“But You´re Mine” (Licorice Pizza, 2022)

Wenn man Paul Thomas Andersons hochgelobten Film „Magnolia“ aus dem Jahr 1999 sieht, ist man  ganz nahe an Menschen, die samt und sonders gescheitert sind, man sieht rücksichtslosen, erfolgreichen weißen Männern beim Sterben zu, Frauen, die nicht genau hingesehen haben oder nur auf das Geld der Männer aus waren, und erwachsene Kinder, die an diesen Familienverhältnissen zerbrochen sind: Der Sohn ist ein selbstgefälliger, aggressiver und frauenfeindlicher Sex Guru geworden, die Tochter, menschscheu und neurotisch, hat sich vollkommen in der Drogenwelt verloren.

Nun hat Anderson einen Film gedreht, der uns in die siebziger Jahre nach Los Angeles, genauer gesagt, hinunter ins San Fernado Valley führt. Hauptfiguren sind diesmal vom Leben unverbrauchte Jugendliche. Der Coming-of Age-Film zieht alle Register, die man erwartet: Die erste große Liebe eines Fünfzehnjährigen, die nicht so leicht zu erobern ist, weil die Angebetete schon 25 ist und mit dem aufdringlichen, aber selbstbewussten Grünschnabel noch nichts anzufangen weiß. Dieser kann sich jedoch schon geschickt als Kinderstar vermarkten, hat seine eigene PR-Agentur, gründet eine Firma, die Wasserbetten verkauft, eröffnet einen Flipperladen, will Profit machen und einfach hoch hinaus im Leben. Dabei unterstützt ihn die volljährige Alana und lässt sich für allerlei Dienste und Jobs einspannen. Gemeinsam erleben und überleben sie jugendlichen Leichtsinn, tricksen präpotente Käufer aus und lassen sich so einiges an Schabernack und Zerstörung einfallen. Ständig sind sie unterwegs, im Auto oder Lastwagen, so fährt Alana wegen der Ölkrise wagemutig einen Laster rückwärts den Berg hinunter. Auch wird viel gelaufen, immer aufeinander zu und dann wieder voneinander weg, Ideen werden geboren und wieder verworfen, man trinkt Pepsi mit Eis, lacht viel und hört Wohlfühlmusik von Sunny & Cher bis David Bowie. Ein Leben, wie man es sich für Jugendliche in Los Angeles in den Siebzigern vorgestellt hat, aufregend und leicht, ewiger Sonnenschein, alles ist möglich, viel Freiheit und Spaß miteinander. Nur in der Liebe geht es nicht voran, die Annäherung zwischen den beiden will nicht klappen, obwohl sie ständig zusammen sind. Andere Partner werden ausprobiert, die entweder dem Vater von Alana zu wenig jüdisch oder Gary zu jung und unerfahren sind, sodass nichts dabei herausschaut.

Jugend und Unbeschwertheit zeichnen „Licorice Pizza“ aus, man ist jede Minute mittendrin in dieser bunten Pastellwelt. Man erfreut sich an Alana, die lange Haare und Miniröcke trägt, und auch ohne Make-up umwerfend schön ist, und an Gary, der in engen weißen Hosen, Pickeln im Gesicht und ein bisschen zu viel auf den Hüften einfach nur sexy ist.

Diese beiden Figuren tragen den Film und stellen alle anderen in den Schatten: Alana (gespielt von der Indie-Musikerin Alana Haim) und Gary (Cooper Hoffman, er ist der Sohn von Philip Seymour Hoffman). Beide spielen ihre Rolle, die ihre erste ist, so großartig, dass man jede Sekunde gebannt in ihre Gesichter und auf ihre Körper schaut. Man freut sich über jedes Lächeln, das ihnen das Leben und die Liebe schenkt, fiebert mit, wenn sie wieder einmal durch die Straßen laufen, ist gespannt, was sie sich zu sagen haben, ob sie einander endlich berühren, und fühlt das Knistern, das zwischen ihnen herrscht und nach Erfüllung strebt.

Möglicherweise ist es das, was der Film uns sagen will: Wie wenig man in seiner Jugend erkennen kann und wie sehr man im Nebel der Erwartungen anderer herumschwirrt, seien es gesellschaftliche Konventionen, Familie oder Freunde. Der Film bricht Tabus, deckt Verlogenheiten auf und fordert Wahrhaftigkeit ein. Wie schwer dies schon in der Jugend ist, zeigt der Film anhand dieses ungleichen Paares.

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