„Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

Ich muss bekennen, dass ich noch nie etwas von Dörte Hansen gehört hatte. Diese Autorin war nicht in meinen Gesichtskreis gekommen. Nun hatte mir aber eine wertschätzende Kollegin dieses Buch mit einer Widmung geschenkt: „Dörte Hansen ist eine meiner liebsten zeitgenössischen Autor:innen. Hoffentlich gefällt sie dir genauso gut wie mir“. Also begann ich das Buch zu lesen und war mehr als hingerissen. Warum?

Es behandelt kein spektakuläres Thema: eine Familien- und Dorfgeschichte in Nordfriesland, über 5 Jahrzehnte hinweg, in der sich der gesellschaftliche und ökonomische Wandel zeigt. Im Bauerndorf Brinkebüll reden in den sechziger Jahren die meisten Bewohner noch Plattdeutsch. Die Männer gehen nach Feierabend in den Gasthof von Sönke Feddersen, hier werden auch die großen Feste von Taufe, Hochzeiten bis zum Leichenschmaus gefeiert. Dort kommt die Dorfgemeinschaft zusammen, um zu feiern und der harten bäuerlichen Arbeit für kurze Zeit zu entfliehen. Sönke, seine Frau Ella und Tochter Marret führen den Gasthof mehr schlecht als recht, viel Arbeit, darüber hinaus ist auch noch ein kleiner Bauernhof zu betreuen: früh ausstehen, Kühe melken, den Tag über Gäste bewirten, am Abend wieder Stallarbeit und Bierausschenken.

Sönke war nach russischer Gefangenschaft im Dezember 1947 heimgekehrt und Ella hatte im Juli 1948 ein Mädchen geboren, was sich rechnerisch für ihn nicht ausgehen konnte. Eine Dreiecksgeschichte wird nach und nach enthüllt und hält bis in den Tod. Tochter Marret singt gerne Schlager im Dorfsaal, sie streunt durch Felder und Fluren, sammelt tote Tiere, Federn, Steine und Blumen, presst die Blätter im Shell-Atlas, zeichnet sie und vermerkt sie in Schönschrift in ihrem DIN-A5-Heft. Sie ist „wunderlich, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas“ und wird mit 17 schwanger, Vater unbekannt. Sie kann sich nicht um ihren Sohn kümmern, so übernehmen ihre Eltern die Erziehung, besonders der Großvater kümmert sich liebevoll um Ingwer. „Minsch warmt Minsch“. Der Junge ist sehr klug und wird von Lehrer Steensen als einer der ganz wenigen auserkoren, aufs Gymnasium zu gehen, um später zu studieren. Er schafft den Aufstieg, wird Prähistoriker an der Uni Kiel, trotzdem fühlt er sich nicht dazugehörig und „wie ein Schwindler mit gefälschter Vita, der nicht da war, wo er hingehörte“. Mit 48 Jahren und in einer Lebenskrise nimmt er sich ein Sabbatjahr, um seine gebrechlichen (Groß)-Eltern zu betreuen und seine Schuld abzutragen. Nicht nur er muss erkennen, dass sich alles im Dorf seit seiner Kindheit geändert hatte, dass die Störche nicht mehr kommen, es keine Tiere mehr gibt und das Baumsterben längst im Gange war.

Dörte Hanssen gelingt es mit ihrem Roman „Mittagstunde“ den Kosmos und die Entwicklung eines kleinen Dorfes atmosphärisch zu schildern. Bald kennt man die Personen, weiß über ihre Geschichten Bescheid und damit verbunden die großen strukturellen Veränderungen. Eine Künstlergruppe mit ihren selbstbewussten Kindern kommt aus Berlin zugezogen und kauft eine alte Mühle, um ein alternatives Leben zu führen. Die jungen Dorfbewohner ziehen weg, weil sie auf dem Land keine Zukunft mehr haben, die herrische Krämerin muss zusehen, wie die Bewohner nur noch im Supermarkt Vergessenes bei ihr kaufen. Die vielen Bauern, die aufgeben, weil sich das Wirtschaften für sie nicht mehr lohnt. Und einige wenige, die mit der Zeit gehen und alle Gründe aufkaufen. Die Flüsse begradigt, die Fluren bereinigt, Ulmen und Kastanien gefällt, um schnellere Straßen zu bauen mit tödlichen Folgen. Und dazwischen die Dorfbewohner, die um ein bisschen Glück ringen, um all den Veränderungen etwas entgegensetzen zu können. Mobilität und die Ökonomisierung der Landwirtschaft haben viele Fortschritte, so auch Kultur ins Dorf gebracht (das laute Trara des Bücherbusses zur Mittagsstunde!), aber auch den sozialen Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft aufgebrochen.

Dörte Hansen erzählt eine Herkunftsgeschichte und den Wandel einer Dorfes mit großer poetischer Kraft („Es war so nebelig, dass sie wie durch nasse Tücher ging, als wäre oben große Wäsche“). Die Zeiten fließen ineinander und auch Ingwer sehnt sich mit 48 Jahren nach Jahrzehnten in einer Wohngemeinschaft nach mehr Verbindlichkeit, nach jemandem, der „mein Mann“ sagt.
Jedes Kapitel beginnt mit einem Song- oder Schlagertitel und wenn Sie diesen vorab hören, werden Sie eingestimmt in die großen Themen und Sehnsüchte der Dorfbewohner. Und es gibt Hoffnung: eine Line Dance Gruppe, die wie Ingwer den Aufbruch wagt.

Die Saat des heiligen Feigenbaums (Iran, 2024)

Schon bei der Viennale hatte ich versucht, Karten für diesen hochgelobten Film zu bekommen. Sie waren nach wenigen Minuten ausverkauft. Viele hatten von den gefährlichen Umständen der Entstehung des Films bereits bei den Filmfestspielen in Cannes erfahren, denn er wurde heimlich im Iran gedreht. Der Regisseur konnte sich nur durch Flucht vor einer langjährigen Haftstrafe und Peitschenhieben nach Europa retten. Eines sei vorweggenommen: „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ von Mohammad Rasoulof dauert über drei Stunden und wird Sie bis in die Träume hinein verfolgen.


Dabei fängt die Geschichte recht harmonisch an. Eine Familie lebt gut situiert in Teheran, Iman, der strenggläubige Vater wird zum Ermittlungsrichter am Revolutionsgericht befördert, ein Wunsch, den er für 20 Jahre gehegt hat. Die Mutter Najmeh erhofft sich dadurch eine größere Wohnung, die beiden Töchter sollen endlich ein eigenes Zimmer bekommen. Der Aufstieg des Vaters innerhalb des Regimes würde ein luxuriöses Leben, wenn auch mehr Pflichten für die Familie ergeben. Kurze Zeit später gerät diese Hoffnung in Schieflage. Der Vater muss erkennen, dass er einen ungewollten Pakt eingegangen ist, da er nun lange Gefängnisstrafen oder Todesurteile, ohne viel Prüfung, unterschreiben muss. Wenn nicht, sei es vorbei mit dem besseren Leben. Die Mutter, ganz um das Wohl ihres Ehemannes besorgt, gibt ihm Schlaftabletten, damit er die aufschreckenden Alpträume bezwingen kann. Die beiden Töchter, Rezvan 21 und Sana 16 Jahre alt, schicken sich heimlich Videos zu, die die Proteste gegen das autoritäre Regime zeigen. Ausgelöst wurden diese durch den Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Der Vorfall hatte zu den größten landesweiten Protesten für Frauenrechte im Iran geführt. Entsetzt schauen sich die Töchter die brutalen Videos von Polizeiübergriffen an und sympathisieren immer mehr mit der Bewegung „Frauen. Leben. Freiheit“. Als dann noch die beste Freundin der älteren Tochter schwer verletzt wird, brechen die Gräben auch innerhalb der Familie auf und alle werden gezwungen, Farbe zu bekennen.


Jetzt nach zwei Jahren der gewaltsamen Niederschlagung scheint wieder Ruhe im Iran eingekehrt zu sein. Viele DemonstrantInnen, vor allem junge Mädchen, sind, wenn nicht ermordet, körperlich und seelisch, wie die beste Freundin, schwer gezeichnet. Darauf nimmt der Film Bezug und holt die Gräueltaten des Regimes aus dem Jahre 2022 in unsere Kinos. Rasoulof selbst saß während der Proteste in einem iranischen Gefängnis. So konnte er die Ereignisse erst im Nachhinein mittels Handyaufnahmen mitverfolgen. Diese sind in die Handlung des Films eingebaut. Auf die Freude der Frauen, die singend und tanzend mit wallenden Haaren durch die Straßen ziehen, folgen Blut und Tränen, Schüsse und Verhaftungen.
Alles, was an schönen Kindheitserinnerungen an einen liebvollen Vater vorhanden ist, wird mehr und mehr zerstört, als die beiden Töchter dem Vater widersprechen. Die Brutalität und Paranoia des Regimes finden ihre Entsprechung im Handeln des Vaters. Nun geht es um Überleben oder Tod. Der Vater kehrt in das einsame Haus seiner Kindheit zurück, vordergründig um seine Familie zu beschützen, in Wirklichkeit, um sie zu verhören.


Was den Film so beklemmend macht, ist, dass man in einem warmen Grazer Kino sitzt, um sich herum die Vielfalt der österreichischen Bevölkerung, auch einige IranerInnen. Wir, mit all unseren Rechten und Freiheiten, werden mit einer patriarchalischen Gesellschaft konfrontiert, in der Frauen mit all ihrem Mut und Einsatz um Freiheit und Würde kämpfen und wieder einmal scheitern.
Gibt es Hoffnung für die Frauen im Iran? (Siehe meine Filmkritik zu „Hit the Road“) Nach der Aussage des Filmes auf jeden Fall. Der Film wird im zweiten Teil zu einem Psychothriller, ist so spannend und verwirrend, gleich einem Labyrinth, dass man ganz erstarrt, dort selbst lange feststeckt.


Mohammad Rasoulof sagte in einem Interview, dass er zwei Stunden Zeit hatte, um vor der drohenden Verhaftung das Land zu verlassen. Er habe die Tür seines Hauses in Teheran abgeschlossen, Abschied von seinen geliebten Pflanzen genommen und sei dann aufgebrochen, um weiterhin Geschichten aus seiner Heimat erzählen zu können.