Mission Normandie 80 (Matthias Lemmerer)

Haben Sie schon einmal von einer Auster gehört? Was für eine dumme Frage, jeder kennt doch das schlüpfrige Etwas, das als Delikatesse in der ganzen Welt beliebt ist. Überschätzt, weil geschmacklos, dachte ich bei meiner ersten Auster, aber von dieser soll hier sowieso nicht die Rede sein.

Plakat für die Dokumentation '80 Mission Normandie Auster' von Matthias Lemmerer, mit einem Bild einer Auster MS980 und Veranstaltungshinweisen für eine Benefizveranstaltung im Kino Gröbming.

Was nun folgt, ist die Geschichte der Auster MS980, die von tapferen englischen Fliegern, vom D-Day und von einem Flugzeugwrack erzählt, das im Ennstal restauriert und 80 Jahre später zurück nach England geflogen wurde. Es ist die Geschichte von Leidenschaft, Akribie und Teamgeist, die der Mannschaft des 661. Squadron der Royal Air Force gewidmet ist.

Die Dokumentation von Matthias Lemmerer zeigt historische Originalaufnahmen, Interviews, eindrucksvolle Flugbilder und ist in fünf Kapitel eingeteilt: Die ersten drei Teile sind dem Erwerb des Flugzeugwrackes (2004) und seiner Restaurierung von Vater und Sohn Lemmerer gewidmet. Nach jahrelanger Arbeit und Tüftelei der Originalpläne, nach fast 5000 Arbeitsstunden, nach „sehr genauer, gewissenhafter Arbeit“ (Vater Erich) kam es im Juli 2012 zum erfolgreichen Erstflug in Niederöblarn. Über zwölf Jahre später startete eine siebenköpfige Crew (die Auster und zwei Begleitflugzeuge) vom Ennstal aus, um nach England zu fliegen und von dort aus die Route des D-Days in die Normandie zu wiederholen.

Squadron 661 und der Weg zurück

Wie war die Auster MS 980 (ein kleines englisches Aufklärungsflugzeug, das zur Unterstützung der Artillerie an der Front diente) nach Österreich gelangt? Sie wurde 1953 von Österreich gekauft und gilt als der älteste angemeldete Flieger in Österreich. Und wer waren die Menschen, die ihr Leben im Squadron 661 riskierten, um Europa von der Naziherrschaft zu befreien? Nach umfangreicher Recherche und durch glückliche Umstände stößt Matthias Lemmerer auf die Nachkommen der Piloten, die am 6. Juni 1944 mit der Auster in die Normandie unterwegs waren. Man vereinbarte ein Treffen in England kurz vor dem 6. Juni 2024. Der Flug vom Ennstal aus stand unter keinem guten Stern: Schlechtwetter gefährdete das Unternehmen, ein Flugzeug hatte einen Schaden, der unterwegs repariert werden musste. Ganz schaffte die Crew den langen Flug dann doch nicht, die letzten Abschnitte mussten wegen Sturms und Regens mit Fähre und Taxi zurückgelegt werden. Das Treffen mit den Kindern und Enkelkindern der englischen Flieger war sehr emotional, denn die österreichischen Besucher konnten mehr Einblicke durch Erzählungen und Fotos in die Lebensumstände der Piloten gewinnen. Wie jung und dünn diese Männer damals waren, wie unerschrocken sie abhoben zu einem Flug, der sie in den Tod hätte führen können.

80. Jahrestag des D-Days

Letztendlich hatte der Wettergott doch noch sein Erbarmen und die Auster konnte vom Festland geholt und Matthias Lemmerer die historische Route nach Cherbourg in brauner Originaluniform fliegen. Große Glücksmomente auf Seiten der Österreicher, als die Auster dort landete und allseits bewundert wurde.

Der letzte Teil handelt vom Rückflug und dem Ankommen in Niederöblarn. Als die drei Kleinflugzeuge über den Grimming hereinflogen und sicher landeten, war die Erleichterung allen anzusehen, sowohl den wartenden Familienangehörigen als auch den Ankommenden.

Ein Lebenstraum war in Erfüllung gegangen und wir, die am Sonntag im Gröbminger Kino saßen, konnten viel lernen.

Wer Leidenschaft hat, kann andere mitreißen. Wer hatte nach dem Film nicht den Wunsch verspürt, fliegen zu lernen?

Würdigung der Verdienste der englischen Piloten: Wie glücklich die Nachkommen waren, dass ein österreichisches Fliegerteam in dieser Weise ihre Väter und Großväter für ihre Verdienste im 2. Weltkrieg ehrte und ihre Geschichte bei uns bekannt macht.

Und last but not least: Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass dieser historische Flug nur in Friedenszeiten stattfinden konnte, in einem vereinten Europa, das nach den Gräuel des 2. Weltkrieges von friedliebenden Menschen geschaffen und unbedingt erhalten werden muss.

Wenn Sie diese spannende Geschichte hautnah und in allen Einzelheiten miterleben wollen, ist sie auf YouTube zu finden.

„Noch lange keine Lipizzaner“ (Olga Kosanović, 2025)

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem sperrigen Titel und der Aussage einiger autochthoner Österreicher*innen, dass einem die österreichische Staatsbürgerschaft nachgeschmissen wird? Die junge Filmemacherin Olga Kosanović geht dieser Frage nach. In Wien war die Vorstellung von jungem Publikum ausverkauft, und auch im Grazer Rechbauerkino wurde mir an der Kassa erzählt, dass der Film sehr gut ginge. Warum ist gerade ein Dokumentarfilm über die österreichische Staatsbürgerschaft derzeit so beliebt?

Der Anlass des Films ist ein persönlicher: Kosanović, eine Wienerin mit serbischem Pass, entschließt sich, Nägel mit Köpfen zu machen. Sie möchte österreichische Staatsbürgerin werden. Einfach gedacht, schwer getan. Ihr wird ihr Nichtwissen über das Staatsbürgerschaftsgesetz zum Verhängnis. Denn sie hatte in Hamburg Film studiert und somit in den letzten Jahren zu wenig Zeit in Österreich verbracht. Mehr und mehr muss sie erkennen, dass die Voraussetzungen für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft strikt sind: ein zehnjähriger rechtmäßiger Aufenthalt in Österreich, Deutschkenntnisse auf B1-Niveau, Unbescholtenheit, ein gesicherter Lebensunterhalt, eine positive Einstellung zur Republik Österreich… Und was der Filmemacherin schließlich doch zu schaffen macht, die Rückgabe der serbischen Staatbürgerschaft.

In Form einer „Volksbefragung“ und Interviews mit Experten, nachgespielten Szenen, Schautafeln und Zeichentrick-Sequenzen wird gezeigt, welche Hintergründe das strenge Staatsbürgerschaftsgesetz und welche Auswirkungen es auf Betroffene hat, die gerne Österreicher*innen werden wollen. Experten (Politikwissenschaftler, Anwälte, Politiker und eine Migrationsforscherin) erklären, welche geschichtlichen und soziale Hintergründe das österreichische Staatsbürgerschaftgesetz hat. Dadurch wird die Ebene der persönlichen Betroffenheit erweitert zu Fragen der Nationsbildung- und Identitätsbildung. Der ehemalige Nationalratspräsident Andreas Kohl drückt es so aus: „Österreich war ein Staat, den niemand wollte“. Da die österreichische Identität lange nicht gesichert war, sei die starke Abgrenzung wichtig für die Nationsbildung gewesen.

Abstammung vor Geburtsrecht

Anders als etwa in Amerika, wo jedes Neugeborene automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, ist es in Österreich so, dass ein Elternteil Österreicher*in sein muss. Wenn beide Elternteile eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, bekommt das Kind die Staatsbürgerschaft der Eltern. Einzig türkischen Staatsbürger*innen wird eine Doppelstaatsbürgerschaft zugestanden. In der Dokumentation kommen ältere Österreicher*innen und junge nicht österreichische Staatsbürger*innen zu Wort. Erste haben verständlicherweise wenig darüber nachgedacht, Letztere fühlten sich nicht zugehörig, obwohl sie meist ihre ganze Kindheit und Jugend in Österreich verbracht haben. Das mache ihre Integration schwerer, obwohl sie hier in die Schule gegangen sind und perfekt Deutsch sprechen. Immer wieder betonen sie, dass es für sie ein großer Unterschied wäre, wenn sie österreichische Staatsbürger*innen wären und wählen gehen könnten.

Was ist Österreichisch?

Ein Internet-User hatte mit dem Kommentar „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner“ den Titel anregt.

Die Filmemacherin machte sie auf Suche, um typisch Österreichisches aufzuspüren. Sind es die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule, die vor allem von Touristen besucht werden? Sind es die Berge und Seen? Es werden viele Klischees angeführt, die sich dann als brüchig und widersprüchlich herausstellen. Kommen die Lipizzaner nicht aus Slowenien? Und war Österreich nicht immer ein Vielvölkerstaat? Sind wir Österreicher*innen nicht alle Nachfahren von Fremden? Und betonen wir im Ausland nicht immer, dass wir Österreicher und keine Deutschen sind?

Alles ist kompliziert und widersprüchlich, sowohl die Sehnsucht der einen als auch die Angst der anderen. „Noch lange keine Lipizzaner“ ist unterhaltsam, kurzweilig und soll zum Nachdenken anregen.

Eines sei aber gewiss:

Die österreichische Staatsbürgerschaft wird einem nicht nachgeschmissen. Fragen Sie bei der MA 35 nach.

One Battle After Another (Paul Thomas Anderson, 2025)

Man ist dieses Kinojahr nicht gerade verwöhnt worden. Welch eine Überraschung, als ich gestern aus dem Kino kam. Ich war beschwingt und bester Laune, obwohl die Temperaturen knapp über Null lagen. Was für ein großartiger Film, dachte ich auf meinem nächtlichen Heimweg und ließ Bilder und Musik nachwirken.

Was unterscheidet diesen ActionComedyThriller von den anderen Filmen, die ich in letzter Zeit gesehen hatte? Schenkte er mir neue Eindrücke über die derzeitige Lage in Amerika? War es eine besonders gute Story, die hier erzählt wurde? Waren es die Schauspieler*innen, die Regie, Kamera oder Filmmusik?

Es lebe die Revolution!

Am Anfang finden wir uns wieder in einem faschistoiden Amerika, in dem eine linke Anti-Regierungsgruppe für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. Mit Waffengewalt holt sie Migranten aus Abschiebelagern, verübt Bombenanschläge an Strommästen und nächtlichen Regierungsbüros und raubt Banken aus. Die sogenannte „French 75“ unter der Führung der exzentrischen Perfidia Beverly Hills bekommt schnell einen erbitterten Gegner, eine schwer bewaffnete Militäreinheit unter der Führung von Colonel Lockjaw. Perfidia spielt in einer großangelegten Aktion ihre weiblichen Reize aus, beraubt Lockjaw seiner Kappe und Waffe, demütigt ihn und feuert sein Begierde an. Dieser muss aber beobachten, dass Perfidia und ihr Sprengstoffexperte Ghetto Pat alias Bob Ferguson ein Paar sind und sie schwanger ist. Nach einem schief gelaufenen Banküberfall fliegt die Truppe auf, Perfidia (= der Verrat) kooperiert mit den Behörden, die Mitglieder von „French 75“ werden eliminiert, nur Bob kann unter falscher Identität mit seiner Tochter untertauchen. 16 Jahre später, Bob ist versoffen und hirnweich von Marihuana und Alkohol, das Baby eine selbstbewusste junge Frau, Willa, hat Lockjaw endlich das Versteck der beiden gefunden. Er hat nun höhere Ziele, denn er will in einem ultrarechten Club („Christmas Adventures“) aufgenommen werden, nur die beiden könnten seinem Ehrgeiz im Wege stehen.

  … und was daraus wurde

Perfidia (Teyana Taylor) ist eine toughe (Anti)Heldin: Sie kommt aus einer Familie von Revolutionären, ist eine Kämpferin mit einem Sendungsbewusstsein, das mit einem absoluten Machtanspruch einhergeht. Sie ist maßlos, wild und bereit zu töten, wenn es die Situation erfordert. Nach dem ersten Drittel verschwindet sie, nicht ohne das Schicksal der anderen maßgeblich für immer geprägt zu haben. Sie wird in radikalen linken Gruppe als die „Ratte“ bezeichnet.

Ihr Freund Bob Ferguson (Leonardo DiCaprio) passt nicht so recht zu ihr. Er ist der Bombenbauer der Gruppe, ein Revoluzzer mit Dutt, der immer zu spät kommt. Später, im Untergrund lebend, gibt er sich Drogen und dem Alkohol hin und wird paranoid. Er hat seinen revolutionären Drive verloren, wie auch Codes vergessen, die ihm bei Gefahr Zuflucht bieten könnten.  

Colonel Lockjaw (Jean Penn), ein skrupelloser Militär, zeichnet sich bei der Verfolgung und Vernichtung von „French 75“ aus. Er ist ein einziges Muskelpaket voller Rachsucht und Komplexe, dessen innere Unsicherheit sich in seinem steifen Gang und seiner Körpersprache widerspiegeln. Er geht einem Roboter gleich und hat zahlreiche Ticks. 

Eine vierte Figur sticht aus dem ohnehin fantastisch spielenden Cast heraus: Sensei Sergio (Benicio del Toro), Willas Karatelehrer, der mit Gleichgesinnten untergetauchte Flüchtlinge versteckt und gut in seiner Gemeinde vernetzt ist. Er ist der coole und zukunftweisende Held, der immer alle Fäden in der Hand hält und das Leben von vielen Bedrohten schützt. Sein ruhiges Zusammenspiel mit Bob, der voller Panik agiert, erwärmt das Herz und gibt dem Film seine humorvolle Würze.

Der Tochter von Perfidia und Bob, Willa (Chase Infiniti), bekommt die Schuld ihrer Eltern übertragen und weiß nicht, was ihr passiert („Who are you?“ „I am your dad!”). Sie wird das revolutionäre Erbe ihrer Mutter auf ihre Weise fortsetzen.

Von ohrenbetäubendem Lärm in die unendliche Weite

Der Film beginnt mit einer nächtlichen Befreiungsaktion in einer lauten, Leib und Leben bedrohenden Stadt. Etwa ein Drittel des Film spielt hier, alles geht in rasendem Tempo voran, Gewalt und Gefahr sind allgegenwärtig. Dann wechselt der Schauplatz in eine Kleinstadt, zu einer im Wald versteckten Hütte und einem ländlichen College. Hier ist alles friedlich und familiär, bis die Regierungstruppen gewaltsam einbrechen. Die Schlussszene führt uns ins grelle Tageslicht einer Wüste, auf eine Berg- und Talfahrt, das Tempo wieder rasend schnell, verstärkt durch die irritierenden, peitschenden Klaviertöne von Jonny Greenwoods Filmmusik.

Was PTA auszeichnet

Nach dem von mir gefeierten „Licorice Pizza“ (siehe meine Beitrag „But You’re Mine“), nach „Boogie Nights“, „Magnolia“, und „There Will Be Blood“ erwartete ich einiges von diesem Regisseur. Mit „One Battle After Another“ übertraf Paul Thomas Anderson (PTA) alle meine Erwartungen. Der Film ist spannend, sehr, sehr witzig, völlig unvorhersehbar in Bezug auf die Handlung und die Schauspieler*innen in Höchstform. Gedreht wurde er während der Regierung von Joe Biden im Format Vista Vision. Er dauert kurzweilige 2, 5 Stunden und gilt bei vielen jetzt schon als der beste Film des Jahres. Meine wärmste Empfehlung.

„Ich will alles. Hildegard Knef“ (Luzia Schmid, 2025)

Wer kennt noch Hildegard Knef? Wohl nur die älteren Semester und nur sie waren in dem kleinen Kunstkino in Graz vertreten. Viele von ihnen hatten vor Jahrzehnten ihre Filme gesehen, ihre Lieder gehört oder ihre autobiographischen Bücher gelesen. Sie war der erste Star des deutschen Nachkriegskinos, sehr, sehr schön und ehrgeizig. Auch Angela Merkel hatte sich ein Lied von ihr zu ihrer Abschiedszeremonie gewünscht (siehe meinen Beitrag „Freiheit. Erinnerungen 1954 – 2021). Die Dokumentation „Ich will alles. Hildegard Knef“ von Luzia Schmid gibt anhand von Interviews, Archivaufnahmen und autobiographischen Texten Auskunft über Leben und Leiden der Hildegard Knef.

„Trümmerstar“

Hildegard Knef kam schon in sehr jungen Jahren zu großem schauspielerischen Ruhm, angefangen von „Unter den Brücken“ (1946), über die „Die Mörder sind unter uns“ (1956) bis hin zu „Die Sünderin“ (1951). Hier ist sie für 6 Sekunden nackt zu sehen, der Film handelt von Prostitution und Selbstmord und verursachte im biederen Nachkriegsdeutschland Empörung und Boykottaufrufe. Dem schnellen frühen Erfolg in Deutschland („Trümmerstar“) folgte ein ebenso rasanter Abstieg in Hollywood. Dort bekam sie keine Rollen, lernte nichts, außer Englisch, dafür hätte sie aber nicht drei Jahre in Amerika sein müssen, wie sie ernüchtert in einem Interview feststellt. Sie wird schließlich von Willi Forst nach Deutschland zurückgeholt, kann aber mit den folgenden Filmen nicht an ihre großen Erfolge anschließen („Ich habe mit bedeutenden Regisseuren leider nicht sehr bedeutende Filme gemacht“).

Broadwaystar

Cole Porter ist fasziniert von ihrer Stimme, er engagiert sie für sein Musical „Silk Stockings“, und sie wird in 675 Vorstellungen am Broadway gefeiert. So beginnt ihre zweite Karriere als Chansonsängerin. Sie schreibt die meisten Texte ihrer Lieder selbst und leidet jedes Mal vor einem Bühnenauftritt Höllenqualen („Ich frage mich jeden Abend, was soll das eigentlich, warum leidest du so? Aber wenn ich dann wieder draußen bin, dann ist wieder gut“). Ihre Chansons handeln von Hoffnung und Verzweiflung, vom Aufbruch und Scheitern und sind nicht ohne Selbstironie. Sie hat eine starke Bühnenpräsenz, verzaubert das Publikum mit ihrer rauchigen Stimme (und diesen Wimpern!), bringt zum Ausdruck, wie es vielen Frauen nach dem Krieg geht. Die tiefen Verletzungen wirken in die Aufbruchstimmung hinein und fordern ihren Tribut an Körper und Seele. Sie ist meist in Weiß gekleidet und gibt alles. Ein Interview folgt dem nächsten, immer rauchend und unbezahlt, wie sie erzählt, ihre Antworten entwaffnend ehrlich, intelligent und selbstbewusst.

Schriftstellerin

Als alle glaubten, Hildegard Knefs Karriere sei endgültig vorbei, landet sie mit ihrer Autobiographie „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ (1970) einen Weltbestseller. Wieder hat sie sich mit ihrem blonden Schopf aus dem Abgrund gezogen. Nachdem sie sich von ihrem Mann und Manager David Cameron, dem Vater ihrer einzigen Tochter Christina getrennt hat, heiratet sie den 16 Jahre jüngeren Paul von Schell, der sie bis zu ihrem Tod begleitet. 37 Operationen, ständig mit Schlagzeilen in der Boulevardpresse, kämpft sie mehr oder weniger um ihr Leben. Sie steht offen zu ihren Schönheitsoperationen („In unserem Beruf wird Zeitlosigkeit verlangt – was bei Männern nicht verlangt wird“). Da ist sie aber schon gezeichnet von ihren schweren Krankheiten und ihrer Tablettensucht. Als sie 1986 in Hamburg ihr letztes Konzert gibt, erzählen ihre Tränen, wie schwer der Abschied von der Bühne ist. Hildegard Knef stirbt 2002, sie wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden.

Die Dokumentation zeigt die vielseitige Künstlerin mit all ihrer Höhen und Tiefen. Nichts wird schöngeredet, weder von ihrem letzten (dritten) Ehemann noch von ihrer Tochter, die als Bäckerin in Amerika arbeitet und das Erbe ausgeschlagen hat. Diese über ihre Mutter sprechen zu hören, mit aller Ehrlichkeit, aber auch sanften Kritik, ist von großem Wert. So wird „Ich will alles. Hildegard Knef“ zu einem Porträt einer Ikone, deren Sehnsucht nach künstlerischer Perfektion und medialer Beachtung immer einhergeht mit kaum zu bewältigender Belastung.

Nach dem Film möchte man unbedingt noch tiefer in den Kosmos Hildegard Knef eintauchen, sie als Schauspielerin erleben, ihre Lieder hören und Bücher lesen. Was will man mehr?

Der Salzpfad (Marianne Elliot, 2024)

Bücher und Buchverfilmungen über Weitwanderwege boomen nicht erst seit „Wild“ mit Reese Witherspoon. Wie Hape Herkerling („Ich bin ich dann mal weg“, 2015) und Bill Bennet („Mein Weg: 780 km zu mir“, 2024) sind täglich Kolonnen von Pilgern auf dem Jakobsweg und anderen Weitwanderwegen unterwegs, um etwaigen Lebens- und Sinnkrisen zu entkommen. Meist kehren sie geläutert und weitgehend gesund an Körper und Seele in ihr altes Leben zurück. Nun ist auch der Bestseller „Der Salzpfad“ (2018) von Raynor Winn, von dem weltweit über zwei Millionen Exemplare verkauft wurden, verfilmt worden und hat nicht wenig Aufmerksamkeit erregt.

Die Geschichte beginnt mit einem absoluten Tiefpunkt: Das Ehepaar Moth und Raynor Winn verliert alles, da eine Investition in das Unternehmen eines Freundes sie um ihr ganzes Hab und Gut gebracht hat. Zudem bekommt Moth kurz darauf die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die ihm nur wenige gute Jahre lässt. Die Familie muss innerhalb von fünf Tagen die kleine Farm in Wales räumen. Die beiden Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Da aber Moth nicht innerhalb von zwei Jahren sterben wird, fühlt sich die zuständige Sachbearbeiterin des Sozialamtes nicht zuständig, ihnen eine Notunterkunft bereitzustellen. Als einzige Alternative kommt ihnen in den Sinn, den South WestCoast Path zu gehen, der über 1000 Kilometer die südenglische Atlantikküste entlangführt.

Die Rücksäcke sind schwer, die Schlafsäcke von schlechter Qualität, und ein oranges Trekkingzelt schützt sie nur unzureichend vor Regen und Kälte. 40 Pfund pro Woche bleiben zum Überleben. Kann das gutgehen? Die ersten dreißig Kilometer sind hart, denn Moth hinkt und ist schwer von seiner Krankheit gezeichnet. Je länger sie unterwegs sind, umso leichter fällt das Gehen, bald trotzen sie allen Naturgewalten und kommen sich als Paar wieder näher. Sie unterstützen sich, nehmen aufeinander Rücksicht und schicken sich vertraute Blicke und Gesten. Sie begegnen guten und bösen Menschen, erleben kurze Glücksmomente und können auch ein bisschen anderen Obdachlosen helfen.

Der Ausgang der Geschichte sei hier natürlich nicht verraten, aber man kann ihn sich denken.

Gillian Anderson und Jason Issacs verkörpern ihre Rollen authentisch, von der anfängliche Entfremdung bis hin zur rührenden Lovestory. Beiden sieht man die Strapazen der Wanderung auch körperlich an: verbrannte Haut, aufgerissene Lippen, offene Wunden an den Füßen, Hungerblicke. Am Beginn der Wanderung geht Raynor noch kraftvoll voran, Moth humpelt schwerfällig hinterher, macht aber gute Miene zum bösen Spiel. Sie ist die realistische und überschaut die kargen Finanzen, meist ist es nur eine Handvoll von Münzen, die sie nicht gerne für „Luxus“ herausrückt. Je länger sie unterwegs sind, umso mehr kommt Moth zu Kräften und nach einem Tablettenentzug zur „Heilung“. Anderson und Isaacs  spielen so überzeugend, dass man ihnen jede Verzweiflung und Glücksregung in dieser atemberaubenden, unwirtlichen Landschaft abnimmt. Ihnen zuzuschauen, wie sie diese Herausforderungen meistern, ist großes Kino. Die Vögel werden für sie Symbol der Freiheit, für alles, was sie verloren haben und durch den Verlust wiedererlangt haben: Moth: „Ein Haus ist nur eine Unterkunft. Aber wahre Freiheit habe ich erst auf dem Weg gefunden.“ Man glaubt ihnen alles und begleitet sie gerne auf diesem Weg.

Leider entspricht die Geschichte, die Raynor Winn im „Salzpfad“ erzählt, nicht ganz den wahren Begebenheiten.  Nach Recherchen einer Journalistin des Observer sind die Voraussetzungen doch brüchiger, als sie in dem Bestseller dargestellt werden. Das sollte man nicht im Hinterkopf haben, wenn man sich „Der Salzpfad“ im Kino anschaut. Ändert es etwas an der Qualität des Filmes und der Schauspieler? Nein. Aber wenn man darüber nachdenken würde, dass die Autobiographie vielleicht zu sehr geschönt war, dann bekommt das Ganze doch einen unguten Nachgeschmack.

Man könnte es aber auch so sehen: Die Regisseurin Marianne Elliot hat mit Gillian Anderson und Jason Isaacs einen schönen Liebesfilm geschaffen, der seinesgleichen in der heutigen Zeit sucht. Einen Aufmunterungsfilm, dass alles zu schaffen ist und auch die schlimmste Krise ein glückliches Ende haben kann. Wahrheit hin oder her.

Kriegsende im Ausseerland: Eine Ausstellung im Kammerhofmuseum

Das Kammerhofmuseum widmet sich in einer kleinen Ausstellung dem Kriegende im Ausseerland. Am Donnerstag, dem 8. 5. 2025 war Ausstellungseröffnung mit einem großen Aufgebot an Prominenz und einigen amerikanischen Jeeps aus dem 2. Weltkrieg. Mit dabei verkleidete JIs, die am Vormittag in Tuffeltsham aufgebrochen waren, um die Route des letzten Kampftages des 2. Weltkrieges nachzustellen. Näherte man sich am Abend nichtsahnend dem Kammerhofmuseum, wirkte das recht bedrohlich und einschüchternd.

Am 11. 5. gab es eine ausführliche Führung mit Hans Fuchs, einem der Kuratoren. Diese sei hier kurz zusammengefasst, um einen Einblick in die Ausstellung zu gewinnen.

Geht man die Treppen zur Ausstellung hinauf, erwartet einem ein Soldat in der Originaluniform der US-Army mit „Buckle Boots“. Gleich daneben gibt es eine Schautafel über den Einzug der 3. US-Armee am 3. Mai 1945 in Österreich und deren rasches Vorrücken. Eine Aufklärungseinheit wurde nach Ebensee geschickt, wo sie am 5. Mai das KZ Ebensee befreite. Am 8. Mai um 15:30 traf Major Ralph E. Pearson mit seiner Task Force in Altaussee ein, um die ungarischen Kronjuwelen nach Vöcklabruck ins Hauptquartier der 80. US-Infanteriedivision zu bringen. Es gab zwar keine Kronjuwelen, aber Pearson erfuhr, dass im Bergwerk Kunstwerke aus ganz Europa von unschätzbarem Wert gelagert waren. Das Bergwerk wurde von den Amerikaner bewacht, bis am 16. Mai die „Monument Men“ eintrafen. Das Ausseerland war nun unter amerikanischer Verwaltung.

Die nächsten Schautafeln berichten über die Kunstschätze und deren Sicherung aus dem Bergwerk in Altaussee, über die schon ausführlich in Artikeln, Dokumentationen und Filmen berichtet wurde.

Wir erfahren auch, dass das Auswärtige Amt eine „Ausweichstelle“ in Altaussee hatte, diese war aber lediglich ein „Ein-Mann-Betrieb mit Erich Haas. Der Gesandte sollte sich mit den Vertretern der rumänischen und bulgarischen Exilregierungen in Verbindung setzen, die im Seehotel Quartier bezogen hatten (siehe meinen Beitrag „Verschüttete Milch“ von Barbara Frischmuth).  Haas`Auftrag bestand darin, mit den Politikern spazieren zu gehen und ihre Lage auszuloten. Außenminister Ribbentrop war damals noch der irrigen Überzeugung gewesen, separate Friedenverhandlungen mit den Westmächten führen zu können.

Ein besonderes interessantes Kapitel ist der „Freundesbande“ gewidmet, damit sind Kaltenegger, Eichmann, Höttl und Skorzeny gemeint. Diese vier verband eine „persönliche Freundschaft und politische Zweckgemeinschaft“. Über deren Aufstieg und Gräueltaten im Nationalsozialismus wird kompakt berichtet.

Jedenfalls tauchten die vier nicht zufällig gegen Kriegsende im Ausseerland auf und hofften durch gegenseitige Hilfe ungeschoren davon zu kommen. Der Leiter des Reichsicherhauptamtes Ernst Kaltenbrunner versteckte sich mit seinem Adjutanten und zwei SS-Leuten schwer bewaffnet in der Wildenseehütte im Toten Gebirge. General Matteson konnte ihn am 12. Mai mit 12 GIs und 4 Altausseern dort aufspüren und festnehmen. Er wurde bei den Nürnberger Prozessen schwer von seinem „Freund“ Höttl belastet und zum Tode verurteilt.

Der bei Kaltenbrunner nicht mehr willkommene Adolf Eichmann und seine Vertrauten, darunter der Kommandant des KZ Theresienstadt, Anton Burger, versteckten sich mit unzähligen Kisten mit Goldmünzen, gefälschten Pfundnoten und Dollarscheinen in der Blaa Alm. Eichmann konnte sich durch viele Zufälle immer wieder der Verhaftung entziehen und schaffte es 1950 bis nach Südamerika. Erst 1960 wurde er vom Mossad dort aufgespürt und zwei Jahre später in Jerusalem nach einem öffentlichen Prozess hingerichtet.

SS-Obersturmbandführer Skorzeny hatte sich schon im April mit ungefähr 300 SS-Leuten in die Albrechtshütte im Öderntal zurückgezogen, um dort „abzuwarten“. Am 8. Mai wurde die junge Mitterndorferin Lydia Stadler mit zwei SS-Männern zur Albrechtshütte mit einem Ultimatum geschickt, ansonsten würden die Amerikaner die Stellung bombardieren. Um 14 Uhr ergab sich das Sonderkommando des Alpenschutzkorps, somit war das letzte Kapitel der angeblichen „Alpenfestung“ geschlossen. Noch vor seiner Vernehmung im Nürnberger Prozess gelang Skorzeny die Flucht und er konnte untertauchen.

Obersturmbandführer Höttl, der sich schon früh den Amerikanern angedient hatte und entscheidend zur Auffindung von Eichmann in Südamerika verantwortlich gewesen sein soll, schrieb mehrere Bücher und wurde angesehener Schulgründer in Bad Aussee. Im Nürnberger Prozess wurde er als Zeuge der Anklage freigesprochen. Er erhielt 1995 für seine Verdienste als Schulgründer und Historiker das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark. Nichts erinnert in Bad Aussee an seine grausamen Machenschaften im Dritten Reich.

Die Deutung der Vergangenheit“ nennt exemplarisch einige bekannte Persönlichkeiten, die sich in Büchern und Dokumentationen mit dem Kriegsende auseinandergesetzt haben: Julius Mader, Peter Kammerstätter, Albrecht Gaiswinkler und Rudolf Heinrich Daumann.

In einem danebenliegenden Raum wird noch auf die Ausseer Kulturszene um 1945 und in der Nachkriegszeit eingegangen, vom Kunsthändler Gurlitt über Komponisten, Musikern bis zu den Schauspielern Theo Lingens, Susi Nicoletti und Hans Moser.

Mit dieser kleinen Ausstellung im Kammerhofmuseum ist ein wichtiger Meilenstein zur Aufarbeitung der NS-Zeit im Ausseerland gesetzt, frei von Mythen und Legenden. Weitere Schritte werden in den nächsten Monaten nach Aussagen von Hans Fuchs folgen. Seien wir gespannt, was passieren wird und besuchen Sie unbedingt die Ausstellung „1945. Kriegende am Schauplatz Ausseerland“ im Kammerhofmuseum.

Die Magie der Stille: Caspar David Friedrich und die Natur

Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung

Wer sehnt sich nicht nach unberührter Natur und glasklarer Luft? Nach Stille und Staunen, wenn man durch Wiesen und Schluchten wandert, Berge erklimmt und ganz bei sich sein kann? Den tosenden Alltag hinter sich zu lassen, einen Schritt vor den anderen setzen und von hoch oben hinab ins Tal zu blicken wie der „Wanderer im Nebelmeer“? Fühlt man sich nicht wie Goethes Faust am Ende seines Lebens mit seinem Ausruf „Verweile doch, du bist so schön“?

Caspar David Friedrich hat dieses Erleben auf kongeniale Weise in seinen Bildern eingefangen und Florian Illies hat darüber ein unterhaltsames Buch geschrieben: „Zauber der Stille“.

Wenn Sie Kitsch oder Verherrlichung der Romantik erwarten, werden Sie enttäuscht. Denn Illies zeigt, wie wenig Caspar David Friedrich von seiner Zeit erkannt wurde und bitterarm und verhärmt 1840 starb. Auch Goethe, um dessen Gunst sich der Maler zeitlebens bemühte und dem er immer wieder seine Bilder schickte, ging er mehr und mehr auf die Nerven, laut Aussagen von Zeitgenossen wollte Goethe die Bilder zerschießen oder an der Tischkante zerschlagen, so wahnsinnig machten sie ihn. Er wünschte sich nichts Melancholisches, sondern erhebende Kunst von ihm.

Was heute viele als Anbetung der unberührten Natur deuten und warum Friedrich auch von Klimaktivisten gefeiert wird, schien die Zeitgenossen entsetzlich heruntergezogen zu haben. Nur wenige erkannten Friedrichs Genie und konnten damals Trost und Seelenfrieden aus seinen Landschaften schöpfen. Viele Kritiker bemängelten die fehlende Gottesverehrung und konnten nicht erkennen, dass Friedrich die göttliche Präsenz möglicherweise in der Natur darstellte. Meist versehen mit winzigen, einsamen Rückenmenschen, die in die Landschaft hineinschauen und uns dorthin mitnehmen.

Illies hat sein Buch „Zauber der Stille“ in vier Kapitel eingeteilt, diese nicht chronologisch erzählt, sondern assoziativ, anhand der vier Elemente, denen jeweils ein bekanntes Bild vorangestellt ist:

Feuer

Das erste Kapitel zeigt „Das brennende Neubrandenburg“ (1835/40). Es beinhaltet Geschichten und Anekdoten über Gemälde, die im Lauf der Jahrhunderte durch Feuer zerstört wurden, in seinem Geburtshaus in Greifswald, 1931 beim Brand des Glaspalastes in München oder bei Bombenangriffen im 2. Weltkrieg. Illies verfolgt den Weg zu den wechselnden BesitzerInnen, berichtet von makaberen Diebstählen und mancher wundersamen Wiederauffindung. Ungefähr die Hälfte von Friedrichs Bildern ist so verloren gegangen.

Wasser

Dem zweiten Kapitel ist das bedrohliche Gemälde „Das Eismeer“ (1823/24) vorangestellt. Es beschäftigt sich mit Wasser in all seinen Zuständen. Friedrichs lebenslange Schwermut habe seinen Ursprung in einem kindlichen Trauma gehabt. Es ist als Kind bei übermütigem Spiel durch die Eisdecke gebrochen, wurde von seinem jüngeren Bruder Christoffer gerade noch herausgezogen, bevor dieser im eiskalten Wasser ertrank. Aber der Maler liebte auch das Wasser, viele seiner Bilder von Meer, Häfen und Segelschiffen zeugen von seiner Sehnsucht nach Weite und Aufbruch.

Erde

Das dritte Kapitel beginnt mit seinem wohl berühmtesten Werk: „Kreidefelsen auf Rügen“. Friedrich wanderte viel und gerne, machte unzählige Skizzen von Bäumen und Landschaften, die er dann in seinem abgedunkelten Atelier in Dresden auf die Leinwand brachte. Hier fügte er verschiedene Skizzen von Orten in einem Bild zusammen. Er ist laut Illies „eigentlich ein Konzeptkünstler, auf jeden Fall kein Naturalist“. So entstehen seine Gebirgslandschaften, Hafenbilder, Harz- und Winterlandschaften. Besonders gerne besuchte er Rügen und ist von den Kreidefelsen fasziniert. Und dieses Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ gibt bis heute Rätsel auf, da es lange Zeit als Werk von Carl Blechen gehandelt wurde und im Kinderzimmer der berühmten Fotografin Gisela Freund verbracht hatte. Friedrich hatte seine Gemälde niemals signiert.

Luft

Dem vierten Kapitel ist das Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ vorangestellt.

Hier steht ein staatlicher Mann mit Gehrock und Stock im Mittelpunkt des Bildes, auf der Spitze eines Felsen und sieht in die Nebelschwaden hinab, über ihm ein wolkenverhangener Himmel, aus dem Sonnenlicht dringt. Wenn Friedrich den Himmel malte, so wird seine Frau zitiert, dürfe man ihn nicht stören, „denn wissen Sie, Himmelmalen ist für ihn wie Gottesdienst“. Auch dieses Bild war über hundert Jahre verschollen und tauchte erst 1950 wieder auf, und es gab einige Zweifel, ob es ihm zugeordnet werden könne, da die riesige Rückenfigur untypisch war.

„Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten“ wird Sie dazu verführen, alle dort beschriebenen Bilder betrachten und sich mit dem Menschen und Künstler Caspar David Friedrich näher beschäftigen zu wollen. Es ist leicht zu lesen und sehr kurzweilig, an manchen Stellen salopp („Diese Idioten“ nennt Illies Kritiker von Friedrichs „Mönch am Meer“ und „Keine Angst, komplizierter wird es nicht“).

Wenn Sie Illies nicht alles glauben, was er vielleicht in dichterischer Freiheit aus dem Leben von Capar David Friedrich erzählt, gibt es im Anhang weiterführende Literatur, der Sie sich ausführlich widmen können.

„Altweibersommer“ (Pia Hierzegger, 2025)

Die mythologische Erklärung für das Wort Altweibersommer ist folgende: „Die feinen grau glänzenden Spinnfäden erinnern an die Haare alter Frauen“. In früheren Zeiten glaubten die Menschen Lebensfäden zu sehen, die von alten weißhaarigen Schicksalsgöttinnen gesponnen wurden. Im meteorologischen Sinne wird der Begriff auch als Phase des warmen Ausklingens des Sommers im September und Oktober bezeichnet, im übertragenen Sinne als kurzzeitige zweite Jugend von Frauen. Vielleicht fühlten sich deshalb vor allem ältere Frauen vom Titel angesprochen und zeigten sich nach dem Verlassen eines Kinos im Ennstal ernüchtert. „Was hat der Film mit unserer Lebensrealität zu tun?“, fragte eine enttäuscht in die Runde und erhielt viel Zustimmung.

Der Film handelt von einer Frauenfreundschaft, die einer Wohngemeinschaft entstammt und nicht mehr dem Lebensgefühl der achtziger Jahre entspricht. Elli, kahlköpfig, aber immer mit schickem Kopftuch, hat gerade eine Chemotherapie hinter sich, weshalb ihr kaum ein Lächeln entkommt. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt, die Tochter will nicht mehr mit ihr sprechen. Dabei steht ein Umzug ins Haus und die Mutter würde ihre Hilfe beim Kistenschleppen dringend brauchen. Ihre beiden Freundinnen, Astrid und Isabella, laden sie auf den jährlichen Campingurlaub ein, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Aber der verlassene Campingplatz und der alte Wohnwagen lassen keine Erholung zu und das Wandern in den Bergen fällt Regen und Kälte zum Opfer. Und da gibt es noch einen Nachbarn in einem Airstreamer, der seinen scharfen Schäferhund gerne auf Ausländer hetzen würde. Hier ist für die drei keine Kraft zu tanken.

Durch einen glücklichen Zufall kommen sie nicht ganz legal zu Geld, beschließen dem kalten Österreich den Rücken zu kehren und an den sonnigen Lido di Venezia zu fahren. In einem alten Mazda machen sie sich gut gelaunt auf in den Süden. Italien! Sonne! Aperol Sprizz! entgegen. Sie mieten sich in das Luxushotel „Excelsior“ ein und genießen die Größe und Annehmlichkeit, die sich unverhofft eröffnet hat. Alles könnte sich zum Glück wenden, wenn da nicht die Probleme wären, die sie für kurze Zeit hinter sich lassen wollten. Astrid (Ursula Strauß) ist gut organisiert, lebt in einem plastikfreien Haushalt, ist aber mit einem „gescheiterten Genie“ belastet, der den Alltag nicht schafft und sie ständig mit Anrufen quält. Isabella (Diana Amft), sinnlich und lebensfroh, muss als Kellnerin arbeiten, obwohl sie Schauspielerin ist. Frustrierende Beziehungen mit verheirateten Männern gehen ihr an den Kragen. Und Elli (Pia Hierzegger) leidet an ihrer verwüsteten Brust, den fehlenden Haaren und erfährt, dass ihre Tochter schwanger ist. So kann wenig Leichtigkeit und Freude am Lido aufkommen und wie die drei Freundinnen mit all diesen Widrigkeiten mehr oder weniger humorvoll umgehen, zeigt der Rest des Filmes.

Wahrscheinlich hatte sich die Frauenrunde im Kino eine leichte Komödie erwartet, flotte Dialoge, die einen aus dem Alltag herausreißen. Diese Erwartungen werden nicht ganz erfüllt. Die Tragik ist allgegenwärtig, alles ist verstrickt und verwoben, schwierig und zäh, auch bei den Männern, die im Film nur Nebenrollen (Gastauftritt von Josef Hader als Campingwart) spielen. Kurz tauchen Momente der Leichtigkeit und Lebensfreude auf, meist unter dem Einfluss von Alkohol und beim Hören von Musik im Auto. Der zwischen New-Wave-Punk und Italo Pop angesiedelte Soundtrack verspricht Lebensfreude und Freiheit, die den Freundinnen um die 50 abhandengekommen sind. Dennoch, als die drei Bella Italia verlassen, sehen sie neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten. Und sie kommen einander wieder näher und werden vielleicht auch in Zukunft zusammen Urlaub machen.


Übrigens, man würde den drei sympathischen Filmfrauen, die überzeugend und herzerwärmend von Ursula Strauß, Pia Hierzegger und Diana Amft verkörpert werden, eine lange zweite Jugend wünschen. Aber das ist ein anderer Film, der erst geschrieben werden müsste entlang des Refrains von „Rocky Road“ von Lene Lovich.

„Schlendern ist mein Metier“ (Johannes Holzhausen, 2025)

Karl-Markus Gauß ist ein österreichischer Schriftsteller und Essayist, der mich vor Jahren mit seinem Buch „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ (2019) in den Bann gezogen hatte. Bei der Diagonale 2025 wurde nun ein 80-minütiger Dokumentarfilm über ihn präsentiert, in Anwesenheit des Autors, des Regisseurs und fast aller, die am Film mitgewirkt hatten. Auch Johannes Holzhausen sah ihn zum ersten Mal vor großem Publikum. Karl-Markus Gauß, über den bisher nur kurze Porträts fürs Fernsehen gedreht wurden, war von dem Großformat des Films peinlich berührt und bekannte, dass dies sein letzter gewesen sei. Was hatte der Film über ihn zu erzählen?

Die Kamera begleitet ihn und seine Frau Maresi von seinem Wohnort, einer idyllischen Salzburger Villa auf der Rückseite des Mönchsberges, zu den Ursprüngen seiner donauschwäbischen Familie in die Batschka. Seine Eltern mussten 1944 aus dem Gebiet der heutigen serbischen Wojwodina vor den Partisanen flüchten und siedelten sich in Salzburg an, wo Gauß 1954 als jüngster von vier Kindern geboren wurde.

Vom Geburtsort seiner Mutter in Futog ausgehend begegnet er ihm bekannte SchriftstellerInnen in Sarajewo, Mostar, Novi Sad und Ungarn (Noemi Kiss), spricht mit ihnen über Krieg, Flucht, Rückkehr und die Donau. Im Publikumsgespräch nach der Vorführung erzählte Gauß von einer Begegnung mit einem wunderschönen jungen Mann in Sarajewo, der zufälligerweise gerade am Drehort eine rote Rose für einen Friedensaktivisten, der bei der Belagerung von einem Scharfschützen ermordet wurde, ablegen wollte. Diese Szene wurde jedoch nicht in den Film aufgenommen, da, wie Gauß ausführte, sie niemand glauben und sie als konstruiert ansehen würde.

Nach Österreich zurückgekehrt möchte er das ihm unbekannte Unken kennenlernen, er besucht den Friedhof von Bramberg in Pinzgau, erfährt von Zeitzeugen über Deserteure, die zeitlebens mit der Schuld leben mussten, dass einige Mitglieder ihrer Familie an ihrer Stelle ins KZ Ravensbrück gebracht wurden und dort umgekommen sind. Und er hat ein Gespräch mit Adolf Schwaiger, der den „Russenfriedhof“ in St. Johann im Pongau seit Jahrzehnten ehrenamtlich betreut. Die Wunden eines Krieges sind auch in seinem Heimatland allgegenwärtig und belasten Menschen und Gemeinden.

Im letzten Teil des Filmes zeigt Karl-Markus Gauß seine Methode des Arbeitens, beginnend dem dem Aussortieren, dann folgen Notizen mit der Füllfeder bis hin zum Schreiben. Es werden Artikel gesammelt, diese in Ordner zu bestimmten Themen über viele Jahre hinweg gesammelt, manche Projekte verwirklicht, denn bisher wurden 26 Bücher von ihm veröffentlicht. Geschrieben werden sie immer auf einem Computer zuhause, an einem der Wand zugewandten Sekretär, ein Polster im Rücken des harten Stuhls. Mindestens genauso viele Bücher seien jedoch nicht geschrieben worden, weil das Thema zu komplex war oder werden nicht mehr geschrieben werden, weil die Zeit wohl nicht mehr reichen werde. Nach einem Herzinfarkt, der ihm sein Sterben bewusst gemacht hat, ist seine Zeit kostbar geworden.

Schlendern ist mein Metier“ von Johannes Holzhausen bringt uns den Schriftsteller und Menschen Karl-Markus Gauß näher, erzählt von seinen Vorfahren, seiner Arbeitsweise und den Themen seiner Bücher, die gegen das Vergessen gerichtet sind. Einige neue Texte liest der Autor, der auch als der „Chronist eines verschwindenden Europas“ bezeichnet wird, selbst vor.

Nach so vielen belastenden Erinnerungen und Orten der Gewalt und des Todes wurde man von Gauß mit den Worten in ein regnerisches Graz entlassen: „Man darf es sich nicht leisten, keine Hoffnung zu haben“.

Warum „Flow“ der beste Animationsfilm ist

Flow“ wurde bei der diesjährigen Oskar-Verleihung mit dem Oskar als bester Animationsfilm ausgezeichnet. Schon vorher hatte der Film aus Lettland einen Golden Globe und viel Aufmerksamkeit bei Festivals erhalten. Was macht diesen weniger als 4 Mio. teuren Film so besonders, dass er gegen „Vaiana 2“ gewinnen konnte, dessen Produktionskosten 989 Millionen US-Dollar betrugen?

Die Katastrophe

Eine junge Katze streunt durch den Wald, sie wird von einer Meute Hunde gehetzt, ist eine Einzelgängerin, hat große Angst vor Wasser und kehrt schließlich in ihr Haus zurück, um im Bett eines Katzenliebhabers zu schlafen. Im Garten stehen riesige Katzenfiguren, aus Holz geschnitzt, im Erdgeschoss sind Skizzen der Katze zu sehen. Das Haus ist verlassen, die Menschheit scheint ausgelöscht, nur mehr der Zerfall und Ruinen verweisen auf die Spuren menschlicher Existenz. Hatte es eine Umweltkatastrophe gegeben? Was war passiert?

Auf einem ihrer Streifzüge durch eine idyllische Natur kommt ihr eine Herde Wild in rasendem Tempo entgegen, der kurz darauf eine riesige Flutwelle folgt. Jetzt beginnt ihr Überlebenskampf, sie wird vom Wasser mitgerissen, es rauscht und dröhnt, gurgelt und zischt, verschlingt und gibt sie endlich frei. Die Panik ist ihren großen gelben Augen anzusehen, wir haben große Angst um sie und können erst aufatmen, als sie sich erschöpft auf ein leuchtend oranges Segelboot rettet. Dort ist sie nicht allein, denn ein faules Wasserschwein hat es bereits in Besitz genommen. Zunächst herrscht Angst und Misstrauen zwischen den beiden Tieren. Mehr und mehr Tiere suchen Schutz im Boot: ein gutmütiger Golden Retriever, ein raffgieriger Lemur und ein verletzter Sekretärsvogel, der bald das Steuer übernimmt. Nach und nach baut sich Vertrauen auf, denn die Tiere können nur überleben, wenn sie kooperieren. Es warten noch viele Gefahren und Herausforderungen auf sie und alle fünf lernen über sich hinauszuwachsen. Die Katze muss ihre Unabhängigkeit aufgeben, ihre Angst vor den Abgründen des Wassers überwinden, um Fische zu fangen. Der habgierige Lemur lernt zu teilen und der sanfte, verspielte Hund entwickelt Eigeninteressen.

Die tierische Gemeinschaft segelt ins Unbekannte, in eine Welt voller bedrohlicher Naturgewalten, atemberaubender Schönheit und gefährlicher Feinde. Es geht um Leben und Tod, um einen sicheren Bleibeort, um Gemeinschaft und vor allem um eine Welt, die ihre Schönheit und Gefährdung offenbart. Auf der Mastspitze hockend, fasziniert von gefluteten Ruinenstädten und einem aus der Tiefe hervorgelockten Urzeitwal, begleiten wir die Katze auf dieser Odyssee.

Der Neubeginn

In einer außer Band und Rand geratenen Natur, so die Aussage des Films, kann man nur überleben, wenn man das Eigeninteresse zurücksetzt und soziale Fähigkeiten entwickelt, ohne seine Individualität aufzugeben. Da der Film keine menschliche Sprache verwendet, werden die Tiere nicht vermenschlicht, sondern kommunizieren nur durch tierische Laute, Gesten und Mimik. Realistische Stimmen der jeweiligen Tiere wie Miauen, Grunzen und Zwitschern wurden eingesetzt und auch die Musik treibt die Handlung auf dramatische Weise voran. Die Tiere behalten ihre Eigenschaften bei, sie verhalten sich wie Tiere und wer Katzen und Hunde liebt und gerne beobachtet, wird sie in ihren Eigenheiten wiedererkennen. Das Großartige ist, dass der Film auch ohne Dialoge funktioniert und jeder die Handlung versteht, weil man sich emotional mit den Tieren und der Geschichte verbindet. Um das zu erreichen, so sagte der Regisseur Gints Zilbalodis in einem Interview, mussten sehr viele Katzenvideos geschaut werden. Dass er selbst eine schwarze Katze und einen Golden Retriever hat, erleichterte sicherlich seine Arbeit.

Der Film wurde mit der frei verfügbaren Software Blender, einer 3D-Grafiksoftware, hergestellt. Die verschiedenen Formen und Zustände von Wasser, die Wasserspiegelungen und Geräusche, originalen Tiersounds werden so realistisch dargestellt, dass man in den „Flow“ des bildgewaltigen, emotionalen Filmes hineingezogen wird und Raum und Zeit völlig vergisst.

Es brauchte dazu einen jungen lettischen Regisseur und ein sehr kleines Team aus Europa, gepaart mit viel Mut und Kreativität zu Neuem.