Wie man seine Schüchternheit besiegt: Finding My Voice

My Journey to the West Wing and the Path Forward

Wer wünscht sich nicht in die Obama-Zeiten zurück? Irgendwie war alles berechenbar und voraussehbar, man fühlte sich auch in Europa nicht bedroht von Trumps Tweets, die er frühmorgens, nachdem er Fox News geschaut hat, in die Welt schickt. Nach Michelle Obamas Autobiographie „Becoming“, die einen fundierten Einblick in den Aufstieg der Obamas in das Weiße Haus, in ihre Rolle als First Lady gibt und die meistverkaufte Biographie aller Zeiten sein soll, erschien jetzt Valerie Jarretts „Finding My Voice. My Journey to the West Wing and the Path Forward“.

In einem seiner Abschlussinterviews wurde Barack Obama gefragt, wie er den Druck und die Arbeitsbewältigung, die er als amerikanischer Präsident täglich zu bewältigen hatte, ausgehalten habe. Er war ja nicht alleine, er hatte ein sehr engagiertes Team, das ihn unterstützte. Ein wichtiges Mitglied seines Staffs war Valerie Jarrett. Sie leitete das „Office of Public Engagement and Intergovermental Affairs“, das Verbindungsbüro des Weißen Hauses mit den Einzelstaaten und Kommunen. Wenn es eine Überflutung oder eine Massenschießerei gab, Jarett und ihr Staff hielten den Kontakt zu den betroffenen Gemeinden und Verantwortungsträgern, spendeten Trost und versuchten durch praktische Hilfe den Menschen die Unterstützung und Anteilnahme des Präsidenten zu versichern.

Ihr Büro bereitete auch die Briefe für den Präsidenten vor, die einfache Menschen an ihn richteten. Sie begleitete ihn auf Auslandsreisen und war an seiner Seite, wenn schwierige Situationen durchlebt werden mussten. Sie war die einzige politische Beraterin Obamas, die alle acht Jahre im Weißen Haus war.

Wie wurde sie das?

Ihre Autobiographie teilt sich in drei Abschnitte: Kindheit – Karriere im öffentlichen Dienst in Chicago – Weißes Haus.

Sie wurde im Iran geboren, wohin ihr Vater, ein Arzt, gegangen war, weil er als Schwarzer in Amerika keine seiner Ausbildung entsprechende Stelle finden konnte. Diese ersten Jahre prägten sie, sie berichtet, dass sie in Shiraz keinerlei Diskriminierung erleben musste, was in Amerika nicht der Fall gewesen wäre. Nach einer Zwischenstation in London kehrt die Familie nach Amerika zurück, weil der Vater endlich eine Chefarztstelle in Chigago gefunden hatte. Die Familie erwartet viel von der Tochter. Nach einer wohlbehüteten Kindheit studiert sie in Standford und an der Universität Michigan, arbeitet einige Jahre in einer Rechtsanwaltskanzlei, heiratet, bekommt eine Tochter, Laura, die Ehe scheitert und sie ist mit dreißig alleinerziehende Mutter. Sie selbst beschreibt sich als sehr schüchtern, voller Versagensängste und als sehr, sehr unglücklich. Schließlich überredet sie ein Freund in die Administration des ersten schwarzen Bürgermeisters Chigagos, Harald Washingtons, zu wechseln.

„I wasn´t sure I could do it. I think a lot of people have this fear, this fear of not measuring up.“ Sie arbeitet sehr hart, wird von Mitarbeitern und ihrer Familie tatkräftig unterstützt, sodass sie nach wenigen Jahren mehr und mehr Aufgaben übernimmt und erfolgreich ihre Karriere im öffentlichen Dienst vorantreiben kann. „I find it easier to advocate for others than for myself.“ Mit den Erfolgen wächst auch ihr Selbstvertrauen. Unter anderem ist sie zuständig für das öffentliche Bauprogramm und hier gilt es, die strenge Ghettoisierung zwischen Schwarz und Weiß durch innovative städtische Wohnbauprogramme aufzubrechen.

Dort lernt sie Michelle Obama, damals noch Michelle Robinson, kennen und sie wird ab nun mit dem Paar beruflich und freundschaftlich eng verbunden bleiben. Als der junge Senator Pläne für eine Präsidentschaftskandidatur entwickelt, fragt er sie, ob sie seine Fundraiserin sein wolle, dem sie nach einiger Bedenkzeit zustimmt.

Obamas in Red Room with Valerie Jarrett

In ihrem Buch gibt sie einen lebendigen Einblick in die Wahlkämpfe Obamas, das politische Geschehen im Weißen Haus und welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, vor allem für die Frauen, die mitarbeiteten. Für diese war es zunächst sehr schwer, sich im Kreise der vielen Alphamänner zu behaupten. Nachdem Barack Obama das Problem geschildert wurde, fand man Lösungen. Überhaupt wird Barack Obama als offenherziger und äußerst disziplinierter Mensch geschildert. Tägliches Sportprogramm, wenig kalorienreiches Essen (meistens Huhn) und auch in Bezug auf seine Emotionen sehr beherrscht, sehr bescheiden und fast immer ausgeglichen, der keine Angst vor starken Frauen um sich herum hatte.

Was besonders beeindruckend ist, wie sehr Obama es geschafft hat, ein Team um sich zu scharren, das ihm loyal ergeben war und bis zur völligen Erschöpfung für ihn gearbeitet hat. Einiges konnte mit großer Anstrengung vieler erreicht werden, noch mehr wurde durch die strikte Verweigerungspolitik der Republikaner verhindert. Wie sehr diese Kämpfe auch an den Nerven aller rüttelten, beschreibt Valerie Jarrett eindringlich in ihrem Buch.

Was man nach der Lektüre des Buches erkennen muss: Politiker und Politikerinnen sind in erster Linie Menschen, die von ihren Werten, ihrem Charakter und den Menschen, die sie um sich sammeln, geprägt werden.

Auch Valerie Jarrett fand mehr und mehr durch ihre politische Arbeit im Dienste der Gemeinschaft zu ihrer eigenen Stimme.

President Barack Obama talks backstage with Senior Advisor Valerie Jarrett

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Texas (9. – 24. Juli 2019)

Wie ist es, wenn man im Juli mit seiner Familie zwei Wochen im brütend heißen Texas eine Reise unternimmt? Sehr, sehr anstrengend, aber lohnenswert. Die meiste Zeit ist man im Auto oder in zu kalten Räumen untergebracht, denn draußen glüht es. Was dadurch sofort auffiel, waren überall üppige Grünflächen und riesige Wasserparks. 

Water Wall (Houston)

Da der Großteil der Nacht vor allem in Hotels verbracht werden musste, hatten wir viel Zeit, die Highlights des amerikanischen Fernsehprogrammes auszugsweise kennen zu lernen. Denn die Großstädte sind mit Einbruch der Dunkelheit so gefährlich, dass man besser im Auto oder zuhause bleibt. Nach einem Brauereibesuch etwas außerhalb von Dallas wollten wir einen nächtlichen Stadtspaziergang unternehmen. Irgendetwas stimmte damit nicht, denn ich fühlte mich sehr unwohl. Kein Mensch auf der Straße außer Homeless People. Die taten uns nichts, aber wirkten als Alpträume des Nachts nach.

Nicht einmal das Essengehen war eine abendfüllende Beschäftigung. Sobald man den letzten Bissen gegessen hatte, wurde schon die Rechnung gebracht und man war aufgefordert, den Tisch zu verlassen. Apropos Essen: In keinem Land essen die Menschen so viel wie in Amerika. Das Essen aus aller Herren Länder ist sehr wohlschmeckend, aber immer viel zu viel. Besonders beim beliebten Barbecue, wo man sich schon um elf Uhr in einer langen Schlange anstellen muss. So begann ich mit meiner Tochter die Portionen zu teilen und wir litten keinen Augenblick an Hunger.

Ein Burger für zwei

Überhaupt ist das Amerika, das wir sahen, ein Land des Überflusses und des Mangels. Wolkenkratzer, Supermärkte, Autobahnstationen, Highways und luxuriöse Shopping Malls, alles riesig und sehr gut frequentiert, als ob Geld keine Rolle spielen würde. Uns begegneten viele junge Menschen mit perfektem Körper und strahlendweißen Zähnen, die sich schon mittags mit viel Alkohol bei gutem Essen trafen. Andererseits das große Heer der wirklich Armen. Neben den vielen Obdachlosen, die man an jeder Straßenecke antrifft, sah ich Walmart-Kassiererinnen mit so schlechten Zähnen, wie es sie in Österreich schon lange nicht mehr gibt.

Um zum Fernsehprogramm zurückzukommen: Gerne sahen wir „Say Yes to the Dress“, eine Sendung, die den berühmten New Yorker Brautmoden-Salon „Kleinfeld Bridal“ abendfüllend präsentiert. Erst wenn die Braut weint, ist das richtige Hochzeitskleid gefunden. Übrigens ist Rot derzeit angesagt, wie sehr, werden Sie später noch erfahren.

Wir besuchten Houston, Dallas, Austin und San Antonio, mit Abstechern u. a. zur NASA und nach Waco. Hier befinden sich die „Magnolia Market Silos“ – zwei verrostete und funktionslos gewordene Getreidesilos – und der Shop von Joanna und Steven Gains, die mit ihrer Homerenovierungsshow auch in unseren Breiten beliebt sind. Tausende Besucher kommen täglich hierher und stürmen das Geschäft und die Food Trucks, um ihr eigenes Heim zu verschönern und sich großzügig zu verwöhnen.

Magnolia

 

Im nahe liegenden Fort Worth werden vormittags und nachmittags texanische Langhornrinder als Touristenattraktion zum Schlachthof getrieben, mir taten ihre traurigen Augen furchtbar leid, später las ich, dass sie nach dem Massenauflauf wieder zurück in ihre Koppel getrieben werden.

Fort Worth Stock Yards

Wir besuchten auch das dort ansässige Cowgirlmuseum und die Hall of Fame und waren erstaunt darüber, welche Kunststücke diese auf ihren Tourneen, die sie auch nach Wien brachten, auf ihren Pferden vollbrachten. Und in dem kleinen Meerstädtchen Galveston sahen wir das Musical „Menopause“, das zu 99 Prozent von älteren Frauen, die recht schrill aussahen, besucht wurde. Die vier Sängerinnen waren schon in die Jahre gekommen, das Tanzen fiel nicht mehr ganz so leicht, aber sie sangen zwei Stunden einen Hit nach dem anderen, keine einzige Note am falschen Platz. Das Publikum tobte. Galveston hatte sich übrigens schon vor Hurrikan Barry gerüstetet, der uns davon abhielt, nach New Orleans zu reisen, überall sah man Sandsäcke, die vor Überschwemmungen schützen sollten. 1900 hatte ein Hurrikan den Ort völlig zerstört und viele Tausende Todesopfer gefordert.

Galveston

Was besonders überraschend war, ist der Umgang der Texaner mit ihrer Geschichte. Natürlich besuchten wir The Sixth Flour Four Museum in Dallas, den Ort, an dem Präsident Kennedy am 22. November 1963 erschossen wurde. Perfekt organisiert und strukturiert, bekommt man einen sehr guten Überblick über die Geschichte und Folgen dieses historischen Ereignisses.

Auf der George Ranch in der Nähe von Houston wurde uns die Geschichte einer Familie durch vier Generationen in ihren Häusern mithilfe von Schauspielern nahegebracht, die die Rollen einzelner Familienmitglieder einnahmen. Das war anfangs ganz sonderbar, von Farm zu Farm gewöhnte man sich mehr daran, und am Ende war man selbst Mitspieler und fand nichts mehr ungewöhnlich an dem Setting.

George Ranch mit Baseball spielenden Bewohnern

Auch dem Kapitol in Austin wurde ein Besuch abgestattet und man nahm an zwei Führungen teil, eine über die Geschichte der Frauen in der texanischen Politik, deren Bilder zu sehen waren, die andere über das politische System in Texas. Hochengagierte Vermittlung, alle 30 Minuten und noch dazu gratis. Besonders möchte ich in San Antonio den Besuch von „The Alamo“ und der San Antonio Missionen empfehlen, auch diese sehr abwechslungsreich und informativ gestaltet. Wieder sahen wir verkleidete Menschen und meine wissbegierige Tochter fragte einen, wer er sei. Die Antwort war brüsk: „I am not an actor, I am a living historian, my name is Robert“,  um uns dann in aller Ausführlichkeit die Geschichte dieses Ortes zu erzählen.

Dallas

Neben den riesigen Wolkenkratzern in jeder Stadt sahen wir auch ein Baseballspiel. Wir mussten zunächst lange googeln, bis wir den Ablauf verstanden, fanden dann aber das Spiel gar nicht mehr langweilig. Verantwortlich dafür war auch das Pausenprogramm, es wurden Wettbewerbe veranstaltet, auffällige Menschen auf der Videoleinwand gezeigt, gemeinsam Lieder gesungen, sehr viel gegessen und noch mehr übrig gelassen. Was uns sehr enttäuschte, war auch, dass die siegreiche Auswärtsmannschaft keinen Applaus erhielt, sondern sich das Stadion mehr und mehr leerte, bis am Schluss nur mehr einige wenige gänzlich von seinem Team Enttäuschte da waren und auch diese kehrten den Siegern wort- und grußlos den Rücken zu.

Wie sehr Fernsehen beeinflusst, sahen wir beim Einchecken am George Bush Flughafen in Houston: Ein hübsches Paar war vor uns, er hatte ein riesiges in Weiß verpacktes Kleid stolz über die Schulter geworfen. Groß war der Name „Kleinfeld“ zu lesen, man sah die Farbe Rot durchschimmern.

Wie anfangs schon erwähnt: Texas ist eine Reise wert, denn man hat viel zu erzählen.

 

Wie man Bekanntschaften schließt

Seit das Klima in aller Munde ist und immer mehr Leute auf die Bahn wechseln, ergeben sich für Alleinreisende mehr und mehr Möglichkeiten, unterwegs Bekanntschaften zu schließen und Neues zu erfahren. War früher genügend Platz, dass der Sitzplatz neben einem leer blieb, ist es heutzutage damit vorbei. Jeder Sitzplatz wird gebraucht. Konnte man früher durch unfreundliches Schauen mögliche Nachbarn erfolgreich abwehren, wird man jetzt durch beharrliches Danebenstehen und freundliches Bitten aufgefordert, Platz zu machen. Meistens ist es einem wirklich nicht recht und da man nun mehrere Stunden miteinander eingezwängt sitzt, habe ich es aufgegeben, Widerstand zu leisten. Ich fange ein Gespräch an und bin immer wieder bass darüber erstaunt, was ich dadurch alles erfahre.

Oft sind es nach Hallstatt an- oder abreisende Asiaten, die mir alles über sich erzählen. So habe ich schon Adressen in Hongkong, Taiwan, Korea und Australien einsammeln können, ich konnte mein Englisch trainieren und habe viel über das Leben dort erfahren. Wer hat schon die Möglichkeit, in einem österreichischen Zug mit einer Australierin über die dort gängigen Behandlungsmöglichkeiten von Autisten zu sprechen? Ich bekam auch gleich Videomaterial vorgespielt. Bis wir in Hallstatt ankamen, wusste ich zudem alles über Kinder und Enkelkinder samt Fotos und erfreute mich an der witzigen Konversation des australischen Ehepaares. Uns gegenüber saß ein älteres Paar aus New York, das auch sehr interessant aussah und womöglich sehr viel zu erzählen gehabt hätte. Aber ich wollte mich an diesem Tag auf das winterliche Australien beschränken. Oder Hongkong: Wie und mit welchen Zielen schaffen es Touristen von dort in 12 Tagen (14 Tage Urlaub ist das Höchste, davon ein An- und ein Abreisetag) ganz Europa zu erkunden? Und warum kostet ein Hotelzimmer in Hallstatt zur Zeit des Narzissenfestes das Doppelte (stolze 380 Euro pro Nacht)? Ich könnte noch und noch erzählen, möchte mich aber hiermit auf eine Begegnung beschränken, die mich letzten Sonntag zwischen Attnang Puchheim und meinem Zielort zwei Stunden später beschäftigte.

Eine sehr braungebrannte Fünfzehnjährige war auf dem Weg nach Liezen zum ersten Date. Sie trug eine sehr knappe Short und ein tief ausgeschnittenes T-Shirt. Schon in Gmunden kannte ich ihre Lebensgeschichte und ahnte nichts Gutes. Sie sei sehr aufgeregt, erzählte sie und habe wenig geschlafen, weil sie mit einer Freundin in der Nacht einen ganzen Kasten Bier ausgetrunken hatte. Ich glaubte ihr nicht, riechen konnte ich nichts, aber sie sprach etwas verschwommen, sodass ich immer wieder nachfragen musste. Sie war voller Hoffnungen, freute sich auf den Nachmittag mit ihrem „Freund“ aus dem Internet, kuscheln wolle sie, sie beide wären sehr kuschelbedürftig. In Ebensee erfuhr sie, dass er mit Freunden im Freibad sei, da spürte ich einen Hauch von Enttäuschung, da sie – ein Blick in den leeren Beutel vor sich – kein Badezeug mithatte. In Bad Ischl kam die Nachricht, dass er nicht in Liezen im Freibad war, sondern in Wald am Schoberpass. Es musste umdisponiert werden. Ein Zug nach Wald am Schoberpass wurde gesucht. Das ergab folgenden Plan: Zug nach St. Michael, zurück nach Wald am Schoberpass, Ankunftszeit vier Uhr. Wir hatten aber schon in Bad Aussee  vierzig Minuten Verspätung, also würde sie den Anschlusszug in Stainach Irdning sicherlich nicht schaffen. Sie sollte aber um acht Uhr wieder zurück in Attnang Puchheim sein, dann müsse sie noch eine Stunde zu Fuß nach Hause gehen. Mir ging es wahrlich nicht gut bei diesen Aussichten und ich wollte laut aufschreien. Kurz bevor ich den Zug verließ, fragte ich sie zögerlich: Weiß dein Freund, dass du kommst? Ja, antwortete sie, er habe ihr gerade getextet, dass er sich auf sie freue.

 

Faszination Feuer: Burning

Der Film von dem in Cannes ausgezeichneten Regisseur Chang-dong Lee spielt in Seoul und in der Nähe der Grenze zu Nordkorea, die von nordkoreanischer Propaganda beschallt wird. Er handelt von drei jungen Südkoreanern, ihren brennenden Sehnsüchten und Widrigkeiten in einer Welt, die auch die unsrige sein könnte.

Die Hauptfigur ist Jong-Su, der auf dem Land an der Grenze lebt, Schriftsteller werden möchte und sich in seine ehemalige Klassenkameradin Nae-mi verliebt. Seine Angebetete ist nach einer Schönheitsoperation sehr schön geworden, die beiden verbringen eine Liebesnacht in ihrer unaufgeräumten Wohnung mit Blick auf den Fernsehturm, danach reist sie nach Afrika ab und überträgt ihm die Fürsorge für ihre Katze. Als er sie am Flughafen wieder abholt, ist sie in Begleitung des gutaussehenden reichen Ben. Die drei verbringen immer mehr Zeit miteinander und Jong-Su muss erkennen, dass Ben in einer viel höheren Liga spielt, zu der er keinen Zutritt hat. Zudem eröffnet ihm dieser sein Geheimnis: er liebe es alle zwei Monate Gewächshäuser in Brand zu setzen. Dies setzt in Jong-Su eine Aufwärtsspirale von Paranoia in Gang, der auch wir uns nicht entziehen können.

Warum wurde der Film von der Kritik in Cannes so frenetisch gefeiert? Erst einmal durch den Stoff, einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami. Eine Dreiecksgeschichte, die zunehmend außer Kontrolle gerät, erzählt wird sie aus der Perspektive des schwächsten Gliedes, des arbeitslosen Jong-Su. Die Gewissheiten lösen sich zunehmend auf, die Fantasie gewinnt zunehmend an Fahrt. Bald weiß man nicht mehr, was Realität ist oder Einbildung.  Die Welt gerät, je verworrener die Ereignisse werden, zunehmend aus den Fugen, die Ängste kommen an die Oberfläche und verbrennen diese. Tiere und Menschen verwinden, Vergangenheit kann nicht mehr erschlossen werden, da die Erinnerungen verloren gegangen sind. Dem reichen Ben, von dem niemand weiß, wie er zu seinem Geld gekommen ist, liegen die schönsten Frauen zu Füßen, er kann sich nehmen, was er will. Seine Welt ist eine Anhäufung von Luxus und Feiern, von Schönheit, aber auch rascher Langeweile. Um sich lebendig zu fühlen, braucht es einen besonderen Kick. Die schöne Hae-mi leidet an Geldmangel und Melancholie. Auch wenn sie ausgelassen halbnackt im Abendrot tanzt und den Vogelflug imitiert, bricht sie kurze Zeit später an Weltschmerz und seelischer Erschöpfung zusammen. Und Jung-su ist nur ein Beobachter und Getriebener dieser Szene, der von niemandem gesehen oder gehört wird. Er ist ein Ausgestoßener, findet keine Arbeit und auch sein Roman keinen Stoff. Alle seine Fragen werden nicht oder widersprüchlich beantwortet, weit und breit ist niemand, der sich seiner annimmt und ihn auffängt.

Möglicherweise kann man dies als die große Kunst des Regisseurs bezeichnen: In jeder Phase des Filmes, sei es durch die Schauspieler, die Kamera, die Musik wird schmerzlich festgehalten, was die große Tragödie dieser jungen Menschen ist. Nichts ist beständig, es gibt keinen Verlass auf das ewige Glück, auf Liebe, Familie und Tradition, die Gesellschaft teilt sich scharf in Reiche und Arme, die nichts gemeinsam haben.

Obwohl der schöne Schein zu überwiegen scheint, ist darunter das Feuer verborgen, das jederzeit zum Ausbruch drängt. Aus welchen Gründen auch immer.

 

Was uns die Vergangenheit lehrt: Wildlife

Eigentlich wollte ich Mid90s sehen. „Ein Fehler auf der Website“, sagte die Kartenverkäuferin und zeigte auf „Wildlife“, der Film sei sowieso besser. Die Schauspieler waren mir bekannt, das Plakat gab mir aber wenig Hinweis auf den Inhalt. Ein ungutes Gefühl, in einen Film zu gehen, von dem man gar nichts weiß.

Es erwartete mich eine Familiengeschichte aus den sechziger Jahren im ländlichen Montana. Ein junges Ehepaar ist mit seinem 14-jährigen Sohn Joe (Ed Oxenbould) wieder einmal umgezogen und versucht dort anzukommen. Ein bescheidener Bungalow wird angemietet, der Vater nimmt einen Job in einem Golfclub an, die Mutter kocht, der Sohn ist neu in der Schule. Die Eltern sind jung, sehr attraktiv und tauschen in der Küche Zärtlichkeiten aus. Der Sohn registriert dies über seinen Rechenaufgaben, denn die Kleinfamilienidylle hat schon Risse, es braucht nicht viel, um die bestehenden Konflikte ausbrechen zu lassen. Als der Vater arbeitslos wird, in Depressionen und Selbstmitleid verfällt, öffnet sich der dünne Boden unter ihren Füßen. Ein Abgrund tut sich auf, der in dem anrollenden Waldfeuer seine Entsprechung findet.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Richard Ford aus dem Jahre 1990, und ist das Regiedebüt von Schauspieler Paul Dano. Was diesen Film besonders macht, ist die Perspektive auf das Geschehen. Es ist der Blick des Sohnes, aus dessen Reaktionen wir miterleben, was passiert und der versucht, das Geschehen zu deuten. Er ist ein Kind, das miterlebt, wie seine Eltern sich immer mehr entfremden, weil sie nicht voraussehen können, welche Folgen ihr Handeln haben wird.

Der Vater ist ein unreifer Träumer, der den Boden unter den Füßen nicht finden kann und die Familienlast immer wieder seiner Frau aufbürdet. Nachdem er wieder einmal arbeitslos geworden ist und schließlich für Monate als Feuerwehrmann in die Berge geht, versucht die Mutter durch Aushilfejobs für sich und ihren Sohn ein Überleben zu sichern. Und dies wohl nicht zum ersten Mal, wie angedeutet wird.

Natürlich waren in den sechziger Jahren die Rollen noch stärker festgelegt als heute. Der Mann sollte das Brot verdienen, die Frau hatte die Verantwortung für Küche und Kinder. Auch Jeanette (Carey Mulligan) vertraut diesem Bild einer heilen Familie und ist frustriert und wütend, als sie einsieht, dass dies mit Jerry (Jake Gyllenhaal) zum Scheitern verurteilt ist. Sie sucht nach einem besseren Leben. Da sie keine Ausbildung hat, kann sie sich in kleinen Nebenjobs nicht lange halten. Sie erinnert sich an ihre jugendliche Schönheit und Wildheit. Aber diese Erinnerungen sind als Dreißigjährige auch schon fragil, wenn man Mann und Kind im Gepäck hat.

Der Sohn ist dabei, als die Mutter den Ausbruch wagt, während der Vater fernab das Feuer bekämpft. Der Junge muss mitansehen, wie seine Kinderwelt mehr und mehr in Trümmern zerfällt.

Auch er hat schon einen Nebenjob, als Aushilfsfotograf fotografiert er glückliche Familien und Brautpaare fürs Familienalbum. Am Ende bittet er seine Eltern zu einem gemeinsamen Fototermin, zu dritt, fürs Familienalbum, die Anordnung hat er bereits übernommen.

Sie sollten „Wildlife“ unbedingt sehen, nicht nur, weil die Schauspieler großartig sind, sondern auch weil der Regisseur eine ganz eigene Art gewählt hat, uns die Geschichte von Liebe und Entfremdung eines Paares zu erzählen, aus der Sicht eines Kindes, das die Tragödie zwar schmerzlich miterleben muss, aber schon in dem Bewusstsein, ein eigenes Leben vor sich zu haben.

 

 

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 2

Wie geht es Menschen in Zeiten wie diesen, die Anteil nehmen an der großen und der kleinen Welt? An Amerika, Großbritannien, Deutschland und auch daran, was in Österreich derzeit passiert? Was, wenn die politischen Zustände immer verworrener und unsicherer werden. Was, wenn immer mehr Schüler die Leistung verweigern und sich in die Welt des Rausches und des Freizeitvergnügens begeben? Was, wenn auch hierzulande immer mehr Frauen ermordet werden? Was, wenn der Novemberblues über einen hängt und die auswandernde Tochter traurige Träume zurücklässt?

Dann ist es Zeit, den Mühen der Ebene selbst zu entfliehen und die Welt der Bücher aufzusuchen. So geschehen letzten Mittwoch, ein Tag, der so voller Anstrengung ist, dass abends nur mehr Netflix Zufluchtsstätte sein kann. Mir war wie immer von einer meiner Freundinnen ein Buch empfohlen worden, das ich unbedingt lesen müsste. „Neujahr“, geschrieben von Juli Zeh, über deren „Unterleuten“ ich ja schon an früherer Stelle nicht ganz so enthusiastisch berichtet habe.

Auch in diesem Roman befindet sich der Protagonist in einer Krise. Kleine Kinder, die ihn unentwegt fordern, eine Frau, die fünfzig – fünfzig möchte, eine Schwester, die den Boden unter den Füßen nicht findet, Schwiegereltern, die mit dem eigenen Leben im schönen Rom beschäftigt sein wollen. Der Job drückt ihn nieder, weil eine halbe Stelle nicht gleich halbe Arbeit bedeutet und er als Lektor sich doch für ein gewisses Maß an Qualität verantwortlich fühlt. Das alles wächst ihm über den Kopf und die Überforderung schreit ihn in Form von Panikattacken schon ganz heftig an. Also beschließt er samt Familie zu Weihnachten nach Lanzarote zu fliegen, um dort in sommerlichen Gefilden dem kalttrüben Deutschland zu entkommen. Ja, es gefällt ihm dort, die Leute (Briten, Franzosen) sind nett, man feiert ausgelassen in einem Hotel, kann jedoch wegen der Kinder nicht allzu lange bleiben. Der einzige Wermutstropfen ist, dass seine hübsche Frau ein bisschen zu viel Zeit mit einem attraktiven Franzosen verbringt und noch dazu wild mit ihm tanzt.

Am Neujahrstag nimmt er sich vor eine Radtour zu unternehmen und keucht mit unheimlicher Kraft- und Willensanstrengung einen Berg hinauf. Je weniger Kraft er hat, verstärkt dadurch, dass er nichts zu essen und zu trinken hat, desto mehr öffnet sich ein Abgrund, der ihn zu seinen Ängsten und Beschädigungen führt.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt befindet man sich auf dem Sozius und begleitet ihn in ein Haus, wo die Geschichte ihren Anfang hat.

„Neujahr“ ist so spannend erzählt, dass man hineingezogen wird in einen Strudel von Bildern, die das Schöne und das Abgründige unserer Existenz zeigen. Und wenn man das erkannt und durchlebt hat, tut es wohl, in die Gegenwart zurückzukehren und das Gute zu sehen, das einem das Leben zugeteilt hat. Kinder, die man über alles liebt, Menschen, die es gut meinen und eine Natur, die einem den Atem rauben kann.

Auch unser Held kann sich befreien von der Schuld, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Man ist nicht für jedermann und alles verantwortlich, das ist die versöhnliche Botschaft des Romans.

Tschick – ein Roman, der unter die Haut geht

Dies ist eine Rezension von Elena Janic, die unseren Wettbewerb zum Thema Jugendbuch gewonnen hat. Herzliche Gratulation!

Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, zwei vierzehnjährige Jungen, welche unterschiedlicher nicht sein könnten, begeben sich in einem alten Lada auf eine Reise voller Gefahren und Abenteuer, bewältigen gemeinsam Hindernisse, lernen neue Menschen kennen, werden durch Probleme zusammengeschweißt und schließen dadurch eine tiefgehende Freundschaft.

Beide Protagonisten kommen aus vernachlässigten Elternhäusern und suchen verzweifelt nach sich selbst: Tschick, der russische Wurzeln hat, im Ghetto lebt und asozial ist, kompensiert dies mit täglichem Konsum von Alkohol. Er kommt mitten im Schuljahr in Maiks Klasse, ist nicht sehr gesprächig und erscheint täglich betrunken im Unterricht. Nüchtern ist dieser jedoch hochbegabt und schreibt gute Noten. Maik, der zwar im Überfluss geboren und aufgewachsen ist, jedoch von seinen Eltern komplett im Stich gelassen wird, in der Schule gemobbt und als Psycho bezeichnet wird, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Seine Introvertiertheit und sein Mangel an Selbstbewusstsein halten ihn ebenfalls davon ab, Tatjana, einem Mädchen, auf das er schon seit Jahren heimlich steht, seine Gefühle zu offenbaren oder in irgendeiner Art mit ihr zu kommunizieren. Da er aber weiß, dass diese bald Geburtstag hat, fertigt er in mühevoller und stundenlanger Arbeit eine Zeichnung ihrer Lieblingssängerin an und plant, sie auf ihrer Geburtstagsparty damit zu überraschen. Als jedoch alle außer ihm und Tschick eine Einladung erhalten, zerreißt er die Arbeit. Nachfolgend fährt seine Mutter in die Entzugsklinik und sein Vater auf Geschäftsreise mit seiner zwanzig Jahre alten Assistentin. Er lässt Maik 200 Euro da und informiert ihn, dass er die restlichen zwei Wochen alleine verbringen wird. Emotional völlig am Boden verbringt dieser den Rest des Tages im Garten, bis Tschick in einem alten Lada in der Auffahrt auftaucht und ihn dazu auffordert einzusteigen. In diesem Moment beginnt die Geschichte erst richtig und nimmt zügig an Fahrt auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Der schrottreife Lada droht jeden Moment in sich zusammenzubrechen und bietet kaum genug Platz für die beiden Jugendlichen noch für ihr Gepäck. Doch weder dies noch die brütende Hitze hält die beiden Vierzehnjährigen davon ab, sich ins Ungewisse zu begeben. Auf ihrer Reise begegnen sie nicht nur sehr schrägen, sondern auch freundlichen und hilfsbereiten Menschen, welche das Weltbild der Jugendlichen auf den Kopf stellen beziehungsweise  komplett ändern. Sie landen in den abgelegendsten Teilen Deutschlands und reisen über kaum mehr begehbare Feldwege. Ständig auf der Flucht vor der Polizei und anderen, die sie als Kinder entlarven könnten.

Die Coming-of-Age-Road-Novel handelt jedoch nicht nur von Abenteuern der beiden, sondern thematisiert auch ernste Themen, wie zum Beispiel: Drogen, Sex, Kriminalität, ein schlechtes familiäres Umfeld und weitere. Wie vorher schon erwähnt, stammt Tschick aus einem zerrütteten Elternhaus, weshalb auch beschrieben wird, wie der Jugendliche mit dieser Situation umgeht und sich in Folge dessen verhält. Wie man also sieht, ist dies kein gewöhnlicher Jugendroman, sondern eine lehrreiche Lektüre für das zukünftige Leben. Oftmals war ich während des Lesens auch zu Tränen gerührt, woran das traurige Schicksal des Autors, Wolfgang Herrndorf, nicht ganz unbeteiligt ist. Bei diesem wurde nämlich in jungen Jahren ein Hirntumor diagnostiziert, woraufhin er sich selbst das Leben genommen hat. Doch ist der Roman nicht nur traurig, sondern auch originell und vergnüglich und ich war etliche Male zutiefst amüsiert. „Tschick“ ist eine Roadnovel für jedermanns Geschmack und ein echtes Lesevergnügen, welches ich vollstens empfehlen kann.

Über mich

Mein Name ist Elena Janic und ich besuche derzeit die fünfte Klasse einer AHS in Wien. Ich bin leidenschaftliche Leserin und schreibe in meiner Freizeit sehr gerne. Zwar habe ich schon viele Schreibprojekte gestartet, manche auch beendet, aber noch nie etwas veröffentlicht, was ich in der nächsten Zeit aber unbedingt ändern will. Meine Leidenschaft gegenüber dem Lesen habe ich schon in jungen Jahren durch Harry Potter und die Tintenwelt-Triologie entwickelt, welche in den folgenden Jahren durch weitere fantastische Bücher noch gesteigert wurde.

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 1

Nach der Hundeattacke am Bisamberg

Wie Sie, lieber Leser, liebe Leserin, vielleicht schon erahnt haben, befinde ich mich derzeit in einer Schreibkrise, vielleicht gar einer leichten Lebenskrise. Nichts will mich an dem, was ich derzeit sehe, höre oder lese so begeistern, dass ich mich damit auseinandersetzen möchte. Um ganz ehrlich zu sein: Es fällt mir nichts ein. Mein Geist und meine Seele haben etwas anderes zu verarbeiten, nämlich das Ende meiner unmittelbaren und etwas zwanghaft betriebenen Mutterschaft. Denn ich habe es geschafft, diese Rolle für drei Jahrzehnte mit großer Leidenschaft und möglicherweise auch etwas Masochismus auszufüllen. Ich hatte das große Glück, ganze dreißig Jahre mit einer meiner Töchter zusammenleben zu dürfen. Und wir hatten es gut miteinander. Nun hat mir das Schicksal aber klargemacht. Ich muss auch sie, meine Jüngste (sie wird im Februar 27) aus der gemeinsamen Wohnung gehen lassen. Sie heiratet nach Amerika. Dort wartet ein lieber und guter Mann auf sie und ich weiß, dass sie es weiterhin schön haben wird.

Ich sorge jedenfalls schon vor mit Überlegungen: Soll ich mir eine Asiatin in das verwaiste Kinderzimmer nehmen? Sie sind lernwillig und anpassungsfähig und ich könnte möglicherweise jeden Abend wieder mit einem jungen Menschen über lustige amerikanische Serien lachen? Mehr fällt mir noch nicht dazu ein.

Um jedenfalls meine trüben Zukunftsaussichten etwas aufzuhellen, wandere ich seit einigen Wochen durch den herbstlich erleuchteten Wienerwald. Ich habe mir vorgenommen, noch heuer alle Stadtwanderwege unter Fach und Dach zu bringen. Auch das tut der Seele gut und pflegt zudem meine Freundschaften. In Anbetracht von Allerheiligen, das meine Wanderkameradinnen zu den Friedhöfen in ganz Österreich verstreute, ging ich gestern alleine den Stadtwanderweg 5. Mit dem 31 zuckelte ich aus Wien hinaus, durch mehrere Wiener Bezirke, Häuser und Menschen betrachtend. Je weiter ich kam, umso liebloser wurde die Architektur. Mir taten die Menschen leid.

Vom Stadtwanderweg will ich nicht viel berichten, außer dass er wirklich schön ist und die Menschen dort ausgesprochen lieb zu mir, der einsamen Wanderin, waren. Ich wurde nett gegrüßt, einige verwickelten mich in ein Gespräch über die schöne Natur und mir wurde sogar von einer Gruppe ein Platz auf ihrer Bank angeboten. Ich war guter Dinge und gehobener Stimmung. Bis ich zu der Abzweigung kam. Ich habe eine pathologische Angst vor Hunden. Aber seit es einige schreckliche Hundeunfälle in letzter Zeit in Wien gab, haben die meisten Hundebesitzer selbst Angst und führen ihre Lieblinge je nach Gesinnung an unterschiedlich langen Leinen. Nicht so die Frau, die sich mir auf einem anderen Weg mit einem riesigen braunen Hund näherte.  Plötzlich sprang das wunderschöne, aber gefährlich aussehende Tier über die Böschung und jagte auf mich zu. Kein Pfiff, kein Rufen von Seiten der Besitzerin. Was blieb mir übrig, als selbst wie am Spieß zu schreien, als das riesige Monster mich fast schon berührt hatte? Mein Schrei war so grässlich, dass der Hund zusammenzuckte und kehrtmachte. Ich war erleichtert. Als die Besitzerin dann mit dem Hund brav an ihrer Seite an mir vorbeiging, fauchte sie mich an, ich solle doch eine Angsttherapie machen. Ich antwortete selbstbewusst: „Sie könnten Ihren Hund auch wie alle anderen an der Leine führen“.

Beschwingt ging ich den Berg hinunter, glücklich darüber auch diese Krise gemeistert zu haben.

 

 

Power to the people

PowertothePeople

Warum dreht Spike Lee heute einen Film über einen schwarzen Cop, der ein Mitglied des Ku-Klux-Klans in den Siebzigern war? Und warum beendet er den Film mit den Ereignissen in Charlottesville?

Der Zusammenhang ist unschwer zu erkennen: Die Gefahr von Seiten der Rechten, die den Weißen die Vorherrschaft sichern wollen, findet ihren Ausdruck in Trumps Amerika. Die Progressiven wären zu selbstgefällig gewesen, sagt Spike Lee in einem Interview mit der „Zeit“, hätten sich zu sehr auf den Triumph von Obama ausgeruht und es nicht geschafft, dem rechten Ansturm etwas entgegenzusetzen. Deshalb hätte er Gas geben müssen. Aus all diesen Gründen hat Spike Lee die autobiographische Geschichte des Polizisten Ron Stallworth in einen packenden Film gekleidet, der uns eine Lektion über Rassismus und die gefährliche Ideologie der Rechten erteilt.

In BlacKkKlansman selbst ereignet sich etwas ganz Absurdes: Der Afroamerikaner Ron Stallworth, gespielt von John David Washington, ermittelt gegen Aktivitäten der „Organisation“, wie sich die Anhänger des Ku-Klux-Klans selbst nennen. Über das Telefon nimmt er Kontakt auf, signalisiert Interesse und wird prompt zu einem geheimen Treffen eingeladen. Natürlich schickt er seinen weißen Kollegen Flip Zimmermann (Adam Driver) hin. Somit beginnt ein intelligentes Verwirrspiel der Polizisten mit dem Klan, das in ein Aufnahmeritual mit dem extra angereisten Großmeister David Duke (Topher Grace) mündet. Das Ganze führt zu einem gefährlichen Wettlauf mit der Zeit, da ein Anschlag auf die schwarze Studentenführerin (Laura Harrier) geplant ist.

Was zeigt uns der Film? Großteils gute Polizisten, die gegen Rassisten den Kampf aufnehmen. Die ihr Leben riskieren, um dem Bösen entgegenzutreten. Die „Organisation“ ist einerseits von trinkenden Dummköpfen und andererseits von Extremisten, die zum Äußersten bereit sind, bevölkert. Nur in der Führungsriege befinden sich Männer, die zu strategischem Planen und Vorgehen fähig sind, was sie umso gefährlicher macht. Breite Aufmerksamkeit wird der Ideologie und dem spektakulären Treiben des Ku-Klux-Klans gewidmet, immer wieder werden ihnen Trumps Worte in den Mund gelegt. Parallel zu den Vorgängen in der „Organisation“ wird die Geschichte des Rassismus gezeigt. Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus „Vom Winde verweht“ und findet in dem Auszug aus „The Birth of Nation“, dessen rassistischer Inhalt die Klans Mitglieder begeistert, ihren Höhepunkt. Wie sich die Gewaltspirale hochschraubt und auch vor Mord nicht zurückgeschreckt wird, weiß Spike Lee spannend in Szene zu setzen. Den alltäglichen Rassismus in der Polizei erträgt Ron Stollworth meist stoisch und mit einigem Humor. Washington, Sohn eines berühmten Vaters, spielt ihn als einen recht lässigen Schwarzen mit schönem Afrolook, der seine Rolle als Polizist erst finden muss. Er wird als Spitzel bei einer Veranstaltung der Black Student Union eingesetzt, was ihn etwas zum Nachdenken bringt. Aber die meiste Zeit ist er mit dem Klan beschäftigt, witzig und eloquent, aber immer auf der Hut, nichts Falsches zu sagen, um seinen Stellvertreter nicht auffliegen zu lassen. Denn Flip Zimmermann (Adam Driver) befindet sich in immer größerer Gefahr und riskiert Kopf und Kragen in dem riskanten Einsatz.

Am Ende, nach den schockierenden Bildern in Charlottesville, kommt Donald Trump ins Bild und was er dazu zu sagen hat. Danach bekundet der echte David Duke seine Ideologie und Sympathie für den Präsidenten. Dieses Ende hätte es gar nicht bedurft. Die Botschaft war ohnehin klar.

Zwar wird von Experten immer wieder betont, dass Trumps Wahlsieg das letzte Aufbäumen des weißen Mannes sei, denn das Amerika in 20 Jahren werde viel eher das von Obama gleichen. Und die Obamas hatten ihr allererstes Date bei Spike Lees „Do the Right Thing“, was Anlass zu Hoffnung gibt.

Wie man den Alkohol besiegt oder weglaufen geht nicht

Es beginnt mit einem Säuferleben: Party, Girls und vor allem Alkohol. Das Trinken ist John Callahan (Joaquin Phoenix) bereits zu Beginn des Films ins Gesicht geschrieben, die Stimme verschwommen, der Blick glasig. Seine Sauftouren wollen nicht enden, Tag und Nacht ist er auf der Suche nach dem Rausch und Kumpanen, die ihn dabei begleiten. Mit dreizehn Jahren habe es begonnen, wird er später erklären und die Schuld dafür seiner Mutter geben, die ihn nicht haben wollte. Volltrunken wird dann eines Nachts Auto gefahren und plötzlich liegt er im Krankenhaus und kann seinen Körper nicht mehr spüren. Querschnittslähmung. Jetzt ist er bei jedem Handgriff auf Hilfe angewiesen, nicht einmal eine Whiskyflasche kann er mehr öffnen, geschweige denn aufs Klo gehen oder sich waschen. Jetzt bricht die Verzweiflung über sein vermurkstes Leben erst richtig herein, die er weiterhin mit Alkohol ertränkt. Es treibt ihn von einer Flasche zur nächsten und in genauso rasendem Tempo jagt er mit seinem Rollstuhl die Gehsteige und Kreuzungen entlang. Jetzt winkt ihm der Tod in Form von Akrobaten ganz offen zum Fenster herein und auch er kapiert endlich: sterben oder trocken werden. Und damit beginnt seine Rettung.

Gus Van Sant erzählt in „Don´t Worry, He Won´t Get Far on Foot“ die wahre Geschichte von John Callahan, die dieser in seiner gleichnamigen Autobiographie niedergeschrieben hat. Er wählt den Ausschnitt, als dieser von seiner Alkoholsucht und deren Überwindung berichtet. Das geht nicht ohne Anstrengung, aber auch nicht ohne menschliche Zuwendung. Dass Callahan sich aus den Klauen des Teufels Alkohol befreien kann, verdankt er in erster Linie seinem Mentor Donnie (Jonah Hill) und seiner Gruppe bei den Anonymen Alkoholikern. Und er entdeckt sein künstlerisches Talent als Karikaturist. Und einen Anteil hat natürlich die Liebe, die ihm in der schönen Physiotherapeutin und engelhaften Flugbegleiterin Annu (Rooney Mara) begegnet.

Joaquin Phoenix spielt die Hauptrolle und vermag es meisterhalt, die unerfüllten Sehnsüchte, die jemanden in den Alkohol treiben, zu veranschaulichen. Es ist ein ständiges Treiben am Abgrund, zwischen Leben und Tod, um dem Schmerz, der in ihm festsitzt, nicht spüren zu müssen. Erst über das Zwölf-Schritte-Programm und Donnie werden die Schichten des Selbstmitleids abgetragen und der Punkt erreicht, wo die Depression und Selbstzerstörung ihren Ursprung haben. Es geht um Verwundungen in der Kindheit, um Verzeihen und Selbstliebe, die ihn schließlich in ein suchtfreies Leben führen. Und er als Querschnittsgelähmter schert sich keinen Deut um politische Korrektheit. Immer wieder trifft sein Spott auch Behinderte. Wobei seinen Cartoons und seinem Wirken als Künstler nur relativ kurze Ausschnitte in dem Film gewidmet sind. Die meiste Zeit ist der Regisseur mit den Auswirkungen des Alkoholismus beschäftigt, wobei nicht immer klar ist, in welcher Zeit wir uns gerade befinden. Dieses Hin-und Herspringen zwischen den Siebzigern und Achtzigern mutet willkürlich an und verwirrt. Zudem fehlt das Bindeglied, woher Callahan seine bitterbösen Karikaturen speist. Aber der kaputte Phönix Callahan steigt so geläutert aus der Asche, wie der sanftmütige Hippie Donie in ihr verbrennt. Allein deswegen kann man über die Mängel des Films hinwegsehen.