In letzter Zeit begegnen mir immer mehr Filme, die das Leben von Frauen jenseits der Fünfzig im Blickfeld haben. Das mag mit meinem fortschreitenden Alter zu tun haben oder auch damit, dass diese Heldinnen etwas zu sagen haben. Meist haben sie den Großteils ihres Lebens bereits hinter sich, sind in einem Abschnitt angekommen, in dem sie die verbleibende Zeit dem widmen wollen, was ihnen wirklich wichtig ist. Der Film „Aquarius“ vom brasilianischen Regisseur Kleber Mendonca Filho erzählt davon.
Er ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten wird uns Clara als junge Frau vorgestellt: Mit dröhnendem „Another One Bites the Dust“ fährt sie mit Freunden am nächtlichen Strand entlang, um kurz darauf in das Haus einzukehren, das ihr lebenslanges Heim werden wird. Die Melodie ist angestimmt. Es wird der 70. Geburtstag ihrer schönen Tante Lucia gefeiert, die es als Frau zu einigem Wohlstand und einem angesehenen Beruf gebracht hat. Alle feiern mit, es ist ein ausgelassenes Fest mit Freunden und Nachbarn. Claras Mann klärt uns über den Ursprung ihres schicken Kurzhaarschnittes auf, auch sie ist gerade dem Tod von der Schippe gesprungen.
Drei Jahrzehnte später ist die ehemalige Musikkritikerin (Sonia Braga) alt geworden und allein in dem Haus zurückgeblieben, alle anderen Mieter sind bereits ausgezogen, da an dieser Stelle eine schicke, teure Resistenz errichtet werden soll. Nur Clara wehrt sich gegen den Verkauf ihrer Wohnung und gerät dadurch in eine bedrohliche Situation aus Erpressung und Schikanen. Es scheint, dass sie den Kampf gegen den mächtigen Gegner nur verlieren kann.
Aber sie ist stur und gewieft und setzt sich im dritten Teil des Filmes mit der Unterstützung ihrer Freunde und Familie gegen die Baumafia zur Wehr.
Was zeigt uns dieser Film aus dem fernen Brasilien? In Würde zu altern heißt nicht dem Jugendkult hinterherzulaufen und so zu tun, als ob man noch straffe Zwanzig wäre. Auch wenn die große Liebe (ihr Mann) schon lange tot ist, kann Sexualität auch nach der Operation noch gelebt werden, man muss den jugendlichen Liebhaber nur bezahlen. Die Einsamkeit, in der wir sie immer wieder antreffen, kann ausgehalten werden, weil es zwischendurch Freundinnen, Bekannte und Familie und schöne Erinnerungen an ein erfülltes Leben gibt. Und wenn die Bedrohung zu groß wird, dann kann auch eine Flasche Rotwein und Schallplattenmusik darüber hinwegtrösten. Das ist es, was unsere Heldin braucht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Um es nicht zu vergessen: einer wunderschönen Sonia Braga mit tiefschwarzer Mähne und schwarzem Badeanzug schaut man gerne dabei zu, wie sie sich aus den Fluten des Meeres erhebt und unerschrocken auf uns zugeht.