Mehr als ich manchmal verkraften kann …

Erinnert man sich an die achtziger und frühen neunziger Jahre in der Hauptstadt zurück, ist die Frauenbewegung omnipräsent. Gern und häufig wurden die Frauenbuchhandlung, – demonstrationen und -feste besucht und sogenannte Frauenliteratur in Unmengen verschlungen. Es gab ein starkes Solidaritätsgefühl unter Frauen. Und eine Frau schien der Motor dieses feministischen Aufbruchs in Österreich zu sein: Johanna Dohnal, über die in den Medien, in Stadt und Land im Guten, mehr noch im Bösen gesprochen wurde. Jetzt hat die Regisseurin Sabine Derflinger unter dem Titel „Die Dohnal“ eine Dokumentation über das Leben und Wirken dieser Ausnahmepolitikerin herausgebracht.

Für alle diejenigen, die Johanna Dohnal noch nicht kennen: Sie war eine SPÖ-Politikerin, ab 1979 Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen, ab 1990 erste österreichische Frauenministerin, bevor sie 1995 von Bundeskanzler Franz Vranitzky entlassen wurde, indem sie davon aus der Zeitung erfuhr. Die Dokumentation verfolgt ihren Aufstieg in der Partei von der Bezirksrätin bis ins Ministerium und lässt viele Mitstreiterinnen der damaligen Zeit und junge Feministinnen von heute zu Wort kommen. Es wird gezeigt, gegen welche Widerstände sie ankämpfen musste, aber vor allem welche weitreichende Umgestaltung der österreichischen Gesellschaft durch ihre Politik möglich war. Einige Reformen seien hier genannt:  das gesetzliche Verbot von sexueller Belästigung, das Betretungsverbot bei Gewalt in der Ehe, die Beseitigung der Amtsvormundschaft bei ledigen Mütter, Gleichbehandlungsgetze für den öffentlichen Dienst und die Frauenquote an Universitäten und in Ministerien, die Einführung von Frauenhäusern und Väterkarenz. Ihr Einsatz für Gleichberechtigung und die Verbesserung der Situation der Mädchen und Frauen war unermüdlich und aufreibend. Wir erleben sie im Club 2, in Interviews, aber auch im Gespräch mit Bäuerinnen und Arbeiterinnen. Immer ist sie authentisch, neugierig, schlagfertig und um Aufklärung bemüht. Interessant sind auch die Aussagen aus ihrem familiären Umfeld, ihrer Tochter, Enkelin, Lebensgefährtin, ihrer Mitarbeiterinnen, die uns den Menschen Johanna Dohnal hinter der politischen Bühne näherbringen. Sie lassen uns erfahren, dass der Druck auf sie enorm war, dass jeden Tag Unmengen Post von Rat suchenden Frauen im Ministerium einflatterten, die beantwortet werden mussten und  teilweise auch aus schierer Unmöglichkeit, von ihren Mitarbeiterinnen zum Verschwinden gebracht wurden. Ihre Enkelin beklagt, dass heute niemand mehr den Namen ihrer Großmutter kenne, ihre Lebensgefährtin berichtet von Kotzattacken nach schwierigen Sitzungen und  sie selbst antwortet in einem Interview auf die Frage, ob die „ewige Frauenfrage“  ihr ganzes politisches Leben ausfülle mit: „Mehr als ich manchmal verkraften kann“.

Weil Johanna Dohnal als Politikerin und Privatperson gezeigt wird, scheint es nicht verwunderlich, dass das Interesse an dem Film so groß ist. Und wenn man ein Interview mit einem österreichischen Politiker bzw. einer Politikerin derzeit mitverfolgt, kann man sich nur wundern, was in der Zwischenzeit passiert ist. In den Aussagen von Johanna Dohnal werden drängende gesellschaftspolitische Fragen benannt, wodurch den Angreifern Tür und Tor geöffnet wird. Schon das allein zu erleben, wie ehrlich und verletzbar sie agierte,  tut wohl. Johanna Dohnal war eine „Politikerin mit Haltung und Herz“, mit Ecken und Kanten, stolz und verzweifelt, klug und voll unbändiger Energie, aufgebrochen, dem Patriarchat in Österreich den Garaus zu machen.

Die Dohnal