The Banshees of Inisherin (2022)

Freundschaft ist ein wunderliches Ding, sie kann entstehen und vergehen, man wünscht sich, dass sie ewig hält, aber sie ist sehr zerbrechlich. Sei es, dass man sich auseinanderentwickelt, dass zu viele Missstimmungen hineingeraten oder ein einziger Verrat nicht mehr zu kitten ist. Beste Freunde gibt es viele und man hofft, dass man wenigstens einen/eine im Leben hat.

Um Freundschaft geht es in dem irischen Film „The Banshees of Inisherin“, genauer gesagt um eine, die abrupt aufgekündigt wird. Man begibt sich in die zwanziger Jahre auf eine einsame irische Insel von abweisender Schönheit, besiedelt von vereinzelten Höfen und kargen Menschen. Mittelpunkt des sozialen Lebens ist wochentags das Pub und am Sonntag die Kirche. Hier begegnen wir Padraic (Colin Farrell), der gerade unterwegs ist, seinen Freund Colm (Brendan Gleeson) zum täglichen Pubbesuch abzuholen. Glücklich und leichten Schrittes geht er den Hügel hinab zum Haus seines Freundes, idyllisch am Meer gelegen. Aber der macht ihm nicht auf, später erfährt er den Grund: „I just dont`t like you no more.“ Padraic kann und will den Abbruch nicht akzeptieren. Die Insel und die Auswahl an Freunden ist klein, er lebt zwar mit seiner klugen Schwester Siobhan (Kerry Condon) harmonisch zusammen, die leidenschaftlich gerne liest. Er hingegen liebt die Käseherstellung und seine Tiere, vor allem aber seine Eselin Jenny und erfreut sich daran, ausführlich über sie zu erzählen. Colm, der ein alternder Folkmusiker ist, findet das nun langweilig und möchte sich fortan als Künstler ganz seinem Werk widmen, um von der Nachwelt nicht vergessen zu werden. Die Freundschaft zu Predraic mit seinem einfachen Gemüt steht seiner Selbstverwirklichung als Musiker im Weg.

Was passiert, wenn einer das plötzliche Ende einer langen Freundschaft nicht verstehen und akzeptieren will und der andere es aber bitterernst meint? Davon handelt der Film, er erzählt von der Schönheit einer kleinen irischen Insel, auf der nur wenige Menschen leben, er erzählt und Chancen und Möglichkeiten, von Enge, menschlichen Schwächen und Destruktion. Am Festland tobt der irische Bürgerkrieg, der manchmal mit Rauch und Detonationen herüberschallt. Dieser findet nun auf der Insel sein Gegenüber in Form von zwei Männern, deren ehemalige Freundschaft mehr und mehr übergeht in Wahnsinn und Gewalt. Kälte und Starrsinn dringen in den Kosmos des kleinen Dorfes ein, in dem die Welt oberflächlich geordnet und harmonisch erscheint, aber sich nun Abgründe auftun. Der Streit eskaliert immer mehr, jede Vernunft geht verloren und schließlich stehen sich die beiden Protagonisten in tödlicher Feindschaft gegenüber. Der herzensgute und tierliebende Padraic rüstet zum Vernichtungsfeldzug.

Colin Farrell spielt Padraic mit einer so großen Wärme und Offenheit, sodass schwer zu verstehen, warum Colm nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Er ist ein guter Mensch, nett, verträglich, friedfertig und möchte, dass alles so bleibt wie immer. Colm Doherty, der von Brendon Gleeson verkörpert wird, ist um einiges älter, seine Verzweiflung und Einsamkeit haben sich tief in sein Gesicht eingekerbt. Er erkennt seine Endlichkeit, möchte dem Mittelmaß entkommen und als Künstler unsterblich werden und nimmt sich die Freiheit heraus, dies gegen alle äußeren Hindernisse und sozialen Gepflogenheiten zu tun.

Es ist dem Regisseur Martin McDonagh zu verdanken, dass man für beide Männer Sympathien entwickeln kann, denn niemand ist eindeutig und klar im Recht bzw. Unrecht. Der Bürgerkrieg, der am Festland tobt, setzt sich auf der friedlichen Insel fort. Die Banshee, die Todesfee, ist allgegenwärtig und verbreitet schon lange Angst und Schrecken.

Nachdem man den Film gesehen hat, ist gewiss: Trotz vieler witziger Dialoge und schöner Landschaft ist die Handlung rau, unvorhersehbar und verlangt einem einiges ab. Aus den ersten dreißig Sekunden von Glück und Heiterkeit ist ein Meer von Schuld und Trauer geworden, die beiden großartigen Schauspieler haben das Ihre dazu beigetragen.

 “But You´re Mine” (Licorice Pizza, 2022)

Wenn man Paul Thomas Andersons hochgelobten Film „Magnolia“ aus dem Jahr 1999 sieht, ist man  ganz nahe an Menschen, die samt und sonders gescheitert sind, man sieht rücksichtslosen, erfolgreichen weißen Männern beim Sterben zu, Frauen, die nicht genau hingesehen haben oder nur auf das Geld der Männer aus waren, und erwachsene Kinder, die an diesen Familienverhältnissen zerbrochen sind: Der Sohn ist ein selbstgefälliger, aggressiver und frauenfeindlicher Sex Guru geworden, die Tochter, menschscheu und neurotisch, hat sich vollkommen in der Drogenwelt verloren.

Nun hat Anderson einen Film gedreht, der uns in die siebziger Jahre nach Los Angeles, genauer gesagt, hinunter ins San Fernado Valley führt. Hauptfiguren sind diesmal vom Leben unverbrauchte Jugendliche. Der Coming-of Age-Film zieht alle Register, die man erwartet: Die erste große Liebe eines Fünfzehnjährigen, die nicht so leicht zu erobern ist, weil die Angebetete schon 25 ist und mit dem aufdringlichen, aber selbstbewussten Grünschnabel noch nichts anzufangen weiß. Dieser kann sich jedoch schon geschickt als Kinderstar vermarkten, hat seine eigene PR-Agentur, gründet eine Firma, die Wasserbetten verkauft, eröffnet einen Flipperladen, will Profit machen und einfach hoch hinaus im Leben. Dabei unterstützt ihn die volljährige Alana und lässt sich für allerlei Dienste und Jobs einspannen. Gemeinsam erleben und überleben sie jugendlichen Leichtsinn, tricksen präpotente Käufer aus und lassen sich so einiges an Schabernack und Zerstörung einfallen. Ständig sind sie unterwegs, im Auto oder Lastwagen, so fährt Alana wegen der Ölkrise wagemutig einen Laster rückwärts den Berg hinunter. Auch wird viel gelaufen, immer aufeinander zu und dann wieder voneinander weg, Ideen werden geboren und wieder verworfen, man trinkt Pepsi mit Eis, lacht viel und hört Wohlfühlmusik von Sunny & Cher bis David Bowie. Ein Leben, wie man es sich für Jugendliche in Los Angeles in den Siebzigern vorgestellt hat, aufregend und leicht, ewiger Sonnenschein, alles ist möglich, viel Freiheit und Spaß miteinander. Nur in der Liebe geht es nicht voran, die Annäherung zwischen den beiden will nicht klappen, obwohl sie ständig zusammen sind. Andere Partner werden ausprobiert, die entweder dem Vater von Alana zu wenig jüdisch oder Gary zu jung und unerfahren sind, sodass nichts dabei herausschaut.

Jugend und Unbeschwertheit zeichnen „Licorice Pizza“ aus, man ist jede Minute mittendrin in dieser bunten Pastellwelt. Man erfreut sich an Alana, die lange Haare und Miniröcke trägt, und auch ohne Make-up umwerfend schön ist, und an Gary, der in engen weißen Hosen, Pickeln im Gesicht und ein bisschen zu viel auf den Hüften einfach nur sexy ist.

Diese beiden Figuren tragen den Film und stellen alle anderen in den Schatten: Alana (gespielt von der Indie-Musikerin Alana Haim) und Gary (Cooper Hoffman, er ist der Sohn von Philip Seymour Hoffman). Beide spielen ihre Rolle, die ihre erste ist, so großartig, dass man jede Sekunde gebannt in ihre Gesichter und auf ihre Körper schaut. Man freut sich über jedes Lächeln, das ihnen das Leben und die Liebe schenkt, fiebert mit, wenn sie wieder einmal durch die Straßen laufen, ist gespannt, was sie sich zu sagen haben, ob sie einander endlich berühren, und fühlt das Knistern, das zwischen ihnen herrscht und nach Erfüllung strebt.

Möglicherweise ist es das, was der Film uns sagen will: Wie wenig man in seiner Jugend erkennen kann und wie sehr man im Nebel der Erwartungen anderer herumschwirrt, seien es gesellschaftliche Konventionen, Familie oder Freunde. Der Film bricht Tabus, deckt Verlogenheiten auf und fordert Wahrhaftigkeit ein. Wie schwer dies schon in der Jugend ist, zeigt der Film anhand dieses ungleichen Paares.

The Power of the Dog (2021)

Lange hat es gedauert, bis dieser Film auch in Österreich zu sehen war. Die Kinos waren wieder einmal geschlossen, denn unser Land befindet sich nun schon im vierten Lockdown. Aber nun ist auch hierzulande der Film endlich auf Netflix zu sehen. Und die Regisseurin, Jane Campion, hat für das Filmdrama in Venedig den Silbernen Löwen für beste Regie bekommen, die Vorfreude also groß.

Der Spätwestern führt uns nach Montana ins Jahre 1925. Dort lebt ein Brüderpaar, das eine einsame Rinderfarm bewirtschaftet. Gleich zu Beginn ist klar, wer das Sagen dort hat. Es ist Phil Burbank (Benedict Cumberbatch), einer, der nicht gerne badet und stinkt, der seinen sanften Bruder George (Jesse Plemons), der auf Sauberkeit und schöne Kleidung Wert legt, dominiert. Phil ist noch ein Cowboy der alten Schule, frei von Sanftheit, Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme. Wozu dies führt, zeigt die nächste Episode, in der die Männer ihr Vieh in eine Kleinstadt treiben, in der die Witwe Rose (Kirsten Dunst) mit ihrem Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) ein kleines, aber feines Hotel führt. Bereits beim Essen kommt es zum Eklat, weil Phil die filigrane Papierblume, die Peter gebastelt hat, als Zigarettenzünder verwendet und er sich über Peters noble Art zu servieren lustig macht. Die Kraft des Hundes ist geweckt. Rose muss über diese Grobheit in der Küche weinen, während Peter draußen mit dem Hula-Hoop-Reifen übt. Alles geht sehr schnell: denn George verliebt sich in die schöne Rose, besucht sie ein paarmal mit dem Auto, bevor er sie dem überraschten Phil als Ehefrau ins Haus bringt. Dieser ist irritiert und verletzt, denn nun muss er alleine in seinem Zimmer schlafen und als Vergeltung dafür, dass er sich ausgeschlossen fühlt, drangsaliert er Rose aufs Widerlichste, die sich mehr und mehr im Alkohol verliert.

Als der schmalhüftige Sohn seine Mutter besucht und ihr Elend mitbekommt, beginnt sich das Blatt langsam und überraschend zu wenden.

Wer jetzt von der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion einen Western erwartet, wird enttäuscht sein. Denn es steht zwar ein echter Cowboy mit seiner Farm im Mittelpunkt, der einen Mann namens Branco Henry nostalgisch verehrt. Dieser habe, so erzählt Phil, ihm einst das Reiten beigebracht und der Sattel des Helden wird in der Scheune wie ein Heiligtum gehegt und gepflegt. Phil möchte so wie Branco sein und darf keine Schwäche zeigen. Er ist ein brutaler Fiesling und ein begabter Banjo spielender Altphilologe, aber wenn er im grünen Gras liegt, ein ganz anderer: träumerisch, voller Sehnsucht sich mit dem Halstuch von Branco berührend, aber streng darauf bedacht, dass ihn niemand dabei sieht. Sein Bruder George weist schon in die Zukunft, indem er Auto fährt und sich einfühlsam und liebevoll um die zerrüttete Rose kümmert.

Auch Phil will aus Peter einen richtigen Mann machen, der keine Angst mehr vor Hunden, Pferden und abschüssigen Hügeln hat. Dieser lässt es mit sich geschehen und er umgarnt dabei Phil mit eindeutigen Gesten und Bewegungen, ohne dass er sein Ziel aus den Augen verliert. Ein Spiel, das zugleich ein Machtkampf ist, beginnt zwischen den beiden, die ihre Motive nicht offenlegen bzw. nicht kennen. Es wird in diesem Western nicht mehr mit Gewehren geschossen, sondern mit Erotik und Verführung. Es geht um Schutz und Zerstörung, um Überleben und Tod und schlussendlich gewinnt der, der sich seiner Identität bewusst ist.

Dass ein so archaisches Thema von einer neuseeländischen Regisseurin aufgegriffen wird, zeigt, dass vieles im Aufbruch und Wandel ist. Toxische Männlichkeit ist passé, der neue Mann ist einer, der Frauen versteht und sich für ihr Glück einsetzt.

Hit the Road (IRN 2021)

Wenn man in das Jahr 2016 zurückblicken und auf meinen Blogbeitrag „DISPLACED“- Vordere Zollamtsstraße 7“ stoßen würde, könnte man darin lesen, was eine Wiener Schulkasse samt ihrer Lehrerin beim Besuch in Österreichs größter Flüchtlingsunterkunft erlebt hat. Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die gerade einen langen Weg hinter sich hatten, erschöpft und erleichtert, dass sie ihn überlebt und dort angekommen waren, wo sie auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Nachkommen hoffen konnten. Wir alle wussten damals noch nicht, was sich in den nächsten fünf Jahren verändern wird, nach der Flucht, viele sind weitergezogen, einige sind geblieben, wenige haben bereits maturiert, andere kämpfen noch immer um ihr Aufenthaltsrecht oder wurden bereits in ihre Heimat zurückgeschickt.

Der Film „Hit the Road”, der gestern im wiedererstrahlten Gartenbaukino im Rahmen der Viennale und in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt wurde, startet am Beginn dieser Reise. Eine Familie, bestehend aus dem Familienpatriarchen (Hassan Madjooni), der Mutter (Pantea Panahiha), zwei Söhnen und Hund, ist unterwegs, zunächst auf einer Landstraße, es scheint Richtung Westen zu gehen.

Ein langer Stopp am Straßenrand gibt erste Hinweise, dass es keine Urlaubsreise sein wird. Es herrscht eine gereizt-distanzierte, aufgeheizte Stimmung im Inneren des Autos. Der älteste Sohn (Amin Simiar), mürrisch und teilnahmlos, ist ausgestiegen und es ergreift einem die Angst, dass er nicht mehr einsteigen wird. Im Auto, einem Leihwagen, zeigt ein überdrehter, neunmalkluger Sechsjähriger (Ryan Sarlak), was er kann. Der Vater, hinten sitzend und wegen eines überdimensionalen Gipses seit drei Monaten bewegungsunfähig an Armen und Beinen, versucht ihn mit Witz und Charme zu beruhigen, was nicht gelingen wird. Die schöne Mutter, wie ihr Mann immer wieder betont, ringt um Fassung, aber zunächst um die Herausgabe des Handys, das der Jüngste heimlich wegen einer Liebschaft bei sich trägt.  Es wird am Straßenrand vergraben. Keine Handys seien erlaubt, heißt es immer wieder. Die Reise führt in die Berge, es ist von einem verkauften Haus der Mutter die Rede, von viel Geld, das bereits bezahlt worden war und man nicht weiß, ob man dem Mittelsmann trauen kann.

Die Mutter fühlt sich verfolgt, man macht an einem heruntergekommenen Ort eine lange Klopause, in der Mutter und Sohn auf einer Bank sitzen. „Geh nicht!“ stößt sie hervor, bevor sie ihn mitrauchen lässt und ihm vorhält, zu viel zu rauchen. Dann sitzt sie allein auf einer Mauer, nach Westen blickend, beobachtet von ihrem Mann, der ihr in ihrem Schmerz nicht beistehen kann. Immer karger wird die Landschaft, sie führt zu Schafen und Männern, die noch mehr Geld wollen und auf Motorcross-Maschinen bedrohlich-verhüllt die Berge hinauf- und hinunterknattern. Mehr sei hier nicht verraten.

Nur, dass Vater und Sohn am Schluss auf einer Sternenfahrt unterwegs ins All sind.

Der junge Regisseur Panah Panahi, es ist sein erster Film und er schrieb auch das Drehbuch, war ganz „berührt von seinem Film“. Er antwortete auf die Frage, ob der Film im Iran gezeigt werde könnte, dass der Film nicht so sehr wegen des Themas, Emigration, sondern wegen der Musik im Iran nicht im Kino gezeigt werden würde. Denn Musik spielt eine zentrale Rolle und in dieser finden die Gefühle ihren Ausdruck, die im Augenblick nicht gelebt werden dürfen. Dass die Mutter schließlich das Steuer in die Hand nimmt und lautstark mitsingt, könnte als Symbol der Hoffnung für dieses Land gedeutet werden. Frauen, die sich im öffentlichen Raum verhüllen und ständig mit Sanktionen rechnen müssen, bietet das Auto die Möglichkeit, ihren unterdrückten Gefühlen freien Lauf zu lassen und Freiheit und Identität zu atmen. Ihre Fahrt geht aber nicht gegen Westen, sondern zurück nach Teheran, woher die Familie gekommen ist.

Viel Applaus erntete eine Frau aus dem Iran, die dem Regisseur für den Film dankte, dass er das einfangen konnte, woran wir bei unserem Besuch im Flüchtlingswohnheim 2016 nicht gedacht hatten: an den Schmerz der Zurückgebliebenen.

Sehnsucht Ferne

Wer jetzt eine Reise tut, braucht nicht viel auszugeben. Täglich erreichen mich Schnäppchen, die mich auf die AIDA zu einer Mittelmeerkreuzfahrt oder zum Inselhoppen nach Griechenland einladen, alles spottbillig und ab morgen („Heute noch im Büro. Morgen schon an Bord.“). Auch die Malediven reizen mit Sonderangeboten, dass einem Hören und Sehen vergeht. Nur in das Sehnsuchtsland USA besteht ein Einreiseverbot für touristische Zwecke, alle anderen Urlaubsdestinationen buhlen um Gäste. Trotzdem ist man hierzulande noch sehr vorsichtig, und ich kenne nur wenige Mutige, die sich auf nach Griechenland, Kroatien oder Italien zum Strandurlaub machen.

Was ist zu tun, wenn die Risiken zu groß scheinen und man sich im eigenen Land am sichersten fühlt? Um die Sehnsucht nach der Ferne zu stillen, hier ein paar Tipps, die helfen könnten.

Besuchen Sie die Ausstellung „Sehnsucht Ferne. Aufbruch in neue Welten“ auf der Schallaburg. Nicht nur, dass die herausgemauserte Burg samt Restaurant und Park eine Augenweide ist und man auf bunten Liegestühlen überall lange verweilen könnte, auch die Ausstellung leistet einen profunden Beitrag, wenn man über das Reisen nachdenken möchten. Unerlässlich ist, dass man sich durch die zugegebenermaßen wirklich dicht bestückte Ausstellung eine Führung leistet, um den Überblick nicht zu verlieren. Ein sehr kundiger Mann in Trachtenjacke eröffnet einen Ausblick in die Geschichte und Problematik des Reisens, von Fantasien, der mutigen Ida Pfeifer, der der große deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt Rosen streute, er berichtet uns von Österreichs Weltumsegelung, der „Novarra“, der ein breiter Raum in der Ausstellung eingeräumt wird. Man erfährt etwas vom Leben an Bord, sieht ein Seemannsmodell des legendären Schiffes und weiß endlich, wie ein Sextant funktioniert und warum viele Seeleute, nicht nur Piraten, auf einem Auge blind waren. Auch von Alexandra David-Neel wird erzählt, die schon 1911 zu einer Studienreise nach Nepal aufbrach und als Bettelnonne verkleidet Lhasa erreichte, das für Fremde verboten war. Man hat Mitleid mit den drei österreichischen Wissenschaftlern, die 14 Monate im ewigen Eis feststeckten und nur durch Vogeleier nicht verhungerten.  Besonders berührend aber sind die Berichte der österreichischen Himalaya-Expedition 1969, die den Gipfelsturm mit dem Leben bezahlte.

Nicht nur erfolgreiche oder gescheiterte Expeditionen werden vermittelt, sondern auch der Problematik der Entdeckungsfahrten und Eroberungen wird berührt. Müssen die Museen dekolonisiert werden? Darf man Mumien ausstellen? Wer erzählt Geschichte? Kolonisierung oder Völkermord? Ausbeutung und Versklavung vieler außereuropäischer Völker im Namen von Christus? Noch sehr vieles, das den heutigen Diskurs bestimmt, wird angesprochen und soll zum Nachdenken anregen.

Kaufen Sie sich den Ausstellungskatalog „Sehnsucht Ferne. Aufbruch in neue Welten“ der die Ausstellung mit reichem Bild- und Quellenmaterial ergänzt und eine wahre Fundgrube ist, über die „Sehnsucht Ferne 2.0“ anhand von Augenzeugenberichten informiert zu werden. Hier eine kleine Auswahl, die ich Ihnen empfehle.

„WEIT. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“. Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser machten sich 2013 von Freiburg auf, um die Welt ohne Flugzeug zu erkunden, nur zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Autostopp und Schiff. Nach 100 000 Kilometern kehrten sie dreieinhalb Jahre später mit ihrem in Mexiko geborenen Sohn in ihre Heimatstadt zurück. Beide haben ihre Reise in einem Film mit dem obigen Titel festgehalten. Unbedingt sehenswert.

„fernOst: Von Berlin nach Tokio“ (Netflix): Ein vierköpfiges deutsches Reporterteam brach 2013 mit zwei Geländewagen von Berlin auf, um auf dem „Asian Highway“ bis nach Tokyo zu fahren. Die Miniserie führt durch Länder und Gegenden, die man selbst wohl nie erkunden wird können. Sehr spannend und höchst professionell gemacht.

Sollte man nun Lust bekommen haben, etwas zu erleben, kann man sich gleich aufmachen, um Österreich zu durchwandern. Zum Beispiel den Salzkammergut BergeSeenTrail, einen Weitwanderweg, der von einem Ende (Gmunden) zum anderen (Tauplitzalm) des Salzkammerguts führt. Am Sonntag habe ich die zweite Etappe geschafft: insgesamt 18 Kilometer, jetzt bleiben nur noch um die 330. Viele Wanderlustige trifft man heuer nicht, dafür entschädigen der Märchensee (Tauplitz) und liebliche Almhütten (Ödernalm).

Warum wir „The Expanse“ gerade jetzt brauchen

Mein Interesse an Weltraumabenteuern war bis vor einem Monat recht begrenzt. Zwar wurden alle „Star-Wars“-Filme und Hollywood-Blockbuster mit dieser Thematik konsumiert, waren aber schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwunden. In den Bann ziehen konnte mich keine dieser außerirdischen Geschichten. Nun aber erreichte mich „The Expanse“, die wohl beste Science-Fiction-Serie seit ewigen Zeiten.

Die Serie gibt es schon seit 2015: Zuerst als Fernsehserie von „Syfy“ produziert, aber wegen Publikumsschwund nach der dritten Staffel abgesetzt. Erst eine Unterschriftenaktion der Fans und ein Flugzeug mit „Save-the-Expanse“-Banner, das einen Tag über dem Hauptquartier von Amazon in Los Angeles kreiste, rettete den Fortbestand der Serie. Es heißt, dass Jeff Bezos selbst ein großer Liebhaber von „The Expanse“ sein soll. Was macht die Serie so besonders?

Ist es der komplexe Stoff, sind es die Schauspieler oder das Gesamtkonzept? Verweist es auf etwas, das uns in naher Zukunft eine Möglichkeit sein wird, nachdem zum ersten Mal Windgeräusche vom Mars zu hören waren? Denn im 24. Jahrhundert ist dieser tatsächlich von Menschen, nicht Marsmännchen besiedelt. Der Mars ist eine ehemalige Kolonie der Erde, der seine Unabhängigkeit erklärt hat und nun als eine starke Militärmacht selbstbewusst auftritt. Tief im Sonnensystem leben auch die sog. Belter, Minenarbeiter, die nach Luft, Wasser und anderen Rohstoffen graben, unterdrückt und ausgebeutet von den beiden Großmächten. Die Erde ist zwar noch immer eine Supermacht, aber übervölkert, korrupt, verkommen, mit einer UN-Zentralregierung und einem Außenposten auf dem Mond. Erde und Mars liegen am Beginn der ersten Staffel nach einem blutigen Kampf in einem Zustand der Kalten Krieges. Soviel zu den politischen Gegebenheiten, das Gleichgewicht der Mächte wird sich mehr und mehr verschieben.

Die Crew der „Rocinante“

Die Handlung von „The Expanse“ dreht sich in erster Linie um die multinationale Besatzung der „Rocinante“, einem gestohlenen Mars-Kriegsschiff. Neben Captain James Holden sind der Pilot Alex Kamal, der Mechaniker Amos Burton und die Technikerin Naomi Nagata mit an Bord. Das Leben im Weltall ist für alle hart, es gibt ein ständiges Ringen um die lebensnotwendigen Ressourcen, Wasser und Luft und die Bedrohung steckt hinter jedem Felsen. Nun sind auch Spuren außerirdischen Lebens aufgetaucht: Das Protomolekül nistet sich in menschlichen Körpern ein und bildet einen riesigen Organismus, der als ein selbststeuerndes Geschoss die Erde bedroht. Die aufstrebenden Mächte des Alls wollen einen Teil des Protomoleküls, denn es bringt Herrschaft und Macht. In diese Auflösung gerät die Mannschaft der „Rocinate“, die sich aus Bewohnern des Sonnensystems zusammensetzt. James Holden und Amos stammen von der Erde. Naomi kommt aus dem Belt und unterstützt die dortige Befreiungsorganisation, und Alex, der Pilot des Raumschiffes, ist Marsianer. In den ersten beiden Staffeln deckt diese Crew zusammen mit Detektiv Miller eine Verschwörung auf. Und in den weiteren Staffeln wächst im Hintergrund eine tödliche Gefahr heran, denn ein riesiger Stein, von bösen Mächten losgelassen, rast auf die Erde zu und droht diese zu zerstören.

Die Geschichte ist möglicherweise ein wenig komplex und es braucht vielleicht etwas Mühe und Anstrengung mitzukommen. Aber überwindet man diese anfängliche Hürde, begibt man sich in ein Universum, das vielleicht bald nicht mehr Zukunftsmusik sein wird. Denn die Menschen, die dort freiwillig oder gezwungen leben, haben viele Sehnsüchte und Wünsche. Ihr größter ist, auch so wie die Terraner leben zu können und sie tun alles dafür. Ein Meer, einen Himmel, Luft, Pflanzen und Tiere zu haben, einen Platz, wo man ungestört leben und lieben kann. Nicht bedroht vom sogenannten „Spacen“, den Sturz ins All ohne Schutzanzug, der mit einem schnellen Kälte-und Erstickungstod endet.

Menschlich geht es zu im Weltraum, es gibt Wut, Freude, Enttäuschung und einige seltene Glückmomente. Und vor allem viele starke Frauenfiguren, heißen sie jetzt Avrasavala, Naomi, Drummer oder Bobby.

Wenn man „The Expanse“ sieht und das Abenteuer sucht, dann wäre das Weltall schon das Richtige. Die Raumschiffe spielen alle Stücke, es gibt keinen Unterschied der Geschlechter und man kann sich als Krieger/in und Eroberer/in ununterbrochen bewähren. Faszinierend an der Serie sind die technischen Neuerungen und der Pioniergeist in den Kolonien. Mit der „Rocinante“ ist man fünf Staffeln unterwegs im Sonnensystem, weit weg und doch ganz nah am Leben. Auch so lässt sich in der gedämpften Coronazeit ein aufregendes Leben führen.

Mehr als ich manchmal verkraften kann …

Erinnert man sich an die achtziger und frühen neunziger Jahre in der Hauptstadt zurück, ist die Frauenbewegung omnipräsent. Gern und häufig wurden die Frauenbuchhandlung, – demonstrationen und -feste besucht und sogenannte Frauenliteratur in Unmengen verschlungen. Es gab ein starkes Solidaritätsgefühl unter Frauen. Und eine Frau schien der Motor dieses feministischen Aufbruchs in Österreich zu sein: Johanna Dohnal, über die in den Medien, in Stadt und Land im Guten, mehr noch im Bösen gesprochen wurde. Jetzt hat die Regisseurin Sabine Derflinger unter dem Titel „Die Dohnal“ eine Dokumentation über das Leben und Wirken dieser Ausnahmepolitikerin herausgebracht.

Für alle diejenigen, die Johanna Dohnal noch nicht kennen: Sie war eine SPÖ-Politikerin, ab 1979 Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen, ab 1990 erste österreichische Frauenministerin, bevor sie 1995 von Bundeskanzler Franz Vranitzky entlassen wurde, indem sie davon aus der Zeitung erfuhr. Die Dokumentation verfolgt ihren Aufstieg in der Partei von der Bezirksrätin bis ins Ministerium und lässt viele Mitstreiterinnen der damaligen Zeit und junge Feministinnen von heute zu Wort kommen. Es wird gezeigt, gegen welche Widerstände sie ankämpfen musste, aber vor allem welche weitreichende Umgestaltung der österreichischen Gesellschaft durch ihre Politik möglich war. Einige Reformen seien hier genannt:  das gesetzliche Verbot von sexueller Belästigung, das Betretungsverbot bei Gewalt in der Ehe, die Beseitigung der Amtsvormundschaft bei ledigen Mütter, Gleichbehandlungsgetze für den öffentlichen Dienst und die Frauenquote an Universitäten und in Ministerien, die Einführung von Frauenhäusern und Väterkarenz. Ihr Einsatz für Gleichberechtigung und die Verbesserung der Situation der Mädchen und Frauen war unermüdlich und aufreibend. Wir erleben sie im Club 2, in Interviews, aber auch im Gespräch mit Bäuerinnen und Arbeiterinnen. Immer ist sie authentisch, neugierig, schlagfertig und um Aufklärung bemüht. Interessant sind auch die Aussagen aus ihrem familiären Umfeld, ihrer Tochter, Enkelin, Lebensgefährtin, ihrer Mitarbeiterinnen, die uns den Menschen Johanna Dohnal hinter der politischen Bühne näherbringen. Sie lassen uns erfahren, dass der Druck auf sie enorm war, dass jeden Tag Unmengen Post von Rat suchenden Frauen im Ministerium einflatterten, die beantwortet werden mussten und  teilweise auch aus schierer Unmöglichkeit, von ihren Mitarbeiterinnen zum Verschwinden gebracht wurden. Ihre Enkelin beklagt, dass heute niemand mehr den Namen ihrer Großmutter kenne, ihre Lebensgefährtin berichtet von Kotzattacken nach schwierigen Sitzungen und  sie selbst antwortet in einem Interview auf die Frage, ob die „ewige Frauenfrage“  ihr ganzes politisches Leben ausfülle mit: „Mehr als ich manchmal verkraften kann“.

Weil Johanna Dohnal als Politikerin und Privatperson gezeigt wird, scheint es nicht verwunderlich, dass das Interesse an dem Film so groß ist. Und wenn man ein Interview mit einem österreichischen Politiker bzw. einer Politikerin derzeit mitverfolgt, kann man sich nur wundern, was in der Zwischenzeit passiert ist. In den Aussagen von Johanna Dohnal werden drängende gesellschaftspolitische Fragen benannt, wodurch den Angreifern Tür und Tor geöffnet wird. Schon das allein zu erleben, wie ehrlich und verletzbar sie agierte,  tut wohl. Johanna Dohnal war eine „Politikerin mit Haltung und Herz“, mit Ecken und Kanten, stolz und verzweifelt, klug und voll unbändiger Energie, aufgebrochen, dem Patriarchat in Österreich den Garaus zu machen.

Die Dohnal

Die besten Filme von 2019

In meinem letzten Blog habe ich mich mit den besten Serien des Jahres 2019 auseinandergesetzt. Möglicherweise waren Überraschungen darunter. Bei den von mir nominierten Filmen sollte es keine geben.

Den dritten Platz nimmt ein gesellschaftskritischer Film aus Korea ein, über den ich schon in einem früheren Beitrag ausführlich geschrieben habe: „Parasite“ ist witzig, spritzig gemacht und hat eine tiefgründige Botschaft, die man sich erst einmal erschließen muss.

An die zweite Stelle reihe ich Quentin Tarontinos „One upon a time in Hollywood“,  der uns nach Los Angeles in den Siebzigern entführt und von den schönen und hässlichen Seiten dort erzählt.

Den ersten Platz nimmt ein Film ein, der von der Kritik hochgelobt wird, aber ein tieftrauriges Thema behandelt, eine Trennungsgeschichte. „Marriage Story“ ist aber so unkonventionell, dass man gleich am Beginn glaubt, in eine Liebesgeschichte hineingeraten zu sein.

Wir lernen den Theaterregisseur Charlie (Adam Driver) und seine Frau Nicole (Scarlett Johansson) kennen, die in einer gemütlichen Wohnung in New York mit ihrem achtjährigen Sohn Henry leben.  Beide sagen uns gleich am Beginn, was sie am anderen schätzen. Es gibt viel Gutes zu erzählen und so sind uns die beiden Figuren gleich von Anfang an sympathisch. Erst nach und nach entdecken wir ihre Schattenseiten, die zur Trennung führten. Nicole geht mit ihrem Sohn in ihre Heimatstadt Los Angeles zurück, um eine Serie zu drehen. Dort reicht sie auch die Scheidung ein, die dem nachgereisten Charly völlig unvorbereitet trifft. Was nun folgt, ist ein Drama, das beiden viel Kraft und Geld kosten wird.

Driver und Johansson verkörpern diese Auseinandersetzung mit einer Intensität, dass man ihnen jedes Wort glaubt und mit beiden mitfiebert: Man erlebt ihre Liebe und Vertrautheit, aber auch ihre Wut und Enttäuschung und zunehmende Verbohrtheit. Letztere wird noch durch Anwälte befeuert, die mit allerlei Tricks die Interessen ihres Klienten durchzusetzen versuchen. Und auch dies kann man verstehen: Nicole lässt sich von der berühmten Scheidungsanwältin Nora Fanshow (Laura Dern) vertreten, der gegenüber sie sich zum ersten Mal öffnet und wir so die Gründe für das Scheitern der Ehe erfahren.

Schließlich, als die Situation um das Sorgerecht für Charlie immer brenzliger wird, nimmt auch er sich einen schmierigen Anwalt (Ray Liotta), der viel Geld kostet und den Scheidungskrieg eskalieren lässt. Obwohl sie anfangs geglaubt haben, alles einvernehmlich lösen zu können, finden sie sich schließlich als Gegner im Gerichtssaal wieder, wo die Anwälte mit der anderen Partei nicht glimpflich verfahren. Charlie und Nicole sitzen am Rand und müssen miterleben, wie ihre Vertreter zu den härtesten Bandagen greifen. Man merkt ihnen schmerzlich an, dass sie es nicht so weit kommen lassen wollten.

Dem Regisseur Noah Baumbach, der auch das Drehbuch geschrieben hat, gelingt es, auf eine sehr subtile Art diesen Trennungsprozess zu zeigen. Niemand ist der einzig Schuldige, beide haben ihren Anteil am Scheitern. Gerade dies ist es, was den Film so glaubwürdig und sehenswert macht: Erst allmählich dämmert auch Charlie, dass nicht alles so sicher und selbstverständlich war, wie er immer geglaubt hatte. Auch er macht eine Wandlung und Läuterung durch. Und Nicole muss erkennen, dass Freiheit und Selbstverwirklichung einen Preis abverlangen.

Dass wir beide Figuren auf diesem Weg begleiten und sie nicht verurteilen,  ist nicht nur den fantastischen Schauspielern zu verdanken, sondern auch dem großartigen Drehbuch. Adam Driver und Scarlett Johansson sind heiße Oscarkandidaten. Darauf wette ich.

Die beste Serie des Jahres: One Mississippi

Ab Dezember bis zum Jahresende wird wieder gevotet werden: seien es die besten Filme oder die besten Serien, einer oder eine wird zum Sieger des Jahres gekürt werden. Heute möchte ich Ihnen meine Favoriten des Jahres vorstellen. Von mir ins Rennen werden folgende Serien geschickt:

 „Handmaid`s Tale“ (Saison 2 und 3), die seit dem Erscheinen der ersten Staffel 2017 viele in den Bann gezogen haben und in eine dystopische Zukunft entführen.

„Undone“, die mit Rotoskopie animierte Dramady-Fernsehserie,  in der die Heldin nach einem Unfall fähig ist, in die Vergangenheit zu reisen.

„One Mississippi“ mit  Stand-Up-Comedien Tig Notaro, die in der Serie ihre Lebensgeschichte erzählt.

Über „Handmaid`s Tale“ ist schon soviel geschrieben worden, dass ein weiterer Beitrag nicht wirklich mehr notwendig ist.  Sollten Sie „Undone“ noch nicht gesehen haben, dann nehmen Sie sich die Zeit, da selbst die „Time“ die Serie zur „perfekten Sci-Fi-Serie für 2019“  ernannt hat, ein ästhetisches Vergnügen der ganz neuen Art, das Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

„One Mississippi“ ist möglicherweise in unseren Breiten noch nicht so bekannt, verdient aber besonders in Tagen wie diesen mehr Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil die Serie im heißen Süden der USA spielt, und allein das bunte Treiben in New Orleans einem die grauen Tage in Wien erhellen lässt, sondern auch wegen der Charaktere, die dem wirklichen Leben entsprungen sind. Und es scheint allen in der Phase, in der sie wieder aufeinander treffen, nicht gut zu gehen. Tig (Tig Notaro) ist nach einer Brustkrebserkrankung knapp dem Tode entkommen, aber noch sichtlich geschwächt an Leib und Seele. Sie reist in ihre Heimatstadt, um ihrer im Koma liegenden Mutter beizustehen, bevor die Atmungsmaschine abgedreht wird. Ihr esssüchtiger Bruder Remy (Noah Harpster) ist Geschichtslehrer und Single, der mit seinem neurotischen Stiefvater Bill (John Rothman) in einem Haus lebt. Beide machen sich in der Sterbenacht aus dem Krankenhaus davon und kehren nicht wieder zurück. Damit beginnt für Tig eine sehr schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, die in das Dunkle und Abgründige ihrer Familie führt.

Was ihre Geschichte so sehenswert macht, ist, dass in all der Trauer und Verzweiflung über die Widrigkeiten des Lebens viel Humor steckt. Das Leben meinte es nicht gut mit ihr, es gäbe viel Anlass, sich zu bemitleiden und gehen zu lassen. Aber sie weicht ihren Ängsten nicht aus, sondern tut, was jeden Tag getan werden muss. Essen, Kontakte erneuern, ausgehen und arbeiten. So versucht sie wieder auf die Beine zu kommen. In einer Radioshow erzählt sie mehr und mehr Episoden aus ihrer Vergangenheit, die so wahr und schrecklich klingen, dass die Sendung alle Werbeeinnahmen verliert, weil das Publikum dies nicht hören will. Sie steht offen zu ihrer Homosexualität, obwohl diese im konservativen Süden von vielen noch weitgehend vor der Öffentlichkeit versteckt wird. Und als sie sich dann wieder (unglücklich) verliebt, werden ihre Gefühle so intensiv gelebt, dass ich auf Wikipedia nachschauen musste, ob diese Liebe tatsächlich existiert.

Sehen Sie sich Staffel 1 und und 2 auf Amazon an und schreiben Sie mir, ob Sie meine Einschätzung teilen.

Wenn Arm auf Reich trifft

Wieder einmal befinden wir uns in Südkorea, wo Arm und Reich aufeinandertreffen und ihr Dasein neu ausverhandeln. Der Film „Parasite“ handelt davon, er hat über zehn Millionen Zuschauer dort ins Kino gelockt und in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Was hat der Regisseur Bong Joon-ho, der berühmt durch „Snowpiercer“ und „Okja“ wurde, uns zu berichten?

Die vierköpfige Familie Kim wohnt in einer beengten, zugemüllten Kellerwohnung in Seoul, sie besteht aus Vater Ki-taek, Mutter Chung-sook  und den zwei erwachsenen Kindern,  TKi-woo und Ki-jung. Die Eltern sind arbeitslos, die vier halten  sich mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons gerade noch über Wasser. Der kärgliche Lohn wird mit Bier und einem wieder funktionierenden Internet gefeiert. Eigentlich könnte man sagen, es geht ihnen gut, sie sind fröhlich, haben zu essen und mögen einander.  Als der Sohn Nachhilfelehrer im reichen Haushalt der Parks wird, wittern sie ihren Aufstieg in die über der Stadt liegende Villengegend. Mit List und Intrigen werden sie die früheren Hausangestellten los und nach und nach alle Familienmitglieder eingeschleust. Der Vater als Fahrer, die Mutter als Haushälterin, die Schwester als Zeichenlehrerin für den verhaltensauffälligen Sohn. Nun können auch sie vom Kuchen mitnaschen, so denken sie und machen sich daran, das Geld umzuverteilen. Als die Parks auf Campingurlaub fahren, nisten sie sich in der kühlen Architektenvilla ein, bevölkern den getrimmten Rasen und trinken die Whiskeyvorräte leer. Gerade ihren Triumph feiernd, steht die ehemalige Haushälterin vor der Tür und bittet um Einlass,  denn sie habe im Keller etwas Wichtiges vergessen. Die dahinplätschernde Komödie nimmt von nun an eine Wendung ins Horrorgenre.

Die Kamera folgt der Geschichte der armen Kims, denen wir einige Sympathie für ihr skupelloses Handeln entgegenbringen. Die Reichen haben es sowieso schön und sie sind nicht einmal böse oder gemein zu ihren Angestellten. Mr. Park hat den Aufstieg aus eigenem Antrieb geschafft, seine Frau ist lieb, naiv und besorgt um ihre Kinder. Aber die Parks definieren genau die Grenzen. Ihre Luxusvilla ist von hohen Mauern umgeben, in ihr ist alles streng arrangiert und sehr, sehr edel. Die Kims können sich schön kleiden, selbstbewusst und clever auftreten, aber eines können sie nach Ansicht des Hausherrn nicht verbergen: ihren Stallgeruch. Der Geruch der ärmlichen Wohnverhältnisse im Souterrain hat sich ihnen eingegraben und markiert ihr Revier. Damit wollen die Parks nichts zu tun haben, sie dulden zwar ihre Bedienstete im Haus, solange sie ihnen dienen und alles tun, was die Herrschaft anordnet. Als die Kims Gefallen am Reichtum finden, stehen ihnen andere im Weg, die ebenfalls ihren Platz im Trockenen und an der Sonne einnehmen wollen. Mit dem sintflutartigen Regen, der die Vertreibung aus dem Paradies einleitet, spitzen sich die Ereignisse zu.

Mündet der Film in Trostlosigkeit über die Klassenverhältnisse im modernen Korea? Wenn man sich von der Macht des Geldes verführen lässt, vielleicht ja. Der Sohn sinniert am Ende, wie er reich werden könnte.  Durch den Besuch einer koreanischen Eliteuniversität, durch eine reiche Heirat? Beides schließt der Film aus. Aber: Die Armen könnten weiterhin Luftschlösser bauen, sich im Keller verstecken, an eine rosige Zukunft glauben, solange, bis sich die Kellertüre öffnet und der Kampf ums Überleben aufs Neue beginnt. Es sei denn …