Die Magie der Stille: Caspar David Friedrich und die Natur

Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung

Wer sehnt sich nicht nach unberührter Natur und glasklarer Luft? Nach Stille und Staunen, wenn man durch Wiesen und Schluchten wandert, Berge erklimmt und ganz bei sich sein kann? Den tosenden Alltag hinter sich zu lassen, einen Schritt vor den anderen setzen und von hoch oben hinab ins Tal zu blicken wie der „Wanderer im Nebelmeer“? Fühlt man sich nicht wie Goethes Faust am Ende seines Lebens mit seinem Ausruf „Verweile doch, du bist so schön“?

Caspar David Friedrich hat dieses Erleben auf kongeniale Weise in seinen Bildern eingefangen und Florian Illies hat darüber ein unterhaltsames Buch geschrieben: „Zauber der Stille“.

Wenn Sie Kitsch oder Verherrlichung der Romantik erwarten, werden Sie enttäuscht. Denn Illies zeigt, wie wenig Caspar David Friedrich von seiner Zeit erkannt wurde und bitterarm und verhärmt 1840 starb. Auch Goethe, um dessen Gunst sich der Maler zeitlebens bemühte und dem er immer wieder seine Bilder schickte, ging er mehr und mehr auf die Nerven, laut Aussagen von Zeitgenossen wollte Goethe die Bilder zerschießen oder an der Tischkante zerschlagen, so wahnsinnig machten sie ihn. Er wünschte sich nichts Melancholisches, sondern erhebende Kunst von ihm.

Was heute viele als Anbetung der unberührten Natur deuten und warum Friedrich auch von Klimaktivisten gefeiert wird, schien die Zeitgenossen entsetzlich heruntergezogen zu haben. Nur wenige erkannten Friedrichs Genie und konnten damals Trost und Seelenfrieden aus seinen Landschaften schöpfen. Viele Kritiker bemängelten die fehlende Gottesverehrung und konnten nicht erkennen, dass Friedrich die göttliche Präsenz möglicherweise in der Natur darstellte. Meist versehen mit winzigen, einsamen Rückenmenschen, die in die Landschaft hineinschauen und uns dorthin mitnehmen.

Illies hat sein Buch „Zauber der Stille“ in vier Kapitel eingeteilt, diese nicht chronologisch erzählt, sondern assoziativ, anhand der vier Elemente, denen jeweils ein bekanntes Bild vorangestellt ist:

Feuer

Das erste Kapitel zeigt „Das brennende Neubrandenburg“ (1835/40). Es beinhaltet Geschichten und Anekdoten über Gemälde, die im Lauf der Jahrhunderte durch Feuer zerstört wurden, in seinem Geburtshaus in Greifswald, 1931 beim Brand des Glaspalastes in München oder bei Bombenangriffen im 2. Weltkrieg. Illies verfolgt den Weg zu den wechselnden BesitzerInnen, berichtet von makaberen Diebstählen und mancher wundersamen Wiederauffindung. Ungefähr die Hälfte von Friedrichs Bildern ist so verloren gegangen.

Wasser

Dem zweiten Kapitel ist das bedrohliche Gemälde „Das Eismeer“ (1823/24) vorangestellt. Es beschäftigt sich mit Wasser in all seinen Zuständen. Friedrichs lebenslange Schwermut habe seinen Ursprung in einem kindlichen Trauma gehabt. Es ist als Kind bei übermütigem Spiel durch die Eisdecke gebrochen, wurde von seinem jüngeren Bruder Christoffer gerade noch herausgezogen, bevor dieser im eiskalten Wasser ertrank. Aber der Maler liebte auch das Wasser, viele seiner Bilder von Meer, Häfen und Segelschiffen zeugen von seiner Sehnsucht nach Weite und Aufbruch.

Erde

Das dritte Kapitel beginnt mit seinem wohl berühmtesten Werk: „Kreidefelsen auf Rügen“. Friedrich wanderte viel und gerne, machte unzählige Skizzen von Bäumen und Landschaften, die er dann in seinem abgedunkelten Atelier in Dresden auf die Leinwand brachte. Hier fügte er verschiedene Skizzen von Orten in einem Bild zusammen. Er ist laut Illies „eigentlich ein Konzeptkünstler, auf jeden Fall kein Naturalist“. So entstehen seine Gebirgslandschaften, Hafenbilder, Harz- und Winterlandschaften. Besonders gerne besuchte er Rügen und ist von den Kreidefelsen fasziniert. Und dieses Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ gibt bis heute Rätsel auf, da es lange Zeit als Werk von Carl Blechen gehandelt wurde und im Kinderzimmer der berühmten Fotografin Gisela Freund verbracht hatte. Friedrich hatte seine Gemälde niemals signiert.

Luft

Dem vierten Kapitel ist das Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ vorangestellt.

Hier steht ein staatlicher Mann mit Gehrock und Stock im Mittelpunkt des Bildes, auf der Spitze eines Felsen und sieht in die Nebelschwaden hinab, über ihm ein wolkenverhangener Himmel, aus dem Sonnenlicht dringt. Wenn Friedrich den Himmel malte, so wird seine Frau zitiert, dürfe man ihn nicht stören, „denn wissen Sie, Himmelmalen ist für ihn wie Gottesdienst“. Auch dieses Bild war über hundert Jahre verschollen und tauchte erst 1950 wieder auf, und es gab einige Zweifel, ob es ihm zugeordnet werden könne, da die riesige Rückenfigur untypisch war.

„Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten“ wird Sie dazu verführen, alle dort beschriebenen Bilder betrachten und sich mit dem Menschen und Künstler Caspar David Friedrich näher beschäftigen zu wollen. Es ist leicht zu lesen und sehr kurzweilig, an manchen Stellen salopp („Diese Idioten“ nennt Illies Kritiker von Friedrichs „Mönch am Meer“ und „Keine Angst, komplizierter wird es nicht“).

Wenn Sie Illies nicht alles glauben, was er vielleicht in dichterischer Freiheit aus dem Leben von Capar David Friedrich erzählt, gibt es im Anhang weiterführende Literatur, der Sie sich ausführlich widmen können.

Angela Merkel: Freiheit. Erinnerungen 1954 – 2021

Man hört sie auch in Österreich: die vielen Kritiker an der ersten Frau, die in Deutschland 16 Jahre lang Kanzlerin war. Im Nachhinein haben es alle besser gewusst. „Mutti“, wie sie von manchen abschätzig genannt wurde, zeige wenig Selbstkritik in Bezug auf ihre Zeit als Regierungschefin: beim überstürzten Atomausstieg, bei ihrem Nein eines schnellen NATO-Beitritts der Ukraine und Georgiens, bei ihrer Russland- und Flüchtlingspolitik, vom Versagen für den Klimaschutz und in der Pandemie ganz zu schweigen. Wer fundierte Einblicke in die Person und Politik von Angela Merkel gewinnen möchte, sollte ihr Buch „Freiheit“ lesen, das sie mit ihrer langjährigen Beraterin Beate Bauman verfasst hat: über 700 Seiten lang, in dem sie sich u.a. mit diesen Themen auseinandersetzt und ihre Entscheidungen ausführlich erklärt.

„Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren“


Wer Angela Merkels Kraft und Resilienz verstehen will, erfährt im ersten Drittel des Buches anschaulich über ihre Kindheit, Jugend und die ersten Jahre als Physikerin in der DDR. Und in der Tat, ist dieser Abschnitt von Erfahrungen und Erlebnissen geprägt, die ihrer steilen Karriere im wiedervereinten Deutschland geholfen haben. Als Pfarrerstocher im Waldhof in Templin glücklich aufgewachsen, musste sie einige Benachteiligungen in Kauf nehmen. Sie darf in der Schule nicht am gemeinsamen Mittagessen teilnehmen, nicht auf Freizeiten mitfahren etc. Sie ist fleißig und ehrgeizig, gewinnt Wettbewerbe in Russisch, studiert Physik, promoviert, arbeitet an der Akademie der Wissenschaften, weiß aber, dass sie als kirchlich Gebundene niemals eine Lehrtätigkeit an einer Universität bekommen werde. Um im autoritären System der DDR zu überleben, arrangiert sie sich mit der Macht, ohne ihre Unbekümmertheit zu verlieren. Auch sie wird vom Staatssicherheitsdienst angeworben, sie könne aber nichts für sich behalten, haben ihr ihre Eltern früh eingebläut und sie ist Hausbesetzerin am Prenzlauer Berg nach ihrer Scheidung.

Die Erste: Ich“

Als Angela Merkel 35 Jahre alt ist, kommt der Mauerfall, sie ist jung, tatendurstig und engagiert sich in der Politik, zunächst im Demokratischen Aufbruch und innerhalb eines Jahrzehnts erfolgt ihr steiler Aufstieg in der CDU. Sie ist eine der drei Frauen, die 1991 nach der Wiedervereinigung einen Ministerposten bekommt, zunächst für Frauen und Jugend, 1994 wird sie Umweltministerin, 2000 CDU-Vorsitzende und 2005 Kanzlerkandidatin. Niemand hatte ihr, „Kohls Mädchen“, zugetraut, so viel Macht in einer von Männern dominierten Partei zu erringen. Mit klugen Schachzügen gelingt es ihr, die männlichen Mitbewerber („Andenpakt“) auszuschalten, die sie unterschätzt hatten. Diesen Teil ihrer Erinnerungen zu lesen, ist besonders spannend und gibt Einblicke, wie strategisch und kompromisslos sich Angela Merkel den Weg zu Macht geebnet hatte. Und als sie 2005 die Wahl gewinnt und Bundeskanzlerin wird, hatte der Wahlverlierer nur Verachtung für sie über. Sie erträgt diese mit stoischer Gelassenheit, auch später wird sie den Provokationen mächtiger Männer, seien es Trump, Putin oder andere Alphamänner, nur ein verschmitztes Achselzucken entgegensetzen. Sie hat bei diesen gelernt und setzt ihr Machtstreben auf ihre Art um. Nun selbst Kanzlerin wird sie ein gewichtiges Wort in der Weltpolitik mitreden.

„Deutschland dienen“


Und es sind viele Krisen, die ihre lange Regierungszeit begleiten und unsere Zeit prägen: Afghanistan, Atomkraft, Banken, Euro, Flüchtlinge, Klima, Putin, Trump, Ukraine, um nur einige wenige herauszugreifen. Dieser Abschnitt berichtet von Gipfeln, Staatsbesuchen und von der Zäsur 2015, wie sie es selbst benennt. Ihr Tagesablauf ist streng getaktet, meist hat sie Termine in einem Viertelstundenrhythmus und ist immer sehr gut vorbereitet. Nächtelange Verhandlungen, wenig Schlaf, weitreichendende Entscheidungen treffen, Druck von allen Seiten. Immer ist sie darum bemüht, durch Verhandlungen und Kompromisse ein Ergebnis zu finden. Das Ringen darüber ist nüchtern und ins Detail gehend erzählt und gibt Einblicke in die Hinterzimmer der Mächtigen, auch wenn nicht alles gelingt, wie sie bekennt. Dieser Teil ihrer Erinnerungen kommt nicht an die Brillanz von Obamas Autobiographie heran (siehe meinen Beitrag „A promised Land“).
Wenn dann nach langen Verhandlungsnächten die Nacht in den Tag übergeht und etwas ausverhandelt werden konnte, so wird berichtet, habe sie sich eine Decke gegen die Kälte übergezogen und mit Verbündeten ein Glas Rotwein getrunken, Witze erzählt und andere Politiker gekonnt parodiert. Und als der ukrainische Präsident Zelenskyi 2019 ihr seinen Antrittsbesuch abstattet, wird sie von ihrem ersten Zitteranfall geschüttelt, ein unheilvolles Vorzeichen auf die kommenden Ereignisse in seinem Land.
Auf die oft gestellte Frage, ob Merkel eine Feministin sei, antwortete Alice Schwarzer so: „Ihre ganze Existenz ist Feminismus pur“.
Für die erste Bundeskanzlerin von Deutschland soll es nun rote Rosen regnen.

„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

Ich muss bekennen, dass ich noch nie etwas von Dörte Hansen gehört hatte. Diese Autorin war nicht in meinen Gesichtskreis gekommen. Nun hatte mir aber eine wertschätzende Kollegin dieses Buch mit einer Widmung geschenkt: „Dörte Hansen ist eine meiner liebsten zeitgenössischen Autor:innen. Hoffentlich gefällt sie dir genauso gut wie mir“. Also begann ich das Buch zu lesen und war mehr als hingerissen. Warum?

Es behandelt kein spektakuläres Thema: eine Familien- und Dorfgeschichte in Nordfriesland, über 5 Jahrzehnte hinweg, in der sich der gesellschaftliche und ökonomische Wandel zeigt. Im Bauerndorf Brinkebüll reden in den sechziger Jahren die meisten Bewohner noch Plattdeutsch. Die Männer gehen nach Feierabend in den Gasthof von Sönke Feddersen, hier werden auch die großen Feste von Taufe, Hochzeiten bis zum Leichenschmaus gefeiert. Dort kommt die Dorfgemeinschaft zusammen, um zu feiern und der harten bäuerlichen Arbeit für kurze Zeit zu entfliehen. Sönke, seine Frau Ella und Tochter Marret führen den Gasthof mehr schlecht als recht, viel Arbeit, darüber hinaus ist auch noch ein kleiner Bauernhof zu betreuen: früh ausstehen, Kühe melken, den Tag über Gäste bewirten, am Abend wieder Stallarbeit und Bierausschenken.

Sönke war nach russischer Gefangenschaft im Dezember 1947 heimgekehrt und Ella hatte im Juli 1948 ein Mädchen geboren, was sich rechnerisch für ihn nicht ausgehen konnte. Eine Dreiecksgeschichte wird nach und nach enthüllt und hält bis in den Tod. Tochter Marret singt gerne Schlager im Dorfsaal, sie streunt durch Felder und Fluren, sammelt tote Tiere, Federn, Steine und Blumen, presst die Blätter im Shell-Atlas, zeichnet sie und vermerkt sie in Schönschrift in ihrem DIN-A5-Heft. Sie ist „wunderlich, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas“ und wird mit 17 schwanger, Vater unbekannt. Sie kann sich nicht um ihren Sohn kümmern, so übernehmen ihre Eltern die Erziehung, besonders der Großvater kümmert sich liebevoll um Ingwer. „Minsch warmt Minsch“. Der Junge ist sehr klug und wird von Lehrer Steensen als einer der ganz wenigen auserkoren, aufs Gymnasium zu gehen, um später zu studieren. Er schafft den Aufstieg, wird Prähistoriker an der Uni Kiel, trotzdem fühlt er sich nicht dazugehörig und „wie ein Schwindler mit gefälschter Vita, der nicht da war, wo er hingehörte“. Mit 48 Jahren und in einer Lebenskrise nimmt er sich ein Sabbatjahr, um seine gebrechlichen (Groß)-Eltern zu betreuen und seine Schuld abzutragen. Nicht nur er muss erkennen, dass sich alles im Dorf seit seiner Kindheit geändert hatte, dass die Störche nicht mehr kommen, es keine Tiere mehr gibt und das Baumsterben längst im Gange war.

Dörte Hanssen gelingt es mit ihrem Roman „Mittagstunde“ den Kosmos und die Entwicklung eines kleinen Dorfes atmosphärisch zu schildern. Bald kennt man die Personen, weiß über ihre Geschichten Bescheid und damit verbunden die großen strukturellen Veränderungen. Eine Künstlergruppe mit ihren selbstbewussten Kindern kommt aus Berlin zugezogen und kauft eine alte Mühle, um ein alternatives Leben zu führen. Die jungen Dorfbewohner ziehen weg, weil sie auf dem Land keine Zukunft mehr haben, die herrische Krämerin muss zusehen, wie die Bewohner nur noch im Supermarkt Vergessenes bei ihr kaufen. Die vielen Bauern, die aufgeben, weil sich das Wirtschaften für sie nicht mehr lohnt. Und einige wenige, die mit der Zeit gehen und alle Gründe aufkaufen. Die Flüsse begradigt, die Fluren bereinigt, Ulmen und Kastanien gefällt, um schnellere Straßen zu bauen mit tödlichen Folgen. Und dazwischen die Dorfbewohner, die um ein bisschen Glück ringen, um all den Veränderungen etwas entgegensetzen zu können. Mobilität und die Ökonomisierung der Landwirtschaft haben viele Fortschritte, so auch Kultur ins Dorf gebracht (das laute Trara des Bücherbusses zur Mittagsstunde!), aber auch den sozialen Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft aufgebrochen.

Dörte Hansen erzählt eine Herkunftsgeschichte und den Wandel einer Dorfes mit großer poetischer Kraft („Es war so nebelig, dass sie wie durch nasse Tücher ging, als wäre oben große Wäsche“). Die Zeiten fließen ineinander und auch Ingwer sehnt sich mit 48 Jahren nach Jahrzehnten in einer Wohngemeinschaft nach mehr Verbindlichkeit, nach jemandem, der „mein Mann“ sagt.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Song- oder Schlagertitel und wenn Sie diesen vorab hören, werden Sie eingestimmt in die großen Themen und Sehnsüchte der Dorfbewohner. Und es gibt Hoffnung: eine Line Dance Gruppe, die wie Ingwer den Aufbruch wagt.

Ein Blick hinter die Kulissen des Schreibens

Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben

Wer ein Benedict Wells Fan ist – und ich bin einer, siehe Rezension zu „Hard Land“ – , wartete gespannt auf dieses Buch, das Anfang September in Österreich erschienen ist. Und ich wurde nicht enttäuscht. Und auch Sie werden dieses Buch immer wieder lesen wollen.

Im ersten Teil („Der Weg zum Schreiben“) setzt sich Wells damit auseinander, wie seine Biografie Einfluss auf seinen Weg als Schriftsteller genommen hat. Im zweiten („Über das Schreiben“) beschäftigt er sich mit der Theorie, dieser ist gleichsam eine Anleitung zum Schreiben für junge AutorInnen. Und der dritte Teil („Aus der Werkstatt)“ zeigt konkret anhand von „Hard Land“ und „Vom Ende der Einsamkeit“ verschiedene Überarbeitungen.

„Warum man anfängt“

Einiges aus Wells chaotischer Kindheit ist bekannt – die Mutter bipolar, immer wieder Psychiatrieaufenthalte, der Vater bankrott und überfordert – und so wird er nach der Trennung der Eltern mit 6 Jahren in staatliche Heime verabschiedet. Für ihn ein Segen und doch ein tiefer Schmerz, aus dem sich sein Schreiben nährt. („Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene nicht erzählen konnte“). So berichtet er, dass er sich schon im Alter von sieben Jahren um seine Wäsche kümmern musste. Weder Vater noch Mutter sind in der Lage, für das Kind zu sorgen. Aber er erzählt auch, dass es immer wieder gute Momente innerhalb der Familie gab, Momente der Liebe, Zärtlichkeit und Freude.

Als Kind flüchtet er sich in die Welt der Fantasie und liest viel – „Lesen kann einen retten“. Wells beschreibt sich auch als vorlaut und nicht immer gut in der Schule. Eine literarische Begabung attestiert ihm sein Deutschlehrer nicht, trotzdem beschließt er nach dem Abitur nach Berlin zu gehen, um ein armer Schriftsteller zu werden. Er schreibt die ganze Nacht, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bekommt in dieser Zeit über 400 Absagen von Verlagen. Auch in dunklen Zeiten hält er durch, schickt seine Entwürfe an Freunde und Bekannte, die ihm hartes Feedback geben. Und er ist nicht zimperlich, er erkennt die Schwächen seiner Romanentwürfe und überarbeitet sie unermüdlich. Diese Anstrengung zeigt Früchte und als er 2007 in seinem Lieblingsverlag Diogenes unter Vertrag kommt, ist er erst 23. „Becks letzter Sommer“, 2008 erschienen, wird ein großer Erfolg, „Spinner“ ein Jahr später, diesen Roman hatte Wells mit 19 geschrieben, ein Reinfall. 2016 erscheint „Vom Ende der Einsamkeit“, der Roman wird in 38 Sprachen übersetzt und steht monatelang auf der Beststellerliste. Wells hatte nach eigenen Angaben 7 Jahre daran geschrieben. 2021 kommt „Hard Land“ in die Buchhandlungen, ein Coming- of- Age-Roman, der ihn auch bei SchülerInnen und LehrerInnen bekannt macht. Insgesamt hat der Autor über 2 Millionen Bücher verkauft und gehört zu den Stars unter den jungen deutschsprachigen Literaturschaffenden.  

„Show up to Work“

Im 2. Teil „Über das Schreiben“ zeigt er anhand der Entstehungsgeschichte von „Hard Land“ die vier Phasen seines Schreibprozesses: Vom „Funken“, der auf einer Amerikareise 2008 in einem kleinen Dorf in Missouri entzündet wurde, es folgt „Das Davor“, das eineinhalb Jahre dauert. Er schaut Filme, hört Musik, um in die Atmosphäre der achtziger Jahre einzutauchen, hier kommen seine Figuren zu ihm. Die dritte Phase „Das Aufschreiben“ bedeutet 14 Stunden Schreiben, nach Wells meistens eine Qual, noch kein Lesen und Bewerten, denn „Erste Fassungen sind oft grauenhaft“. Der Schluss „Das Überarbeiten“, ist der längste und wichtigste Teil für ihn, fünf Jahre habe er für „Hard Land“ gebraucht.

„Kill your Darlings“

Und in der Tat: Im dritten Teil „Aus der Werkstatt“ sehen wir anhand verschiedener Überarbeitungsphasen, wie sehr die Geschichten immer mehr an Dichte und Schönheit gewinnen.

Das Buch „Die Geschichten in uns“ zeigt auch die Herangehensweise berühmter AutorInnen ans Schreiben, allen voran Stephen Kings „On Writing“, der über eine Milliarde Bücher verkauft hat. Wie findet man seine Geschichte, wie entwickeln sich Charaktere und Dialoge, was bedeutet guter Stil? Was ist eine gute Story? Hier gibt der Autor viele Beispiele, wie man sein Schreiben verbessern könne, vor allem ist ihm wichtig zu zeigen, wie schwer es selbst für ihn ist, eine wirklich gute, stimmige Geschichte zu schreiben, die funktioniert und glaubwürdig ist.

Sollte man je geglaubt haben, dass Schreiben leicht ist, wird klar, dass es für Wells eine harte, oft frustrierende Arbeit ist. Und auch der erste Satz von „Hard Land“, der mich sofort in das Buch hineinzog, kam ihm erst nach einigen Jahren des Überarbeitens in den Sinn.

Und wie stellt der Autor sein Buch vor?

Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer

Schon der Titel ist sperrig: Man erwartet doch eher das Wort „unsichtbar“? Was es mit der ungewissen Mauer auf sich hat, erfährt man möglicherweise in dem Roman gar nicht. Denn Realität und Fiktion vermischen sich ineinander, die Übergänge verschwimmen wie die Figuren in einem Nebel von Ungewissheiten.

Die Handlung ist rasch zusammengefasst. Ein Siebzehnjähriger ist unsterblich in eine Sechzehnjährige verliebt, die ihm von einer fiktiven Stadt erzählt, in der ihr wahres Ich lebt. Nach einigen Spaziergängen am Fluss einen Sommer lang ist sie plötzlich verschwunden. Der namenlose Erzähler wird diese erste große, unschuldige Liebe niemals vergessen und sich zeitlebens nach ihr sehnen. Er studiert und ist viele Jahre im Buchhandel in Tokyo erfolgreich tätig, hat Liebschaften, bleibt aber ein Einsamer, da er für sich keine Frau findet, die dem jungen Mädchen gleicht.

Eines Tages findet er sich in der Stadt der ungewissen Mauern wieder, wie er dorthin gelangt ist, ist ungewiss, der Torwächter empfängt ihn und verätzt seine Augen, da er nun als Traumleser tätig sein wird. Dort trifft er das junge Mädchen wieder, aber sie erkennt ihn nicht mehr, da er gealtert, sie aber jung geblieben ist. Sie bereitet ihm  täglich einen Tee für seine schmerzenden Augen zu, er darf sie abends nach Hause begleiten, that’s it. Er ist eine raue und trostlose Stadt, die Menschen sind arm, essen nur einmal am Tag und tragen zerschlissene Kleidung, es gibt keine Bücher und kein Zeitempfinden. Die Einzigen, die die Stadt verlassen können, sind die Einhörner, aber die meisten verenden auf schreckliche Weise, wenn es Winter ist. Man muss beim Betreten der Stadt seinen Schatten abgeben, der ab nun von dem Torwächter bewacht wird und langsam stirbt. Dieser bittet den Erzähler flehentlich, die Stadt wieder zu verlassen und in seine alte Welt zurückzukehren, was ihm auf gefährliche Weise auch gelingt. Dort findet er sich aber nicht mehr zurecht, er kündigt seinen Job und bewirbt sich für eine Stelle als Bibliotheksleiter in der kleinen Stadt Z. in der Präfektur Fukushima.

Realität und Fiktion werden hier wieder verwoben, es taucht ein freundlicher Geist auf und ein Junge mit einem gelben Pullover, der eines Tag spurlos verschwindet und den er in der Stadt mit den ungewissen Mauern wiederfindet.

Auch wenn man als Leserin zeitweise den Überblick verlieren und sich fragen könnte, was nun wirklich ist und was nicht, folgt man den Erzählsträngen der beiden Welten und der meditativen Sprache des Romans gerne. Alles fließt letztlich ineinander, ergibt (k)einen Sinn und ist kunstvoll gestaltet.

Man wird sich fragen müssen, wofür dieser Sehnsuchtsort „Die Stadt und ihre ungewissen Mauern“ steht, dem die Figuren im Roman verfallen, der sich dann doch aber als unwirtlicher Ort entpuppt und nicht als Paradies.

Was auffällt ist, dass die männlichen Figuren unter der Kälte und Einsamkeit der Gesellschaft leiden. Sie sind anders und können sich nicht einfinden in dem ständigen Druck, der ihnen von außen auferlegt wird, sie sehnen sich nach Liebe, Erlösung und Zugehörigkeit. Fast alle sind begeisterte Leser und haben von Berufs wegen mit Literatur zu tun. Weibliche Figuren spielen hingegen nur eine Nebenrolle, sie werden begehrt, sie verschwinden, begehen aufgrund widriger Umstände Selbstmord oder haben sich ganz in sich verschlossen.

Murakami schreibt in einem Nachwort, dass der Stoff dieses Romanes eine gleichnamige Kurzgeschichte ist, die er 1980 veröffentlicht hatte. Vierzig Jahre lang sei er damit unzufrieden gewesen, denn er habe als junger Mann noch nicht die schriftstellerischen Fähigkeiten besessen, den Stoff auf künstlerische Weise zu bewältigen. Erst in der Zeit der Pandemie, als er drei Jahre lang fast gänzlich zurückgezogen in seinem Haus lebte, konnte er die Geschichte in eine für ihn passende Form bringen. Dass Realität und Fiktion so sehr ineinandergreifen, könnte ein Hinweis darauf sein, wie sehr die Welt damals aus den Fugen geraten ist und die Grenzen zwischen innen und außen verschwommen sind. Die Einsamkeit der Menschen ist nie so sehr ins Auge gerückt, wie damals, eine ungewisse Mauer, als man glaubte in einem Traum zu leben, der aber erschreckende Realität war.

Wie Murakami es ausdrückt: „Die Wahrheit liegt nicht im unveränderlichen Stillstand, sondern im steten Wandel. Das ist das Wesen des Erzählens, wie ich es sehe.“

Bernhard Schlink: Das späte Leben

Wenn man Schlinks „Der Vorleser“, seinen wohl berühmtesten Roman aus dem Jahre 1996 gelesen hat, der von der ersten großen Liebe eines Jugendlichen zu einer viel älteren Frau handelt, fragt man sich, welches Thema der Autor in seinem neuen Roman „Das späte Leben“ aufgreifen würde. So viel sei verraten: Er handelt von einer letzten großen Liebe eines alten Mannes zu einer 30 Jahren jüngeren Frau und ihrem gemeinsamen Kind.

Martin, ein 76 Jahre alter emeritierter Jura-Professor, erfährt, dass er nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. Bauchspeicheldrüsenkrebs: Wie die verbleibende Zeit mit dieser Diagnose verbringen? Sein Leben so wie bisher leben, das Kind vom Kindergarten abholen, kochen, mit dem Jungen spielen, warten, dass die Frau, eine erfolgreiche Malerin, am Abend nachhause kommt, um ihr nun sagen zu müssen, dass er nur noch einige wenige gute Wochen haben werde. Wie wird sie darauf reagieren? Sie, die eine kühle und pragmatische Frau ist, nimmt ihn in die Arme und weint ein bisschen. Trotzdem wird sie zunächst nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit ihrem Mann widmen, er findet auch heraus, warum. Um den sechsjährigen Sohn David etwas zu hinterlassen, trägt sie ihm auf, ein Video zu drehen, um ihm etwas mitzugeben zum Beispiel, wie man sich rasiert, sie hatte das  einmal in einem Film gesehen. Er gesteht sich ein, dass er das nicht könne und schreibt ihm Briefe, die seinem Sohn seine Werte und Auffassungen darlegen sollen. Sie handeln von Glauben, Gerechtigkeit, Arbeit, von der Liebe und dem Tod.

Überhaupt gibt es nun zu entscheiden, was er in den wenigen Wochen noch tun kann, wen er treffen oder welches Buch er noch lesen will. Von wem er sich verabschieden und was er noch ausrichten könne angesichts der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt. So schrumpfen seine Verbindlichkeiten und Möglichkeiten immer mehr zusammen und letztendlich will er nur noch mit seiner Frau und seinem Sohn eine gute Zeit verbringen, ihnen seine Liebe schenken, in der Hoffnung, sich dadurch in ihren Erinnerungen zu verankern: Essen und ins Kino gehen, seinem Sohn zeigen, wie ein Komposthaufen gebaut wird, gemeinsam ein Bild für die Mutter malen, wandern gehen und Staudämme bauen, ans Meer fahren und im Liegestuhl sitzen und David beim Spielen mit Freunden zuzuschauen, ein Bild, das in Erinnerung geblieben ist aus Viscontis Verfilmung von „Der Tod von Venedig“. Sich auf das Wesentliche konzentrieren, manches noch sagen und tun, wovon man glaubte, man hätte noch Jahre Zeit dafür.

Neben all der Wehmut und dem Verlustschmerz treten Konflikte mit seiner Frau auf, sie öffnet ihm die Augen so kurz vor seinem Tod, besonders über seine Lebenslügen und Schatten. Fragen, wie hatte er genug geliebt, beschäftigen ihn und er versucht eine ehrliche Antwort darauf zu finden. Haben die gemeinsamen 6 Jahre mit seinem Sohn ausgereicht, ihm zu geben, was er selbst vermisst hatte? „David sollte lieben und sich lieben lassen, ohne sich abzustrampeln und Dornenhecken zu überwinden und bei allem Abstrampeln unsicher sein, ob er gut genug war.“

Wenn im „Vorleser“ die Zukunft für Michael Berg nach der ersten großen Liebe noch offen ist, ist sie für Martin Brehm in „Das späte Leben“ nur noch Vergangenheit. Angesichts des Todes, der ihm schon fest im Nacken sitzt, muss Martin sich quälenden Fragen stellen. Hatte er sein Leben so gelebt, „dass es sich, wann immer einen der Tod trifft“ erfüllt hat? Wie seine Antworten darauf ausfallen, lesen Sie in dem berührenden und altersmilden Roman von Bernhard Schlink.

Eines sei nun doch noch verraten: Ein schlechtes Vorbild für ein geglücktes Leben ist der Held von „Das späte Leben“ nicht.

Blue Skies (T. C. Boyle)

Wenn man sich gerade im kühlen Salzkammergut mit seinen gemäßigten Temperaturen aufhält, wo die Nächte und der Schatten noch kühl sind, die Wiesen grün, wo das Wasser die Felsen herabrieselt und die Seen fast noch zu kalt zum Schwimmen sind, dann glaubt man sich in einem Paradies auf Erden. Dieses haben längst auch Investoren entdeckt und so entstanden in den letzten Jahren überall High-End-Lodges mit stolzen Preisen pro Übernachtung, die viel Schönheit und Luxus versprechen. Hier scheint die Welt in Ordnung, der Klimawandel macht sich insofern bemerkbar, dass im Sommer sehr oft die Sonne scheint, der Grimming keinen Schnee hat und es nicht mehr wochenlang durchregnet wie in früheren Zeiten.

Ein anderes Bild der Welt malt T. C. Boyle in seinem viel besprochenen Roman „Blue Skies“, einem Klimaroman oder auch „Cli-Fi“ genannt. Hier ist nichts mehr in Ordnung und am Beispiel einer amerikanischen Durchschnittfamilie wird drastisch gezeigt, was der Welt in nicht allzu langer Zeit passieren könnte: Ein Teil der Familie Cullen (Vater Frank, Mutter Ottilie und Sohn Cooper) lebt im heißen Kalifornien, das mehr und mehr austrocknet und von Missernten bedroht ist. Cooper, der als Entomologe in einem Institut arbeitet und das Artensterben im Feld hautnah erlebt, hat in seinem missionarischen Eifer die Mutter davon überzeugt, eine Heuschreckenzucht zu beginnen, um Heuschrecken- und Mehlwürmerrezepte ihren Gästen unterzujubeln. Am Beginn des Romans schwimmt sie jeden Morgen in ihrem Pool, um sich abzukühlen, glücklich darüber, einen Pool zu besitzen. Die Heuschreckenzucht misslingt, auch die Bienen, die der Sohn herbeischafft, liegen eines Morgens tot am Boden, bald sterben aus unerfindlichen Gründen alle Insekten. Das Wasser wird immer knapper, die Körperpflege muss auf einmal in der Woche reduziert werden, die ausbreitenden Waldbrände bedrohen Besitz, Leben und die Nahrungsmittel der Einwohner.

Tochter Cat hingegen lebt mit ihrem Barcadi-Mann Cooper in einem Strandhaus in Florida und möchte Influencerin werden. Um ihre Chancen zu erhöhen, legt sie sich eine Schlange zum Ausgehen und Posieren zu. Diese wird ein Eigenleben entwickeln und viel Unglück über Cat bringen. Vom Sunshine State kann nicht mehr gesprochen werden, denn es regnet die meiste Zeit und das Meer holt sich zurück, was der Mensch ihm abgerungen hat. Überschwemmungen machen das Autofahren unmöglich, Termiten befallen die Pfähle, die Beziehung zwischen Cooper und Cat wird auf die Probe gestellt, denn die Natur schlägt zurück und zeigt sich in ihrer bedrohlichsten Form.

„Blue Skies“ geht unter die Haut, nährt Ängste und will zu einer Verhaltensänderung aufrufen. Aber wie reagieren die Boyl’schen Figuren auf die zunehmende Verheerung ihres Lebensraumes, auf Probleme in Beziehungen?  In diesem Familienkosmos gibt für den einzelnen eine Antwort: Alkohol. Dieser spielt eine gravierende Rolle, um mit Freud und Leid umzugehen. Kein Vormittag vergeht, ohne dass Cat ihre Sinnleere nicht in Alkohol ertränkt, sie ist jung und schön, hat einen feschen Mann und ein nobles Strandhaus. Todd muss jedoch von einer Barcadiparty zur nächsten hetzen und so begnügt sie sich, Fotos mit Will I und später mit Willi II zu posten und sich dabei zu betrinken.

Cooper, der eine Zeckenforscherin als Freundin hat, wird von einer Zecke gebissen und nach einer bakteriellen Infektion kann er nur durch einen chirurgischen Eingriff gerettet werden. Auch er verbringt jetzt lieber die Zeit mit Alkohol als mit Feldforschungen, um seine Dissertation zu schreiben. Ottilie, die sich auf ein umweltverträgliches Leben umgestellt hat, kann nicht mehr ein Pensionierungsfest für ihren Mann ausrichten, weil ständig der Strom zur Kühlung des Essens ausfällt und die vielen Klospülungen den Wasservorrat arg limitieren würden. Alle haben der außer Kontrolle geratenen Natur nichts entgegenzusetzen, sondern können sich nur in ihrer Ohnmacht so gut es geht einrichten, um zu überleben.

Gibt es Hoffnung für diese Menschen? Am Schluss sind Mutter und Sohn in einem Reservat auf der Suche nach….?  Ja, sie entdecken etwas. Ob dieser Schwarm von Schmetterlingen Grund zur Hoffnung ist, wird T. C. Boyle vielleicht in seinem nächsten Roman erzählen.

Apropos: Als ich bei meiner Wanderung durch das Koppental in der Schutzhütte einkehrte, wollte der Wirt, dass ich hinunter zur Traun gehe und mir die „Blaue Lagune“ anschaue. Natürlich griff ich in das Wasser. Es war bacherlwarm, kein Fisch soll laut Wirt mehr dort zu sehen sein.

Genießen wir als versöhnlichen Abschluss Willi Nelsons Version von „Blue Skies“.

„Wilderer“ (2022)

O-Töne: Reinhard Kaiser Mühlegger „Wilderer“

„Wenn Sie mich fragen würden, welche Art von Roman „Wilderer“ sei, würde ich Ihnen antworten, ein Liebesroman“, stellte Reinhard Kaiser-Mühlecker lapidar in einem Gespräch mit Katja Gasser bei den O-Tönen im Juli fest. Er, der Landwirt aus Oberösterreich, der schon acht Romane geschrieben hat, wie mehrmals betont wird, war nicht danach gefragt worden. Stattdessen wollte die Interviewerin etwas über den „grausamen Zorn“ erfahren, der aus Jakob, dem Protagonisten, immer wieder hervorbreche. Als Zuhörerin und selbst vom Land stammend interessierte ich mich nun für die Welt des Romans.

Jakob Fischer führt seit seiner Jugend einen Hof, er kämpft gegen Windmühlen an, da sein Vater schon fast alles für verrückte Ideen verkauft hat und die Großmutter das Vermögen, das ihr Mann durch „Judengeld“ erworben, angeblich der rechten Partei gespendet habe. Er schuftet von morgens bis abends, alle seine Versuche den Hof wieder rentabel zu machen, sei es durch Schaf-, Hühner- oder Fischzucht sind gescheitert. Er wird von seinen Mitmenschen wenig geachtet und fühlt sich ausgenutzt. Dann trifft er auf die Künstlerin Katja, die er auf Tinder kennenlernt und die einen Landwirt anziehend findet. Sie wirbt beharrlich um ihn, zieht kurze Zeit später zu ihm, zuerst nur für vierzehn Tage als Praktikantin, lernt schnell und ist Jakob zugetan, hat ein Gespür für den Betrieb und die Menschen vom Land, und macht sich unverzichtbar. Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn. Kurz vor ihrem Tod holt die Großmutter Jakob zu sich und erklärt ihn zu Haupterben. So kann Jakob alles Veräußerte wieder zurückkaufen, baut seinen Hof mit Katjas Ideen zu einem Biobauernhof um und genießt nun im Dorf großes gesellschaftliches Ansehen. Sein Hof wird sogar als „Betrieb des Jahres“ ausgezeichnet. Alles könnte gut gehen, wenn da nicht Katjas Berufung als Künstlerin wäre, die Unfrieden stiftende Schwester und Jakobs Problem mit Gefühlen und diese auszudrücken. Er redet wenig, macht alles lieber mit sich aus und zeigt seine Liebe den Hunden, die zu wildern beginnen und damit seinen „grausamen Zorn“ erwecken.

Ja, es ist eine Liebesgeschichte, aber wer liebt wen? Und was braucht es, um eine Liebe zu leben und auf Dauer zu erhalten? Ist das Wildern, womit wohl gemeint ist, dass die Fesseln der Zivilisation gesprengt werden, wie die Hunde, die wieder zu Raubtieren werden und Rehe zerfleischen, nur von einer dünnen Oberfläche bedeckt? Und wie sehr muss man Angst davor haben? Jakob ist grausam, ja, das stimmt, aber ist er es, weil er aufgrund seiner dysfunktionalen Familie wenig spricht und aufgrund von Erfahrungen äußerst misstrauisch ist, oder sind es archaische Gefühle, die aus ihm herausbrechen? Schon am Anfang des Romans spielt er immer wieder russisches Roulette und man fragt sich, was war so schlimm in seinem Leben, dass er es jederzeit verlieren möchte. Und warum wünscht sich er sich immer wieder einen Krieg herbei?

Er liebt Katja aufrichtig, so scheint es, kümmert sich liebevoll um seinen Sohn, kann aber keine glaubwürdige Beziehung zu ihnen aufbauen. Sind es Verletzungen von früher, die sein Handeln bestimmen? Er redet und denkt nicht gut über seinen Vater, seine Mutter, beschimpft aufs Übelste seine Schwester mit „diese Schlampe“, „die Schnepfe“, „Halt`s Maul“. Und warum der grausame Umgang mit seinen wildernden Hunden? Was treibt ihn an, was hat ihn zu dem verschlossenen Einzelgänger gemacht, der er ist? Ist es die Landschaft, in der wie Kaiser- Mühlegger in einem Interview sagt, ein Menschenschlag lebe, der es nicht so mit der Fröhlichkeit habe? Wir kommen der Hauptfigur im Roman nicht auf die Schliche, erleben seine Verbundenheit mit Hof, Natur und seinen Tieren, seinen Kampf mit äußeren Mächten, die er nicht beherrschen und zähmen kann. Er fühlt sich allem ausgeliefert und rettet sich in Struktur und Arbeit. Es fehlt ihm die Sprache, um sich in Verbindung zu setzen.

Jakob ist und bleibt ein Rätsel und wenn man den Autor danach fragen würde, würde er vielleicht antworten: „Lesen Sie meine Bücher, dann erfahren Sie mehr über mich“.

Jonathan Franzen: Crossroads (2021)

Crossroads
  1. Der Titel des Romans „Crossroads“ von Jonathan Franzen bezieht sich auf eine kirchliche Jugendorganisation in den siebziger Jahren in einem Vorort von Chicago. „Crossroads“, gegründet von dem charismatischen Rick Ambrose, hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Mitglieder radikal offen und ehrlich miteinander umgehen. Nicht mehr das Wort Gottes steht im Mittelpunkt, sondern Gott soll in der Liebe und Unterstützung zueinander erlebt werden.
  2. Der Titel ist mehrdeutig: Die Familie Hildebrandt, von der der Roman handelt, befindet sich ebenfalls an einem Wende- und Scheidepunkt (Crossroads). Die Hildebrandts wollen gute Menschen gemäß den Lehren des Christentums sein, ehrlich und aufrichtig, und kommen in Bedrängnis mit ihrer unaufgearbeiteten Vergangenheit und den Begierden und Wünschen, die das Leben für sie bereithält.

Die Hildebrands bestehen aus Vater Russ, überzeugter Pazifist, der zweiter Gemeindepfarrer von New Prospect ist und in einer Midlife-Crisis steckt, seiner Frau Marion, die eine frustrierte Hausfrau ist und ihr Leben ändern will und den vier gemeinsamen Kindern: Clem, der bereits auf dem College ist und nun in den Vietnamkrieg ziehen will, seiner siebzehnjährigen Schwester Betty, eine noch unberührte Cheerleaderin, die sich in einen vergebenen Musiker verliebt, dem fünfzehnjährigen hochbegabten Perry, der dealt, um seinen wachsenden Drogenkonsum zu finanzieren und dem 8-jährigen Jay, der kaum zu Wort kommt.  Die Hälfte des Romans spielt an einem einzigen Tag, dem 23. Dezember 1971, einem Tag vor Weihnachten. Von Kapitel zu Kapitel erfährt man aus der Perspektive eines Familienmitgliedes Genaueres über seine Geschichte, welche Konflikte er hat und wie es ihm Familiengefüge geht.

Russ kommt aus einer strengen Mennonitengemeinde, aus der er verstoßen wurde, weil er die „geschiedene“ Marion heiratet, die er nun nicht mehr begehrt, weil sie dick und unattraktiv geworden ist. Es gibt jedoch in der Gemeinde eine junge Witwe, der er den Hof macht, weil er sich nach sexueller Erfüllung sehnt. Seine Frau weiß davon und arbeitet bei ihrer Psychiaterin ihr Jugendtrauma auf, um wieder eine freiere Sicht auf die Möglichkeiten in ihrem Leben zu bekommen. Allen drei Kinder, Clem, Becky und Perry, stehen große Veränderungen bevor, die ihre Zukunft zeichnen werden. Die weiteren 400 Seiten, vor allem Ostern 1972, die Zeit in einem Ferienlager bei den Navajos in Arizona, widmet Franzen den Entwicklungen innerhalb der Familie, im Epilog Ostern 1974 kommen noch einmal alle Familienmitglieder zusammen, weil Russ seine Stelle in New Prospect aufgibt und eine neue antritt.

Die genaue Zeichnung der Charaktere und ihrer Gewissenskonflikte macht das über 800 Seiten lange Buch lesenswert. Mit jedem Kapitel erfährt man mehr über die Figur, erkennt die Spuren, warum sie so geworden ist und das vorgezeichnete Scheitern aufgrund der rigorosen Moralvorstellungen im Kopf und den Möglichkeiten der Zeit. Es wird wenig kommuniziert innerhalb der Familie, jeder ist mit seinen eigenen Träumen und seinen Lügen so sehr beschäftigt, dass es keine Zeit für ein ehrliches Miteinander gibt. So schreitet jeder seinem eigenen Glück bzw. Unglück entgegen.

Jonathan Franzen deckt mit viel Einfühlungsvermögen und Menschkenntnis die Verlogenheit in dieser streng christlichen Gemeinschaft und Familie auf, in der es nicht um Nächstenliebe und Dienen, sondern vor allem um Macht, Egoismus und Betrug geht.  

Der Roman greift viele Themen auf: Vietnam, Indianerreservate, Umweltschutz, Unterprivilegierte, Drogen, Ehe, Frauenemanzipation, Liebe und Hass, Unversöhnlichkeit, Scham und Vergebung, zeigt auf, dass vieles komplexer ist, als man es oberflächlich erahnen würde. Diese streng christliche Familie zeigt in den siebziger Jahren schon gewaltige Risse und da Franzen eine Trilogie mit dem vielversprechenden Titel „Einen Schlüssel zu allen Mythologien“ versprochen hat, ist man neugierig, wie sich die Welt der Hildebrandts und somit die Figuren des Romans weiterentwickeln werden. Man wartet gespannt, welches Leben vor allem die vier Hildebrandtkinder in den weiteren Jahrzehnten erwartet, welche Chancen sie ergreifen und welche Niederlagen sie erleiden.

Franzen hat mit „Crossroads“ ein Sittenbild der siebziger Jahre gezeichnet, das einen in den Bann zieht, da es so weit weg ist und doch so nah. Es lässt die Welt der Siebziger auferstehen, ohne Internet und Handy, mit all seine Chancen und Nöten, der beginnenden Psychologisierung und Wachsamkeit den eigenen Gefühlen und Lebensmöglichkeiten gegenüber. Wie wird die Familie Hildebrand die weiteren Jahrzehnte erleben, welche Themen der Zeit wird Franzen aufgreifen? Um es mit einem Satz zu sagen: Es wird spannend und man freut sich auf die Fortsetzung der maroden Familiengeschichte.

  • 3. Möglichkeit der Deutung des Titels: Bezug nehmend auf den Bluessong „Crossroads“ von Robert Johnson und das Cover des Romans hier die kraftvolle Version von „Cream“ aus dem Jahre 1968, als die Hippies Frieden und Freiheit in die Welt verkündeten.
Cream: Crossroads

„Über Menschen“

Juli Zeh hat schon über viele Themen geschrieben: über Gesundheitsdiktatur („Corpus Delicti“), Kindheitstrauma („Neu Jahr“), Windräder („Unter Leuten“) und nun einen Roman „Über Menschen“. Sie ist immer am Puls der Zeit, also auch an Corona, hier aber als Hintergrundkulisse. Das Buch handelt über Menschen in einem fiktiven Dorf in Brandenburg, Bracken, nicht weit von Unterleuten entfernt, wieder ein Dorf- und möglicherweise der erste Coronaroman im deutschen Sprachraum.

Alles fängt harmlos und überschaubar an. Die 36-jährige Dora, eine erfolgreiche Werbetexterin für nachhaltige Produkte, lebt in einer 80 Quadratmeter Wohnung mit Balkon in Kreuzberg, als die Welt noch fast in Ordnung ist. Sie stammt aus einer guten Familie, der Vater ist ein angesehener Neurologe, der zwischen einer Klinik in Mainz und der Charité hin- und herpendelt, die Mutter früh an Krebs verstorben. Sie hat einen Bruder, der im Aufbau einer eigenen Familie begriffen ist, und nicht viel Zeit hat und Interesse an seiner Schwester zeigt. Sie lebt mit Robert zusammen, einem liberalen Journalisten, der früh die Gefahren von Corona erspürt, Greta verehrt und sich mehr und mehr in Klima- und Umweltschutz verbeißt. Dann muss Dora ins Homeoffice und dafür ist die Wohnung zu klein, zudem ihr Freund es gewohnt ist, über sie alleine zu verfügen. Es bleibt ihr nur die kleine Küche als Arbeitsplatz und um der Enge dort zu entkommen, macht sie sich mit ihrer Hündin, Jochen der Rochen, während des Lockdowns zu langen Spaziergängen auf. Nun gilt sie zuhause als Virenschleuderin und es kommt immer mehr zu Reibereien, zunächst reagiert sie trotzig, flüchtet schließlich aus den Beziehung in ein altes Gutsverwalterhäuschen in Brandenburg. Und nun beginnt die eigentliche Geschichte: Sie macht sich mit großem Eifer daran, das Grundstück zu kultivieren, hat aber weder Wissen noch Mittel dafür. Es könnte für sie nicht trostloser sein: ein leeres, heruntergekommenes Haus, ein Garten, der verwildert ist, kein Auto in der Provinz mit spärlichen öffentlichen Verkehrsmitteln, sodass eine Einkaufstour zum nächsten Shoppingcenter nur mit großer Mühe und Anstrengung zu bewältigen ist. Doch sie hat Glück: ein glatzköpfiger, nicht gut riechender Hüne mit Tattoos erkennt ihre Lage und sammelt sie an der Bushaltestelle samt Hund und Einkaufssäcken auf. Es ist ihr Nachbar, Gote, der sich ihr als Dorfnazi vorstellt und wegen versuchten Todschlags im Gefängnis saß, wie Dora später herausfindet. Zudem hatte er Spaß, Linke zu jagen und zu verprügeln. Einerseits hat sie Angst vor ihm, zumal er einen Schlüssel zu ihrem Haus besitzt und in diesem ein- und ausgeht. Er ist grob, aggressiv und droht ihren Hund umzubringen, sollte dieser sich noch einmal auf über seine Kartoffel hermachen. Andererseits kümmert er sich liebevoll um seine Tochter und die in der Provinz verlorene Dora. Er schenkt ihr Stühle, baut ein Bett für sie, malt aus, stellt eine Palme ins Haus und sorgt dafür, dass ihr Grundstück gerodet wird. Aber er bedroht auch Ausländer und singt beherzt mit seinen Freunden Nazilieder in seinem Garten. Auch die übrigen Dorfbewohner, die sich um Dora kümmern, das Schwulenpaar, das kifft und einen AfD-Aufkleber auf dem Postkasten hat oder Heini, der ihr im Garten hilft, aber ständig rassistische Witze auf Lager hat, irritieren die grün wählende Dora. Wie sie mit diesen Widersprüchen zurechtkommt, erzählt der Roman in weiterer Folge.

Im Roman ist Corona der Katalysator für gesellschaftliche Probleme, die bereits vorher vorhanden waren: Klimawandel, Rechtsextremismus, Einsamkeit, Verschwörungstheorien, Landflucht. Berufliche und persönliche Verhältnisse verändern sich für Dora mit Coroana schlagartig, es drängt ans Licht, was vorher noch verschleiert war. Aber im Dorf haben alle ihr Bündel zu tragen und müssen mit schwierigen Herausforderungen zurechtkommen. Doras Leben gerät aus den Fugen, aber ihre finanzielle und persönliche Krise bringt sie zu mehr Nähe und Verständnis den Menschen im Dorf gegenüber. Widersprüche gilt es auszuhalten, nicht aufzulösen, dies scheint die zentrale Botschaft von „Über Menschen“ zu sein. „Trotz allem liegt da drüben ein Mensch.“

Mag sein, dass manche sagen, dass „Über Menschen“ kein politischer Roman sei und keine Wertung stattfinde. Man muss dem Roman zugutehalten, dass die Figuren und ihre Konflikte lebendig geschildert werden, dass Berührung stattfindet und man sich mittendrin in einem kleinen dörflichen Kosmos befindet, der zeigt, was die deutsche Gesellschaft derzeit auszeichnet und woran sie zu zerreißen droht.