Faszination Feuer: Burning

Der Film von dem in Cannes ausgezeichneten Regisseur Chang-dong Lee spielt in Seoul und in der Nähe der Grenze zu Nordkorea, die von nordkoreanischer Propaganda beschallt wird. Er handelt von drei jungen Südkoreanern, ihren brennenden Sehnsüchten und Widrigkeiten in einer Welt, die auch die unsrige sein könnte.

Die Hauptfigur ist Jong-Su, der auf dem Land an der Grenze lebt, Schriftsteller werden möchte und sich in seine ehemalige Klassenkameradin Nae-mi verliebt. Seine Angebetete ist nach einer Schönheitsoperation sehr schön geworden, die beiden verbringen eine Liebesnacht in ihrer unaufgeräumten Wohnung mit Blick auf den Fernsehturm, danach reist sie nach Afrika ab und überträgt ihm die Fürsorge für ihre Katze. Als er sie am Flughafen wieder abholt, ist sie in Begleitung des gutaussehenden reichen Ben. Die drei verbringen immer mehr Zeit miteinander und Jong-Su muss erkennen, dass Ben in einer viel höheren Liga spielt, zu der er keinen Zutritt hat. Zudem eröffnet ihm dieser sein Geheimnis: er liebe es alle zwei Monate Gewächshäuser in Brand zu setzen. Dies setzt in Jong-Su eine Aufwärtsspirale von Paranoia in Gang, der auch wir uns nicht entziehen können.

Warum wurde der Film von der Kritik in Cannes so frenetisch gefeiert? Erst einmal durch den Stoff, einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami. Eine Dreiecksgeschichte, die zunehmend außer Kontrolle gerät, erzählt wird sie aus der Perspektive des schwächsten Gliedes, des arbeitslosen Jong-Su. Die Gewissheiten lösen sich zunehmend auf, die Fantasie gewinnt zunehmend an Fahrt. Bald weiß man nicht mehr, was Realität ist oder Einbildung.  Die Welt gerät, je verworrener die Ereignisse werden, zunehmend aus den Fugen, die Ängste kommen an die Oberfläche und verbrennen diese. Tiere und Menschen verwinden, Vergangenheit kann nicht mehr erschlossen werden, da die Erinnerungen verloren gegangen sind. Dem reichen Ben, von dem niemand weiß, wie er zu seinem Geld gekommen ist, liegen die schönsten Frauen zu Füßen, er kann sich nehmen, was er will. Seine Welt ist eine Anhäufung von Luxus und Feiern, von Schönheit, aber auch rascher Langeweile. Um sich lebendig zu fühlen, braucht es einen besonderen Kick. Die schöne Hae-mi leidet an Geldmangel und Melancholie. Auch wenn sie ausgelassen halbnackt im Abendrot tanzt und den Vogelflug imitiert, bricht sie kurze Zeit später an Weltschmerz und seelischer Erschöpfung zusammen. Und Jung-su ist nur ein Beobachter und Getriebener dieser Szene, der von niemandem gesehen oder gehört wird. Er ist ein Ausgestoßener, findet keine Arbeit und auch sein Roman keinen Stoff. Alle seine Fragen werden nicht oder widersprüchlich beantwortet, weit und breit ist niemand, der sich seiner annimmt und ihn auffängt.

Möglicherweise kann man dies als die große Kunst des Regisseurs bezeichnen: In jeder Phase des Filmes, sei es durch die Schauspieler, die Kamera, die Musik wird schmerzlich festgehalten, was die große Tragödie dieser jungen Menschen ist. Nichts ist beständig, es gibt keinen Verlass auf das ewige Glück, auf Liebe, Familie und Tradition, die Gesellschaft teilt sich scharf in Reiche und Arme, die nichts gemeinsam haben.

Obwohl der schöne Schein zu überwiegen scheint, ist darunter das Feuer verborgen, das jederzeit zum Ausbruch drängt. Aus welchen Gründen auch immer.

 

Was uns die Vergangenheit lehrt: Wildlife

Eigentlich wollte ich Mid90s sehen. „Ein Fehler auf der Website“, sagte die Kartenverkäuferin und zeigte auf „Wildlife“, der Film sei sowieso besser. Die Schauspieler waren mir bekannt, das Plakat gab mir aber wenig Hinweis auf den Inhalt. Ein ungutes Gefühl, in einen Film zu gehen, von dem man gar nichts weiß.

Es erwartete mich eine Familiengeschichte aus den sechziger Jahren im ländlichen Montana. Ein junges Ehepaar ist mit seinem 14-jährigen Sohn Joe (Ed Oxenbould) wieder einmal umgezogen und versucht dort anzukommen. Ein bescheidener Bungalow wird angemietet, der Vater nimmt einen Job in einem Golfclub an, die Mutter kocht, der Sohn ist neu in der Schule. Die Eltern sind jung, sehr attraktiv und tauschen in der Küche Zärtlichkeiten aus. Der Sohn registriert dies über seinen Rechenaufgaben, denn die Kleinfamilienidylle hat schon Risse, es braucht nicht viel, um die bestehenden Konflikte ausbrechen zu lassen. Als der Vater arbeitslos wird, in Depressionen und Selbstmitleid verfällt, öffnet sich der dünne Boden unter ihren Füßen. Ein Abgrund tut sich auf, der in dem anrollenden Waldfeuer seine Entsprechung findet.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Richard Ford aus dem Jahre 1990, und ist das Regiedebüt von Schauspieler Paul Dano. Was diesen Film besonders macht, ist die Perspektive auf das Geschehen. Es ist der Blick des Sohnes, aus dessen Reaktionen wir miterleben, was passiert und der versucht, das Geschehen zu deuten. Er ist ein Kind, das miterlebt, wie seine Eltern sich immer mehr entfremden, weil sie nicht voraussehen können, welche Folgen ihr Handeln haben wird.

Der Vater ist ein unreifer Träumer, der den Boden unter den Füßen nicht finden kann und die Familienlast immer wieder seiner Frau aufbürdet. Nachdem er wieder einmal arbeitslos geworden ist und schließlich für Monate als Feuerwehrmann in die Berge geht, versucht die Mutter durch Aushilfejobs für sich und ihren Sohn ein Überleben zu sichern. Und dies wohl nicht zum ersten Mal, wie angedeutet wird.

Natürlich waren in den sechziger Jahren die Rollen noch stärker festgelegt als heute. Der Mann sollte das Brot verdienen, die Frau hatte die Verantwortung für Küche und Kinder. Auch Jeanette (Carey Mulligan) vertraut diesem Bild einer heilen Familie und ist frustriert und wütend, als sie einsieht, dass dies mit Jerry (Jake Gyllenhaal) zum Scheitern verurteilt ist. Sie sucht nach einem besseren Leben. Da sie keine Ausbildung hat, kann sie sich in kleinen Nebenjobs nicht lange halten. Sie erinnert sich an ihre jugendliche Schönheit und Wildheit. Aber diese Erinnerungen sind als Dreißigjährige auch schon fragil, wenn man Mann und Kind im Gepäck hat.

Der Sohn ist dabei, als die Mutter den Ausbruch wagt, während der Vater fernab das Feuer bekämpft. Der Junge muss mitansehen, wie seine Kinderwelt mehr und mehr in Trümmern zerfällt.

Auch er hat schon einen Nebenjob, als Aushilfsfotograf fotografiert er glückliche Familien und Brautpaare fürs Familienalbum. Am Ende bittet er seine Eltern zu einem gemeinsamen Fototermin, zu dritt, fürs Familienalbum, die Anordnung hat er bereits übernommen.

Sie sollten „Wildlife“ unbedingt sehen, nicht nur, weil die Schauspieler großartig sind, sondern auch weil der Regisseur eine ganz eigene Art gewählt hat, uns die Geschichte von Liebe und Entfremdung eines Paares zu erzählen, aus der Sicht eines Kindes, das die Tragödie zwar schmerzlich miterleben muss, aber schon in dem Bewusstsein, ein eigenes Leben vor sich zu haben.

 

 

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 2

Wie geht es Menschen in Zeiten wie diesen, die Anteil nehmen an der großen und der kleinen Welt? An Amerika, Großbritannien, Deutschland und auch daran, was in Österreich derzeit passiert? Was, wenn die politischen Zustände immer verworrener und unsicherer werden. Was, wenn immer mehr Schüler die Leistung verweigern und sich in die Welt des Rausches und des Freizeitvergnügens begeben? Was, wenn auch hierzulande immer mehr Frauen ermordet werden? Was, wenn der Novemberblues über einen hängt und die auswandernde Tochter traurige Träume zurücklässt?

Dann ist es Zeit, den Mühen der Ebene selbst zu entfliehen und die Welt der Bücher aufzusuchen. So geschehen letzten Mittwoch, ein Tag, der so voller Anstrengung ist, dass abends nur mehr Netflix Zufluchtsstätte sein kann. Mir war wie immer von einer meiner Freundinnen ein Buch empfohlen worden, das ich unbedingt lesen müsste. „Neujahr“, geschrieben von Juli Zeh, über deren „Unterleuten“ ich ja schon an früherer Stelle nicht ganz so enthusiastisch berichtet habe.

Auch in diesem Roman befindet sich der Protagonist in einer Krise. Kleine Kinder, die ihn unentwegt fordern, eine Frau, die fünfzig – fünfzig möchte, eine Schwester, die den Boden unter den Füßen nicht findet, Schwiegereltern, die mit dem eigenen Leben im schönen Rom beschäftigt sein wollen. Der Job drückt ihn nieder, weil eine halbe Stelle nicht gleich halbe Arbeit bedeutet und er als Lektor sich doch für ein gewisses Maß an Qualität verantwortlich fühlt. Das alles wächst ihm über den Kopf und die Überforderung schreit ihn in Form von Panikattacken schon ganz heftig an. Also beschließt er samt Familie zu Weihnachten nach Lanzarote zu fliegen, um dort in sommerlichen Gefilden dem kalttrüben Deutschland zu entkommen. Ja, es gefällt ihm dort, die Leute (Briten, Franzosen) sind nett, man feiert ausgelassen in einem Hotel, kann jedoch wegen der Kinder nicht allzu lange bleiben. Der einzige Wermutstropfen ist, dass seine hübsche Frau ein bisschen zu viel Zeit mit einem attraktiven Franzosen verbringt und noch dazu wild mit ihm tanzt.

Am Neujahrstag nimmt er sich vor eine Radtour zu unternehmen und keucht mit unheimlicher Kraft- und Willensanstrengung einen Berg hinauf. Je weniger Kraft er hat, verstärkt dadurch, dass er nichts zu essen und zu trinken hat, desto mehr öffnet sich ein Abgrund, der ihn zu seinen Ängsten und Beschädigungen führt.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt befindet man sich auf dem Sozius und begleitet ihn in ein Haus, wo die Geschichte ihren Anfang hat.

„Neujahr“ ist so spannend erzählt, dass man hineingezogen wird in einen Strudel von Bildern, die das Schöne und das Abgründige unserer Existenz zeigen. Und wenn man das erkannt und durchlebt hat, tut es wohl, in die Gegenwart zurückzukehren und das Gute zu sehen, das einem das Leben zugeteilt hat. Kinder, die man über alles liebt, Menschen, die es gut meinen und eine Natur, die einem den Atem rauben kann.

Auch unser Held kann sich befreien von der Schuld, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Man ist nicht für jedermann und alles verantwortlich, das ist die versöhnliche Botschaft des Romans.

Tschick – ein Roman, der unter die Haut geht

Dies ist eine Rezension von Elena Janic, die unseren Wettbewerb zum Thema Jugendbuch gewonnen hat. Herzliche Gratulation!

Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, zwei vierzehnjährige Jungen, welche unterschiedlicher nicht sein könnten, begeben sich in einem alten Lada auf eine Reise voller Gefahren und Abenteuer, bewältigen gemeinsam Hindernisse, lernen neue Menschen kennen, werden durch Probleme zusammengeschweißt und schließen dadurch eine tiefgehende Freundschaft.

Beide Protagonisten kommen aus vernachlässigten Elternhäusern und suchen verzweifelt nach sich selbst: Tschick, der russische Wurzeln hat, im Ghetto lebt und asozial ist, kompensiert dies mit täglichem Konsum von Alkohol. Er kommt mitten im Schuljahr in Maiks Klasse, ist nicht sehr gesprächig und erscheint täglich betrunken im Unterricht. Nüchtern ist dieser jedoch hochbegabt und schreibt gute Noten. Maik, der zwar im Überfluss geboren und aufgewachsen ist, jedoch von seinen Eltern komplett im Stich gelassen wird, in der Schule gemobbt und als Psycho bezeichnet wird, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Seine Introvertiertheit und sein Mangel an Selbstbewusstsein halten ihn ebenfalls davon ab, Tatjana, einem Mädchen, auf das er schon seit Jahren heimlich steht, seine Gefühle zu offenbaren oder in irgendeiner Art mit ihr zu kommunizieren. Da er aber weiß, dass diese bald Geburtstag hat, fertigt er in mühevoller und stundenlanger Arbeit eine Zeichnung ihrer Lieblingssängerin an und plant, sie auf ihrer Geburtstagsparty damit zu überraschen. Als jedoch alle außer ihm und Tschick eine Einladung erhalten, zerreißt er die Arbeit. Nachfolgend fährt seine Mutter in die Entzugsklinik und sein Vater auf Geschäftsreise mit seiner zwanzig Jahre alten Assistentin. Er lässt Maik 200 Euro da und informiert ihn, dass er die restlichen zwei Wochen alleine verbringen wird. Emotional völlig am Boden verbringt dieser den Rest des Tages im Garten, bis Tschick in einem alten Lada in der Auffahrt auftaucht und ihn dazu auffordert einzusteigen. In diesem Moment beginnt die Geschichte erst richtig und nimmt zügig an Fahrt auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Der schrottreife Lada droht jeden Moment in sich zusammenzubrechen und bietet kaum genug Platz für die beiden Jugendlichen noch für ihr Gepäck. Doch weder dies noch die brütende Hitze hält die beiden Vierzehnjährigen davon ab, sich ins Ungewisse zu begeben. Auf ihrer Reise begegnen sie nicht nur sehr schrägen, sondern auch freundlichen und hilfsbereiten Menschen, welche das Weltbild der Jugendlichen auf den Kopf stellen beziehungsweise  komplett ändern. Sie landen in den abgelegendsten Teilen Deutschlands und reisen über kaum mehr begehbare Feldwege. Ständig auf der Flucht vor der Polizei und anderen, die sie als Kinder entlarven könnten.

Die Coming-of-Age-Road-Novel handelt jedoch nicht nur von Abenteuern der beiden, sondern thematisiert auch ernste Themen, wie zum Beispiel: Drogen, Sex, Kriminalität, ein schlechtes familiäres Umfeld und weitere. Wie vorher schon erwähnt, stammt Tschick aus einem zerrütteten Elternhaus, weshalb auch beschrieben wird, wie der Jugendliche mit dieser Situation umgeht und sich in Folge dessen verhält. Wie man also sieht, ist dies kein gewöhnlicher Jugendroman, sondern eine lehrreiche Lektüre für das zukünftige Leben. Oftmals war ich während des Lesens auch zu Tränen gerührt, woran das traurige Schicksal des Autors, Wolfgang Herrndorf, nicht ganz unbeteiligt ist. Bei diesem wurde nämlich in jungen Jahren ein Hirntumor diagnostiziert, woraufhin er sich selbst das Leben genommen hat. Doch ist der Roman nicht nur traurig, sondern auch originell und vergnüglich und ich war etliche Male zutiefst amüsiert. „Tschick“ ist eine Roadnovel für jedermanns Geschmack und ein echtes Lesevergnügen, welches ich vollstens empfehlen kann.

Über mich

Mein Name ist Elena Janic und ich besuche derzeit die fünfte Klasse einer AHS in Wien. Ich bin leidenschaftliche Leserin und schreibe in meiner Freizeit sehr gerne. Zwar habe ich schon viele Schreibprojekte gestartet, manche auch beendet, aber noch nie etwas veröffentlicht, was ich in der nächsten Zeit aber unbedingt ändern will. Meine Leidenschaft gegenüber dem Lesen habe ich schon in jungen Jahren durch Harry Potter und die Tintenwelt-Triologie entwickelt, welche in den folgenden Jahren durch weitere fantastische Bücher noch gesteigert wurde.

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 1

Nach der Hundeattacke am Bisamberg

Wie Sie, lieber Leser, liebe Leserin, vielleicht schon erahnt haben, befinde ich mich derzeit in einer Schreibkrise, vielleicht gar einer leichten Lebenskrise. Nichts will mich an dem, was ich derzeit sehe, höre oder lese so begeistern, dass ich mich damit auseinandersetzen möchte. Um ganz ehrlich zu sein: Es fällt mir nichts ein. Mein Geist und meine Seele haben etwas anderes zu verarbeiten, nämlich das Ende meiner unmittelbaren und etwas zwanghaft betriebenen Mutterschaft. Denn ich habe es geschafft, diese Rolle für drei Jahrzehnte mit großer Leidenschaft und möglicherweise auch etwas Masochismus auszufüllen. Ich hatte das große Glück, ganze dreißig Jahre mit einer meiner Töchter zusammenleben zu dürfen. Und wir hatten es gut miteinander. Nun hat mir das Schicksal aber klargemacht. Ich muss auch sie, meine Jüngste (sie wird im Februar 27) aus der gemeinsamen Wohnung gehen lassen. Sie heiratet nach Amerika. Dort wartet ein lieber und guter Mann auf sie und ich weiß, dass sie es weiterhin schön haben wird.

Ich sorge jedenfalls schon vor mit Überlegungen: Soll ich mir eine Asiatin in das verwaiste Kinderzimmer nehmen? Sie sind lernwillig und anpassungsfähig und ich könnte möglicherweise jeden Abend wieder mit einem jungen Menschen über lustige amerikanische Serien lachen? Mehr fällt mir noch nicht dazu ein.

Um jedenfalls meine trüben Zukunftsaussichten etwas aufzuhellen, wandere ich seit einigen Wochen durch den herbstlich erleuchteten Wienerwald. Ich habe mir vorgenommen, noch heuer alle Stadtwanderwege unter Fach und Dach zu bringen. Auch das tut der Seele gut und pflegt zudem meine Freundschaften. In Anbetracht von Allerheiligen, das meine Wanderkameradinnen zu den Friedhöfen in ganz Österreich verstreute, ging ich gestern alleine den Stadtwanderweg 5. Mit dem 31 zuckelte ich aus Wien hinaus, durch mehrere Wiener Bezirke, Häuser und Menschen betrachtend. Je weiter ich kam, umso liebloser wurde die Architektur. Mir taten die Menschen leid.

Vom Stadtwanderweg will ich nicht viel berichten, außer dass er wirklich schön ist und die Menschen dort ausgesprochen lieb zu mir, der einsamen Wanderin, waren. Ich wurde nett gegrüßt, einige verwickelten mich in ein Gespräch über die schöne Natur und mir wurde sogar von einer Gruppe ein Platz auf ihrer Bank angeboten. Ich war guter Dinge und gehobener Stimmung. Bis ich zu der Abzweigung kam. Ich habe eine pathologische Angst vor Hunden. Aber seit es einige schreckliche Hundeunfälle in letzter Zeit in Wien gab, haben die meisten Hundebesitzer selbst Angst und führen ihre Lieblinge je nach Gesinnung an unterschiedlich langen Leinen. Nicht so die Frau, die sich mir auf einem anderen Weg mit einem riesigen braunen Hund näherte.  Plötzlich sprang das wunderschöne, aber gefährlich aussehende Tier über die Böschung und jagte auf mich zu. Kein Pfiff, kein Rufen von Seiten der Besitzerin. Was blieb mir übrig, als selbst wie am Spieß zu schreien, als das riesige Monster mich fast schon berührt hatte? Mein Schrei war so grässlich, dass der Hund zusammenzuckte und kehrtmachte. Ich war erleichtert. Als die Besitzerin dann mit dem Hund brav an ihrer Seite an mir vorbeiging, fauchte sie mich an, ich solle doch eine Angsttherapie machen. Ich antwortete selbstbewusst: „Sie könnten Ihren Hund auch wie alle anderen an der Leine führen“.

Beschwingt ging ich den Berg hinunter, glücklich darüber auch diese Krise gemeistert zu haben.

 

 

Power to the people

PowertothePeople

Warum dreht Spike Lee heute einen Film über einen schwarzen Cop, der ein Mitglied des Ku-Klux-Klans in den Siebzigern war? Und warum beendet er den Film mit den Ereignissen in Charlottesville?

Der Zusammenhang ist unschwer zu erkennen: Die Gefahr von Seiten der Rechten, die den Weißen die Vorherrschaft sichern wollen, findet ihren Ausdruck in Trumps Amerika. Die Progressiven wären zu selbstgefällig gewesen, sagt Spike Lee in einem Interview mit der „Zeit“, hätten sich zu sehr auf den Triumph von Obama ausgeruht und es nicht geschafft, dem rechten Ansturm etwas entgegenzusetzen. Deshalb hätte er Gas geben müssen. Aus all diesen Gründen hat Spike Lee die autobiographische Geschichte des Polizisten Ron Stallworth in einen packenden Film gekleidet, der uns eine Lektion über Rassismus und die gefährliche Ideologie der Rechten erteilt.

In BlacKkKlansman selbst ereignet sich etwas ganz Absurdes: Der Afroamerikaner Ron Stallworth, gespielt von John David Washington, ermittelt gegen Aktivitäten der „Organisation“, wie sich die Anhänger des Ku-Klux-Klans selbst nennen. Über das Telefon nimmt er Kontakt auf, signalisiert Interesse und wird prompt zu einem geheimen Treffen eingeladen. Natürlich schickt er seinen weißen Kollegen Flip Zimmermann (Adam Driver) hin. Somit beginnt ein intelligentes Verwirrspiel der Polizisten mit dem Klan, das in ein Aufnahmeritual mit dem extra angereisten Großmeister David Duke (Topher Grace) mündet. Das Ganze führt zu einem gefährlichen Wettlauf mit der Zeit, da ein Anschlag auf die schwarze Studentenführerin (Laura Harrier) geplant ist.

Was zeigt uns der Film? Großteils gute Polizisten, die gegen Rassisten den Kampf aufnehmen. Die ihr Leben riskieren, um dem Bösen entgegenzutreten. Die „Organisation“ ist einerseits von trinkenden Dummköpfen und andererseits von Extremisten, die zum Äußersten bereit sind, bevölkert. Nur in der Führungsriege befinden sich Männer, die zu strategischem Planen und Vorgehen fähig sind, was sie umso gefährlicher macht. Breite Aufmerksamkeit wird der Ideologie und dem spektakulären Treiben des Ku-Klux-Klans gewidmet, immer wieder werden ihnen Trumps Worte in den Mund gelegt. Parallel zu den Vorgängen in der „Organisation“ wird die Geschichte des Rassismus gezeigt. Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus „Vom Winde verweht“ und findet in dem Auszug aus „The Birth of Nation“, dessen rassistischer Inhalt die Klans Mitglieder begeistert, ihren Höhepunkt. Wie sich die Gewaltspirale hochschraubt und auch vor Mord nicht zurückgeschreckt wird, weiß Spike Lee spannend in Szene zu setzen. Den alltäglichen Rassismus in der Polizei erträgt Ron Stollworth meist stoisch und mit einigem Humor. Washington, Sohn eines berühmten Vaters, spielt ihn als einen recht lässigen Schwarzen mit schönem Afrolook, der seine Rolle als Polizist erst finden muss. Er wird als Spitzel bei einer Veranstaltung der Black Student Union eingesetzt, was ihn etwas zum Nachdenken bringt. Aber die meiste Zeit ist er mit dem Klan beschäftigt, witzig und eloquent, aber immer auf der Hut, nichts Falsches zu sagen, um seinen Stellvertreter nicht auffliegen zu lassen. Denn Flip Zimmermann (Adam Driver) befindet sich in immer größerer Gefahr und riskiert Kopf und Kragen in dem riskanten Einsatz.

Am Ende, nach den schockierenden Bildern in Charlottesville, kommt Donald Trump ins Bild und was er dazu zu sagen hat. Danach bekundet der echte David Duke seine Ideologie und Sympathie für den Präsidenten. Dieses Ende hätte es gar nicht bedurft. Die Botschaft war ohnehin klar.

Zwar wird von Experten immer wieder betont, dass Trumps Wahlsieg das letzte Aufbäumen des weißen Mannes sei, denn das Amerika in 20 Jahren werde viel eher das von Obama gleichen. Und die Obamas hatten ihr allererstes Date bei Spike Lees „Do the Right Thing“, was Anlass zu Hoffnung gibt.

Wie man den Alkohol besiegt oder weglaufen geht nicht

Es beginnt mit einem Säuferleben: Party, Girls und vor allem Alkohol. Das Trinken ist John Callahan (Joaquin Phoenix) bereits zu Beginn des Films ins Gesicht geschrieben, die Stimme verschwommen, der Blick glasig. Seine Sauftouren wollen nicht enden, Tag und Nacht ist er auf der Suche nach dem Rausch und Kumpanen, die ihn dabei begleiten. Mit dreizehn Jahren habe es begonnen, wird er später erklären und die Schuld dafür seiner Mutter geben, die ihn nicht haben wollte. Volltrunken wird dann eines Nachts Auto gefahren und plötzlich liegt er im Krankenhaus und kann seinen Körper nicht mehr spüren. Querschnittslähmung. Jetzt ist er bei jedem Handgriff auf Hilfe angewiesen, nicht einmal eine Whiskyflasche kann er mehr öffnen, geschweige denn aufs Klo gehen oder sich waschen. Jetzt bricht die Verzweiflung über sein vermurkstes Leben erst richtig herein, die er weiterhin mit Alkohol ertränkt. Es treibt ihn von einer Flasche zur nächsten und in genauso rasendem Tempo jagt er mit seinem Rollstuhl die Gehsteige und Kreuzungen entlang. Jetzt winkt ihm der Tod in Form von Akrobaten ganz offen zum Fenster herein und auch er kapiert endlich: sterben oder trocken werden. Und damit beginnt seine Rettung.

Gus Van Sant erzählt in „Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot“ die wahre Geschichte von John Callahan, die dieser in seiner gleichnamigen Autobiographie niedergeschrieben hat. Er wählt den Ausschnitt, als dieser von seiner Alkoholsucht und deren Überwindung berichtet. Das geht nicht ohne Anstrengung, aber auch nicht ohne menschliche Zuwendung. Dass Callahan sich aus den Klauen des Teufels Alkohol befreien kann, verdankt er in erster Linie seinem Mentor Donnie (Jonah Hill) und seiner Gruppe bei den Anonymen Alkoholikern. Und er entdeckt sein künstlerisches Talent als Karikaturist. Und einen Anteil hat natürlich die Liebe, die ihm in der schönen Physiotherapeutin und engelhaften Flugbegleiterin Annu (Rooney Mara) begegnet.

Joaquin Phoenix spielt die Hauptrolle und vermag es meisterhalt, die unerfüllten Sehnsüchte, die jemanden in den Alkohol treiben, zu veranschaulichen. Es ist ein ständiges Treiben am Abgrund, zwischen Leben und Tod, um dem Schmerz, der in ihm festsitzt, nicht spüren zu müssen. Erst über das Zwölf-Schritte-Programm und Donnie werden die Schichten des Selbstmitleids abgetragen und der Punkt erreicht, wo die Depression und Selbstzerstörung ihren Ursprung haben. Es geht um Verwundungen in der Kindheit, um Verzeihen und Selbstliebe, die ihn schließlich in ein suchtfreies Leben führen. Und er als Querschnittsgelähmter schert sich keinen Deut um politische Korrektheit. Immer wieder trifft sein Spott auch Behinderte. Wobei seinen Cartoons und seinem Wirken als Künstler nur relativ kurze Ausschnitte in dem Film gewidmet sind. Die meiste Zeit ist der Regisseur mit den Auswirkungen des Alkoholismus beschäftigt, wobei nicht immer klar ist, in welcher Zeit wir uns gerade befinden. Dieses Hin-und Herspringen zwischen den Siebzigern und Achtzigern mutet willkürlich an und verwirrt. Zudem fehlt das Bindeglied, woher Callahan seine bitterbösen Karikaturen speist. Aber der kaputte Phönix Callahan steigt so geläutert aus der Asche, wie der sanftmütige Hippie Donie in ihr verbrennt. Allein deswegen kann man über die Mängel des Films hinwegsehen.

Zum erstenmal bei den SEERN auf der Zloam

Als ich am Freitagnachmittag zum Ödensee komme, wundere ich mich über die vielen Menschen und Heurigenbänke, die um die Kohlröslerhütte aufgestellt sind. Auf einem Tisch entdecke ich das Schild:


Der Tisch bleibt leer, denn die Musiker/innen haben sich schon in den VIP Bereich im oberen Stock zurückgezogen, eine ausgelassene Stimmung zurücklassend. Einem braungebrannten Hochzeitspärchen, lese ich am nächsten Tag in der Zeitung, wurde nach der Fanwanderung um den See ein Ständchen gesungen.
Also auf zum Open Air am Samstag nach Grundlsee, das einem, von Mitterndorf kommend, zuerst zu einem weit entfernten Parkplatz und von dort mit anderen den Weg hinaufführt, viele in Lederhosen und speziellen SEER-Hüten. Die Atmosphäre ist bereits um halb sechs aufgeheizt von Alkohol und Vorfreude. Im Open Air Gelände angekommen, beeindrucken die gewaltige Bühne und die drei Tribünen, die Tausende von Menschen fassen. Am Hang, noch in warmem Abendlicht, sammeln die Stehplatzgäste ihre Kräfte für einen langen Abend. Die Vorgruppen bieten exzellente Musik, die Gruppe High South aus Nashville sendet Countrymusic zum Grundlsee hinab und Backenstein hinauf und Hot Chocolate heizt mit funkigem Rock den eintrudelnden Massen mächtig ein. Langsam füllen sich die Stehplätze aus den Sonnenrängen auf. Um Punkt neun betreten DIE SEER die Bühne und ihre ausverkaufte Show „Nur das Beste“ kann beginnen. Da ist es schon dunkel und alle freuen sich darauf. Zweieinhalb Stunden werden sie singen von „Hoamatgfühl“, „Sehnsucht nach Grundlsee“, „Hätt di gern bei mir“, „Voglfonga“, „Eiskristall“, von Liebe, Natur und Gemeinschaft, ganz unverkrampft und frei von jeglichen Vereinnahmungen. All dies kann man in Zeiten wie diesen gut gebrauchen und die Menschen spüren, dass etwas Tieferes verborgen ist in den Liedern mit den Titeln „Wilds Wossa“ und „Junischnee“. Und wenn man von der Tribüne aus über die Masse von wogenden Händen, tanzenden, sich umarmenden und küssenden Menschen sieht, versteht man, warum DIE SEER in den letzten 22 Jahren Jung und Alt, Klein- und Großgewachsenen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum begeistern konnten. Mehrmals weisen sie darauf hin, dass sie an diesem Ort auf einem Traktor vor 200 Menschen begonnen haben und nicht im Traum daran zu denken war, dass so ein Großereignis einmal möglich sein werde. Und bei diesen Worten hat der Gründer der Band, Alfred Jaklitsch Tränen in den Augen und eine brüchige Stimme. Und sie sind ihm nicht zu verdenken, wenn man die vielen glücklichen Menschen um ihn herum sieht. Nicht wenig hat dazu die Landschaft und Menschen, aus denen er seine Inspirationen nimmt, beigetragen. Und natürlich nicht zu vergessen, die beiden Sängerinnen, Astrid Wirtenberger und Sabine Holzinger, deren Stimmen zusammenklingen, als wäre ABBA wiedervereinigt. Und gerade Sassy, wie sie immer angesprochen wird, hat eine so gewaltige Stimme, die Tausende so in ihren Bann ziehen kann, dass es plötzlich mucksmäuschenstill wird. Mit „Kim guat hoam“ werden wir verabschiedet, bevor Hunderte Raketen aufsteigen und ein imposantes Klangfeuerwerk den Himmel verzaubert.
Dann ist es Zeit zu gehen, es geht gegen Mitternacht zu, eine beeindruckende Masse von Menschen und Autos wälzt sich friedlich den Weg hinunter, wir verirren uns im Wald, werden aber gleich von großen Lichtkugeln und Ordnern auf den richtigen Weg zum Parkplatz gelotst. Ein berührender Abend ist zu Ende gegangen.
Danke, SEER, danke, Grundlsee!

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Von Frausein, Scham und Wut – Hannah Gadsby: „Nanette“

Was ist das für ein Kabarettprogramm, wo einem das Lachen nach der Hälfte im Halse steckenbleibt? Wo einem am Ende zum Weinen zumute ist? Wo Comedy nicht mehr Comedy ist? Gebannt lauscht man den Worten der 40-jährigen Australierin Hannah Gadsby und fragt sich, wohin das führen soll. Manche sprechen davon, dass nach ihrem Programm „Nanette“ kein Stein mehr auf dem anderen bleiben kann, da sie die Form zertrümmert habe, sie selbst, dass sie aufhören müsse.

Ich kenne nicht viele Komikerinnen, die über Outing und Diskriminierungen als Lesbe so offenherzig erzählen können, dass sie gleich das Opernhaus von Sydney füllen könnten. Eigentlich keine. Am Anfang ist man nicht nur von ihrem Aussehen, sondern auch von ihrem Auftreten verstört. Pummelig, mit zu enger Hose, Kurzhaarschnitt, schwarzer, das Gesicht dominierender Brille. Die Bewegungen linkisch und schwerfällig, die Stimme zu hoch, jedem Satz ein verlegenes Lächeln nachschickend. Was hat Netflix, das für seine Comedy-Specials beliebt ist und weltweit empfangen werden kann, da ins Programm aufgenommen? Hannah Gadsby berichtet von ihrer Kindheit in Tasmanien, von ihrem Outing als Lesbe, welches sie aufs Festland fliehen lässt, von ihrem Kunststudium, von Picasso und Van Gogh, von den Erfolgreichen und den Gescheiterten, von Selbsthass, Scham und der Gewalt, die ihr in einer homophoben Gesellschaft entgegenschlagen. Über vieles kann man herzlich lachen, hat es doch auch mit dem Frausein zu tun, das einem selbst in Europa nicht unbekannt ist. Dann aber will sie keine Witze mehr erzählen, denn sie würden nicht helfen. Witze hätten eine Einleitung und eine Pointe, das Ende würde nie erzählt. Und tatsächlich, darüber kann man dann wirklich nicht lachen, wenn sie wütend über den Machtmissbrauch von Picasso und weißen Männern herzieht. Und habe ich Sie in meinem Blog über Trevor Noah noch in der Illusion gewiegt, dass die Verletzungen der Vergangenheit durch das Lachen zu lindern seien, so zeigt uns Hannah Gadsby, dass das keine gute Medizin ist. Ihr habe es nicht geholfen, da sie sich selbst dadurch nur weiter entwertet habe. Um dann wieder auf Van Gogh zurückzukommen, der wahnsinnig geworden, die schönsten Sonnenblumen gemalt habe. Nicht deswegen, sondern weil sein Bruder ihn geliebt habe. Auch das wünsche sie sich, dass sie etwas bewirke mit „Nanette“. Das hat sie. Sehen Sie selbst, nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.

Hannah Gadsby erzählt in einem Interview, dass Emma Thompson sie nach einer Vorstellung in London umarmte, sie hätten beide bitterlich geweint, sie über ihr Leben und Emma Thompson? Erst nach „Nanette“ werden sie verstehen worüber. Und Netflix dafür danken, dass Hannah Gadsby und „Nanette“ auch uns erreicht hat.

Trevor Noah Superstar

Kennen Sie Trevor Noah? Wenn nicht, dann ist es Zeit, ihn kennenzulernen. Seit einigen Jahren ist er Gastgeber der „Daily Show“ und überzeugt täglich durch messerscharfen Witz und Intellekt. Er tingelt als Stand-up-Comedian durch die ganze Welt, füllt riesige Hallen und nichts scheint leichter zu sein, als Witze zu erzählen. Er plaudert vor einem riesigen Publikum und alles stimmt: Die Körpersprache, die Geschichten, die so wirken, als fielen sie ihm spontan ein, immer wirkt er authentisch und ist zudem ein begnadeter Stimmenimitator. Er ist mit Barack Obama zu vergleichen, der von Anfang an voller Leidenschaft ins Rampenlicht trat und so die Massen mitreißen konnte. Nun also der junge Südafrikaner Trevor Noah: Was hat ihn so erfolgreich werden lassen? Eine gute Schule, eine einzigartige Begabung? Von Obama wissen wir, dass seine Mutter mit großem Einsatz seine Ausbildung vorantrieb. Klein Obama wurde um vier Uhr geweckt und musste bis sieben mit seiner Mutter lernen, die in weiser Voraussicht, dass nur so aus dem fernen Indonesien ein Stipendium in Amerika möglich sei, kein Nachsehen mit seinem Jammern hatte. Mit zehn schafft er es, ein Stipendium an einer renommierten Schule in Hawaii zu bekommen. In seiner Autobiographie „Dreams from My Father“ beschreibt Obama Kindheit und Jugend, den großen Einfluss seiner Mutter auf den Weg, der ihn schließlich nach Kenia führt auf der Suche nach seinem afrikanischen Vater. Nicht weit davon entfernt, in Südafrika, leben zur gleichen Zeit Trevors Mutter, die schwarz ist und sein zukünftiger Vater, ein Schweizer Geschäftsmann, nebeneinander in einem Wohnblock. Sie will ein Kind von einem Weißen, gerade deswegen, weil dies während der Apartheit strengstens verboten war. Trevor wird geboren, er darf sich mit seinem Vater nicht öffentlich zeigen, seine Mutter muss einige Schritte hinter ihm gehen, um als Kindermädchen durchzugehen. In Soweto darf er nicht aus dem Haus, weil seine Großmutter befürchtet, dass er gestohlen werde. In der Schule wird er das Problem haben, nicht zu wissen, wohin er gehört, zu den Weißen, den Farbigen oder den Schwarzen. Und da die Mutter bitterarm ist, gesellt er sich immer zu letzterer Gruppe. In seiner Autobiographie „Born a Crime“ beschreibt er, wie es war, in einem Südafrika aufzuwachsen, das kurz davor ist, von Nelson Mandela befreit zu werden, aber noch lange an der blutigen Vergangenheit zu leiden hat. Wie schwer es für ihn war, als Jugendlicher in einer Umgebung aufzuwachsen, wo Armut und Gewalt allgegenwärtig waren. Wegen seiner Armut kann er nicht Fuß fassen in der Welt der Weißen und wählt Freunde, die mit illegalen Geschäften (Raubkopien, Handel mit Diebesgut) ums Überleben kämpfen. „Born a Crime“ bezieht sich nicht nur auf seine illegale Geburt, sondern auch auf die Zeit in den Townships, in denen die Trennung zwischen Gut und Böse verschwommen war. Ständig besteht die Gefahr erschossen zu werden, einmal wirft die Mutter ihren Sohn aus dem fahrenden Auto, weil sie sich in Todesgefahr befinden. Auch die Mutter verprügelt ihn immer wieder „aus Liebe“ und sie heiratet schließlich einen gewalttätigen Mechaniker, der ihr und Trevor nach dem Leben trachtet. Damit endet das Buch. Aber Trevor hat bereits erste Erfolge und verdient genug Geld, um sich aus dem Sumpf von Verbrechen und Gewalt zu winden. Er hat eine einzigartige Begabung, die ihm eine Alternative bietet.

Sieht man ihm bei seiner Abendshow zu, ist man fasziniert, wie leicht und unbeschwert er wirkt. Mandela, den er immer wieder parodiert, hätte sicherlich seine Freude an diesem jungen Mann aus der Heimat. Sein „langer Weg zur Freiheit“ führt hin zu Trevor Noah, der die Schmerzen der Apartheit in Comedy verwandeln kann.

Apropos: Einmal ist Trevor Noah hinter der Bühne zufällig in Barack Obama gerannt. Er soll zu ihm gesagt haben: „You are looking cute, Mr. President!“

„Born a Crime“ ist auch als Hörbuch ein Bestseller und Trevor Noahs Auftritte können in großer Anzahl im Netz gefunden werden.