Eine Frauenfreundschaft

Ferrante: Reife und Alter

Wenn man sich bis zum vierten Teil der Neapolitanischen Saga (insgesamt 2200 Seiten) vorgearbeitet hat, kann man zuerst einmal mit dem Titel gar nichts anfangen. Und das Ereignis, von dem er berichtet, findet so unmittelbar und aus dem Nichts statt, dass der Schrecken bleibt.

Seit meiner Reise vor einigen Jahren in das berühmt-berüchtigte Neapel lese ich an den Büchern von Elena Ferrante. Jedes Jahr tauche ich wieder ein in das dichte Beziehungsgeflecht im Armenviertel Rione, aber vor allem in die lebenslange Freundschaft zwischen den zwei ungleichen Freundinnen Elena Greco und Raffaela (Lila) Cerullo.

Darum geht es vor allem in den vier Büchern von Elena Ferrante und natürlich um den Alltag in diesem von Gewalt und Armut geprägten Viertel.

Im vierten Band „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ hat Elena bereits studiert und es ist ihr gelungen, aus Neapel wegzuziehen. Auch hat sie mit der Hilfe der Familie ihres Bräutigams bereits ein Buch veröffentlicht, das sie in jungen Jahren berühmt gemacht hat. Sie wird in die Wirren der 68er Generation hineingezogen, hat Freunde, die später den radikalen Weg einschlagen werden. Erst einmal ist sie aber glücklich mit Pietro, einem jungen Universitätsprofessor aus einflussreichem Haus, den sie nur auf dem Standesamt heiratet, was einen großen Aufruhr bei ihrer katholischen Familie in Neapel verursacht.  Obwohl sie sich vornimmt, nicht schwanger zu werden, steht sie bald mit zwei kleinen Kindern da, die ihr jegliche Kraft und Energie für ein weiteres Schreiben nehmen. Sie wird immer unzufriedener und da braucht es nur den Besuch ihrer Jugendliebe Nino, um sich aus der häuslichen Enge zu befreien. Sie kehrt mit ihren beiden Töchtern nach Neapel zurück und rückt wieder in den Einflussbereich ihrer Jugendfreundin Lila, die inzwischen eine erfolgreiche Unternehmerin geworden ist.

Im vierten Band findet Elena zu ihrer Berufung zurück und sie wird eine gefeierte und überall gern gebuchte Schriftstellerin. Sie reist viel, kämpft aber immer wieder mit ihren starken Schuldgefühlen, zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Töchter zu haben. Nach der stürmischen Zeit mit Nino, der sich nicht von seiner reichen Frau trennen will, findet sich Elena nach einiger Zeit in einem Haus mit Lila wieder, die weiterhin mehr oder weniger boshaft ihr Leben kommentiert und dirigiert. Was ist es, das die kluge und erfolgreiche Elena immer wieder zurück zu Lila treibt? Ist es ihre gemeinsame Kindheit, ist es die Persönlichkeit Lilas, die sich von nichts und niemandem etwas sagen lassen will? Die stets ihre Unabhänigkeit zu bewahren versucht und recht bald auch nach der Macht im Rione strebt? Eine Frau, die sich scheinbar nicht unterkriegen lässt? Die stets mehr zu wissen scheint als Elena, der oft der Weitblick fehlt, die lange Zeit völlig in ihre Gefühle zu Männern verstrickt ist? Die Freundschaft der beiden ist von tiefer Verbundenheit, aber auch von großer Eifersucht und  Konkurrenz geprägt. Lila wird für ihre Unabhängigkeit und Widerborstigkeit einen hohen Preis zu zahlen haben, auch weil sie, obwohl hochintelligent und schon als kleines Mädchen als Geschichtenschreiberin tätig, keine Ausbildung absolvieren darf und sich dadurch nicht aus den Fängen und der Gewalt des Armenviertels befreien kann. Elena wird dies immer wieder gelingen.

Der vierte Teil schließt den Reigen von der Kindheit bis ins Alter ab und stellt zugleich die politische und private Situation dieser beiden Frauen in den letzten 60 Jahren exemplarisch dar. Kein leichtes Unterfangen, aber Elena Ferrante erzählt die Geschichte so leicht und doch so tiefgründig, dass man sich noch viele weitere Bücher wünschte. Gleich morgen mit dem ersten Band „Meine geniale Freundin“ beginnen, denn man erfährt am Beginn, was mit Lila passiert.

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 2

Wie geht es Menschen in Zeiten wie diesen, die Anteil nehmen an der großen und der kleinen Welt? An Amerika, Großbritannien, Deutschland und auch daran, was in Österreich derzeit passiert? Was, wenn die politischen Zustände immer verworrener und unsicherer werden. Was, wenn immer mehr Schüler die Leistung verweigern und sich in die Welt des Rausches und des Freizeitvergnügens begeben? Was, wenn auch hierzulande immer mehr Frauen ermordet werden? Was, wenn der Novemberblues über einen hängt und die auswandernde Tochter traurige Träume zurücklässt?

Dann ist es Zeit, den Mühen der Ebene selbst zu entfliehen und die Welt der Bücher aufzusuchen. So geschehen letzten Mittwoch, ein Tag, der so voller Anstrengung ist, dass abends nur mehr Netflix Zufluchtsstätte sein kann. Mir war wie immer von einer meiner Freundinnen ein Buch empfohlen worden, das ich unbedingt lesen müsste. „Neujahr“, geschrieben von Juli Zeh, über deren „Unterleuten“ ich ja schon an früherer Stelle nicht ganz so enthusiastisch berichtet habe.

Auch in diesem Roman befindet sich der Protagonist in einer Krise. Kleine Kinder, die ihn unentwegt fordern, eine Frau, die fünfzig – fünfzig möchte, eine Schwester, die den Boden unter den Füßen nicht findet, Schwiegereltern, die mit dem eigenen Leben im schönen Rom beschäftigt sein wollen. Der Job drückt ihn nieder, weil eine halbe Stelle nicht gleich halbe Arbeit bedeutet und er als Lektor sich doch für ein gewisses Maß an Qualität verantwortlich fühlt. Das alles wächst ihm über den Kopf und die Überforderung schreit ihn in Form von Panikattacken schon ganz heftig an. Also beschließt er samt Familie zu Weihnachten nach Lanzarote zu fliegen, um dort in sommerlichen Gefilden dem kalttrüben Deutschland zu entkommen. Ja, es gefällt ihm dort, die Leute (Briten, Franzosen) sind nett, man feiert ausgelassen in einem Hotel, kann jedoch wegen der Kinder nicht allzu lange bleiben. Der einzige Wermutstropfen ist, dass seine hübsche Frau ein bisschen zu viel Zeit mit einem attraktiven Franzosen verbringt und noch dazu wild mit ihm tanzt.

Am Neujahrstag nimmt er sich vor eine Radtour zu unternehmen und keucht mit unheimlicher Kraft- und Willensanstrengung einen Berg hinauf. Je weniger Kraft er hat, verstärkt dadurch, dass er nichts zu essen und zu trinken hat, desto mehr öffnet sich ein Abgrund, der ihn zu seinen Ängsten und Beschädigungen führt.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt befindet man sich auf dem Sozius und begleitet ihn in ein Haus, wo die Geschichte ihren Anfang hat.

„Neujahr“ ist so spannend erzählt, dass man hineingezogen wird in einen Strudel von Bildern, die das Schöne und das Abgründige unserer Existenz zeigen. Und wenn man das erkannt und durchlebt hat, tut es wohl, in die Gegenwart zurückzukehren und das Gute zu sehen, das einem das Leben zugeteilt hat. Kinder, die man über alles liebt, Menschen, die es gut meinen und eine Natur, die einem den Atem rauben kann.

Auch unser Held kann sich befreien von der Schuld, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Man ist nicht für jedermann und alles verantwortlich, das ist die versöhnliche Botschaft des Romans.

Tschick – ein Roman, der unter die Haut geht

Dies ist eine Rezension von Elena Janic, die unseren Wettbewerb zum Thema Jugendbuch gewonnen hat. Herzliche Gratulation!

Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, zwei vierzehnjährige Jungen, welche unterschiedlicher nicht sein könnten, begeben sich in einem alten Lada auf eine Reise voller Gefahren und Abenteuer, bewältigen gemeinsam Hindernisse, lernen neue Menschen kennen, werden durch Probleme zusammengeschweißt und schließen dadurch eine tiefgehende Freundschaft.

Beide Protagonisten kommen aus vernachlässigten Elternhäusern und suchen verzweifelt nach sich selbst: Tschick, der russische Wurzeln hat, im Ghetto lebt und asozial ist, kompensiert dies mit täglichem Konsum von Alkohol. Er kommt mitten im Schuljahr in Maiks Klasse, ist nicht sehr gesprächig und erscheint täglich betrunken im Unterricht. Nüchtern ist dieser jedoch hochbegabt und schreibt gute Noten. Maik, der zwar im Überfluss geboren und aufgewachsen ist, jedoch von seinen Eltern komplett im Stich gelassen wird, in der Schule gemobbt und als Psycho bezeichnet wird, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Seine Introvertiertheit und sein Mangel an Selbstbewusstsein halten ihn ebenfalls davon ab, Tatjana, einem Mädchen, auf das er schon seit Jahren heimlich steht, seine Gefühle zu offenbaren oder in irgendeiner Art mit ihr zu kommunizieren. Da er aber weiß, dass diese bald Geburtstag hat, fertigt er in mühevoller und stundenlanger Arbeit eine Zeichnung ihrer Lieblingssängerin an und plant, sie auf ihrer Geburtstagsparty damit zu überraschen. Als jedoch alle außer ihm und Tschick eine Einladung erhalten, zerreißt er die Arbeit. Nachfolgend fährt seine Mutter in die Entzugsklinik und sein Vater auf Geschäftsreise mit seiner zwanzig Jahre alten Assistentin. Er lässt Maik 200 Euro da und informiert ihn, dass er die restlichen zwei Wochen alleine verbringen wird. Emotional völlig am Boden verbringt dieser den Rest des Tages im Garten, bis Tschick in einem alten Lada in der Auffahrt auftaucht und ihn dazu auffordert einzusteigen. In diesem Moment beginnt die Geschichte erst richtig und nimmt zügig an Fahrt auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Der schrottreife Lada droht jeden Moment in sich zusammenzubrechen und bietet kaum genug Platz für die beiden Jugendlichen noch für ihr Gepäck. Doch weder dies noch die brütende Hitze hält die beiden Vierzehnjährigen davon ab, sich ins Ungewisse zu begeben. Auf ihrer Reise begegnen sie nicht nur sehr schrägen, sondern auch freundlichen und hilfsbereiten Menschen, welche das Weltbild der Jugendlichen auf den Kopf stellen beziehungsweise  komplett ändern. Sie landen in den abgelegendsten Teilen Deutschlands und reisen über kaum mehr begehbare Feldwege. Ständig auf der Flucht vor der Polizei und anderen, die sie als Kinder entlarven könnten.

Die Coming-of-Age-Road-Novel handelt jedoch nicht nur von Abenteuern der beiden, sondern thematisiert auch ernste Themen, wie zum Beispiel: Drogen, Sex, Kriminalität, ein schlechtes familiäres Umfeld und weitere. Wie vorher schon erwähnt, stammt Tschick aus einem zerrütteten Elternhaus, weshalb auch beschrieben wird, wie der Jugendliche mit dieser Situation umgeht und sich in Folge dessen verhält. Wie man also sieht, ist dies kein gewöhnlicher Jugendroman, sondern eine lehrreiche Lektüre für das zukünftige Leben. Oftmals war ich während des Lesens auch zu Tränen gerührt, woran das traurige Schicksal des Autors, Wolfgang Herrndorf, nicht ganz unbeteiligt ist. Bei diesem wurde nämlich in jungen Jahren ein Hirntumor diagnostiziert, woraufhin er sich selbst das Leben genommen hat. Doch ist der Roman nicht nur traurig, sondern auch originell und vergnüglich und ich war etliche Male zutiefst amüsiert. „Tschick“ ist eine Roadnovel für jedermanns Geschmack und ein echtes Lesevergnügen, welches ich vollstens empfehlen kann.

Über mich

Mein Name ist Elena Janic und ich besuche derzeit die fünfte Klasse einer AHS in Wien. Ich bin leidenschaftliche Leserin und schreibe in meiner Freizeit sehr gerne. Zwar habe ich schon viele Schreibprojekte gestartet, manche auch beendet, aber noch nie etwas veröffentlicht, was ich in der nächsten Zeit aber unbedingt ändern will. Meine Leidenschaft gegenüber dem Lesen habe ich schon in jungen Jahren durch Harry Potter und die Tintenwelt-Triologie entwickelt, welche in den folgenden Jahren durch weitere fantastische Bücher noch gesteigert wurde.

Trevor Noah Superstar

Kennen Sie Trevor Noah? Wenn nicht, dann ist es Zeit, ihn kennenzulernen. Seit einigen Jahren ist er Gastgeber der „Daily Show“ und überzeugt täglich durch messerscharfen Witz und Intellekt. Er tingelt als Stand-up-Comedian durch die ganze Welt, füllt riesige Hallen und nichts scheint leichter zu sein, als Witze zu erzählen. Er plaudert vor einem riesigen Publikum und alles stimmt: Die Körpersprache, die Geschichten, die so wirken, als fielen sie ihm spontan ein, immer wirkt er authentisch und ist zudem ein begnadeter Stimmenimitator. Er ist mit Barack Obama zu vergleichen, der von Anfang an voller Leidenschaft ins Rampenlicht trat und so die Massen mitreißen konnte. Nun also der junge Südafrikaner Trevor Noah: Was hat ihn so erfolgreich werden lassen? Eine gute Schule, eine einzigartige Begabung? Von Obama wissen wir, dass seine Mutter mit großem Einsatz seine Ausbildung vorantrieb. Klein Obama wurde um vier Uhr geweckt und musste bis sieben mit seiner Mutter lernen, die in weiser Voraussicht, dass nur so aus dem fernen Indonesien ein Stipendium in Amerika möglich sei, kein Nachsehen mit seinem Jammern hatte. Mit zehn schafft er es, ein Stipendium an einer renommierten Schule in Hawaii zu bekommen. In seiner Autobiographie „Dreams from My Father“ beschreibt Obama Kindheit und Jugend, den großen Einfluss seiner Mutter auf den Weg, der ihn schließlich nach Kenia führt auf der Suche nach seinem afrikanischen Vater. Nicht weit davon entfernt, in Südafrika, leben zur gleichen Zeit Trevors Mutter, die schwarz ist und sein zukünftiger Vater, ein Schweizer Geschäftsmann, nebeneinander in einem Wohnblock. Sie will ein Kind von einem Weißen, gerade deswegen, weil dies während der Apartheit strengstens verboten war. Trevor wird geboren, er darf sich mit seinem Vater nicht öffentlich zeigen, seine Mutter muss einige Schritte hinter ihm gehen, um als Kindermädchen durchzugehen. In Soweto darf er nicht aus dem Haus, weil seine Großmutter befürchtet, dass er gestohlen werde. In der Schule wird er das Problem haben, nicht zu wissen, wohin er gehört, zu den Weißen, den Farbigen oder den Schwarzen. Und da die Mutter bitterarm ist, gesellt er sich immer zu letzterer Gruppe. In seiner Autobiographie „Born a Crime“ beschreibt er, wie es war, in einem Südafrika aufzuwachsen, das kurz davor ist, von Nelson Mandela befreit zu werden, aber noch lange an der blutigen Vergangenheit zu leiden hat. Wie schwer es für ihn war, als Jugendlicher in einer Umgebung aufzuwachsen, wo Armut und Gewalt allgegenwärtig waren. Wegen seiner Armut kann er nicht Fuß fassen in der Welt der Weißen und wählt Freunde, die mit illegalen Geschäften (Raubkopien, Handel mit Diebesgut) ums Überleben kämpfen. „Born a Crime“ bezieht sich nicht nur auf seine illegale Geburt, sondern auch auf die Zeit in den Townships, in denen die Trennung zwischen Gut und Böse verschwommen war. Ständig besteht die Gefahr erschossen zu werden, einmal wirft die Mutter ihren Sohn aus dem fahrenden Auto, weil sie sich in Todesgefahr befinden. Auch die Mutter verprügelt ihn immer wieder „aus Liebe“ und sie heiratet schließlich einen gewalttätigen Mechaniker, der ihr und Trevor nach dem Leben trachtet. Damit endet das Buch. Aber Trevor hat bereits erste Erfolge und verdient genug Geld, um sich aus dem Sumpf von Verbrechen und Gewalt zu winden. Er hat eine einzigartige Begabung, die ihm eine Alternative bietet.

Sieht man ihm bei seiner Abendshow zu, ist man fasziniert, wie leicht und unbeschwert er wirkt. Mandela, den er immer wieder parodiert, hätte sicherlich seine Freude an diesem jungen Mann aus der Heimat. Sein „langer Weg zur Freiheit“ führt hin zu Trevor Noah, der die Schmerzen der Apartheit in Comedy verwandeln kann.

Apropos: Einmal ist Trevor Noah hinter der Bühne zufällig in Barack Obama gerannt. Er soll zu ihm gesagt haben: „You are looking cute, Mr. President!“

„Born a Crime“ ist auch als Hörbuch ein Bestseller und Trevor Noahs Auftritte können in großer Anzahl im Netz gefunden werden.

Selbstmord? 13 Gründe, warum du Unrecht hast, Hannah Baker!

Seit Netflix das recht dürftige Jugendbuch „Thirteen Reasons why“ von Jay Asher als Serie herausgebracht hat, überschlagen sich nicht nur in Österreich die Ereignisse: Lady Gaga hat sie gesehen, sie ist bei Rankings der beliebtesten Serien im Spitzenfeld, Psychotherapeuten forderten ein Verbot und der Stadtschulrat von Wien schickte Anweisungen im Umgang mit der Serie aus. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass Ex-Schülerinnen Briefe nach Hannahs Vorbild verschickt haben, um so ihre Peiniger für ewig in der Hölle schmoren zu lassen. Aber es gibt Alternativen, Hannah Baker und all ihr Rachsüchtigen dieser Welt, die gesünder sind und vor allem ein langes, erfülltes Leben gewährleisten:

13 Gründe, warum du Unrecht hast, Hannah Baker:

  1. Selbstmord ist niemals eine Lösung für Probleme, schon gar nicht als 17-jähriger Teenager, denn so wirst du niemals erfahren, welche schönen Momente das Leben noch für dich bereithält.
  2. Die Schuld für deinen Selbstmord anderen in die Schuhe zu schieben, ist kindisch und böse, denn niemand trägt die Verantwortung dafür, nur du allein.
  3. Zu hoffen, dass du damit die anderen in die Knie zwingst und sie voller Schuldgefühle zurücklässt, ist irrational. Oft wissen sie gar nicht, was sie angerichtet haben, weil du ihnen nichts gesagt hast.
  4. Glaube nicht, dass alle spüren und fühlen können, wie es dir wirklich geht. Wenn man die ganze Zeit Pokerface macht und Wohlmeinende zurückweist, darfst du dich nicht wundern, dass sich niemand mehr in deine Nähe traut.
  5. Wenn man gemobbt und sexuell belästigt wird, hilft es leider nicht, sich hilfesuchend im Raum umzuschauen. Auch hier gilt es, Aktionen zu setzen und Grenzen zu ziehen. Tränen und traurige Blicke reichen nicht aus, Hannah!
  6. Speak up, wenn dich etwas stört oder dir jemand Böses tut, suche dir Verbündete und setze dich zur Wehr!
  7. Schau dich um, es gibt einige in deiner Umgebung, denen du viel bedeutest, deinen Eltern, Clay, der in dich verliebt ist und sicherlich noch den einen oder anderen mehr. Warum nicht Zeit mit Menschen verbringen, die nett zu dir sind und dich wirklich wertschätzen?
  8. Natürlich ist man als weiblicher Teenager über seinen Körper und seine Sexualität sehr verwundbar („best ass“). Es ist spätestens seit Beginn der Frauenbewegung auch schon bekannt, welche Funktion das Erniedrigen von Frauen hat. Anstatt sich mit Kränkungen im Bett zu verkriechen, informiere dich darüber und entwickle mit anderen eine Gegenstrategie. Du wirst sie in deinem Leben als Frau gut gebrauchen können.
  9. Unverständlich ist auch, dass du zwar den Vertrauenslehrer aufsuchst, dir aber nicht helfen lassen willst. Und du, lieber Clay, der du durch die Kassetten an dem Gespräch teilhast, sei nicht so streng mit ihm. Er ist nur ein Lehrer und kein ausgebildeter Psychotherapeut!
  10. Auch in Bezug auf die von dir beobachtete Vergewaltigung kann ich dir nur zurufen: Schau nicht zu und vergrab dich im Schrank, sondern schrei um Hilfe oder veranlasse sie zumindest!
  11. Und zum Unfall mit Todesfolgen: Warum bist du nicht in das nächste Haus gegangen und hast die Polizei benachrichtigt? Stattdessen überlegst du stundenlang, ob du zur Party zurückkehren sollst oder nicht.
  12. Conclusio: Mit deinem Rachefeldzug bewirkst du gar nichts, sondern ermunterst Mädchen mit ähnlichen Erfahrungen, es dir gleich zu tun. Aber über die Opferrolle sind wir Frauen schon lange hinaus, die Zeiten haben sich geändert!
  13. Hannah Baker und alle Mädchen dieser Welt, die glauben, dass Hannah mit ihrem Opferdasein Recht hat. Nein, hat sie nicht! Es gibt Alternativen, viele, unzählige, aber dafür braucht es Mut und Entschlossenheit: Traut euch, das Unrecht, das euch geschieht, laut auszusprechen, holt euch Hilfe und zeigt euren Peinigern, wo der Hammer hängt.

Gloria Steinem, My life on the Road

Vielen von uns ist sie seit Jahrzehnten bekannt: als attraktive Feministin, Mitbegründerin von Ms und nun auch als unermüdliche Kämpferin für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit in Amerika.

„My Life on the Road“ berichtet, wo diese Reise startet, wer sie begleitet und wohin sie geführt hat. Sieben Gründe, warum Sie dieses Buch unbedingt lesen sollten:

  1. Die Widmung: Als junge Frau auf dem Weg nach Indien hilft ihr ein Londoner Arzt. Diesem widmet sie das Buch. Ohne ihn wäre ihr Leben ein anderes geworden.
  2. Der Vater: Dieser war die meiste Zeit mit seiner Familie auf Amerikas Straßen unterwegs, er lehrte sie Nonkonformität und Unabhängigkeit. Ihre Mutter hatte dafür einen hohen Preis zu zahlen. Dieses Kapitel über ihre Kindheit gibt Auskunft darüber, wie sehr die Sehnsüchte und Ängste der Eltern das Leben der Kinder prägen.
  3. Soziale Bewegungen: 1934 geboren, wächst sie als junge Frau in einem Amerika auf, das vor allem von großer sozialer Ungerechtigkeit geprägt ist. Gegen Frauen im Allgemeinen, gegen Schwarze, gegen Landarbeiter, gegen indigene Völker. Sie ist unmittelbare Zeugin und Aktivistin vieler Bewegungen und durch ihren Bericht bekommt man einen Eindruck, wie schwierig und langwierig es war, die Lebensbedingungen vieler zu verbessern. Heute nur mehr schwer vorzustellen sind die diskriminierenden Arbeitsbedingungen der Stewardessen und Landarbeiter, und wie viele mutige Menschen es gebraucht hat, um diese zu beseitigen.
  4. Frauenrechte: Sie widmet ein Kapitel „(Talking circles“) der wenig bekannten Frauenkonferenz in Houston 1977, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, allen Frauenorganisationen in Amerika Gehör und Stimme zu verleihen. Steinem bezeichnet sie als wichtigsten Wendepunkt in ihrem Leben, beschreibt, wie es dazu gekommen ist und wie bahnbrechend für sie und viele andere Frauen diese Konferenz war.
  5. Das Reisen: Ein anderes Kapitel („Why I don´t drive“) ist ihren vielen Reisen gewidmet, mit Taxis unterwegs zu Flughäfen, deren Fahrer ihr die Lebenssituation der amerikanischen Einwanderer offenbarten. Sie gibt viele Beispiele, warum Reisen zur Identitätsfindung und Vorurteilsbeseitigung beiträgt.
  6. Die Reden: „One big Campus“ erzählt von ihren zahlreichen Reden mit der schwarzen Bürgerrechtskämpferin Florence Kennedy über die Frauenbewegung und wie bedrohlich für manche dieses Gedankengut war.
  7. Politik: Viele Jahrzehnte war sie auch als Wahlhelferin für fortschrittliche amerikanische PolitikerInnen unterwegs, „When the political is personal“ nennt berühmte Namen, die die Zeit bis heute überlebt haben. Das letzte Kapitel „What once was can be again“ widmet sie Wilma Mankiller, einer Schriftstellerin und Feministin, die von 1985 bis 1995 der erste weibliche Häuptling der Cherokee Nation war. Dieses Kapitel porträtiert nicht nur eine beeindruckende Frau, sondern erzählt auch die Geschichte einer tiefen Frauenfreundschaft bis in den Tod.

Gloria Steinems „My Life on the Road“ muss man also gelesen haben. Es komprimiert die wichtigsten politischen Bewegungen und Themen des 20. Jahrhunderts, es erzählt von mutigen Frauen und Männern in Amerika, die ihre Kraft und ihr Leben dem gesellschaftlichen Fortschritt gewidmet haben. Und wir sind dank Steinems Sprachkunst mitten drin im Geschehen.

Claus Peymann liest „Holzfällen“

Peymann war weit in den Siebzigern, als er mich vor einigen Jahren leichten Schrittes die Treppen hinauf in den Hackeschen Höfen überholte und als ich oben ankam, bereits eine Flasche Rotwein geordert hatte. Am Mittwoch las er, nun an die achtzig herangerückt, nicht im Burgtheater, sondern im Stadttheater von Baden aus Thomas Bernhards „Holzfällen“.

Im grauen Anzug, schlank und rank betritt er die Bühne, schwingt das weiße Leinen elegant vom roten Ohrensessel, den er, da es in Österreich so etwas nicht gäbe, extra aus Berlin herkommen habe lassen. Eineinhalb Stunden wird er darin verbringen, immer wieder auf und abrutschend, um von dem künstlerischen Abendessen bei den Auersberger, das zu Ehren des berühmten Burgtheaterstars, der nach der Vorstellung der „Wildente“ dazu stoßen würde, zu berichten. Zu allem Unglück wird dieses Festessen auch in Gedenken einer gemeinsamen Bekannten, die sich erhängt hatte, veranstaltet. Der Ich Erzähler war dem Ehepaar Auersberg nach zwanzigjähriger Enthaltsamkeit auf dem Graben wieder in die Arme gelaufen und habe die Einladung sehr unwillig angenommen. Das Abendessen, das viel zu spät mit einer Erdäpfelsuppe beginnt, endet wie immer mit der völligen Trunkenheit des Gastgebers Auersberg und führt zu einem handfesten Ehestreit. Angeekelt wird dieses völlig misslungene Festessen verlassen und der Erzähler geht von der Gentzgasse durch das nächtliche Wien nachhause.

Peymann ist ein exzellenter Leser, der auch nach eineinhalb Stunden sein großteils älteres Publikum nicht ermüdet. Er lässt Thomas Bernhard auferstehen und so wird man zurückversetzt in eine Zeit, in der Bernhards Menschenkosmos die Österreicher erregte. In der ein Buch von der Gendarmerie aus jeder Buchhandlung geholt wird, weil es durch Gerichtsbeschluss verboten wurde. In eine Zeit, als ein „begabter deutscher Theatermacher“, dem der Erzähler Lorbeeren streut, ans Burgtheater geholt wird und dort einen Skandal nach dem anderen veranstaltet. In eine Zeit, in der Theaterstücke und Bücher bis in die hintersten Dörfer gelangen und an Stammtischen leidenschaftlich diskutiert werden, vor allem der Nestbeschmutzer Thomas Bernhard. Und heute, 30 Jahre später, lacht man bei der Lesung laut auf, erfreut sich an der Sprachkunst Bernhards und wundert sich darüber, dass der ehemalige Staatsfeind so sehr verkannt und doch so sehr erkannt wurde. Dem großartigen Claus Peymann sei dafür Lob und Ehre zuerkannt. Und nicht vergessen: „Meine Preise“ lesen!

Samir, genannt Sam

Er ist der neue Shootingstar der niederländischen Literatur: Mano Bouzamour. In Amsterdam als Sohn marokkanischer Einwanderer aufgewachsenen, erzählt sein Buch „Samir, genannt Sam“, wie es ist, in dem Einwanderungsviertel De Pijp aufzuwachsen.

Die Geschichte endet mit der Matura von Samir, die er an einem Elitegymnasium abschließt. Damit hat er sein Versprechen, das er seinem Bruder gegeben hatte, eingelöst. Durch Begabung, die richtigen Gönner, aber auch Betrug kann er die Schule erfolgreich abschließen.

Was uns Bouzamour in dem stark autobiografisch geprägten Roman erzählt, ist, wie Samir diesen ungewöhnlichen Weg aus dem Ghetto in die Villen der Reichen schafft. Wie sehr sein Aufstieg mit einem verbunden ist: Bildung. Wie wichtig es ist, eine gute Schule zu besuchen, die richtigen Freunde zu haben, deren reiche Eltern ein armes Einwandererkind unterstützen. Wie sehr auch heute noch das Umfeld über Erfolg und Scheitern entscheidet.

Samirs älterem Bruder ist dieser Weg nicht gelungen: Er gerät auf die schiefe Bahn, wie viele andere Söhne der ersten Einwanderergeneration aus dem Viertel, die die Jagd nach dem schnellen Geld ins Gefängnis führt.

Die Eltern dieser Jungen leben schon seit Jahrzehnten im Land, können aber meist weder lesen noch schreiben, viele nicht einmal die Landessprache sprechen. Sie haben ihr marokkanisches Dorf zwar verlassen, nicht aber die Lebensweise von dort. Samir kann weder mit dem Islam noch mit den Werten, die die Eltern einfordern, etwas anfangen. Er will nicht in die Moschee gehen und beten, die lange ausgesuchte Braut heiraten, will sich nicht unterordnen und kuschen wie die Alten es tun. Stattdessen spielt er Klavier, trainiert seine Muskeln, um sich im Viertel Respekt zu verschaffen, geht auf Partys und verführt die reichen blonden Mädchen der Schule.

Er rast mit seiner Vespa zwischen den Welten hin und her, zwischen Luxus und Armut, zerrissen zwischen der Liebe zu seiner Familie und den Verlockungen der Reichen und Schönen. Wohin gehört er? Was muss er aufgeben? Wie wird er einmal leben?

All diese Fragen behandelt das Buch. Nichts wird beschönigt, teilweise beschreibt der Ich-Erzähler die dort herrschende Gewalt und Frauenfeindlichkeit so krass, dass alle bestehenden Ängste vor diesen Jugendlichen weit übertroffen werden. Ja, was in den Vierteln dort heranwächst, kann einem das Fürchten lehren.

Den Roman zeichnet eine bilderreiche Sprache aus, die sich aus großer Unmittelbarkeit und Wut nährt. Man ist mitten drin im multikulturellen Amsterdam und kann gespannt darauf sein, was uns von dort als Nächstes erreicht.

The Girls

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Viele Mädchen, die in den siebziger Jahren erwachsen wurden, hatten einen Sehnsuchtsort: Kalifornien. Dort herrschte Freiheit, dort wurde gefeiert und die alte Gesellschaft über Bord geworfen. Der Roman „The Girls“ von der jungen Autorin Emma Cline zeigt uns einen Sommer lang, was möglich gewesen wäre und in Erinnerung an die Manson-Familie auch tatsächlich passiert ist.

Die 14-jährige Evie Boyd langweilt sich in ihrem schönen Haus in einem noblen Vorort von Los Angeles, das ihre berühmte Großmutter errichtet hat. Ihre frisch geschiedenen Eltern sind in neue Beziehungen verstrickt und sie hat außer einer langweilige Freundin niemanden, der ihr Beachtung schenkt. Dann aber begegnet sie den Girls und wird von der um fünf Jahre älteren Suzanne in den Bann gezogen: Die Mädchen tragen lange Haare, Hippiekleidung, sind dreckig, laut und gefährlich. Sie leben mit ihren Kindern in einem heruntergekommenen Bauernhaus in den Hügeln Kaliforniens mit Russel, einem verkannten Musiker und dem Guru der Gruppe. Sie stehlen, brechen in Häuser ein, nehmen Drogen, haben Sex und verachten die Spießer der bürgerliche Gesellschaft. Genau das ist es, was Evie fasziniert. Sie verfällt Suzanne mehr und mehr und verstrickt sich in die Abgründe menschlichen Handelns, die in eine bestialische Bluttat münden.

Der Roman wird als Rückblende von der bereits in die Jahre gekommenen Evie erzählt. Das ermöglicht uns, dass wir an den lebenslangen Folgen dieses kurzen Sommers 1969 teilhaben können. Wir erleben die kleine Welt der Protagonistin, ihre Sehnsucht nach Liebe, die Gefahren und auch ambivalenten Gefühle, die mit der Pubertät und dem Ausbruch einhergehen. Wir erkennen, wie abhängig Jugendliche von anderen sind, denen sie blind vertrauen. Auch wenn es nur wenige Monate sind, gibt das Buch einen authentischen Einblick in die Hippiezeit, in der alles möglich war und viele in Chaos und Tod gestürzt sind.

Die Atmosphäre der beginnenden siebziger Jahre mit dem Zusammenbruch konservativer Werte und Familienstrukturen wird in eine bilderreiche Sprache umgesetzt. Man befindet sich mitten drin und atmet den heißen Wind ein, der aus der Wüste herüber weht.

Die alte Evie spiegelt sich in einem jungen Mädchen wider, mit dem sie kurz in einem Ferienhaus zusammenlebt. Sie muss erkennen: Vieles und doch wenig hat sich im Leben von jungen Frauen seither geändert.

Amerika

Joachim Meyerhoff ist einer der großen Stars des Burgtheaters. Aber kann dieser großartige Schauspieler auch schreiben? Jahrelang drückte ich mich davor, eines seiner Bücher zu lesen, denn ich wollte nicht enttäuscht werden. Meyerhoff zu lesen sei ein Muss drängte mich eine Freundin und überreichte mir gleich zwei seiner Bücher.

Ich startete mit „Amerika. Alle Toten fliegen hoch“.

Ein junger Mann bereitet sich auf ein Austauschjahr in Amerika vor. Man lernt seine Familie kennen, seine beiden Brüder, seine Freundin und die Kleinstadt in Deutschland, wo er wohnt. Er weiß nicht warum, nur dass er weg will, die Großeltern finanzieren die Reise. Er kommt nicht wie erhofft nach New York oder Los Angeles, sondern nach Laramie, Wyoming. Die Gasteltern Stan und Hazel sind nette Durchschnittsamerikaner, sie haben drei Söhne, von denen nur der jüngste noch zu Hause lebt. Seinem Gastbruder Don wird es gelingen, den Aufenthalt in der Familie empfindlich zu stören.

Der Erzähler lebt sich schnell in das amerikanischen Leben ein, das er als Deutscher aus der Distanz beobachtet: Das Schulleben und dessen Protagonisten, Parties, die in Sexorgien und Zerstörung münden, aber vor allem Basketball mit Coach Carter. Die Aufnahme in das Team ist der Höhepunkt dieses Jahres. Er muss hart trainieren, wird aber kaum in einem Spiel eingesetzt. Dies stört ihn nicht, da er dazu gehört und allein dadurch Ruhm und Ehre erhält. Die meiste Zeit verbringt er mit hartem Training und sein Körper verändert sich. The German, wie er genannt wird, wiegt bei seiner Rückkehr 10 Kilo mehr und ist gänzlich durchtrainiert.

Das Buch hat viel Humor, der dadurch entsteht, dass the american way of life für uns Europäer oft wie eine Parodie eines Unterhaltungsfilms wirkt. Die Bilder, die wir uns von Amerika gemacht haben, werden auf liebevolle Art und Weise bestätigt. Alles scheint irgendwie verrückt zu sein, zu viel, zu dick aufgetragen, wie die hoch aufgetürmten Frisuren und das Make-up der Mädchen. Als der Erzähler die Trainingsmethoden nach seiner Rückkehr auch in Deutschland einsetzen will, um eine Siegesmannschaft zu formen, sind alle entsetzt und schnell weg. Sie wollten doch nur ein bisschen Spaß haben, erklären sie dem Jungcoach, der seinen Kampfgeist rasch aufgibt.