Get out

Get out erregte in den USA großes Aufsehen. Mit den geringen Produktionskosten von nicht einmal fünf Millionen Dollar brach der Film viele Rekorde an den amerikanischen Kinokassen. Nicht schlecht für den Debütfilm eines Komikers. Der Regisseur Jordan Peele ist bisher nur als Teil von Key&Peele in Insiderkreisen bekannt. Und er hat mit dem Film ein heißes Eisen angepackt: Auch nach acht Jahren Obama scheint der Rassismus unter denen, die stolz bekennen, sie hätten ihm auch gerne eine dritte Amtszeit gewährt, subtil vorhanden: der intellektuellen weißen Oberschicht. Und diese kann einem das Gruseln lehren.

Ein junger Schwarzer (Daniel Kaluuya) wird über das Wochenende in die Familie seiner weißen Freundin (Allison Williams) zum Antrittsbesuch eingeladen. Das Auto der beiden fährt über einsame Landstraßen zu dem prächtigen Anwesen der Eltern. Chris fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, zumal die Fahrt zweimal unterbrochen werden muss. Bei der Ankunft verstören ihn dann zwei schwarze Angestellte, die keinerlei Solidarität mit dem schwarzen Mitbruder zeigen. Die Mutter der Freundin ist Psychotherapeutin, auf Hypnose spezialisiert, der Vater Neurochirurg. Etwas ist sonderbar in der Familie, sodass Chris in der Nacht aufwacht, irritiert durch Haus und Garten wandert, um sich schließlich im Stuhl gegenüber der Hausherrin einzufinden, die ihm auch gleich sein Kindheitstrauma aufbereitet. Im wahrsten Sinn des Wortes verliert er den Boden unter den Füßen und fällt in einen tiefen Abgrund voller Schuld. Am nächsten Morgen wacht er im Bett neben seiner Freundin auf und ist beruhigt, dass alles nur ein schrecklicher Albtraum gewesen ist. Der Bruder von Rose verhält sich auffallend aggressiv, Chris‘ Irritation wächst immer mehr, besonders als Freunde am nächsten Tag zum Familienfest kommen. Er fühlt sich als Fremder in der weißen Gesellschaft, kann sich dieses Gefühl aber nur dadurch erklären, dass er als Schwarzer schon immer Diskriminierungen ausgesetzt war. Und bald stellt sich heraus, dass er damit Recht haben wird und ihm noch viel Schlimmeres bevorsteht. Etwas so Schreckliches, das nicht einmal er vorausahnen konnte.

Die Geschichte ist so gut erzählt, dass auch wir lange glauben, dass seine Wahrnehmungen durch seine Geschichte verzerrt ist: durch die Anfeindungen, die er als Schwarzer in der amerikanischen Gesellschaft täglich erfährt, kombiniert mit den Schuldgefühlen seiner Mutter gegenüber. Er ist Fotograf und versucht mit der Kamera das Geschehen einzufangen. Da die Realität aber nur schöner Schein ist, kann er sie nur intuitiv erfassen. Das Grauen darüber, als er der Wahrheit immer näher rückt, geht auch auf uns über. Der Abgrund menschlichen Tuns übertrifft die schrecklichsten Träume. „Get out“, lautet von nun an die Devise. Und da kann es dann auch ordentlich brutal zugehen …

Die Taschendiebin

Koreanische Filme rücken auch bei uns immer mehr ins Blickfeld, bilden sie doch nicht nur aktuelle Strömungen der dortigen Gesellschaft ab. Seien es nun Blockbuster ab dem Beginn des neuen Jahrtausends, die sich mit dem Verhältnis zu Nordkorea auseinandersetzen, so Park Chan-wooks Grenzssoldatendrama Joint Security Area (2000) oder der Kinohit Snowpiercer (2013) und nun ein Film über Frauenliebe.

Die Taschendiebin, die in Korea mehr als vier Millionen Besucher ins Kino zog, spielt in den dreißiger Jahren, als Japan noch Besatzungsmacht war. Die reiche Erbin Hideko, die ihrem Onkel versprochen ist, soll nach dem Plan einer Ganovenbande mit dem Grafen Fujiwara verheiratet werden, um an ihr Geld zu kommen und sie dann ins Irrenhaus zu stecken. Dieser ist jedoch kein japanischer Adeliger, sondern ein koreanischer Hochstapler. Um den Boden für den Coup vorzubereiten, wird die Taschendiebin Sookee in das Haus der reichen Erbin geschickt. Dort verliebt sie sich in ihre schöne Herrin und beginnt eine Beziehung mit ihr. Das prächtige Anwesen wird jedoch von dem sadistischen Onkel beherrscht, der seine Nichte von klein auf mittels Todesdrohungen und brutalster Gewalt so sehr eingeschüchtert hat, dass sie es nicht mehr wagt, gegen ihn aufzubegehren. Das junge Dienstmädchen sieht das Leid und nimmt sich mit der pragmatischer Entschlossenheit einer Liebenden ihrer an. Zunächst aber weiß sie nicht, dass auch sie nur ein Rädchen in einem ausgeklügelten Plan ist. Langsam offenbart sich dieser, als die Geschichte aus der Perspektive von Hideko erzählt wird. Im dritten Teil findet das Verwirrspiel um Täuschung und Verrat aus der Perspektive des falschen Grafen seine Auflösung.

Die Wirklichkeit ist eine andere, als sie erzählt wird. Der Großteil des Films zeigt ein besetztes Korea, das von männlicher Gewalt und Ausbeutung beherrscht wird. Die Frauen scheinen nur schöne Dienerinnen und Lieferantinnen für deren Machtfantasien zu sein. Opfer und Täterin zugleich: Hideko muss alten Adeligen erotische Literatur vorlesen und für höchste Lustfantasien zur Verfügung stehen. In dieses berechnende Spiel von Macht und Unterdrückung dringt Liebe und Begehren ein. Und so kann es passieren, dass die Fäden des Schicksals in die Hand genommen werden und die beiden Frauen ihr eigenes Netz zu spinnen beginnen. Klug, berechnend und so radikal, dass sie auch vor einem Mord nicht zurückschrecken. Um frei von alten Werten und Traditionen zu werden, braucht es ein Intrigenspiel höchster Qualität.

Der Film beeindruckt durch wunderschöne Bilder aus einer vergangenen Welt. Schon lange wurde die Schönheit von Frauen nicht so sinnlich eingefangen und zelebriert. Die lesbischen Liebesszenen entstammen aber einem männlichen Blick, bei dem man sich als Frau im Kino nicht wohl in seiner Haut fühlt.

„Die Taschendiebin“ ist ein Film über eine grausame Zeit, die die Liebe zweier Frauen überwinden kann. Dem Film fehlt es jedoch an Glaubwürdigkeit, weil er zu schön und zu bemüht geraten ist. Dann doch besser noch einmal Joint Security Area sehen. Dieser Film geht dann wirklich unter die Haut.