Alles was kommt

Die französische Regisseurin Mia Hansen-Høve bekam für den Film bei der Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie. Die Jury irrte nicht. Denn die 35-Jährige drehte einen Film, der durch eine subtile Weise wie kaum ein anderer Film den Blick auf das Leben einer alternden Frau wirft.

Die Philosophieprofessorin Nathalie Chazeneux (Isabelle Huppert) wird nach 25-jähriger Ehe von ihrem Mann, ebenfalls Philosoph, wegen einer Jüngeren verlassen. Die etwas zu brav geratenen Kinder gehen bereits ihre eigenen Wege, der Mann zieht zur Geliebten und sie bleibt in der Pariser Wohnung ratlos zurück. Ihre exzentrische Mutter, ehemaliges Mannequin, traktiert sie mit Anrufen und fordert ständige Präsenz ein. Sie wird von der Tochter kurzerhand in ein teures Altersheim gesteckt, in dem sie kurz darauf stirbt. Ihren Kater Pandora muss die Tochter übernehmen, die Katzen hasst. Der Verlag, der ihr Schulbuch verlegt, kündigt ihr und ihr Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka) zieht in die Berge. Alles, worauf sie ihr Leben gebaut hat, liegt in Trümmern, alle Sicherheiten des bürgerlichen Lebens von einem Tag auf den anderen verschwunden.

Was muss kommen, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

Eine neue Liebe? Eine neue Berufung? Vielleicht ihr Mann, der reumütig zurückkehrt und sie doch miteinander alt werden? Was bleibt im Leben, wenn die kalte Realität nackt vor einem liegt? Und man nicht mehr zwanzig ist?

Die Karten könnten neu gemischt werden, Türen aufgehen, eine neue Liebe, vielleicht sogar ein Jüngerer eintreten, aber dies passiere – wie die Heldin ihrem Lieblingsschüler erklärt – nur in Filmen.

Was also tun?

Sie funktioniert, denkt nach und ist von nun an immer in Bewegung: Sie fährt in das geliebte Ferienhaus in die Bretagne, um es für immer zu verlassen, als sie erkennt, dass sie nicht die Dritte im Bunde sein kann. Sie reist mit dem Zug in die Landkommune ihres Ex-Schülers, um das alte Steinhaus zu verlassen, als sie erkennt, dass die Zeit der Anarchie und des Ausstiegs für immer vorbei ist.

Wir begleiten sie. Sehen eine noch immer schöne, sehr zierliche Frau mit großen Händen, die sich zweckmäßig kleidet. Beobachten sie im Kino, wo sie von einem jüngeren Mann bedrängt wird, den sie angewidert zurückweist. Sehen sie auf einsamen Spaziergängen, bewundern sie beim Philosophieren in der Klasse. Und bekommen langsam eine Ahnung, wohin die Reise gehen könnte.

Nichts von den oben genannten Möglichkeiten wird am Ende eintreten. In der Schlussszene, beim Weihnachtsessen mit den Kindern, als die Kamera die Wohnung verlässt, nur noch Stimmen zu hören sind, wissen wir, dass sie ankommen wird.

Das Großartige an diesem Film ist, dass die tiefe Krise unserer Heldin von Isabelle Huppert mit jeder Faser ihres Körpers mitgeteilt wird. Sie beobachtet genau, zieht Schlüsse, handelt und entdeckt dadurch eine nie gekannte Freiheit. Und das macht Mut aufs Leben.

 

Sterben

Karl Ove Knausgård

Karl Ove Knausgård

„Sterben“ ist der erste Teil von Knausgards Autobiographie. Sie handelt von seiner Kindheit und Jugend, einer Zeit, in der sein Vater im Mittelpunkt steht. Der zweite Teil ist dem Tod seines Vaters gewidmet, vor allem den Aufräumarbeiten im Haus, in dem er gestorben ist.
Es beginnt idyllisch: Der Vater ist Lehrer an einer Gesamtschule, die Mutter lange Zeit zu Hause, bis sie eines Tages zum Studieren weggeht. Da ist Ove bereits in der Pubertät, sein Bruder schon längst ausgezogen und er und sein Vater haben sich nicht mehr viel zu sagen. Jeder lebt sein Leben. Ove geht zur Schule, trainiert viel Fußball, hat seine ersten Alkoholerfahrungen, verliebt sich. Sein Vater ist nicht besonders freundlich und aufmerksam, meist abwesend. Ove mag ihn eigentlich nicht mehr, er fühlt sich ihm fremd. Beide wollen nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Hin und wieder trifft man sich der Höflichkeit halber. Dann trennt sich die Mutter, der Vater zieht weg, heiratet wieder, wird wieder Vater und verfällt immer mehr dem Alkohol. Karl Ove schämt sich für ihn, hasst ihn immer mehr, man trifft sich zwar hin und wieder zum Essen, das letzte Mal eineinhalb Jahre vor seinem Tod. Als dem Sohn der Anruf erreicht, dass sein Vater gestorben ist, macht er sich mit seinem Bruder auf den Weg, um das Begräbnis vorzubereiten. Sie kehren in das Haus der Großmutter zurück, der Vater hatte in den letzten Jahren mit seiner Mutter hier gelebt und das Haus völlig verschmutzt. Seine beiden Söhne sind erschüttert und beginnen, es von oben bis unten zu reinigen. Je mehr sie den Dreck beseitigen, desto größer wird der Schmerz und die Trauer des Sohnes. Ihm wird bewusst, wie sehr er seinen Vater vermisst. In einer der letzten Begegnungen fragt ihn der Vater, woran er arbeite: „An einem Roman“, erwidert der Sohn. Darauf der Vater „Es freut mich, dass es bei dir so gut läuft, Karl Ove“. Diesem wird klar, wie sehr er sich nach diesen Worten gesehnt hatte. Jetzt kann er Frieden schließen.

Christine and the Queens: Tilted

Wer kennt sie nicht die Schmerzen, wenn man verlassen wird und gescheitert ist. Man kann monatelang ins Bett liegen und verzweifeln, trinken und kotzen, bis zum Umfallen arbeiten oder auch nach London gehen und sich dort neu erfinden. Das tat die Musikerin Héloȉse Lettissier 2010, als sie in Paris privat und beruflich völlig daniederlag. Nachdem sie in einem Sohoer Nachtclub von der Ausstrahlung und Fürsorge dreier Drag Queens aufgepäppelt worden ist, nennt sie ihre Bühnenpersönlichkeit von nun an „Christine and the Queens“: „Christine as a stage character is just a way for me to be more daring, to be more out of the box, to be stronger and to use everything that could weigh me down like a fuel, like an energy”, bekennt sie in einem Interview und erobert seither die Musikwelt.

Sie wird als neuer Stern am französischen Pop-Himmel gefeiert, auch Madonna zählt zu ihren Fans. In ihrer Musik vermischt sich Pop mit Electro, Chanson und Rhythm und Blues. „Ich wollte einen Sound schaffen, der keine eindeutige Identität hat und offen für verschiedenene Musikrichtungen ist“.
Ihre starke Bühnenpräsensenz verdankt sie nicht nur ihrer einschmeichelnden Stimme, sondern auch ihrem Schauspielstudium und ihrer langjährigen Ausbildung als Tänzerin. Michel Jackson und Pina Bausch gelten als ihre Vorbilder.
Im ersten Lied („iT“) des vielgerühmten Albums „Saint Claude“ (2014) singt sie „Cause I´ve got i t/ I´m the man now“ und trägt von nun an stets Anzug und flache Schuhe auf der Bühne.
“Tilted“ ist nach Times einer der besten Songs des Jahres 2015, mit dem sie dazu auffordert, all die Gefühle, die schwach und unsicher machen, als Energie zu nutzen. Dazu tanzt sie Bewegungen, die fröhlich, ausgelassen, ganz eins mit der Musik sind. Auch wenn man niedergeschlagen und unsicher ist, kann man sich vom leichten Rhythmus der Musik bewegen lassen und wieder auf seine Beine kommen.
„I`m doing my face with the magic marker / I`m in my right place, don`t be a downer.“ Man kann sich auch schon mögen als der, der man ist und vielleicht einmal sein wird, dies ist ihre befreiende Botschaft an alle Perfektionist(inn)en unter uns.
Sieht man ihrer Bewunderin Madonna auf der Bühne zu, Christine war ihr Gast bei der letzten Welttournee, erkennt man, wie peinlich diese im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Gegenwart sieht anders aus: sie gehört Christine and the Queens.