Das Wahlrecht für Frauen ist in unserer Gesellschaft fest verankert, seit fast 100 Jahren. Niemand stellt es infrage und wenn man sich an die Gesetzeslage für Frauen noch Ende der sechziger Jahre erinnert, scheinen die Diskriminierungen heutzutage haarsträubend.
Dass die Gleichberechtigung in vielen Ländern hart erkämpft wurde und lange gebraucht hat, ist vielen jungen Menschen möglicherweise nicht immer gegenwärtig. Der Film „Die göttliche Ordnung“ von Petra Volpe führt uns in ein Schweizer Gebirgsdorf, in dem Anfang der Siebziger alles noch seine Ordnung hatte und dies auch so bleiben sollte.
Die Frauenbewegung hatte außerhalb der Grenzen der Schweiz schon gewaltige Wellen geschlagen und droht nun auch das Leben der braven Schweizer zu überschwemmen. Der Mut, fürs Frauenwahlrecht öffentlich zu demonstrieren, ist zwar im freien Zürich da, nicht aber im ländlichen Appenzell. Denn die Mächtigen im Dorf, hier verkörpert durch eine Frau, die konservative Sägewerksbesitzerin, haben das Sagen und die einfachen Arbeiter profitieren zu sehr von den geordneten Verhältnissen. Sie bringen das Geld nach Hause, die Frau versorgt, putzt und nimmt alles hin. Aber die wilden sechziger Jahre haben ihre Spuren gezogen, wir erleben die verheiratete Nora, Mutter zweier Söhne, zu Beginn auf langen Fahrradfahrten, ein Kopftuch hält die Haare noch vor der Öffentlichkeit verborgen. Je mehr sie sich aus den dörflichen Normen befreit, umso gewagter wird ihre Frisur und moderner ihr Aussehen. Ihre junge Nichte rebelliert schon offen gegen das System und bricht aus, was sie in eine Korrekturanstalt bringen wird. Auch die zugezogene Italienerin zeigt Selbständigekeit und Durchsetzungskraft. Darüber hinaus gibt es Broschüren und Medien, die über Rechte und Sexualität informieren, aber all dies reicht nicht aus, um den Mut zu haben aufzubegehren. Erst durch massives Unrecht, das die Frauen schmerzvoll erfahren, sind sie in der Lage, zu handeln. Sie organisieren sich, stellen Forderungen: Sie wollen mitbestimmen, arbeiten gehen, ihren Besitz selbst verwalten und bei der Erziehung nicht vom Mann abhängig sein. Exemplarisch werden drei Frauen gezeigt, die sich solidarisieren und durch ihr Vorbild die anderen Frauen des Dorfes mitreißen. Schließlich greifen sie zur stärksten Waffe, die in diesem ungleichen Kampf möglich ist, sie ziehen aus den Familien aus und streiken. Bald kehrt sich die Stimmung der Männer um und sie holen die Frauen gewaltsam aus dem Versammlungshaus zurück. Der Kampf scheint fürs Erste verloren, aber die Frauen haben deutlich gemacht, dass sie es ernst meinen. Als dann der Abstimmungssonntag für das Frauenwahlrecht gekommen ist, stellen sich sich bedrohlich vor dem Wahllokal auf. Die Männer wissen, was ihnen zuhause blüht, sollte das Wahlrecht den Frauen weiterhin versagt bleiben.
Natürlich ist der Film plakativ und bietet alles auf, was im Kampf für die Frauenbefreiung aufgeboten werden kann. Trotzdem gelingt es ihm, die Atmosphäre dieser Zeit sehr gut einzufangen, die Unterdrückung und Einschüchterung, die damals vorherrschten und den enormen Anpassungsdruck, den es innerhalb einer Dorfgemeinschaft gab, ausgehend von den konservativen Institutionen. Wenn man als Einzelne dagegen aufbegehrte, wurde man lächerlich gemacht, beschimpft und mit der ganzen Familie ausgeschlossen. Erst als sich die Frauen zusammentun, ihre Kraft, Sinnlichkeit und Lust zu leben wieder entdecken, kann der göttlichen Ordnung eine Abfuhr erteilt werden.
Der Abspann zeigt die ersten weiblichen Abgeordneten. Selbstbewusst und stolz gehen sie auf ihren Sitz zu, lächelnd, ordnen ihre Akten und beginnen mit der Arbeit. Diese Archivaufnahmen berühren sehr.