Kriegsende im Ausseerland: Eine Ausstellung im Kammerhofmuseum

Das Kammerhofmuseum widmet sich in einer kleinen Ausstellung dem Kriegende im Ausseerland. Am Donnerstag, dem 8. 5. 2025 war Ausstellungseröffnung mit einem großen Aufgebot an Prominenz und einigen amerikanischen Jeeps aus dem 2. Weltkrieg. Mit dabei verkleidete JIs, die am Vormittag in Tuffeltsham aufgebrochen waren, um die Route des letzten Kampftages des 2. Weltkrieges nachzustellen. Näherte man sich am Abend nichtsahnend dem Kammerhofmuseum, wirkte das recht bedrohlich und einschüchternd.

Am 11. 5. gab es eine ausführliche Führung mit Hans Fuchs, einem der Kuratoren. Diese sei hier kurz zusammengefasst, um einen Einblick in die Ausstellung zu gewinnen.

Geht man die Treppen zur Ausstellung hinauf, erwartet einem ein Soldat in der Originaluniform der US-Army mit „Buckle Boots“. Gleich daneben gibt es eine Schautafel über den Einzug der 3. US-Armee am 3. Mai 1945 in Österreich und deren rasches Vorrücken. Eine Aufklärungseinheit wurde nach Ebensee geschickt, wo sie am 5. Mai das KZ Ebensee befreite. Am 8. Mai um 15:30 traf Major Ralph E. Pearson mit seiner Task Force in Altaussee ein, um die ungarischen Kronjuwelen nach Vöcklabruck ins Hauptquartier der 80. US-Infanteriedivision zu bringen. Es gab zwar keine Kronjuwelen, aber Pearson erfuhr, dass im Bergwerk Kunstwerke aus ganz Europa von unschätzbarem Wert gelagert waren. Das Bergwerk wurde von den Amerikaner bewacht, bis am 16. Mai die „Monument Men“ eintrafen. Das Ausseerland war nun unter amerikanischer Verwaltung.

Die nächsten Schautafeln berichten über die Kunstschätze und deren Sicherung aus dem Bergwerk in Altaussee, über die schon ausführlich in Artikeln, Dokumentationen und Filmen berichtet wurde.

Wir erfahren auch, dass das Auswärtige Amt eine „Ausweichstelle“ in Altaussee hatte, diese war aber lediglich ein „Ein-Mann-Betrieb mit Erich Haas. Der Gesandte sollte sich mit den Vertretern der rumänischen und bulgarischen Exilregierungen in Verbindung setzen, die im Seehotel Quartier bezogen hatten (siehe meinen Beitrag „Verschüttete Milch“ von Barbara Frischmuth).  Haas`Auftrag bestand darin, mit den Politikern spazieren zu gehen und ihre Lage auszuloten. Außenminister Ribbentrop war damals noch der irrigen Überzeugung gewesen, separate Friedenverhandlungen mit den Westmächten führen zu können.

Ein besonderes interessantes Kapitel ist der „Freundesbande“ gewidmet, damit sind Kaltenegger, Eichmann, Höttl und Skorzeny gemeint. Diese vier verband eine „persönliche Freundschaft und politische Zweckgemeinschaft“. Über deren Aufstieg und Gräueltaten im Nationalsozialismus wird kompakt berichtet.

Jedenfalls tauchten die vier nicht zufällig gegen Kriegsende im Ausseerland auf und hofften durch gegenseitige Hilfe ungeschoren davon zu kommen. Der Leiter des Reichsicherhauptamtes Ernst Kaltenbrunner versteckte sich mit seinem Adjutanten und zwei SS-Leuten schwer bewaffnet in der Wildenseehütte im Toten Gebirge. General Matteson konnte ihn am 12. Mai mit 12 GIs und 4 Altausseern dort aufspüren und festnehmen. Er wurde bei den Nürnberger Prozessen schwer von seinem „Freund“ Höttl belastet und zum Tode verurteilt.

Der bei Kaltenbrunner nicht mehr willkommene Adolf Eichmann und seine Vertrauten, darunter der Kommandant des KZ Theresienstadt, Anton Burger, versteckten sich mit unzähligen Kisten mit Goldmünzen, gefälschten Pfundnoten und Dollarscheinen in der Blaa Alm. Eichmann konnte sich durch viele Zufälle immer wieder der Verhaftung entziehen und schaffte es 1950 bis nach Südamerika. Erst 1960 wurde er vom Mossad dort aufgespürt und zwei Jahre später in Jerusalem nach einem öffentlichen Prozess hingerichtet.

SS-Obersturmbandführer Skorzeny hatte sich schon im April mit ungefähr 300 SS-Leuten in die Albrechtshütte im Öderntal zurückgezogen, um dort „abzuwarten“. Am 8. Mai wurde die junge Mitterndorferin Lydia Stadler mit zwei SS-Männern zur Albrechtshütte mit einem Ultimatum geschickt, ansonsten würden die Amerikaner die Stellung bombardieren. Um 14 Uhr ergab sich das Sonderkommando des Alpenschutzkorps, somit war das letzte Kapitel der angeblichen „Alpenfestung“ geschlossen. Noch vor seiner Vernehmung im Nürnberger Prozess gelang Skorzeny die Flucht und er konnte untertauchen.

Obersturmbandführer Höttl, der sich schon früh den Amerikanern angedient hatte und entscheidend zur Auffindung von Eichmann in Südamerika verantwortlich gewesen sein soll, schrieb mehrere Bücher und wurde angesehener Schulgründer in Bad Aussee. Im Nürnberger Prozess wurde er als Zeuge der Anklage freigesprochen. Er erhielt 1995 für seine Verdienste als Schulgründer und Historiker das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark. Nichts erinnert in Bad Aussee an seine grausamen Machenschaften im Dritten Reich.

Die Deutung der Vergangenheit“ nennt exemplarisch einige bekannte Persönlichkeiten, die sich in Büchern und Dokumentationen mit dem Kriegsende auseinandergesetzt haben: Julius Mader, Peter Kammerstätter, Albrecht Gaiswinkler und Rudolf Heinrich Daumann.

In einem danebenliegenden Raum wird noch auf die Ausseer Kulturszene um 1945 und in der Nachkriegszeit eingegangen, vom Kunsthändler Gurlitt über Komponisten, Musikern bis zu den Schauspielern Theo Lingens, Susi Nicoletti und Hans Moser.

Mit dieser kleinen Ausstellung im Kammerhofmuseum ist ein wichtiger Meilenstein zur Aufarbeitung der NS-Zeit im Ausseerland gesetzt, frei von Mythen und Legenden. Weitere Schritte werden in den nächsten Monaten nach Aussagen von Hans Fuchs folgen. Seien wir gespannt, was passieren wird und besuchen Sie unbedingt die Ausstellung „1945. Kriegende am Schauplatz Ausseerland“ im Kammerhofmuseum.

Die Magie der Stille: Caspar David Friedrich und die Natur

Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung

Wer sehnt sich nicht nach unberührter Natur und glasklarer Luft? Nach Stille und Staunen, wenn man durch Wiesen und Schluchten wandert, Berge erklimmt und ganz bei sich sein kann? Den tosenden Alltag hinter sich zu lassen, einen Schritt vor den anderen setzen und von hoch oben hinab ins Tal zu blicken wie der „Wanderer im Nebelmeer“? Fühlt man sich nicht wie Goethes Faust am Ende seines Lebens mit seinem Ausruf „Verweile doch, du bist so schön“?

Caspar David Friedrich hat dieses Erleben auf kongeniale Weise in seinen Bildern eingefangen und Florian Illies hat darüber ein unterhaltsames Buch geschrieben: „Zauber der Stille“.

Wenn Sie Kitsch oder Verherrlichung der Romantik erwarten, werden Sie enttäuscht. Denn Illies zeigt, wie wenig Caspar David Friedrich von seiner Zeit erkannt wurde und bitterarm und verhärmt 1840 starb. Auch Goethe, um dessen Gunst sich der Maler zeitlebens bemühte und dem er immer wieder seine Bilder schickte, ging er mehr und mehr auf die Nerven, laut Aussagen von Zeitgenossen wollte Goethe die Bilder zerschießen oder an der Tischkante zerschlagen, so wahnsinnig machten sie ihn. Er wünschte sich nichts Melancholisches, sondern erhebende Kunst von ihm.

Was heute viele als Anbetung der unberührten Natur deuten und warum Friedrich auch von Klimaktivisten gefeiert wird, schien die Zeitgenossen entsetzlich heruntergezogen zu haben. Nur wenige erkannten Friedrichs Genie und konnten damals Trost und Seelenfrieden aus seinen Landschaften schöpfen. Viele Kritiker bemängelten die fehlende Gottesverehrung und konnten nicht erkennen, dass Friedrich die göttliche Präsenz möglicherweise in der Natur darstellte. Meist versehen mit winzigen, einsamen Rückenmenschen, die in die Landschaft hineinschauen und uns dorthin mitnehmen.

Illies hat sein Buch „Zauber der Stille“ in vier Kapitel eingeteilt, diese nicht chronologisch erzählt, sondern assoziativ, anhand der vier Elemente, denen jeweils ein bekanntes Bild vorangestellt ist:

Feuer

Das erste Kapitel zeigt „Das brennende Neubrandenburg“ (1835/40). Es beinhaltet Geschichten und Anekdoten über Gemälde, die im Lauf der Jahrhunderte durch Feuer zerstört wurden, in seinem Geburtshaus in Greifswald, 1931 beim Brand des Glaspalastes in München oder bei Bombenangriffen im 2. Weltkrieg. Illies verfolgt den Weg zu den wechselnden BesitzerInnen, berichtet von makaberen Diebstählen und mancher wundersamen Wiederauffindung. Ungefähr die Hälfte von Friedrichs Bildern ist so verloren gegangen.

Wasser

Dem zweiten Kapitel ist das bedrohliche Gemälde „Das Eismeer“ (1823/24) vorangestellt. Es beschäftigt sich mit Wasser in all seinen Zuständen. Friedrichs lebenslange Schwermut habe seinen Ursprung in einem kindlichen Trauma gehabt. Es ist als Kind bei übermütigem Spiel durch die Eisdecke gebrochen, wurde von seinem jüngeren Bruder Christoffer gerade noch herausgezogen, bevor dieser im eiskalten Wasser ertrank. Aber der Maler liebte auch das Wasser, viele seiner Bilder von Meer, Häfen und Segelschiffen zeugen von seiner Sehnsucht nach Weite und Aufbruch.

Erde

Das dritte Kapitel beginnt mit seinem wohl berühmtesten Werk: „Kreidefelsen auf Rügen“. Friedrich wanderte viel und gerne, machte unzählige Skizzen von Bäumen und Landschaften, die er dann in seinem abgedunkelten Atelier in Dresden auf die Leinwand brachte. Hier fügte er verschiedene Skizzen von Orten in einem Bild zusammen. Er ist laut Illies „eigentlich ein Konzeptkünstler, auf jeden Fall kein Naturalist“. So entstehen seine Gebirgslandschaften, Hafenbilder, Harz- und Winterlandschaften. Besonders gerne besuchte er Rügen und ist von den Kreidefelsen fasziniert. Und dieses Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ gibt bis heute Rätsel auf, da es lange Zeit als Werk von Carl Blechen gehandelt wurde und im Kinderzimmer der berühmten Fotografin Gisela Freund verbracht hatte. Friedrich hatte seine Gemälde niemals signiert.

Luft

Dem vierten Kapitel ist das Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ vorangestellt.

Hier steht ein staatlicher Mann mit Gehrock und Stock im Mittelpunkt des Bildes, auf der Spitze eines Felsen und sieht in die Nebelschwaden hinab, über ihm ein wolkenverhangener Himmel, aus dem Sonnenlicht dringt. Wenn Friedrich den Himmel malte, so wird seine Frau zitiert, dürfe man ihn nicht stören, „denn wissen Sie, Himmelmalen ist für ihn wie Gottesdienst“. Auch dieses Bild war über hundert Jahre verschollen und tauchte erst 1950 wieder auf, und es gab einige Zweifel, ob es ihm zugeordnet werden könne, da die riesige Rückenfigur untypisch war.

„Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten“ wird Sie dazu verführen, alle dort beschriebenen Bilder betrachten und sich mit dem Menschen und Künstler Caspar David Friedrich näher beschäftigen zu wollen. Es ist leicht zu lesen und sehr kurzweilig, an manchen Stellen salopp („Diese Idioten“ nennt Illies Kritiker von Friedrichs „Mönch am Meer“ und „Keine Angst, komplizierter wird es nicht“).

Wenn Sie Illies nicht alles glauben, was er vielleicht in dichterischer Freiheit aus dem Leben von Capar David Friedrich erzählt, gibt es im Anhang weiterführende Literatur, der Sie sich ausführlich widmen können.

„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

Ich muss bekennen, dass ich noch nie etwas von Dörte Hansen gehört hatte. Diese Autorin war nicht in meinen Gesichtskreis gekommen. Nun hatte mir aber eine wertschätzende Kollegin dieses Buch mit einer Widmung geschenkt: „Dörte Hansen ist eine meiner liebsten zeitgenössischen Autor:innen. Hoffentlich gefällt sie dir genauso gut wie mir“. Also begann ich das Buch zu lesen und war mehr als hingerissen. Warum?

Es behandelt kein spektakuläres Thema: eine Familien- und Dorfgeschichte in Nordfriesland, über 5 Jahrzehnte hinweg, in der sich der gesellschaftliche und ökonomische Wandel zeigt. Im Bauerndorf Brinkebüll reden in den sechziger Jahren die meisten Bewohner noch Plattdeutsch. Die Männer gehen nach Feierabend in den Gasthof von Sönke Feddersen, hier werden auch die großen Feste von Taufe, Hochzeiten bis zum Leichenschmaus gefeiert. Dort kommt die Dorfgemeinschaft zusammen, um zu feiern und der harten bäuerlichen Arbeit für kurze Zeit zu entfliehen. Sönke, seine Frau Ella und Tochter Marret führen den Gasthof mehr schlecht als recht, viel Arbeit, darüber hinaus ist auch noch ein kleiner Bauernhof zu betreuen: früh ausstehen, Kühe melken, den Tag über Gäste bewirten, am Abend wieder Stallarbeit und Bierausschenken.

Sönke war nach russischer Gefangenschaft im Dezember 1947 heimgekehrt und Ella hatte im Juli 1948 ein Mädchen geboren, was sich rechnerisch für ihn nicht ausgehen konnte. Eine Dreiecksgeschichte wird nach und nach enthüllt und hält bis in den Tod. Tochter Marret singt gerne Schlager im Dorfsaal, sie streunt durch Felder und Fluren, sammelt tote Tiere, Federn, Steine und Blumen, presst die Blätter im Shell-Atlas, zeichnet sie und vermerkt sie in Schönschrift in ihrem DIN-A5-Heft. Sie ist „wunderlich, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas“ und wird mit 17 schwanger, Vater unbekannt. Sie kann sich nicht um ihren Sohn kümmern, so übernehmen ihre Eltern die Erziehung, besonders der Großvater kümmert sich liebevoll um Ingwer. „Minsch warmt Minsch“. Der Junge ist sehr klug und wird von Lehrer Steensen als einer der ganz wenigen auserkoren, aufs Gymnasium zu gehen, um später zu studieren. Er schafft den Aufstieg, wird Prähistoriker an der Uni Kiel, trotzdem fühlt er sich nicht dazugehörig und „wie ein Schwindler mit gefälschter Vita, der nicht da war, wo er hingehörte“. Mit 48 Jahren und in einer Lebenskrise nimmt er sich ein Sabbatjahr, um seine gebrechlichen (Groß)-Eltern zu betreuen und seine Schuld abzutragen. Nicht nur er muss erkennen, dass sich alles im Dorf seit seiner Kindheit geändert hatte, dass die Störche nicht mehr kommen, es keine Tiere mehr gibt und das Baumsterben längst im Gange war.

Dörte Hanssen gelingt es mit ihrem Roman „Mittagstunde“ den Kosmos und die Entwicklung eines kleinen Dorfes atmosphärisch zu schildern. Bald kennt man die Personen, weiß über ihre Geschichten Bescheid und damit verbunden die großen strukturellen Veränderungen. Eine Künstlergruppe mit ihren selbstbewussten Kindern kommt aus Berlin zugezogen und kauft eine alte Mühle, um ein alternatives Leben zu führen. Die jungen Dorfbewohner ziehen weg, weil sie auf dem Land keine Zukunft mehr haben, die herrische Krämerin muss zusehen, wie die Bewohner nur noch im Supermarkt Vergessenes bei ihr kaufen. Die vielen Bauern, die aufgeben, weil sich das Wirtschaften für sie nicht mehr lohnt. Und einige wenige, die mit der Zeit gehen und alle Gründe aufkaufen. Die Flüsse begradigt, die Fluren bereinigt, Ulmen und Kastanien gefällt, um schnellere Straßen zu bauen mit tödlichen Folgen. Und dazwischen die Dorfbewohner, die um ein bisschen Glück ringen, um all den Veränderungen etwas entgegensetzen zu können. Mobilität und die Ökonomisierung der Landwirtschaft haben viele Fortschritte, so auch Kultur ins Dorf gebracht (das laute Trara des Bücherbusses zur Mittagsstunde!), aber auch den sozialen Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft aufgebrochen.

Dörte Hansen erzählt eine Herkunftsgeschichte und den Wandel einer Dorfes mit großer poetischer Kraft („Es war so nebelig, dass sie wie durch nasse Tücher ging, als wäre oben große Wäsche“). Die Zeiten fließen ineinander und auch Ingwer sehnt sich mit 48 Jahren nach Jahrzehnten in einer Wohngemeinschaft nach mehr Verbindlichkeit, nach jemandem, der „mein Mann“ sagt.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Song- oder Schlagertitel und wenn Sie diesen vorab hören, werden Sie eingestimmt in die großen Themen und Sehnsüchte der Dorfbewohner. Und es gibt Hoffnung: eine Line Dance Gruppe, die wie Ingwer den Aufbruch wagt.

Salt Lake Cities STOPS and STATIONs

Tauplitz

Markus Moser: Seeyou #2

Als ich zum ersten Mal von dem Ausstellungskonzept „Überwachungskameras“ des Künstlers Markus Moser im Bahnhof Tauplitz hörte, war ich nicht begeistert. Das Thema deprimierte mich, also musste ich allen Mut und neue Kraft für den richtigen Augenblick sammeln. Der war letzten Samstag, nach einer anstrengenden Wanderung. Gleich an der Eingangstür begrüßte mich der Künstler freundlich und stand mir über längere Zeit Rede und Antwort. Die über 40 Kameras aus Eisendraht, hergestellt im Nebenraum in seinem temporären Atelier, verstören tatsächlich. Ein bedrohliches Gefühl entsteht, verstärkt durch die Sound-Installation des Schwenkens und Fokussierens der Kameras. Man fühlt sich gesehen, überwacht und eingeengt. Dies kann sowohl Fluch als auch Segen sein. In Wiens U-Bahnen, auf großen Bahnhöfen, wo sie allgegenwärtig sind, sollen sie den Reisenden Schutz und Sicherheit bieten. In öffentlichen Räumen helfen Überwachungskameras Verbrechen aufzuklären und zu verhindern. Dies ist die große Errungenschaft, die mit den Überwachungskameras vor einigen Jahrzehnten in die Welt gekommen ist.

Anders ist es jedoch, wenn man an Wohnungstüren und Toren vorbeigeht oder sich in privaten Räumen befindet, die mit Kameras ausgestattet sind. Hier wird einem mit Argwohn begegnet und man meidet sie. Wenn eine Kamera im privaten Raum zugegen ist, beobachtet sie, löst Misstrauen und Angst aus. Diese Gefühle vermitteln auch die vielen Kameras im ehemaligen Tauplitzer Fahrdienstleiterraum. Man will von Überwachungskameras beschützt, nicht beobachtet werden.

Bad Aussee

Adriana Torres Topaga: Rufzeichen (!)

Betritt man den Warteraum im Bahnhof von Bad Aussee, um eine Fahrkarte zu lösen, fällt einem gleich die große Glasscheibe auf, die die Besucherin einlädt, den kleinen, länglichen Nebenraum zu betreten. Nicht ganz sicher, ob man hier richtig ist, sieht man gegenüber der Tür eine Wand mit vielen Postings auf die Frage in orangen Lettern: „Was kann ich tun für die Pflege und Erhaltung des Lebens“. Gleich befindet man sich im Dialog mit Unbekannten, die darauf Antworten haben. „Mehr spielen“, „Alle Ängste zum Teufel jagen“, „Prosecco trinken“ und natürlich „Klima schützen“, so ist man aufgerufen, sich selbst Gedanken zu machen, zu bejahen oder zu widersprechen auf Posts wie „Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion des Planeten und Zerstörer von allem“. Auf dem Boden befindet sich eine großräumige bunte Textil-Skulptur, in der nach einigem Suchen das Wort „Leben“ zu erkennen ist. Der Raum lädt zur Auseinandersetzung darüber ein, zum Gespräch mit den Menschen, die ihn betreten.

Judith Lilla Molnar: Trainsition

Blickt man in diesen Raum hinein, sieht man ein Baukonstrukt, das unschwer als Dachgiebel zu dekonstruieren ist. Eine Holztreppe führt einen Stock höher, man glaubt sich auf einem Dachboden, der sich im Ausbau befindet. Beeinflusst von der Bauordnung der achtziger Jahre verweist diese Holzinstallation auf die traditionellen Häuser im Ausseerland und soll den Besuchern „eine neue Perspektive auf diesen Raum und seine Umgebung vermitteln“. Durchbrochen wird dieses Konzept von Verkehrszeichen, die auf den Tourismus, der die Region in den Sommermonaten beherrscht, hinzielen. Denn der Bahnhof Bad Aussee ist einer dieser Übergangsorte, wo Sommerfrischler von allem aus Wien ankommen oder abgeholt werden, meist von Menschen in teuren Trachten.

Hans Ostapenko: ohne Titel

Der Titel des Raumes, den Hans Ostapenko gestaltet hat, ist Programm. Man betritt eine schwarze Rauminstallation, einem Bunker ähnlich, eng, dunkel und verwinkelt, wo überall Gefahr drohen könnte. Der Künstler setzt sich in sehr persönlicher Weise mit dem Krieg in seiner Heimat Ukraine auseinander. Er, der mit Ausflugsschiffen auf den idyllischen Seen im Salzkammergut unterwegs ist, schickt Videobotschaften am Beginn der Residency an seinen Bruder, der als Marinesoldat in einem Patrouillenboot auf dem Dnipro zu sehen ist. An einigen Stellen sind Erinnerungsfotos aufgehängt, die die beiden Brüder in glücklichen Kindheitstagen zeigen. Die Diskrepanz zwischen Krieg und Frieden, einer unbeschwerten Bootsfahrt im Salzkammergut und der tödlicher Gefahr in einem Kriegsgebiet kommt dadurch umso mehr zur Geltung. Sein Bruder gilt seit einiger Zeit als vermisst, jeglicher Kontakt ist zu ihm abgebrochen. Dieser Raum habe ihm, so erfahre ich in einem Beiblatt, seither als emotionaler Rückzugsort gedient, für Trauer und Verzweiflung, die diese Hiobsbotschaft in ihm auslöste, die die Tränen sind allgegenwärtig.

Salt Lake Cities STOPS and STATIONs, “regionale Leerstände als Erlebnisorte und Treffpunkte für Kunst“ sind noch bis 20. 9. 2024 auf der steirischen Seite des Salzkammergutes zu besichtigen. Sie sind eine Reise wert.

Bernhard Schlink: Das späte Leben

Wenn man Schlinks „Der Vorleser“, seinen wohl berühmtesten Roman aus dem Jahre 1996 gelesen hat, der von der ersten großen Liebe eines Jugendlichen zu einer viel älteren Frau handelt, fragt man sich, welches Thema der Autor in seinem neuen Roman „Das späte Leben“ aufgreifen würde. So viel sei verraten: Er handelt von einer letzten großen Liebe eines alten Mannes zu einer 30 Jahren jüngeren Frau und ihrem gemeinsamen Kind.

Martin, ein 76 Jahre alter emeritierter Jura-Professor, erfährt, dass er nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. Bauchspeicheldrüsenkrebs: Wie die verbleibende Zeit mit dieser Diagnose verbringen? Sein Leben so wie bisher leben, das Kind vom Kindergarten abholen, kochen, mit dem Jungen spielen, warten, dass die Frau, eine erfolgreiche Malerin, am Abend nachhause kommt, um ihr nun sagen zu müssen, dass er nur noch einige wenige gute Wochen haben werde. Wie wird sie darauf reagieren? Sie, die eine kühle und pragmatische Frau ist, nimmt ihn in die Arme und weint ein bisschen. Trotzdem wird sie zunächst nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit ihrem Mann widmen, er findet auch heraus, warum. Um den sechsjährigen Sohn David etwas zu hinterlassen, trägt sie ihm auf, ein Video zu drehen, um ihm etwas mitzugeben zum Beispiel, wie man sich rasiert, sie hatte das  einmal in einem Film gesehen. Er gesteht sich ein, dass er das nicht könne und schreibt ihm Briefe, die seinem Sohn seine Werte und Auffassungen darlegen sollen. Sie handeln von Glauben, Gerechtigkeit, Arbeit, von der Liebe und dem Tod.

Überhaupt gibt es nun zu entscheiden, was er in den wenigen Wochen noch tun kann, wen er treffen oder welches Buch er noch lesen will. Von wem er sich verabschieden und was er noch ausrichten könne angesichts der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt. So schrumpfen seine Verbindlichkeiten und Möglichkeiten immer mehr zusammen und letztendlich will er nur noch mit seiner Frau und seinem Sohn eine gute Zeit verbringen, ihnen seine Liebe schenken, in der Hoffnung, sich dadurch in ihren Erinnerungen zu verankern: Essen und ins Kino gehen, seinem Sohn zeigen, wie ein Komposthaufen gebaut wird, gemeinsam ein Bild für die Mutter malen, wandern gehen und Staudämme bauen, ans Meer fahren und im Liegestuhl sitzen und David beim Spielen mit Freunden zuzuschauen, ein Bild, das in Erinnerung geblieben ist aus Viscontis Verfilmung von „Der Tod von Venedig“. Sich auf das Wesentliche konzentrieren, manches noch sagen und tun, wovon man glaubte, man hätte noch Jahre Zeit dafür.

Neben all der Wehmut und dem Verlustschmerz treten Konflikte mit seiner Frau auf, sie öffnet ihm die Augen so kurz vor seinem Tod, besonders über seine Lebenslügen und Schatten. Fragen, wie hatte er genug geliebt, beschäftigen ihn und er versucht eine ehrliche Antwort darauf zu finden. Haben die gemeinsamen 6 Jahre mit seinem Sohn ausgereicht, ihm zu geben, was er selbst vermisst hatte? „David sollte lieben und sich lieben lassen, ohne sich abzustrampeln und Dornenhecken zu überwinden und bei allem Abstrampeln unsicher sein, ob er gut genug war.“

Wenn im „Vorleser“ die Zukunft für Michael Berg nach der ersten großen Liebe noch offen ist, ist sie für Martin Brehm in „Das späte Leben“ nur noch Vergangenheit. Angesichts des Todes, der ihm schon fest im Nacken sitzt, muss Martin sich quälenden Fragen stellen. Hatte er sein Leben so gelebt, „dass es sich, wann immer einen der Tod trifft“ erfüllt hat? Wie seine Antworten darauf ausfallen, lesen Sie in dem berührenden und altersmilden Roman von Bernhard Schlink.

Eines sei nun doch noch verraten: Ein schlechtes Vorbild für ein geglücktes Leben ist der Held von „Das späte Leben“ nicht.

Sehnsucht Ferne

Wer jetzt eine Reise tut, braucht nicht viel auszugeben. Täglich erreichen mich Schnäppchen, die mich auf die AIDA zu einer Mittelmeerkreuzfahrt oder zum Inselhoppen nach Griechenland einladen, alles spottbillig und ab morgen („Heute noch im Büro. Morgen schon an Bord.“). Auch die Malediven reizen mit Sonderangeboten, dass einem Hören und Sehen vergeht. Nur in das Sehnsuchtsland USA besteht ein Einreiseverbot für touristische Zwecke, alle anderen Urlaubsdestinationen buhlen um Gäste. Trotzdem ist man hierzulande noch sehr vorsichtig, und ich kenne nur wenige Mutige, die sich auf nach Griechenland, Kroatien oder Italien zum Strandurlaub machen.

Was ist zu tun, wenn die Risiken zu groß scheinen und man sich im eigenen Land am sichersten fühlt? Um die Sehnsucht nach der Ferne zu stillen, hier ein paar Tipps, die helfen könnten.

Besuchen Sie die Ausstellung „Sehnsucht Ferne. Aufbruch in neue Welten“ auf der Schallaburg. Nicht nur, dass die herausgemauserte Burg samt Restaurant und Park eine Augenweide ist und man auf bunten Liegestühlen überall lange verweilen könnte, auch die Ausstellung leistet einen profunden Beitrag, wenn man über das Reisen nachdenken möchten. Unerlässlich ist, dass man sich durch die zugegebenermaßen wirklich dicht bestückte Ausstellung eine Führung leistet, um den Überblick nicht zu verlieren. Ein sehr kundiger Mann in Trachtenjacke eröffnet einen Ausblick in die Geschichte und Problematik des Reisens, von Fantasien, der mutigen Ida Pfeifer, der der große deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt Rosen streute, er berichtet uns von Österreichs Weltumsegelung, der „Novarra“, der ein breiter Raum in der Ausstellung eingeräumt wird. Man erfährt etwas vom Leben an Bord, sieht ein Seemannsmodell des legendären Schiffes und weiß endlich, wie ein Sextant funktioniert und warum viele Seeleute, nicht nur Piraten, auf einem Auge blind waren. Auch von Alexandra David-Neel wird erzählt, die schon 1911 zu einer Studienreise nach Nepal aufbrach und als Bettelnonne verkleidet Lhasa erreichte, das für Fremde verboten war. Man hat Mitleid mit den drei österreichischen Wissenschaftlern, die 14 Monate im ewigen Eis feststeckten und nur durch Vogeleier nicht verhungerten.  Besonders berührend aber sind die Berichte der österreichischen Himalaya-Expedition 1969, die den Gipfelsturm mit dem Leben bezahlte.

Nicht nur erfolgreiche oder gescheiterte Expeditionen werden vermittelt, sondern auch der Problematik der Entdeckungsfahrten und Eroberungen wird berührt. Müssen die Museen dekolonisiert werden? Darf man Mumien ausstellen? Wer erzählt Geschichte? Kolonisierung oder Völkermord? Ausbeutung und Versklavung vieler außereuropäischer Völker im Namen von Christus? Noch sehr vieles, das den heutigen Diskurs bestimmt, wird angesprochen und soll zum Nachdenken anregen.

Kaufen Sie sich den Ausstellungskatalog „Sehnsucht Ferne. Aufbruch in neue Welten“ der die Ausstellung mit reichem Bild- und Quellenmaterial ergänzt und eine wahre Fundgrube ist, über die „Sehnsucht Ferne 2.0“ anhand von Augenzeugenberichten informiert zu werden. Hier eine kleine Auswahl, die ich Ihnen empfehle.

„WEIT. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“. Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser machten sich 2013 von Freiburg auf, um die Welt ohne Flugzeug zu erkunden, nur zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Autostopp und Schiff. Nach 100 000 Kilometern kehrten sie dreieinhalb Jahre später mit ihrem in Mexiko geborenen Sohn in ihre Heimatstadt zurück. Beide haben ihre Reise in einem Film mit dem obigen Titel festgehalten. Unbedingt sehenswert.

„fernOst: Von Berlin nach Tokio“ (Netflix): Ein vierköpfiges deutsches Reporterteam brach 2013 mit zwei Geländewagen von Berlin auf, um auf dem „Asian Highway“ bis nach Tokyo zu fahren. Die Miniserie führt durch Länder und Gegenden, die man selbst wohl nie erkunden wird können. Sehr spannend und höchst professionell gemacht.

Sollte man nun Lust bekommen haben, etwas zu erleben, kann man sich gleich aufmachen, um Österreich zu durchwandern. Zum Beispiel den Salzkammergut BergeSeenTrail, einen Weitwanderweg, der von einem Ende (Gmunden) zum anderen (Tauplitzalm) des Salzkammerguts führt. Am Sonntag habe ich die zweite Etappe geschafft: insgesamt 18 Kilometer, jetzt bleiben nur noch um die 330. Viele Wanderlustige trifft man heuer nicht, dafür entschädigen der Märchensee (Tauplitz) und liebliche Almhütten (Ödernalm).

Was bleibt von 2020?

Um es gleich vorwegzunehmen: Hier folgt kein Ranking der besten Filme, Serien, Theaterstücke, Bücher von 2020, auch die großen Reisen, die man geplant und versprochen hatte, sind dem Virus zum Opfer gefallen. In der kurzen Zeitspanne, die man für Kultur und Gemeinschaft zur Verfügung hatte, war entweder das Wetter zu schön und man suchte sein Vergnügen auf ausgedehnten Wanderungen in den heimischen Bergen oder man traf sich zu zweit, weil die Angst viele anzustecken einem schon in Mark und Bein gefahren war. Und als dann der Regen und die Finsternis wieder über uns hereinbrachen, die Karten bestellt waren, war man erneut zum Abstandhalten ins Haus verbannt.

Die Handvoll Bücher, die gelesen wurden, lassen sich an zehn Fingern abzählen und nur wenige erschienen einer näheren Auseinandersetzung in Zeiten wie diesen wert zu sein. Die Filme und Serien auf Amazon und Netflix – der letzte Kinobesuch ist gar nicht mehr in Erinnerung – sind verschwommen und haben keinen allzu großen Eindruck hinterlassen. Einzig „Bernadette“ von Richard Linklater, ein Film aus dem Jahr 2019, mit der wundervollen Cate Blanchett als gescheiterte Architektin in der Hauptrolle ist wegen schauspielerischem Können, einem klugen Drehbuch und überzeugender Regie nicht verblasst. Auch die Serie „Wolf Hall“ („Die Wölfe“) über den listigen Thomas Cromwell ist wegen düsterer Bilder über Macht und Intrige geblieben, aber diese Serie stammt aus dem Jahr 2016, als Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde.

Immerhin wurden aber zwei Theateraufführungen besucht, und obwohl ich seit einiger Zeit wegen exzessiver Theaterbesuche über Jahrzehnte hinweg mich quasi in eine Theatervergiftung hineinmanövriert hatte, haben diese zwei Produktionen mir doch wieder einen Weg zurück ins Theater gewiesen. Die erste ist „Romeo und Julia“ bei den Sommerfestspielen in Perchtoldsdorf, das mich nicht so sehr wegen der Schauspieler, sondern vor allem wegen der Kostüme, Musik und Kulisse beeindruckt hat, zudem schien jeden Moment ein Gewitter über die Burgruine hereinzubrechen. Die mit Vorhang, Regen und Sturm kämpfenden Schauspieler gaben schon einen Vorgeschmack auf den unwirtlichen Herbst. Das nächste Highlight dieses Jahres war die Produktion „Stolz und Vorurteil *(*oder so)“ mit Studierenden des Max Reinhardt Seminars im Kasino. Trotz Masken und strikter Abstandsregeln erlebte ich einen Abend, der mich keine Angst mehr haben ließ, dass das Theater nach diesem Ausnahmejahr kraftvoller denn je auferstehen wird.

Auch die Museumsbesuche in Wien waren ein echter Genuss: Anstatt sich mit Tausenden anderen Bildungshungrigen aus aller Herren Länder durch die Ausstellungen treiben zu lassen, war man nun per Timeslot auf eine fast familiäre Gemeinschaft zusammengeschrumpft. Es herrschte eine andächtige Stille, jeder nahm Rücksicht und hielt Abstand. Und ließ man sich von der Gruppe zurückfallen, so konnte es passieren, dass man für lange Zeit voller Staunen alleine vor einem Kunstwerk verweilen konnte.

Der Zeit entsprechend wurde 2020 also nicht mit Kultur verbracht, sondern mit Zeitungen, Nachrichtensendungen und Podcasts. Den sich auch in Österreich verbreitenden Verschwörungswahn konnte man durch das Hören von Coroana-Update auf NDR, das bereits in seine 69 Folge gekommen war, Einhalt gebieten, wenn man selbst bei Verstand und Vernunft bleiben wollte.

Mit Christian Drosten oder Sandra Cisek im Ohr war die Welt wieder durchschaubar und man konnte beruhigt auf den Tag hoffen, an dem auch in Österreich die Impfung beginnt. In diesem Sinne an alle meine Leser und Leserinnen in aller Welt, in den USA, China, Finnland, Deutschland und natürlich Österreich, liebe Weihnachtgrüße aus dem Salzkammergut, wo über Weihnachten einsame Pisten zum Skifahren einladen.

Sommerfrische 2

Welchen Assoziationen folgt man, wenn man diesen Titel liest? Ihn wörtlich nehmen? Er bezieht sich auf das englische Sprichwort: Who cries over spilled milk? Was passiert ist, ist passiert. Es lohnt sich nicht, eine Träne darüber zu vergießen.

Das Hotel, auf das sich der Titel bezieht und in dem die Protagonistin des Romans bis zu ihrem 14. Lebensjahr wohnt, kauft ein englischer Adeliger, und da die Renovierung zu aufwändig ist, wird es Ende der fünfziger Jahre abgerissen. Barbara Frischmuth hat in ihrem Roman „Verschüttete Milch“ ihrem Geburtshaus, „diesem Biotop der absoluten Gegensätze“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die Erinnerung an die frühe Kindheit erschließt sich die erwachsene Juliane über alte Fotos, die ihr in mehreren Schachteln von ihrer Mutter übergeben worden sind. Langsam tauchen durch diese Landschaften, Personen und Tiere aus ihrem Gedächtnis auf. Aber immer wieder zweifelt die Erzählerin an der Zuverlässigkeit des Erinnerns, vieles kann sie auch erst durch Recherche und Nachforschungen in Verbindung bringen. Sie nähert sich einem aufgeweckten, abenteuerlustigen Kind, das in großer Freiheit aufwächst, denn die Mutter hat im Hotel viel zu tun, zunächst von einem liebevollen Hausbesorgerpaar beaufsichtigt, später durch eine Anzahl von Kindermädchen, von denen es wohl in den vierziger und fünfziger Jahren eine große Auswahl gegeben hat. Fast jede Familie im Dorf hat ihr eigenes Kindermädchen, jedes von ihnen übernimmt mit ihrer Anstellung gleichsam auch den sozialen Status innerhalb der Kindermädchenriege. Es ist eine Hoteliersfamilie, in der die Kleine aufwächst. Ihr Vater ist kurz nach ihrer Geburt in Russland gefallen, die Mutter muss mehr recht als schlecht das Hotel weiterführen, streng beäugt vom Besitzer des Stammhauses, dem Opapa der Kleinen, wie er im ersten Teil des Buches genannt wird. Es ist eine schöne Kindheit, die sie hat, die Familie ist groß und kommt gerne zusammen. Einzige Gefahr für sie ist der nahe See und er ist eine tödliche. Nicht nur einmal wäre Juli beinahe ertrunken, hätten sie nicht aufmerksame Tiere bzw. zufällig vorbeikommende Menschen gerettet. Mit den Bildern tauchen auch Menschen aus der Vergangenheit auf, die vom Lauf der Geschichte in die Gegend gespült werden. Tante Hanna ist mit ihren Kindern aus Wien angereist, sie ist im Widerstand gewesen und soll durch ihre Untergrundtätigkeit so manches Leben gerettet haben. Auch nach Kriegsende hilft sie zum Überleben tatkräftig mit, weil sie in der amerikanischen Zone einkaufen kann. Die Mutter, die wenig von der Kriegszeit später erzählen wird, berichtet in einem Interview mit Simon Wiesenthal, dass der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann mit dem gestohlenen Trachtenanzug ihres gefallenen Mannes in die Berge geflohen sei. Viele hochrangige Vertreter des Naziregimes hatten sich im Ort „Urlaub vom Töten“ genommen und in den arisierten Villen auch ihre Familien und Geliebten evakuiert, bevor sie entweder ins Ausland geflohen bzw. hingerichtet worden sind. Und ihr späterer Stiefvater, „Paps“, soll mit Freunden die Amerikaner zu jener Alm geführt haben, auf der sich die Naziverbrecher versteckt hatten. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kommen die ungarischen und rumänischen Faschisten, danach die amerikanischen Besatzer, die im Hotel Alkoholexzesse feiern. Von diesen Menschen hat Juliane viel zu erzählen, interessante Anekdoten, die, wenn sie nicht Leib und Leben bedrohten, zum Schmunzeln einladen. Danach finden die Intellektuellen aus dem Wiener Großbürgertum ihren Weg zurück in „das Dorf im Gebirge“, auch ein gewisser Dr. Abendroth bekommt sein Schloss zurückerstattet, aber erst, nachdem man ihn entmündigt hat. Die Volksschulzeit und die ersten vier Jahre in der Klosterschule sind begleitet vom Niedergang des Hotels, weil das Geld für dringend nötige Reparaturen aufgrund von schlechten Sommersaisonen nicht mehr aufgebracht werden kann. Der Fremdenverkehr ist flügge geworden, die Menschen fahren bei Schlechtwetter nicht mehr ins Salzkammergut, sondern in den sonnigen Süden.

Der Roman zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass er die Kriegs- und Nachkriegswelt genau beschreibt und auch viele dialektale Ausdrücke samt Übersetzungen in die Erinnerung einwebt: „Und des gfreit die dena ubarsch!“ (Und das freut dich wohl ungemein! S. 207) Er zeigt aber vor allem auf, dass dieser Ort, an dem Juliane aufwächst, ein Ort war, an dem „Heil und Unheil Tisch an Tisch zu Sommerfrische saßen (und wohl noch immer sitzen“ S. 8).

Sommerfrische 2020: Literarischer Spaziergang durch Altaussee

Derzeit ist das Ausseerland mit seinen prachtvollen kalten Seen wieder einmal hoch im Kurs. Menschen- und Autokolonnen durchziehen das Land, noch niemals sah man so viele Familien und Paare die Wanderwege entlangmarschieren und die Badeseen bevölkern, die Einheimischen können zufrieden sein, denn der Rubel rollt wieder. Gab es früher ein reichhaltiges Kulturprogramm im Sommer, musste dieses aufgrund der gefährlichen Zeitumstände abgesagt werden. Was bleibt sind Yoga- und Pilateskurse, Rücken – und Faszientraining, Yonga und Kort.X-Gehirntraining, Platzkonzerte, Themenwanderungen, Vollmondfahrten und Führungen im Freien.

An einer nahm ich teil: einem Spaziergang durch das Literaturdorf Altaussee. Der Andrang war nicht allzu groß, wir waren zu zweit. So sahen wir schon von unserem Ausgangspunkt das Haus der Familie Brandauer, eigentlich das der früh verstorbenen Regisseurin Karin Brandauer („Abschied von Sidonie“)  – der weltberühmte Schauspieler Klaus Maria hatte den Namen seiner Frau angenommen –  noch immer ein Friseurladen. Dann links abgebogen an der verschlafenen Sommeresidenz ehemaliger Adeliger vorbei, die Straße hinunter zum See, wo uns der Maler Horst K. Jandl in sein Haus hineinbittet. Hier soll Friedrich Torberg gerne Gast gewesen sein und seinen „Schüler Gerber“ geschrieben haben. Der stolze Hausherr zeigte uns bereitwillig seine Kunstkammer, sogar ein echter Binzer war im Stiegenhaus zu bewundern.

Weiter ging es zur Grenadieranlage, in der uns die Geschichte des Bergbaus und seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg vermittelt wurde. Gegenüber erstreckt sich das imposante Vivamayr, das wie immer ziemlich leer wirkte, aber der Schein könnte trügen, denn hier sollen nicht wenige Berühmtheiten Auszeit nehmen und zu neuer Gesundheit und Schönheit finden.

Gerade an diesem Ort passierte Folgendes: Meine Mitstreiterin aus Kapfenberg, Bettina, erkundigte sich, ob hier das Hotel der Frischmuths gestanden habe, der zentrale Mittelpunkt von „Verschüttete Milch“, das sie gelesen hatte. Ja, hier sei die Dependance des Hotels am See gewesen, bestätigte unsere Führerin. Man selbst kann sich noch gut an eine ziemlich verwilderte Villa in Ausseer Stil erinnern, die in den letzten Jahren durch Luxusappartements ersetzt worden ist. Diese konnte aber nicht das Geburtshaus der Dichterin gewesen sein, wie ich später im Roman erfahren werde, da das Hotel in den fünfziger Jahren abgerissen worden war. Auf der Seepromenade kommen uns zwei arg zitternde Mädchen in Badeanzügen entgegen, an der Schiffsanlegestelle liegt noch verlassen Österreichs erstes Solarschiff und wartet auf Gäste.

Österreichs erstes  Solarschiff
Österreichs erstes Solarschiff

Von hier aus werden uns am gegenüberliegenden Hang stilvolle Häuser und Sommerresidenzen gezeigt, samt der Namen ihrer Besitzer, bevor wir schnellen Schrittes weiter zum eigentlichen Hotel am See kommen, dessen abwechslungsreiche Geschichte in Frischmuths Roman nicht zu kurz kommt. Wir erfahren Wichtiges über die renovierte Pfarrkirche, bevor wir den Friedhof betreten, in dem Horst K. Jandl eine moderne Mosaiktür (Leichenhalle) gestaltet hat. Neben der Eingangstür ist folgende Gedenktafel angebracht.

Bemerkenswert ist, dass am Altausseer Friedhof auch jüdische Gräber zu besichtigen sind. Jakob Wassermann, der gleich daneben seine Villa hatte mit einem separaten Küchenhaus, da er Küchengerüche partout nicht ausstehen konnte, ist hier begraben. Das Grab des Begründers des Freikletterns, Paul Preuss, dem vor einigen Jahren ein Denkmal in Altaussee in Anwesenheit von Reinhold Messner gesetzt wurde, grenzt daran. An der Friedhofmauer erinnern Inschriften an jüdische Gäste, die in Konzentrationslagern ermordert worden waren und gerne in Altaussee auf Sommerfrische waren.

Unser Spaziergang endet wieder an unserem Ausgangspunkt, dem Literaturmuseum. Das Haus von Barbara Frischmuth, vor allem dessen Garten, dem ich seit Jahren auf der Spur bin, wurde uns nicht gezeigt. Stattdessen erwarb ich im Literaturmuseum ihr neuestes Buch „Verschüttete Milch“, natürlich mit Signatur. Von diesem Buch, das von der Kindheit der Autorin in den vierziger und fünfziger Jahren in Altaussee erzählt, handelt mein nächster Beitrag.

Power to the people

PowertothePeople

Warum dreht Spike Lee heute einen Film über einen schwarzen Cop, der ein Mitglied des Ku-Klux-Klans in den Siebzigern war? Und warum beendet er den Film mit den Ereignissen in Charlottesville?

Der Zusammenhang ist unschwer zu erkennen: Die Gefahr von Seiten der Rechten, die den Weißen die Vorherrschaft sichern wollen, findet ihren Ausdruck in Trumps Amerika. Die Progressiven wären zu selbstgefällig gewesen, sagt Spike Lee in einem Interview mit der „Zeit“, hätten sich zu sehr auf den Triumph von Obama ausgeruht und es nicht geschafft, dem rechten Ansturm etwas entgegenzusetzen. Deshalb hätte er Gas geben müssen. Aus all diesen Gründen hat Spike Lee die autobiographische Geschichte des Polizisten Ron Stallworth in einen packenden Film gekleidet, der uns eine Lektion über Rassismus und die gefährliche Ideologie der Rechten erteilt.

In BlacKkKlansman selbst ereignet sich etwas ganz Absurdes: Der Afroamerikaner Ron Stallworth, gespielt von John David Washington, ermittelt gegen Aktivitäten der „Organisation“, wie sich die Anhänger des Ku-Klux-Klans selbst nennen. Über das Telefon nimmt er Kontakt auf, signalisiert Interesse und wird prompt zu einem geheimen Treffen eingeladen. Natürlich schickt er seinen weißen Kollegen Flip Zimmermann (Adam Driver) hin. Somit beginnt ein intelligentes Verwirrspiel der Polizisten mit dem Klan, das in ein Aufnahmeritual mit dem extra angereisten Großmeister David Duke (Topher Grace) mündet. Das Ganze führt zu einem gefährlichen Wettlauf mit der Zeit, da ein Anschlag auf die schwarze Studentenführerin (Laura Harrier) geplant ist.

Was zeigt uns der Film? Großteils gute Polizisten, die gegen Rassisten den Kampf aufnehmen. Die ihr Leben riskieren, um dem Bösen entgegenzutreten. Die „Organisation“ ist einerseits von trinkenden Dummköpfen und andererseits von Extremisten, die zum Äußersten bereit sind, bevölkert. Nur in der Führungsriege befinden sich Männer, die zu strategischem Planen und Vorgehen fähig sind, was sie umso gefährlicher macht. Breite Aufmerksamkeit wird der Ideologie und dem spektakulären Treiben des Ku-Klux-Klans gewidmet, immer wieder werden ihnen Trumps Worte in den Mund gelegt. Parallel zu den Vorgängen in der „Organisation“ wird die Geschichte des Rassismus gezeigt. Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus „Vom Winde verweht“ und findet in dem Auszug aus „The Birth of Nation“, dessen rassistischer Inhalt die Klans Mitglieder begeistert, ihren Höhepunkt. Wie sich die Gewaltspirale hochschraubt und auch vor Mord nicht zurückgeschreckt wird, weiß Spike Lee spannend in Szene zu setzen. Den alltäglichen Rassismus in der Polizei erträgt Ron Stollworth meist stoisch und mit einigem Humor. Washington, Sohn eines berühmten Vaters, spielt ihn als einen recht lässigen Schwarzen mit schönem Afrolook, der seine Rolle als Polizist erst finden muss. Er wird als Spitzel bei einer Veranstaltung der Black Student Union eingesetzt, was ihn etwas zum Nachdenken bringt. Aber die meiste Zeit ist er mit dem Klan beschäftigt, witzig und eloquent, aber immer auf der Hut, nichts Falsches zu sagen, um seinen Stellvertreter nicht auffliegen zu lassen. Denn Flip Zimmermann (Adam Driver) befindet sich in immer größerer Gefahr und riskiert Kopf und Kragen in dem riskanten Einsatz.

Am Ende, nach den schockierenden Bildern in Charlottesville, kommt Donald Trump ins Bild und was er dazu zu sagen hat. Danach bekundet der echte David Duke seine Ideologie und Sympathie für den Präsidenten. Dieses Ende hätte es gar nicht bedurft. Die Botschaft war ohnehin klar.

Zwar wird von Experten immer wieder betont, dass Trumps Wahlsieg das letzte Aufbäumen des weißen Mannes sei, denn das Amerika in 20 Jahren werde viel eher das von Obama gleichen. Und die Obamas hatten ihr allererstes Date bei Spike Lees „Do the Right Thing“, was Anlass zu Hoffnung gibt.