Moonlight

Ich gestehe: Ich kann mir nicht erklären, warum Moonlight so viele Lorbeeren geerntet hat. Kann der Grund darin liegen, dass ein schmächtiger, gemobbter Junge aus einem Armenviertel in Miami zum gut aussehenden, muskelbepackten jungen Mann heranwächst? Dass dieser dem einzigen Mann, der ihn je berührt hat, über viele Jahre hinweg treu bleibt? Dass es um Homosexualität und Sinnlichkeit geht statt um Chauvinismus und Gewalt? Dass er allen, die ihn je verraten und verprügelt haben, verzeihen, sie sogar weiterhin lieben wird? Eine Lichtgestalt für das schwarze Amerika im Jahre 2017?

Nur so kann ich mir erklären, warum es kaum kritische Stimmen zum Film gibt und er den Oscar für den besten Film des Jahres gewonnen hat.

Kindheit und Jugend von Chiron, genannt Little, sind triste und gewalttätig. Er wächst in einem Armenviertel auf, seine Mutter, eine drogenabhängige Prostituierte, hat wenig Zeit und Verständnis für den introvertierten Jungen. In der Schule wird er gemobbt und dann von eine Meute durch die Gegend gejagt. Juan, der Dealer seiner Mutter, nimmt sich seiner an und bietet ihm in schweren Tagen etwas Sicherheit und Aufmerksamkeit. Nicht zu verwundern, dass er dieser Vaterfigur einmal nacheifern wird. Nachdem er die Schule abgebrochen, im Gefängnis war, sich Muskel antrainiert hat, wird er sich in einer fremden Stadt im selben Milieu wiederfinden. Aber auch dort für sich bleiben, ein Außenseiter, der nicht schlafen kann, bis er eines Nachts einen Anruf von seinem einzigen Liebhaber aus Jugendtagen erhält und sich auf den Weg macht.

In bunten, satten Farben wird ein Amerika der Schwarzen in den Siebzigern gezeigt, in der es wenig Gutes und Nährendes gab. Gewalt und Drogen sind allgegenwärtig, sie zerstören die Schwächsten, die Frauen und Kinder. Auch den kleine Chiron, der augenscheinlich nicht in diese männlich-narzisstische Welt passt und seine alleinerziehende Mutter. Beide können den täglichen Demütigungen nur dadurch entkommen kann, dass sie wegrennen und sich gefühllos machen. Und als der Junge sich selbst dann Black nennt, wird er wieder genau dieses Männlichkeitsideal verkörpern, das von einem Mann dort erwartet wird: bullig, cool, angsteinflößend und auf die schiefe Bahn geraten.

Natürlich kann man diese Geschichte nachvollziehen, sie ist auch heute noch allgegenwärtig und von den Medien in unsere Gehirne eingebrannt. Aber müssen diese Bilder von damals auch heute noch immer und immer wieder gezeigt werden und dann auch noch den höchsten Filmpreis des Jahres einheimsen?

Wie schön bunt wäre es, wenn uns einmal Filme aus Amerika erreichten, in denen triste Kindheitsverhältnisse aus schwarzen Armenvierteln verändert und ganz andere Männer gezeigt werden würden? Dann könnte man erleichtert im Kino aufatmen und mit Old Obama ausrufen: Change.We can believe in.

Certain Women


Was erreicht uns heute aus Amerika, das nicht aus Hollywood oder Washington kommt? Ein Film von Kelly Reichardt, der Einblicke in das unspektakuläre Leben von vier Frauen in einer amerikanischen Kleinstadt gewährt. Anhand von kurzen Episoden erahnen wir, welche Sehnsüchte und Wünsche diese Frauen jenseits des Ozeans haben.

Da ist die Anwältin Laura (Laura Dern), die einen hartnäckigen Klienten hat, der mit ihrer Hilfe zu seinem Recht kommen will. Er verfolgt sie überallhin, will sich nicht damit abfinden, dass sein Fall abgeschlossen ist. Nichts ist zu merken von den schicken und cleveren Anwältinnen aus US-Serien. Keine spitzfindige Gerichtsszene kann mehr stattfinden, da sich der Klient immer mehr in einen Rachefeldzug verstrickt. Was für Laura zu tun bleibt, sind Briefeschreiben und zwei Essenstüten, die sie immer wieder umgruppiert, um den richtigen Abstand zu finden.

Oder die verheiratete Gina (Michelle Williams), deren Mann eine heimliche Affaire mit der Anwältin hat. Wir begegnen ihr beim Joggen entlang eines Flusses, wo sie heimlich eine Zigarette raucht. Dann kehrt sie in das Zelt zurück, in dem ihr Mann und ihre pubertierende Tochter schon auf sie warten. Man bricht auf, sie, die Kleinste und Zierlichste, schleppt die schwerste Kiste. Der Vater befiehlt der Tochter nett zur Mutter zu sein. „Why?“, fragt diese zurück. Auf dem Weg nach Hause halten sie bei Albert, vor dessen Haus Sandsteine gelagert sind. Laura möchte diese unbedingt für den Bau ihres Wochenendhäuschen verwenden. Sie führt die Verhandlungen und wie sie ihren Mann dabei anschaut, lässt uns wissen, was auf sie zukommen wird.

Und schließlich gibt es noch die Tierpflegerin Jamie (Lily Gladstone), die auf einer einsamen Ranch Pferde versorgt. Sie gerät eines Abends zufällig in eine Vorlesung über Schulrecht und verliebt sich Hals über Kopf in die Vortragende Beth (Kristen Stewart).

Dies sind unaufgeregte Geschichten über Frauen, die mit Alltagsproblemen zu kämpfen haben: Anerkennung ihrer beruflichen Kompetenz (Laura), Einsamkeit (Gina), Liebessehnsucht (Jamie) und Ängste über eine ungewisse Zukunft (Beth). Der Film zeigt ihre Bemühungen um ein Leben, das von Nähe und Sinn erfüllt ist. Es scheint, dass in den kalten Wintern von Montana der Weg dorthin nur auf dem Rücken eines Pferdes möglich ist.