Happy End – eine Farce

Filme von Haneke sind nichts für schwache Nerven, das war mir bewusst, als ich in seinen neuesten Film ging. Nicht dass ich mich fürchtete, aber ich erwartete Unangenehmes. Am Ende des Filmes murmelte die alte Frau neben mir: „Ein schöner Film, nicht wahr?“ Schön war er nicht, aber wahr, oder anders ausgedrückt, den Untergang einer bourgeoisen Familie zeigend, die an ihrer eigenen Ignoranz ersticken wird.

Die ersten Minuten gehören ruckeligen Handyaufnahmen in einem Haus. Eine Frau wird bei ihren Vorbereitungen für die Nacht gefilmt, sarkastische Kommentare dokumentieren das Geschehen, die die Beziehung der beiden klären. Die 12-jährige Eve hält Momente des Alltags mit ihrer Mutter fest, um zu dokumentieren, dass sie nicht geliebt wird. Die Mutter stört sich am schlechten Geruch des Hamsters, diesem werden Antidepressiva ins Essen gemischt und er fällt vor der Kamera tot um. Eine Freundin hat gesagt, dass die Mutter nicht zuhöre, also wird auch ihr etwas ins Essen getan, sie fällt ins Koma. Das Mädchen soll nun zum Vater in die Familienvilla nach Calais kommen. In einer langen Kameraeinstellung packt die Jugendliche ihre Sachen, das Kinderzimmer ist sonnendurchflutet, die Balkontür offen, keine Tränen, kein Schmerz ist ihr anzusehen. Ihr Vater ist wieder verheiratet, hat eine sehr junge Frau und es gibt ein Baby, einen Jungen. Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus, ist viel weg und hat zudem eine Geliebte, mit der er auf Facebook sadomasochistische Chats austauscht. Eine Beziehung zu seiner Tochter kann er nicht herstellen. Als er sie eines Tages von der Schule abholt, beginnt sie zu weinen, nervös fährt er weiter, unfähig, mit ihr Kontakt aufzunehmen, um zu erfahren, was los ist. Im luxuriösen Haus lebt noch die Tante (Isabelle Huppert), die mit ihrem Sohn beschäftigt ist, der den Familienbetrieb, eine Baufirma, übernehmen soll. Nach einem Unglück auf der Baustelle will sein Krisenmanagement nicht gelingen und auch die Mutter muss nun einsehen, dass ihr Sohn ein Versager und das schwarze Schaf der Familie ist. Und schließlich gibt es noch den lebensmüden Vater (Jean-Louis Trintignant) in dem schönen Haus und im Nebentrakt, durch eine Glastür und einen bissigen Schäferhund getrennt, ein marokkanisches Haushälterpaar mit Kind.

Eve ist ein Eindringling in der Familie Laurant, die keine Ambitionen zeigt, sich mit ihr oder der Welt um sich herum auseinanderzusetzen. Denn jeder ist zu sehr mit seinem eigenen Glück bzw. Unglück beschäftigt, und wenn Probleme auftauchen, werden sie mit Geld geregelt. Eve hat sich zwar das Aufenthaltsrecht in der Familie durch ihren Vater erworben, aber nur solange, bis die Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wird, was nicht geschehen wird. Sie hat große Angst davor abgeschoben zu werden, sodass sie zu drastischen Maßnahmen greift.

 

Beeindruckend ist, wie es Haneke gelingt, die Folgen von Kälte und Lieblosigkeit innerhalb dieser großbürgerlichen Familie zu zeigen. Die Erwachsenen jagen ihrem kleinen Glück hinterher, können es sich richten. Nicht so die Kinder, die daran zerbrechen und entweder, wie der Sohn ausbrechen und sich selbst zerstören oder wie Eve ihre Aggressionen anderen gegenüber ausleben. Immer dabei ist das Handy, das auf Aufnahme geht, um uns ihr Innerstes zu offenbaren.

Schweiz, 1971

Das Wahlrecht für Frauen ist in unserer Gesellschaft fest verankert, seit fast 100 Jahren. Niemand stellt es infrage und wenn man sich an die Gesetzeslage für Frauen noch Ende der sechziger Jahre erinnert, scheinen die Diskriminierungen heutzutage haarsträubend.

Dass die Gleichberechtigung in vielen Ländern hart erkämpft wurde und lange gebraucht hat, ist vielen jungen Menschen möglicherweise nicht immer gegenwärtig. Der Film „Die göttliche Ordnung“ von Petra Volpe führt uns in ein Schweizer Gebirgsdorf, in dem Anfang der Siebziger alles noch seine Ordnung hatte und dies auch so bleiben sollte.

Die Frauenbewegung hatte außerhalb der Grenzen der Schweiz schon gewaltige Wellen geschlagen und droht nun auch das Leben der braven Schweizer zu überschwemmen. Der Mut, fürs Frauenwahlrecht öffentlich zu demonstrieren, ist zwar im freien Zürich da, nicht aber im ländlichen Appenzell. Denn die Mächtigen im Dorf, hier verkörpert durch eine Frau, die konservative Sägewerksbesitzerin, haben das Sagen und die einfachen Arbeiter profitieren zu sehr von den geordneten Verhältnissen. Sie bringen das Geld nach Hause, die Frau versorgt, putzt und nimmt alles hin. Aber die wilden sechziger Jahre haben ihre Spuren gezogen, wir erleben die verheiratete Nora, Mutter zweier Söhne, zu Beginn auf langen Fahrradfahrten, ein Kopftuch hält die Haare noch vor der Öffentlichkeit verborgen. Je mehr sie sich aus den dörflichen Normen befreit, umso gewagter wird ihre Frisur und moderner ihr Aussehen. Ihre junge Nichte rebelliert schon offen gegen das System und bricht aus, was sie in eine Korrekturanstalt bringen wird. Auch die zugezogene Italienerin zeigt Selbständigekeit und Durchsetzungskraft. Darüber hinaus gibt es Broschüren und Medien, die über Rechte und Sexualität informieren, aber all dies reicht nicht aus, um den Mut zu haben aufzubegehren. Erst durch massives Unrecht, das die Frauen schmerzvoll erfahren, sind sie in der Lage, zu handeln. Sie organisieren sich, stellen Forderungen: Sie wollen mitbestimmen, arbeiten gehen, ihren Besitz selbst verwalten und bei der Erziehung nicht vom Mann abhängig sein. Exemplarisch werden drei Frauen gezeigt, die sich solidarisieren und durch ihr Vorbild die anderen Frauen des Dorfes mitreißen. Schließlich greifen sie zur stärksten Waffe, die in diesem ungleichen Kampf möglich ist, sie ziehen aus den Familien aus und streiken. Bald kehrt sich die Stimmung der Männer um und sie holen die Frauen gewaltsam aus dem Versammlungshaus zurück. Der Kampf scheint fürs Erste verloren, aber die Frauen haben deutlich gemacht, dass sie es ernst meinen. Als dann der Abstimmungssonntag für das Frauenwahlrecht gekommen ist, stellen sich sich bedrohlich vor dem Wahllokal auf. Die Männer wissen, was ihnen zuhause blüht, sollte das Wahlrecht den Frauen weiterhin versagt bleiben.

Natürlich ist der Film plakativ und bietet alles auf, was im Kampf für die Frauenbefreiung aufgeboten werden kann. Trotzdem gelingt es ihm, die Atmosphäre dieser Zeit sehr gut einzufangen, die Unterdrückung und Einschüchterung, die damals vorherrschten und den enormen Anpassungsdruck, den es innerhalb einer Dorfgemeinschaft gab, ausgehend von den konservativen Institutionen. Wenn man als Einzelne dagegen aufbegehrte, wurde man lächerlich gemacht, beschimpft und mit der ganzen Familie ausgeschlossen. Erst als sich die Frauen zusammentun, ihre Kraft, Sinnlichkeit und Lust zu leben wieder entdecken, kann der göttlichen Ordnung eine Abfuhr erteilt werden.

Der Abspann zeigt die ersten weiblichen Abgeordneten. Selbstbewusst und stolz gehen sie auf ihren Sitz zu, lächelnd, ordnen ihre Akten und beginnen mit der Arbeit. Diese Archivaufnahmen berühren sehr.