„Noch lange keine Lipizzaner“ (Olga Kosanović, 2025)

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem sperrigen Titel und der Aussage einiger autochthoner Österreicher*innen, dass einem die österreichische Staatsbürgerschaft nachgeschmissen wird? Die junge Filmemacherin Olga Kosanović geht dieser Frage nach. In Wien war die Vorstellung von jungem Publikum ausverkauft, und auch im Grazer Rechbauerkino wurde mir an der Kassa erzählt, dass der Film sehr gut ginge. Warum ist gerade ein Dokumentarfilm über die österreichische Staatsbürgerschaft derzeit so beliebt?

Der Anlass des Films ist ein persönlicher: Kosanović, eine Wienerin mit serbischem Pass, entschließt sich, Nägel mit Köpfen zu machen. Sie möchte österreichische Staatsbürgerin werden. Einfach gedacht, schwer getan. Ihr wird ihr Nichtwissen über das Staatsbürgerschaftsgesetz zum Verhängnis. Denn sie hatte in Hamburg Film studiert und somit in den letzten Jahren zu wenig Zeit in Österreich verbracht. Mehr und mehr muss sie erkennen, dass die Voraussetzungen für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft strikt sind: ein zehnjähriger rechtmäßiger Aufenthalt in Österreich, Deutschkenntnisse auf B1-Niveau, Unbescholtenheit, ein gesicherter Lebensunterhalt, eine positive Einstellung zur Republik Österreich… Und was der Filmemacherin schließlich doch zu schaffen macht, die Rückgabe der serbischen Staatbürgerschaft.

In Form einer „Volksbefragung“ und Interviews mit Experten, nachgespielten Szenen, Schautafeln und Zeichentrick-Sequenzen wird gezeigt, welche Hintergründe das strenge Staatsbürgerschaftsgesetz und welche Auswirkungen es auf Betroffene hat, die gerne Österreicher*innen werden wollen. Experten (Politikwissenschaftler, Anwälte, Politiker und eine Migrationsforscherin) erklären, welche geschichtlichen und soziale Hintergründe das österreichische Staatsbürgerschaftgesetz hat. Dadurch wird die Ebene der persönlichen Betroffenheit erweitert zu Fragen der Nationsbildung- und Identitätsbildung. Der ehemalige Nationalratspräsident Andreas Kohl drückt es so aus: „Österreich war ein Staat, den niemand wollte“. Da die österreichische Identität lange nicht gesichert war, sei die starke Abgrenzung wichtig für die Nationsbildung gewesen.

Abstammung vor Geburtsrecht

Anders als etwa in Amerika, wo jedes Neugeborene automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, ist es in Österreich so, dass ein Elternteil Österreicher*in sein muss. Wenn beide Elternteile eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, bekommt das Kind die Staatsbürgerschaft der Eltern. Einzig türkischen Staatsbürger*innen wird eine Doppelstaatsbürgerschaft zugestanden. In der Dokumentation kommen ältere Österreicher*innen und junge nicht österreichische Staatsbürger*innen zu Wort. Erste haben verständlicherweise wenig darüber nachgedacht, Letztere fühlten sich nicht zugehörig, obwohl sie meist ihre ganze Kindheit und Jugend in Österreich verbracht haben. Das mache ihre Integration schwerer, obwohl sie hier in die Schule gegangen sind und perfekt Deutsch sprechen. Immer wieder betonen sie, dass es für sie ein großer Unterschied wäre, wenn sie österreichische Staatsbürger*innen wären und wählen gehen könnten.

Was ist Österreichisch?

Ein Internet-User hatte mit dem Kommentar „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner“ den Titel anregt.

Die Filmemacherin machte sie auf Suche, um typisch Österreichisches aufzuspüren. Sind es die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule, die vor allem von Touristen besucht werden? Sind es die Berge und Seen? Es werden viele Klischees angeführt, die sich dann als brüchig und widersprüchlich herausstellen. Kommen die Lipizzaner nicht aus Slowenien? Und war Österreich nicht immer ein Vielvölkerstaat? Sind wir Österreicher*innen nicht alle Nachfahren von Fremden? Und betonen wir im Ausland nicht immer, dass wir Österreicher und keine Deutschen sind?

Alles ist kompliziert und widersprüchlich, sowohl die Sehnsucht der einen als auch die Angst der anderen. „Noch lange keine Lipizzaner“ ist unterhaltsam, kurzweilig und soll zum Nachdenken anregen.

Eines sei aber gewiss:

Die österreichische Staatsbürgerschaft wird einem nicht nachgeschmissen. Fragen Sie bei der MA 35 nach.

One Battle After Another (Paul Thomas Anderson, 2025)

Man ist dieses Kinojahr nicht gerade verwöhnt worden. Welch eine Überraschung, als ich gestern aus dem Kino kam. Ich war beschwingt und bester Laune, obwohl die Temperaturen knapp über Null lagen. Was für ein großartiger Film, dachte ich auf meinem nächtlichen Heimweg und ließ Bilder und Musik nachwirken.

Was unterscheidet diesen ActionComedyThriller von den anderen Filmen, die ich in letzter Zeit gesehen hatte? Schenkte er mir neue Eindrücke über die derzeitige Lage in Amerika? War es eine besonders gute Story, die hier erzählt wurde? Waren es die Schauspieler*innen, die Regie, Kamera oder Filmmusik?

Es lebe die Revolution!

Am Anfang finden wir uns wieder in einem faschistoiden Amerika, in dem eine linke Anti-Regierungsgruppe für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. Mit Waffengewalt holt sie Migranten aus Abschiebelagern, verübt Bombenanschläge an Strommästen und nächtlichen Regierungsbüros und raubt Banken aus. Die sogenannte „French 75“ unter der Führung der exzentrischen Perfidia Beverly Hills bekommt schnell einen erbitterten Gegner, eine schwer bewaffnete Militäreinheit unter der Führung von Colonel Lockjaw. Perfidia spielt in einer großangelegten Aktion ihre weiblichen Reize aus, beraubt Lockjaw seiner Kappe und Waffe, demütigt ihn und feuert sein Begierde an. Dieser muss aber beobachten, dass Perfidia und ihr Sprengstoffexperte Ghetto Pat alias Bob Ferguson ein Paar sind und sie schwanger ist. Nach einem schief gelaufenen Banküberfall fliegt die Truppe auf, Perfidia (= der Verrat) kooperiert mit den Behörden, die Mitglieder von „French 75“ werden eliminiert, nur Bob kann unter falscher Identität mit seiner Tochter untertauchen. 16 Jahre später, Bob ist versoffen und hirnweich von Marihuana und Alkohol, das Baby eine selbstbewusste junge Frau, Willa, hat Lockjaw endlich das Versteck der beiden gefunden. Er hat nun höhere Ziele, denn er will in einem ultrarechten Club („Christmas Adventures“) aufgenommen werden, nur die beiden könnten seinem Ehrgeiz im Wege stehen.

  … und was daraus wurde

Perfidia (Teyana Taylor) ist eine toughe (Anti)Heldin: Sie kommt aus einer Familie von Revolutionären, ist eine Kämpferin mit einem Sendungsbewusstsein, das mit einem absoluten Machtanspruch einhergeht. Sie ist maßlos, wild und bereit zu töten, wenn es die Situation erfordert. Nach dem ersten Drittel verschwindet sie, nicht ohne das Schicksal der anderen maßgeblich für immer geprägt zu haben. Sie wird in radikalen linken Gruppe als die „Ratte“ bezeichnet.

Ihr Freund Bob Ferguson (Leonardo DiCaprio) passt nicht so recht zu ihr. Er ist der Bombenbauer der Gruppe, ein Revoluzzer mit Dutt, der immer zu spät kommt. Später, im Untergrund lebend, gibt er sich Drogen und dem Alkohol hin und wird paranoid. Er hat seinen revolutionären Drive verloren, wie auch Codes vergessen, die ihm bei Gefahr Zuflucht bieten könnten.  

Colonel Lockjaw (Jean Penn), ein skrupelloser Militär, zeichnet sich bei der Verfolgung und Vernichtung von „French 75“ aus. Er ist ein einziges Muskelpaket voller Rachsucht und Komplexe, dessen innere Unsicherheit sich in seinem steifen Gang und seiner Körpersprache widerspiegeln. Er geht einem Roboter gleich und hat zahlreiche Ticks. 

Eine vierte Figur sticht aus dem ohnehin fantastisch spielenden Cast heraus: Sensei Sergio (Benicio del Toro), Willas Karatelehrer, der mit Gleichgesinnten untergetauchte Flüchtlinge versteckt und gut in seiner Gemeinde vernetzt ist. Er ist der coole und zukunftweisende Held, der immer alle Fäden in der Hand hält und das Leben von vielen Bedrohten schützt. Sein ruhiges Zusammenspiel mit Bob, der voller Panik agiert, erwärmt das Herz und gibt dem Film seine humorvolle Würze.

Der Tochter von Perfidia und Bob, Willa (Chase Infiniti), bekommt die Schuld ihrer Eltern übertragen und weiß nicht, was ihr passiert („Who are you?“ „I am your dad!”). Sie wird das revolutionäre Erbe ihrer Mutter auf ihre Weise fortsetzen.

Von ohrenbetäubendem Lärm in die unendliche Weite

Der Film beginnt mit einer nächtlichen Befreiungsaktion in einer lauten, Leib und Leben bedrohenden Stadt. Etwa ein Drittel des Film spielt hier, alles geht in rasendem Tempo voran, Gewalt und Gefahr sind allgegenwärtig. Dann wechselt der Schauplatz in eine Kleinstadt, zu einer im Wald versteckten Hütte und einem ländlichen College. Hier ist alles friedlich und familiär, bis die Regierungstruppen gewaltsam einbrechen. Die Schlussszene führt uns ins grelle Tageslicht einer Wüste, auf eine Berg- und Talfahrt, das Tempo wieder rasend schnell, verstärkt durch die irritierenden, peitschenden Klaviertöne von Jonny Greenwoods Filmmusik.

Was PTA auszeichnet

Nach dem von mir gefeierten „Licorice Pizza“ (siehe meine Beitrag „But You’re Mine“), nach „Boogie Nights“, „Magnolia“, und „There Will Be Blood“ erwartete ich einiges von diesem Regisseur. Mit „One Battle After Another“ übertraf Paul Thomas Anderson (PTA) alle meine Erwartungen. Der Film ist spannend, sehr, sehr witzig, völlig unvorhersehbar in Bezug auf die Handlung und die Schauspieler*innen in Höchstform. Gedreht wurde er während der Regierung von Joe Biden im Format Vista Vision. Er dauert kurzweilige 2, 5 Stunden und gilt bei vielen jetzt schon als der beste Film des Jahres. Meine wärmste Empfehlung.

„Ich will alles. Hildegard Knef“ (Luzia Schmid, 2025)

Wer kennt noch Hildegard Knef? Wohl nur die älteren Semester und nur sie waren in dem kleinen Kunstkino in Graz vertreten. Viele von ihnen hatten vor Jahrzehnten ihre Filme gesehen, ihre Lieder gehört oder ihre autobiographischen Bücher gelesen. Sie war der erste Star des deutschen Nachkriegskinos, sehr, sehr schön und ehrgeizig. Auch Angela Merkel hatte sich ein Lied von ihr zu ihrer Abschiedszeremonie gewünscht (siehe meinen Beitrag „Freiheit. Erinnerungen 1954 – 2021). Die Dokumentation „Ich will alles. Hildegard Knef“ von Luzia Schmid gibt anhand von Interviews, Archivaufnahmen und autobiographischen Texten Auskunft über Leben und Leiden der Hildegard Knef.

„Trümmerstar“

Hildegard Knef kam schon in sehr jungen Jahren zu großem schauspielerischen Ruhm, angefangen von „Unter den Brücken“ (1946), über die „Die Mörder sind unter uns“ (1956) bis hin zu „Die Sünderin“ (1951). Hier ist sie für 6 Sekunden nackt zu sehen, der Film handelt von Prostitution und Selbstmord und verursachte im biederen Nachkriegsdeutschland Empörung und Boykottaufrufe. Dem schnellen frühen Erfolg in Deutschland („Trümmerstar“) folgte ein ebenso rasanter Abstieg in Hollywood. Dort bekam sie keine Rollen, lernte nichts, außer Englisch, dafür hätte sie aber nicht drei Jahre in Amerika sein müssen, wie sie ernüchtert in einem Interview feststellt. Sie wird schließlich von Willi Forst nach Deutschland zurückgeholt, kann aber mit den folgenden Filmen nicht an ihre großen Erfolge anschließen („Ich habe mit bedeutenden Regisseuren leider nicht sehr bedeutende Filme gemacht“).

Broadwaystar

Cole Porter ist fasziniert von ihrer Stimme, er engagiert sie für sein Musical „Silk Stockings“, und sie wird in 675 Vorstellungen am Broadway gefeiert. So beginnt ihre zweite Karriere als Chansonsängerin. Sie schreibt die meisten Texte ihrer Lieder selbst und leidet jedes Mal vor einem Bühnenauftritt Höllenqualen („Ich frage mich jeden Abend, was soll das eigentlich, warum leidest du so? Aber wenn ich dann wieder draußen bin, dann ist wieder gut“). Ihre Chansons handeln von Hoffnung und Verzweiflung, vom Aufbruch und Scheitern und sind nicht ohne Selbstironie. Sie hat eine starke Bühnenpräsenz, verzaubert das Publikum mit ihrer rauchigen Stimme (und diesen Wimpern!), bringt zum Ausdruck, wie es vielen Frauen nach dem Krieg geht. Die tiefen Verletzungen wirken in die Aufbruchstimmung hinein und fordern ihren Tribut an Körper und Seele. Sie ist meist in Weiß gekleidet und gibt alles. Ein Interview folgt dem nächsten, immer rauchend und unbezahlt, wie sie erzählt, ihre Antworten entwaffnend ehrlich, intelligent und selbstbewusst.

Schriftstellerin

Als alle glaubten, Hildegard Knefs Karriere sei endgültig vorbei, landet sie mit ihrer Autobiographie „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ (1970) einen Weltbestseller. Wieder hat sie sich mit ihrem blonden Schopf aus dem Abgrund gezogen. Nachdem sie sich von ihrem Mann und Manager David Cameron, dem Vater ihrer einzigen Tochter Christina getrennt hat, heiratet sie den 16 Jahre jüngeren Paul von Schell, der sie bis zu ihrem Tod begleitet. 37 Operationen, ständig mit Schlagzeilen in der Boulevardpresse, kämpft sie mehr oder weniger um ihr Leben. Sie steht offen zu ihren Schönheitsoperationen („In unserem Beruf wird Zeitlosigkeit verlangt – was bei Männern nicht verlangt wird“). Da ist sie aber schon gezeichnet von ihren schweren Krankheiten und ihrer Tablettensucht. Als sie 1986 in Hamburg ihr letztes Konzert gibt, erzählen ihre Tränen, wie schwer der Abschied von der Bühne ist. Hildegard Knef stirbt 2002, sie wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden.

Die Dokumentation zeigt die vielseitige Künstlerin mit all ihrer Höhen und Tiefen. Nichts wird schöngeredet, weder von ihrem letzten (dritten) Ehemann noch von ihrer Tochter, die als Bäckerin in Amerika arbeitet und das Erbe ausgeschlagen hat. Diese über ihre Mutter sprechen zu hören, mit aller Ehrlichkeit, aber auch sanften Kritik, ist von großem Wert. So wird „Ich will alles. Hildegard Knef“ zu einem Porträt einer Ikone, deren Sehnsucht nach künstlerischer Perfektion und medialer Beachtung immer einhergeht mit kaum zu bewältigender Belastung.

Nach dem Film möchte man unbedingt noch tiefer in den Kosmos Hildegard Knef eintauchen, sie als Schauspielerin erleben, ihre Lieder hören und Bücher lesen. Was will man mehr?

Der Salzpfad (Marianne Elliot, 2024)

Bücher und Buchverfilmungen über Weitwanderwege boomen nicht erst seit „Wild“ mit Reese Witherspoon. Wie Hape Herkerling („Ich bin ich dann mal weg“, 2015) und Bill Bennet („Mein Weg: 780 km zu mir“, 2024) sind täglich Kolonnen von Pilgern auf dem Jakobsweg und anderen Weitwanderwegen unterwegs, um etwaigen Lebens- und Sinnkrisen zu entkommen. Meist kehren sie geläutert und weitgehend gesund an Körper und Seele in ihr altes Leben zurück. Nun ist auch der Bestseller „Der Salzpfad“ (2018) von Raynor Winn, von dem weltweit über zwei Millionen Exemplare verkauft wurden, verfilmt worden und hat nicht wenig Aufmerksamkeit erregt.

Die Geschichte beginnt mit einem absoluten Tiefpunkt: Das Ehepaar Moth und Raynor Winn verliert alles, da eine Investition in das Unternehmen eines Freundes sie um ihr ganzes Hab und Gut gebracht hat. Zudem bekommt Moth kurz darauf die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die ihm nur wenige gute Jahre lässt. Die Familie muss innerhalb von fünf Tagen die kleine Farm in Wales räumen. Die beiden Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Da aber Moth nicht innerhalb von zwei Jahren sterben wird, fühlt sich die zuständige Sachbearbeiterin des Sozialamtes nicht zuständig, ihnen eine Notunterkunft bereitzustellen. Als einzige Alternative kommt ihnen in den Sinn, den South WestCoast Path zu gehen, der über 1000 Kilometer die südenglische Atlantikküste entlangführt.

Die Rücksäcke sind schwer, die Schlafsäcke von schlechter Qualität, und ein oranges Trekkingzelt schützt sie nur unzureichend vor Regen und Kälte. 40 Pfund pro Woche bleiben zum Überleben. Kann das gutgehen? Die ersten dreißig Kilometer sind hart, denn Moth hinkt und ist schwer von seiner Krankheit gezeichnet. Je länger sie unterwegs sind, umso leichter fällt das Gehen, bald trotzen sie allen Naturgewalten und kommen sich als Paar wieder näher. Sie unterstützen sich, nehmen aufeinander Rücksicht und schicken sich vertraute Blicke und Gesten. Sie begegnen guten und bösen Menschen, erleben kurze Glücksmomente und können auch ein bisschen anderen Obdachlosen helfen.

Der Ausgang der Geschichte sei hier natürlich nicht verraten, aber man kann ihn sich denken.

Gillian Anderson und Jason Issacs verkörpern ihre Rollen authentisch, von der anfängliche Entfremdung bis hin zur rührenden Lovestory. Beiden sieht man die Strapazen der Wanderung auch körperlich an: verbrannte Haut, aufgerissene Lippen, offene Wunden an den Füßen, Hungerblicke. Am Beginn der Wanderung geht Raynor noch kraftvoll voran, Moth humpelt schwerfällig hinterher, macht aber gute Miene zum bösen Spiel. Sie ist die realistische und überschaut die kargen Finanzen, meist ist es nur eine Handvoll von Münzen, die sie nicht gerne für „Luxus“ herausrückt. Je länger sie unterwegs sind, umso mehr kommt Moth zu Kräften und nach einem Tablettenentzug zur „Heilung“. Anderson und Isaacs  spielen so überzeugend, dass man ihnen jede Verzweiflung und Glücksregung in dieser atemberaubenden, unwirtlichen Landschaft abnimmt. Ihnen zuzuschauen, wie sie diese Herausforderungen meistern, ist großes Kino. Die Vögel werden für sie Symbol der Freiheit, für alles, was sie verloren haben und durch den Verlust wiedererlangt haben: Moth: „Ein Haus ist nur eine Unterkunft. Aber wahre Freiheit habe ich erst auf dem Weg gefunden.“ Man glaubt ihnen alles und begleitet sie gerne auf diesem Weg.

Leider entspricht die Geschichte, die Raynor Winn im „Salzpfad“ erzählt, nicht ganz den wahren Begebenheiten.  Nach Recherchen einer Journalistin des Observer sind die Voraussetzungen doch brüchiger, als sie in dem Bestseller dargestellt werden. Das sollte man nicht im Hinterkopf haben, wenn man sich „Der Salzpfad“ im Kino anschaut. Ändert es etwas an der Qualität des Filmes und der Schauspieler? Nein. Aber wenn man darüber nachdenken würde, dass die Autobiographie vielleicht zu sehr geschönt war, dann bekommt das Ganze doch einen unguten Nachgeschmack.

Man könnte es aber auch so sehen: Die Regisseurin Marianne Elliot hat mit Gillian Anderson und Jason Isaacs einen schönen Liebesfilm geschaffen, der seinesgleichen in der heutigen Zeit sucht. Einen Aufmunterungsfilm, dass alles zu schaffen ist und auch die schlimmste Krise ein glückliches Ende haben kann. Wahrheit hin oder her.

„Altweibersommer“ (Pia Hierzegger, 2025)

Die mythologische Erklärung für das Wort Altweibersommer ist folgende: „Die feinen grau glänzenden Spinnfäden erinnern an die Haare alter Frauen“. In früheren Zeiten glaubten die Menschen Lebensfäden zu sehen, die von alten weißhaarigen Schicksalsgöttinnen gesponnen wurden. Im meteorologischen Sinne wird der Begriff auch als Phase des warmen Ausklingens des Sommers im September und Oktober bezeichnet, im übertragenen Sinne als kurzzeitige zweite Jugend von Frauen. Vielleicht fühlten sich deshalb vor allem ältere Frauen vom Titel angesprochen und zeigten sich nach dem Verlassen eines Kinos im Ennstal ernüchtert. „Was hat der Film mit unserer Lebensrealität zu tun?“, fragte eine enttäuscht in die Runde und erhielt viel Zustimmung.

Der Film handelt von einer Frauenfreundschaft, die einer Wohngemeinschaft entstammt und nicht mehr dem Lebensgefühl der achtziger Jahre entspricht. Elli, kahlköpfig, aber immer mit schickem Kopftuch, hat gerade eine Chemotherapie hinter sich, weshalb ihr kaum ein Lächeln entkommt. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt, die Tochter will nicht mehr mit ihr sprechen. Dabei steht ein Umzug ins Haus und die Mutter würde ihre Hilfe beim Kistenschleppen dringend brauchen. Ihre beiden Freundinnen, Astrid und Isabella, laden sie auf den jährlichen Campingurlaub ein, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Aber der verlassene Campingplatz und der alte Wohnwagen lassen keine Erholung zu und das Wandern in den Bergen fällt Regen und Kälte zum Opfer. Und da gibt es noch einen Nachbarn in einem Airstreamer, der seinen scharfen Schäferhund gerne auf Ausländer hetzen würde. Hier ist für die drei keine Kraft zu tanken.

Durch einen glücklichen Zufall kommen sie nicht ganz legal zu Geld, beschließen dem kalten Österreich den Rücken zu kehren und an den sonnigen Lido di Venezia zu fahren. In einem alten Mazda machen sie sich gut gelaunt auf in den Süden. Italien! Sonne! Aperol Sprizz! entgegen. Sie mieten sich in das Luxushotel „Excelsior“ ein und genießen die Größe und Annehmlichkeit, die sich unverhofft eröffnet hat. Alles könnte sich zum Glück wenden, wenn da nicht die Probleme wären, die sie für kurze Zeit hinter sich lassen wollten. Astrid (Ursula Strauß) ist gut organisiert, lebt in einem plastikfreien Haushalt, ist aber mit einem „gescheiterten Genie“ belastet, der den Alltag nicht schafft und sie ständig mit Anrufen quält. Isabella (Diana Amft), sinnlich und lebensfroh, muss als Kellnerin arbeiten, obwohl sie Schauspielerin ist. Frustrierende Beziehungen mit verheirateten Männern gehen ihr an den Kragen. Und Elli (Pia Hierzegger) leidet an ihrer verwüsteten Brust, den fehlenden Haaren und erfährt, dass ihre Tochter schwanger ist. So kann wenig Leichtigkeit und Freude am Lido aufkommen und wie die drei Freundinnen mit all diesen Widrigkeiten mehr oder weniger humorvoll umgehen, zeigt der Rest des Filmes.

Wahrscheinlich hatte sich die Frauenrunde im Kino eine leichte Komödie erwartet, flotte Dialoge, die einen aus dem Alltag herausreißen. Diese Erwartungen werden nicht ganz erfüllt. Die Tragik ist allgegenwärtig, alles ist verstrickt und verwoben, schwierig und zäh, auch bei den Männern, die im Film nur Nebenrollen (Gastauftritt von Josef Hader als Campingwart) spielen. Kurz tauchen Momente der Leichtigkeit und Lebensfreude auf, meist unter dem Einfluss von Alkohol und beim Hören von Musik im Auto. Der zwischen New-Wave-Punk und Italo Pop angesiedelte Soundtrack verspricht Lebensfreude und Freiheit, die den Freundinnen um die 50 abhandengekommen sind. Dennoch, als die drei Bella Italia verlassen, sehen sie neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten. Und sie kommen einander wieder näher und werden vielleicht auch in Zukunft zusammen Urlaub machen.


Übrigens, man würde den drei sympathischen Filmfrauen, die überzeugend und herzerwärmend von Ursula Strauß, Pia Hierzegger und Diana Amft verkörpert werden, eine lange zweite Jugend wünschen. Aber das ist ein anderer Film, der erst geschrieben werden müsste entlang des Refrains von „Rocky Road“ von Lene Lovich.

Warum „Flow“ der beste Animationsfilm ist

Flow“ wurde bei der diesjährigen Oskar-Verleihung mit dem Oskar als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Schon vorher hatte der Film aus Lettland einen Golden Globe und viel Aufmerksamkeit bei Festivals erhalten. Was macht diesen weniger als 4 Mio. teuren Film so besonders, dass er gegen „Vaiana 2“ gewinnen konnte, dessen Produktionskosten 989 Millionen US-Dollar betrugen?

Die Katastrophe

Eine junge Katze streunt durch den Wald, sie wird von einer Meute Hunde gehetzt, ist eine Einzelgängerin, hat große Angst vor Wasser und kehrt schließlich in ihr Haus zurück, um im Bett eines Katzenliebhabers zu schlafen. Im Garten stehen riesige Katzenfiguren, aus Holz geschnitzt, im Erdgeschoss sind Skizzen der Katze zu sehen. Das Haus ist verlassen, die Menschheit scheint ausgelöscht, nur mehr der Zerfall und Ruinen verweisen auf die Spuren menschlicher Existenz. Hatte es eine Umweltkatastrophe gegeben? Was war passiert?

Auf einem ihrer Streifzüge durch eine idyllische Natur kommt ihr eine Herde Wild in rasendem Tempo entgegen, der kurz darauf eine riesige Flutwelle folgt. Jetzt beginnt ihr Überlebenskampf, sie wird vom Wasser mitgerissen, es rauscht und dröhnt, gurgelt und zischt, verschlingt und gibt sie endlich frei. Die Panik ist ihren großen gelben Augen anzusehen, wir haben große Angst um sie und können erst aufatmen, als sie sich erschöpft auf ein leuchtend oranges Segelboot rettet. Dort ist sie nicht allein, denn ein faules Wasserschwein hat es bereits in Besitz genommen. Zunächst herrscht Angst und Misstrauen zwischen den beiden Tieren. Mehr und mehr Tiere suchen Schutz im Boot: ein gutmütiger Golden Retriever, ein raffgieriger Lemur und ein verletzter Sekretärsvogel, der bald das Steuer übernimmt. Nach und nach baut sich Vertrauen auf, denn die Tiere können nur überleben, wenn sie kooperieren. Es warten noch viele Gefahren und Herausforderungen auf sie und alle fünf lernen über sich hinauszuwachsen. Die Katze muss ihre Unabhängigkeit aufgeben, ihre Angst vor den Abgründen des Wassers überwinden, um Fische zu fangen. Der habgierige Lemur lernt zu teilen und der sanfte, verspielte Hund entwickelt Eigeninteressen.

Die tierische Gemeinschaft segelt ins Unbekannte, in eine Welt voller bedrohlicher Naturgewalten, atemberaubender Schönheit und gefährlicher Feinde. Es geht um Leben und Tod, um einen sicheren Bleibeort, um Gemeinschaft und vor allem um eine Welt, die ihre Schönheit und Gefährdung offenbart. Auf der Mastspitze hockend, fasziniert von gefluteten Ruinenstädten und einem aus der Tiefe hervorgelockten Urzeitwal, begleiten wir die Katze auf dieser Odyssee.

Der Neubeginn

In einer außer Band und Rand geratenen Natur, so die Aussage des Films, kann man nur überleben, wenn man das Eigeninteresse zurücksetzt und soziale Fähigkeiten entwickelt, ohne seine Individualität aufzugeben. Da der Film keine menschliche Sprache verwendet, werden die Tiere nicht vermenschlicht, sondern kommunizieren nur durch tierische Laute, Gesten und Mimik. Realistische Stimmen der jeweiligen Tiere wie Miauen, Grunzen und Zwitschern wurden eingesetzt und auch die Musik treibt die Handlung auf dramatische Weise voran. Die Tiere behalten ihre Eigenschaften bei, sie verhalten sich wie Tiere und wer Katzen und Hunde liebt und gerne beobachtet, wird sie in ihren Eigenheiten wiedererkennen. Das Großartige ist, dass der Film auch ohne Dialoge funktioniert und jeder die Handlung versteht, weil man sich emotional mit den Tieren und der Geschichte verbindet. Um das zu erreichen, so sagte der Regisseur Gints Zilbalodis in einem Interview, mussten sehr viele Katzenvideos geschaut werden. Dass er selbst eine schwarze Katze und einen Golden Retriever hat, erleichterte sicherlich seine Arbeit.

Der Film wurde mit der frei verfügbaren Software Blender, einer 3D-Grafiksoftware, hergestellt. Die verschiedenen Formen und Zustände von Wasser, die Wasserspiegelungen und Geräusche, originalen Tiersounds werden so realistisch dargestellt, dass man in den „Flow“ des bildgewaltigen, emotionalen Filmes hineingezogen wird und Raum und Zeit völlig vergisst.

Es brauchte dazu einen jungen lettischen Regisseur und ein sehr kleines Team aus Europa, gepaart mit viel Mut und Kreativität zu Neuem.

Die Saat des heiligen Feigenbaums (Iran, 2024)

Schon bei der Viennale hatte ich versucht, Karten für diesen hochgelobten Film zu bekommen. Sie waren nach wenigen Minuten ausverkauft. Viele hatten von den gefährlichen Umständen der Entstehung des Films bereits bei den Filmfestspielen in Cannes erfahren, denn er wurde heimlich im Iran gedreht. Der Regisseur konnte sich nur durch Flucht vor einer langjährigen Haftstrafe und Peitschenhieben nach Europa retten. Eines sei vorweggenommen: „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof dauert über drei Stunden und wird Sie bis in die Träume hinein verfolgen.


Dabei fängt die Geschichte recht harmonisch an. Eine Familie lebt gut situiert in Teheran, Iman, der strenggläubige Vater wird zum Ermittlungsrichter am Revolutionsgericht befördert, ein Wunsch, den er für 20 Jahre gehegt hat. Die Mutter Najmeh erhofft sich dadurch eine größere Wohnung, die beiden Töchter sollen endlich ein eigenes Zimmer bekommen. Der Aufstieg des Vaters innerhalb des Regimes würde ein luxuriöses Leben, wenn auch mehr Pflichten für die Familie ergeben. Kurze Zeit später gerät diese Hoffnung in Schieflage. Der Vater muss erkennen, dass er einen ungewollten Pakt eingegangen ist, da er nun lange Gefängnisstrafen oder Todesurteile, ohne viel Prüfung, unterschreiben muss. Wenn nicht, sei es vorbei mit dem besseren Leben. Die Mutter, ganz um das Wohl ihres Ehemannes besorgt, gibt ihm Schlaftabletten, damit er die aufschreckenden Alpträume bezwingen kann. Die beiden Töchter, Rezvan 21 und Sana 16 Jahre alt, schicken sich heimlich Videos zu, die die Proteste gegen das autoritäre Regime zeigen. Ausgelöst wurden diese durch den Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Der Vorfall hatte zu den größten landesweiten Protesten für Frauenrechte im Iran geführt. Entsetzt schauen sich die Töchter die brutalen Videos von Polizeiübergriffen an und sympathisieren immer mehr mit der Bewegung „Frauen. Leben. Freiheit“. Als dann noch die beste Freundin der älteren Tochter schwer verletzt wird, brechen die Gräben auch innerhalb der Familie auf und alle werden gezwungen, Farbe zu bekennen.


Jetzt nach zwei Jahren der gewaltsamen Niederschlagung scheint wieder Ruhe im Iran eingekehrt zu sein. Viele DemonstrantInnen, vor allem junge Mädchen, sind, wenn nicht ermordet, körperlich und seelisch, wie die beste Freundin, schwer gezeichnet. Darauf nimmt der Film Bezug und holt die Gräueltaten des Regimes aus dem Jahre 2022 in unsere Kinos. Rasoulof selbst saß während der Proteste in einem iranischen Gefängnis. So konnte er die Ereignisse erst im Nachhinein mittels Handyaufnahmen mitverfolgen. Diese sind in die Handlung des Films eingebaut. Auf die Freude der Frauen, die singend und tanzend mit wallenden Haaren durch die Straßen ziehen, folgen Blut und Tränen, Schüsse und Verhaftungen.
Alles, was an schönen Kindheitserinnerungen an einen liebvollen Vater vorhanden ist, wird mehr und mehr zerstört, als die beiden Töchter dem Vater widersprechen. Die Brutalität und Paranoia des Regimes finden ihre Entsprechung im Handeln des Vaters. Nun geht es um Überleben oder Tod. Der Vater kehrt in das einsame Haus seiner Kindheit zurück, vordergründig um seine Familie zu beschützen, in Wirklichkeit, um sie zu verhören.


Was den Film so beklemmend macht, ist, dass man in einem warmen Grazer Kino sitzt, um sich herum die Vielfalt der österreichischen Bevölkerung, auch einige IranerInnen. Wir, mit all unseren Rechten und Freiheiten, werden mit einer patriarchalischen Gesellschaft konfrontiert, in der Frauen mit all ihrem Mut und Einsatz um Freiheit und Würde kämpfen und wieder einmal scheitern.
Gibt es Hoffnung für die Frauen im Iran? (Siehe meine Filmkritik zu „Hit the Road“) Nach der Aussage des Filmes auf jeden Fall. Der Film wird im zweiten Teil zu einem Psychothriller, ist so spannend und verwirrend, gleich einem Labyrinth, dass man ganz erstarrt, dort selbst lange feststeckt.


Mohammad Rasoulof sagte in einem Interview, dass er zwei Stunden Zeit hatte, um vor der drohenden Verhaftung das Land zu verlassen. Er habe die Tür seines Hauses in Teheran abgeschlossen, Abschied von seinen geliebten Pflanzen genommen und sei dann aufgebrochen, um weiterhin Geschichten aus seiner Heimat erzählen zu können.

„Führer und Verführer“ (Joachim A. lang, 2024)

Wenn man sich gerade in Berlin aufhält, dann trifft man überall auf die Zeit der Naziherrschaft. Wie in Wien laden Stolpersteine zum Hinabschauen ein, wer in diesem Haus einmal gewohnt hatte und wann und wo ermordet wurde.  Auch die Ausstellung „Berlin Global“ im Humboldt-Forum, die sich interaktiv der Frage widmet „Was ging und geht von Berlin in die Welt?“ widmet dem 2. Weltkrieg und einzelnen jüdischen Schicksalen einen „unruhigen, grauen und aufgebrochenen“ Raum. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt eine Ausstellung „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ und Peter Weiss` Theaterstück „Die Ermittlung“ aus dem Jahr 1965, das die Ausschwitz-Prozesse beschreibt, kam gerade als vierstündiger Ensemblefilm in die Kinos.

Hat man den Film „The Zone of Interest“ gesehen, der einem aufgrund des nicht gezeigten Grauens in Ausschwitz den Magen umdrehte, so glaubte man, dass es nicht mehr viele Möglichkeiten geben könnte, die „Banalität des Bösen“ filmisch darzustellen. So ging ich mit nicht allzu großen Erwartungen gestern am späteren Nachmittag in die Kulturbrauerei in den Film „Führer und Verführer“ von Joachim A. Lang. Ich muss einräumen, dass mich vor allem die österreichischen Schauspieler Robert Stadlober („Crazy“) als Joseph Goebbels und der viel beschäftigte Fritz Karl als Adolf Hitler motivierten, den Film zu sehen.  

Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister und einer seiner engsten Vertrauten und seine Frau Magda (Franziska Weisz) mit ihren sechs Kindern genießen einen luxuriösen Lebensstil in Berlin, auch Magda hat eine freundschaftliche Beziehung zum Führer und ist immer wieder am Obersalzberg zum Essen eingeladen. Der Film zeigt die Jahre des Aufstiegs von Josef Goebbels im nationalistischem Terrorregime, die Beziehungsprobleme des Paares – Goebbels hatte immer außereheliche Liebschaften, die Magda nicht mehr akzeptieren wollte, eine Scheidung verhindert Hitler, weil er die Goebbels als Vorzeigefamilie für sein Volk braucht (nicht historisch verbürgt). Goebbels beherrscht sein manipulatives Handwerk perfekt und obwohl er anfangs nicht mit den Kriegszielen von Adolf Hitler übereinstimmt, hatte er das Volk ja auf Frieden eingestimmt, ist er loyal und befeuert seine Propagandamaschinerie, um Hitler uneingeschränkt an der Macht zu halten, bis zum bitteren Ende. Beide wissen, dass ihre Zeit vorüber ist und es kein Weiterleben für sie geben kann.

Was macht den Film so besonders? Einerseits ist es die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller: Robert Stadlober, nun auch schon über Vierzig, spielt Joseph Goebbels mit einer Vielschichtigkeit, die fasziniert. Er weiß genau, welche Propaganda, d. h. Lügen er einsetzen muss, um die Deutschen auf Hitlers Kriegs- und Vernichtungspläne einzustimmen. Am Anfang des Films hört man eine männliche Stimme, die 1942 ruhig und besonnen über den Kriegsverlauf spricht. Es ist der einzige heimliche Mitschnitt von Hitlers Stimme in einem privaten Rahmen. Die Stimme unterscheidet sich diametral von den hysterischen Reden, die Goebbels inszeniert, um Hitler die Aura eines charismatischen Führers zu geben. Jeder seiner Auftritte ist von seinem Propagandaminister genauestens vorbereitet, sei es nur, dass ein kleines Mädchen dem vorbeifahrenden Führer Blumen überreicht. Aber Goebbels erkennt auch die größenwahnsinnigen Pläne Hitlers, setzt ihnen aber nichts entgegen, weil er zu sehr auf seine Macht und seinen Einfluss bedacht ist.

Alte Wochenschau-Bilder sind mit Spielfilmszenen verknüpft, sodass die Übergänge nur zu erkennen sind, dass sie in Schwarz-Weiß gedreht wurden. Interviews mit Holocaustüberlebenden und Aufnahmen von amerikanischen Soldaten geben wieder, welche Folgen diese menschenverachtende Politik für die Opfer hatte. Sie erzählen, wohin der Wille zum totalen Krieg, die Propaganda von unwertem Leben und der Erweiterung des deutschen Lebensraums geführt hatte: 60 Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg getötet und das ganze jüdische Volk sollte „ausgerottet“ werden, wie Goebbels es in seiner Sportpalastrede bewusst als Versprecher ausspricht.

Nicht verwunderlich war, dass immer wieder Weinen im Publikum zu hören war und dass man anhand des Aufstiegs und der Propaganda von Goebbels erkennen konnte, dass diese historische Tragödie von Menschen gemacht wurde, denen es vor allem um Macht und Einfluss ging und denen alle Menschlichkeit abhandengekommen war.

Als wir bei der Führung „Berlin global“ gefragt wurden, wovor wir derzeit Angst hätten, antwortete eine Teilnehmerin: „Vor der AfD“.

Ein Satz von Promo Levi steht dem Film als Warnung voran: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“.

Führer und Verführer

All The Beauty And The Bloodshed (Laura Poitras)

Ich wartete seit ewigen Zeiten auf diese Dokumentation. Sebastian hatte sie mir schon im September 2022 dringlich nach seinem Marathonbesuch bei den Filmfestspielen in Venedig ans Herz gelegt. Nach dem Goldenen Löwen und dem Oscar für den besten Dokumentarfilm nutzte ich gleich die erste Gelegenheit Anfang Juni, um die Premiere in Wien zu besuchen. Im Filmcasino gab Felix Hoffmann, Leiter von Arsenal Wien, eine kundige Einführung, der mit der Künstlerin selbst in Berlin zusammengearbeitet hatte. Das vollbesetzte Kino versank tief in das Leben und Wirken von Nan Goldin, einer berühmten amerikanischen Fotografin und Aktivistin. Jedoch war die Zeit für diesen Text noch immer nicht reif. Es brauchte noch einen ganzen Monat und einen erneuten Kinobesuch, das stete Schluchzen meiner Sitznachbarin, um mich an die Veröffentlichung zu wagen.

Im Mittelpunkt der Dokumentation steht Goldins Kampf gegen die mächtige Familie Sackler, die mit ihrem Medikament Oxycontin der Opoidkrise in den USA den Weg bahnte. Dieses Medikament, das nach Operationen als Schmerzmittel eingesetzt wird, führt rasch in eine starke Abhängigkeit, der in den USA bereits 500 000 Menschen zum Opfer gefallen sind und noch immer fallen. Die Familie Sackler hatte damit ein Milliardenvermögen gemacht und unterstützte mit großzügigen Beträgen berühmte Museen, Theater und Universitäten. Als Gegenleistung schmückte der Name Sackler ganze Abteilungen von Museen. Dagegen trat Nan Goldin und ihr Verein PAIN an. Sie veranstalteten Aufsehen erregende Kunstaktionen in den Räumen und vor den Museen, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Millionen, mit denen Kunstförderung betrieben wird, Blutgeld sind, womit Menschen mit ihrem Leben bezahlt haben. Als Symbol dafür dienten orange Pillendöschen, Rezepte von Oxycotin, die wie Schneeflocken von den Rängen des Guggenheim- Museums flatterten, Aktivisten, die leblos am Boden lagen und Sprechchöre.

Der zweite Erzählstrang der Dokumentation ist dem Leben und künstlerischem Schaffen von Goldin gewidmet. Die Motive der weltberühmten Fotografin waren immer Freunde und Bekannte aus der queeren Szene zunächst in Boston, dann in New York. Nan Goldin, die aus einer dysfunktionalen Familie stammt, litt ein Leben lang unter dem Selbstmord ihrer 17-jährigen Schwester Barbara. Um nicht ebenso traumatisiert zu werden wie die Schwester, rät ein Psychiater ihrem Vater sie zu einer Pflegefamilie zu geben, die sie aber bald verlässt. Sie findet ihre eigentliche Familie dann in der queeren Kunstszene. Sie fotografiert ihre Freunde in allen Lebenssituationen und gibt ihnen so Sichtbarkeit, Schönheit und Würde. Denn, wie Goldin in der Dokumentation erzählt, waren in den siebziger Jahren die Repressalien so groß, dass sich ihre Freunde tagsüber nicht auf die Straße trauten, weil sie Angst haben mussten, verhaftet oder verprügelt zu werden. Um ihre Kunst zu finanzieren, arbeitet sie als Stripperin in New Jersey und als Prostituierte. Aids wird viel Leid und Sterben über diese Gemeinschaft bringen. Als Nan Goldin eine Kunstaktion veranstaltet, um auf die Aidstragödie und das massenhafte Sterben aufmerksam zu machen, kommt es zu heftigen Protesten von Seiten konservativer Kräfte und es werden Unterstützungsgelder gestrichen. Aber auch dagegen wird lautstark auf den Straßen protestiert.

Das Leben von Nan Goldin ist mit ihren Kunstaktionen verwoben, ihre Bilder halten die Schönheit und Zerbrechlichkeit ihrer Community fest. Nan Goldin ist ihrer Zeit weit voraus: Niemand hielt es damals für wichtig, Bilder aus dem Leben von queeren Menschen zu zeigen. Es ist ein großes Vermächtnis, das die Künstlerin geschaffen hat und wohl nur wenige der jungen Menschen im Kino können sich wohl vorstellen, wie fremd und unsichtbar diese Welt noch in den neunziger Jahren in Österreich war.

Nan Goldin fotografierte sich selbst beim Sex, als schwer misshandelte Frau mit blutunterlaufenen Augen, erzählt von ihrer Drogenabhängigkeit und ihrer Überdosis, die ihr fast das Leben gekostet hätte und vom Selbstmord ihrer Schwester, der in der Familie ein Tabu war. Die Künstlerin versucht zu ergründen, warum sich ihre Schwester mit 17 Jahren vor den Zug gelegt hat. War es eine Geisteskrankheit oder waren es die Verhältnisse, die ihre jugendliche Rebellion im Keim erstickten und in schweren Depressionen endeten? Nan Goldin wird den Kampf ihrer Schwester gegen Konformität und Repression wieder aufnehmen und erfolgreicher weiterführen. Denn die Freude der Aktivisten ist groß, als bekannt wird, dass der Name der Familie Sackler aus vielen großen Museen dieser Welt verschwunden ist und dass ein große Summe Geld an die Opfer gezahlt werden muss.

Laura Poitras gelingt es einfühlsam, diesen Weg spannend zu dokumentieren und uns ein Portrait einer Frau zu zeigen, die mit ihren Bildern und Worten den Schmerz und die Schönheit eines Künstlerlebens offenbart. Man hätte ihr noch stundenlang zuhören können. Auch beim zweiten Mal.

Die Frau im Nebel (2023)

Seit meine jüngere Tochter ihre Masterarbeit über koreanische Filme geschrieben hat, bin ich ein Fan von koreanischem Kino. Selten wurde ich von den Produktionen enttäuscht, meist ging ich mit einem Gefühl der Erfüllung und Freude, einen wirklich guten Film gesehen zu haben, aus dem Kino. Dies gilt auch für Serien, die mich mithilfe von Netflix in Österreich erreichen. Der Film „Die Frau im Nebel“ („Decision to leave“) ist derzeit in vieler Munde, wird rege in den Zeitungen besprochen und natürlich sah ich den Film in Originalsprache mit deutschen Untertiteln. Ich mag das Koreanische, es hat etwas Urgewaltiges, etwas Tiefes, man glaubt sich in einem Land, in dem es noch echte, unverfälschte Emotionen gibt, die einen wie das Meer mitreißen.

Davon handelt der Film. Eigentlich ist es ein Film Noir, es gibt einen Mord, einen Kommissar und eine Verdächtige. Kommissar Hae-joon (Park Hae-il) bemüht sich mit großer Hingabe, einen Selbstmord (oder war es ein Mord?) aufzuklären. Ein Mann ist von einem Felsen gestürzt. Er verhört, observiert die verdächtige Ehefrau Seo-rae (Tang Wie) und ist misstrauisch, wie es sich für einen guten Kommissar gehört. Sie ist Chinesin, die von ihrem Mann, der in der Ausländerbehörde arbeitete, eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte. Dafür wird sie misshandelt und seine Initialen sind in ihrem Körper eingraviert. Hatte sie aber überhaupt die Möglichkeit, ihn von einem hohen Felsen in den Tod zu schicken? Denn sie pflegt hingebungsvoll alte Menschen und hat ein stichfestes Alibi. Sie kann es nicht gewesen sein. Außerdem übernimmt sie bald auch die Pflege des an Insomnie leidenden Kommissars, den sie mit Atemübungen in den Schlaf wiegt. Natürlich sind die Grenzen zwischen Beruf und Privatem längst überschritten, er kocht für sie ein „singuläres“ chinesisches Gericht und obwohl schon mit der Angeklagten emotional tief verstrickt, findet er immer mehr Indizien, die darauf hinweisen, dass sie doch die Mörderin sein könnte.

So bricht er alle Zelte in Busan ab und kehrt nach Ipo zu seiner emanzipierten Frau zurück, mit der er über 16 Jahre eine Wochenendehe geführt hatte, wo es außer Nebel und Schildkrötenentführungen keine anderen Verbrechen gibt. Aber eines Tages begegnet das Paar auf dem Fischmarkt einem anderen Paar, Seo-rae und ihrem Mann, und kurze Zeit später passiert ein Mord. Ihr neuer Mann ist ermordet worden. Und alles beginnt von vorne.

Die Aufklärung der Morde, die ja einen guten Krimi ausmacht, wird kunstreich und fast nebenbei erzählt. Aber kommt die Gerechtigkeit zum Durchbruch, werden die Morde gesühnt? Dies soll hier natürlich nicht verraten werden, aber eines schon: Verwirrende Gefühle kommen dem Kommissar in die Quere und lange ist man sich nicht sicher, ob er nicht von der Angeklagten manipuliert wird, damit sie erreicht, was ihr Ziel ist. Das Interessante ist, wie sehr wir verstehen können, warum der Kommissar so stark auf die Verdächtige reagiert. Wie bedürftig er ist, in einem Leben, das von ungeklärten Morden und zu viel Pedanterie überschattet wird, in einen erholsamen Schlaf zu fallen und aus seinem geordneten, sterilen Leben auszubrechen. Auch er sehnt sich nach Kontrollverlust, nach Leidenschaft, um die quälenden Bilder der Mordopfer vergessen zu können. Er kocht, putzt, sorgt sich, beobachtet und hält mittels Apple Watch alles fest, ist körperlich fit, kann kombinieren und verzweifelt.

Natürlich geht es, wie sich am Schluss herausstellt, vor allem um Liebe und wer wen mehr liebt und bereit ist, dies auch durch Taten zu zeigen. Es ist sehr überraschend, dass die Irrungen und Wirrungen der Liebe so sanft und zart den Film begleiten, obwohl der Film nur ganz wenige  Berührungen zeigt. Am Ende wird man erschüttert sein, wohin das Katz-und-Maus-Spiel führt.

Um den Film wirklich zu verstehen, muss man ihn zweimal sehen, alles ist kunstvoll angelegt und wird erklärt. „Die Frau im Nebel“ lässt einem zurück mit starken Gefühlen und der Sehnsucht, dass man gerne wieder in Korea wäre, um in Busan den Fischmarkt entlang zu schlendern, Soju trinkend und frischen Aal essend, die prächtigen Tempel dort besuchend und vor allem das gewaltige Meer, das am Schluss die Wahrheit ans Licht bringt.

Ein großartiger Film von Park Chan-wook , der dafür in Cannes den Preis für die beste Regie gewonnen hat, getragen durch die beiden Hauptdarsteller und dem Konflikt zwischen Liebe und Gerechtigkeit.