Die beste aller Welten

Der Titel wäre vielversprechend, hätte man nicht vorab von dem Film gehört, dass er eine wahre Geschichte aus dem Salzburger Drogenmilieu erzählt. Obwohl der Film schon einige Monate in den Kinos läuft, war der Andrang an der Kassa groß, viele sympathische junge Menschen strömten vom Adventrummel herein in den ausverkauften Kinosaal. Und das zu einem Film, bei dem ein Unbekannter Drehbuch und Regie geführt hat: der erst 26-jährige Salzburger Adrian Goiginger.

Es ist seine Kindheit, die er uns in drastischen Bildern vor Augen hält. Er wächst bei seiner drogenabhängigen Mutter in einer ärmlichen und meist von Schmutz zugemüllten Wohnung auf. Als der Film einsetzt, ist er gerade sieben Jahre alt und man kann an seinen Alpträumen erahnen, welche Zeiten er schon hinter sich hat. Meist ist er auf sich allein gestellt, da die Mutter mit Drogen vollgepumpt ist und dahindämmert. Alleine ist sie dabei nicht, denn ihre Drogenfreunde sind mit auf dem Trip, der kleine Adrian wirkt zerbrechlich und sonderbar erwachsen innerhalb dieser Gruppe. An den guten Tagen spielt die Mutter mit ihm und vertreibt mit fantasievollen Geschichten seine Ängste, die ihn im Schlaf heimsuchen. In seinen Träumen wird er zum Helden, der mit Pfeil und Bogen unterwegs zum schwarzen Dämon ist, der die Menschen in Untote verwandelt. Dieser rasselt aber schon wütend an den Ketten und wird sich bald losgerissen haben. Es ist ein Wettlauf gegen den Tod, der in der Realität seine Entsprechung findet. Auch die Mutter gerät immer mehr in den Suchtkreislauf hinein, ihr Dealer, der Grieche, will auch Adrian mitnehmen. Ansehen zu müssen, wie die Mutter zulässt, dass ihr Kind völlig unkontrollierbaren Situationen ausgesetzt ist, gehört zu den stärksten Aussagen des Filmes. Die immer mehr aus den Fugen geratende Situation muss in die Katastrophe führen. Wieder einmal von der Mutter alleingelassen und panisch vor Angst, jagt Adrian den Dämon in der eigenen Wohnung.

Die ganze Zeit über erlebt man, dass ein drogenabhängiges Milieu kein guter Nährboden für eine schöne Kindheit ist. Und fragt sich, wie dies über so viele Jahre möglich sein konnte und niemand eingegriffen hat. Der Vertreter vom Jugendamt kündigt jedes Mal seinen Besuch an, sodass die Mutter Ordnung in das Chaos bringen und dem Jungen einbläuen kann, was er zu sagen hat. Es gibt keine Nachbarn, die eingreifen, und auch die Schule reagiert erst dann, als Adrian einen Schweizer Kracher im Hof explodieren lässt, ist aber rasch mit kleinen Zugeständnissen der Mutter zufriedengestellt. Der größte Skandal ist, dass niemand hinschaut und die Verwahrlosung in einem Inferno enden muss.

„Die beste aller Welten“ ist ein traurig-schöner Film über eine schreckliche Kindheit. Berührend umso mehr, da das Kind trotz allem seine Mutter liebt und ihr immer wieder verzeiht. Der Film ist unbedingt sehenswert, denn Mutter (Verena Altenberger) und Sohn (Jeremy Miliker) spielen so gut, dass einem die Geschichte tief unter die Haut geht.

 

 

 

Maudie

Der Film  „Maudie“ zeigt  poetische Bilder von Landschaften, Tieren, Pflanzen  und Menschen. Gezeichnet in naiver Malerei von einer schwer an Arthritis leidenden Frau, die durch sie ihre Welterfahrung ausdrückt. Es ist eine wahre Geschichte, die mit eindrucksvollen Aufnahmen aus Neufundland erzählt wird: Die Lebensgeschichte der kanadischen Volkskünstlerin Maud Lewis (1903 – 1970), die von der irischen Regisseurin Aisling Walsh berührend verfilmt wurde.

Schon als junge Frau ist Maud (Sally Hawkins) von ihrer Krankheit schwer gezeichnet. Sie tut sich schwer bei Gehen, hinkt, ihr Rücken ist gekrümmt, ist schon gar kein Mensch, dem man etwas zutraut. Ihre Familie, bestehend aus Tante und Bruder, nimmt ihr vorerst alles, was ihr Leben lebenswert gemacht hätte. Ihr Elternhaus wird verkauft und ihr Neugeborenes ebenso. Man gewährt ihr ein kleines Zimmer im Haus der Tante, die sie schikaniert und bevormundet. Als sie eines Tages zufällig in einem Laden ist, tritt Everett (Ethan Hawke) ein, der eine Haushälterin sucht. Sie schnappt sich seine Anzeige und macht sich auf den Weg zu seinem ärmlichen Haus in der Einöde. Er will sie nicht haben, ist grantig, beschimpft und misshandelt sie, aber sie hält aus Mangel an Alternativen durch. Nach und nach durchdringt sie die raue Schale Everetts, indem sie Farben und Wärme in die Holzhütte bringt. Sie bemalt die Wände mit Tulpen, Vögeln, Katzen und Bäumen.  Nachdem ihre Kunst von einer New Yorkerin entdeckt wurde, verkauft sie immer mehr ihrer kleinformatigen Bilder, sogar an Präsident Nixon. Everett heiratet sie, er kümmert sich liebevoll um sie, während sie am Fenster sitzt und malt. Sogar das Fernsehen wird auf sie aufmerksam und dreht einen Bericht. Ihre Bilder, die sie um fünf Dollar verkaufte, erreichen heute Erträge in einem fünfstelligen Bereich.

„Maudie“ ist ein wunderschöner Film über eine behinderte Frau, die ihr Glück  selbst in die Hand  nimmt. Durch ihre Art, die Welt zu sehen, gewinnt sie unser Mitgefühl und das ihres Mannes. Sie drückt ihre Liebe zu Mensch und  Natur in ihren Bildern aus, ihr Kampfgeist ist voller Humor und von Sally Hawkins großartig gespielt.

Im Nachspann sieht man Originalaufnahmen von Maud und Everett Lewis. Beide wirken glücklich und blicken verschmitzt in die Kamera. Das kleine Haus wurde original nachgebaut und dort wurde auch gedreht. Die Enge und Trostlosigkeit eines Frauenlebens kann man durch Malerei und den Glauben an sich überwinden, ist die Botschaft des Filmes, aber es braucht dazu Menschen und eine inspirierende Landschaft. Daraus kann dann einer der schönsten Liebesfilme der Jahres werden und wahrscheinlich der Oskar für die beste Schauspielerin des Jahres.

Schweiz, 1971

Das Wahlrecht für Frauen ist in unserer Gesellschaft fest verankert, seit fast 100 Jahren. Niemand stellt es infrage und wenn man sich an die Gesetzeslage für Frauen noch Ende der sechziger Jahre erinnert, scheinen die Diskriminierungen heutzutage haarsträubend.

Dass die Gleichberechtigung in vielen Ländern hart erkämpft wurde und lange gebraucht hat, ist vielen jungen Menschen möglicherweise nicht immer gegenwärtig. Der Film „Die göttliche Ordnung“ von Petra Volpe führt uns in ein Schweizer Gebirgsdorf, in dem Anfang der Siebziger alles noch seine Ordnung hatte und dies auch so bleiben sollte.

Die Frauenbewegung hatte außerhalb der Grenzen der Schweiz schon gewaltige Wellen geschlagen und droht nun auch das Leben der braven Schweizer zu überschwemmen. Der Mut, fürs Frauenwahlrecht öffentlich zu demonstrieren, ist zwar im freien Zürich da, nicht aber im ländlichen Appenzell. Denn die Mächtigen im Dorf, hier verkörpert durch eine Frau, die konservative Sägewerksbesitzerin, haben das Sagen und die einfachen Arbeiter profitieren zu sehr von den geordneten Verhältnissen. Sie bringen das Geld nach Hause, die Frau versorgt, putzt und nimmt alles hin. Aber die wilden sechziger Jahre haben ihre Spuren gezogen, wir erleben die verheiratete Nora, Mutter zweier Söhne, zu Beginn auf langen Fahrradfahrten, ein Kopftuch hält die Haare noch vor der Öffentlichkeit verborgen. Je mehr sie sich aus den dörflichen Normen befreit, umso gewagter wird ihre Frisur und moderner ihr Aussehen. Ihre junge Nichte rebelliert schon offen gegen das System und bricht aus, was sie in eine Korrekturanstalt bringen wird. Auch die zugezogene Italienerin zeigt Selbständigekeit und Durchsetzungskraft. Darüber hinaus gibt es Broschüren und Medien, die über Rechte und Sexualität informieren, aber all dies reicht nicht aus, um den Mut zu haben aufzubegehren. Erst durch massives Unrecht, das die Frauen schmerzvoll erfahren, sind sie in der Lage, zu handeln. Sie organisieren sich, stellen Forderungen: Sie wollen mitbestimmen, arbeiten gehen, ihren Besitz selbst verwalten und bei der Erziehung nicht vom Mann abhängig sein. Exemplarisch werden drei Frauen gezeigt, die sich solidarisieren und durch ihr Vorbild die anderen Frauen des Dorfes mitreißen. Schließlich greifen sie zur stärksten Waffe, die in diesem ungleichen Kampf möglich ist, sie ziehen aus den Familien aus und streiken. Bald kehrt sich die Stimmung der Männer um und sie holen die Frauen gewaltsam aus dem Versammlungshaus zurück. Der Kampf scheint fürs Erste verloren, aber die Frauen haben deutlich gemacht, dass sie es ernst meinen. Als dann der Abstimmungssonntag für das Frauenwahlrecht gekommen ist, stellen sich sich bedrohlich vor dem Wahllokal auf. Die Männer wissen, was ihnen zuhause blüht, sollte das Wahlrecht den Frauen weiterhin versagt bleiben.

Natürlich ist der Film plakativ und bietet alles auf, was im Kampf für die Frauenbefreiung aufgeboten werden kann. Trotzdem gelingt es ihm, die Atmosphäre dieser Zeit sehr gut einzufangen, die Unterdrückung und Einschüchterung, die damals vorherrschten und den enormen Anpassungsdruck, den es innerhalb einer Dorfgemeinschaft gab, ausgehend von den konservativen Institutionen. Wenn man als Einzelne dagegen aufbegehrte, wurde man lächerlich gemacht, beschimpft und mit der ganzen Familie ausgeschlossen. Erst als sich die Frauen zusammentun, ihre Kraft, Sinnlichkeit und Lust zu leben wieder entdecken, kann der göttlichen Ordnung eine Abfuhr erteilt werden.

Der Abspann zeigt die ersten weiblichen Abgeordneten. Selbstbewusst und stolz gehen sie auf ihren Sitz zu, lächelnd, ordnen ihre Akten und beginnen mit der Arbeit. Diese Archivaufnahmen berühren sehr.

Die Zukunft ist besser als ihr Ruf

Der Titel der Dokumentation verspricht Hoffnung in der heutigen Krisenstimmung. Aber wie kann diese aussehen? Und was wird schon dafür getan, hier in Österreich? Was kann man tun, um unsere Welt zu einer besseren zu machen?

Anhand von kurzen Interviews werden Menschen vorgestellt, die einen Beitrag dazu leisten. Sie werden nur mit dem Vornamen genannt: Walter, Anna, Rita, Judith, Theresa heißen sie und es wird nur ein kurzer Einblick in ihr Wirken gegeben. Es geht um Partizipation in der Politik (BürgerInnenräte), um die Unterstützung der Ärmsten mit Lebensmitteln und warmem Essen (Pannonische Tafel), um saisonale landwirtschaftliche Produkte (Speiselokal), um Bauten aus Lehm für eine nachhaltige Architektur, um die Verunsicherung durch die Bankenkrise und das fehlende Narrativ dazu (Kapitalismuskritik), um Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft (Wohnzimmer).

Es werden Menschen nicht nur mit ihren Visionen gezeigt, sondern auch mit deren Realisierung. Kein Name und auch kein Projekt war mir bisher bekannt und man fragt sich, warum so viel Gutes so wenig mediale Aufmerksamkeit findet.

Welche Haltung veranschaulichen diese kurzen Einblicke? Es gibt Menschen und Initiativen, die den Ohnmachtsgefühlen vieler und der sozialen Kälte entgegenwirken. Sei es nun der kleine Hofladen, der dem Greislersterben in den Dörfern Einhalt bieten will und eine Begegnungsstätte für die Dorfbewohner wird, weil sie sich nur noch auf der Fahrt zum nächsten Supermarkt mit einem Gruß austauschten. Oder die Architektin, die mit Lehm baut, weil er überall natürlich vorhanden ist und keine negativen Konsequenzen für künftige Generationen hat, im Gegensatz zu Beton, der die Umwelt enorm schädigt. Und dann gibt es noch den Hochschullehrer, der seinen Studenten erklärt, wie unser Wirtschaftssystem so geworden ist und dass der Neoliberalismus nicht der Weisheit letzter Schluss ist und veränderbar ist.

Alle sechs Geschichten geben Hoffnung für die Zukunft, weil sie zeigen, dass Einzelne doch etwas am „System“ ändern können. Es zeigt sich, dass man nicht reich und berühmt damit wird, aber alle sechs Porträtierten strahlen aus, dass es sich lohnt, seinen Platz zu finden, an dem man etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leistet. Ganz nach dem Motto von Walter: „Die Zukunft ist offen, wir müssen`s machen.“

Und tatsächlich geht man hoffnungsvoller aus dem Kino, angeregt, darüber nachzudenken, was man selber beitragen kann und noch lange klingt die kraftvolle Musik von „Federspiel“ in einem nach.

Aquarius

In letzter Zeit begegnen mir immer mehr Filme, die das Leben von Frauen jenseits der Fünfzig im Blickfeld haben. Das mag mit meinem fortschreitenden Alter zu tun haben oder auch damit, dass diese Heldinnen etwas zu sagen haben. Meist haben sie den Großteils ihres Lebens bereits hinter sich, sind in einem Abschnitt angekommen, in dem sie die verbleibende Zeit dem widmen wollen, was ihnen wirklich wichtig ist. Der Film „Aquarius“ vom brasilianischen Regisseur Kleber Mendonca Filho erzählt davon.

Er ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten wird uns Clara als junge Frau vorgestellt: Mit dröhnendem „Another One Bites the Dust“ fährt sie mit Freunden am nächtlichen Strand entlang, um kurz darauf in das Haus einzukehren, das ihr lebenslanges Heim werden wird. Die Melodie ist angestimmt. Es wird der 70. Geburtstag ihrer schönen Tante Lucia gefeiert, die es als Frau zu einigem Wohlstand und einem angesehenen Beruf gebracht hat. Alle feiern mit, es ist ein ausgelassenes Fest mit Freunden und Nachbarn. Claras Mann klärt uns über den Ursprung ihres schicken Kurzhaarschnittes auf, auch sie ist gerade dem Tod von der Schippe gesprungen.

Drei Jahrzehnte später ist die ehemalige Musikkritikerin (Sonia Braga) alt geworden und allein in dem Haus zurückgeblieben, alle anderen Mieter sind bereits ausgezogen, da an dieser Stelle eine schicke, teure Resistenz errichtet werden soll. Nur Clara wehrt sich gegen den Verkauf ihrer Wohnung und gerät dadurch in eine bedrohliche Situation aus Erpressung und Schikanen. Es scheint, dass sie den Kampf gegen den mächtigen Gegner nur verlieren kann.

Aber sie ist stur und gewieft und setzt sich im dritten Teil des Filmes mit der Unterstützung ihrer Freunde und Familie gegen die Baumafia zur Wehr.

Was zeigt uns dieser Film aus dem fernen Brasilien? In Würde zu altern heißt nicht dem Jugendkult hinterherzulaufen und so zu tun, als ob man noch straffe Zwanzig wäre. Auch wenn die große Liebe (ihr Mann) schon lange tot ist, kann Sexualität auch nach der Operation noch gelebt werden, man muss den jugendlichen Liebhaber nur bezahlen. Die Einsamkeit, in der wir sie immer wieder antreffen, kann ausgehalten werden, weil es zwischendurch Freundinnen, Bekannte und Familie und schöne Erinnerungen an ein erfülltes Leben gibt. Und wenn die Bedrohung zu groß wird, dann kann auch eine Flasche Rotwein und Schallplattenmusik darüber hinwegtrösten. Das ist es, was unsere Heldin braucht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Um es nicht zu vergessen: einer wunderschönen Sonia Braga mit tiefschwarzer Mähne und schwarzem Badeanzug schaut man gerne dabei zu, wie sie sich aus den Fluten des Meeres erhebt und unerschrocken auf uns zugeht.

Get out

Get out erregte in den USA großes Aufsehen. Mit den geringen Produktionskosten von nicht einmal fünf Millionen Dollar brach der Film viele Rekorde an den amerikanischen Kinokassen. Nicht schlecht für den Debütfilm eines Komikers. Der Regisseur Jordan Peele ist bisher nur als Teil von Key&Peele in Insiderkreisen bekannt. Und er hat mit dem Film ein heißes Eisen angepackt: Auch nach acht Jahren Obama scheint der Rassismus unter denen, die stolz bekennen, sie hätten ihm auch gerne eine dritte Amtszeit gewährt, subtil vorhanden: der intellektuellen weißen Oberschicht. Und diese kann einem das Gruseln lehren.

Ein junger Schwarzer (Daniel Kaluuya) wird über das Wochenende in die Familie seiner weißen Freundin (Allison Williams) zum Antrittsbesuch eingeladen. Das Auto der beiden fährt über einsame Landstraßen zu dem prächtigen Anwesen der Eltern. Chris fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, zumal die Fahrt zweimal unterbrochen werden muss. Bei der Ankunft verstören ihn dann zwei schwarze Angestellte, die keinerlei Solidarität mit dem schwarzen Mitbruder zeigen. Die Mutter der Freundin ist Psychotherapeutin, auf Hypnose spezialisiert, der Vater Neurochirurg. Etwas ist sonderbar in der Familie, sodass Chris in der Nacht aufwacht, irritiert durch Haus und Garten wandert, um sich schließlich im Stuhl gegenüber der Hausherrin einzufinden, die ihm auch gleich sein Kindheitstrauma aufbereitet. Im wahrsten Sinn des Wortes verliert er den Boden unter den Füßen und fällt in einen tiefen Abgrund voller Schuld. Am nächsten Morgen wacht er im Bett neben seiner Freundin auf und ist beruhigt, dass alles nur ein schrecklicher Albtraum gewesen ist. Der Bruder von Rose verhält sich auffallend aggressiv, Chris‘ Irritation wächst immer mehr, besonders als Freunde am nächsten Tag zum Familienfest kommen. Er fühlt sich als Fremder in der weißen Gesellschaft, kann sich dieses Gefühl aber nur dadurch erklären, dass er als Schwarzer schon immer Diskriminierungen ausgesetzt war. Und bald stellt sich heraus, dass er damit Recht haben wird und ihm noch viel Schlimmeres bevorsteht. Etwas so Schreckliches, das nicht einmal er vorausahnen konnte.

Die Geschichte ist so gut erzählt, dass auch wir lange glauben, dass seine Wahrnehmungen durch seine Geschichte verzerrt ist: durch die Anfeindungen, die er als Schwarzer in der amerikanischen Gesellschaft täglich erfährt, kombiniert mit den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber. Er ist Fotograf und versucht mit der Kamera das Geschehen einzufangen. Da die Realität aber nur schöner Schein ist, kann er sie nur intuitiv erfassen. Das Grauen darüber, als er der Wahrheit immer näher rückt, geht auch auf uns über. Der Abgrund menschlichen Tuns übertrifft die schrecklichsten Träume. „Get out“, lautet von nun an die Devise. Und da kann es dann auch ordentlich brutal zugehen …

Die Taschendiebin

Koreanische Filme rücken auch bei uns immer mehr ins Blickfeld, bilden sie doch nicht nur aktuelle Strömungen der dortigen Gesellschaft ab. Seien es nun Blockbuster ab dem Beginn des neuen Jahrtausends, die sich mit dem Verhältnis zu Nordkorea auseinandersetzen, so Park Chan-wooks Grenzssoldatendrama Joint Security Area (2000) oder der Kinohit Snowpiercer (2013) und nun ein Film über Frauenliebe.

Die Taschendiebin, die in Korea mehr als vier Millionen Besucher ins Kino zog, spielt in den dreißiger Jahren, als Japan noch Besatzungsmacht war. Die reiche Erbin Hideko, die ihrem Onkel versprochen ist, soll nach dem Plan einer Ganovenbande mit dem Grafen Fujiwara verheiratet werden, um an ihr Geld zu kommen und sie dann ins Irrenhaus zu stecken. Dieser ist jedoch kein japanischer Adeliger, sondern ein koreanischer Hochstapler. Um den Boden für den Coup vorzubereiten, wird die Taschendiebin Sookee in das Haus der reichen Erbin geschickt. Dort verliebt sie sich in ihre schöne Herrin und beginnt eine Beziehung mit ihr. Das prächtige Anwesen wird jedoch von dem sadistischen Onkel beherrscht, der seine Nichte von klein auf mittels Todesdrohungen und brutalster Gewalt so sehr eingeschüchtert hat, dass sie es nicht mehr wagt, gegen ihn aufzubegehren. Das junge Dienstmädchen sieht das Leid und nimmt sich mit der pragmatischer Entschlossenheit einer Liebenden ihrer an. Zunächst aber weiß sie nicht, dass auch sie nur ein Rädchen in einem ausgeklügelten Plan ist. Langsam offenbart sich dieser, als die Geschichte aus der Perspektive von Hideko erzählt wird. Im dritten Teil findet das Verwirrspiel um Täuschung und Verrat aus der Perspektive des falschen Grafen seine Auflösung.

Die Wirklichkeit ist eine andere, als sie erzählt wird. Der Großteil des Films zeigt ein besetztes Korea, das von männlicher Gewalt und Ausbeutung beherrscht wird. Die Frauen scheinen nur schöne Dienerinnen und Lieferantinnen für deren Machtfantasien zu sein. Opfer und Täterin zugleich: Hideko muss alten Adeligen erotische Literatur vorlesen und für höchste Lustfantasien zur Verfügung stehen. In dieses berechnende Spiel von Macht und Unterdrückung dringt Liebe und Begehren ein. Und so kann es passieren, dass die Fäden des Schicksals in die Hand genommen werden und die beiden Frauen ihr eigenes Netz zu spinnen beginnen. Klug, berechnend und so radikal, dass sie auch vor einem Mord nicht zurückschrecken. Um frei von alten Werten und Traditionen zu werden, braucht es ein Intrigenspiel höchster Qualität.

Der Film beeindruckt durch wunderschöne Bilder aus einer vergangenen Welt. Schon lange wurde die Schönheit von Frauen nicht so sinnlich eingefangen und zelebriert. Die lesbischen Liebesszenen entstammen aber einem männlichen Blick, bei dem man sich als Frau im Kino nicht wohl in seiner Haut fühlt.

„Die Taschendiebin“ ist ein Film über eine grausame Zeit, die die Liebe zweier Frauen überwinden kann. Dem Film fehlt es jedoch an Glaubwürdigkeit, weil er zu schön und zu bemüht geraten ist. Dann doch besser noch einmal Joint Security Area sehen. Dieser Film geht dann wirklich unter die Haut.

Moonlight

Ich gestehe: Ich kann mir nicht erklären, warum Moonlight so viele Lorbeeren geerntet hat. Kann der Grund darin liegen, dass ein schmächtiger, gemobbter Junge aus einem Armenviertel in Miami zum gut aussehenden, muskelbepackten jungen Mann heranwächst? Dass dieser dem einzigen Mann, der ihn je berührt hat, über viele Jahre hinweg treu bleibt? Dass es um Homosexualität und Sinnlichkeit geht statt um Chauvinismus und Gewalt? Dass er allen, die ihn je verraten und verprügelt haben, verzeihen, sie sogar weiterhin lieben wird? Eine Lichtgestalt für das schwarze Amerika im Jahre 2017?

Nur so kann ich mir erklären, warum es kaum kritische Stimmen zum Film gibt und er den Oscar für den besten Film des Jahres gewonnen hat.

Kindheit und Jugend von Chiron, genannt Little, sind triste und gewalttätig. Er wächst in einem Armenviertel auf, seine Mutter, eine drogenabhängige Prostituierte, hat wenig Zeit und Verständnis für den introvertierten Jungen. In der Schule wird er gemobbt und dann von eine Meute durch die Gegend gejagt. Juan, der Dealer seiner Mutter, nimmt sich seiner an und bietet ihm in schweren Tagen etwas Sicherheit und Aufmerksamkeit. Nicht zu verwundern, dass er dieser Vaterfigur einmal nacheifern wird. Nachdem er die Schule abgebrochen, im Gefängnis war, sich Muskel antrainiert hat, wird er sich in einer fremden Stadt im selben Milieu wiederfinden. Aber auch dort für sich bleiben, ein Außenseiter, der nicht schlafen kann, bis er eines Nachts einen Anruf von seinem einzigen Liebhaber aus Jugendtagen erhält und sich auf den Weg macht.

In bunten, satten Farben wird ein Amerika der Schwarzen in den Siebzigern gezeigt, in der es wenig Gutes und Nährendes gab. Gewalt und Drogen sind allgegenwärtig, sie zerstören die Schwächsten, die Frauen und Kinder. Auch den kleine Chiron, der augenscheinlich nicht in diese männlich-narzisstische Welt passt und seine alleinerziehende Mutter. Beide können den täglichen Demütigungen nur dadurch entkommen kann, dass sie wegrennen und sich gefühllos machen. Und als der Junge sich selbst dann Black nennt, wird er wieder genau dieses Männlichkeitsideal verkörpern, das von einem Mann dort erwartet wird: bullig, cool, angsteinflößend und auf die schiefe Bahn geraten.

Natürlich kann man diese Geschichte nachvollziehen, sie ist auch heute noch allgegenwärtig und von den Medien in unsere Gehirne eingebrannt. Aber müssen diese Bilder von damals auch heute noch immer und immer wieder gezeigt werden und dann auch noch den höchsten Filmpreis des Jahres einheimsen?

Wie schön bunt wäre es, wenn uns einmal Filme aus Amerika erreichten, in denen triste Kindheitsverhältnisse aus schwarzen Armenvierteln verändert und ganz andere Männer gezeigt werden würden? Dann könnte man erleichtert im Kino aufatmen und mit Old Obama ausrufen: Change.We can believe in.

Certain Women


Was erreicht uns heute aus Amerika, das nicht aus Hollywood oder Washington kommt? Ein Film von Kelly Reichardt, der Einblicke in das unspektakuläre Leben von vier Frauen in einer amerikanischen Kleinstadt gewährt. Anhand von kurzen Episoden erahnen wir, welche Sehnsüchte und Wünsche diese Frauen jenseits des Ozeans haben.

Da ist die Anwältin Laura (Laura Dern), die einen hartnäckigen Klienten hat, der mit ihrer Hilfe zu seinem Recht kommen will. Er verfolgt sie überallhin, will sich nicht damit abfinden, dass sein Fall abgeschlossen ist. Nichts ist zu merken von den schicken und cleveren Anwältinnen aus US-Serien. Keine spitzfindige Gerichtsszene kann mehr stattfinden, da sich der Klient immer mehr in einen Rachefeldzug verstrickt. Was für Laura zu tun bleibt, sind Briefeschreiben und zwei Essenstüten, die sie immer wieder umgruppiert, um den richtigen Abstand zu finden.

Oder die verheiratete Gina (Michelle Williams), deren Mann eine heimliche Affaire mit der Anwältin hat. Wir begegnen ihr beim Joggen entlang eines Flusses, wo sie heimlich eine Zigarette raucht. Dann kehrt sie in das Zelt zurück, in dem ihr Mann und ihre pubertierende Tochter schon auf sie warten. Man bricht auf, sie, die Kleinste und Zierlichste, schleppt die schwerste Kiste. Der Vater befiehlt der Tochter nett zur Mutter zu sein. „Why?“, fragt diese zurück. Auf dem Weg nach Hause halten sie bei Albert, vor dessen Haus Sandsteine gelagert sind. Laura möchte diese unbedingt für den Bau ihres Wochenendhäuschen verwenden. Sie führt die Verhandlungen und wie sie ihren Mann dabei anschaut, lässt uns wissen, was auf sie zukommen wird.

Und schließlich gibt es noch die Tierpflegerin Jamie (Lily Gladstone), die auf einer einsamen Ranch Pferde versorgt. Sie gerät eines Abends zufällig in eine Vorlesung über Schulrecht und verliebt sich Hals über Kopf in die Vortragende Beth (Kristen Stewart).

Dies sind unaufgeregte Geschichten über Frauen, die mit Alltagsproblemen zu kämpfen haben: Anerkennung ihrer beruflichen Kompetenz (Laura), Einsamkeit (Gina), Liebessehnsucht (Jamie) und Ängste über eine ungewisse Zukunft (Beth). Der Film zeigt ihre Bemühungen um ein Leben, das von Nähe und Sinn erfüllt ist. Es scheint, dass in den kalten Wintern von Montana der Weg dorthin nur auf dem Rücken eines Pferdes möglich ist.

Elle

Isabelle Huppert, 63 Jahre alt, spielt in „Elle“ eine erfolgreiche Unternehmerin einer Game-Produktionsfirma. Als sie eines Nachmittags in ihrem Haus auf das Brutalste vergewaltigt wird, kehrt sie die Scherben zusammen, legt sich ins Schaumbad und und mischt das Blut, das aus ihrer Scheide an die Oberfläche dringt, sanft mit dem Wasser. Sie lebt weiter wie bisher, erzählt ihren Freunden bei einem Abendessen beiläufig von dem Vorfall. Sie hat die Tat nicht einmal angezeigt.

Den Grund dafür erklärt sie mit ihrer Vergangenheit. Sie legt sich mit der Axt schlafen, lernt schießen und stellt Verdächtigen nach. Und erwartet jeden Moment einen weiteren Überfall, denn der Täter schickt ihr anonyme Botschaften per Handy und dringt in ihr Haus ein, um seine Samenspuren zu hinterlassen. Er will Angst und das Gefühl völliger Schutzlosigkeit verbreiten. Wenn sie in das leere Haus zurückkehrt, lauert die Gefahr in jeder Ecke. Und sie kehrt täglich dorthin zurück. Sie schläft weiterhin alleine in ihrem Bett, mit der Axt neben sich. Sie erwartet ihren Vergewaltiger.

Und dann geschieht es wieder: Diesmal kann sich sich wehren und dem Angreifer die Skimütze vom Kopf reißen. Nun kennt sie den Täter.

Alles geht weiter wie bisher. Keine Anzeige, wieder bleibt sie alleine im Haus, geht den Routinen des Lebens ohne viel Emotionen nach. Sie trifft ihren Ex-Mann mit dessen junger Freundin, betreut ihren Sohn, der von seiner Freundin ausgenutzt wird, trifft harte Entscheidungen in ihrer Firma, die aus jungen Männern besteht, hat eine Affaire mit dem Mann ihrer besten Freundin, feiert mit den Nachbarn und der Familie Weihnachten. Kühl und selbstbewusst begegnet sie dabei ihrem Peiniger. Die Bedrohung wird Alltag, sie nimmt sie hin. Man schaut dem Ganzen fassungslos zu und begreift diese schöne, zierliche Frau nicht.

Wir jedoch befinden uns in höchster Alarmstufe und bangen jede Sekunde um ihr Leben. Wir sehen sie am Fenster stehen und warten, schrecken zusammen, wenn er hereinbricht und ihr Gewalt antut.

Die Aussage des Filmes ist verstörend, es gibt keine Gewissheiten mehr, keine Moral, alles ist möglich geworden zwischen Mann und Frau.

Braucht man als erfolgreiche Frau eine Drachenhaut, um in dieser Welt zu überleben, Mister Verhoeven?