Die beste aller Welten

Der Titel wäre vielversprechend, hätte man nicht vorab von dem Film gehört, dass er eine wahre Geschichte aus dem Salzburger Drogenmilieu erzählt. Obwohl der Film schon einige Monate in den Kinos läuft, war der Andrang an der Kassa groß, viele sympathische junge Menschen strömten vom Adventrummel herein in den ausverkauften Kinosaal. Und das zu einem Film, bei dem ein Unbekannter Drehbuch und Regie geführt hat: der erst 26-jährige Salzburger Adrian Goiginger.

Es ist seine Kindheit, die er uns in drastischen Bildern vor Augen hält. Er wächst bei seiner drogenabhängigen Mutter in einer ärmlichen und meist von Schmutz zugemüllten Wohnung auf. Als der Film einsetzt, ist er gerade sieben Jahre alt und man kann an seinen Alpträumen erahnen, welche Zeiten er schon hinter sich hat. Meist ist er auf sich allein gestellt, da die Mutter mit Drogen vollgepumpt ist und dahindämmert. Alleine ist sie dabei nicht, denn ihre Drogenfreunde sind mit auf dem Trip, der kleine Adrian wirkt zerbrechlich und sonderbar erwachsen innerhalb dieser Gruppe. An den guten Tagen spielt die Mutter mit ihm und vertreibt mit fantasievollen Geschichten seine Ängste, die ihn im Schlaf heimsuchen. In seinen Träumen wird er zum Helden, der mit Pfeil und Bogen unterwegs zum schwarzen Dämon ist, der die Menschen in Untote verwandelt. Dieser rasselt aber schon wütend an den Ketten und wird sich bald losgerissen haben. Es ist ein Wettlauf gegen den Tod, der in der Realität seine Entsprechung findet. Auch die Mutter gerät immer mehr in den Suchtkreislauf hinein, ihr Dealer, der Grieche, will auch Adrian mitnehmen. Ansehen zu müssen, wie die Mutter zulässt, dass ihr Kind völlig unkontrollierbaren Situationen ausgesetzt ist, gehört zu den stärksten Aussagen des Filmes. Die immer mehr aus den Fugen geratende Situation muss in die Katastrophe führen. Wieder einmal von der Mutter alleingelassen und panisch vor Angst, jagt Adrian den Dämon in der eigenen Wohnung.

Die ganze Zeit über erlebt man, dass ein drogenabhängiges Milieu kein guter Nährboden für eine schöne Kindheit ist. Und fragt sich, wie dies über so viele Jahre möglich sein konnte und niemand eingegriffen hat. Der Vertreter vom Jugendamt kündigt jedes Mal seinen Besuch an, sodass die Mutter Ordnung in das Chaos bringen und dem Jungen einbläuen kann, was er zu sagen hat. Es gibt keine Nachbarn, die eingreifen, und auch die Schule reagiert erst dann, als Adrian einen Schweizer Kracher im Hof explodieren lässt, ist aber rasch mit kleinen Zugeständnissen der Mutter zufriedengestellt. Der größte Skandal ist, dass niemand hinschaut und die Verwahrlosung in einem Inferno enden muss.

„Die beste aller Welten“ ist ein traurig-schöner Film über eine schreckliche Kindheit. Berührend umso mehr, da das Kind trotz allem seine Mutter liebt und ihr immer wieder verzeiht. Der Film ist unbedingt sehenswert, denn Mutter (Verena Altenberger) und Sohn (Jeremy Miliker) spielen so gut, dass einem die Geschichte tief unter die Haut geht.

 

 

 

Maudie

Der Film  „Maudie“ zeigt  poetische Bilder von Landschaften, Tieren, Pflanzen  und Menschen. Gezeichnet in naiver Malerei von einer schwer an Arthritis leidenden Frau, die durch sie ihre Welterfahrung ausdrückt. Es ist eine wahre Geschichte, die mit eindrucksvollen Aufnahmen aus Neufundland erzählt wird: Die Lebensgeschichte der kanadischen Volkskünstlerin Maud Lewis (1903 – 1970), die von der irischen Regisseurin Aisling Walsh berührend verfilmt wurde.

Schon als junge Frau ist Maud (Sally Hawkins) von ihrer Krankheit schwer gezeichnet. Sie tut sich schwer bei Gehen, hinkt, ihr Rücken ist gekrümmt, ist schon gar kein Mensch, dem man etwas zutraut. Ihre Familie, bestehend aus Tante und Bruder, nimmt ihr vorerst alles, was ihr Leben lebenswert gemacht hätte. Ihr Elternhaus wird verkauft und ihr Neugeborenes ebenso. Man gewährt ihr ein kleines Zimmer im Haus der Tante, die sie schikaniert und bevormundet. Als sie eines Tages zufällig in einem Laden ist, tritt Everett (Ethan Hawke) ein, der eine Haushälterin sucht. Sie schnappt sich seine Anzeige und macht sich auf den Weg zu seinem ärmlichen Haus in der Einöde. Er will sie nicht haben, ist grantig, beschimpft und misshandelt sie, aber sie hält aus Mangel an Alternativen durch. Nach und nach durchdringt sie die raue Schale Everetts, indem sie Farben und Wärme in die Holzhütte bringt. Sie bemalt die Wände mit Tulpen, Vögeln, Katzen und Bäumen.  Nachdem ihre Kunst von einer New Yorkerin entdeckt wurde, verkauft sie immer mehr ihrer kleinformatigen Bilder, sogar an Präsident Nixon. Everett heiratet sie, er kümmert sich liebevoll um sie, während sie am Fenster sitzt und malt. Sogar das Fernsehen wird auf sie aufmerksam und dreht einen Bericht. Ihre Bilder, die sie um fünf Dollar verkaufte, erreichen heute Erträge in einem fünfstelligen Bereich.

„Maudie“ ist ein wunderschöner Film über eine behinderte Frau, die ihr Glück  selbst in die Hand  nimmt. Durch ihre Art, die Welt zu sehen, gewinnt sie unser Mitgefühl und das ihres Mannes. Sie drückt ihre Liebe zu Mensch und  Natur in ihren Bildern aus, ihr Kampfgeist ist voller Humor und von Sally Hawkins großartig gespielt.

Im Nachspann sieht man Originalaufnahmen von Maud und Everett Lewis. Beide wirken glücklich und blicken verschmitzt in die Kamera. Das kleine Haus wurde original nachgebaut und dort wurde auch gedreht. Die Enge und Trostlosigkeit eines Frauenlebens kann man durch Malerei und den Glauben an sich überwinden, ist die Botschaft des Filmes, aber es braucht dazu Menschen und eine inspirierende Landschaft. Daraus kann dann einer der schönsten Liebesfilme der Jahres werden und wahrscheinlich der Oskar für die beste Schauspielerin des Jahres.

Happy End – eine Farce

Filme von Haneke sind nichts für schwache Nerven, das war mir bewusst, als ich in seinen neuesten Film ging. Nicht dass ich mich fürchtete, aber ich erwartete Unangenehmes. Am Ende des Filmes murmelte die alte Frau neben mir: „Ein schöner Film, nicht wahr?“ Schön war er nicht, aber wahr, oder anders ausgedrückt, den Untergang einer bourgeoisen Familie zeigend, die an ihrer eigenen Ignoranz ersticken wird.

Die ersten Minuten gehören ruckeligen Handyaufnahmen in einem Haus. Eine Frau wird bei ihren Vorbereitungen für die Nacht gefilmt, sarkastische Kommentare dokumentieren das Geschehen, die die Beziehung der beiden klären. Die 12-jährige Eve hält Momente des Alltags mit ihrer Mutter fest, um zu dokumentieren, dass sie nicht geliebt wird. Die Mutter stört sich am schlechten Geruch des Hamsters, diesem werden Antidepressiva ins Essen gemischt und er fällt vor der Kamera tot um. Eine Freundin hat gesagt, dass die Mutter nicht zuhöre, also wird auch ihr etwas ins Essen getan, sie fällt ins Koma. Das Mädchen soll nun zum Vater in die Familienvilla nach Calais kommen. In einer langen Kameraeinstellung packt die Jugendliche ihre Sachen, das Kinderzimmer ist sonnendurchflutet, die Balkontür offen, keine Tränen, kein Schmerz ist ihr anzusehen. Ihr Vater ist wieder verheiratet, hat eine sehr junge Frau und es gibt ein Baby, einen Jungen. Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus, ist viel weg und hat zudem eine Geliebte, mit der er auf Facebook sadomasochistische Chats austauscht. Eine Beziehung zu seiner Tochter kann er nicht herstellen. Als er sie eines Tages von der Schule abholt, beginnt sie zu weinen, nervös fährt er weiter, unfähig, mit ihr Kontakt aufzunehmen, um zu erfahren, was los ist. Im luxuriösen Haus lebt noch die Tante (Isabelle Huppert), die mit ihrem Sohn beschäftigt ist, der den Familienbetrieb, eine Baufirma, übernehmen soll. Nach einem Unglück auf der Baustelle will sein Krisenmanagement nicht gelingen und auch die Mutter muss nun einsehen, dass ihr Sohn ein Versager und das schwarze Schaf der Familie ist. Und schließlich gibt es noch den lebensmüden Vater (Jean-Louis Trintignant) in dem schönen Haus und im Nebentrakt, durch eine Glastür und einen bissigen Schäferhund getrennt, ein marokkanisches Haushälterpaar mit Kind.

Eve ist ein Eindringling in der Familie Laurant, die keine Ambitionen zeigt, sich mit ihr oder der Welt um sich herum auseinanderzusetzen. Denn jeder ist zu sehr mit seinem eigenen Glück bzw. Unglück beschäftigt, und wenn Probleme auftauchen, werden sie mit Geld geregelt. Eve hat sich zwar das Aufenthaltsrecht in der Familie durch ihren Vater erworben, aber nur solange, bis die Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wird, was nicht geschehen wird. Sie hat große Angst davor abgeschoben zu werden, sodass sie zu drastischen Maßnahmen greift.

 

Beeindruckend ist, wie es Haneke gelingt, die Folgen von Kälte und Lieblosigkeit innerhalb dieser großbürgerlichen Familie zu zeigen. Die Erwachsenen jagen ihrem kleinen Glück hinterher, können es sich richten. Nicht so die Kinder, die daran zerbrechen und entweder, wie der Sohn ausbrechen und sich selbst zerstören oder wie Eve ihre Aggressionen anderen gegenüber ausleben. Immer dabei ist das Handy, das auf Aufnahme geht, um uns ihr Innerstes zu offenbaren.

Schweiz, 1971

Das Wahlrecht für Frauen ist in unserer Gesellschaft fest verankert, seit fast 100 Jahren. Niemand stellt es infrage und wenn man sich an die Gesetzeslage für Frauen noch Ende der sechziger Jahre erinnert, scheinen die Diskriminierungen heutzutage haarsträubend.

Dass die Gleichberechtigung in vielen Ländern hart erkämpft wurde und lange gebraucht hat, ist vielen jungen Menschen möglicherweise nicht immer gegenwärtig. Der Film „Die göttliche Ordnung“ von Petra Volpe führt uns in ein Schweizer Gebirgsdorf, in dem Anfang der Siebziger alles noch seine Ordnung hatte und dies auch so bleiben sollte.

Die Frauenbewegung hatte außerhalb der Grenzen der Schweiz schon gewaltige Wellen geschlagen und droht nun auch das Leben der braven Schweizer zu überschwemmen. Der Mut, fürs Frauenwahlrecht öffentlich zu demonstrieren, ist zwar im freien Zürich da, nicht aber im ländlichen Appenzell. Denn die Mächtigen im Dorf, hier verkörpert durch eine Frau, die konservative Sägewerksbesitzerin, haben das Sagen und die einfachen Arbeiter profitieren zu sehr von den geordneten Verhältnissen. Sie bringen das Geld nach Hause, die Frau versorgt, putzt und nimmt alles hin. Aber die wilden sechziger Jahre haben ihre Spuren gezogen, wir erleben die verheiratete Nora, Mutter zweier Söhne, zu Beginn auf langen Fahrradfahrten, ein Kopftuch hält die Haare noch vor der Öffentlichkeit verborgen. Je mehr sie sich aus den dörflichen Normen befreit, umso gewagter wird ihre Frisur und moderner ihr Aussehen. Ihre junge Nichte rebelliert schon offen gegen das System und bricht aus, was sie in eine Korrekturanstalt bringen wird. Auch die zugezogene Italienerin zeigt Selbständigekeit und Durchsetzungskraft. Darüber hinaus gibt es Broschüren und Medien, die über Rechte und Sexualität informieren, aber all dies reicht nicht aus, um den Mut zu haben aufzubegehren. Erst durch massives Unrecht, das die Frauen schmerzvoll erfahren, sind sie in der Lage, zu handeln. Sie organisieren sich, stellen Forderungen: Sie wollen mitbestimmen, arbeiten gehen, ihren Besitz selbst verwalten und bei der Erziehung nicht vom Mann abhängig sein. Exemplarisch werden drei Frauen gezeigt, die sich solidarisieren und durch ihr Vorbild die anderen Frauen des Dorfes mitreißen. Schließlich greifen sie zur stärksten Waffe, die in diesem ungleichen Kampf möglich ist, sie ziehen aus den Familien aus und streiken. Bald kehrt sich die Stimmung der Männer um und sie holen die Frauen gewaltsam aus dem Versammlungshaus zurück. Der Kampf scheint fürs Erste verloren, aber die Frauen haben deutlich gemacht, dass sie es ernst meinen. Als dann der Abstimmungssonntag für das Frauenwahlrecht gekommen ist, stellen sich sich bedrohlich vor dem Wahllokal auf. Die Männer wissen, was ihnen zuhause blüht, sollte das Wahlrecht den Frauen weiterhin versagt bleiben.

Natürlich ist der Film plakativ und bietet alles auf, was im Kampf für die Frauenbefreiung aufgeboten werden kann. Trotzdem gelingt es ihm, die Atmosphäre dieser Zeit sehr gut einzufangen, die Unterdrückung und Einschüchterung, die damals vorherrschten und den enormen Anpassungsdruck, den es innerhalb einer Dorfgemeinschaft gab, ausgehend von den konservativen Institutionen. Wenn man als Einzelne dagegen aufbegehrte, wurde man lächerlich gemacht, beschimpft und mit der ganzen Familie ausgeschlossen. Erst als sich die Frauen zusammentun, ihre Kraft, Sinnlichkeit und Lust zu leben wieder entdecken, kann der göttlichen Ordnung eine Abfuhr erteilt werden.

Der Abspann zeigt die ersten weiblichen Abgeordneten. Selbstbewusst und stolz gehen sie auf ihren Sitz zu, lächelnd, ordnen ihre Akten und beginnen mit der Arbeit. Diese Archivaufnahmen berühren sehr.

Wo die Freiheit begann

Danziger Hafen

In der Nacht überqueren wir die Grenze zu Polen und betreten eine andere Welt. Unser erster Halt ist eine Autobahnraststätte. In nüchterner, neondurchfluteter Atmosphäre essen wir Tomatensuppe mit Nudeln, die ganz nach Maggie schmeckt. Es geht weiter in die drittgrößte Stadt Polens, Posen, das genau zwischen Berlin und Warschau liegt und wo es 966 zur Gründung des polnischen Staates gekommen ist. Auf dem dunklen Parkplatz vor dem Hotel erwarten uns zwei Betrunkene, die Geld wollen. Wir geben nichts und fürchten noch im Schlaf um unser funkelnagelneues deutsches Mietauto.

Am nächsten Tag erwartet uns das Auto ohne Kratzer im Regen. Rund um das Rathaus erwachen die vielen Marktstände, die (wiederaufgebauten) bunten Giebelhäuser, einst Kaufmannsläden nun Restaurants, erstrahlen in den ersten Sonnenstrahlen und um zwölf Uhr beginnen die Menschen nach oben zu blicken. Denn täglich zu Mittag fahren aus dem Rathausturm zwei blecherne Ziegenböcke heraus und stoßen zwölfmal gegeneinander. Mit jedem Stoß geht ein Aufschrei durch die Menge. Von da mit der Free-Walking-Tour weiter zu den Highlights der Stadt, besonders ist der schöne Innenhof im ehemaligen Jesuitenkolleg, in dem Napoleon drei Wochen gewohnt hat und das berührende Orgelkonzert in der St. Stanislaus Pfarrkirche in Erinnerung geblieben. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz besuchen wir noch das Einkaufszentrum, das die Rezeptionistin uns an Herz gelegt hat. Die ehemalige Hugger-Brauerei mit seiner einzigartigen Architektur ist nun sowohl ein Modetempel für die Begüterten als auch ein Ort, der von Kunstobjekten belebt wird.

Die Masse erwartet das Schauspiel der Ziegenböcke

Auf Landstraßen fahren wir am Nachmittag weiter nach Danzig, das uns mit hässlicher Architektur und vielen Kränen empfängt. Es ist kein guter Zeitpunkt für einen Besuch, denn es findet gerade der jährliche Dominikanermarkt statt, der die schöne Altstadt mit Tausenden Ständen und Besuchern verunstaltet. Wir kehren unsere Schritte ab und wenden uns dem Hafengelände zu und stoßen auf ein verrostetes Gebäude, das erst 2014 eröffnete Europäische Zentrum der Solidarność, an dessen Eingangstür „Europe starts here“ steht. Von der Eingangshalle bis zur Dachterrasse wird der Solidarność-Bewegung und besonders Lech Wałęsa Tribut gezollt. Noch nie habe ich eine so detaillierte, minutiös gestaltete Aufarbeitung der Geschichte einer Bewegung gesehen wie hier. Hier passt alles zusammen: Architektur, Ausstellungskonzept und die vielen Objekte, Ton- und Bildmaterialien, die Geschichte lebendig machen. Das Herz tut sich auf und man ist stolz auf diese mutigen Menschen, die ganz Europa verändert haben. Lech Wałęsa soll in dem Museum noch ein Büro haben, erzählt uns später der Stadtführer, nur für uns auf Englisch hinzufügend, aber die Polen seien nach Spitzelgerüchten nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Auch wenn man diesen Gerüchten Glauben schenkte, sie würden den Lauf der Geschichte nicht verändern.

Europäisches Zentrum der Solidarność

Mit dem Kuli „Freedom was born in Gdansk“ verlassen wir am nächsten Tag die Stadt, über die Nordseeküste und Stettin fahren wir zurück nach Berlin, wo unsere Reise durch den ehemaligen Ostblock vor zehn Tagen begonnen hatte. Überall war der Zweite Weltkrieg und seine Folgen noch präsent, als mahnende Erinnerung an Völkermord und Zerstörung. Die Teilung der Welt in Ost und West, in Freiheit und Unfreiheit, konnte ich im August 2017 nicht mehr spüren.

Get out

Get out erregte in den USA großes Aufsehen. Mit den geringen Produktionskosten von nicht einmal fünf Millionen Dollar brach der Film viele Rekorde an den amerikanischen Kinokassen. Nicht schlecht für den Debütfilm eines Komikers. Der Regisseur Jordan Peele ist bisher nur als Teil von Key&Peele in Insiderkreisen bekannt. Und er hat mit dem Film ein heißes Eisen angepackt: Auch nach acht Jahren Obama scheint der Rassismus unter denen, die stolz bekennen, sie hätten ihm auch gerne eine dritte Amtszeit gewährt, subtil vorhanden: der intellektuellen weißen Oberschicht. Und diese kann einem das Gruseln lehren.

Ein junger Schwarzer (Daniel Kaluuya) wird über das Wochenende in die Familie seiner weißen Freundin (Allison Williams) zum Antrittsbesuch eingeladen. Das Auto der beiden fährt über einsame Landstraßen zu dem prächtigen Anwesen der Eltern. Chris fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, zumal die Fahrt zweimal unterbrochen werden muss. Bei der Ankunft verstören ihn dann zwei schwarze Angestellte, die keinerlei Solidarität mit dem schwarzen Mitbruder zeigen. Die Mutter der Freundin ist Psychotherapeutin, auf Hypnose spezialisiert, der Vater Neurochirurg. Etwas ist sonderbar in der Familie, sodass Chris in der Nacht aufwacht, irritiert durch Haus und Garten wandert, um sich schließlich im Stuhl gegenüber der Hausherrin einzufinden, die ihm auch gleich sein Kindheitstrauma aufbereitet. Im wahrsten Sinn des Wortes verliert er den Boden unter den Füßen und fällt in einen tiefen Abgrund voller Schuld. Am nächsten Morgen wacht er im Bett neben seiner Freundin auf und ist beruhigt, dass alles nur ein schrecklicher Albtraum gewesen ist. Der Bruder von Rose verhält sich auffallend aggressiv, Chris‘ Irritation wächst immer mehr, besonders als Freunde am nächsten Tag zum Familienfest kommen. Er fühlt sich als Fremder in der weißen Gesellschaft, kann sich dieses Gefühl aber nur dadurch erklären, dass er als Schwarzer schon immer Diskriminierungen ausgesetzt war. Und bald stellt sich heraus, dass er damit Recht haben wird und ihm noch viel Schlimmeres bevorsteht. Etwas so Schreckliches, das nicht einmal er vorausahnen konnte.

Die Geschichte ist so gut erzählt, dass auch wir lange glauben, dass seine Wahrnehmungen durch seine Geschichte verzerrt ist: durch die Anfeindungen, die er als Schwarzer in der amerikanischen Gesellschaft täglich erfährt, kombiniert mit den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber. Er ist Fotograf und versucht mit der Kamera das Geschehen einzufangen. Da die Realität aber nur schöner Schein ist, kann er sie nur intuitiv erfassen. Das Grauen darüber, als er der Wahrheit immer näher rückt, geht auch auf uns über. Der Abgrund menschlichen Tuns übertrifft die schrecklichsten Träume. „Get out“, lautet von nun an die Devise. Und da kann es dann auch ordentlich brutal zugehen …

Chelsea: „Kids. They´re not so great“

Was tut sich in unserer modernen Welt? Galten in meiner Zeit Kinder noch als das höchste Gut, das eine Frau anstreben kann, begegnen mir heute immer mehr Frauen, die Hunde diesen vorziehen. Was ist passiert?

Es gab Zeiten, in denen ich mich nur auf Spazierwege traute, wenn mich meine halbwüchsigen Töchter begleiteten. Kein Hundebesitzer konnte mir weismachen, dass sein Liebling friedlich ist, ich mochte keine Hunde.

Chelsea Handler, deren Show („Chelsea“) ich gerne sehe, brach das Eis. Chelsea ist nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern besitzt überdies die seltene Gabe, frisch und frech draufloszureden, dass einem die Spucke wegbleibt. Ihre männlichen Interviewpartner finden keine Gnade vor ihrer übermütigen Zunge, trotzdem ist ihr keiner böse und der Auftritt endet immer in einer herzlichen Umarmung. Sie stellt alle gängigen Werte, die Frauen verinnerlicht haben, auf den Kopf: Sie wohnt allein in einer riesigen Villa, trinkt viel Alkohol, konsumiert Drogen und sagt freimütig, dass sie in mehr als achtzig Ländern Lover hatte. Sie mag keinen Ehemann und schon gar keine Kinder, liebt ihre Freunde und ihren Hund Chunk. Und dieser ist in jeder Show mit dabei, wird von den Gästen betätschelt und trottet gutmütig im Studio herum. Man muss ihn einfach mögen. Sie gibt Männern Tipps zum Anziehen und sagt ihnen, was gar nicht geht: Kettchen, V-Ausschnitt, Jogginghose, Flip-Flops, außer man ist schwarz, dann ist alles erlaubt. Am Schluss steht der entkleidete Mann in Unterhose da und schämt sich.

Also sind es diese aufmüpfigen Frauen, die uns den Trend zum Hund einbrachten? Was Handler am Leben mit Hunden so schön findet und immer wieder betont: bedingungslose Liebe, keine dummen Fragen, Ablaufdatum. Dabei blickt sie frechen Blickes und erhobenen Hauptes in die Kamera.

Ja, es tut sich etwas im Frauenland, Altruismus und Bravsein sind von gestern, was heute zählt, ist Freiheit und Genießen und wenn man Handler dabei zusieht, ist man doch beeindruckt.

Well done, denkt man sich, und blickt als normale Frau auf ein anstrengendes Leben mit Beruf und Kindern zurück: „Kids. They are not so great“. Die eigenen ausgenommen.

©a.achilles 2016

DISPLACED – Vordere Zollamtsstraße 7

DISPLACED – Vordere Zollamtsstraße 7, 1030 Wien

Was gibt es in dem größten Flüchtlingsheim Österreichs zu sehen, das in Spitzenzeiten bis zu 1500 Refugees Aufnahme gewährt hat?

Was tun mit 90 0000 Menschen, die im letzten Jahr ihren Weg zu uns gefunden haben? Sie aus Flugzeugen ins Meer werfen, auf Almen bzw. in Hinterhöfen am Land verstecken?

Es gibt Alternativen: Menschen, die ihnen beim Einleben helfen und uns Hoffnung geben, wie es zu schaffen ist.

Was ich bei meinem Besuch im Flüchtlingsheim Vordere Zollamtsstraße 7 gelernt habe:

  • Nehmen Sie zwei hochkompetente Arabisch und Farsi sprechende junge Frauen vom Roten Kreuz, die langjährige Auslandserfahrung haben, Sitten und Gebräuche der Ankommenden kennen und übertragen Sie ihnen die Leitung des Hauses. Es werden Strukturen aufgebaut werden, die Sicherheit, Ordnung und ein friedliches Miteinander garantieren. Alle Eingänge werden von freundlich aussehenden Menschen besetzt sein, immer Mann und Frau in grauen Erkennungsjacken, die streng kontrollieren, wer womit das Haus betritt und zudem abwechselnd als Patrouillen im Haus unterwegs sind. Es gelten klare Regeln, welches Verhalten man erwartet, kleinste Verstöße (siehe Taubenfüttern) werden bestraft.FullSizeRender(3)
  • Laden Sie eine Architekturlehrveranstaltung ein, in diesem Fall das TU-Projekt „Displaced – space for change“. Ursprünglich als Festivalgebäude geplant, wurde das leerstehende Gebäude in der Zollamtsstraße im Zuge der Ereignisse zum Aufnahmequartier umfunktioniert, zunächst waren die verwaisten Büros mit nichts als blauen Feldbetten und Decken vom Roten Kreuz ausgestattet. Das reicht zum Schlafen, zu mehr nicht. Die Studenten schufen mit wenig Mitteln Kommunikations- und Beschäftigungsräume, die Sinn und Abwechslung in den deprimierenden Flüchtlingsalltag bringen. Ein leuchtendes, farbenfrohes Vintage-Cafe, eine gemütliche Bibliothek, eine Werkstatt zum innoativen Möbelbauen aus Resten wurden eröffnet, Nähmaschinen zum Ausbessern und Neuschneidern angeschafft, zum Deutschlernen Räume mit Tischen, Bänken und einer Tafel bestückt und eine pensionierte Kindergärtnerin von Kindern gefunden, die jetzt ein Spielzeugparadies zur Verfügung haben. Für das Kleiderlager im Keller zimmerte man gemeinsam Regale, schneiderte knallige Vorhänge als Umkleidekabinen und bepflanzte den grauen Innenhof. Diese „kleinen räumlichen Interventionen“, manchmal nur ein Nagel, machen einen großen Unterschied aus und zurecht wurde dieses Uni-Projekt Anfang Mai mit dem Preis „Sozialmarie 2016″ ausgezeichnet.

Viele namenlose Menschen zeigen in Österreich ihre Solidarität und Menschlichkeit. Machen Sie die Projekte bekannt und schicken Sie die Botschaft ins Land hinaus!

http://displaced.at/wp/

©a.achilles 2016