selbstüberschätzung und Barbarei.

Dem Puppenspieler Habjan sei Dank, kein anderer hätte diesen Klassiker besser in unsere Zeit übersetzen können. Die Fratzengesichter könnte kein Schauspieler mimen, zu authentisch sprechen und handeln sie. Nikolaus Habjan bewegt sich ruhig von Puppe zu Puppe, haucht ihnen Leben ein, lässt sie rauchen, trinken und schimpfen, um sie nach ihrem Part wieder an den Haken zu hängen und stimmlich zu strangulieren. Besser kann man den Herrn Karl und seine Botschaft an das heutige Österreich nicht auf die Bühne bringen.

Und im Landmann lässt man dann den lauen Sommerabend mit einem Spritzer ausklingen, am Nebentisch ein schüchtern wirkender sehr junger Mann. Wie dankbar ist man, dass alles nur ein böses Spiel war.

© a.achilles 2016

Vor der Morgenröte. Stefan Zweig in Amerika (Regie: Maria Schrader)

20 Juni 2016, Weltflüchtlingstag

Was macht einen Film über Stefans Zweigs Exil in Südamerika so interessant? Er spricht an, was jederzeit passieren kann: Die Heimat verlassen zu müssen, weil die politische Situation und das Überleben es erfordern. Stefan Zweig hat das Exil nicht überlebt, er kehrt nicht mehr in sein luxuriöses Haus nach Salzburg zurück. 1942 vergiftet er sich mit seiner Frau Lotte. Die Vorgeschichte zu diesem Freitod erzählt der Film „Vor der Morgenröte“ in Episoden. Er zeigt schwüle Bilder aus Brasilien, bitterkalte aus New York und den brillianten Josef Hader als Stefan Zweig.

Er beginnt mit einer exotischen Blumentafel, die anlässlich eines Empfanges für den weltberühmten Dichter vorbereitet wird. Als Zweig den Raum betritt, merkt man, wie verloren und einsam er sich hier fühlt. Aber er möchte Freunden aus Europa helfen, die sich mit verzweifelten Briefen an ihn wenden, um dem sicheren Tod zu entkommen. Er selbst sieht sich als Schriftsteller, der strikt Kunst und Politik trennen will und sich vorerst weigert, öffentlich gegen den Nationalsozialismus Stellung zu beziehen. Er will als Künstler durch sein Werk wirken und erschöpft sich durch ständige Vortragsreisen in einer ihm fremden Welt. Seine erste Frau Friderike (Barbara Sukowa) versucht ihm in New York seine große Verantwortung für die, die er retten kann, bewusst zu machen. Zurück in Brasilien lässt sich Zweig mit seiner zweiten Frau in Petropolis nieder, das vom Klima her dem Semmering ähnlich ist. Hier schreibt er seine beiden wohl wichtigsten Werke: „Die Schachnovelle“ und „Die Welt von Gestern“. In der „Schachnovelle“ gelingt es Dr. B., sich aus der Einzelhaft in einem Wiener Gestapogefängnis nach Amerika zu retten. Auf dem Schiff wird er wieder von der „Schachvergiftung“ erfasst und verliert beinahe den Verstand, aber er überlebt, Stefan Zweig nicht. Obwohl in Sicherheit, holen ihn die Schatten der Vergangenheit ein und machen ihn mutlos für eine bessere Zukunft.

Josef Hader verkörpert den völlig überforderten und tieftraurigen Stefan Zweig bis in die letzte Faser seines Körpers. Der Film zeigt, dass Flucht und Emigration zwar das Leben retten, die Seele aber schwer in Mitleidenschaft ziehen. Der Sehnsucht nach der alten Welt kann man nicht entkommen, sie bleibt und schlägt tiefe Wunden, wenn man sie untergehen sieht. Sehenswert.

©a.achilles 2016

Der eingebildete Kranke (Regie: Herbert Fritsch)

Burgtheater, 4. 6. 2016

Man ist ja einiges gewöhnt, wenn man in Wien Theatergeherin ist. Meist bekommt man aber Inszenierungen geboten, denen man folgen kann, die so schlüssig sind, dass Zusammenhänge und Beweggründe erfasst werden können. Leider hatte ich das Pech, hintereinander zwei Theatervorstellungen zu sehen, deren Regiekonzept sich mir nicht erschloss.

Die erste Theatervorstellung war „Der Auftrag“ von Heiner Müller, der im Rahmen der Wiener Festwochen im Mai im Theater an der Wien gespielt wurde. Großartige Schauspieler, ein Bühnenbild und Kostüme, die zum Staunen verführen, dazu ein Publikum, das sich auf den Abend freut. Und dann ereignet sich Theater als schlechte Vorleseübung aus dem Off, die Schauspieler, die sich immerhin bewegen dürfen, zu Mundbewegungen verdammt. Die Stimme sollte wohl dem Autor gehören, soweit reicht die Vorstellung. Die Verstörung darüber wuchs mehr und mehr zum Ärgernis an, zur Wut, dass eine so wundervolle Schauspielerin wie Corinna Harfouch dies mitmachen muss. Der verhaltene Schlussapplaus galt nur ihr.

Das zweite Stück sah ich gestern Abend an der Burg: „Der eingebildete Kranke“ von Moliere. Wiederum viel Vorfreude, extravangante Farben und Kostüme, noch dazu von meinen Lieblingsschauspielern getragen: Joachim Meyerhoff als Argan, Markus Meyer als sein Dienstmädchen und Dorothee Hartinger als Angelique. Kopfschütteln und Unverständnis von Anfang an: Warum dieses Herumgezapple, auf den Boden werfen, Brücke und Spagat machen, wildes Tanzen, Stimme verstellen, schnell Reden bis zur Pause hin? Obwohl ich mir den teuersten Sitzplatz gegönnt hatte, ging viel Text in der Sport- und Stimmakrobatik unter. Sollte man nichts verstehen? Wollte man zeigen, dass Burgschauspieler besonders konditionsstark und gedehnt sind? Wenn ja, warum? Nach der Pause waren sie verständlicherweise so erschöpft, dass sie nur mehr spielen konnten. Und das können Meyerhoff und Meyer wirklich, blitzschnell sausen jetzt die Wörter hin und her, man kann sich entspannen, lachen und an der hohen Schauspielkunst teilhaben. Dann passt es auch, wenn Meyer zwischendurch Flamenco tanzt und Meyerhoff die meiste Zeit seinen Hintern dem Klistier entgegenstreckt, Hauptsache man versteht.

© a.achilles 2016

She`s Beautiful When She`s Angry

Es war einmal eine Revolution, nicht die Französische, sondern eine, die von Frauen gemacht wurde. Wir befinden uns in den USA der 60er Jahre, als die Menschen aufbegehrten gegen Rassendiskriminierung und Vietnam. Viele Frauen nahmen an diesen Bürgerrechtsbewegungen teil, sie klebten Briefmarken, die Männer eroberten Rednerpulte und Titelseiten. Dabei gab es auch für die Frauen einiges zu tun: ein altes Rollenbild verändern, sich gleichen Lohn erstreiten, Vergewaltigung als Strafbestand in die Köpfe der Richter implantieren, das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper einzufordern, lustvolle Sexualität mit wem auch immer. Von den Männern mild belächelt oder angefeindet, fanden sie sich in Frauengruppen zusammen, um diese Forderungen umzusetzen. Sie heckten freche Aktionen aus, forderten die Institutionen und Mächtigen heraus. Wer sie waren und was sie sich trauten, zeigt die Dokumentation „She is beautiful when she is angry“.

Um gegen die allgegenwärtige sexuelle Belästigung vorzugehen, drehten sie den Spieß um und machten mit viel Witz die Männer der Wall Street an. Sie stürmten mit Transparenten bewaffnet die Vorlesung eines Professors, der seinen Studentinnen nicht zugestand, dass sie gute Anwältinnen werden. Sie protestierten gegen die Wahl der Miss Amerika und schmückten die Freiheitsstatue mit dem Transparent „Frauen der Welt vereinigt euch“. Diese Aktionen brachten der Bewegung weltweit Aufmerksamkeit.

In den Frauengruppen wurden Erfahrungen ausgetauscht und Vaginas erforscht. Und sie mussten erkennen, dass sie wenig über sich und ihren Körper wussten. So sammelten sie das Wissen und Können vieler und verarbeiteten es in Büchern. „Our Bodies, Ourselves“ hat inzwischen seinen Weg in fast jedes Land unseres Planeten gefunden. Um die Frauen nicht bei illegalen Schwangerschaftsabbrüchen sterben zu lassen, fanden sie Mittel, die Verzweifelten Hilfe boten. Vieles, was heute selbstverständlich ist, wurde in dieser Zeit erkämpft: Frauen in Spitzenpositionen, Kinderbetreuung, das Recht auf Abtreibung, eine erfüllte Sexualität, die rechtliche Gleichstellung zwischen Frau und Mann, der Mut sich als Lesbe zu outen. Und man hört es auch bei uns immer öfter, dass junge Paare sich Hausarbeit und Kinderbetreuung gerecht teilen. In den sechziger Jahren war man davon noch Welten entfernt.

Wie der Film zeigt, gab es auch viele Schwierigkeiten, Richtungsstreitigkeiten zwischen den einzelnen Gruppen, Machtkämpfe um Einfluss und Bedeutung einzelner Frauen. Der Frauenbewegung konnten diese nicht ihre weltweite Wirkung nehmen. Als sich 1970 über 50 000 Menschen zu einer Demonstration in New York versammelten, ehrte man nicht nur die mutigen Frauen der ersten Frauenbewegung, die das Frauenwahlrecht erstritten hatten, sondern konnte auch miterleben, wie die Ideen der radikalen Feministinnen bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen waren.

Für viele junge Frauen, die die Früchte dieser Vorreiterinnen heute ernten, ist der Film eine wärmste Empfehlung. Wie immer ein Aufruf: Teilen Sie Ihre Erlebnisse mit und machen Sie anderen Mut.

She`s Beautiful When She`s Angry

©a.achilles 2016

DISPLACED – Vordere Zollamtsstraße 7

DISPLACED – Vordere Zollamtsstraße 7, 1030 Wien

Was gibt es in dem größten Flüchtlingsheim Österreichs zu sehen, das in Spitzenzeiten bis zu 1500 Refugees Aufnahme gewährt hat?

Was tun mit 90 0000 Menschen, die im letzten Jahr ihren Weg zu uns gefunden haben? Sie aus Flugzeugen ins Meer werfen, auf Almen bzw. in Hinterhöfen am Land verstecken?

Es gibt Alternativen: Menschen, die ihnen beim Einleben helfen und uns Hoffnung geben, wie es zu schaffen ist.

Was ich bei meinem Besuch im Flüchtlingsheim Vordere Zollamtsstraße 7 gelernt habe:

  • Nehmen Sie zwei hochkompetente Arabisch und Farsi sprechende junge Frauen vom Roten Kreuz, die langjährige Auslandserfahrung haben, Sitten und Gebräuche der Ankommenden kennen und übertragen Sie ihnen die Leitung des Hauses. Es werden Strukturen aufgebaut werden, die Sicherheit, Ordnung und ein friedliches Miteinander garantieren. Alle Eingänge werden von freundlich aussehenden Menschen besetzt sein, immer Mann und Frau in grauen Erkennungsjacken, die streng kontrollieren, wer womit das Haus betritt und zudem abwechselnd als Patrouillen im Haus unterwegs sind. Es gelten klare Regeln, welches Verhalten man erwartet, kleinste Verstöße (siehe Taubenfüttern) werden bestraft.FullSizeRender(3)
  • Laden Sie eine Architekturlehrveranstaltung ein, in diesem Fall das TU-Projekt „Displaced – space for change“. Ursprünglich als Festivalgebäude geplant, wurde das leerstehende Gebäude in der Zollamtsstraße im Zuge der Ereignisse zum Aufnahmequartier umfunktioniert, zunächst waren die verwaisten Büros mit nichts als blauen Feldbetten und Decken vom Roten Kreuz ausgestattet. Das reicht zum Schlafen, zu mehr nicht. Die Studenten schufen mit wenig Mitteln Kommunikations- und Beschäftigungsräume, die Sinn und Abwechslung in den deprimierenden Flüchtlingsalltag bringen. Ein leuchtendes, farbenfrohes Vintage-Cafe, eine gemütliche Bibliothek, eine Werkstatt zum innoativen Möbelbauen aus Resten wurden eröffnet, Nähmaschinen zum Ausbessern und Neuschneidern angeschafft, zum Deutschlernen Räume mit Tischen, Bänken und einer Tafel bestückt und eine pensionierte Kindergärtnerin von Kindern gefunden, die jetzt ein Spielzeugparadies zur Verfügung haben. Für das Kleiderlager im Keller zimmerte man gemeinsam Regale, schneiderte knallige Vorhänge als Umkleidekabinen und bepflanzte den grauen Innenhof. Diese „kleinen räumlichen Interventionen“, manchmal nur ein Nagel, machen einen großen Unterschied aus und zurecht wurde dieses Uni-Projekt Anfang Mai mit dem Preis „Sozialmarie 2016″ ausgezeichnet.

Viele namenlose Menschen zeigen in Österreich ihre Solidarität und Menschlichkeit. Machen Sie die Projekte bekannt und schicken Sie die Botschaft ins Land hinaus!

http://displaced.at/wp/

©a.achilles 2016